Da hatte also all das Dümpeln in seinem Kahn, all das Scheistern nichts

geholfen! Junge, Junge, Junge, was für ein Zustand! Er wollte und wollte

sich aber vor dem äußersten Feuerschiff, vor der richtigen See, nicht

geben!

Als sie daran vorbeigeschäumt waren, konnte Klaus Mewes seinen Jungen

mit einem Male nicht mehr sehen und dachte schon, er wäre über Bord

gefallen, aber da nahm Kap Horn das Ruder und wies nach dem Boot. Der

Seefischer ging nach vorn -- da lag Störtebeker im Boot zusammengekrümmt

unter den Duchten und erbrach heftig. Hein Mück steckte einen Grientje

auf und wollte etwas sagen, aber Klaus Mewes sah ihn an, daß er ihn

schnell wieder sacken ließ. Seinen Jungen ließ er gewähren --

schließlich, als das Spucken nachließ, legte er ihm die Hand auf die

Schulter. Der Junge fuhr zusammen und sah auf -- kreidebleich im

Gesicht! -- Dann lächelte er unter Tränen und sagte: »Nu lach mi man fix

wat ut, Vadder, wat ik seekrank bün!« Urch -- da ging es wieder los:

Klaus Mewes, Dollbaum, Luken und der neugierig herbeigekommene Seemann

bekamen etwas ab. Da lachte Klaus Mewes doch und Kap Horn lachte am

Ruder und sagte, das wäre gerade so wie bei einem Albatros, der auf Deck

sei, und Hein Mück lachte, weil sie ihn die ersten Reisen auch

ausgelacht hatten. Störtebeker lachte auch mit, wenn auch verzerrten

Gesichts, dann aber mußte er sich geben. »Gliek ist all rut,« tröstete

er, »denn wardt beter!« Aber das stimmte nicht, denn es wurde immer

ärger, je leerer der Magen wurde, zuletzt spuckte er die Galle aus und

lag dann regungslos auf der Ducht.

»Bang bün ik ober ne, Vadder,« sagte er matt, »bloß seekrank!«

»Schall ik di wedder an Land setten?«

Störtebeker schüttelte den Kopf. Auch unter Deck wollte er nicht, denn

er sagte, es ginge bald vorüber. Da deckte sein Vater ihn mit einem

alten Segel zu und ließ ihn im Boot liegen, weil die Seeluft besser war

als die Luft in der Koje.

Als Klaus Mewes wieder am Ruder stand, dachte er an seine erste Reise

und an seine Seekrankheit: er war auch nicht frei geblieben. Noch jetzt

wurde er etwas seekrank, wenn er nach dem winterlichen Aufliegen wieder

nach See kam -- wie viele alte Fahrensleute.

Der Wind krempte nach Westen um und nahm an Stärke zu. Es wurde stur.

Einzelne Ewer und Kutter fischten noch mit einem Reff im Segel, die

meisten aber hatten das Kurren aufgegeben und trieben. Die See hatte

Mützen aufgesetzt. Klaus Mewes, der seine alte Stelle zwischen Norderney

und Juist suchte, gab das Klabatzen und Kreuzen auf, weil er die Segel

nicht zerreißen wollte. Er hielt auf Helgoland zu, dessen Feuer hell im

Norden blinkte.

Bidewind! Der Ewer schoß und kletterte, stampfte und rollte, während die

düstere Nacht hereinbrach. Viele Segel und Lichter waren bei ihnen und

der dunkle Felsen stieg immer höher aus der See.

Als sie um Mitternacht zwischen dem kleinen Land und dem großen Land, d.

h. zwischen der Düne und Helgoland zu Anker gingen, war der Wind

nordwestlich gelaufen und zum Sturm angewachsen, so daß sie froh sein

konnten, eine Reede zu haben. Sie setzten noch das zweite Anker aus,

dann nahm Klaus Mewes den kleinen Seekranken auf den Arm und trug ihn

nach unten -- und weil er nichts essen wollte, packte er ihn gleich in

die Koje.

Hein Mück wagte, nochmals zu lachen; dafür bekam er eine nasse Hansch in

den Nacken. »Wi sünd ok mol seekrank worden,« sagte Klaus Mewes, »dorüm

kann he doch en fixen Fischermann warrn! Lot em man tofreeden.«

Die ganze Nacht aber riß der Ewer gewaltig an seinen Ketten und klüste

wie nichts Gutes hinter Helgoland.

