Als es ganz dunkel geworden war, ging er mit dem Jungen in die Kajüte

und nahm ihn mit in seine Koje. Und bei dem Wiegen des Ewers und dem

Glucken des Wassers schliefen beide bald ein, der alte Janmaat und der

seesüchtige Junge.

* * * * *

Am andern Morgen war ein großes Trampeln und Scharren über Störtebeker,

als er erwachte. Kein Mensch war mehr unten -- er hatte richtig die Zeit

verschlafen. Schnell zog er sich an und sauste an Deck.

Du liebe Zeit, was war da für ein Leben! Als wenn es Karkmeß wäre! Das

ganze Deck stand voll von fremden Leuten: was für ein Gedränge auch

doch, was für ein Lärm! Fischfrauen, Kökschen, Bürgerinnen,

Arbeitsleute, Kinder mit Netzen und Körben, mit Handtaschen und Beuteln

standen um den Bünn herum, fragten nach dem Preis, handelten und kauften

schließlich. Der Knecht und der Junge standen im Raum vor dem Bünn und

ketscherten die Schollen heraus. Klaus Mewes aber ragte wie ein

Leuchtturm aus der Menschenbrandung, reichte die leeren Körbe hinunter,

langte die vollen herauf und strich das Geld ein: eine Mark für sechzehn

Schollen. Er war in bester Stimmung, denn der Handel ging flott,

obgleich in der Nacht noch sechs Ewer dazugekommen waren: Hamburg war

schollenhungrig.

»Goh man mol mit den Jungen no de Reeperbohn rup un bekiekt jo de Lodens

man mol,« sagte er zu Gesa, die beim Kompaßhäuschen stand und mit

fremden Augen auf die vielen Stadtmenschen guckte, verwundert über ihn,

der damit umzuspringen wußte, als sei er als Handelsmann geboren. Sie

schüttelte aber den Kopf und blieb, wo sie war. Und Störtebeker? Ja, wo

war Störtebeker? War er schon allein nach der Reeperbahn gelaufen, um

sich den Kasper anzusehen?

Nein! Er stand mit aufgekrempelten Armen zwischen Kap Horn und Hein Mück

und hielt die Beutel und Netze auf, damit sie die Schollen besser

hineintun konnten, er warf die toten Fische beiseite und reichte die

vollen Netze seinem Vater hinauf. »För twee Mark, Vadder!« ... »Förn

Mark!« ... »För föftein Groschen, Vadder!« ... So rief er dabei, mit

einer Stimme, aus der deutlich herauszuhören war: nun paß auf, daß alle

bezahlen!

»Süßtein förn Mark! Süßtein grote Schullen! All springenlebennig!

Süßtein förn Mark!« rief Klaus Mewes oben und »Süßtein förn Mark!

Süßtein grote Schullen! All springenlebennig! Süßtein förn Mark!« echote

Störtebeker unten. Klaus Mewes brauchte es wahrlich nicht wie die andern

Ewer zu machen und sich einen Fischmarktlöwen als Ausrufer anzunehmen.

Mitunter bekam der Junge auch Streit mit den Kökschen ... »Leben dot de

all! Dor sünd keen dode twüschen! ... Luter grote gifft ne, dat geiht

vörre Hand weg! ... Ne, dat sünd süßtein, ik hebb mi ne vertillt! ...«

An Kaffeetrinken dachte er nicht, er mußte ja helfen.

»De sünd jo dot, Junge!« »Wenn du man ne dot büst: de leeft!« »De sünd

jo so lütj, Junge!« »Wenn du man ne lütj büst: de sünd grot!« Er ließ

sich nicht verblüffen. »Soßtein forn Mark? Oppen annern Ewer gifft

achttein!« »Denn goh dor man hin: hier gifft dat bloß süßtein!« Er paßte

aber auch auf: »Vadder, de Olsch hett noch ne betohlt!«

Da sollte der Schollenhandel wohl in Flor kommen, bei einem so guten

Hilfsmann! »Vadder, dat middelste Schott is all leddig!«

Die Mutter sah besorgt auf seinen neuen Anzug: »Wat mokt he sik ok doch

utsehn!« Aber Klaus Mewes lachte sie aus und sagte: »Worüm hest du em

dat nee Tüch antohn? Harrst em jo man inne Ingelschleddern mitloten

kunnt! Süßtein förn Mark! Süßtein grote Schullen!«

Gegen zehn Uhr waren sie schon so weit, daß sie die Luken zumachen

konnten: die paar Stiege, die noch im Bünn saßen, brauchte Klaus Mewes

selbst. Ausverkauft!

