Kleidern und die unteren Fenster waren dicht verhängt. Sein Vater und
sein ältester Bruder waren mit ihrem Schiffe verschollen, während er
butenlands gewesen war.
Harm Külper sah die Osterfeuer qualmen. Mit großen Augen sah er sie an,
als wenn er noch im deutschen Hospital läge und träume. Er sprach nur
noch selten: an stillen Tagen ließ er das Bett so stellen, daß er die
Elbe sehen konnte, sonst grübelte er die ganzen Tage vor sich hin. Mit
fünfundzwanzig Jahren den Tod bei der Hand fassen: wie das Seemannsherz
sich dagegen wehrte! Wie er immer und immer wieder die zerrissenen Segel
ansah, als könne er es nicht begreifen, daß sie nicht wieder zu machen
waren.
Nur auf eins freute er sich noch, auf den kleinen Klaus Störtebeker, der
jeden Tag vorbeikam und seine Ostermoon ansteckte. Der brachte noch ein
Lächeln in das ernste, verschlossene Gesicht und er half ihm in Gedanken
bei seinem Osterfeuer ... hol man noch fix Feek her, Klaus, hürst? ...
Kiek, hier! Dat schall fluckern un räukern! ... Hol du ok mol wat, Harm!
... Jo, hier is en ganzen Arm vull! ... Smiet man up! ... U, wat
fluckert dat, wat sleit de Flamm hoch! ... Dat is doch en feine
Ostermoon, ne, Harm? ... Jo, dat is en scheune Ostermoon, Klaus
Störtebeker! ...
»Säst du wat, mien Jung?« fragte die Mutter besorgt, die ihn sprechen
gehört hatte und von unten gekommen war.
»Rop den lütjen Klaus Störtebeker doch mol rup, Mudder, ik much giern
mol mit em snacken,« bat er.
Da kam Klaus Störtebeker die Treppe heraufgepoltert, wie er bei seinem
Feuer gestanden hatte, geschwärzten Gesichts, und ließ sich ausfragen
von dem todkranken Matrosen. Und berichtete von seiner Fischerei und
seinen Kaninchen, von seinem Kahn und seiner Krähe, am meisten aber von
seinem Vater und daß er den Sommer mit nach See wolle und solle. Dann
aber fing er an zu fragen: nach den großen Schiffen und den Schwarzen,
nach dem Fliegenden Holländer und nach Amerika. Ob Harm schon mal
Menschenfresser gesehen hätte, wollte er wissen, und ob es wahr wäre,
was Kap Horn ihm von der großen Leine erzählt hätte, unter der alle
Schiffe hindurch müßten.
Harm Külper fand großes Gefallen an der Art des Jungen. Er schaute in
dessen Augen wie in einen Spiegel hinein und sah seine Kindheit wieder,
die er verloren hatte. Und er behielt Störtebeker lange bei sich, bis
die Mutter ihn an das Ruhegebot des Arztes mahnen mußte. Da schenkte er
ihm ein kleines, zierliches Vollschiff, das er in den Passaten, als die
Segel wochenlang stehen bleiben konnten, geschnitzt und aufgetakelt
hatte, und nahm ihm das Versprechen ab, den andern Tag und alle Tage
wieder heraufzukommen.
»Dat brukt ne irst en Seemann to warrn: dat is all een,« sagte er zu
seinem Bruder. »Herrgott innen Heben, wat förn mooi Leben hett de nu
noch vör sik -- un mien is ut! Mien is ut! Ik bün beet!« stöhnte er und
kehrte das Gesicht gegen die graue Wand.
Da ging der Bruder hinaus, weil er es nicht mit anhören konnte, die
Mutter aber setzte sich zu ihm und streichelte ihm die Backen, bis er
ganz still lag. Dann sagte sie: »Harm, hür mol to: ik will mol mit di
snacken.«
»Och, lot mi doch, Mudder!«
»Ne, ik mütt di dat seggen, Harm, dat steiht mi so vörn Harten, dat ik
ne mihr slopen kann. Jan, dien Bruer, will ok no See, wenn he Ostern ut
de Schol is! Snack du em dat ut, Harm! Ik hol dat ne ut un goh to Woter,
wenn he ne an Land blifft!«
Der Kranke schloß die Augen und gab keine Antwort: da glaubte sie, daß
er eingeschlafen sei, und schlich auf Socken hinaus. Er hatte aber nur
keine Antwort geben wollen.
