»Non, denn ist god, he kriegt jo mol wedder recht,« sagte Gesa, in deren

Herzen die Bitterkeit wieder aufstieg, »denn nimm em hin! Goht hin un

verdrinkt alltohopen!« Die Tränen kamen ihr. »Ochott, wat ist en

Hartleed mit mi arme Froo! Klaus Mees, Klaus Mees, du weest ne, wat du

deist, un dinkst noch mol an mi. Uns Herr Kristus is bloß eenmol för di

storben: ik starf jede Nacht üm di! Un nu wullt du mi ok noch den Jungen

nehmen!«

Klaus Mewes aber ging es wie dem wallensteinischen Kürassier: wo sie die

Not nur sah und die Plag, schien ihm des Lebens heller Tag. Unbeirrt

ging er in der Küche auf und ab, als die Leute wieder an Bord waren und

Störtebeker schon schlief. Er begriff es nicht, daß sie immer wieder

nicht mit konnte, daß sie immer wieder umkehrte auf dem Wege zur Sonne.

Er dachte an seinen Großvater, der geblieben war, an seinen Vater, der

verschollen war, als er vierzehn Jahre alt war, an seine Stürme und

Unwetter -- und fand sein Leben doch groß und stark und schön, daß er

sich kein andres wünschte und auch seinem Jungen kein andres verschaffen

wollte: Klaus Mewes war ein Fischername, und die ihn trugen, sollten

immerdar Fischer bleiben.

»Gesa?«

»Wat schall ik noch?«

Sie war müde, körperlich und seelisch.

»Wat kummst du merden inne Nacht mit son Gedanken vertüch?

Seefischerfroo dött ne bang wesen, dat weest du doch?«

»Bün ik en Seefischerfroo, Klaus Mees?«

Sie schüttelte trübe den Kopf, als wenn sie hinzusetzen wolle: ich bin

keine und werde niemals eine werden!

»Noch ne, Gesa, ober du warrst noch een! Weest wat, Diern? Goh mit an

Burd! Man to! Denn sünd wi uppen Dutt un brukt ne uppenanner to teuben!

Man to, büst jo so jung un so stark! Goh mit! Schallst mol sehn, wo mooi

dat up See is!«

Er faßte sie bei den Händen an, aber sie wich seinen Blicken aus und

schüttkopfte. »Ik kannt ne, Klaus, gläuf mi dat! Mi groot all vör de

Ilw, wat schull dat irst up See warrn? Ik bleef vör Angst dot!«

In dieser Nacht hatte Klaus Mewes zwischen seiner Frau und seinem Kinde

zu wählen, und er wählte den Jungen.

* * * * *

Bei ihm, dem sturen Fischer, gab es keinen langen Streek an Land: wenn

er Proviant eingenommen hatte, lag er nicht lange am Neß, sondern ging

mit der ersten Tide seewärts, um möglichst schnell wieder in die

Fischerei zu kommen. So begann er auch diesmal sofort mit der

Ausrüstung, als er mit seinem Ewer von Altona gekommen war. Kap Horn,

der Janmaat, war es zufrieden, daß sie schon abends fuhren, obgleich er

dann eine Hochzeit versäumte, bei der er auf der Harmonika spielen

sollte. Er war aber kein Passatmatrose, der nur bei gutem Wetter etwas

taugte, sondern er stand jederzeit seinen Strengen. Und Störtebeker? Das

zu sagen, erübrigt sich: ihm dauerte dieser eine Tag schon zu lang und

er hätte am liebsten gesehen, wenn sie schon mittags den Anker

aufgehievt hätten, denn je länger es dauerte, desto eher konnte noch

etwas dazwischen kommen und er womöglich noch wieder abgemustert werden.

Nur einem paßte der Kram nicht, dem guten Hein Mück, der auf einen

Sonntag gehofft hatte. Ihn verlangte nach der Musik, denn er hatte

^plenty money^ in der Tasche und wollte den Bauernknechten mal

preußische Taler unter die Nase halten, wollte mal eine Runde für

allemann ausgeben, wollte mal mit den Mädchen linksum tanzen und sie in

der Nacht nach Hause bringen, die erdbeerseuten Deerns, und nun wurde

wieder nichts daraus. Er mochte es Klaus Mewes nur nicht antun, der

einen so treuen und fixen Jungen nicht wieder bekäme: sonst hätte er

sich mit Trommeln und Pfeifen aufgesagt, jawoll, Klaus Mewes!

