gesprächig er war, wie scharf er auf alles achtete! Zumeist stand er bei
seinem Vater im Rudergang und half beim Steuern, sah aufmerksam auf
Segel und Kompaß und hielt tapfer das Helmholz mit fest, dabei konnte er
sich aber doch nicht enthalten, an den Streek zwischen Kirche und
Apfelbaum zu erinnern: »Düt mokt ober söbenmol soveel Spoß, Vadder!«
Er ließ es sich sogar einfallen, beim Aufluven »Ree« zu rufen und Hein
Mück nach der Fock zu schicken, bis sein Vater es wie der holländische
Kapitän machte, dem der große Friedrich in der Ems mit »Ree« zwischen
sein Kommando kam, und sagte: »Mynheer, dat Ree kummt mi to!«
Als er genug gesteuert hatte, setzte er sich auf die Luken, zog Seemann
an sich und ließ sich von Kap Horn und von seinem Vater alles verklaren,
was es zu sehen gab, während sie mit der Ebbe langsam elbabwärts
kreuzten, wenn dieses Treiben noch den Namen Kreuzen verdiente. Da war
Dockenhuden mit den vielen Tannenbäumen, da war Blankenese mit den
vielen Ewern und dem hohen Süllberg, da war der Schweinesand mit seinen
Wicheln, da war Hahnöfer mit den großen Bäumen, um die Hunderte von
Krähen flogen, die dort ihre Nester hatten, da war Falkental mit dem
Taucherdampfer, mit den Wracken und mit den zu Stein gewordenen
Zementsäcken, da war Schulau mit dem Leuchtturm und dem Feuerschiff,
dahinter Wedel mit dem Kirchturm und den roten Dächern, da war die Lühe
mit ihrem hohen Deich -- und von allem gab es Geschichten zu erzählen.
Als sie bis zur Lühe gekommen waren, wogte die Flut ihnen entgegen und
zwang sie, vor Anker zu gehen. Großsegel und Besan konnten die fünf
Stunden geruhig stehen bleiben, nur die Fock ließen sie fallen und den
Klüver nahmen sie weg. Klaus Mewes langte den Kieker aus dem Nachthaus
und suchte den Strom nach bekannten Fahrzeugen ab, denen er seinen
Jungen mitgeben könne, aber er konnte zunächst nur einige Dreuchewer und
Lühjollen ausmachen, die nicht in Frage kamen.
So gingen sie erst in die Kajüte hinunter und setzten sich zum Kaffee
nieder.
»Ik wull, dat geef brodte Schullen,« rief Störtebeker übermütig, »dor
verlangt mi eulich no!« Er ging aber auch dem Groffbrot tüchtig in den
Topp.
Klaus Mewes sah ihn an und freute sich seiner. Wenn Gesa Bescheid gewußt
hätte, es wäre ihm von Herzen recht gewesen, den Jungen an Bord zu
behalten: aber so ging es nicht: sie ängstigte sich ja zu Tode und
suchte mit der Leuchte und mit der Harke, wenn er heute abend nicht an
den Laden kam.
Hein Mück dachte noch immer an die große, gefährliche Reise über das
Eis, die Störtebeker gemacht hatte, und mit einem Mal sagte er mehr zu
sich selbst als zu den andern: »Junge, dat is jüst so as der Reiter und
der Bodensee!«
Gotts den Donner -- Klaus Mewes verschüttete den halben Kaffee und Kap
Horn blieb der Brotknust im Halse stecken, so verwunderten sie sich
dieser Rede ihres Speisemeisters. »Wat is dat?« fragte der Schiffer
zuletzt. »Och nix.« »Nix?« »Ne, nix!« »Ik will di gliek bi nix! Hier
vertillst oder du warrst afmunstert un Klaus Störtebeker ward uns Kock,«
befahl Klaus.
»Och nix: ik dach bloß an en Gedicht in uns Leesbook, dat is meist as
Störtebeker sien Reis.«
»Upseggen!«
Hein Mück bekam einen roten Kopf. Das war eine schöne Tasse Tee! Hätte
er doch nichts gesagt! Nun mußte er in seine Koje steigen und sein
Lesebuch aus dem Stroh suchen.
