Wort:
^Mediis tranquillus in undis.^
Und das war so gekommen: als Klaus das Fahrzeug bauen ließ, bei Jochen
Behrens an der Süderelbe, der ein gutes Stück der Flotte gezimmert hat,
dachte er selbst viel über einen Bordsegen nach, blätterte die Bibel und
das Gesangbuch durch und zerbrach sich bannig den Kopf, aber er konnte
nichts ketschern, das ihm gut genug war. Da ging er denn eines Tages,
als er wieder nach der Werft wollte, beim Pastoren vor und fragte den.
Bodemann, der schon manchem Fischermann geraten hatte, mußte etwas
wissen.
Nun hatte er den Tag aber gerade einen Auszug aus dem Borkumer
Kirchenbuch über eine angeschwemmte Finkenwärder Leiche bekommen und
über den lateinischen Spruch auf dem roten Siegel nachgedacht; er
nötigte den Besuch deshalb in einen Stuhl, der so weich war, daß Klaus
Mewes an Abrahams Schoß erinnert wurde, und schrieb ihm die vier Wörter
auf. »Sühso, mien lebe Klaus Mees,« sagte er und fragte nach Schiff und
Stapellauf.
Der Fischermann bedankte sich, dann aber drehte er den Zettel überkopf,
als wenn die Worte in Spiegelschrift abgefaßt wären, guckte ihn nochmals
scharf an und sagte dann: »Dat is woll latiensch, Herr Pastur, wat?«
»Jawoll, Herr Mees, latiensch!« »So, so! Non, Herr Pastur, weten Se: son
betjen latiensch kann ik jo: an Jan Eitzen sien Kutter steiht ^Ora et
labora^, un dat heet: Bete und arbeite. Un an Neßbur sien Hus steiht
^Soli deo gloria^, un dat heet: Gott allein die Ehre. Ober mit düt Medis
sitt ik all gliek fast!«
»^Mediis tranquillus in undis^: Klaus Mewes: geruhig inmitten der
Meereswogen heet dat!« sagte der Pastor ernst. »Mit den Spruch lett sik
woll no See fohren.«
Da hatte Klaus Mewes sich bedankt und war seines Weges gegangen. Der
Spruch gleißte zwei Jahre unter seiner Koje, dann ging einmal ein
Schullehrer in der Stachelbeerzeit mit ihm nach See, ein
deutschgesinnter, begeisterter Junggast, der schlug großen Lärm darum:
»Schiffer Mewes, was soll das Latein dort? Ist Ihr Schiff kein deutsches
und muß es keinen deutschen Spruch haben, den Sie verstehen und bei dem
Sie sich etwas denken können? Was sollen überhaupt alle die
lateinischen, griechischen, hebräischen, englischen und französischen
Namen, die Eure Schiffe haben? Wer heckt sie aus, wer hat sie bedacht,
wer tauft hier deutsche Fahrzeuge Sagitta, Poseidon, Ebenezer, Avance,
Courier, Salamander, Pescatore, Vlieboot und Cito? Die Alten machten es
besser, die nannten die Schiffe wie ihre Frauen: danach müßte Ihr Ewer
Gesa heißen und nicht Laertes. Und statt des Lateins müßte hier ein
guter deutscher Spruch stehen!«
»Schallst recht hebben, mien Jung,« sagte Klaus Mewes, »ik frei mi
jümmer, wenn een kleuker is as ik bün. An den Laertes lett sik jo nu nix
mihr innern, ober wenn du en scheunen Spruch för de Koi weest, denn weut
wi mol sehn.« Da kam das starke, ewige Lutherwort unter die Koje:
Ein feste Burg ist unser GOTT,
den lateinischen Spruch aber erhielt die Knechtenkoje als Schmuck. So
ging es wieder zwei Jahre gut, bis der lange Harm Riegen, der
Ewersprüche sammelte, einmal in die Kajüte trat und ausrief: »Twee
Wiltsproken stoht dor all, Klaus, oder de drütte, de von Kap Horn bit
ant Nurdkap snackt ward un de üller is as de annern beiden tohop, fehlt
dor noch bi: plattdütsch!«
»So,« lachte Klaus Mewes, »du kummst van wegen de Sprüch: ik meen all,
du wullst mol meten, keen greuter is van uns twee beiden! Harm,
plattdütsch kannen doch bloß snacken, to schrieben geiht dat doch ne!«
»Klaus, dat gifft hunnert grote, dicke Beuker, de plattdütsch sünd!«
»Kann ne angohn, Harm! Dor hebb ik noch nix van hürt!«
»Wat?« schrie Harm Riegen, sprang auf, rannte wie ein durchgehendes
Pferd den Deich entlang und kam nach einer Viertelstunde mit einer
großen plattdeutschen Bibel von 1486 zurück.