Störtebeker ließ die Ostermoon einen Tag liegen, er hatte keine Zeit für
sie, denn er war mit seinem kleinen Schiff am Bollwerk zugange und
erprobte dessen Segel- und Manövrierfähigkeit.
Der andre Tag war ein Sonntag, ein heller, sonniger Tag. Weiße Wolken
kamen im Westen aus der See gestiegen und segelten wie Lustkutter auf
dem blauen Luftmeer. Der Matrose ließ sich von seinem Bruder die Kissen
hinter den Rücken stopfen, damit er besser ausgucken konnte, und wartete
auf Störtebeker. Die Mutter kam herein, mit dem Gesangbuch in der Hand,
und fragte, ob er noch etwas wolle; als er verneinte, ging sie nach der
Kirche und überließ die Wache dem Konfirmanden.
Störtebeker kam, aber er hielt sich oben nicht lange auf, sondern
stolperte gleich wieder die Bodentreppe hinunter, um das Dankesfeuer zu
entfachen. Nach kurzer Zeit loderte eine große Ostermoon auf dem Deiche,
wie Störtebeker noch keine gehabt hatte: das war für das schöne
Vollschiff!
Harm Külper verwandte kein Auge von ihm: da ergriff ihn mit einem Male
der Gedanke: jetzt muß ich sterben! Und der ließ ihn nicht mehr los, bis
er sich ihm ergab und das Ruder losließ: treib, Schifflein, treib! Da
kam eine große, heilige Ruhe in sein Herz, der Schmerz verging und all
das Tote, Dumpfe, das auf ihm und in ihm gelegen hatte, wich einer
wunderlichen Leichtigkeit und Klarheit. Er erkannte, daß sein Leben groß
und schön und sonnig gewesen war. Glitzernd und blinkend, atmend und
lachend lag die See vor ihm, die große, weite See, und hohe, stolze
Drei- und Viermaster segelten wie Königsschiffe vor dem Winde! Wie
leuchteten ihre goldenen Namen, wie winkten die Janmaaten! Er stand auf
der Back im Sonntagsstaat: in der Tür des Logis saß der Norweger und
spielte auf der Harmonika: über ihm aber wölbten sich die gewaltigen
Segel, von der Fock bis zu den Royals, und die Rahen knarrten. Delphine
spielten vor dem Bug und Albatrosse schwebten über dem Heck! Und der
Norweger spielte, bis die weißen Nocken rot wurden und die Sonne langsam
ins Wasser sank ...
»Jan?«
»Wat schall ik, Harm?«
Jan hatte einige Sprüche zu lernen, die gar nicht sitzen wollten, und
sah verdrießlich von seinem Katechismus auf.
»Jan, Mudder seggt, ik schall di van de Fohrt afroden. Du schallst ne no
See hin, seggt se. Un ik schall di bang moken, Jan. Ober ik dot ne, wenn
Vadder un Jakob ok verdrunken sünd un wenn ik ok grote Hoveree hebb un
kodimmt warrn mütt! Ik ro di _to_, Jan! Wenn du Lust no See hest, denn
goh no See un lot di ne meuten! Goh no See, Jan, un dink an dien Bruer,
wenn du goden Wind inne Seils hest!«
Der alte Lebensmut flammte noch einmal in der Seele des Matrosen auf.
»Buten ist doch beter as binnen, Jan, gläuf mi dat! Wenn de Wieber ok
seggt, mien Leben is verkihrt wesen: ik bün krank wedderkommen un hebb
keen Sack vull Gild mitbröcht: ik segg di: mien Leben is _recht_ wesen,
un wünsch mi keen anner!«
»Snack doch ne soveel, Harm,« beschwichtigte ihn der Bruder, der gern
weiterlernen wollte, »ik seh di dat an, du hest dor Wehdog van.«
Der Matrose aber richtete sich auf. Mit dem letzten Rest seiner Kraft
ging er gegen die Schwäche an, die ihn übermannen wollte, und verlangte
sein Seefahrtsbuch.
