Da kamen kroatische Mausefallenkerle, Nudelkastenmänner erschienen,

denen weiße Mäuse aus den Taschen krochen, Elias kam mit Hüten und

Geesch mit Wolle, Jan Timm mit Kirschen und Betti-Betti mit wat

Räukerts, da kam der Scherenschleifer und ließ die Funken springen, der

Wollkämmer kam und schor die Schafe, die Bauern kamen mit Pferd und

Wagen: es gab wirklich viel zu gucken und zu hören am garn- und

fischbehängten Deich, aber Störtebekers Augen waren westwärts gerichtet.

Er lag die meiste Zeit auf dem Wasser und ließ Torpedoboote und

Ochsendampfer, Jalken und Kuffen, Viermaster und Barken, Lühjollen und

Steinewer vorbeidampfen und -segeln. Jonn Meier kam auf, der glückliche

Störfischer, weithin kenntlich an den beiden Booten, die auf Deck

standen, an den roten Bojen, den Pümpeln, die an den Wanten hingen, und

an dem großmaschigen Störgarn, -- er hatte neun große Störe gefangen,

die er an Stroppen hinter sich her schleppte, wie Etzel die Könige an

Stricken mitnahm, -- aber seinen Vater konnte Störtebeker nicht in Sicht

kriegen. Was gingen ihn die Störe an: sein Vater fischte keine Störe!

Was kümmerte es ihn, daß Jan Mewes seine alte Jolle abschlachtete und

mit dem Boot weiterfischte, daß Hein Schloo zwei Fischottern bei der

Neßkule schoß, daß Paul Fahje sich einen neuen Großmast einsetzen ließ,

weil er den alten abgesegelt hatte, daß Hinnik Saß doch nach dem Bauern

mußte, weil er zu seekrank geworden war, daß der kleine Karsten Kölln in

den Graben fiel und ertrank, daß Hans Peter sich aufhängte, weil sein

Sohn von einem Dampfer in Grund gebohrt war, daß Hein Husteen und

Marieken Kröger lustige Hochzeit gaben? Was kümmerte es ihn, der auf

seinen Vater lauerte? Wie auch die Mutter sich bemühte, ihn an den Deich

und an das Land zu gewöhnen -- er sprach von der See und guckte nach den

Schiffen, als wenn es weiter nichts auf der Welt gäbe.

Dann kam der Tag, an dem Gesa ihrem Jungen beiläufig klagte, daß sie

keinen Sand mehr hätte und den Schweinen kaum noch streuen könnte: wenn

Vater doch bald käme, daß er ein Boot voll Sand vom Nienstedter Fall

holen könnte. Störtebeker merkte sich das und beschloß, sie zu

überraschen und ihr heimlich einen Kahn voll Sand zu holen. Er nahm sich

den dritten Tag, als es mit der Tide besser paßte, den kleinen Harm Rolf

zu Hilfe, versah sich mit zwei Schaufeln und schipperte mit halber Ebbe

westwärts, nach den Ausläufern des Nienstedter Falles, die bei

Niedrigwasser als Sandbänke aus dem Wasser tauchten. Sie sollte nicht

sagen, daß er nur zu schlechten Dingen zu gebrauchen sei.

Als sie die rechte Stelle gefunden hatten, klaren Sand ohne Schlick und

Kraut, ließ er den Kahn aufs Trockne laufen, zog Stiefel und Strümpfe

aus, krempelte die Hose auf und sprang ins Wasser. Sein kleiner Macker

machte es ihm nach. Als der Fall hoch genug aus dem Wasser guckte,

häuften sie den Sand zunächst neben dem Kahn zu einem Berg, damit die

Feuchtigkeit abziehen konnte, dann erst schaufelten sie den trockneren

Sand in den Kahn: so mußte er ja bedeutend mehr tragen können, sagte

sich Störtebeker, und warf immer mehr hinein, bis der Hümpel mit der

Ducht gleich war. Aber auch dann gab er noch nicht nach: er wollte eine

ordentliche Last ans Bollwerk bringen und schaufelte unermüdlich.