»Hier, Klaus Mees!«
»Wat? Dat is en Book? Ik meen, dat wür en räukerten Schinken!«
Nachdem er sich aber zu seiner Verwunderung überzeugt hatte, daß sie
wirklich plattdeutsch gedruckt war und nachdem Harm ihm ein Kapitel
daraus vorgelesen hatte, erklärte er sich damit einverstanden, auch
einen plattdeutschen Spruch zu setzen und gab zehn Bund getrockneter
Scharben für die Worte, die nun unter seiner Koje prangten und
leuchteten:
Hilpt mi, Sünn und Wind,
hilpt mi bit Fischen!
Ik heet Klaus Mees
un bün van Finkwarder.
»Egentlich harr ik di twintig Bund todacht, Harm,« sagte er aber doch
dabei, »ober dat _riemt_ sik jo ne, dorüm kriegst du bloß tein!« Den
hochdeutschen Spruch bekam die Jungenkoje.
* * * * *
Wiederum stand der kleine Störtebeker auf und befühlte seine Sachen, er
hängte sie um und stökerte das Feuer nach. Du liebe Zeit, wie lange
dauerte das! Er kriegte ja von dem Eisbrechen gar nichts mehr zu sehen,
denn bei dem vielen Hurra mußten sie wohl bald nach dem Fahrwasser
kommen!
Einem plötzlichen Einfall folgend, schob er die Hinterwand der Koje
zurück und guckte über die Ketten hinweg nach den fünf Totenschädeln,
die ganz vorn im Steven zwischen den Kneeßen steckten. Kap Horn hatte
sie ihm vorher einmal gezeigt und gesagt, die hätten sie in der Kurre
gefangen. Man dürfe solche Totenköpfe nicht wieder über Bord werfen,
sondern müsse sie in den Steven stecken, dann könne der Ewer niemals
umkippen. Nachdenklich starrte der Junge sie an, als wenn er nicht recht
klug daraus werden könnte, denn sein Vater hatte auf seine Fragen
geantwortet: das sei nichts zum Besprechen und Besehen, sondern etwas
zum Schweigen. Wie grösig kalt die Luft aus dem dunkeln Loch kam!
Störtebeker zitterte vor Kälte, schob die Klappe zu und wärmte sich
wieder auf. Als er aber einen Augenblick gelegen hatte, litt es ihn
nicht mehr unter der Decke: er holte die Seekarten vom Bort und rollte
sie auf und sah die roten Punkte an, die Feuer bedeuteten, und die
kleinen Feuertürme und Baken, die am Rande der Karten standen, während
es draußen wieder lärmte und rief.
Abermals stand er auf. Das Zeug war noch klamm und fuchtig, aber er
dachte wie sein Vater: Uppen Lief dreucht upt best! und zog sich an, so
schnell es gehen wollte. Er war noch nicht ganz fertig damit, als es
draußen dreimal Hurra rief, da hielt er es nicht mehr aus, halb
angezogen, in Unterhosen, mit einem Stiefel am Fuß und einem in der
Hand, sauste er nach oben und guckte aus der Kapp: da drängte der Ewer
gerade die letzten Eisstücke beiseite und glitt langsam in das freie
Fahrwasser hinein. Klaus Mewes und seine Macker zogen die
mitgeschleiften Kurrleinen ein, der Ewer aber benutzte die Dünung eines
vorbeigehenden Slomans zu einigen tiefen Dankesverbeugungen vor seinen
Helfern: Ok veelen Dank, dat ji mi rutholpen hebbt!
Auch vom Deich und von den Schallen rief es jetzt Hurra.
