die Mutter auch sah. Als die Luft rein war, trat er auf die dunkle
Diele, denn bange war er nicht. »U, Sill, wat bitt de Rook mi inne
Ogen,« rief er.
»Jä, jä, de Rook! De is slecht för de Ogen, obersen god för de
Schinken,« sagte die Alte und kroch in das Kellerloch hinein, das unter
den Wandbetten war.
»Junge, wat en barg Schinken! Hürt di de all to, Sill?«
Sill saß ganz im Stroh und musselte darin umher, wie ein Schwein im
frischbestreuten Koben. Zu sehen war gar nichts mehr von ihr, nur noch
zu hören. Ein anderes Kind wäre ängstlich geworden und hätte die Beine
in die Hand genommen, aber Störtebeker wußte nichts davon.
»Wat seggst du, Junge?«
»Ik meen, wat dat all dien Schinken sünd?« wiederholte er lauter.
»Jo, all mien Schinken.«
»Diern, denn kannst du di woll frein!«
Die schwarze Katze erhob sich auf dem Herde und sah ihn mit glühenden
Augen an. »Is dat de Katt oder de Koter, Sill?«
Die Alte tauchte gerade wieder aus der Versenkung auf, wie der Geist von
Hamlets Vater. Sie hatte Strohhalme in den Haaren und zwei Äpfel in der
knochigen Hand.
»Dat is de Koter, Störtebeker, de Koter is dat. De Katt hett Junge: wenn
du Lust hest, kannst jüm offermorgen all versupen.«
»Jo, Sill, dat mokt jo Spoß,« sagte er gemütlich, sie aber gab ihm die
Äpfel und bemerkte dazu, es seien die letzten, die wären für die Fische
von damals und er solle sie sich nur schmecken lassen. Er nahm sie ohne
Danke an und machte, daß er hinaus kam, denn er konnte den beißenden
Rauch nicht mehr aushalten.
Auf dem Deich überlegte er, was er nun tun sollte, und betrachtete die
schönen, rotbäckigen Äpfel. Wie fein die rochen! Ob sie wohl behext
waren und ob er wohl krank davon wurde, wenn er sie aß? Die Mutter hatte
es gesagt, aber sein Vater hatte darüber gelacht, und sein Vater war der
Oberste für ihn: er wollte sie getrost essen.
»Klaus, kumm hier mol her! Wat hest du dor, wat sünd dat för Appeln?« --
rief die Mutter, die mit einem Mal neben ihm stand. O weh -- das hätte
nicht kommen dürfen. »Kantappeln, Mudder!« »Keen hett di de geben?«
Junge, daß sein Vater ihm das Lügen verboten hatte! Nun mußte er mit der
Wahrheit an den Tag. »Sill, för de Schullen, de ik ehr to bröcht hebb.«
»Her de Appeln!«
»Och, Mudder!«
»Her de Appeln, de schallst du ne upeten!«
»Och, Mudder, lot mi de doch, kebb solangen keen Appeln mihr hatt!«
»Giffst du de her, Klaus?«
Er wollte flüchten, aber sie kriegte ihn am Hosenträger und nahm sie ihm
weg. Hastig steckte sie sie in die große Tasche, die sie unter der
Schürze trug, und ging ins Haus zurück. Störtebeker lief hinterher und
versuchte, sie ihr wieder abzuschnacken, aber er erreichte es nicht, sie
war unerbittlich. Da legte er sich auf die Lauer und beobachtete sie
heimlich, ohne daß sie es gewahr wurde. Und als er sie später aus der
Tür kommen hörte, da versteckte er sich schnell im Binnendeich hinter
der dicken Wichel. Gesa sah sich scheu um, ob auch einer guckte, dann
lief sie in den Garten, grub ein Loch und steckte die Äpfel hinein, um
die Hexerei unwirksam zu machen.
Kaum war sie aber wieder oben, als Störtebeker geschlichen kam und die
Äpfel wieder ausgrub. Diesmal besah er sie nicht lange, sondern wischte
sie schnell an der englischledernen Hose ab und steckte sie in die
Tasche. Erst als er in sicherem Versteck am Westerdeich saß, in seinem
Storchnest, das er sich im Wipfel einer abseits stehenden Esche gebaut
hatte, betrachtete er sie wieder und aß sie dann mit großem Behagen auf,
ohne bange zu sein, daß er krank danach werden könne. Dazu schmeckten
sie viel zu gut.