Gesa war ruhiger geworden: sie konnte den beiden lachenden Klaus Mewes

auf die Dauer doch nicht grollen, wenn sich ihr Herz auch zusammenzog

und sie mit Grauen an die einsame Zeit dachte, die vor ihr lag. Auch

wollte sie vor ihrem sonnensicheren Mann nicht mehr klein und verzagt

stehen. So half sie eifrig bei der Ausrüstung des Fahrzeuges und suchte

die Sachen für den Jungen her, wobei sie sogar wieder zu ihrer

angeborenen Heiterkeit kam.

Was packte sie nicht alles ein, was machte sie nicht alles zurecht, was

suchte sie nicht alles her! Es war, wie Klaus scherzend sagte: als wenn

Störtebeker auf Lebenszeit nach Amerika auswandern oder als wenn er eine

Nordpolexpedition mitmachen wolle. Strümpfe und Socken, wollene Jacken,

Rümpfe und Buscherumpen, Halstücher, Handschuhe und Taschentücher,

Mützen und Hüte, Unterhosen und Pulswärmer: ganze Beutel voll standen

auf der Diele in der Reihe, rein gefährlich anzusehen! Gesa ging dabei

nach dem Grundsatz der Fischerfrauen, der da hieß: Upt Woter ist jümmer

kold -- und kehrte alle Schiebladen um. Seife und Kamm, Heftpflaster und

Hamburger Tropfen, Scharpie und Verbandsleinen, alles gehörte dazu.

Klaus Mewes überholte unterdessen die Räucherkammer und musterte einen

Schinken, eine Seite Specks und eine erkleckliche Anzahl von Mettwürsten

an, indem er sie von der Leine schnitt.

Störtebeker barg das Hütfaß und stellte die Bungen auf den Schauerboden,

die er den Bauernknechten wieder weggeholt hatte. Dann schleppte er den

Kaninchenkoben auf den Deich, denn er wollte sein Viehwerk mit an Bord

haben, auch seine Krähe, aber da kam Kap Horn und redete es ihm aus: sie

hätten für die Munkis kein Futter und Kluß könne sich ja doch nicht mit

Seemann vertragen. Störtebeker sah es ein und kantete den Stall wieder

über die Wurt, er konnte sich aber nicht enthalten, vorwurfsvoll zu

sagen: »Du hest mi ober sülben seggt, wat ji up grote Scheep Swien un

Kninken an Burd hatt hebbt.« »Jo, op grote Scheep,« sagte Kap Horn, »das

is ok wat anners!«

»So? Fischereber is ok en grot Schipp,« rief Störtebeker patzig.

Nach Mittag mußte er mit Hein den Deich entlang, mit der Karre, und Brot

und Mehl holen, Pflaumen und Erbsen, Graupen und Bohnen, Zucker und

Kaffee. Er hatte seine Siebenmeilenstiefel an und konnte nur langsam

vorwärts kommen, dennoch erregte er Aufsehen genug am Deich und wurde

von allen Seiten gefragt, ob er nun mit an Bord komme. Und wenn er

bejaht hatte, dann sagten sie, er solle bloß nicht seekrank werden,

solle kein Heimweh kriegen und solle aufpassen, daß er nicht über Bord

falle. War er aber vorbei, so hieß es bei den Alten: »Sien Vadder is

verrückt: wat schall dat Gör all up See?«

Der Krämer, ein Schelm, schenkte ihm einen langen Bindfaden. »Wat schall

dat denn?« fragte Störtebeker verwundert. »Och, nehm man mit! Is god för

de Fohrt!« »Neem to?« »Kumm, dat segg ik di int Uhr,« raunte der Krämer

und flüsterte: »Dor bindst du di de Been mit to, Störtebeker: du deist

de Büx jo doch vull, wenn ji up See sünd.«

Da warf der Junge den Bindfaden auf die Toonbank und sagte, ihm könne

sowas nicht passieren.

Sie wurden bis Hochwasser doch noch nicht ganz fertig und verschoben die

Abfahrt deshalb auf den andern Tag. Störtebeker mißtraute der Sache, er

fürchtete, daß sein Vater ihm auskneifen wolle, und horchte in der Nacht

alle Augenblicke, ob sich in der Schlafkammer auch etwas rege. Als er

schließlich die Augen nicht mehr offen halten konnte, zog er leise

seines Vaters Strümpfe vom Stuhl und steckte sie bei sich unter die

Decke mit dem Gedanken: Nu will ikt woll hürn, wenn du upsteihst!