* * * * *

In der Morgendämmerung legte der Wind sich etwas, aber die Luft sah noch

nicht nach Aufklaren aus. Draußen stand eine hohe See, so daß an Fischen

nicht zu denken war. Sie blieben deshalb noch liegen.

Als Störtebeker aufwachte und aus der Koje lugte, war die ganze

Besatzung schon auf den Beinen: Hein Mück saß auf der Treppe und schälte

Kartoffeln, Kap Horn war mit Segelhansch und Nadel bei dem Toppsegel auf

der Diele zugange, dem er einen Flicken aufsetzte, Klaus Mewes knüttete

an einem Kurrensteert. Auf dem aufgeklappten Tisch stand noch der

Morgenkaffee.

»Vadder, neem sünd wi?«

»Wi liggt achter Hilchland, Störtebeker; dat weiht so dull, dat wi ne

fischen könnt.«

»To Anker, Vadder?«

»Jo, Störtebeker!«

Der Junge dachte einen Augenblick nach, warum ihm der Kopf mit einem Mal

so sauste und warum die ganze Kajüte sich um ihn drehte: da fiel ihm

seine Seekrankheit ein und er legte sich rasch wieder hin, damit sie

nicht wiederkommen sollte.

»Blief man giern liggen,« sagte sein Vater mit verstelltem Ernst,

während er geruhig knüttete, »wenn dat noher stiller is, sett ik di an

Land, denn fohrst du mitten Damper no Hus, hürst? Up See is dat doch nix

för di, wenn du so licht seekrank warrst bi slecht Wedder. Eten magst du

ok nix, dat kann jo ne god gohn.«

Dann ging er an Deck, um nach dem Wetter zu sehen, und sagte zu Seemann,

der ihm nachgelaufen war und auch die Nase in den Wind steckte: »Nu weut

wi mol sehn, wat de Mederzin ne hilpen deit!« Als er die Reihe der

Fahrzeuge überblickt hatte, die um ihn lag, und mit Jannis Six

gesprochen hatte, der am dichtesten bei ihm ankerte, ging er wieder

unter Deck, nahm Scheger und Nadel auf und knüttete weiter, als wenn

nichts geschehen wäre. Und es war doch etwas geschehen, das ihm das

Seefahrerherz mit Stolz und Freude erfüllte.

Denn siehe -- Klaus Störtebeker war aufgestanden und hatte sich

angezogen. Noch mehr: er saß am Tisch und trank schwarzen Kaffee aus der

Muck. Noch mehr: er aß Schwarzbrot dazu, obgleich ihm schon zuwider war,

es nur zu riechen. Noch mehr: er versuchte zu lachen; und wenn es noch

nicht gleich gelang, so war sein Wille doch nicht daran schuld. Tapfer

aß und trank er, obgleich der Fußboden und die Kojen wieder zu kreisen

und zu tanzen begannen.

»Smeckt all wedder, Störtebeker?« fragte Klaus Mewes nach einer Weile.

»Dat mütt, Vadder! Ik bün nu mit de Seekrankheit dör!«

»Dat segg man nich to hart,« rief der Knecht von der Diele.

»Doch, Kap Horn, schallst sehn: ik warr ne mihr seekrank! Un no Hus will

ik ne, Vadder: ik will bi di blieben un mit fischen!«

»Non!« sagte sein Vater, »denn ist god!« Und erging sich mit ihm an

Deck, damit der Junge in der frischen Seeluft ganz genese, denn die

Teer- und Segelgerüche der Kajüte waren nicht gut für seinen Zustand.

Er wies ihm Helgoland und die Düne, das Unterland und das Oberland, die

große Treppe, den Leuchtturm und die Kirche, die großen rotgrauen

Felsen, die starken Boote der Helgoländer und das Haus des Gouverneurs,

auf dem die rote englische Flagge wehte. Störtebeker vergaß seines

Leidens und behielt das Gegessene bei sich. Er tat schon wieder

Schiffsarbeit mit, wenn er sich auch noch matt fühlte: sein Vater ließ

ihn pumpen und das Boot schruppen, damit er immer in Fahrt blieb und

sich nicht wieder hinlegte, denn nun mußte die Seekrankheit endgültig

verjagt werden.