Als er wieder nach Hause kam, dick und satt, lag ein gelber Prinzapfel
auf dem Tische und die Mutter sagte: »Kiek, Klaus, dor hebb ik noch een
van uns egen Appeln int Heid funnen, de smeckt beter un dor warrst du ne
krank van. Den et man up.«
Störtebeker verachtete natürlich auch diese Kost nicht, aber er sagte
doch: »Van wegen beter, Mudder, dat will ik di man seggen: ik mag Kant
leber as Prins!«
* * * * *
Einige Tage danach brachte ein starker Westwind eine hohe Tide Wasser
und brach die Fleek, das Eis, in tausend Stücke, schob das meiste davon
auf den Deich und ebbte den Rest nach der See hinab. Dann machten Regen
und Sonnenschein reine Bahn bis auf die Sandhügel und Schlickhaufen im
Gras. Nun hatte Störtebeker freies Wasser für seinen Seeräuberkahn, er
konnte wriggen und rudern, soviel er wollte. Jede Tide stieß er eben vor
der Flut vom Sielgraben ab, ließ sich stromab treiben und legte sich
zwischen Blankenese und dem Schweinesand auf die Lauer, warf den Draggen
aus und harrte der Schiffe, die mit der Flut heraufkommen sollten, denn
jetzt mußte und mußte sein Vater bald dabei sein. Zehn Tage war er schon
weg. Die Dünung der Dampfer tanzte mit seinem Fahrzeug auf und ab, --
das erfreute ihn, denn so mußte er doch zuletzt seefest werden.
Wie er spähte! Wenn große Drei- oder Viermaster vorbeigeschleppt wurden,
warf er den Kopf in den Nacken und guckte nach den Rahen und Masten
hinauf. Dampfer sah er feindselig an, denn er wußte, daß sein Vater
nichts von den Stiemkästen hielt und daß auch Kap Horn nicht gut auf sie
zu sprechen war. Was da sonst noch segelte und kreuzte, Dreuchewer,
Jalken, Kuffen, Schaluppen und Galjassen, fand auch wenig Gnade vor
seinen Augen, das waren Dwarstreiber und Torfschipper bei ihm.
Aber die richtigen Ewer, die Fischerewer, das waren Schiffe für ihn,
denen wriggte er entgegen und die begrüßte er: »Hebbt ji Vadder ne sehn?
Hett he ne bi jo fischt? Kummt he bald?« Wußten die Fahrensleute dann
mitunter nicht, wer er war, die Auer oder die Lüneburger, dann drehte er
einfach seinen Kahn so, daß sie seinen Namen »Klaus Störtebeker« lesen
konnten, -- dann wußten sie gleich Bescheid und dann hieß es ja oder
nein, sie hätten bei ihm gefischt, er käme bald, oder sie hätten ihn
nicht gesehen, er müsse wohl in der Süd zugange sein oder er wäre nach
der Weser gesegelt. Es waren auch Schelme da, die riefen, sein Vater sei
nach Janmerika gefahren und käme erst Weihnachten wieder. Und Besorgte,
die ihn ermahnten, nicht so weit hinaus zu schippern, sondern am
Bollwerk zu bleiben. Nur was er am liebsten hören wollte: daß einer
sagte: »Dor seilt dien Vadder, dor achter: schipper em man inne Meut!«
-- das bekam er nicht zu hören, und den schönsten Ewer kriegte er nicht
zu sehen, so weit er auch blickte.
Hinter ihm machten sie die Flagge klar, um dem Deich zu winken und die
Frauen zu grüßen: er sah es mit einem bitteren Geschmack im Munde.
Abends wriggte er niedergeschlagen zurück. Wenn er dann noch den Deich
entlang mußte, benachrichtigte er wohl die Frauen, deren Männer
aufgekommen waren: Geschen, ik hebb mit Hannis snackt: du schullst man
noch mit den Negendampfer nokommen! Oder: Trino, Hein is upkommen, hett
tweehunnert Stieg Schullen. Und wenn auch die Frauen meistens schon
Bescheid wußten, wenn sie auch schon gewinkt hatten, so freuten sie sich
doch der Bestätigung und sahen den kleinen Störtebeker freundlicher an,
um so eher, als er nicht für Geld ansagte, wie die andern Jungen, die
sich gemeinsam ein Fernrohr gekauft hatten und einen förmlichen
Fischerfrauenbenachrichtigungsdienst auf Teilung unterhielten.
