scharfen Augen über das Eis, er lief über die Blöschen nach dem Ewer,
die Waken und Löcher umgehend; nichts war zu sehen als im Fahrwasser die
Lichter, die gelben, grünen und roten, nichts zu hören als das
raschelnde, alte Reet auf den Kneienblicken und das Krachen der
zusammenbrechenden Sickberge in der Weite.
Sollte der Junge wieder in der Kambüse sitzen, wie er es schon mehrmals
gemacht hatte, um sich an die Ewerluft zu gewöhnen? Klaus Mewes turnte
auf das Deck und stieg in die stille, dunkle Kajüte hinab, die ihm nun
beinahe fremd vorkommen wollte, so tot erschien sie ihm ohne das sonst
ständig brennende Licht.
Wo mochte der Junge sein?
Wieder an Deck, horchte er von neuem, aber er vernahm nur das Tuten
eines Dampfers, der dwars von der Nienstedter Kirche fuhr. Seine Flagge
auf der Besan regte sich leicht im Abendwind, als er hinaufsah. Da schoß
ihm jäh der Gedanke durch den Kopf: wenn ik di bloß ne halfstock holen
mütt! -- aber er jagte ihn von dannen, kletterte über das Schwert und
schritt über das Eis nach dem Bollwerk zurück. Im Osten glomm der
Lichtschein von Hamburg auf, der dem Landfremden eine weit entfernte,
ungeheure Feuersbrunst vortäuschte. Da dachte Klaus Mewes an die alte
Fischfrau Beeken Focken, die 1842 schon verheiratet gewesen war: so alt
war sie. Die hatte einmal bei ihm auf dem Deich gestanden und mit ihren
braunen, knochigen Fingern nach dem östlichen Abendrot gewiesen und
gesagt: viel anders hätte sich das 1842 vom Deich aus auch nicht
angesehen: nun wäre Hamburg schon so groß, daß es jede Nacht einen so
großen Brand hätte.
»Jä, Beeken, dat magst du woll seggen: bi de veelen Wirtschaften,« hatte
er lachend geantwortet.
Mit einem Mal drehte er sich um und sah Seemann auf dem Bollwerk stehen.
»Neem is Störtebeker, Seemann? Such! Such!« rief er hastig.
Seemann wedelte mit dem Schwanz zum Zeichen, daß er verstanden hatte,
und setzte sich gemächlich in Bewegung. Er schwankte von dem langen
Leben an Bord wie ein wirklicher Seemann von einer Seite nach der
andern, wenn er lief.
Klaus wußte schon Bescheid, es ging nach der Neßkule, in der der Kahn
lag: der Junge schipperte gewiß oder goß das Wasser aus seinem Fahrzeug,
das etwas ziepte. Da lag aber der Kahn unter den krummen Wicheln und war
nicht abgeleint wie sonst, der Riemen lag dwars und kein Junge war
dabei: jach befiel ein ungeheurer Schreck den Fahrensmann, der auf der
Doggerbank den bösesten Stürmen furchtlos in die Augen blicken konnte,
und er lief in Sprüngen den Deich hinab.
»Klaus!«
Der Störtebeker blieb ihm dies eine Mal doch in der Kehle stecken.
»Hier bün ik, Vadder, wat schall ik?« rief Störtebeker, und eine dunkle
Gestalt löste sich aus dem Schatten der Baumstämme, die den
Schleusengraben wie Gespenster umstanden. Taumelnd kam sie näher und
wäre umgeschossen, wenn der Seefischer sie nicht aufgefangen hätte.
»Wat is dor los, Störtebeker? Wat fehlt di? Büst du krank?«
Der Junge sah blaß aus, aber er lächelte doch schon wieder verloren.
»Jo, Vadder, ik bün seekrank un mütt mi jümmer speen.«
»Wat kummt dat denn?«
Der Junge wies nach seinem grünen Kahn: »Ik will mi seefast moken,
Vadder, wat ik mi noher up See ne mihr to speen bruk. Un Jakob Husteen
hett to mi seggt, denn müß ik jümmer mitten Kohn dümpeln. Örk, örk --
wat bün ik nu slecht toweg, Vadder, wat hebb ik förn bittern Gesmack
innen Mund!«
Klaus wollte lachen, lachen, lachen -- er konnte es aber nicht, weil ihn
die Tapferkeit des kleinen Kerls tief rührte, der so lange mit dem Kahn
dümpelte, bis ihm schwindelig wurde, nur, um sich seefest zu machen.