Die Fahrensleute gingen in froher Stimmung, ehrlich erfreut über ihren
Erfolg, gruppenweise über das Eis nach dem Deich zurück und sprachen und
taten von der Fahrt, denn jetzt war der Weg nach der See frei geworden:
was dem Einzelnen noch übrig blieb, die kleine Rinne von seinem Ewer
nach dem großen Priel, war Sache eines Tages und ließ sich leicht
beschicken. Die Schollenzeit war angebrochen für die Schollengreifer vom
Neß: Hurra, hurra, hurra!
Auf H. F. 125 aber, dem Ewer »Laertes«, ließen sie den Draggen zu
Wasser, schossen die Leinen auf, reinigten das Deck, hängten die Laterne
an das Fockstag und kletterten dann in das Boot, um den Bärenhunger zu
vertreiben, der alle befallen hatte.
Störtebeker saß auf der Euschenducht und quälte sich mit drei Dingen ab:
daß der verdrehte Kerl von Schuster ihm die Stiefel noch nicht gemacht
hatte, daß sein Vater morgen fahren wollte und ihn nicht mitnahm und daß
sein grüner Kahn noch im Neßgraben festsaß und er noch nicht schippern
konnte.
»Du hest dat en betjen god, Seemann,« sagte er aus diesen Gedanken
heraus und streichelte den Hund, der auch keine Kniestiefel hatte und
noch viel kleiner als er war und doch immer mit nach See durfte. Seemann
aber hielt die Nase hoch, denn vom Deich kam ein Geruch wie von
gebratenen Klößen mit dem Abendwind herübergeweht.
Klaus Mewes lachte und wriggte schneller, denn er roch hinter den Klößen
schon die See und grüßte Helgoland.
Vierter Stremel.
1887 schreiben wir und die Hochseefischerei unter Segeln steht in
Sommerblüte. Finkenwärder hat seinen Gipfel erreicht und ist Baas auf
See.
300 Ewer und Kutter nennt die Elbe ihr eigen, von denen 187 zu
Finkenwärder beheimatet sind und ein H. F. auf den braunen Segeln
tragen, 83 reedern mit S. B. und griesen Segeln nach Blankenese, der
Rest gehört dem lüneburgischen Finkenwerder, dem Kranz, dem Mühlenberg
und der Teufelsbrücke.
Die das Land mit Fischen versorgen, sind die Mewes und Külper von
Finkenwärder und die Breckwoldt und von Appen von Blankenese: sie
liefern Hamburg und Bremen, Oldenburg und Glückstadt, Geestemünde und
Tönning ihre Schollen und Zungen und fangen wintertags so viele Heringe,
daß halb Holstein und Hannover damit gedüngt werden können, sie sind die
Könige der Nordsee, die man in Dänemark so gut wie in Holland und
England kennt, denn es macht ihnen nichts aus, bei Südwind einmal nach
Esbjerg zu segeln oder bei Nordwind nach Jimuiden oder bei Ostwind nach
London.
Wohl haben sie auf der Weser schon einen Fischdampfer, die kleine
Sagitta, aber unsere Fahrensleute lachen noch über den Smeukewer, wenn
sie ihm begegnen, wohl sind schon die Zeiten vorbei, daß nur
Finkenwärder auf Finkenwärder und Blankeneser auf Blankeneser Schiffen
fahren, sie müssen sich schon mit Butenländern behelfen: aber dennoch
steht die Sonne von Finkenwärder auf der Mittagshöhe und seine Segel
beschatten die ganze See.
Wir grüßen euch, ihr hundertsiebenundachtzig Schiffe, als wenn ihr noch
alle am Leben wärt!
* * * * *
Klaus Störtebeker hatte es den andern Morgen ganz verteufelt hild: er
mußte Brot vom Bäcker holen und Proviant vom Krämer, mußte einen
Schinken aus der Rauchkammer herabschleppen (denn Klaus Mewes tat die
erste Ausfahrt nicht ohne einen Schinken, obgleich man am Deich meinte,
der Schinken dürfe erst beim ersten Kuckucksruf angeschnitten werden),
er trug die Kruken mit Weiß- und Schwarzsauer, die Beutel mit Strümpfen
und Unterhosen nach dem Bollwerk und quälte sich mit Vaters Seestiefeln
und seinem Ölzeug ab wie Roland mit seines Vaters Waffen, aber es machte
ihm Spaß und er vergaß seinen Kummer darüber, daß er noch an Land
bleiben sollte.