»Schullt ok woll all genog wesen?« fragte Harm, aber Störtebeker

schüttelte den Kopf und spuckte von neuem in die Hände. »Noch lang ne,

Harm, smiet man noch in, de Sand is dreuch un de Kohn is en fixen Kohn,

de driggt wat, kann ik di flüstern.« Er mußte sich schon den Schweiß von

der Stirn wischen, so riß er sich ab. »Lot em giern bit an den Dullbom

to Woter liggen, Harm: dat weiht jo ne un nix!«

Er gönnte sich und seinem Knecht erst Ruhe, als der ganze Kahn voll Sand

war. »Nu weut wi utscheiden, Harm,« sagte er väterlich, setzte sich auf

den Dollbaum und wartete auf die Flut, die den beladenen Kahn flott

machen sollte, der nun hoch und trocken auf dem langen Sandrücken saß.

Harm betrachtete besorgt den großen Sandhaufen, aber er getraute sich

nicht, etwas dagegen zu sagen, weil er nicht ausgelacht werden mochte

und weil Störtebeker seiner Sache und seines Fahrzeuges so sicher war.

»Wenn achtern Swiensand Seils in Sicht kommt, denn ist Flot,« sagte

Störtebeker gleichmütig, »dat durt ober noch wat,« setzte er hinzu, als

er Jakob Derner und Karsten Wubb, die Aalfischer, mit ihren Kähnen

vorbeirudern sah, denn die wollten ja vor der Flut noch ihre Körbe

überholen und die Aale herausnehmen. Die beiden Jungen spielten deshalb

erst noch Kriegen auf dem Fall, sie bewarfen sich mit Sand, sie

sammelten die großen Elbmuscheln, die Adam und Eva heißen, sie jagten

die Möwen und Krähen auf, die an der Fahrwasserkante saßen, daß sie sich

wie eine riesige, schwarzweiße Wolke über dem Wasser erhoben, sie

griffen die Nesen und Weißfische, die in den Prielen schwammen, und

wateten in den tiefen Löchern, mit denen der Fall bedeckt war. Zuletzt

saßen sie aber wieder auf dem Bordrand und suchten nach flutkündenden

Segeln.

»Nu ist Stallwoter,« sagte Störtebeker, »kiek, Harm!« Und er wies nach

den Blasen auf dem Wasser, die still standen.

Dann setzte Donar das Trinkhorn des Riesen ab (Die Ebbe wird künden von

Asenkraft, bis einmal alles vergeht! sagt die Edda), und die Flut kam,

die Flut, die Flut! Zuerst stiegen die Wasserblasen langsam stromauf,

unmerklich fast, wie vom Hauch bewegt, aber ihre Geschwindigkeit nahm

allmählich zu, wurde stärker und stärker; gelassen wischte das Wasser

mit leiser, zaghafter Hand über den Sand und stieg schüchtern über die

ersten Sandrillen, besann sich noch, bevor es eine Muschel umspülte,

dann aber nahmen Kraft und Strömung unaufhaltsam zu und wurden stark und

wild, denn es war Neumond und springende Tide. Wie kletterte das Wasser,

wie sprang, wie lief, wie wallte es!

Flot, Schipper, Flot, Flot!

Die Möwen und Krähen erhoben sich in die Luft und flogen davon, ihnen

folgten die Störche und Reiher, als das reißende Wasser immer mehr vom

Sand fraß. Im Fahrwasser ließen die elbab segelnden Schiffe die Draggen

fallen, weil sie die Flut nicht bemeistern konnten: dafür erschienen bei

Schulau Dampfer über Dampfer und hinter dem Schweinesand Segel bei

Segeln.

Geruhig saß Störtebeker auf dem Bordrand, baumelte mit den Beinen und

ließ die lebendige Flut um seine Füße strömen. »Gliek sünd wi flott,

Harm!« rief er, »kiek mol, wat dat Woter kummt!« Seines Genossen

Besorgnis aber war angesichts der starken Strömung zur Angst geworden

und er wagte es, wieder davon anzufangen, daß sie zu viel Sand

eingeladen hätten, daß der Kahn es nicht tragen könne und daß sie gut

täten, etwas auszuwerfen, Störtebeker indessen verzog geringschätzig den

Mund, nannte ihn einen Bangbüx und verfolgte mit Freude, wie ein Stück

des Sandes nach dem andern im Wasser verschwand.

Nun war der ganze Sandfall unter, der Kahn schwamm inmitten der großen

Wasserfläche -- und schwamm doch nicht, sondern saß fest und rührte sich

nicht. Er habe sich am Ende festgesogen, bemerkte Störtebeker, sie

wollten doch mal dümpeln, krempelte die Hosen weiter auf und riß an dem

Fahrzeug, um es in Gang zu bringen, aber das lag fest wie ein großer

Stein und war nicht zu bewegen, so sehr der Junge sich auch mühte.