Störtebeker aber war zu stolz, Geld anzunehmen. »Behol man, ik verdeen
Gild nog mit mien Fisch un mien Kninken,« sagte er, wenn ihm eine einen
Groschen geben wollte.
Einen Tag, als er draußen war, lief ein großer, grauer Manofwar, ein
deutsches Kriegsschiff, dicht an ihm entlang. Schon von Schulau an hatte
es sich durch langgezogenes Heulen bemerkbar gemacht -- langsam glitt es
nun vorüber. Er guckte es groß an, denn auf einem solchen Manofwar war
auch sein Vater gewesen, als er gedient hatte. An der Reeling standen
viele Mariner und guckten ihn an, weil er so jung war und doch schon
mitten auf der Elbe wriggte. Mit einem Male aber winkte ein Matrose und
rief: »Hallo, Störtebeker!« Das war Jan Greun, der auf der anderen Seite
von der Stegel wohnte: wat müß Hein Saß sik wunnern!
»Höh, Jan! Wat kummst du denn hier her, ik meen, du würst in Schino!«
»Lurst du up dien Vadder?«
»Jo, Jan! He kummt man bloß ne.«
Störtebeker rief noch, er solle man mal mit den Kanonen losballern, auch
fragte er Jan, ob er seine Braut grüßen solle, dann war das Kriegsschiff
vorüber und er mußte machen, daß er den Steven seines Kahnes gegen die
anlaufende, große Dünung drehte.
Bald nachher kam Hein Rolf mit seinem Kutter vorbei, und als der Junge
in gewohnter Weise fragte, da bekam er die Antwort:
»Jo, dien Vadder hett mit uns tohop fischt! He hett ok de Reis, he is
ober no Bremerhoben gohn! Segg dien Mudder man Bescheed!«
»Is dat eulich wohr, Hein?«
»Jo, meenst, wat ik di wat vörleeg?«
Da schipperte Störtebeker traurig nach dem Deich zurück. Nach der Weser
war sein Vater! Das konnte ja schön werden, denn das letzte Jahr war er
auch immer dahin gewesen, so daß die Mutter manchmal geklagt hatte: wenn
du irst eenmol up de Wesser ween büst, denn fohrst dor woll gliek söben
Mol no de Ratt hin! Nun konnte es wieder so kommen, daß er immer dahin
segelte.
»Mudder, weest, neem Vadder is?« fragte er, als sie beim Kaffee saßen.
»In Bremerhoben! Ik hebb mit Hein Rolf snackt, de hett bi em fischt!«
»Gott Loff un Dank, dat Vadder de Reis hett und an Land is,« sagte die
Mutter erfreut.
»He harr ober man no Hus kommen müßt,« sagte er darauf, »wat deit he no
de Wesser hin?«
»Dat mütt Vadder sülben weten,« erklärte sie aber, »dor is he dichter bi
de See un hett dor ok woll noch en beter Markt as boben an Altno.«
* * * * *
Und richtig erzählte die Stutenfrau, die lebendige Zeitung des Deiches,
am andern Morgen, daß so viel Schollen oben an der Brücke wären, daß
kein einziger Ewer leer geworden sei. Sie müßten alle überliegen und
hätten morgen wohl nur noch tote Fische im Bünn, die sie den
Hökerweibern nachwerfen könnten, ohne daß diese sich auch nur umguckten.
Da sah Gesa ihren Jungen an: doch man god, wat Vadder no de Wesser is!
-- aber Störtebeker steckte eine hochmütige Miene auf, die heißen
sollte: teuft man af, in Bremerhoben is dat Markt vullicht noch
slechter!
Die Stutenfrau erzählte weiter, daß Metta Focken Zwillinge bekommen
hätte -- twee lütje Jungens, ober krekel un gesund! -- daß Hinnik Bott
seinen Ewer kondemmen ließe und daß Jochen Fahjes Knecht auf See über
Bord gekommen und ertrunken sei, nachts. Er hätte sich noch lange über
Wasser gehalten, aber sie hätten ihn nicht wiederfinden können, weil es
so dunkel gewesen wäre. »Jochen, rett mi, Jochen, rett mi!« hätte er
immer gerufen, bis er weggesunken sei, die schweren Seestiefel hätten
ihn zuletzt hinuntergezogen. »Is man en Butenlanner, Gorch hett he
heten, ober wat is dat bedreuft,« schloß die Frau.