»Jä, Störtebeker, so geiht dat buten den ganzen Dag! Nu wullt doch gewiß
ne mihr mit no See, wat?«
Aber der Junge nickte herzhaft und sagte: »Doch, Vadder! Morgen dümpel
ik wedder un offermorgen un den Dag, de den kummt, ok, bit ik ne mihr
düsig warr un mi ne mihr breken mütt! Ik will mi doch to Sommer van Kap
Horn un Hein Mück nix utlachen loten!«
Klaus Mewes vertaute den Kahn in schiffergerechter Art, nahm seinen
Jungen bei der Hand und ging mit ihm nach dem Neß zurück.
In der Dönß brannte schon die Lampe.
Als sie sich vor der Tür die Füße abschrapten, sagte Klaus halblaut:
»Brukst Mudder dor ober nix van to seggen, hürst?« »Segg du man nix,
Vadder: ik will woll swiegen,« flüsterte Störtebeker kameradschaftlich
und setzte sich in der Dönß gleich neben den Ofen, möglichst weit von
der Lampe, bückte sich tief und zog umständlich die Stiefel aus, um sein
Gesicht vor der Mutter zu verbergen, die gleich in richterlichem Ton
fragte:
»Non, neem kommt ji denn her?«
»Wi sünd mol no de Neßkul wesen,« berichtete Klaus Mewes der Wahrheit
gemäß.
»Hest du ok natte Strümp, Klaus?«
»Ne, Mudder, knokendreuch!«
»Lot mol feuhlen! De un dreuch? De leckt jo vör Nattigkeit. Gliek
treckst jüm ut!«
Störtebeker machte ein saures Gesicht, aber er freute sich doch, daß sie
weiter nichts merkte, und wischte heimlich die letzten Spuren des
Seefestigkeitskursus ab.
Nach dem Abendbrot wurde das Knütten noch eine Weile wieder aufgenommen,
dann aber packten sie das Kurrengut zusammen und machten Feierabend.
Kap Horn suchte sich die alten Zeitungen aus der Bank hervor und las den
Roman: »Zehn Jahre unter der Erde oder Schuld und Sühne« mit
aufgestützten Ellbogen. Wenn er dabei an Stellen kam, die ihm behagten,
so nickte er anhaltend mit dem Kopfe, wogegen er bei Kapiteln, die nicht
nach seiner Klitsch waren, ebenso ausdauernd den Kopf schüttelte. Ja,
man konnte noch mehr aus seinem Gesicht erkennen, denn wenn er von Wind
oder Sturm las (und in einem echten Roman weht und stürmt es ja alle
drei Seiten!), so pustete er leise vor sich hin, las er von Liebe, so
strich er sich über die Backen, gab es eine Mordgeschichte zu kauen, so
las er mit geballten Fäusten und so weiter. Wenn sie sturmeshalber
achter Norderney oder Wangeroog lagen, beobachtete Klaus, in der Koje
liegend, seinen lesenden Knecht mitunter stundenlang und sagte dann
zuletzt: »Nu will ik di mol vertillen, Kap Horn, wat du lest hest.« Und
meistens stimmte es, was er dann erzählte, daß der Knecht zuletzt
jedesmal erstaunt sagte: »Klaus Mees, ik gläuf, du kannst hexen.«
Diesen Abend aber kam der Schiffer nicht dazu, denn sein Junge ritt auf
seinen Knien und treunte um eine Geschichte.
»Ik weet uppen Stutz keen.«
»Och Vadder, vertill doch een! Du weest so veel.«
»Ne, ik kann nu keen tohopgrabbeln.«
»Och, man to, Vadder!«
»Non jo, denn ober ganz still wesen un eulich tohürn un noher ne wedder
seggen, dat wür jo gorkeen Geschichte.«
»Ne, Vadder, dat segg ik ok ne,« versicherte Störtebeker, und sein Vater
legte los.