Als alles schier war, konnte er es aber doch nicht lassen, dem
saumseligen Schuster nochmal die Wacht anzusagen. Der Hans Niedersachs
von Finkenwärder, der ein Schelm war und einen Schalk als Gesellen
hatte, sah ihn schon, als er die Treppe hinunterstieg, und sagte zu
seinem Gesellen: »Kiek ut vör Störtebeker!«
Wir müssen nun freilich wissen, daß Klaus Mewes bei der Bestellung der
Siebenmeilenstiefel für seinen Jungen heimlich gesagt hatte, es eile
nicht und vor Pfingsten brauchten sie nicht fertig zu sein, und daß Gesa
hinterher bestimmt hatte, sie sollten erst im Herbst geliefert werden,
wenn der Junge der unruhigen Witterung wegen nicht mehr mit nach See
kommen könne; der Schuster tat deshalb nur, was ihm geheißen war, wenn
er ihn vertröstete. Er hatte bei den Stiefeln übrigens noch nicht einmal
angefangen.
Als Störtebeker die Tür aufklinkte, saßen die beiden Pechräte
tiefgebückt da, duckten sich hinter die großen Glaskugeln wie
Verschwörer und klopften für fünfzehn, ohne aufzugucken.
»Schoster, sünd mien Stebeln klor?«
Der Schuster und sein Geselle klopften das Leder noch lauter und
deftiger, daß die Fenster wie bei einem Gewitter klirrten, und taten,
als könnten sie weder hören noch sehen.
»Schoster, wat mien Stebeln klor sünd?«
Störtebeker rief schon lauter, aber die beiden Pfriemenreiter stellten
sich wieder taub und hämmerten, als wollten sie Stahl aus den Kuhhäuten
machen, dabei aber sahen sie einander heimlich an: wat he nu woll
upstillt? sollte es heißen.
Der Junge sah sich in der Werkstatt um. Da lagen die großen, langen
Stiefel der Elbfischer, de güngen bit ant Gatt und waren größer als er
selbst, da standen die schweren, starken Seefischerstiefel, so gewaltig,
daß er sich dahinter verstecken konnte, da waren Bauernschuhe, die so
klotzig waren, daß er damit hätte über die Elbe schippern können, --
aber Kniestiefel, die ihm zu paß waren, konnte er nicht dazwischen
finden.
»Schoster, sünd mien Stebeln klor?« Er gröhlte es, so laut er konnte,
aber die Schuster ließen sich in ihrer Klopferei nicht stören, denn sie
wußten noch nicht, was sie diesmal an den Tag geben sollten: sollten sie
wieder über seine Seefahrt loslegen oder von seinem Kahn anfangen oder
ihm ein paar linke Mannsstiefel anpassen? Störtebeker war ärgerlich
geworden, er sah den Kram noch eine Weile an, dann drehte er sich batz
um und lief hinaus.
»Nanu,« sagte der Meister und ließ das Hämmern, »nanu,« sagte der
Geselle und stellte auch den Betrieb ein, -- aber ehe sie sich's
versahen, sauste ein großer Mauerstein durch das Fenster, daß die
Splitter umherflogen, zerschlug eine der Glaskugeln, daß das Wasser über
den Tisch spritzte, und bumste schwer gegen die Wand.
»Nu hol mi noch mol förn Buern!« rief Störtebeker draußen, nahm seine
Pantoffeln in die Hand und sauste auf Strumpfsocken davon, wie ein
gejagter Hase, hast du nicht, so kannst du nicht -- bang bün ik ne, ober
lopen kann ik fix! Der Schuster wollte ihm nach, aber ehe er so weit
war, war der Junge schon längst über Heide und Zaun. Da lasen die beiden
die Splitter auf, nagelten ein Stück Leder vor das Fenster und gelobten
große Rache.
Störtebeker war weit genug gelaufen und zog seine Pantoffeln wieder an.