Der andre Morgen verging rasch. Störtebeker fuhr ununterbrochen zwischen

Bollwerk und Ewer hin und her und brachte alle Beutel und Packen, alle

Brote und Würste, alle Kruken mit Weißsauer und Schwarzsauer sicher an

Bord. Es war zu verwundern, daß er sich nicht in Brand lief.

Als der Flutstrom nachließ, war es soweit, daß sie an Bord mußten. Der

Abschied nahte. Gesa mußte ihrem Jungen die Hand geben: sie tat es

scheinbar ruhig! Er sprang vor Freude, daß es nun wirklich und

dreihaftig losgehen sollte, und versprach alles, was sie von ihm

verlangte: sich nicht zu erkälten, nicht seekrank zu werden, nicht zu

weinen, nicht über Bord zu fallen, nicht in die Wanten zu klettern, sich

nicht von den Fischen beißen zu lassen und gesund zu bleiben. Er hätte

in diesem Augenblick noch viel mehr versprochen, dann aber drängte er

zur Abfahrt, stiefelte den Deich hinunter und rief seinen Vater, der in

der Stube lachenden Mundes Adjüst sagte und seine schöne Frau küßte, bis

sie sich ihm verwirrt entzog.

Der Kahn mußte mit, Störtebeker sagte, sonst gingen die Jungens ihm

damit durch die Binsen, und Klaus Mewes war es zufrieden, denn der

leichte Kahn war eher vom Deck zu werfen als das schwere Boot und mochte

ihnen in den Häfen ganz gut zu paß kommen.

Adjüst! Adjüst! Adjüst!

Sie winkten und stießen vom Bollwerk ab. Seemann stand auf der Ducht und

bellte nach Gesa hinüber, die auf dem Deich stand, als wenn auch er

Adjüst sagen wolle.

Der Ewer entfaltete seine Segel, wie ein Schmetterling seine Flügel, der

Anker wurde aufgehievt, wobei Kap Horn nach Matrosenbrauch sang, dann

schwoite das Fahrzeug herum, die Lappen fielen voll, -- langsam zog es

davon und segelte in einem großen Gange westwärts. Gesa winkte nochmal,

Klaus Mewes und Störtebeker winkten vom Ruder, Seemann bellte. Da holte

Kap Horn schnell seine Harmonika, die geliebte, aus der Koje und

spielte: Auf, Matrosen, die Anker gelichtet ... Hell klang es nach dem

Deich hinüber, aber Gesa stimmte es doch so wehmütig, daß sie, die sich

bisher tapfer gehalten hatte, ins Haus gehen und weinen mußte.

So trat Störtebeker seine Seefahrt an, mit seinem Vater am Ruder und bei

Sonnenschein auf dem Wasser, unter dem Harmonikaspiel von Kap Horn und

dem Gebell von Seemann.

Fahr wohl, Störtebeker!

Zehnter Stremel.

Nun wölbt euch, große, braune Segel, nun knarrt, ihr Gaffeln, schlagt,

ihr Schoten, tanz, Flögel! Du Wind mußt wehen, du Sonne mußt lachen, du

Wasser mußt blinken, auf daß die _Freude_ in Klaus Störtebekers Herz

komme und er die Fahrt lieb gewinne, auf daß er ein Fahrensmann werde!

Daß er sich dem Kampf mit der See zuschwöre, wie der Knabe Hannibal dem

Kampf mit Rom, daß er auch dann zur See gehe, wenn sein Vater etwa

vorzeitig bleiben sollte und seine Mutter einen Landmann aus ihm zu

machen gedächte!

Denn ^navigare necesse est^ -- Seefahrt ist not, und bitter not ist es,

daß das Lachen von Klaus Mewes nicht von der See gehe!