Knecht und Junge spülten das Deck ab, das aussah, wie ein Stück vom

Deich bei Regenwetter: Klaus Mewes aber ging mit Frau und Kind in die

Kajüte und entleerte seine dicken Taschen. Ein Haufe von Groschen,

Marken und Talern bedeckte den Tisch: als er abgezählt war, waren es

nahe an dreihundert Mark, die er in acht Tagen aus der See geholt hatte.

Es war wieder Glück dabei gewesen, daß er einen guten Markt getroffen

hatte.

Dreihundert Mark in acht Tagen! Das kam den Bauern so groß vor, daß sie

immer nur von den _großen_ Seefischern sprachen und auf sie schalten,

denn hatten sie einmal einen ordentlichen Knecht, so lief er ihnen weg

und wurde Fischer. Dreihundert Mark in acht Tagen: wie kam das den

Tagelöhnern vor, die den ganzen Tag für sechs Groschen wie Pferde

arbeiten mußten: wenn sie nicht zu alt für die Fahrt gewesen wären, sie

hätten es wohl auch noch mit der Fischerei versucht!

Wir wollen der Schollenzeit ihr Leuchten nicht trüben: sie ist und

bleibt die beste, schönste Zeit für den Fischermann. Wie sie Taler haben

mit der Aufschrift: Segen des Mansfelder Bergbaues, so könnte die

hamburgische Münze für Finkenwärder Taler prägen mit der Aufschrift:

Segen des Schollenfanges. Wenn auch die Seefischerfrauen sagen, daß so

viel davon abginge: die Kasse, die Kurren, die Leute, die Segel, die

Zinsen, der Winter -- wir wollen sie dennoch preisen, die schöne, schöne

Schollenzeit!

* * * * *

Nachmittag rollte die Kette wieder vor dem Neß durch die Klüsen. »Dol de

Seils!« Als sie zusammengebunden waren, ging es mit Boot und Kahn an

Land, mit Schollen und Scharben, mit Taschen und Seesternen. Gesa mußte

die Taschen kochen, Hein Mück hängte die Scharben auf, daß die Leinen

den Deich wie Girlanden überzogen. Klaus Störtebeker mußte die Schollen

austragen, die sein Vater in fürstlicher Weise verteilte: von der ersten

Reise bekam alle Freundschaft, Verwandtschaft und Nachbarschaft

lebendige Schollen. »De keen Fisch utgeben mag, is ne wirt, wat he welk

wedder fangt,« hieß es am Deich. Die Bauern auf den Wurten, die

Handwerker, die Tagelöhner: keiner wurde vergessen. Sogar an die alte

Sill dachte er. Störtebeker lief gern mit den Schollen, es machte ihm

Freude, wenn die Leute fragten: »Non, Junge, is dien Vadder her?« »Jo!«

»Mit Schullen?« »Jo!« Dabei bekam er hier einen Groschen und da zwei,

der Bäcker gab ihm einen Kringel und der Krämer einen Kakerlatje aus

Zucker, Bauer Feldmann goß ihm den Eimer voll Milch, Sill aber wühlte

wieder ins Stroh hinein und holte richtig noch einen schönen Apfel

hervor. Er verzehrte ihn jedoch wohlweislich unterwegs, damit er ihn

nicht erst wieder aus der Erde zu graben brauche und im Graben abwaschen

müsse. Es war ein fetter Tag für ihn.

In der Schummerei aber saß er mit seinen Mackern auf dem Deich und ging

mit dem Hammer auf die gekochten Taschen los, deren Scheren so fest

waren, daß sie anders nicht geöffnet werden konnten. Des Vollmondes

wegen saßen sie voll Fleisch und schmeckten vorzüglich. Im Binnendeich

schlichen die Katzen mit erhobenen Schwänzen heran und knurrten einander

wegen der Abfälle an.

Gesa stand in der Tür: Klaus Mewes saß unter den Linden auf der Bank und

verklarte dem alten Jäger, der am Staket lehnte, die Schollenfischerei

bei Juist und Borkum, während die Nacht anbrach und die Lichter im

Fahrwasser aufleuchteten und die Masten des Ewers gewaltiger und

schwerer in den Heben hineinwuchsen.