Kap Horn konnte sich einen kleinen freundlichen Hieb auf Klaus nicht
verbeißen: »Jä, jä, Klaus Mees, du kiekst un wunnerst di woll, dat he
sien Leesbook noch hett, wat? He hett dat nich so mokt as du. Du hest
den lesten Dag jo all dien Beuker opfluckern loten, hest dor annen
Westerdiek en grote Ostermoon von mokt!«
»Jo,« sagte Klaus Mewes, »ik wür son groten Döskupp: man god, wat de
Jungens nu all en Deel kleuker sind. Non, denn legg los, Heinrich
Mücke,« setzte er gemütlich hinzu, und der Koch las von dem Reitersmann,
der über den zugefrorenen Bodensee geritten war, ohne es zu wissen ...
Den Reiter schauderts, er atmet schwer:
Da hinten die Ebne, die ritt ich her.
Da recket die Magd die Arm in die Höh:
Herrgott, so rittest du über den _See_!
An den Schlund, an die Tiefe bodenlos
hat gepocht des rasenden Hufes Stoß!
Und unter dir zürnten die Wasser nicht,
nicht krachte hinunter die Rinde dicht,
und du wardst nicht die Speise der stummen Brut,
der hungrigen Hecht' in der kalten Flut?
Sie rufet das Dorf herbei zu der Mär;
es stellen die Knaben sich um ihn her,
die Mütter, die Greise, sie sammeln sich:
»Glückseliger Mann, ja segne du dich!
Herein zum Ofen, zum dampfenden Tisch,
brich mit uns das Brot und iß vom Fisch!« ...
...
Als der Junge fertig war, entstand eine kleine stille Pause im Ewer,
obgleich Klaus Mewes der Schluß nicht recht gefallen wollte, denn
hinterher vor Angst sterben, war nichts für ihn. Auch Störtebeker war
still, so sehr wunderte er sich darüber, daß Hein Mück laut lesen
konnte.
Dann stand sein Vater auf, klopfte dem Koch auf die Schulter und sagte
anerkennend: »Du kannst god beden, Hein! Blief man giern betjen bi de
Beuker: wennt weiht, hest dor Tied genog to.« Damit stand er auf und
ging an Deck, um wieder nach einer Schiffsgelegenheit für seinen Jungen
zu suchen. Und diesmal fand sie sich, obschon Störtebeker wünschte, es
möchte kein einziges Schiff vorbeisegeln, damit er die Nacht und immer
an Bord bleiben mußte.
Aber da kam Jan Külper mit seiner alten Jolle heraufgesegelt und drehte
richtig bei, als Klaus Mewes ihn anrief und ihm die Sache verklarte.
Jawohl, er nehme ihn gern mit, sagte Jan. Da kamen auch schon Kap Horn
und Hein Mück an Deck.
Störtebeker sah, daß die Herrlichkeit vorbei war und daß er von Bord
sollte. Tränen standen ihm in den Augen, als sein Vater ihn
hinüberwriggte und Kreek und Pek an die Jolle übergab. Dann mußte er
selbst übersteigen. »Adjüst, Störtebeker.« »Jüst, Vadder!« Er konnte
kaum sprechen, so traurig war er geworden, und hatte für Jan Külper
keinen guten Tag und guten Weg. »Greut Mudder man un segg man, wi kommt
bald mit en Reis lebennige Schullen, hürst? Un to Sommer kummst du ok
mit no See!«
»Jo,« sagte Störtebeker dumpf und dachte: Lot dien Snacken doch bloß no!
Klaus Mewes wriggte zurück und Jan Külper ließ die Jolle schwoien.
»Adjüst, Störtebeker!« riefen Kap Horn und Hein Mück, die auf den Luken
standen, aber der Junge starrte ins Wasser und gab keine Antwort mehr.
Er war ganz krank und wollte nichts hören und sehen. Er wollte auch den
Ewer nicht mehr angucken. Jan Külper hatte gedacht, einen munteren
Fahrtgenossen zu bekommen, der ihm den langen Weg verkürze, aber
Störtebeker blieb ein trübseliger Maat und blickte während der ganzen
Fahrt bis nach Finkenwärder hinauf starr ins Wasser.
»Warr man ne seekrank, Störtebeker,« sagte der Elbfischer einmal.
»Dor quäl di man ne üm!«
»Sutje, mien Jung, anners kriegst du de Utsettung,« drohte der Fischer.