Mittags ging Störtebeker mit zu Tisch und aß tapfer, wenn auch nicht so

viel als sonst. Seine Backen hatten schon einige Farbe zurückbekommen

und seine Augen glänzten schon wieder. Der Kummer war vergessen.

Klaus Mewes warf den Kahn über Bord und sagte, er wolle an Land: wer

mitginge? Störtebeker war dabei. Hein Mück, der auch mit sollte, lehnte

ab: er wollte ein bißchen voraus schlafen.

»Up Hilchland ist fein, Hein Mück.«

»Scheun ist bloß in Finkwarder up Musik,« sagte Hein Mück aber und zog

die Stiefel aus, um einen Stremel zu verträumen. Kap Horn, der gern

mitgegangen wäre, mußte zur Sicherung des Fahrzeuges zurückbleiben.

Der kleine grüne Kahn wurde bannig hin- und hergeworfen, denn es stand

noch eine ziemliche See, wenn auch der Wind nachgelassen hatte und

raumer gelaufen war, aber Klaus Mewes wriggte zu geschickt, als daß sie

Wasser über bekamen. Störtebeker guckte die Wogenköpfe scharf an, aber

er fürchtete sich nicht und ließ auch die Seekrankheit nicht an sich

heran.

An der Brücke banden sie den Kahn zwischen den Helgoländer Booten fest

und betraten den englischen Boden. Mit dem Unterland waren sie bald

schier. Klaus Mewes sprach eine Weile mit Kai Rickmers, den er kannte,

und der Schiffer klopfte dem Jungen die Schultern und sagte etwas, was

Störtebeker aber nicht verstand, weshalb er meinte, es wäre Englisch.

Dann stiegen sie die 188 Stufen zum Oberland hinauf und blickten auf die

kleinen, kleinen Ewer und Kutter.

»U, wat is uns Eber lütj! As mien lütj Schipp bi Hus!« rief Störtebeker.

Er bekam den Mönch zu sehen, den gewaltigen, frei im Wasser stehenden

Felsen mit dem grünen Hut, und das Sathorn. Und blickte staunend in die

schroffe Tiefe, in der das seifige Seewasser gedämpft rauschte. Dann

schlugen sie den Mittelweg ein, den die Badegäste die Kartoffelallee

getauft haben, und blickten von der Nordklippe des Eilandes weit und

breit über die graue, hohe See, die beiden Finkenwärder. Im Westen stand

ein Dreimaster mit weißen Segeln auf der Kimmung, unter ihnen aber

brandete die See in dumpfem Grollen.

Am Leuchtturm, dem schlafenden Riesen, vorbei gingen sie nach den

Vogelfelsen, auf denen die dummen Lummen, die schwarzweißen isländischen

Gesellen, in großen Scharen saßen. Andre flogen hin und her und

krächzten.

Auf dem Unterland kehrten sie bei Hai Deepen ein und Klaus Mewes schrieb

einige Zeilen an Gesa. Dann schieden sie von dem englischen Heligoland

und wriggten nach dem Ewer zurück. Als Störtebeker bei der Pfanne über

die Ausfahrt berichtete, fragte Hein Mück plötzlich nachdenklich: »Worüm

hürt Hilchland egentlich den Ingelschmann to?« »Worum?« lachte Kap Horn.

»Worum heurt em Malta un Hongkong un Cypern un Gibraltar un Kapstadt un

Jamaika? He hett tolangt, de olle ehrliche Jan Bull, as anner Lüd bleud

weurn.«

Klaus Mewes studierte das Wetterglas und ging nochmal mit dem Heben zu

Rate, dann aber rief er munter: »Seilen!« und warf seine Kurre mit einem

großen Schwung in die Netzkoje auf der Diele: die Fischerei trat wieder

in ihr Recht und alle stürzten an Deck.

Sie brachten das Fahrzeug unter Segel, hievten den Anker und kreuzten

aus dem Helgoländer Loch. Draußen kamen sie in leege Wall und trafen

eine so hohe See und so frischen Wind an, daß sie reffen mußten, aber

weil er einmal unterwegs war, ließ Klaus Mewes sich nicht aufhalten und

dachte nicht an Umkehren. Er hatte schon anderes erlebt, als diesen

südwestlichen Kurs nach Norderney hinunter, und hielt wohlgemut an

seinem Ruder aus.