Vom äußern Neß kam ein Aalfischer, der alte Jakob Derner, mit seinen

Aalkörben beladen.

»Non, könt hier utholen?«

»Jo, Jakob!«

Er blieb einen Augenblick stehen.

»Lopt de Ool all, Jakob?«

»Ne, Klaus, is noch nix mit den Fang, is noch to kold! De Ool will Warms

hebben.«

»Jä, Jakob, de Schull will ok Warms hebben: de hebbt wi nu doch ober all

eulich belurt, ik kann di seggen, as de Voß de Geus un as de Hund de

Rotten! Wi weet de Stä, Junge, Junge! Fiefmol no de Wesser, güstern an

Altno: gode föfteinhunnert Stieg hebbt wi all holt: wenn dat de

Gildbütel man afkann!«

Diese Rede war aber gar nicht nach Jakobs Gemüt: er dachte an die drei,

vier kleinen Aale, die er jede Tide aus den Körben schrapte, und ärgerte

sich über den großen Seefischer, der mit Tausenden von Schollen um sich

warf, wie der Bajazzo mit den Glaskugeln. »So, so,« knurrte er und

stiefelte weiter.

Gesa schüttelte den Kopf. »Wat magst du woll so dull prohlen, Klaus

Mees, as wenn du unsen Herrgott sien best Jung würst?«

Er sah sie groß an. »Wat meenst du dat?« fragte er verwundert. »Ik kann

mien Leben doch ne anners moken ast is: grot un klor un scheun! Dor

steihst du, dor sitt mien Jung, hier steiht mien Hus, dat sünd mien

Linnenbäum, dor buten liggt mien Eber un hier bün ik sülben oder is dat

all ne wohr? Lot den Dübel klogen: ik frei mi to dat, wat ik hebb! Un ik

gläuf, uns Herrgott süht ok leber en vergneugten Minschen as en

trurigen!«

»Wees ne so troß, Klaus Mees! Du büst ok bloß en Minsch un wullt wedder

no See!« mahnte sie, er aber schüttelte die Worte ab, wie die Ente das

Wasser.

Achter Stremel.

Es war Ostern auf Finkenwärder.

An den Gräben standen die Wicheln mit silbernen Katzen, und die Erlen

ließen braune Troddeln im Winde wehen. Die Pappeln leuchteten im

Sonnenschein und glommen wie Frühlingsbräute mit hellblonden Scheiteln.

Die Elstern bauten ihre Nester im Lande. Über den Wischen gaukelten die

Kiebitze zu Hunderten, und über dem hohen Neß schwebten die grauen

Reiher.

Und die Finkenwärder Fahrensleute feierten Ostern, indem sie um ihr

Eiland gingen. Nur Ostern taten sie das, sonst nicht. Wann käme sonst

auch wohl ein Fischermann dazu, einen Gang um sein Land zu machen? Er

geht sowieso nicht gern, denn Seebeine sind nicht für Landwege

geschaffen. Wintertags, wenn er zu Hause ist, lassen die grundlosen Wege

es nicht zu, für die sie früher Stelzen gehabt haben, die aber

abgekommen sind. Sommertags hat er zwischen Jütland und Niederland zu

viel zu beschicken. Nur Ostern ging es klar.

Der Brauch entstammte der alten Zeit, als die Fischerei den ganzen

Winter eingestellt war und die große, allgemeine Ausreise erst nach

Ostern stattfand. Da lag es nahe, daß der Fischer nochmal seine Insel

auf den Kieker nahm, bevor er sich der See für lange Monde anvertraute!

Auch die Konfirmanden, die mit zur See sollten, hatten ein Verlangen,

den Deich noch einmal ganz unter den Füßen zu haben, bevor sie an Bord

gingen. 1887 war diese uralte Sitte noch allgemein.

Wir denken an den Ostergang im Faust, lesende Seele, an den Doktor und

seinen Famulus, an Bürger und Soldaten, Scholaren und Handwerksburschen

und an all das andre bunte Gewimmel vor dem Tor der bunten,

mittelalterlichen Stadt Frankfurt -- aber das muß verblassen vor der

großen Deichwanderung der Fischer am Ostersonntag, die nachmittag

anfängt und bis zum Abend währt und voll ist von Größe und Gewaltigkeit.