»Wat wullt dormit, Harm?«
»Mien Munsterbook, Jan! Dat liggt boben up mien Seemannskist!«
Er ließ nicht nach, bis er es in den Händen hatte. Fest umschlossen
seine knochigen Finger es, als er sagte: »Dor steiht dat in, Jan, woneem
ik allerwärts wesen bün: an de Westküst un in Schino, inne
Middellandssee un inne Sunda, boben bi de Eskimos un nerden bi de
Minschenfreters. Dat steiht dor all in! Mien Munsterbook will ik nu
jümmer bi mi hebben, Jan, un wennk dot bün, denn scheut ji mi dat innen
Sarg leggen, wat ik mi vör Gott ok verklorn kann.«
»Harm, schon di doch,« bat der Bruder, der ihm die Anstrengung ansah,
aber der Matrose hörte nicht.
»Kiek, Jan, ik bün nu so krank, dat ik ne den lütjen Finger mihr krumm
moken kann, ohn mi weh to don: wenn ik düt Book seh, denn warr ik dor
ober an dinken, wat ik mol boben up de Royals stohn hebb, in Nacht un
Störm, un ne bangen wesen bün, un wat ik innen Atlantik mol Haifisch
angelt hebb! Un dor an to dinken, dat is god, Jan, wenn en starben
mütt.«
»Harm, so snackst du nu -- un to Sommer, wenn du wedder beter büst un
wedder up grote Fohrt geihst, denn lachst du dor ober.«
Der Kranke schüttelte den Kopf.
»Mien Fohrt is ut, Jan, de grote un de lütje: ik seh de See ne wedder!
Jan, goh no See un warr en fixen Seemann! Ünner Seils ist up best!«
»Ik do ok doch, wat ik will,« sagte der Bruder bestimmt, »meenst du, wat
ik Lust hebb, bi de Buern to sleupen?«
Befriedigt nickte der Matrose, dann aber drängte er seinen Bruder
hinaus, indem er ihm sagte, er solle mal ausgucken, ob die Mutter noch
nicht käme, denn er meine, die Kirchenglocken hätten schon geläutet.
Er fühlte aber, daß der Tod in der Kammer stand, und wollte nicht, daß
der Junge ihn sterben sehen sollte. Als er allein war, blickte er noch
einmal über den Westerdeich, auf dem Klaus Störtebeker noch immer sein
rauchendes Osterfeuer bewachte. Von der Elbe herüber tuteten die Dampfer
und hinter dem Neß standen viele braune Segel auf dem Wasser.
Dann trat die große Meeresstille ein: der Tod kam und grüßte ihn. Und
Harm Külper war tapfer bis zum letzten Augenblick.
* * * * *
Mit dem Seefahrtsbuch in den Händen fanden sie ihn, und das
Seefahrtsbuch bekam er nach seinem Willen mit in den Sarg. Die gebückte
Triengretj, die Totenfrau, ging von Tür zu Tür und sagte an, daß er
Mittweeken Klock dree aus dem Hause komme. Jan Köpke kam mit dem
Leichenwagen den Deich entlanggewankt und brachte den ruhelosen
Weltumsegler, dem Tausende von Seemeilen nicht genug gewesen waren, in
einer kleinen halben Stunde zum Hafen und zur Ruhe. Störtebeker ging mit
hinter dem Sarge und trug einen großen Kranz, zu dem er das halbe Geld
aus seinem Spartopf zugeschossen hatte. Aus jedem Hause ging einer mit,
daß es eine große Leiche wurde. Am Grabe sangen die Lüneburger
Kirchenjungen, und Bodemann sprach bewegt von einem Matrosen, der
manchen Hafen und manches Meer gesehen hätte.
Nachher aber, als die Frau auch die letzten Fenster verhängte, lief
Störtebeker mit dem Vollschiff nach seinem Kahn, wriggte vom Bollwerk ab
und ließ es auf der blinkenden Elbe segeln.
Siebenter Stremel.
Der verhängten Fenster wegen verlegte Störtebeker seine Ostermoonen nach
dem Südende des Westerdeiches. Dort stand eine einsame kleine Kate, in
der Bartel Tamp mit seiner Mutter hauste, der alten Hanno Quast, von der
es hieß, daß sie nur einen Topf im Hause hätte, der abwechselnd als
Eßtopf, als Waschtopf und als Pißpott dienen müsse. Den Tisch fege sie
mit dem Besen ab. Sie hätte auch nur ein Tuch, das sie morgens als
Schürze, mittags als Tischtuch und abends als Fenstervorhang benutze.
Unter dem Herd wäre ihr Hühnerwiem, und die Ferkel hausten bei ihr im
Bettstroh.