Störtebeker stand bei ihm und hielt sich an der Rudertalje fest, wenn

der Ewer überholte. Er kämpfte wieder mit bösem Unwohlsein, aber zum

Brechen kam er nicht mehr, und weil sein Vater ihn ermunterte und sagte,

nun sei er darüber hinweg, so glaubte er es und bemeisterte die

Übelkeit. Nachts übernahm der Knecht die Wache und Störtebeker ging mit

seinem Vater zu Koje, hocherfreut, daß er nicht mehr seekrank geworden

war. Auch Klaus Mewes war recht vergnügt darüber und lobte ihn.

Gegen Morgen mußten alle an Deck, denn sie waren auf der alten Stelle

angelangt, wie Klaus Mewes durch Peilen und Loten festgestellt hatte.

Dwars von Juist klüsten sie und der Wind war wieder etwas schwächer

geworden. Sie machten das Reff aus den Segeln heraus und setzten die

Kurre aus, nachdem sie den Ewer in den Wind gebracht hatten. Kurrbaum

und Kugeln, Teufelsklauen und Sprenken wurden zurecht gemacht, dann

ließen sie das Schleppnetz, das ganze schwere Geschirr, zu Wasser,

mitten hinein in Störtebekers Gold, in den roten Feuerweg, den die eben

aus der See gestiegene Sonne auf dem Wasser gemacht hatte. Störtebeker

war mit Leib und Seele dabei, er rief und fragte, als müsse er alle

Fischerei in der ersten halben Stunde lernen, stolperte über die

Kurrleine, daß er beinahe über Bord gekommen wäre, trat Seemann auf den

Schwanz, daß er klagend schrie, und steckte sich überall dazwischen.

Als die harte Arbeit getan war, die gerade durch die ganze Kraft dreier

Männer bewältigt werden konnte, bekam Hein Mück die Wache. Schiffer und

Knecht gingen in die Puk.

Der Ewer zog mit seiner Kurre seitwärts davon, wie ein Roß mit dem

Pflug, und segelte langsam dem grauen Streifen entgegen, der im Süden

aus der See guckte. Die dicke Kurrleine zitterte im Wasser, als wolle

sie jeden Augenblick brechen. Störtebeker sah eine Zeitlang über Bord

und machte sich Gedanken darüber: als Hein Mück, der Wachmann, aber

anfing, sich über ihn lustig zu machen, ging er seinem Vater nach und

verschlief die beiden Kurrstunden in dessen Armen.

»Intehn! Intehn!« Der Ruf, der Tote auferwecken und Kranke zum Aufstehen

bringen kann, scholl in die Scheinkappe hinein, die Hein Mück geöffnet

hatte. Da konnten sie aus dem Bett finden; Junge, Junge! Eins, zwei,

drei standen sie an Deck und hievten im Angesichte der Norderneyer Dünen

die Kurre ein, nachdem sie das Ruder lose gegeben und die Fock fallen

gelassen hatten.

Was für eine harte Arbeit, dies mühselige, langsame Aufhieven des

Netzes! »Hiev, hiev!« Wie oft mußte Klaus Mewes ermuntern, wie mußte er

sich beim Abstoppen abreißen! Allen dreien lief der Schweiß von der

Stirn, aber sie gaben nicht nach, bis der Kurrbaum an den Wanten saß.

Dann beugten sie sich über Bord und zogen die Kurre mit den Händen über

die Reling.

Seemann bellte die Möwen an, die schreiend um den Ewer flogen und sich

zu Hunderten angesammelt hatten, lauter aber als Hund und Möwen war

Störtebeker, der bald hier stand und bald dort und immerfort zeigte und

rief: »U, wat en Fisch! Kiek dor: een Schull! Dor noch een! Dor all

wedder een! Dor een Tasch, dor een Ruch, dor een Gnurrhohn, dor een --

den kinnk ne! Junge, Junge, watten Fisch!«

Er sollte sich aber noch mehr wundern, denn jetzt erschien der Steert,

der Beutel des Netzes, an der Oberfläche. Der war so groß und schwer,

daß sie ihn nicht über den Setzbord heben konnten. Sie mußten ihn

deshalb in die Talje nehmen.