»Wat hebb ik di seggt, wat hebb ik di seggt,« jammerte sein Kamerad, »wi

flott ne, wi flott ne, lot uns gau utsmieten!« »Dat wür scheun!« sagte

Klaus, »kumm hier, ward nix mokt!« Und er bemühte sich eifriger, den

Kahn zu bewegen, er stieg auf die Ducht und nahm den Riemen zur Hand,

aber es war, als wenn das Fahrzeug angewachsen wäre, jedenfalls rührte

es sich nicht. »Dat is jo rein, as wenn dat Diert behext wür,« scherzte

er, als er sich dann aber über den Dollbaum beugte und fand, daß nur

noch eine Handbreit nach war, da wurde auch er bedenklich und ging

hastiger mit dem Riemen zur Kehr. »Bang bün ik ober ne,« sagte er ...

Der Kahn blieb fest sitzen. Der Macker begann zu weinen: »Wi buddelt af,

wi versupt!« klagte er und begann, um Hilfe zu rufen: »Hilpt uns, hilpt

uns!« Aber der Deich war weit und die aufsegelnden Fischerjollen waren

noch in der Ferne. Wenn nicht ein Jäger in den Binsen oder im Reet saß,

wer sollte sie dann retten? Die Aalfischer waren schon längst

zurückgerudert.

Störtebeker warf Sand aus. Wie flog die Schaufel, wie blitzte sie in der

Sonne, wie flog der Sand, wie spritzte das Wasser auf!

»Hilpt uns, hilpt uns!«

»Nu lot doch bloß mol dien Geschricht van Murd un Dotslag no!« sagte

Störtebeker barsch, »smiet man mit ut, denn sünd wi gliek flott!«

»U, ik bün jo so bang, Klaus!«

»Denn kannst du ne no See hin! Ik bün keen betjen bang! Smiet doch bloß

mit ut, du Knappen!«

Er hatte das Gesicht voll von Wasser- und Schweißtropfen, aber er warf

unverdrossen aus. »Mol schuben, Harm!« Sie stemmten sich, auf dem

Dollbaum stehend, mit aller Macht gegen die Riemen, und wirklich rührte

das Fahrzeug sich jetzt. »Huroh, wi hebbt em,« rief Störtebeker, »noch

en lütj betjen, denn geiht de Reis los!« Er schaufelte emsig, denn die

Reeling lag jetzt mit dem Wasser gleich und mitunter spritzte schon eine

kleine See in den Kahn. Vielleicht wäre es Störtebeker in seinem Eifer

doch gelungen, ihn im allerletzten Augenblick zu retten, aber da kam die

hohe, mächtige Dünung eines großen, schwarzen Amerikadampfers, der schon

bei Teufelsbrücke qualmte, den Störtebeker bei seiner dringlichen Arbeit

aber nicht gesehen hatte, in starken Wellen über den Nienstedter Fall

gelaufen, fegte über den Bordrand und füllte den Kahn mit Wasser,

wischte den Sand glatt und brachte das Euschfatt zum Treiben. Da war

nichts mehr zu machen, obschon Störtebeker das Euschfatt ergriff, um das

Wasser auszugießen: es war zu spät.

»Wi versupt, wi versupt!«

Sie standen schon bis an die Enkel im Wasser, auf den Duchten.

Störtebeker meinte freilich, das wäre spaßig, so auf dem Wasser zu

stehen. Er tröstete Harm und sagte, er solle nicht bange sein; bis das

Wasser ihnen an die Knie ginge, wären die Jollen dreimal da und könnten

sie holen; schade wäre es nur um den schönen Sand. Er guckte aber doch

mit Besorgnis umher, ob nicht vom Deich ein Boot käme, denn der Wind war

still geblieben und die Segel kamen nur langsam näher. Als das Wasser

ihnen bis über die Knie reichte, band er die Riemen an die Fangelleine

und hieß Harm sich daran festhalten, damit der starke Strom ihn nicht

umrisse.

Es war eine böse Lage. Nun begann auch Störtebeker laut zu rufen,

nachdem er versichert hatte, daß er nicht bange sei. Aber sie konnten

wohl am Deich vor den Eschen und Pappeln nicht gesehen und wegen der

weiten Entfernung nicht gehört werden, denn kein Boot ließ sich sehen.