Seine Strümpfe waren klitschennaß geworden, denn er hatte auf seiner
Flucht zwar über alle Patten springen wollen, aber es war ihm nicht
immer gelungen, und dann saßen sie auch voller Schlick. Er konnte sich
zu Hause nicht damit sehen lassen, wenn er nicht eine Tracht Knüppelholz
riskieren wollte, das war ihm klar. Und da kam er bei und kletterte die
Stegel hinunter, setzte sich hinter eine dicke, hohle Wichel, daß er vom
Deich nicht wahrgenommen werden konnte, und wusch die Strümpfe im
Graben, bis sie wieder rein waren, wrang sie aus und hängte sie zum
Trocknen auf, sah den Sperlingen zu, bis die Strümpfe einigermaßen
trocken waren, und zog sie dann getrost an.
»Klor is de Käs!« sagte er zu den beiden kleinen Jungen, die ihm
bewundernd zuguckten, und lief nach Hause. Jan Husteen, der Elbfischer,
den sie seines Lieblingsessens wegen allgemein Jan Sturenzupp nannten,
rief ihm nach: »Störtebeker, du kummst ne mihr mit, dien Vadder is all
weg!« »Wat schull he woll?« rief der Junge erregt und lief schneller,
aber er kam doch zu spät, denn das Haus war leer, da war kein Vater mehr
und kein Kap Horn, kein Hein Mück und kein Seemann: sie waren schon alle
an Bord, und als er verstört hinausrannte und Utkiek hielt, da sah er
den Ewer schon bei Nienstedten unter Segeln treiben.
Er hätte brüllen mögen, so überkam es ihn: »Is Vadder all weg? Worüm
hett he mi denn ne Adjüst seggt, Mudder? He wull mi doch Adjüst seggen!«
»Neem kummst du her, Junge? Neem büst du wesen?« fragte sie dagegen, »wi
hebbt di soveel ropen un allerwärts söcht! Vadder wull di so giern
Adjüst seggen un hett noch en ganze Tied no di teuft!«
»Och wat!« gnitzte Störtebeker, der traurig und zornig war, »harr he
denn ne noch en betjen stoppen kunnt? Ik bün jo man bloß eben langsen
Diek ween! Vadder mütt mi doch Adjüst seggen un ik mütt em ok doch
Adjüst seggen! Dat geiht jo gorne anners, Mudder! Minschenkinners ne,
wat is dat ok doch all för Krom!« Und er stand auf dem Deich und blickte
mit dunkeln Augen und finsterm Gesicht nach dem Ewer, der mit
glockenhellem Klippklapp des Spilles den Anker hievte und dann das Boot
auf Deck tallte. Es wollte ihm nicht in den Kopf hinein, daß sein Vater
fahren konnte, ohne ihm Adjüst gesagt zu haben, und er dachte: wärst du
doch bloß nicht nach dem Schuster gelaufen, dann hättest du deinen Vater
noch gesehen!
Wirklich hatten sie mit allemann nach dem Jungen gerufen, als es
Hochwasser werden wollte und die Zeit gekommen war, daß sie an Bord
mußten. »Störtebeker! Störtebeker! Klaus! Klaus Mees!« schallte es über
den Neß. Auch Kap Horn und Hein Mück riefen mit und sogar der kluge
Seemann gab ein kurzes Bellen drein, aber der Junge war nicht hier und
nicht wir zu werden, auf keinem Bug lag er an und kam nicht und kam
nicht. Da mußten sie endlich los, ohne ihn gesehen zu haben, wenn sie
nicht die Tide verpassen wollten. Klaus und Gesa schieden aber mit
Widerhaken im Herzen, die ihnen weh taten, denn er hatte sie im
Verdacht, daß sie den Jungen weit weggeschickt habe, damit er nicht im
letzten Augenblick noch mitgenommen werden könne, sie dagegen konnte den
Gedanken nicht los werden, daß er den Jungen an Bord versteckt halte, um
ihn doch mit nach See zu nehmen und dann nachher zu sagen, es habe nicht
anders gemacht werden können.
Das verbitterte ihnen den Abschied.