* * * * *

Sie hatten Nordwestwind und mußten kreuzen. Hinter dem Schweinesand,

dwars von Wittenbergen, füllten sie das Wasserfaß mit frischem

Elbwasser, wobei Störtebeker fleißig half, denn er konnte auch schon

eine Pütze tragen. Bisher hatten sie nur die drei großen Segel stehen

gehabt, nun setzten sie noch den großen Klüver, das Toppsegel und den

Nackenhut auf, um bessere Fahrt zu machen. Dann nahmen sie das Boot aus

dem Wasser und setzten es auf die Luken unter den Giekbaum. Auch

Störtebekers Kahn wurde aufgehievt: der bekam seinen Platz unter den

Luken an Backbord. Hein Mück verstaute den Proviant in die verschiedenen

Schappen. Es gab Enden aufzuschießen, sie hatten zu pumpen, das Deck zu

schruppen und zu dweilen.

Schließlich aber war alles getan bis auf die Fahrt, bis auf das Segeln,

bis auf das Kreuzen. Kap Horn legte sich zu Koje, weil er die Nachtwache

bekommen sollte. Da stand denn Klaus Mewes am Ruder und Hein Mück hockte

vorn auf Deck, putzte den Kessel und die Gabeln und Messer und bediente

die Fock, wenn der Ewer über Stag ging. Störtebeker saß auf den Luken.

Seemann hatte den struppigen Kopf auf seinen Schoß gelegt und schlief.

Er guckte nach dem Großsegel hinauf, das ihm so hoch, so hoch vorkam,

daß er sich immer wieder wundern mußte. »Dat reckt bit inne Wulken,

Vadder,« sagte er, »uns Karkturn is nix dorgegen.«

»Ree,« rief sein Vater, wenn sie die Grenze des Fahrwassers erreicht

hatten, und warf das Ruder hinum, daß der Ewer gewaltig aufluvte und in

den Wind schoß. Dann sprang Hein Mück auf und hielt die heftig

schlagende, rein wild werdende Fock luvwärts fest, Klaus Mewes aber

drängte den Besansgiekbaum kräftig nach Lee. Das Großsegel schüttelte

sich wie unwillig und haute erregt mit den Schotenblöcken, daß das Deck

erzitterte, dann aber war der Ewer herum, die Segel fielen von der

andern Seite voll und der neue Streek begann. »Gohn!« scholl es über

Deck, Hein Mück löste das Tau und gab dem Block einen Fußtritt, daß die

Fock nach Lee schlug, wo sie wieder festgebunden wurde.

So ging es die ganze Tide.

Hinter und vor ihnen waren viele Finkenwärder und Blankeneser unter

Segeln, aber der Laertes, der gut kreuzte, blieb doch vorn und ließ sich

nicht überholen. So kreuzten sie gegen den allmählich stärker werdenden

Nordwest und Klaus Mewes wies seinem Jungen die Schiffe und Baken, die

Tonnen und Feuertürme, die Deiche und Kirchtürme, er erklärte ihm

Flaggen und Segel, er zeigte ihm wieder die Windmühlen des Alten Landes,

die Berghäuser von Blankenese (»dat de dor ne dolpurzelt!« sagte der

Junge, als er sie in der Nähe sah), den Hahnöfersand mit den

Krähennestern, den Lühdeich mit den vielen Kirschbäumen, die roten

Dächer von Wedel, das Schulauer Feuerschiff, das Wrack beim Hungrigen

Wolf, von dem nur noch die Masten und ein Stück vom Steven aus dem

Wasser guckten, Juels mit der weißen Bake, Brunshausen mit einem

löschenden Neuyorker Dampfer und die Türme von Stade.

Störtebeker nahm alles auf und fragte nach allem, aber das Beste war ihm

doch der große Ewer in seiner Fahrt. Wie er dahinsauste, wie er in die

Seen schoß und wie dabei das Toppsegel unbeweglich in den Wolken stand,

darüber mußte er sich immer wieder wundern. Auch seinen Vater sah er

mitunter von der Seite an: obgleich der noch lachte und sprach, schien

es ihm doch ein andres Lachen und Sprechen zu sein, als am Deich und in

der Dönß. Und die Augen sahen auch ganz anders aus.

Finkenwärder war aus Sicht gekommen und scheinbar auch schon aus dem

Sinn, denn als Hein Mück einmal spöttisch fragte: »Hest ok all Heimweh?«

da guckte Störtebeker ihn verwundert an, als wenn er ihn gar nicht

verstanden hätte. Auch als sein Vater einmal meinte: »Muchst ok all

wedder no Hus hin, no Mudder?« -- da schüttelte er nur den Kopf wie im

Traum und blickte nach den Segeln hinauf.