»Smiet mi doch ober Burd, wenn mi ne mihr mithebben wullt,« rief der
Junge patzig. Da goß Jan ihm zur Strafe ein Euschfatt voll Wasser über
den Kopf.
Mit der hereinbrechenden Dämmerung kamen sie zu Finkenwärder an. Am
Köhlfleet, eben hinter der Königsbake, setzte Jan seinen mürrischen
Passagier an Land. Störtebeker nahm seine Kreek auf den Buckel, die Pek
in die Hand und ging den dunkeln Deich entlang nach dem Neß.
Als er bei Gerd Eitzen um die Huk bog, hörte er seine Mutter schon
rufen: »Klaus! Klaus! Klaus!« Und er sah, daß Leute bei ihr standen.
Auch sein Großonkel, der alte Jäger, den er oft wochenlang nicht sah,
war auf dem Deich.
»Klaus! Klaus! Klaus! Neem schull de Jung doch woll bloß ween?«
»Hier is he!«
»Woneem, woneem?«
»Hier uppen Diek, Mudder!«
Da lief sie ihm entgegen, laut aufschreiend, und nahm ihn bei der Hand
und führte ihn in die Stube und fragte, wo er gesteckt hätte. Und als er
seine Reise über das Eis und seine Fahrt mit dem Ewer die Elbe hinunter
und mit der Jolle die Elbe herauf verklart hatte, ohne jede kindliche
Übertreibung, denn er hielt sich an das Wort seines Vaters: Eulich wat
beleben, denn brukt en ok ne to legen! -- da warf die Mutter sich
schluchzend auf den Tisch und sagte: »Haut ji em, Unkel, haut ji em: ik
kannt ne!«
»Hebben mütt he wat,« erklärte der verbissene und durch das viele Rufen
gereizte Alte.
»Du kannst mi haun, Mudder, ober van Korl-Unkel lot ik mi ne haun,«
sagte Störtebeker mit blitzenden Augen, aber der alte Jäger, den das
Schreien aus dem Schlaf gebracht hatte, knurrte grimmig: »Wat? Van mi
lettst du di ne haun, du Kosak? Dat weut wi doch mol wies warrn!«
Erst wollte Störtebeker sich wehren, wollte hinauslaufen, dann aber war
ihm auch das einerlei: mochte er ihn tothauen, wie Jan Külper ihn über
Bord werfen wollte. Unbeweglich blieb er stehen und ließ sich schlagen,
ohne zu zucken oder zu schreien. Nur seine Augen funkelten: dat ward ne
vergeten! Diese Ruhe brachte den Alten noch mehr auf und er schlug ihn
ärger, da warf sich aber die Mutter dazwischen und drängte die beiden
auseinander, denn sie wußte, daß der Trotz des Jungen nicht zu brechen
war, daß er sich lieber krumm und lahm prügeln ließ, ehe er einen Laut
von sich gab.
»Lot em man, Unkel, lot em man! Goht man wedder uppen Bitt, ik will woll
alleen mit em klor warrn,« bat sie dringend. Der Alte ging mit einem
bösen Blick hinaus und brummte noch auf der Diele.
Ungerührt ließ Störtebeker sich die Geschichte von dem Schuster
vorhalten. »Dat betjen Hoveree,« sagte er verächtlich, »wat he dor son
Larm üm moken mag! Harrst em dat Gild jo man ut mien Sporputt geben
kunnt!« Abbitte aber täte er nicht: der Schuster hätte ihn fürn Narren
gehalten und hätte selbst Schuld, daß ihm das Fenster eingeworfen wäre.
Nach dem Abendessen zog er sich aus und legte sich zu Bett. Nach dem
langen, ereignisreichen Tag schlief er schnell ein. Er dachte noch: wenn
ik irst an Burd bün, denn haut mi keeneen mihr: Vadder litt dat ne as
Mudder: -- dann sang der Schlafschiffer mit ihm ab.
Wie seelenruhig er schlief, als die Mutter an sein Bett schlich und ihm
in das stille, braune Gesicht sah! Lange Zeit sah sie ihn an und bat ihm
ab, daß sie ihn hatte schlagen lassen, denn der kleine Kerl konnte ja
nicht anders flöten, als sein wilder, lachender Vater es ihn gelehrt
hatte. Die Mutterliebe wallte heiß in ihr auf: sie beugte sich über ihn
und küßte ihm den festgeschlossenen Mund. Bei Tage hätte sie das nicht
tun dürfen: er hätte sich mit Händen und Füßen gesträubt gegen solchen
Kinderkram, wie er es hieß, und wäre lieber aus dem Fenster gesprungen,
als daß er ihr einen Süßen gegeben hätte.