Bartel war von Amerika gekommen, sie zu besuchen. Er sollte in Minnesota
eine große Farm haben, so groß wie ganz Finkenwärder, sagten sie:
anzusehen war ihm das aber nicht, denn er ging Sonntags und Alltags
gleich schlumpig. Und als seine Mutter starb, da zimmerte er selbst
einen Sarg zurecht, lud ihn auf die Schubkarre und fuhr ihn nach dem
Kirchhof: das wäre so Mode in Amerika, sagte er, und kümmerte sich nicht
um die Leute. Er wollte auch die Kule selbst graben, aber da kam ihm der
Totengräber Hein Bausen in die Quere, der von solcher Gottlosigkeit
nichts wissen wollte: dem es aber mehr um die achtzehn Groschen zu tun
war, die er für das Grab einzukommen hatte, als um den Frevel.
Einige Tage danach läutete die Feuerglocke, der Nachtwächter tutete und
die Feuerleute rannten in weißen Kitteln nach dem Spritzenhaus, die
Gören hinterher. Dann ging es mit Hurra durch das Land nach der Ecke des
Westerdeiches, denn Hanno Quastens Haus brannte. Als sie hinkamen, stand
die Kate in hellen Flammen und war schon beinahe gänzlich
niedergebrannt: Bartel Tamp aber rannte mit dem einzigen Topf seiner
Mutter hin und her und goß Wasser in das Feuer. Zu retten war da nichts:
als die Feuerwehr die Schläuche angeschroben und alles in Schuß hatte,
war das Haus schon zusammengestürzt und sie konnte nur noch die
Obstbäume naßspritzen. Unverdrossen aber lief Bartel mit seinem
Klütjenpott umher, sagte Goddam und rief, das hätten die Jungens getan,
die verdammten Jungens, Klaus Störtebeker und Konsorten. Störtebeker
machte, daß er weg kam, als er das hörte.
Es gab große Verhöre vor dem Polizisten, aber Störtebeker blieb dabei,
daß er es nicht getan hätte, seine Ostermoon wäre viel zu weit weg
gewesen, als daß Funken nach dem Strohdach geflogen sein könnten.
Obgleich seine Mutter ganz verzweifelt war, gab er nichts zu. Sie
drohten ihm mit der Strafschule, aber er fürchtete sich nicht. Aber es
kam doch soviel dabei heraus, daß kein Junge mehr mit ihm nach dem
Westerdeich gehen durfte, und er selbst bekam auch Kellerarrest. Es wäre
wohl noch schlimmer geworden, wenn Bartel Tamp nicht gutmütig gesagt
hätte: die Jungen sollten nicht bestraft werden! An dem alten Haus sei
nichts gelegen: er reise ja doch wieder nach Amerika!
Und er verklopfte den Hof, ließ sich das Versicherungsgeld ausbezahlen
und dampfte nach Neuyork ab.
Da kam das Gerede auf, er hätte das Haus selbst angesteckt, um das Geld
zu bekommen, und die Leute glaubten es. Aber Störtebeker war damit nicht
freigesprochen, er hieß noch lange Zeit der Brandstifter und bekam kein
gutes Wort von seiner Mutter. Die ganze Geschichte war überhaupt
verratzt, wie er sich ausdrückte, denn die Bauernknechte hatten ihm auch
noch die Bungen weggenommen und er konnte nicht mehr fischen.
Den Tag vor Gründonnerstag aber, als er sich zum ersten Mal wieder eine
Ostermoon gemacht hatte, eine ganz kleine, deren Rauch nicht weit flog,
und sich mehr als sonst umguckte, denn die Sache war jetzt gefährlich
genug, da sah er drei große, braune Segel hinter dem Giebel des Neßhofes
erscheinen, die ihm bekannt vorkamen. Er sah scharf hin, dann ließ er
das Feuer im Stich und lief in Sprüngen nach dem Bollwerk, kettete
lachend seinen Kahn los und wriggte schnell vom Deich, seinem _Vater_
entgegen.
Denn sein Vater war es: er kannte den Ewer, er sah die Flagge! Sein
Vater war wieder da!