Störtebeker lehnte am Deichpfahl, einem abgesägten Kurrbaum, der noch
die Zeichen H. F. 125 trug, und hörte zu.
Sechster Stremel.
Störtebeker stand binnendeichs und heilte seine Bunge aus, die zwei
große Löcher hatte; entweder war ein Hecht hindurchgeschossen, oder der
Bauer hatte sie mit Willen entzweigestoßen. Da begab es sich, daß der
Briefträger den Deich entlang kam. Als der Junge ihn sah, dachte er an
einen Brief von seinem Vater, aber er mochte doch nicht fragen. Erst,
als er Jan Beier in das Schütt gehen sah, ließ er die Bunge liegen und
sauste ins Haus hinein.
»Van Bremen, Gesa,« sagte der Briefträger gerade und gab seiner Mutter
einen Brief, wobei er den Herd mit den Augen streifte und lüsterte, ob
der Kessel über dem Feuer hing. Und als er das Wasser singen hörte,
hellte sich seine Miene auf, er holte den großen Beutel aus der
Hosentasche, setzte ihn gewichtig auf den Tisch und sagte: »Hunnert
Doler, mien Diern!«
»Junge, Junge, Mudder, wat en Hümpel!« rief Störtebeker aus, als er die
Goldstücke sah, dann aber wurde er nachdenklich und sagte: »Wat kann dat
angohn? Wenn Vadder de Schullen uthökert, denn kriegt he doch luter
Groschens un nu sündt mit eenmol all Guldstücker?«
»Jä, dat zaubert wi uppe Post all trecht,« antwortete der Postkerl
geheimnisvoll.
Gesa holte geschwind ein Glas aus dem Teeschapp und tat Rum und Zucker
hinein, denn es war Jan Beiers herkömmliches Recht, daß er einen Grog
verlangen konnte, wenn er Geld gebracht hatte. Er setzte die Mütze auf
den Tisch, die Störtebeker wie einen Maikäfer betrachtete, holte das
rotbunte Taschentuch heraus und wischte sich die Stirn, obgleich ihn gar
nicht schwitzte, dann ließ er eine kleine Rede über den langen Weg und
sein Alter los, um sich vor der Kaiserlich Deutschen Reichspost zu
rechtfertigen, zuletzt aber zerstieß er den Zucker und rührte den Grog
liebevoll um; er hielt das Glas gegen das Licht, er probte, wie ein
Weinküfer, mit geschlossenen Augen, und nickte, zum Zeichen, daß er
gegen das Verhältnis der Zutaten nichts einzuwenden wußte, schließlich
aber trank er das Glas in einem Zuge leer und sagte zu Störtebeker: »Dat
Glas kannst du utlicken.«
»Ik bün keen Restensuper,« sagte der Junge verächtlich und schob das
Glas von sich, Jan Beier aber machte sich reisefertig, nahm seinen
Gutentagstock aus der Ecke und ging aus der Tür mit den hergebrachten
Worten: »So, nu geiht dat irst mol wedder! Adjüst, mien Diern!«
»Jüst, Jan!«
»Junge, Junge, Mudder: Vadder, de kannt ober!« rief Störtebeker
bewundernd, sie aber steckte das Geld schnell in die Kommode und verbot
ihm, es am Deich zu erzählen, wieviel sie bekommen hatte. Dann machte
sie den Brief auf, auf dessen Umschlag wie immer nur stand:
Klaus Mewes, Finkenwärder,
ohne Herrn und ohne Elbdeich und ohne: bei Hamburg. »Se findt mi ok so,«
pflegte Klaus Mewes heiter zu sagen, wenn Gesa ihm das vorhielt.
Sie las den Brief dem Jungen vor, erst hochdeutsch, wie er geschrieben,
und dann plattdeutsch, wie er gemeint war. Diese Briefe von der Fahrt
waren einander dermaßen gleich, daß Gesa schon manches Mal gesagt hatte,
sie wolle sie ihm vorschreiben bis auf dreierlei, das er dann nur noch
auszufüllen hätte: den Hafen, das Datum, die Geldsumme.