»Jä, ans müßt seggen, denn geeft wi di an en Jill af, denn büst morgen

wedder annen Diek!« setzte Klaus Mewes lauernd hinzu. Da fragte der

Junge nach dem Feuerturm im Süden, um damit anzudeuten, daß er von

solchem Schnack nichts wissen wollte.

Bis vor den Pagensand kamen sie mit dem Ebbstrom: dort aber wogte und

schäumte ihnen die Flut unwiderstehlich entgegen und zwang sie, zu Anker

zu gehen. Das war in der Dämmerung. Sie ließen die Segel fallen,

steckten das Staglicht an und aßen Abendbrot in der Kajüte. Als sie

nachher noch mal überguckten, Störtebeker und sein Vater, sahen sie, daß

sich viele Ewer zu ihnen gesellt hatten: eine Schar von ebberwartenden

Fahrzeugen lag bei ihnen hinter den niedrigen Büschen des ungedeichten

Eilandes und die Lichter liefen auf dem Wasser spielend durcheinander.

Der Heben war von übereinandergetürmten Wolken umlagert wie von Alpen

und der kalte Nachtwind strich tauend um die Wanten.

Dann kletterten die beiden Mewes in eine Koje und ließen sich von den

gluckenden und klopfenden Seen solange etwas erzählen, bis sie es nicht

mehr hören konnten.

»Büst ok all bang, Störtebeker?« fragte Klaus Mewes, schon halb im

Traum, aber der Junge antwortete nicht mehr: er schlief schon.

Bald wachte nur noch die niedrig geschrobene Lampe in der Kajüte.

* * * * *

Mitternacht war vorüber, als der Wecker surrend ablief. Da rief Klaus

Mewes: »Seilen!« und schwang sich aus der Koje, um die Seestiefel

anzuziehen. Knecht und Junge entstiegen den seitlichen Kojen und suchten

mit kleinen Augen nach ihren Sachen. Störtebeker sollte liegen bleiben

wie Seemann, der sich auf der Bank nur umgedreht hatte, aber er stand

doch mit auf und half beim Anstecken der Seitenlaternen, er zog die Fock

mit auf und drückte beim Hieven des Draggens mit auf die Spaken, denn es

war kalt und ihn fror wie einen Schneiderlehrling. Das Großsegel stieg

auf, die Besan folgte, dann der große Klüver. Auch auf den andern

Fahrzeugen regte es sich, überall erglommen die bunten Lichter, erscholl

der Lärm der Winschen; das Rufen der Fahrensleute wehte mit dem Winde

herüber, die Gaffeln knarrten und die Schoten hauten.

Der Wind war südlich gelaufen, sodaß sie dalsegeln konnten, schier

dolseilen, und nicht mehr zu kreuzen brauchten. Die Segel fielen voll

und der Ewer, ein großer, schwarzer Walfisch in der Nacht, schwamm nach

dem Fahrwasser zurück.

Kap Horn ging ans Ruder und übernahm die Wache. Er hatte sich ein dickes

wollenes Tuch um den Hals gebunden und sah aus, als wenn er es im Halse

hätte. Störtebeker guckte eine Zeitlang auf den hellbeleuchteten Kompaß

und fragte, ob er auch in der Nacht richtig hielte, er ermahnte den

alten Knecht, keine Haverei zu machen, und ging mit seinem Vater wieder

zu Koje. Er zog aber die Decke bis an die Nase und schmiegte sich dicht

an ihn, denn er zitterte vor Kälte.

Als er am andern Morgen mit seiner Kaffeemuck und seinem Knöbel

Roggenbrot aus der Kapp kam, um seinen Vater auszuschelten, daß er

aufgestanden war, ohne ihn zu rufen, und um zu sehen, wie weit sie schon

gekommen wären: da schäumte der Ewer mächtig durch bewegtes graugrünes,

schmutziges Wasser und lief, was er konnte. »Vadder, neem sünd wi all?«

»To Freeborg, Störtebeker,« rief Klaus Mewes und wies ihm den Turm von

Freiburg an der Elbe.