Wie wriggte er, wie rief er:
»Höh, Vadder, höh!«
Da wurde er vom Ewer gesehen:
»Höh, Klaus Störtebeker!«
»Non, Vadder, de Reis afmokt?« ... »Jo, mien Jung!« ... »Wat geiht di
dat, Kap Horn?« ... »Och, god, Störtebeker, dat weest woll, slechte Lüd
geiht dat jümmer god!« ... »Büst ok seekrank worden, Hein Mück?« ...
»Ne, du Schietinnebüx.«
Nun hatte er den Ewer erreicht, band seinen Kahn achter an und kletterte
an Deck, streichelte Seemann und stellte sich dann bei seinem Vater hin.
Nun war alles gut -- er war wieder an Bord bei seinem Vater!
»Hein, Hein Mück, du müßt di mol rosiern loten, Minsch, hest jo all en
eulichen Snauzbort!«
Kap Horn aber sagte: »Dat is keen Bort, Störtebeker: Hein Mück hett sik
bloß en bitten annen Klütjenputt swart mokt.«
»Dor quält jo man ne üm,« schnauzte der Koch.
Vom Ruder scholl es: »Gohn den Draggen!« Der schwere Anker fiel,
rasselnd sprang die Kette nach, straffte sich und brachte den Ewer zum
Schwoien.
»Vadder, schall ik de Fock dol smieten?« rief Störtebeker, der sich
wunderte, daß sich niemand um die Segel bekümmerte, aber Klaus Mewes
erwiderte: »De Seils blieft stohn: wi weut Mudder holen un denn mit
allemann no Stadt rup!«
»Junge, jo! Dat ward fein!« sagte Störtebeker, wenngleich er nicht recht
einsehen konnte, was seine Mutter dabei sollte. Er erbot sich, sie mit
dem Kahn zu holen, aber sein Vater meinte, sie hätten noch Zeit genug
und wollten noch erst an Land Kaffee trinken. So nahmen die Leute denn
das Boot in die Tallje und setzten es über Bord. Der Schiffer warf
unterdessen die Scharben in den Reisekorb und dann schipperten sie an
den Deich, Störtebeker in seinem Kahn, die Seefischer in ihrem Boot.
Hein Mück wriggte. »Inne Wett, Hein, de up irst ant Bullwark kummt, hett
wunnen!« rief der Junge und wriggte aus Leibeskräften -- und richtig
wurde er dem schweren Boot leicht über.
Gesa stand schon auf dem Deich und lachte ihnen aus glücklichem Herzen
entgegen. In diesem Augenblick sah sie nur die Sonne, die auf der Elbe
und auf ihres Mannes Gesicht lag, und dachte nicht an die Stürme, an den
Nebel und an die dunkeln Nächte.
»Mudder, du schallst di gliek klor moken, hett Vadder seggt: wi weut
alltohopen mit no Altno rup!« -- rief Störtebeker schon von unten.
Lachend gab der große Seefischer seiner jungen Frau die Hand und hielt
ihre fest: »Goden Dag!«
»Goden Dag!« sagte sie verhalten und wollte ihre Hand lösen, aber er
hielt sie fest und sah ihr in die Augen. Da wurde sie rot und sagte
verwirrt: »Lot mi doch los, Klaus, wat scheut de Lüd dinken!«
Er hielt sie fester und hätte sie noch lange nicht losgelassen, wenn
nicht der Junge dazwischengetreten wäre und gesagt hätte: »To, Vadder,
lot ehr los, se schall sik klor moken!«
»Wullt mit, Mudder?«
Sie nickte: »Jo, dütmol goh ik mit, Vadder! Is jo scheun Wedder!«
Dann saßen sie beim Kaffee und aßen und tranken, die großen, braunen
Gesellen, die sich fünf Wochen auf der See herumgetrieben hatten, und
konnten alle drei kaum soviel antworten, als Störtebeker fragte. Er
mußte alles wissen, wo sie gefischt und wieviel sie gefangen hatten, wo
sie zu Markt gewesen waren und wieviel sie gebört hatten, was für Wetter
sie gehabt hatten und so weiter. Wie eine Mühle ging ihm der Mund, wie
eine Pfeffermühle.
Gesa zog ihren Sonntagsstaat an und machte Störtebeker stadtgemäß,
obgleich er sich zur Wehr setzte, denn er mochte nicht glatt gehen. Das
Viehwerk wurde in die Obhut der Nachbarin gegeben, dann ging es mit Kahn
und Boot nach dem Ewer hinaus, der sich groß und schön auf dem blanken
Wasser spiegelte: Klippklapp sagte das Spill, als die Kette aufgehievt
wurde.