»Non, denn hür to: dor wür mol en Mann, de harr keen Kamm, to köfft he
sik een, to harr he een ...« Da hielt der Junge seinem Vater aber schon
den Mund zu und paukste: »Dat is keen Geschichte, dat is Narrenkrom! Du
schallst en euliche Geschichte vertillen!«
»Non, denn hür to: dor wür mol en Mann, de wür in de Heid verbiestert,
nu hür man god to! Dor wür mol en Mann, de wür in de Heid verbiestert
...« Da hielt Störtebeker ihm wieder den Mund zu und sagte, das wäre
auch Tüdelei un he kunn en euliche Geschichte verlangt wesen.
»Non, denn hür to: to sett he sien Hot uppen Disch un seggt: non denn so
wißt, ich selbst bin Klaus Störtebeker!«
O weh -- das hätte Klaus Mewes doch wohl lieber nicht vorbringen sollen,
denn nun tagelte Störtebeker ihn regelrecht durch und heischte zwar
etwas von Klaus Störtebeker, aber etwas andres, nicht immer diesen einen
Satz, den er schon tausendmal gehört habe.
Kap Horn legte den Finger auf das letzte Wort, das er gelesen hatte, sah
auf und sagte: »Klaus Störtebeker büst du jo sülben, Junge, dor brukt di
doch keeneen wat von to vertellen.«
Gesa aber, die einen Flicken auf die englischlederne Hose setzte, sagte
abweisend: »Lot den olen Seeräuber man ünnerwegens un näumt den Jungen
man ne jümmer Störtebeker. Den olen slechten Nom ward he jo sien ganz
Leben ne wedder los.«
»De Nom is gornich so slecht, Gesa,« sagte Kap Horn ernsthaft, während
Klaus Mewes lachte und meinte, den Namen habe er einmal weg. Klaus
Störtebeker sei übrigens gar kein schlechter Mensch gewesen, wohl habe
er den reichen Kaufleuten und den Königen ihr Gold und Gut weggenommen,
aber den Armen habe er viel Gutes getan, noch jetzt würden die armen
Leute zu Verden von seinem Geld gespeist. Und mit den Fischern habe er
es auch nicht bös gemeint: er störte sie nicht und wenn er Fische holte,
so bezahlte er sie reichlich.
So erzählte Klaus Mewes, was die Sage an der Wasserkante
zusammengetragen hat von den Vitalienbrüdern und ihrem Hauptmann Klaus
Störtebeker -- und der kleine Klaus Störtebeker saß mit funkelnden Augen
und glühenden Backen dabei und konnte nicht genug hören, wie sie
Kopenhagen in Brand steckten, wie die zerfetzte gelbe Flagge im Sturme
flatterte, wie sie mit den Hamburger Schiffen umsprangen, wie sie
Ritzebüttel und Neuwerk wegnahmen und wie sie den schottischen König
gefangen hielten. Als Klaus aber weiter ging und von dem großen, breiten
Graben auf Finkenwärder erzählte, der die kleine Elbe hieß, und daß
Störtebeker dort oft mit seinen Schiffen auf der Lauer gelegen habe, da
sprang der Junge auf, daß Kap Horn ausrief: »Neem is dat Für?« und
fragte: »Vadder, neem is de Groben?«
Sein Vater beschrieb ihm diesen Graben und sagte, daß es damals noch
keinen Deich gegeben habe und daß die kleine Elbe ein Priel von der
großen gewesen sei, aber er konnte es dem Jungen doch nicht recht
verdeutschen, der sich einen so breiten Graben eben nicht vorstellen
konnte, und es blieb schließlich nichts andres übrig, als daß sie eine
kleine nächtliche Expedition nach dem Seeräubergraben ausrüsteten, die
trotz der großen Einwendungen von Gesa sofort ausrückte und der sich
auch Kap Horn und Seemann freiwillig anschlossen.