»Mien Jung büst du doch,« flüsterte sie zärtlich und strich ihm über das
Haar, da regte er sich und sagte halblaut: »U, Vadder, kiek mol dat
grote Schipp!«
Da schlich sie in die Küche zurück und dachte schmerzlich: er steht
schon wieder bei seinem Vater an Bord -- und du, Gesa?
Fünfter Stremel.
Den andern Morgen war es das erste, was Störtebeker tat, daß er auf den
Deich lief und nach dem Wetter guckte. Und er freute sich, als der Wind
wehte, daß die Ewer im Fahrwasser schnell von der Stelle kamen, denn so
kam auch sein Vater gut vorwärts und war um so eher wieder da. Denn sein
Vater, sein Vater! Danach fragte er, das ging ihn an: ohne den war es
nichts, ohne den wußte er nicht, was er anfangen sollte, ohne den und
ohne den Ewer machte es ihm keinen Spaß, zu leben. Beim Kaffeetrinken
ging es noch, als er in behaglicher Breite von dem Segeln und Kreuzen
sprach, wie weit sie wohl schon wären, ob das Boot wohl schon wieder
aufgetallt wäre, ob sie den großen Klüver wieder aufgesetzt hätten und
andere fahrensmännische Dinge: aber als er dann im Türloch stand, da war
er wieder ganz allein und wußte nicht, was für einen Weg er einschlagen
solle. Zuletzt dachte er an sein Viehzeug und er ging hin und mistete
den Kaninchenkoben aus. Auch die Nebelkrähe bekam eine Lage frischen
Strohes, die sie sich selbst mit wichtigem Gehabe zurechtlegte. Danach
ging er an dem Graben entlang und zog die alte Bunge, die sein Vater
noch mit unter den Stubben gesetzt hatte. Es war aber weder ein Hecht,
noch ein Schlei darin, nur ein großer Wasserbulle krabbelte an dem
mittleren Reifen und sprang eilig ins Wasser zurück. Der Junge stellte
das Netz auf einer anderen Stelle ins Wasser und ging nach dem
Binnendeich, um sein Hütfaß einmal zu überholen; er zog den
durchlöcherten Kasten, eine englische Hummerkiste, die sein Vater auf
See eingezogen hatte und die nun vor dem Deichsiel im fließenden Wasser
lag, aufs Trockne und überzeugte sich, daß die beiden Karauschen, die er
drinnen hatte, noch springenlebendig waren.
Damit waren seine Vormittagsämter eigentlich schon verwaltet. Was sollte
er nun noch tun? Wenn sein Vater da war, hatte er alle Hände voll: nun
war er eigentlich arbeitslos.
Weiterhin auf dem Deich, wo die Häuser wieder anfingen, spielten die
Kinder, Jungens und Dierns, Ringelreihe und Tickfast. »Speel doch en
betjen mit de Kinner,« sagte die Mutter, die auf der Wurt stand und die
Hühner fütterte, da ging er hin, um sich nicht andere Landarbeit
aufzuladen, und sah eine Weile zu. Sie fragten ihn, ob er mitspielen
wolle, aber er sagte nein: mit Mädchen spiele er überhaupt nicht: er
wäre doch kein Mädchenkönig! Wenn sie Suhl oder Steckpfahl oder
Hahnensehen mitspielen wollten, aber ohne die alten Mädchen, dann hätte
er Lust! Sie wollten aber lieber bei der Ringelreihe bleiben -- und
deshalb wurde es ihm bald über, da Gevatter zu stehen, und er kehrte
ihnen den Rücken.
Der alte Jäger begegnete ihm. Er hatte das Gewehr auf dem Nacken und den
Sack mit den Lockenten auf dem Rücken und wollte wilde Enten schießen.
Juno, der große, braungefleckte Hund, lief neben ihm her.