Immer höher stieg das Wasser, es reichte ihnen schon an die Hüften.

Störtebeker tröstete seinen frierenden Macker, er solle sich an ihm

festhalten, damit er nicht über Bord komme. Dann sagte er ihm, sie

wollten warten, bis das Wasser ihnen bis unter die Arme gehe: wenn dann

noch keine Rettung gekommen sei, wollten sie die Leine losmachen und

sich mit den Riemen treiben lassen. »De drägt uns as en Beesenbült,«

sagte er zuversichtlich.

»Wat is dat Woter kold, wat früst mi! Hilpt uns, hilpt uns, hilpt uns!«

Störtebeker stützte ihn und hielt tapfer aus, denn die ersten Boote

kamen heran und konnten sie am Ende schon sehen. Mehr als an den Riemen

klammerte er sich an den Gedanken: ne bang warrn, anners kummst du ne

mit no See! Er begann zu winken! Da antwortete das erste Boot: der

Fischer hob die Hand und steckte schnell die Riemen aus, um durch Rudern

schnellere Fahrt zu machen.

»Nu hol di fast,« sagte Störtebeker.

Bis an die Brust standen die beiden Gesellen im Wasser, als das Boot sie

erreichte und Jan Fock sien Jung, Peter Husteen, sie über den Setzbord

zog.

»Junge, du kannst wat moken,« sagte er zu Störtebeker, »wat meenst woll,

wenn Peter Husteen ne so bannig seilen kunn, denn harrn ji hier doch

afsopen as son poor Rotten!«

»Non, denn lot di man en Medallje geben,« antwortete Störtebeker und zog

die Riemen ein, nachdem er sie losgeknotet hatte.

»Nu büst doch mol bang wesen, wat?«

»Dat lügst du, Peter! Ik bün ne bang wesen! Kannst Harm frogen! Wat

schreest du denn nu noch?« wandte er sich an seinen Leidensgefährten,

aber der antwortete nicht, er schluchzte nur noch mehr, denn er dachte

an die Schläge, die zu Hause seiner warteten.

Daran dachte Störtebeker nicht, denn seine Gedanken waren bei seinem

gesunkenen Fahrzeug und den Möglichkeiten, es zu heben.

»Segg den Düker man Bescheed,« sagte er am Neß zu dem Fischerjungen, als

sie gelandet wurden.

Der Empfang, den Gesa, die schon unruhig geworden war, ihrem Jungen

bereitete, war nicht ohne, aber er dachte: Utschillers deit ne weh un

Togels durt ne lang, und sagte schließlich, als er wieder seine Prügel

hingenommen hatte, ohne auch nur ein einziges Mal zu schreien, und sich

zum Abendbrot hinsetzte: »Bang wesen bün ik ober doch keen betjen,

Mudder!«

Den andern Tag ging der Jäger los, um den Kahn zu bergen. Störtebeker

wollte ihn mit aller Gewalt begleiten, und weil er das nicht sollte,

wurde er zuletzt in den Keller gesperrt und mußte einen Tag brummen.

Neunter Stremel.

»Der Allmächtige, der Herr der Götter,

vor dem der Engel niederfällt,

Gott redet donnernd aus dem Wetter

und ruft voll Majestät der Welt!

Anbetend sinkt der Erdkreis nieder,

der Wald ertönt, es bebt die Flur!

Und Blitze sagens Blitzen wieder:

Gott ist der Herrscher der Natur ...

... u, wat en harten Slag ok doch! Klaus, ik bitt di üm allens inne

Wilt, stoh doch up! Kiek doch mol, wat dat lücht! De ganze Heben steiht

in Für un Flammen!«

Störtebeker aber, der im Bett lag, sagte mürrisch: »Lot mi doch slopen,

Mudder, ik bün so meud!« Und er machte die Augen wieder zu. Sie las mit

bebender Stimme im Gesangbuch weiter und fuhr bei den harten

Donnerschlägen ängstlich zusammen.