Breit und blau grüßt die Elbe -- im Hintergrunde steigen die Blankeneser

Berge auf. Dampfer gehen auf und ab. Ihr Rauch weht über den Strom.

Deutsche, englische, französische, nordische und holländische Flaggen

flattern im Winde, Hunderte von braunen und griesen Segeln beleben das

Fahrwasser gleich Riesenvögeln, und im Osten steigen die Hamburger Türme

aus dem Hafendunst auf, wie Propheten aus dem Volk. Vom Bollwerk aber

und von den Schallen grüßen die blanken Ewer und Kutter, die starken,

schönen Schiffe, und ihre Flögel lachen im Sonnenschein, als wenn sie

wüßten, daß es Ostern ist. Da liegt Schiff bei Schiff in nachbarlicher

Eintracht und jedes spiegelt sein Gesicht geruhig in dem stillen Wasser.

Zwischen den Masten hängen die Kurren zum Trocknen, die sich ansehen

lassen wie die Panzerhemden eines Hünengeschlechtes, das große Wäsche

gehabt hat.

Das ist die eine Seite des Deiches: auf der andern stehen die

Fischerhäuser mit moosbewachsenen Stroh- oder Pfannendächern, mit grünen

Türen, geröteten Steinen und blanken Fenstern, hinter denen

Blutstropfen, Schuhbäume, Geranien und andre Blumen blühen. Binnendeichs

stehen die großen Hamenanker, die ausgedienten Kurrbäume, die

aufgefischten Hummerkästen: dahinter liegen die braunen Äcker, von

Gräben durchzogen, die grünen Wischen, die Wurten mit den großen

Bauerhäusern, mit hohen Eschen, Linden und Eichen: Inseln inmitten der

Insel.

Da kommen sie an, die Osterleute.

Zuerst die Gören, de mol üm Finkwarder snurren weut! In Scharen kommen

sie und setzen am Westerdeich einen Feekhaufen nach dem andern in Brand

-- denn diesen Tag sind die Ostermoonen frei --, damit die Fahrensleute

Leuchtfeuer haben, nach denen sie steuern können. Ihnen folgen die

Schlingel, die ihre Kräfte an den morschen Wicheln versuchen, die in die

Eschen klettern und in die Heisternester gucken, die über die Gräben

jumpen und Enten und Gänse bange machen, die Deerns vom Deich stoßen und

die Hunde reizen. Sind die vorüber, dann erscheinen die Konfirmandinnen

in langer Reihe, sittsam in den langen Kleidern gehend, mit weißen

Tüchern um die Schultern: aber doch summt ihnen schon der erste

Schnellwalzer in den Ohren, doch gucken sie sich schon heimlich nach den

Konfirmanden um, die nun kommen, etwas schwankenden Ganges, als wenn sie

ihr Lebtag auf See gewesen wären. Sie tun, als hätten sie schon das

kleine Schifferpatent in der Tasche und gucken die Jungen gar nicht mehr

an, bekümmern sich auch nicht mehr um die Osterfeuer, sondern sprechen

von Schiffen und Mädchen. Der breitrandige schwarze Hut, der Huler,

sitzt verwegen auf dem Kopfe, etwas mit Backbordschlagseite, wie der

Fischerknecht ihn gern aufsetzt. Jeder schmökt seine Zigarre (un noher

fangt se doch all an to prüntjern).

Nach ihnen aber kommen die Seefischer, zu zweien oder dreien, in Gruppen

zu fünfen oder sieben, in Schöfen zu zehn und zwanzig: die brauchen den

ganzen Deich und gehen geruhig und langsam, bleiben stehen, kehren ein,

sprechen mit andern, die ihnen entgegenkommen, und betrachten den Deich,

die Häuser und die Schiffe, wie ein Bauer sein Vieh. Namentlich die

Alten nehmen sie vor, die vor den Türen stehen oder aus dem Fenster

schauen, Hein-Bruer und Jan-Ohm, Thees-Unkel und Vadder Warnk, und

fragen sie nach ihrer Gesundheit und ob das Essen noch schmecken wolle.