Als Gesa nun den Jungen wieder hatte und sah, daß sie ihrem Mann unrecht
getan hatte, kam die Reue über sie und sie winkte vom Bodenfenster mit
der großen Dweel, der leinenen Tischdecke, bis er es sah und seine
deutsche Flagge dreimal grüßend dippte, denn sein Unmut war längst
verweht, seitdem er wieder als Fahrensmann an Bord stand und seine Segel
über sich hatte. Es war eine Lust, zu fahren! In der weiten Runde, welch
ein reges Leben, welch ein freudiges Arbeiten! Da war nicht ein Ewer,
nicht ein Kutter, nicht eine Jolle, auf denen es still war: überall
eisten sie, trugen Segel und Proviant herbei, hievten die Anker, setzten
die Segel, ließen die Gaffeln knarren und schipperten einer nach dem
andern aus der großen Rinne, die schon ihren Namen bekommen hatte und
Klaus Mees sien Lock hieß. Draußen ließen sie sich mit dem Ebbstrom
daltreiben, denn es war gar keine Kühlung. Der erste aber war Klaus
Mewes mit seinem »Laertes«, dem die norddeutsche Flagge von der Besan
hing.
So güngen se up de Schullen dol.
* * * * *
Störtebeker stand noch auf dem Deich, als wenn er dort angewachsen wäre,
sah nach dem Ewer, der unter der gründachigen Nienstedter Kirche
kreuzte, und grübelte, ob es wohl darum so gekommen sei, weil er bange
gewesen war. Da hatte er ja gleich die Strafe für seine Bangbüxigkeit:
er war nicht mitgekommen nach See und sie hatten ihm nicht einmal Adjüst
gesagt. Wäre er langsam nach Hause gegangen, so hätte er seine Strümpfe
nicht auszuwaschen brauchen und er hätte seinen Vater noch gesehen.
Nu will ik ober gewiß ne mihr bang warrn! Ganz gewiß will ik nu ne mihr
bang warrn! Das sagte er sich.
Die Mutter stand in der Tür. Der kleine Boitel dauerte sie: »Jä, Klaus,
dor lett sik nu nix mihr an don: herkieken kannst du em ne wedder! Nu
sünd wi wedder den ganzen Sommer alleen!«
»To Sommer bün ik doch all mit an Burd,« sagte er mit halbem Vorwurf,
ohne sich umzudrehen.
»Kumm man rin, weut Kaffee drinken.«
»Och, ik mag nix, Mudder!«
»Ik will di bi magnix! Gliek anto!«
Da mußte er sich geben, und als er erst in der Küche am Tisch saß, da
schmeckte es auch. Wann hätte es Klaus Störtebeker übrigens nicht
geschmeckt? Nach dem Kaffee wusch sie ihm das Gesicht. Er hielt
ausnahmsweise still, obgleich er sich schon selbst waschen konnte und
obgleich er genau wußte, daß sie es nur tat, um ihm dabei die Backen
eien zu können. Als sie dann aber nach seiner Bunge fragte und nach der
Krähe (denn sie hatte sich fest vorgenommen, sein Vertrauen
zurückzugewinnen, wollte auch nicht mehr so streng gegen ihn sein,
sondern versuchen, seine Kameradin zu werden), da ging er bald hinaus,
denn diese Fragen schienen ihm recht verfänglich. So guckt der Spatz
mißtrauisch vom Dach, wenn ihm Krumen gestreut werden.
Da, beim Schloß von Godeffroy, der guten Frau, wie es am Deich hieß,
segelte der Ewer -- viel weiter war er noch nicht gekommen, denn es war
immer noch totstill.
Störtebeker besann sich, daß er noch nicht gefüttert hatte. Der Gerechte
erbarmt sich seines Viehes, auch wenn er Kummer hat. Er ging über die
Wurt nach dem Hof und warf den Kaninchen Kartoffelschalen hinein, aber
trotz seines wehen Herzens konnte er sich nicht enthalten, der Eve den
Bauch zu befühlen, denn er wartete sehr darauf, daß sie jungen sollte,
hatte er doch schon fünf Junge fest versagt: Hein Meier kriegte einen
Bock und eine Eve, Peter Fock einen Bock, Hannis Külper, Jan Loop jeder
eine Eve.
Dann bekam die Nebelkrähe ihren aufgeweichten Stuten. Der struppige Kluß
schlug mit den Flügeln und quarkte vergnügt über das Fressen:
Störtebeker faßte es aber anders auf und sagte betrübt: »Jä, Kluß,
Vadder is nu no See hin un hett mi ne Adjüst seggt!«
Da sah er am Schauer seine Kreek stehen und dachte: wenn du damit über
das Eis pektest, ganz nach Blankenese hinunter, könntest du deinen Vater
noch sehen und ihm Adjüst sagen. »Ik mütt un mütt em Adjüst seggen!« Er
suchte die Pek her, nahm die Kreek auf den Nacken und schlich wie ein
Indianer den Binnendeich entlang, damit die Mutter ihn nicht gewahr
werden sollte. Als er weit genug war, kletterte er über den Deich,
sprang vom Bollwerk auf das Eis und pekte sich über Rillen und
Sickberge, an Waken und offenen Stellen vorbei nach dem Fahrwasser.