Da hing er über dem Deck, der wirre, lebendige Klumpen von Fischen und

anderm Seegetier, und leckte wie ein Sieb. Der Schiffer machte das

Steerttau los und sprang beiseite: die Kurre öffnete sich und

quuks-quaks stürzten die Fische schlagend und spaddelnd auf Deck.

Da kreischten die hungrigen Möwen noch lauter: Störtebeker aber kam

gänzlich aus der Tüte. Mann o Mann, Junge, Junge, watten barg Fisch! Das

war doch noch etwas anders, als wenn er Stichlinge fischte oder als wenn

die Lütjfischer am Fall mit den Garnen zogen! Da klapperten und

spaddelten die Schollen und Scharben, da sprangen die Rochen, da

schnappten die roten Petermännchen nach Wasser, da knurrten die

Knurrhähne, zwischen ihnen kroch ein Hummer, da lagen Seemäuse und

Seesterne, Seeäpfel, Muscheln und Tang, ein alter Seestiefel, ein

zerbrochener Topf und ein großer Stein.

Die Luken wurden abgedeckt und die Schollen in den Bünn geworfen, nach

der Größe gesondert, und gezählt. Der Streek hatte gelohnt, denn sie

kamen auf 8 Stiege großer und 12 Stiege kleiner Schollen. Störtebeker

mußte den Hummer in eine Kiepe setzen und sie in den Bünn hängen, die

Taschen packte Hein Mück, dem nach altem Brauch das Taschengeld gehörte,

in einen Hummerkasten. Knurrhähne und Rochen wurden für die Pfanne

bestimmt, denn weil die Eiskisten noch leer waren, konnten sie nicht

frisch erhalten werden. Die Scharben wurden zugemacht und in Salzlake

gelegt, dann schaufelten sie den Rest des Fanges schnell über Bord und

setzten die Kurre wieder aus. Die Fock rillte in die Höhe, der Ewer fiel

ab und nahm seeseitigen Kurs.

Die Möwen verließen das gastliche Schiff. Spurlos, wie sie erschienen

waren, verschwanden sie wieder, um andre fallende Focksegel aufzusuchen.

Der erste Streek war getan.

* * * * *

Diesmal blieb Störtebeker an Deck, denn sein Vater stand am Ruder. Sie

taten kurze, zweistündige Striche in der Schollenzeit, damit die Fische,

die lebendig an den Markt gebracht werden mußten, in der Kurre nicht zu

sehr litten. Kap Horn und Hein Mück gingen in voller Kleidung zu Koje

und schliefen, denn wie ein ehernes Gesetz hatte nun die Fischerei

Gewalt über die Fischer: das Tag- und Nacht-Kurren ließ sich nur dann

durchführen, wenn die Freiwache verschlafen wurde. Bei gutem Wetter

wurde ununterbrochen gefischt: Ruhe gab es erst, wenn der Bünn voll war

oder wenn die Stille oder der Sturm dazwischen kam.

Wie der Fischermann inmitten der vielen Fische doch kein Stückchen

wegwirft, wie er auch die letzte Gräte absaugt, so läßt er keinen Streek

aus und fischt tags und nachts, Sonntags und Alltags.

Was für ein Leben! Störtebekers Backen glühten, seine blauen Augen

leuchteten wie die Elbe an Sonnentagen: sie fischten ja, sie fischten

ja! »Junge, Vadder, dat is wat, dat mokt Spoß!« versicherte er immer

wieder und sprach die ganzen zwei Segelstunden von nichts anderm als von

dem Streek. Die Seekrankheit war vergessen: er holte sich ein dickes

Stück Schwarzbrots aus dem Schapp und aß es, er trank Kaffee dazu und

war guter Dinge. In der Weite kurrten mehrere Finkenwärder, aber dicht

bei ihnen segelte niemand: sie hatten das Feld allein.

Wie im Fluge verging die Zeit.