Der warme Sommertag hatte ein Gewitter gebraut, das gegen Abend in einer

dunkelblauen schweren Wolkenwand mit den unheilvollen weißen Flecken auf

der Elbe stand. Es wetterleuchtete schon in der Dämmerung: nun es Nacht

geworden war, griff es mit Riesenhänden über den Heben und brach mit

Regen- und Windflagen herein. Ununterbrochen blitzte es an allen Ecken

und der Donner rollte in einem fort, bis zuzeiten ein scharfer Knall

alles Grollen übertönte. Überall am Deich hatten die Frauen sich

erhoben, die Kinder notdürftig angekleidet und saßen nun in Angst und

Bangnis bei dicht verhängten Fenstern, laut betend. Denn die Gewitter

sind schwer auf der Elbe, sehr schwer: sie liegen wie verankert über dem

Eiland und sitzen wie in einer Mausefalle, die von den Blankeneser und

Harburger Bergen und den Häusern und Türmen von Hamburg gebildet wird.

Sie können weder vorwärts noch seitwärts: wie wirbeln sie da hin und

her; wie gefangene Tiere toben sie und bleiben stundenlang liegen. Sie

müssen sich über dem Eiland austoben, das flach wie ein Teller und naß

wie ein Keller ist und keinerlei Ausstrahlungspunkte hat. Der Wind

vermag sie nicht zu vertreiben, sie liegen steinfest, ja, sie ziehen

mitunter trotzig gegen die Luft. Nur die Flut hat Gewalt über sie: die

nimmt sie mit und drängt sie mit Gewalt über Hamburg hin: aber bis es

Flut ist, oft stundenlang, wankt und weicht selten ein Gewitter.

Licht auf Licht fiel vom Heben, der Regen rauschte auf dem Wasser, wenn

die Donner einen Augenblick schwiegen, der Gewitterwind brauste durch

die Bäume und die Fenster klirrten bei den harten Schlägen. Oft bebte

das Haus in seinen Grundfesten.

Gesa saß in der Küche, bei dicht zugezogenem Fenster, damit sie die

grellen Blitze nicht so scharf sehen konnte, und las laut, denn sie war

bange vor Gewittern. Sie war angekleidet und trug ihr Geld, ihre Papiere

und ihr Sparkassenbuch in der großen Tasche unter der Schürze, damit sie

wenigstens etwas rette, wenn es einschlüge. Störtebeker blieb geruhig im

Bett liegen, denn Gewitterfurcht hatte sein Vater ihm ausgeredet.

Ein furchtbarer, blauer Blitz, ein kurzer, entsetzlich knallender

Schlag: es mußte in der Nähe eingeschlagen haben!

»Klaus, nu steihst du batz up!« Gesa lief in die Schlafkammer und holte

den Widerstrebenden aus den Federn, suchte sein Zeug her und drängte ihn

in die Küche. Da konnte es denn nicht helfen, er mußte sich unter Blitz

und Donner anziehen: er nahm aber die Gelegenheit wahr und holte seine

Siebenmeilenstiefel her, damit er draußen waten könne, wenn es

einschlüge, wie er sagte. Recht war es ihm nicht, er hätte lieber

geschlafen. So sah es ja aus, als wenn er bange wäre, er konnte ja

morgen nicht zu den Jungen sagen: »Ik bün beliggen bleben!«

»Hür doch mol, Klaus, wat dat innen Schosteen pultert!«

»Jo, dat is meist, as wenn de Schosteenfeger dor togangen is,« sagte der

Junge in schläfrigem Ton, »lot mi man wedder to Koi gohn! Vadder geiht

bit Gewidder ok uppen Bitt, seggt he!«

»Non, un wat dien grote Vadder deit, dat müßt du ok don, ne?«

»Jo, dat is gewiß, Mudder!«

»Wat en Slag!«

»Junge jo,« sagte Klaus anerkennend, »dat wür en eulichen! Petrus hett

alle Negen smeeten bit Kegeln!«

»Junge, lot den droken Snack!«

»Err -- hett Vadder ober seggt!«

»Jo, neem dien Vadder woll klüst bi düt Wedder.«

»De, Mudder? De is up See un hett all de Seils dolsmeten un liggt inne

Koi un slöppt!«

»Dat gläuf man ne!«

»Dat gläuf man jo! He hett mi dat sülben seggt. Büst du denn fix bang,

Mudder?«

»Och, Junge, ik zitter un beef annen ganzen Lief.«

»Wat kann dat angohn: ik bün gorkeenbetjen bang, Mudder!«

»Wennt obers insleit, Klaus?«

»Sleit ne in, Mudder!«

Wieder knallte der Donner. »Wees still, Junge! Wat ut di un dien Vadder

noch mol warrn schall, weet de leebe Gott: ji sünd beid veel to driest!«

Du un dien Vadder -- das hörte Störtebeker am liebsten. ... Das Gewitter

stand nun steil über ihnen und die Blitze jagten einander. »Nu hett dat

inslogen! Nu hett dat gewiß inslogen,« rief Gesa bei jedem Knall, bis

Störtebeker es zuviel wurde.