Sie sehen nach, was auf den Werften gebaut wird und wieviel neue Häuser

das Jahr hinzugekommen sind. Dazwischen gilt das Gespräch der Fahrt und

der Fischerei und dem Wetter. Neem hei fischt und wat hei fungen: so

geht es immerzu.

Klaus Mewes und sein Junge müßten keine rechten Finkenwärder sein, wenn

sie nicht auch unterwegs wären! Auch sie machten die Runde um das

Eiland, wobei sie sich ordentlich Zeit lassen mußten, denn weil das

Mewesgeschlecht das größte auf Finkenwärder war, hatten sie an allen

Huken Verwandte wohnen, denen sie Guten Tag sagen mußten, und wurden

alle Augenblicke zu einer Tasse Kaffee hineingenötigt. Auch mit den

Fischern, die er überholte oder denen er begegnete, hatte Klaus Mewes

manches zu beklönen. Störtebeker zog ihn schon ab und zu an der Jacke,

damit sie nur weiterkamen, denn er wollte gern ganz um Finkenwärder

herum.

Beim Segelmacher wurde ein neues Großsegel bestellt, das bis Karkmeß

geliefert werden sollte. Und als Klaus den Zimmerbaas auf der Helling

stehen sah, bog er mit seinem Jungen vom Deich ab und betrat die Plaats.

Zunächst bezahlte er die beiden Kurrbäume, die er noch an der Rechnung

stehen hatte, dann besah er den neuen Kutter, den Simon Wriede bauen

ließ. Ein hohes, stolzes Fahrzeug war es, das wie ein Königsschiff in

den Heben ragte.

»Wat köst de nu, Jochen?« fragte er, als er alles befühlt und besehen

hatte.

»He löppt sowat up twölfdusend, Klaus,« erwiderte der Baas.

»Dat Schipp is god,« lobte der Seefischer und erfreute sich wieder an

dem scharfen Steven und dem schlanken Rumpf, »de schall woll seilen,

Gotts den Dünner! Dor mol mit no buten to flimsen! Jochen, noch en poor

Johr, denn sett ik mien Eber af un denn schallst du mi een neen Kutter

bon, noch greuter un noch scheuner as düsse hier! Un denn will ik jo mol

wiesen, wat Seilen un Fischen to bedüden hett, so gewiß as ik Klaus Mees

heet!«

»Denn giffst du mi den Ewer, ne, Vadder?« rief Störtebeker eifrig, der

Baas aber strich den grauen Bart und sagte bedächtig: »Dor snackt wi

noch mol ober, Klaus, wenn wi denn noch left un noch gesund sünd!«

»Hest upstünds noch mihr to bon, Jochen?«

»Noch een Kutter, Klaus. För Jan Harm.«

»Geiht vörwarts mit de Fischeree, Jochen! Wo lang schallt duern un wi

hebbt H. F. 500 up See!«

Der Baas aber sagte nur: »Wi weut dat best höpen,« denn er glaubte nicht

daran.

Vater und Sohn verließen die Werft und gingen weiter.

* * * * *

Abends saßen sie alle in der Dönß und warteten auf die Ostereier. Hein

Mück sagte, er wolle ganz gewiß zehn essen, und Kap Horn erzählte, er

habe schon den ganzen Tag nichts mehr gegessen und rechne auf drei- oder

vierundzwanzig, so hungrig sei er. Da trat Gesa mit der großen Schüssel

an, die gehäuft voll von den schönen weißen Eiern war, und das

Ostereieressen begann, das lustige Wettessen, bei dem der gewonnen

hatte, der die meisten Eier aß. Mit glänzenden Augen löffelte

Störtebeker ein Ei nach dem andern aus. »Wedder een, Vadder! De smeckt

as Sucker!«

»Söben,« rief sein Vater.