Störtebeker tat, als sähe er ihn gar nicht, denn er dachte an die
Schläge vom Abend vorher, aber der Alte hatte seine Wut verschnarcht und
sagte vergnügt: »Meun, Klaus Störtebeker!« Störtebeker dachte aber:
snack, soveel du wullt, wat geiht mi dat an, -- obgleich die Enten
durcheinander schnatterten: meunmeunmeunmeun und er gern einmal in den
Sack geguckt hätte, auch von Herzen gern mit auf die Jagd gegangen wäre.
Als der Jäger vorbei war, setzte er sich auf das Rickels und wartete,
daß einige von seinen Mackern kommen sollten, mit denen er in die Pütten
oder nach der Wisch ziehen konnte. Niemand ließ sich blicken: die Mütter
hielten sie fest, denn die Schustergeschichte hatte schon die Runde mit
den Stutenfrauen gemacht, und auch die Reise über das Eis war schon
bekannt geworden. Ihre Jungen sollten sich nicht mehr mit dem
Buschräuber abgeben, riefen die Frauen einander zu.
»Hein, du bliffst hier un geihst mi ne no den Neß no den Störtebeker,
hest mi verstohn?« »Jo, Mudder!«
In seiner Not nahm Störtebeker schließlich die Hechtschnarre zur Hand
und lief mit dem Bambusstock grabenauf und grabenab, um einen Hecht zu
erwischen, aber er hatte auch damit kein Glück: es war nicht sonnig
genug, die Hechte standen tief im Wasser und waren sehr scheu, sie
schossen meistens schon in die Tiefe, wenn er näher kam. Einmal gewahrte
er einen großen Hecht, der gut gegen die Sonne stand: behutsam tauchte
er die goldige Drahtschlinge in das Wasser, ohne Wellenringe zu machen,
und schob sie vorsichtig an den Fisch hinan. Es ging auch anfänglich
gut: die Schnauze war schon in der Schnarre: wenn er hinter den Kiemen
war, wollte er rasch zuziehen und den Hecht aufs Land schnellen, aber da
strich eine Krähe über die Erlen, und wo eben noch Muschi Pundsheek
gestanden hatte, da lief nun ein Küsel im Wasser.
»Du verdreihte Jakob du!« rief Störtebeker ärgerlich und warf mit einem
Kluten nach ihr, dann gab er die Feekfischerei auf und zog mit seinem
runden Netz nach der Sielkule, um Stichlinge zu fangen. Das war
lohnender: er ketscherte einen halben Eimer voll, weiße, dicke Weibchen
und graue, dünne Männchen. Den größten Teil bekam die Mutter, die sie
für die Hühner kochen wollte, den Rest aber machte er, auf der Bank
unter den Linden sitzend, mit seinem Knief, seinem Puggenslachter, für
Kluß zurecht, indem er die Köpfe und die Stacheln abschnitt. Die alte
Krähe lebte ordentlich auf, als er ihr den Schmaus durch die Maschen des
Kastens stopfte.
Als er sich dann aber vor den Käfig auf den Haublock setzte und ihr
ununterbrochen die drei Worte vorpredigte, die sie lernen sollte: »Höh,
Klaus Mees!« da sprang sie auf ihre Stange, hielt den Kopf schief, als
wenn sie schwerhörig wäre, und öffnete mitunter verlangend den Schnabel,
als wenn sie um weiter nichts als um neue Stichlinge verlegen wäre, sie
krächzte auch einmal, aber zum Nachsprechen kam sie nicht, so eifrig der
Junge sich auch um sie bemühte, denn er wollte seinen Vater nach getaner
Reise damit überraschen: der sollte sich fix verjagen, wenn er in den
Hof hineinging und es mit einem Male rief: Höh, Klaus Mees! Eigentlich
sollte die Krähe lernen: De Jung mütt no See! -- aber das sollte nun
erst später eingeübt werden. Diesmal war die Geduld freilich noch nicht
groß.
»Du büst dummerhaftig, Kluß!« sagte Störtebeker ärgerlich, »wenn du ne
bald snackst, bring ik di keen Steengrimpen mihr her.«
Nach dem Mittagessen -- Plummensaus gab es, eine Götterspeise für ihn --
machte er sich ans Knütten und dachte, mehr zu beschicken als zwei Tage
vorher zwischen seinem Vater und Kap Horn bei dem vielen Erzählen und
Ausgucken. Er knüttete emsig, ohne sich zu verpusten, die Nadel flog nur
so, aber nach anderthalb Stunden sah er ein, daß es ohne seinen Vater
doch nichts schaffte.