Die Flut nahm sie auf ihren breiten Rücken und brachte sie durch das
Nienstedter Loch nach dem Fahrwasser zwischen die vielen Segel; dort war
soviel Wind, daß sie in geruhiger Fahrt bald bis Altona kamen, wo sie an
der Fischerbrücke Tamp legten. Störtebeker spielte bald mit Seemann auf
den Luken, bald nahm er Kap Horn in seemännischen Angelegenheiten in
Anspruch, bald guckte er neugierig in den Bünn, in dem das Wasser
wirbelte und ab und zu eine Scholle auftauchte, um schnell wieder
hinunter zu schwimmen, bald saß er auf der Kapp bei Hein Mück, der
Kartoffeln schälte, und aß getrocknete Knurrhähne. Oder er besah die
Seeäpfel und Seesterne, die sie ihm mitgebracht hatten.
Er überholte die Schieblade, in die sein Vater die Pfennige zu tun
pflegte, und grabbelte eine ganze Handvoll Kupfer heraus. Dann spielte
er den Schelm und kratzte am Mast, damit mehr Wind komme. Und wenn seine
Mutter ängstlich den ankommenden Dampfern entgegensah, die Entfernungen
maß und bat: »Vadder, stür doch af, wat wi keen Hoveree kriegt,« dann
lachte er sie aus und sagte: »Mudder: de Damper mütt dat Seilschipp ut
den Weg gohn! Wi brukt uns ne to wohren.«
»Worum denn nich?« fragte Kap Horn lauernd.
»Vadder seggt dat,« gab Störtebeker zur Antwort, »un de mütt dat doch
weten!«
»Jo, mütt he ok,« bestätigte der Schiffer vergnügt und guckte an dem
großen Reisdampfer hinauf, der sich schwer und gewaltig an ihnen
vorbeischob. »Störtebeker, wat is dat förn Stiemer?« Der Junge sah nach
der Flagge am Heck. »En Ingelschmann.«
Auf der Back stand eine Anzahl halbnackter Singhalesen.
»U, kiek, Vadder, dor stoht Swarte boben!«
Eben vor Altona fing Gesa an, zu berichten, was der Junge in der Zeit
angerichtet hatte. Sie saß auf den Luken und knüttete an ihrem Strumpf,
aber sie hatte sich keine gute Stunde für ihre Klage ausgesucht. Denn
erst sagte Störtebeker mit mildem Vorwurf: »Mudder, wi sitt hier nu so
scheun up Deck un fohrt so mooi no Hamborg un nu fangst du dorvan an!«
Und er stand auf und ging nach dem Steven. Klaus Mewes nahm den Bericht
noch leichter: so hätte er es als Junge auch gemacht, sagte er sorglos,
sie solle ihn nur gewähren lassen. Der Junge solle ja kein Pastor,
sondern Fischermann werden.
»Räuberhauptmann ward he, Klaus, ik segg di dat.«
»Gesa, mok doch kein Schop bang.«
»So veel du nu ober em lachst, müßt du noch mol ober em weenen!«
»Ne, dat gläuf ik ne, Diern!«
Unbekümmert sah er drein, als könne er sein Leben schon überschauen.
»Bestrof em, Klaus!«
»Mien gode Diern, meenst du, wenn ik ut See komm, will ik up den Jungen
rümkloppen? Gott schall mi bewohren, dat ik dat do! Man still, Gesa,
anner Reis nehm ik em vullicht all mit no See, denn kann he an Land keen
Undöt mihr moken!«
Da gab sie es auf.
* * * * *
Sie nahmen die Segel herunter und setzten sich zum Abendbrot nieder.
Gebratene Schollen gab es, das beste von der See. Störtebeker stimmte
eine Art Lobgesang an und aß wie ein Scheunendrescher.
Als sie noch um die Pfanne saßen, kamen bereits die ersten Reisenkäufer,
Fischhändler, deren Gewerb es war, den Fischern die ganze Reise
abzukaufen und die Schollen aus dem Bünn zu verhökern. Sie boten einen
guten, runden Preis, aber Klaus Mewes vergab die Reise nicht, denn es
waren erst drei Ewer an der Brücke und er konnte auf einen guten Markt
hoffen: auch war er von der Weser gewohnt, seine Schollen selbst zu
verhandeln. Die Händler drängten:
»Dor komt hüt Nacht noch mehr, Käppen Mewes!«
»Lot jüm kommen, Petersen, wi weut all leben,« lachte Klaus Mewes.