»Wennt jedesmol inslogen harr, müß ganz Finkwarder woll all upfluckert

wesen,« sagte er, schlug die Vorhänge zurück und guckte in die Nacht

hinaus. Gesa prallte zurück vor dem grellen Feuer, er aber sah geruhig

in die Blitze: er wußte von seinem Vater, daß sie ihm nichts taten.

»Brinnt gornix, Mudder! Kiek, en ganzen gelen! Junge, de süht ut!

Heitmann, wat is dat: inne Besen dor blitzt dat? Junge, eben son ganzen

kwatterwatschen, Mudder, ik gläuf, dat würn Kugelblitz!«

»Klaus, mok de Kolosen to, innen Blitz kieken, dor kannst blind van

warrn. Dink leber mol an dien Vadder, du!«

»An Vadder dink ik jümmerto.«

Störtebeker wurde gesprächiger.

»Bi sun Gewidder lopt de Ool fix, Mudder. Morgen sitt de Körf vull. Un

de vunnacht pöddert, de kriegt gewiß söben Ammers vull! Un de Buern ward

all de Melk sur vunnacht: morgen möt wi swarten Kaffe drinken.«

Unter Blitz und Donner schlichen so zwei Stunden hin, dann, als es bald

hell werden wollte und der Hahn schon einmal gekräht hatte, verstärkte

sich das Toben, der Wind schwoll an und der Hagel prasselte gegen die

Scheiben.

»Schullt woll all Flot wesen?« fragte Störtebeker und holte den

Hamburger Almanach hinter dem Spiegel hervor. Die Mutter sah nach: »Jo,

is Flot! Gott Loff un Dank, nu tütt dat Gewidder woll weg, nu kummt de

Wind dor woll achter!«

Der Junge horchte auf, denn er wollte gern zu Bett. Plötzlich sagte er,

er wolle mal ausgucken, ob die Wolken schon zögen, stand auf und trat

ungeachtet des mütterlichen Widerspruches aus der Tür, in den

nachlassenden Regen hinein. Der Deich war aufgeweicht und bildete eine

große Pfütze. Am Heben war nicht viel zu unterscheiden, aber das

Schlimmste schien überstanden zu sein, denn die grellsten Blitze glommen

jetzt im Osten und der Donner rollte verhaltener. Störtebeker blickte

nach der Elbe und sah zwei dunkle, große Segel unweit des Bollwerks: ein

Ewer segelte vorbei. Da hörte er in einem donnerschwachen Augenblick,

wie die Kette durch die Klüse rollte, scharf und deutlich!

Da wußte er, daß es sein Vater war, und er rief, so laut er gröhlen

konnte: »Höh, Vadder! Höh, Vadder!«

Und vom Wasser antwortete es: »Höh, Störtebeker!«

Er stürmte ins Haus: »Mudder, Mudder, Vadder is hier! He liggt hier

afward! Kiek man bloß mol ut!«

»Ist wohr, Klaus?«

»Jo, jo, he ist! Ik hebb ober em ropen un he hett mi eben antert« --

damit sauste er hinaus, und als sie auf der Schwelle stand, mit der

Schürze über dem Kopf, da war er schon Gott weiß wie weit, da war er

schon nach dem Sielgraben gelaufen, hatte seinen Kahn, den glücklich

geborgenen, losgemacht und wriggte im Regen nach dem Ewer hinaus, dessen

rote Seitenlaterne sein Kompaß war. »Vadder, ik komm all!« Die Reise

dauerte einige Zeit, denn er mußte den reißenden Flutstrom überwinden,

dann aber stand er an Deck zwischen den Seefischern, die tief im Ölzeug

steckten und deren Gesichter glänzten. Er stand bei ihnen, als sie die

Segel fierten, und achtete des Regens nicht, er nahm Hein Mück die

Laternen ab, trug sie nach der Diele und pustete sie aus, und er legte

Hand mit an, als sie das Boot vom Deck setzten! Was kümmerten ihn Regen

und Blitz, was ging ihn der Donner an, er war ja bei seinem Vater an

Bord!