»Is so wiet,« sagte Klaus Mewes, »nu rop jüm man!«

Freudig sprang Störtebeker über die Luken, schob die halbgeöffnete Kapp

zurück, kletterte die Treppe hinab und gröhlte, so laut er konnte: »Kap

Horn un Hein, upstohn! Weut intehn! To, gau! Vadder hett dat seggt!«

»Jo,« brummte Hein Mück, dem ein schöner Traum von seiner Gesine durch

die Latten gegangen war, und grabbelte nach seinen Stiefeln, Kap Horn

aber schwang sich auf die Bank und schalt: »Wat is dat egentlich forn

Snack von wegen opstohn, Klaus Störtebeker? Du meenst woll, du büst hier

bin Buern, wat? Weest du nich, dat an Bord allens _utsungen_ warrn mutt?

Paß mol op: so heet dat:

»Reis ut, Quarteer, is mien Verlangen,

reis ut, Quarteer, in Gottes Nom!

De een von jo sallt Ror verfangen,

reis ut, Quarteer, de Wacht is don,

acht Glosen sünd slon!

Reis ut, Quarteer, in Gottes Nom!«

»Junge, dat is jo en ganzen Gesang,« rief Störtebeker, »den kannk ne

beholen!« Dann aber rüttelte er Hein, der auf der Bank wieder

eingedusselt war: »Schall ik irst mitten Pütz Woter kommen? Hebb ik di

ne seggt, du schullst upstohn?«

»Du kriegst gliek een annen Blackputt, wat van hier no Amsterdam

flügst,« drohte der Junge mürrisch und erhob sich.

Störtebeker ging nicht vom Fleck, bis sie fertig waren. Als sie alle

drei an Deck kamen, hatte sein Vater den Ewer schon in den Wind schießen

lassen, die Fock war schon gefallen und die Möwen flogen schon wieder

über den Masten.

Sie legten die Leine um die Winsch und hievten. Es ging noch schwerer

als vorher, daß Störtebeker rief, da säßen gewiß hundert Stiege Schollen

drin. Ihr Seefischer, die Ihr ihn auslachtet: erwehrtet Ihr Euch der

Gedanken an große Fänge, an reiche Schätze, wenn Ihr die Kurre einzogt?

Wenns auch vorher nur Tang und Schlick und Steine gewesen waren, was Ihr

zutage gehoben hattet: kam nicht bei jedem Streek die Hoffnung wieder,

daß es auch einmal etwas andres sein könne? Der Bauer, der Gerste gesät

hat, weiß, daß er nichts andres ernten kann, aber der Fischer, der nicht

sät (Sehet die Fischer an: sie säen nicht und ernten doch, hatte Pastor

Evers gepredigt), für den ein andrer die Saat bestellt, der immer

unbekannte, geheimnisvolle Äcker und Felder berakt: was kann der alles

ernten? Störtebekers Gold liegt immer noch auf dem Grunde der See: ein

Fischer wird es einmal finden, heißt es. Diese Hoffnung auf Großes,

Unsichtbares, die sich bei jedem Streek erneut, ist es, die auch dem

armseligsten Fischerewer vor allen andern Schiffen etwas vorausgibt: und

sie ist es, die Fischer werben wird, so lange die See nicht zugeschüttet

ist.

Klaus Mewes mußte Hein Mück und seinem Jungen das Abstoppen für eine

Weile überlassen, denn ohne seine Bärenkraft ließ die Winsch sich

diesmal nicht drehen. Endlich konnte der Kurrbaum festgemacht werden.

Diesmal riß Störtebeker schon kräftig mit an der Kurre, denn er wußte

jetzt, worauf es ankam, und kümmerte sich wenig darum, daß er naß wurde.

Sogar Seemann half: er biß sich an den Maschen fest und zerrte unter

großem Geknurr.

Als das Steerttau losgeknotet war, donnerte ein schwerer Stein auf das

Deck, daß der Ewer erdröhnte. Das war der vermeintliche reiche Segen!

Zum Glück waren aber auch noch Schollen in der Kurre. Sie wanderten in

den Bünn. Der große Felsen blieb einstweilen an Deck liegen: Klaus Mewes

wollte ihn hier nicht über Bord werfen, sondern gedachte ihn an einer

Stelle sacken zu lassen, wo nicht gefischt wurde, wo er also keinen

Fischern mehr beschwerlich und keinen Kurren mehr gefährlich werden

konnte. Störtebeker schruppte ihn ab und setzte sich darauf, als die

Sonne ihn abgetrocknet hatte.