Vadder, ik komm!
* * * * *
Der Schuster war ein Schlauer. Er wartete geruhig ab, daß der Polizist
auf seinem gewohnten Rundgang den Deich entlang kam, und schloß sich
dann dem ahnungslosen Beamten unter harmlosen Gesprächen an, um sich ein
wenig zu verpetten, wie er meinte. So dachte er dem droken Klaus
Störtebeker einen großen Schrecken einzujagen.
Aber er hatte seine Arbeit umsonst liegen lassen -- der Vogel war nicht
da. Die ängstliche Gesa suchte den Jungen im Keller und auf dem Boden,
als sie ihn dort aber nicht fand, nahm sie an, daß er geflohen sei, ließ
sich kopfschüttelnd die schlimme Tat berichten und bezahlte die Scheibe
und die Kugel. Auch versprach sie dem Schuster, daß Klaus kommen und
Abbitte tun solle, gab ihm noch ein Paar alter Stiefel zum Besohlen und
Vorschuhen mit und brachte den Zwischenfall damit auch glücklich wieder
in die Reihe.
* * * * *
»Adjüst, Vadder! Adjüst, Vadder!«
Klaus Mewes guckte nicht schlecht, als er seinen Jungen mit einem Mal
auf dem Eise stehen sah, dwars ab von Blankenese, hart am Rande des
Fahrwassers. Störtebeker stand neben seiner Kreek, auf die Pek gestützt,
und winkte.
»Wat kummst du hier her? Wat deist du up dat mörre Is?«
»Ik wull di doch noch Adjüst seggen, Vadder,« rief der Junge, »du büst
jo so fohrn.«
Kap Horn aber machte Weiberlärm:
»Junge, Junge, wat kannst du wat moken, wo licht harrst du inne Wok oder
innen Lock kommen kunnt?«
Aber Störtebeker sagte ruhig: »Dorför hett de Minsch doch Ogen, Kap
Horn!«
Sein Vater ließ den Ewer in den Wind schießen und überlegte, was er tun
sollte.
»Dat Is is so mörr as Tunner, dor güng ik gewiß ne mihr rup,« ließ Hein
Mück sich vernehmen, aber Störtebeker rief: »Dat gläuf ik, du Bangbüx!
Non, Adjüst, Vadder!«
»Kannst du ok wedder no Hus finnen, Junge?«
»Jo, dat is jo nix, Vadder!«
Kap Horn aber legte sich ins Mittel und sagte: Ȇmschicken kannst du em
nich, Klaus, dat geiht nich: he kummt uns innen Lock un buddelt weg!«
»Dat hebb ik ok all dacht,« stimmte der Schiffer besorgt zu, denn auch
er hatte kein Vertrauen mehr zu dem mürben Eis mit den zahllosen Löchern
und den großen Wasserstellen; er konnte nicht begreifen, wie der Junge
es überhaupt fertig gebracht hatte, so weit vorzudringen, bis an die
beständig abbröckelnde Kante.
»Klaus, wat ik di seggen do: dat sall so sien, dat is Schicksol: de Jung
sall mit no See! Nimm em mit!«
»Dat woll jüst ne,« lenkte Klaus ab, »dat is noch to kold buten un Gesa
weet dor ok jo nix van af: ober an Burd weut wi em man mol hieven! Wi
geeft em denn an en upkommen Fohrtüch af un schickt em seker no Hus.
Boot vant Deck! Loop ne weg, Störtebeker, ik hol di!«
»Junge, Junge, jo, Vadder, dat do man!« frohlockte Störtebeker und
dachte: nu geiht dat mit en vullen Huroh no See!
Die Fahrensleute nahmen das Boot in die Talje und fierten es ins Wasser.
Klaus Mewes stieß eben nach dem Eis hinüber, packte den Jungen samt der
Kreek zwischen die Duchten und wriggte nach dem Ewer zurück.