»Klaus, blief hier, dor sitt de Brummkirl innen Groben un holt di!«
Der Junge lachte sie aus und sagte, während er sein wollenes Halstuch
umband: »Brummkirl gifft ne, Mudder.«
»So?«
»Hett Vadder seggt! Dor ward bloß lütje Kinner mit bang mokt, wat se ne
bit Woter gohn scheut.«
Dann schlug die Haustür knallend zu, und Gesa war wieder allein. Wie die
Brechseen über dem kleinen Ewer, so schlugen die Gedanken über ihrem
Kopfe zusammen; sie konnte sich ihrer nicht erwehren und konnte auch die
quellenden Tränen nicht hemmen! Warum mußte sie so erschaffen sein, daß
sie nicht getroster Hoffnung und fröhlichen Herzens an die Seefahrt
denken konnte, warum konnte sie sich der Keckheit ihres Jungen nicht
freuen? Warum nicht, warum nicht? Sie war doch jung und gesund: warum
mußte sie da immer wieder zusammenbrechen und klein und verzagt werden,
warum konnte sie ihn nicht los werden, den furchtbaren Gedanken, daß sie
den Ewer auf See untergehen und den Jungen ertrunken im Graben sehen
solle? Warum wagte sie es nur mit heimlichem Grauen, helle Kleider zu
tragen?
Sie begriff es nicht, daß eine Seefischerfrau, wie die kleine Metta
Holst, die doch auch nicht am Deich großgeworden war, sondern wie sie
von der Geest stammte, es aushielt, daß sie so fröhlich lachen und
singen konnte und abends in der Schummerei geruhig auf dem Deich unter
den Linden hinter dem Spinnrad saß und spann: denn ihr Mann und ihre
beiden Söhne fuhren auf _einem_ Ewer, schwammen auf _einem_ Stück Holz
in der See. _Ein_ Blitzstrahl, _eine_ Brechsee konnte ihr ganzes Leben
verschütten, ihr ganzes Haus verdunkeln, ihr alles, alles nehmen -- und
doch konnte sie singen und lachen, die Frau. Daß eine so fest stehen
konnte!
Gesa schüttelte den Kopf.
Der Junge glitt ihr ganz aus den Händen. Sie hielt viel von ihm, gewiß
ebensoviel, wie andere Frauen von ihren Kindern. Und wenn sie ihn
zügelte und ihm wehrte, wenn sie ihn dem Wasser fernzuhalten suchte, was
trieb sie anders dazu als die Liebe? Bis zu drei Jahren war der Junge
ein rechtes Mutterkind gewesen, das ihr Schürzenband kaum losgelassen
hatte, und sein Vater hatte sich wenig mit ihm abgegeben, sondern nur
immer lachend erklärt, daß er mit so kleinen Gören nicht umzugehen
wisse: ein Mann, der ein kleines Kind auf dem Arm habe, komme ihm vor
wie ein Hahn, der auf Eier gesetzt sei. Zwar hatte er den Jungen zuerst
wohl alle zwei Stunden geweckt und dabei gesagt, das müsse er beizeiten
lernen, denn später beim Schollenfang hieße es auch: alle zwei Stunden
raus! -- aber es war nur Spaß gewesen, wie es auch Spaß gewesen war,
wenn er ihn auf und ab schaukelte, um ihn an die Dünung zu gewöhnen und
ihn seefest zu machen, wozu er sang: So dümpelt de Eber, so dümpelt de
Eber, so dümpelt de Eber up See ...
Dann aber, als der Junge anfing zu sprechen und zu begreifen, war es
anders geworden: da kam der Ernst. Da wurde er ausgelacht, weil er ein
Mutterkind war, und von ihren Wegen abgelenkt, da wurde das Wort
gesprochen: Ne bang wesen, Junge, anners kummst du ne mit no See! Ne
schreen, Klaus, anners kann ik di noher an Burd ne bruken, denn müß du
Kleigrober oder Kristoffer Bullerballer warrn! Da war der Brand in die
Kinderseele hineingeworfen worden und hatte sie verheert! Da war ihm der
Kompaß in die Brust gesetzt worden, der beständig nach der See wies und
all sein Tun und Lassen lenkte.
Dann kam der Kahn, der grüne nordische Kahn, von dem Gesa glaubte, daß
ihr Mann ihn vom Teufel gekauft hatte und nicht von dem norwegischen
Schuner, wie er behauptete. Den bekam der Junge zu seinem vierten
Geburtstag, und damit war er der Elbe und dem Wasser verfallen, der nun
mehr war als die andern Jungen am Deich: Reeder und Schiffer. Da
übertrugen die Finkenwärder den Namen des Fahrzeuges bald auf den
Jungen, und aus dem kleinen Klaus Mewes wurde für jung und alt ein
kleiner Klaus Störtebeker! Gesa seufzte tief, denn sie trug schwer an
diesem gottlosen Namen.