»Kann ne angohn,« sagte Störtebeker aufgebracht, »du kannst heuchstens

dree Eier up hebben.« Er zählte die Schalen: »Een, twee, dree, Vadder!«

Kap Horn beschäftigte von da an die Augen des Jungen bald auf dem Deich

und bald bei den Bildern an der Wand und schob ihm, ohne daß er's

merkte, die leeren Schalen hin, wie der brütenden Henne Enteneier

untergeschmuggelt werden. Die drei Fahrensleute rissen ein ordentliches

Loch in den Eierhügel, aber schließlich mußten sie doch back brassen und

sich für beet erklären. Da bekleidete Störtebeker sich mit der Würde

eines Preisrichters und zählte die Eierschalen, die jeder vor sich

liegen hatte. Bei seinem Vater waren es fünf. »U, wat wenig, Vadder! Du

säst söben! Dat harr ik ne van di dacht!« »Ik much ne tolangen,

Störtebeker,« entschuldigte sein Vater sich, »ik dach, anners wörst du

ne satt!« Bei der Mutter kam Störtebeker zu dem niederschmetternden

Ergebnis: »Twee! Mudder, dat et de lütjen Kinner ok all meist. Du müß

gewiß de Pann wegdrägen!« Hein Mück, der sechs Eier gegessen hatte, kam

glimpflich davon, aber über Kap Horn, der nur ein Häufchen gänzlich

zusammengedrückter Schalen hatte, goß er die volle Schale seines Spottes

aus. Dann ging er an den eigenen Berg und steckte die Schalen zusammen.

»Mit de poor Dinger is ok doch keen Stoot to moken,« stichelte Kap Horn.

»Van wegen poor Dinger,« ereiferte der Junge sich und zählte sie in

Gedanken schnell noch einmal durch, um sicher zu sein, daß er sich nicht

verzählt hatte, »kiek hier: dree, süß, söben, acht, negen. Negen Eier!

Ik harr sülben ne dacht, wat soveel würen, ober kannst jo sehn!«

»Wohrraftig negen,« rief Klaus Mewes, der sich kaum des Lachens erwehren

konnte, »wat kannt angohn, wat en swarte Koh witte Melk gifft un wat de

Jung mihr Eier eten kann as wi groten Lüd?«

Kap Horn lachte: »Jo, he is de Boos un sall noher hochleben loten

warrn.«

Störtebeker aber sagte: »Junge, Junge!« und knöpfte die Hose auf, um

sich Luft zu schaffen, denn die vermeintlich gegessenen neun Eier lagen

ihm nun doch mit einem Male schwer im Magen. »Vadder, nu komm ik ok doch

mit no See?«

»Nu noch ne,« bremste die Mutter schnell, »is noch veel to kold buten,«

Klaus Mewes sah sie jedoch bedeutsam an und sagte, er wolle morgen nach

dem Schuster und Dampf dahinter machen: dann könne der Junge die andre

Reise schon mit an Bord.

»Och jo, Vadder! Och jo!« rief Störtebeker in heller Freude und sprang

in der Dönß herum, wie ein Füllen auf der Wisch.

Er müsse aber auch Ölzeug haben, gab Kap Horn zu bedenken; das wolle er

ihm machen, denn auf so was verstehe er sich noch von den großen

Schiffen her. Er ließ sich eine Elle geben und nahm gleich Maß, was dem

Jungen den größten Spaß machte. Umständlich schrieb er Länge und Breite

in sein Notizbuch mit Kalender von Anno Tobak ein und malte darüber:

Ölzeug für Klaus Mewes junior.

Spät am Abend standen sie auf dem Deich und guckten nach den drei großen

Osterfeuern, die auf dem Opferberge bei Neugraben, der altgermanischen

Tingstätte, auf dem Sande von Teufelsbrücke und auf dem Strande von

Blankenese loderten und das Sonn- und Sommerverlangen des

Niedersachsengaues in die Nacht hinausriefen.

* * * * *

So bald wurde es doch noch nichts mit Störtebekers Seefahrt, denn ein

starker, stetiger Ostwind, von dem die Fahrensleute sagten, daß er bis

Michaelis wehen könne, ließ seinen Vater nicht die Elbe herauf. Klaus

Mewes machte sich wieder auf der Weser heimisch, denn mit dem ewigen

Dampferschleppen vom vierten Feuerschiff bis Hamburg hatte er nicht viel

im Sinn, und schrieb von Bremen und Bremerhaven.

»He hett mi förn Narren,« sagte Störtebeker immer wieder erbittert zur

Mutter, wenn er den Ewer nicht hergucken konnte. Längst hatte der

Schuster die Siebenmeilenstiefel abgeliefert: aber sie hingen auf der

Diele an dem Haken, an dem wintertags das geschlachtete Schwein hing,

und er sollte sie vorher nicht tragen. Da hingen sie und ärgerten ihn

alle Tage.