Bremen, den 29. März 1887.
Liebe Gesa!
Wir sind hier glücklich angekommen, haben 300 Stieg gehabt und
350 Mark gemacht. Ich schicke Dir 300. In Bremerhaven war es zu
voll, deshalb sind wir raufgesegelt und haben es ganz gut
getroffen. Diese Nacht gehen wir wieder runter. Ob wir die andre
Reise nach Hause kommen, weiß ich noch nicht. Das Markt ist ja
immer so schlecht auf der Elbe. Wenn Störtebeker mitgegangen
wäre, hätte ich ihm schön Bremen zeigen können. Wir sind noch
gesund und munter, was ich auch von Euch hoffe.
Jetzt will ich schließen.
Mit Gruß an Dich und Störtebeker
Dein Mann Klaus Mewes.
Bei der Übersetzung rief Störtebeker einmal: »Och, de scheebe Weg no
Bremen!« Das war eine Redensart am Deich. Und bei der Stelle: Bremen
zeigen: rief er: »Jo, dat keem anners ut as dat anner Bremenwiesen!« Die
Seefischer fragten wohl die Kinder: Schall ik di mol Bremen wiesen? Und
sagte ein Junge ja, so faßten sie ihn bei den Ohren an und hoben ihn in
die Höhe und fragten solange, ob er Bremen nun sehen könne, bis er
gequält ja sagte.
Im ganzen war Störtebeker aber mit dem Brief nicht zufrieden, denn sein
Vater wollte ja noch länger nach der Weser fahren. Verdrossen ging er
wieder an seine Arbeit.
Was sein Vater wohl immer auf der Weser wollte? Nachher, wenn er erst
mit an Bord war, konnte es seinetwegen gern immer nach Bremen gehen,
aber erst sollte sein Vater kommen und ihn holen!
Nach einiger Zeit begann es zu tröpfeln, da trug er sein Netz nach dem
Schauer und heilte dort weiter, unter den großen Namenbrettern
gestrandeter Schiffe aus der alten Zeit, als noch gute Beute zu machen
war, _Büt_, wie 73, als eine englische Bark mit Kupfererz auf
Großvogelsand strandete, oder wie 80, als ein amerikanischer Klipper mit
Erdöl auf Scharhörn entzweiging. Viele der Schauer hinter dem Deich
trugen diese Namenbretter als Zier, manchen Schweinekoben schmückte eine
Inschrift, wie »Kalliope«, »Ceres«, »Fare well« oder »Merkur«.
Das Schauer von Klaus Mewes wies fünf Namenbretter auf, davon zwei mit
Goldbuchstaben, und über dem vorderen Eingang stand eine gekrönte
Jungfrau, die Gallionsfigur eines Vollschiffes, einst von Albatrossen
umschwebt, von fliegenden Fischen umschwirrt -- nun von Spatzen umpiept,
von Hühnern umgackert.
Von den fünf Brettern hatte Klaus Mewes aber nur eins angemacht, das mit
der goldenen Inschrift:
+----------------------------+
| Suzanne -- LE HAVRE |
+----------------------------+
die andern vier stammten von seinem Vater, dem großen Beutemacher, und
hießen:
+-----------------+ +--------------------------+
| HOFFNUNG | | Goede Verwachting |
+-----------------+ +--------------------------+
+------------------------+ +----------------------+
| HAABET -- SKIEN | | MARY THOMPSON |
+------------------------+ +----------------------+
* * * * *
Es war ein Trost für Störtebeker, daß seine eigene Fischerei in diesen
Tagen besser wurde, er fing beinahe jede Nacht etwas. Und weil sein
Vater in den ersten sechs oder acht Tagen ja doch noch nicht kommen
konnte, er also nicht nach dem Fahrwasser zu schippern brauchte, warf er
sich mit großem Eifer aufs Knütten und bekam die Bunge fertig. Der Jäger
stellte sie ihm ein und dann fischte er mit doppeltem Geschirr. Zuletzt
saß das Hütfaß voll von Hechten, Sturbarschen, Schleien, Rotaugen und
Karauschen und er mußte daran denken, sie an den Markt zu bringen.