»Neem is de See denn?«

»Dor achter! Wi kommt dor vundog noch hin! Sultwoter hebbt wi all fot!«

»Ne, dat gläuf ik ne,« rief Störtebeker, aber Hein Mück sprang wie ein

Luchs auf, schalt ihn einen Dummbart, schlug eine Pütze voll Wasser auf

und hieß ihn kosten. Störtebeker steckte den Finger hinein: das Wasser

war wirklich salzig und bitter. Er schmeckte noch einmal, aber der

Geschmack änderte sich nicht. Wie das angehen könne, rief er

kopfschüttelnd aus, das könne er nicht begreifen! Daß Fische darin leben

könnten, wollte ihm noch weniger in den Kopf. Nun wurde die Fahrt noch

geheimnisvoller für ihn.

Der Wind wurde nach und nach so stark, daß Klüver und Toppsegel

weggenommen werden mußten. Der Ewer lag sehr schief, die Segel standen

bukt voll Wind und die groben Seen spritzten schon einmal über Deck,

wenn der Ewer tauchte. Am Heben standen »Ziegenhaare«, zerzauste

Wolkenbüschel, die auf stürmische Witterung deuteten.

Solche Fahrt war Klür für den Ewer und erst recht für Klaus Mewes, der

vergnügt steuerte und sang! Ein Vers aus der Dänenzeit war es, den er

beim Wickel hatte, vererbt vom Großvater her:

»Kridderwidderwitt, den dänschen Keunig,

kridderwidderwitt, den deen ik ne!

Den sien Lohn is mi to wenig,

Pillkantüffeln mag ik ne!«

Störtebeker, der das Lied kannte, stimmte mit ein und versang die

Bangigkeit, die ihn ankommen wollte. Sein Vater war ja bei ihm: was

sollte ihm da die See tun können?

Scheelenkuhlen und die Bösch passierten sie gegen Mittag schon, so rasch

zog der Laertes davon. Bei Brunsbüttel füllte Hein Mück das Essen aus

und übernahm das Ruder, während die andern sich die Klütjen und Plummen

schmecken ließen. Als sie wieder an Deck kamen, waren sie soweit, daß

Klaus Mewes seinem Jungen die See zeigen konnte, denn im Norden trat das

Ufer zurück, dort blinkte die See, die See, nach der er sich am Deich

gesehnt hatte, der kleine Störtebeker, als wenn sein Leben damit

vermacht wäre.

Nun stand er bei seinem Vater hinter dem Kompaß und sagte: ja, er könne

sie sehen, aber weiter sagte er nichts, denn eigentlich war es eine

große Enttäuschung für ihn, dies erste Schauen; er hatte auf der Zunge,

zu sagen: »Dat is ok jo wieder nix as Woter!« -- aber er verbiß es, denn

er dachte: Erst ganz hin sein!

»Vadder, neem fischt wi nu?«

»Och, mien Jung, dat is noch wiet weg! Ganz buten, kannst nu noch gorne

sehn!«

Das war Störtebeker recht, denn es mußte auch noch anders kommen, wenn

es mehr sein sollte als die Elbe.

Es gab noch die Schanze zu sehen mit den schwarzen Kanonenschlünden, die

die Elbe bewachten, das Ostefeuerschiff, das an seinen Ketten riß, die

Türme von Altenbruch; dann kam Cuxhaven in Sicht, der dicke Leuchtturm,

die Kugelbake. Da sah Störtebeker zum ersten Mal ein großes Schiff, eine

Bark, unter Rahsegeln. Sein Vater wies ihm den alten und den neuen

Hafen, die großen Seeschlepper, die mächtigen Anker, die am Deich

standen, das Schloß Ritzebüttel, das klug und geborgen aus den Bäumen

guckte, er zeigte ihm einen Seehund, der hinter dem Ewer auftauchte, und

drei Masten, die im Norden kahl und verlassen aus der See guckten.

Störtebeker wurde doch stiller, als er das Land kleiner und die See

größer werden sah, als er wahrnahm, daß der Ewer ungestümer auf und ab

tauchte und sich schräger als vorher warf, aber er hielt tapfer aus und

ließ sich nichts merken.

Es gab kein Halten mehr für den großen Ewer: mit dem flagigen, starken

Südwestwind in den Segeln brauste er mächtig einher und schnitt eine

breite, schaumige Furche wie ein rechter Pflüger. Noch trug er die Segel

ohne Reffe, aber die Luft schmierte zu, dunkle Wolken beschatteten die

See und auf den Watten räucherte die Brandung. Mit breiten, langen

Kämmen kam die Flut ihnen entgegen, aber diesmal wurde der Ewer Baas

über sie, denn er hatte Wind, und ließ sich von ihr nicht mehr

aufhalten. Sie segelten an der Kugelbake vorbei, der großen Frau der

Elbmündung, die immerfort nach ihrem Mann sucht, der doch längst

geblieben ist, -- und nahmen den Kurs nach dem vierten Feuerschiff, N.

z. W.