Da ging er mit dem Euschfatt nach der Neßkule und goß den Kahn leer, der
immer noch etwas Wasser machte. Kalfatert mußte der werden, das war ein
Apfel, und wenn sein Vater nicht so auf den Stutz gefahren wäre, hätten
sie es auch zusammen getan: nun mußte er wohl allein dabei.
Er sah auf: das Wetter war gut, der Wind mooi: sie fischten wohl schon
und hatten bald die Reise! Wenn sie doch schon morgen kämen oder
übermorgen!
Der Jäger kam vom hohen Neß zurück. Drei Enten baumelten an der Tasche
und machten ihn guter Laune.
»Dor achter kummt de Schoster, Klaus Störtebeker, du schallst Afbitt
don,« stichelte er, aber der Junge ließ sich nicht in die Kneife
bringen. »De ward fix nattgoten,« sagte er gleichmütig, dann aber besann
er sich, schluckte den Rest des Grolles hinunter und lief auf den Deich,
um die geschossenen Enten zu besehen und zu befühlen, Juno zu
streicheln, der gänzlich mit Schlick bespritzt war, und die Flinte zu
tragen, denn er wollte nun doch gern einmal wieder mit auf die Jagd, bis
sein Vater kam.
»Wenn dat Is man irst weg wür, Korl-Unkel, wat ik mit mien Kohn
schippern kann.«
»Offermorgen kriegt wi en neen Moon, denn wardt woll anner Wetter,«
sagte der Jäger und sah den Heben an.
Zu Hause warteten drei Jungen vom östlichen Norderelbdeich, die
dreierlei wissen wollten.
Erstens: ob er noch kleine Kaninchen zu verkaufen hatte, denn dann
wollten sie einen Bock und eine Eve bestellen.
Zweitens: ob es wahr war, daß er dem Schuster alle Fenster eingeschlagen
hatte, denn das war am Deich erzählt worden.
Drittens: ob der Feek am Westerdeich schon trocken war, denn dann
wollten sie gleich Ostermoonen beuten. Streichhölzer hatten sie eine
ganze Schachtel voll in der Tasche.
Störtebeker ging mit ihnen achternhus und wies ihnen die Eve. »Ik weet
ne, veel lütje Munkis dat ik krieg, Jannis: fief sünd verseggt, wenn dor
söben van ward, denn kriegst du noch twee.« Wegen des Schusters ließ er
es geruhig bei der einen Scheibe, die seine Mutter bezahlt hatte, und
sagte: »De Lüd snotert sik wat trecht, Hein!« Der Feek sei noch mistnaß
und für Ostermoonen sei es überhaupt noch viel zu früh: was sie sich
wohl eigentlich einbildeten, sie hätten wohl einen Splien? Wenn es
soweit wäre, dann würden sie wohl den weißen Rauch trecken sehen. »De
Rietsticken geef mi man, Ott, dor kannst du lütje Boitel doch noch ne
mit ümgohn, de nimmt dien Mudder di doch noch wedder weg.« Damit entriß
er dem Jungen die Schachtel und steckte sie in die Tasche. Er wies ihnen
noch Kluß und die angefangene Bunge, ließ sie in das Hütfaß gucken und
die Karauschen gebührend bewundern, dann aber schickte er sie um, denn
er sah die Gören vom andern Ende doch nicht ganz für voll an, und wenn
nicht die Bestellung gewesen wäre, hätte er sich gar nicht weiter mit
ihnen abgegeben, aber die Kundschaft mußte man sich ja gewogen halten.
Er lief nach der Neßkule, und obgleich es ihm vor drei Tagen so schlecht
bekommen war, ging er doch wieder an das scharfe Dümpeln mit dem Kahn,
um sich seefest zu machen. Diesmal wurde ihm nicht schlecht.
In der Dämmerung mußte er nochmal den Deich entlang und Graupen und
Zucker vom Krämer holen. Damit war sein Tagewerk beendigt.
»Noch süß Dog, Mudder, denn kummt Vadder all wedder,« sagte er
zuversichtlich, als er die Stiefel auszog.