* * * * *
Die vier Getreuen aber standen an dem breiten, schwarzen Graben zwischen
den dicken, krummen Wicheln und den schlanken, schiefen Erlen und
suchten die Spuren von Klaus Störtebeker. Sie bestimmten den Baum, an
dem er sein Admiralsschiff festgehabt hätte, und durchforschten die
hohlen Stämme nach Gold, das er vielleicht hineingesteckt haben könnte.
Das faule Holz glomm auch wirklich wie Silber, so daß der Junge alle
Augenblicke ausrief: »Hier sitt dat Gild, hier sitt dat Guld!« und sie
von einer Wichel nach der anderen lockte.
Klaus Mewes aber guckte viel nach dem Bauernhof auf der zehn oder zwölf
Ewerlängen entfernten deichhohen Wurt, der bei den alten Leuten noch der
Grönlandshof hieß, weil in alten Zeiten die hamburgischen Walfischfänger
neben ihm geankert hatten. Dorther stammten er und die ganze,
weitausgebreitete Sippe der Mewes: auf dem Grönlandshof hatte der alte
Vogt holländischen Blutes gesessen, der aus einem Bartholomäus zu einem
Bartel Mewes geworden war. Seine Jungen und Enkel dann, die hatten es
herausgefunden, daß es besser sei, die grüne See zu pflügen als das
braune Land, und sie waren nach dem Deich gezogen und Schiffer und
Fischer geworden. Das Bauerngeschlecht der Mewes war ausgestorben: die
seefahrenden Mewes aber waren immer noch groß am Ruder und machten ein
Drittel der Fischerflotte aus, während das zweite und letzte Drittel den
Focken und Külper zukam.
Seefischerei! Klaus Mewes sehnte sich nicht nach der Bauerei zurück und
tauschte seinen lieben, großen Ewer gewiß nicht gegen den ganzen
Grönlandshof.
Dritter Stremel.
Den Montag, der als ein schöner, stiller Vorfrühlingstag über die Elbe
kam, fing Klaus Mewes mit früher Arbeit an, er schleppte Segel und
Kurren mit seinen Leuten über das Eis, machte die beiden Kurrleinen
fertig und eiste dann das Fahrzeug ringsum frei, damit Raum für den
notwendigen Anlauf gewonnen würde, denn er hatte keine Ruhe mehr: das
Eis trieb nicht weg und konnte noch wochenlang liegen bleiben: da mußte
er Gewalt anwenden!
Hein Mück, der erst gegen Morgen von Musik gekommen war, konnte kaum die
Augen offen halten, aber sein Tappen half ihm nichts: er bekam die
nassen Fausthandschuhe zu schmecken und mußte tüchtig daran glauben.
Halbermittag ging Kap Horn den Deich entlang, um anzusagen für die große
Arbeit, die gleich nach dem Essen angegriffen werden sollte. Kap Horn
war der rechte Mann für so etwas, denn er konnte gut klönen; zwar
dauerte es Stunden, bis er die hundertfünf Häuser abgeklopft hatte, aber
er hatte dafür auch die Genugtuung, acht Tassen Kaffee und zwei
Kirschenschnäpse eingegossen bekommen und alle an Land befindlichen
Mannsleute angeworben zu haben. Störtebeker begleitete ihn ein Stück und
lief dann nochmal nach dem Schuster und mahnte ihn um die langen
Stiefel, freilich, ohne daß er sie gekriegt hätte.
Dann trabte er wieder nach dem Neß und half seinem Vater, dem er in
allen Schiffsdingen der unermüdlichste und aufmerksamste Helfer war. Ein
so großer Stankmacher und Ausfresser der Junge sonst war: solange er bei
seinem Vater stand, vergaß er alles andere und war nur noch der
lerneifrige, vielfragende Schiffsjunge.
Nach Mittag standen sie dann im Sonnenschein auf dem Ewer, der schon in
seiner großen Wake trieb: Schiffer, Knecht, Junge, Spielvogel und Hund.