Da trat der seltene Fall ein, daß er seine Mutter einmal gebrauchte,
denn er konnte nicht bitten, wie er nicht danken konnte. Gesa mußte hin
und Hannes Husteen fragen, ob er die Fische mit nach Altona hinauf
nehmen wolle. Erst hatte sie sich zum Schein geweigert: »Frog em man
sülben, büst jo grot un kannst jo snacken,« da sagte er aber kurz und
bündig: »Non, denn ist god, denn lot de Fisch man all krüssen, denn lots
man dot blieben.« Hätte sie freilich gesagt, er wäre wohl bange, daß er
selbst nicht fragen möge, so wäre er gewiß zu dem Fischer gelaufen: sie
dachte aber nicht daran, sondern tat den Gang für ihn.
»Will he jüm mithebben, Mudder?«
»Jo, schallst jüm ober furts hinbringen, he geiht gliek rup!«
Da packte Störtebeker seine Fische in ein Netz, lief damit nach der
Jolle, die im Sielgraben lag und schon ungeduldig mit dem Segel giekte,
und hängte sie in den Bünn. Hannes Husteen machte spaßeshalber einige
Einwendungen: wenn bloß ne son slecht Markt is, dat ik jüm los warr ...
de Dinger sünd ok so lütj: wenn de de Hökerwieber man nehmt ... Als
Störtebeker aber sagte: »Denn schallst du jüm gorne mithebben, du
Bangbüx,« und den Bünn wieder aufmachen wollte, da hielt der Elbfischer
ihn zurück und gelobte, sein Bestes zu tun und die Fische so teuer als
möglich zu verkaufen und wenn er sie dem Bürgermeister von Hamburg
selbst ins Haus bringen müsse und die Tide darüber versäume.
Achtundzwanzig Groschen bekam Gesa den andern Tag für ihren Jungen
ausbezahlt. Störtebeker, der die Elbfischerfrau ankommen sah, versteckte
sich schnell, damit er nicht Danke zu sagen brauchte.
* * * * *
Sein Vater fuhr weiter nach der Weser, als wenn er den Weg nach der Elbe
ganz vergessen hätte. Bald kam eine Kunde von Geestemünde, bald von
Vegesack oder Elsfleth oder Bremen oder Brake, einmal sogar von
Oldenburg. Klaus Mewes kroch in alle kleinen Löcher hinein und versorgte
die ganze Unterweser mit springenlebendigen Klapperschollen und mit
Finkenwärder Plattdeutsch. Sie kannten den fröhlichen Finken an Geeste,
Hunte, Lesum und Weser gleich gut und freuten sich, wenn er mit
aufgekrempelten Armen auf den Luken stand und seine Fische pries. Nach
dem Elbdeich kamen nur Briefe und Anweisungen auf Geld.
Störtebeker war böse auf seinen Vater und er machte seiner Mutter
gegenüber kein Hehl daraus. Zumal mittags tat er den Mund auf wie ein
Kesselflicker. Nach dem Fahrwasser ruderte er nur noch selten hinaus,
denn der Ewer kam ja doch nicht und die Seefischer lachten ihn ja schon
bald aus, wenn er fragte.
Er hätte wohl nicht gewußt, was er mit seiner Zeit anfangen solle, wenn
die Eve nicht sieben Junge gekriegt hätte, die ihm viel Arbeit machten,
und wenn nicht die Tage der Ostermoonen angebrochen wären.
Die Tage der Ostermoonen, der Osterfeuer am Westerdeich!
* * * * *
Was steckt in den Jungen, daß sie die Feuer anzünden, wenn die Sonne
höher steigt? Die alte Heidenfreude ist es, die Freude an der Welt, an
der Sonne und am Licht, die sich dunkel in ihnen regt. Die Alten stehen
ihr ferner und können schon auf die Osterbrennerei schelten. Aber wie
das junge Tier dem Urtier ähnlicher ist als das ausgewachsene,
entwickelte, so steht auch das Kind dem früheren Menschen näher als der
Mann: es horcht auf Stimmen, die in uns längst verklungen sind. Ihr
Eltern und Lehrer, habt Ihr das bedacht? Nein? So bedenkt es jetzt und
seht mit Ehrfurcht auf das Kind -- straft es nicht um seine
Osterflammen!