Bald verlangte den Südwest nach Südwestern; er brachte Regen und jagte

die Seefischer ins Ölzeug. Auch Störtebeker mußte hinein. Als sein Vater

ihm den Rock zuknöpfte, sah er ihn forschend an und bemerkte, daß das

Gesicht schon etwas blasser geworden war: er tat aber, als hätte er

nichts bemerkt. Dem Knecht und dem Jungen hatte er untersagt, mit der

Seekrankheit zu drohen und Störtebeker bange zu machen: so dachte er ihn

am ersten davor zu bewahren.

Heiter wies er ihm den dicken Turm von Neuwerk und erzählte, daß

Störtebeker von dort einen Gang unterm Wasser bis nach Cuxhaven gehabt

hätte.

Hinter Scharhörn sichteten sie die ersten fischenden Fischerewer: da

vergaß der Junge das fremde Gefühl und wurde lebhafter, er holte sich

den Kieker aus dem Nachthaus und betrachtete Ewer für Ewer: er las die

Nummern und ließ sich die Schiffer dazu sagen.

»94, Vadder?« »Jakob Fock, dat weest du doch!« »138?« »Jakob Mees.« »3?«

»Friedrichson van de Au, de Störnfischer.« »107?« »Ornd Fock!« Er lernte

erkennen, wann einer einzog: dann fiel die Fock nieder und die Möwen

flogen um die Masten, wann er kurrte, wann er segelte, wann er

aussetzte. Von da an kümmerte er sich nicht viel mehr um Gallioten und

Feuerschiffe, Lotsenschoner und Frachtdampfer, sondern nahm sich der

Fischerei an. Er drängte, daß sie doch auch schon aussetzten, und war

gar nicht erbaut, als er hörte, daß sie noch einen ganzen Tag zu segeln

hätten.

Wenn ein Ewer nahe kam, rief sein Vater den Schiffer an und fragte nach

dem Fang, der Schiffer aber fragte nach dem Markt. Das war immer ein

nachbarliches Gespräch wie am Deich und schloß mit einem

Gedankenaustausch über das Wetter.

Die See wurde düniger und der Ewer tauchte tiefer. Bei der Lotsengalliot

nahm eine hohe See den Ewer auf den Rücken und warf ihn dwars weg, daß

Störtebeker das Gleichgewicht verlor und gegen das Boot flog. Er stand

ruhig wieder auf und hielt sich am Dollbaum fest, aber die Düsigkeit im

Kopf nahm immer mehr zu und den schlechten Geschmack im Munde wurde er

nicht wieder los: er fühlte, daß seine Stunde kam, daß er seekrank wurde

und sich brechen mußte. Er wollte es nicht, er wollte es nicht! Nur das

nicht, nur das nicht!

Er wollte seefest sein! Wie sie wohl lauerten, Kap Horn und Hein Mück,

daß sie ihn auslachen konnten! Nein, er wollte es nicht! Fest biß er die

Zähne zusammen und hielt den Mund zu. Er beneidete Seemann, der ruhig

und behaglich auf den Handschuhen im Nachthaus lag und sorglos seine

Pfoten ableckte, während er es kaum noch aushalten konnte.

Wie eine Möwe schluckt und würgt, wenn sie einen großen Hering in der

Kehle stecken hat, so schluckte und würgte Störtebeker auf dem heftig

dümpelnden Fahrzeuge und wehrte sich gegen die Seekrankheit.

Kap Horn sagte beiläufig zu Hein Mück: wer hier schon seekrank würde,

sei ein Schietinnebüx, denn sie seien ja noch in der Elbe, die See finge

erst beim ersten Feuerschiff an! Störtebeker hörte es und wehrte sich

noch mehr, denn er wollte doch nicht auf der Elbe schon seekrank werden.

Sie lachten ihn aus, das war gewiß! Wenn er doch mit seinem Vater allein

auf Deck wäre!

Seefahrt ist not! · 第 9 / 19 段