* * * * *
Ungefähr so wie diesen Tag füllte Störtebeker auch die anderen Tage aus,
ohne rechte Lust und rechten Wind, und wartete auf den großen, schönen
Ewer mit den hohen, braunen Segeln, dem grünen Bug und dem rot und
weißen Flögel. Als es an der Zeit war, daß sein Vater aufkommen konnte,
stand er stundenlang auf dem Deich oder am Bollwerk, wenn Flut war, oder
er saß im Wipfel der Linden vor der Tür und blickte nach den
vorbeisegelnden Fischerfahrzeugen. Er suchte einen grünen Ewer und einen
blauweißen Stander, der von Godefroo bis zur Nienstedter Kirche wehen
mußte, nicht länger, wenn es der rechte sein sollte: das wußte er. Zwar
wartete er auch noch auf das Trockenwerden des Feeks, des angetriebenen
Schilfes, am Westerdeich, auf das Schmelzen des Eises, auf die Besserung
der Grabenfischerei, auf das Jungen des Kaninchens und auf das
Fertigwerden der Seestiefel: aber das waren doch nur Kleinigkeiten gegen
das große Warten auf seinen Vater.
Außer seinem Elternhaus und zwei älteren Häusern stand auf der Neßhuk
nur noch eine alte Kate, in der Sill wohnte, eine alte, wackelige Frau,
die im Winter Wurstprökel machte und Strümpfe anstrickte. Auch nahm sie
die Schinken in Pflege, denn die Kate hatte keinen Schornstein, und
aller Torfrauch sammelte sich auf der Diele, die die beste Rauchkammer
weit und siet abgab. Im Sommer spielte sie Fischfrau in Hamburg, auch
suchte sie Regenwürmer mit der Laterne für die Aalfischer. Sill war ein
wenig wunderlich geworden in ihrem harten Leben und galt auf dem Eiland
allgemein als eine Hexe, die einem etwas antun konnte. Sie trauten ihr
nicht, aber sie hüteten sich, es merken zu lassen. Niemand verdarb es
gern mit ihr, denn manchem Fischermann, der sie schief angeguckt hatte,
war es schlecht ergangen, er hatte den Mast abgebrochen oder andere
große Haverei bekommen, die Kurre eingebüßt oder nichts gefangen. Manch
einen gab es am Deich, der an Hexen und Blaufärben glaubte und nicht
fuhr, ohne sein Fahrzeug vorher gehörig ausgeräuchert zu haben. Man
mußte Thees to Baben hören, den Hexenmeister, dann wußte man erst
Genaueres über die mannigfaltige Tätigkeit dieses Weibes.
Einmal hatte Peter Külper seine Kurre geloht und sie zwischen den Eschen
zum Trocknen aufgehängt. Nachts wachte er mit einem Mal auf und es trieb
ihn, aus dem Fenster zu gucken, da sah er die alte Sill im Mondlicht
zwischen den Bäumen gehen und bemerkte, daß sie seine Kurre berührte.
»Nu bün ik behext,« dachte er. Am Morgen besah er die Kurre genau und
fand einen Pfennig, in das Steerttau geklemmt. Er pulte ihn heraus und
vergrub ihn, und das war sein Glück, denn sonst hätte er das Netz auf
der ersten Reise gleich an den Steinen zerrissen. Also sprach Thees to
Baben.
Einer der wenigen, die von solchem Hünenglauben nichts hielten, war
Klaus Mewes, der Lachende, und als er einmal darüber zukam, als Gesa dem
Jungen einschärfte, doch ja nichts von der Frau anzunehmen, keinen Apfel
und keine Birne, da sagte er ernsthaft: »Mudder, gläuf doch ne an Hexen
un sowat. De arme Froo kann ne mihr as du. Wat schull de den Jungen woll
geben? De freit sik, wenn se sülben wat to bieten hett!« Und dann sagte
er, um das Unrecht gutzumachen, das Gesa ihr nach seinem sicheren Gefühl
zugefügt hatte: »Wi hebbt noch en poor Schullen ober: kumm, Störtebeker,
un bring Sill de hin!« Der Junge tat es: Sill war vergnügt und wollte
ihm einen Apfel schenken, aber sie konnte nicht gleich einen finden und
sagte ihn für später zu.
Als Störtebeker einen Tag wieder von seinem Kahn kam, dachte sie daran,
klinkte die Tür auf und sagte: »Mol rin, Jung, schallst wat Scheuns
hebben.«