Kap Horn übernahm die nächste Wache. Störtebeker, der noch nicht wieder

schlafen konnte, blieb bei ihm und half ihm beim Zusammenbinden und

Aufhängen der Scharben, die der Wind nun trocknen mußte. Der alte

Janmaat freute sich, daß der Junge so viel von ihm hielt, und erzählte

ihm Geschichten von der großen Fahrt, die noch all seine Gedanken

füllte, wie der Wind die Segel, und die er nicht vergessen konnte,

Geschichten von Albatrossen und Eisbergen, von Schiffbrüchen und

Piraten, von Schinesen und Negern, von Haifischen und schneebedeckten

Bergen, von dem Fliegenden Holländer, von der Linie und dem Sargassomeer

bei Westindien, in dem kein Schiff von der Stelle kommen konnte. Auch

die berühmte Aalgeschichte von Hans Fink erzählte er ihm. Die war so:

als Hans auf großen Schiffen fuhr, bekam seine Bark einst zwischen

Kapstadt und Singapur ein Leck in den Boden. Sie wollten es dichten und

konnten es nicht, denn das Wasser sprudelte immer stärker. Da riefen sie

Hans Fink, den Zimmermann, daß er es dicht mache. Als Hans aber

angelaufen kam und gerade anfangen wollte, zu arbeiten -- in die Hände

hatte er schon dreimal gespuckt! --, wat meent ji woll: mit einem Mal

taucht ein großer, dicker, fetter Aal vom Grunde der See auf, steckt den

Kopf durch das Loch und bleibt darin sitzen. Hans Fink holt geruhig sein

Knief aus der Tasche, das mit der knöchernen Schale, das er noch heute

hat, schneidet dem Aal Kopf und Schwanz ab und läßt sich vom Smutje

Hamburger Aalsuppe davon kochen. Und das Schiff ist dicht und macht

nicht einen Tropfen Wasser mehr, daß sie glücklich in Singapur ankommen,

bloß, weil Hans Fink so schlau gewesen war.

Gotts den Dünner -- was für eine Geschichte. »Minsch, wat kannt angohn,«

rief Störtebeker verdutzt, »wo grot is dat Leck denn wesen?« »Och so as

mien Arm dick is!« »Son dicke Ool gifft ober ne!« Kap Horn ließ sich

aber nicht aus dem Kurs bringen: es wäre eben ein Seeaal gewesen! »Veel

Pund schull de woll wogen hebben?« »Dor mutt ik um legen, Störtebeker:

Hans Fink meent ober, he kunn em op foftein Pund taxiern!« Der Junge

konnte auch jetzt noch nicht über den sonderbaren Fall hinwegkommen und

trieb den Knecht zuletzt in die Enge mit der Frage: »Jä, nu segg mi ober

mol: wat hett he denn den Stiert afsneen kregen? De seet doch

butenburds?« Da saß Kap Horn mit seinem Aal fest und wand sich selbst

wie ein Aal, er suchte beim Kompaß und bei den Segeln Rat, ohne ihn zu

finden: zuletzt aber rettete er sich durch einen Hasenseitensprung,

indem er tiefsinnig erklärte: »Dor heff ik Hans noch nich no frogt! Wenn

ik em annen Diek drop, will ik ober noch mol mit em öber den Krom

snacken.«

Noch viel mehr Geschichten brachte er zu Markt, während sie stetig

fischten; von Jan Wurts kleinem Haus, das so klein war, daß viele

darüber fielen und viele es für einen Maulwurfshügel ansahen. Einmal

erlebte Jan Wurt eine dreitägige Sonnenfinsternis, weil Hannis Loop, der

beim Lohen war, sein Großsegel aus Versehen darüber gebreitet hatte. Ein

andermal steckte der große Karsten Külper es im Vorbeigehen in die

Jackentasche und als er nachher bei Madam auf Musik war, zog er es

heraus und stellte es auf den Tisch zwischen die Groggläser und

Bierseidel mit den Worten: »Kiekt, Junggäst, wat ik annen Feekstreek

funnen hebb!« Seine Macker, die Seefischer, aber lasen das Schild an der

Tür

Jan Wurt,

Elbfischer.

Seefahrt ist not! · 第 10 / 19 段