Störtebeker war wieder wie ein Schiff ohne Kompaß, das hierhin und

dorthin trieb, wohin gerade der Wind wehte: er fischte und schipperte,

bemühte sich um das Sprechen der Nebelkrähe, verkaufte die jungen

Kaninchen, er sprang mit den Jungen über die Gräben und trocknete sein

Zeug im Winde, wenn es dabei naß geworden war, er watete schon in der

Elbe, wenn die Mutter es nicht sehen konnte, und war der einzige vom

Neß, der schon schwamm -- das Wasser war noch eiskalt und benahm ihm

fast den Atem! --, er suchte Regenwürmer an feuchten Abenden und

pödderte Aale, er ließ sein kleines Vollschiff segeln und kalfaterte

seinen Kahn mit Hilfe des Jägers, er ging mit auf die Entenjagd und saß

mäuschenstill in den Binsen, während die zahmen Lockenten nach den

wilden Schwestern riefen und Juno zum Sprunge bereit stand, er holte

sich die getrockneten Scharben von der Leine, zog ihnen die Haut ab,

schnitt sie in Stremel und verzehrte sie, er sorgte dafür, daß sie

abends und vor aufkommenden Regenflagen unter Dach und Fach kamen, er

machte sich Hupuppen, Flöten und Dreibässe aus dem leicht abnehmbaren

Bast der jungen Weidenzweige und ketscherte an stillen Abenden die

Maikäfer, die um die grüngewordenen Linden schwirrten, -- aber es war

keins rechte Herzenssache, war alles Notbehelf, bis sein Vater kommen

mußte und er mit zur See sollte! Alle seine Gedanken waren an Bord und

er konnte wieder jeden Tag nach dem Fahrwasser hinausfahren und

Blankeneser, Kränzer und Finkenwärder nach H. F. 125 fragen.

Da stand der alte Hans Benitt am Deich, der auf dem Altenteil lebte,

unbeweglich auf seine Schaufel gestützt, und hatte die Maulwurfshügel

unter den Augen. Regungslos stand er, wie ein Hecht im Graben. Wühlte

aber ein Maulwurf, so schlich er hin, stach mit der Schaufel in den

Hügel, warf den Schwarzrock in die Luft und tötete ihn durch einen Hieb

auf die Nase. So reinigte er jeden Tag den landschützenden Deich von

seinen schlimmsten Feinden, den Erdwühlern, die in alten Zeiten so

manchen Deichbruch verschuldet hatten.

Da kam ein Schnelläufer den Deich entlang, bunt bekleidet wie ein Kasper

von St. Pauli, mit Schellen behängt, eine Glocke in der Hand, und hinter

ihm her liefen Hunderte von Kindern. Die gingen nicht sittsam hinter

ihm, wie die Kinder von Hameln hinter dem Rattenfänger: die lärmten und

lachten, schrien und sangen wie rechte Gören des lauten Finkenwärders,

des Eilandes, das gewohnt ist, zwischen Stürmen zu fischen und in

schwarzen Kleidern zu tanzen. »U -- en Snilläuper!« Vorbei braust die

wilde Jagd: Störtebeker läuft barfuß neben dem Schnelläufer, er überholt

ihn und springt geschickt vom Deich, als er einen mit der Peitsche haben

soll, aber dann fällt ihm ein, daß er mit dem Kahn los muß, und er kehrt

batz um. Und als der bunte Mann langsam zurück kam und von Tür zu Tür

ging, um sich für sein schnelles Laufen bezahlt zu machen, da dümpelte

der Junge schon bei Blankenese in der Dünung und rief die Ewer an.

Jan Lanker aber gab dem Schnelläufer nichts, als der seine Hand

ausstreckte, sondern fragte nur: »Wat is dor los?« »Ik bün de Snelleuper

un heff snell lopen!« »Wat geiht mi dat an! Du harrst jo man sinnig

lopen kunnt,« sagte Jan patzig und machte ihm die Tür vor der Nase zu.

Da kamen Straßenmusikanten, pfälzisches oder böhmisches Volk, nicht zu

vieren, wie in Hamburg, sondern zu zwölfen und zwanzigen, und spielten,

daß der ganze Deich tanzte, da kam der Schornsteinfeger und die Kinder

sangen:

Schosteenfeger sitt upt Dack:

goh no Schol un lihr di wat!

Seefahrt ist not! · 第 7 / 19 段