Als die erste Arbeit getan war, wollten Knecht und Junge sich

niederlegen, aber Klaus Mewes nahm sie mit an Land, denn wenn Gesa auf

war, konnten sie auch erst noch Kaffee trinken. Als sie abstießen,

Störtebeker als Lotse mit seinem Kahn voran, standen über Blankenese

schon einige Sterne: das Gewittergewölk saß über Hamburg. Der Regen

hatte aufgehört. Im Reet piepten die Wasserküken, am Nienstedter Loch

lärmten die jungen Möwen und im Fahrwasser tutete ein Dampfer.

Binnendeichs schrie eine katernde Katze in wilder Leidenschaftlichkeit.

Die Linden tropften noch, als sie auf dem Deich angelangt waren. Gesa

stand in der Tür, warm und licht im Schein der Lampe, und wirklich, sie

hatte keine Angst mehr, nur noch Freude in den Augen. Wie lieb erschien

sie Klaus Mewes, der eine ganze Nacht nur in Blitze gesehen und nichts

als Regen gehört hatte, wie freute er sich!

Als die Leute und der Junge in die Küche gegangen waren, hielt er sie

fest, zog sie aus dem Licht heraus und nahm sie unter den leckenden

Linden in die Arme.

Drinnen aber öffnete Kap Horn seinen Packen, den er mitgebracht hatte:

da war das Ölzeug, das er gemacht hatte, da war eine Ölbüx, lang und

weit genug, da war ein Ölrock mit großen, blanken Knöpfen, da war ein

Südwester mit blauen Sturmbändern, alles hellgelb und noch klebend, aber

Störtebeker probte es doch gleich an, damit er wußte, wie es paßte. Er

zog die Hose mit dem Strick zu, ließ sich von dem Knecht die drang

gehenden Knöpfe zumachen, und setzte den Südwester vor dem Spiegel auf.

Er zupfte und riß an dem Zeug herum, endlich aber war er fertig und ging

vor dem Spiegel auf und ab wie ein Staatsminister. Knecht und Junge

lobten ihn und sagten, nun wäre er ein kleiner Fischermann; ihm fehlte

aber noch das gewichtigste Urteil, das seines Vaters.

»Schipper, wat ist, könnt wi nu anmunstern?« rief er übermütig und

guckte um die Ecke. Sein Vater und seine Mutter ließen einander schnell

los, denn sie hatten noch nie vor dem Jungen geliebkost. Sie kamen

herein und bestaunten ihn. Sogar die Mutter mußte über ihn lachen, als

er so freiherrlich dastand.

»So, Vadder, Stebeln un Eultüch hebb ik: nu kannt no See gohn!«

»Jo, Störtebeker, nu ist so wiet -- nu kummst du mit no See!« sagte

Klaus Mewes und sah Gesa groß und gewaltig an, daß sie fühlte, dagegen

gäbe es ebensowenig ein Auflehnen wie gegen das Schicksal selbst.

Sie schwieg, aber in ihrer Seele schrie es nach ihrem Mutterrecht.

»Mudder, du hest hürt? Kap Horn, du hest hürt? Hein Mück, du hest hürt?

Ji hebbt alltohopen hürt: ik schall mit no See, ik schall mit no See,

huroh!« rief der Junge, setzte den Südwester ab, unter dem ihm reichlich

warm geworden war, und sprach im Tonfall seines Vaters, mit verstellter,

grober Stimme: »Non denn so wißt: ich selbst bin Klaus Störtebeker!« --

daß alle lachten.

Beim Kaffeetrinken kamen freilich auch seine letzten Schandtaten an den

Tag, darunter als Hauptstück die große Haverei. Kap Horn aber erhob den

grauen Kopf und sprang ihm bei: er sähe kein Unrecht darin, denn der

Junge habe es gut gemeint. Und Klaus Mewes nickte und sagte, wenn die

Sache vor ein Seeamt käme, erhielte Störtebeker ein Lob wegen seiner

Umsicht und Ruhe. Anderseiner wäre dabei ertrunken, meinte Hein Mück, um

auch etwas zu sagen.

Seefahrt ist not! · 第 8 / 19 段