»Dat Woter is slecht, di blieft de Fisch bet morgen all dot, Mewes!«
»Lot jüm blieben, Meier, wi möt all starben,« bemerkte er trocken.
Da war nichts zu machen: er ließ sich nicht einmal nach Eierkohrs
einladen, sondern sagte, wenn er durstig wäre, könne er sich noch selbst
einen kaufen. Und er sog ruhig an den Gräten.
Der Ewer dümpelte auf und ab, hin und her, als wenn er in der
Helgoländer Dünung klüse, denn das Wasser wurde durch die vielen Dampfer
in beständiger Bewegung gehalten.
Gesa wurde düsig. Sie ging an Deck. »Du büst seekrank, Mudder, weest,
wat dat is?« rief Störtebeker hinter ihr her.
»Paß man up, di geiht dat nix beter,« steckte Kap Horn es ihm, aber er
lachte sicher und sagte: »Nix zu machen, Herr: ik bün seefast!«
»Wi spreekt uns to Sommer bi Hilchland wedder,« warf Hein Mück
dazwischen, aber Störtebeker erwehrte sich auch dieses Angreifers, indem
er spottend rief: »Wees du doch man ganz still, Hein, du hest jo för dot
inne Koi legen, ast weihn worden is!«
Sein Vater zog sich um und machte sich landfein. Dann ging er mit Gesa
die Brücke hinan: sie wollten nach St. Pauli hinauf und mal in den
Tingeltangel gucken, sagte er, und sie ging gern mit, weil sie das ewige
Dümpeln des Fahrzeuges nicht mehr aushalten konnte. Störtebeker mußte an
Bord bleiben, was er auch gern tat, denn aus solcher Musiktüdelei
machte er sich nichts, er blieb am Deich nicht einmal bei den
Nudelkastenmännern stehen.
Zudem gab es Arbeit. Knecht und Junge gingen dabei und ketscherten den
Bünn durch. Alle toten Schollen und die schon fleckig gewordenen wurden
herausgesucht. Störtebeker mußte sie vorn aufs Deck legen, damit sie
sich besser hielten. Als das Deck voll war, breiteten sie den großen
Klüver darüber, damit ihnen nichts gestohlen werden sollte.
Hein Mück fand auf den andern Ewern gute Gesellschaft und warf sich zum
Wohltäter auf, weil er so lange auf der Weser gewesen war und einen
schönen Schilling in der Knipptasche hatte. Sie petteten sich nach der
Hafenstraße hinauf und genehmigten bei Martin Barghusen, dem Schlafbaas,
einige deftige Eisbrecher.
Kap Horn aber saß mit Störtebeker auf der Kapp und wies ihm die Rahen
der großen Segelschiffe, die bei Blohm und Voß dockten, und nannte alle
Segel und Taue mit Namen, er erzählte ihm von der großen Fahrt und von
dem schweren Wetter bei Kap Horn. Der Junge hörte nipp zu, wie er dem
todkranken Matrosen zugehört hatte. Wenn der Knecht aber an gefährlichen
Stellen beiläufig hinzufügte: »Dor harrst doch bang bi worden, nich,
Störtebeker?« -- dann sagte der Junge jedesmal ernsthaft: »Ne, bang
harrk ne worden!«
So saßen sie in der Dämmerung und sahen die Lichter auf dem Wasser
schießen. Dem alten Janmaat kam der kleine Junge in den Sinn, den sie
auf der dänischen Bark an Bord gehabt hatten und mit dem er sich auch
viel abgegeben hatte, mehr beinahe, als seinem Vater, dem Kapitän, lieb
gewesen war, denn der Junge war mehr vor dem Mast gewesen als auf dem
Achterdeck. Den kleinen Janmaaten hatten sie ihn geheißen. Das war ein
stiller Junge gewesen, dieser Störtebeker war ein wilder Ungestüm: jener
war auf der Höhe von Rio gestorben und nach Seemannsbrauch bestattet
worden -- er selbst hatte ihn in Segeltuch eingenäht --: dieser lebte
und drängte mit allen Kräften nach der See, als wenn er an Land nicht
leben könne.