»Johannisfeuer bleibe unverwehrt!«
* * * * *
Kniehoch lag der Feek am Westerdeich, ein Gemengsel aus Schilf, Reet,
Binsen und Gras, das die winterlichen Sturmfluten zusammengeworfen
hatten, und als die Sonne es etwas getrocknet hatte, da wurde es
hümpelweise in Brand gesetzt. Und der Baas der Ostermoonen war Klaus
Störtebeker, er führte die Rotte der Jungen an, die jeden Tag, an dem es
nicht mit Mulden goß, den Westerdeich belebte. Streichhölzer wurden
immer einige aufgetrieben, und da in allen strammgezogenen Hosen Feuer
saß, so qualmte ein Hümpel nach dem andern. Wie Wigwams eines
Indianerdorfes sahen die Feekhümpel aus: die Jungen lagen daneben,
pusteten und husteten, machten an der Windseite Luftlöcher, schleppten
wieder Feek herbei und freuten sich über den dicken, weißen Rauch, der
bei dem ewigen Westwind meistens das ganze Eiland durchzog und vom Neß
bis nach dem Audeich zu riechen war. Jeder setzte seinen Ehrgeiz darein,
die größte Ostermoon zu haben! Meistens hatte Störtebeker sie.
Die Leute auf dem Felde schalten, der Pastor wetterte in der Kirche
gegen den heidnischen Greuel, der Polizist vertrieb die Jungen, die
Bauern hetzten sie mit den Hunden, die Frauen taten alles mögliche, --
aber die Jungen ließen sich durch nichts abhalten: sie fanden sich immer
wieder zusammen und steckten die Feuer wieder an. Rauchgeschwärzt saßen
oder standen sie bei ihren Ostermoonen: auf dem Deich aber ging einer
von ihnen Wache, und zeigte sich etwas, ein Hund oder ein Mensch, so
zerstob die Bande und verbarg sich in dem unwegsamen Inselgewirr der
Püttensümpfe, zog die Bretter ab und saß in den Erlenbüschen, hinter dem
Reet und den dicken Wicheln, bis die Gefahr vorüber war. Störtebeker war
der letzte, der die Feuer im Stich ließ, er war auch der erste, der
wieder aus den Pütten kroch, und vergaß niemals zu sagen: »Ik bün obers
ne bang, Jungens!« Er warf stets das nasseste Zeug auf, damit es tüchtig
räucherte, und fand es ganz vergnüglich, auch einmal eine alte Wichel in
Brand zu setzen. Abends wusch er sich Gesicht und Hände im Graben und
ging befriedigt nach Hause, ohne sich um die weiterschwelenden Feuer zu
quälen. »Lot man brinnen,« sagte er zu seiner Mutter, wenn sie manchmal
in der Dämmerung mit anderen besorgten Frauen hinlief und die Flammen
dämpfte, damit nicht alle Bäume in Brand kommen sollten.
Ihre Strafpredigten hörte er ungerührt an: Ostermoonen müßten sein: sein
Vater hätte sie als Junge auch gehabt, so verteidigte er sich und fand
am andern Morgen wieder den Weg nach dem Westerdeich.
* * * * *
In der Giebelstube des letzten Hauses lag ein kranker Matrose, der hieß
Harm Külper und konnte von seinem Bett nach dem Westerdeich sehen.
Als ein gesunder, starker, lauter Junggast war er vor Jahren aus der
Heimat gegangen -- als ein kranker, schwacher, stiller Mann war er vor
Wochen zurückgekommen. Er hatte alle seine Kraft zusammengenommen, um
den Deich allein entlang zu gehen, und hatte die Leute noch gegrüßt, die
vor den Türen gesessen hatten: aber es war ihm doch nicht möglich
gewesen: beim Kirchenweg sackte er um und mußte nach dem Neß getragen
werden: Andrees Fink, der Starke, nahm ihn wie ein Kind auf den Arm und
brachte ihn seiner Mutter, die laut aufschrie, so weiß war sein Gesicht.
In Manaos am Amazonenstrom hatte das Fieber ihn gepackt und
niedergeworfen. Nun lag er im Bett und wartete auf den Tod, denn er
fühlte, daß er nicht wieder gesunden könne. Die große Fahrt war aus --
über sein Seefahrtsbuch war ein dicker, schwarzer Strich gemacht worden,
den er nicht wegwischen konnte.