Hein Mück pumpte noch etwas, bis die Pumpe röchelte, und Störtebeker
drängte das Ruder von Backbord nach Steuerbord und von Steuerbord nach
Backbord, als habe er wirklich zu steuern, Klaus Mewes und Kap Horn aber
schleppten die beiden schweren Trossen über das Eis.
Da kamen sie vom Deich herunter und über das Eis gegangen, die
Seefischer, die Wattfischer, die Lütjfischer, die Frachtschipper, es
kamen der Gastwirt, der Reepschläger, der Blockmacher, der Krämer und
der Segelmacher, weit über hundert Mann, alle in großen Stiefeln
steckend, laut lachend und sprechend, in Gruppen und einzeln. Und die
gewaltige Schar versammelte sich um den Ewer, einigte sich über den Weg,
den sie nehmen wollte, und verteilte sich auf die beiden langen
Kurrleinen. Alles Görenzeug lief und rannte auf den Schallen umher, und
oben auf dem Deich standen die Frauen und Mädchen und guckten und
warteten. Am Bollwerk und auf den Schallen aber lag die Menge der
Fahrzeuge, denen der große Tag die Freiheit bringen sollte. Die
vergoldeten Flögel blinkten im Sonnenschein und in den Klüsenaugen
leuchtete es vor Hoffnung.
Der große Tag -- der größte Tag der Finkenwärder Fischerei, an dem sie
die Mächtigkeit ihrer Flotte, die Stärke ihrer Mannschaft, die
Brüderlichkeit und Hilfsbereitschaft ihrer Fahrensleute am besten
bewies. Allen, die ihn erlebt haben, die den großen Triumphzug vom
Bollwerk bis an das weit entfernte Fahrwasser gesehen haben, hat er sich
unauslöschlich in die Seele eingedrückt. Nicht wahr, du Finkenwärder: up
den Dag kannst du di ok noch besinnen?
Es kamen immer noch mehr Fahrensleute über das Eis: alle, alle wollten
helfen, alle wollten dabei sein! Nun waren der Hilfsleute genug: Klaus
Mewes stand im Steven wie ein König und gröhlte, die Leinen müßten noch
weiter auseinander. Und als das getan war, da rief er über das Eis, so
laut er konnte: »All klor! Een, twee, dree: allemann inne Gangen! Huroh!
Huroh! Huroh!«
Da sprang Kap Horn nach dem Ruder und warf es herum: die Fahrensleute
aber setzten sich mit Huroh und Jümmerbeterbi und Hödjihöh in Bewegung
und zogen die Leinen steif: der Ewer kam in Fahrt und schoß durch das
offene Wasser, dann krachte und knackte er gegen das Eis, zerbrach es,
schob es zur Seite, drückte es unter sich, bäumte sich auf, senkte sich
wieder, kam aber dann zum Stehen und blieb vor einem Eisberge sitzen!
Aber ein schönes Stück war schon bewältigt.
Störtebeker sprang wie ein Wiesel, hüpfte wie ein Heister, wie ein
Wippsteert auf dem Ewer umher: als aber das Brechen losging, stand er
neben seinem Vater, der unermüdlich anfeuerte, und hielt sich am
Vorderpoller fest. Das war was für ihn. »Junge, Junge, Vadder, so geiht
he god.«
Stoppi -- stoppi --
Nun mußte ein Tau achterut geschoren werden und sie mußten den Ewer ein
Stück rückwärts ziehen, damit sie Anlaufraum gewännen. Klaus Mewes und
seine Leute gingen mit Haken daran, die Schollen vor dem Bug zu
entfernen.
Kord Külper aber, der spaßige, der Ontjekolontje hieß (er hatte aus dem
bremischen Dreimaster, der mit Stückgut nach Valparaiso wollte und auf
Scharhörn strandete, eine ganze Kiste Kölnischen Wassers -- Eau de
Cologne -- erbeutet und bespritzte seitdem Taschentuch und Südwester,
Buscherump und Ölbüx damit, wie behauptet wurde, jedenfalls aber roch
alles an ihm nach Ontjekolontje), Kord Külper kam heran und rief: »Klaus
Störtebeker mütt no achtern gohn, anners speel ik ne mihr mit: de drückt
dat Fohrtüch vör to deep dol.« »Deit he ok!« riefen einige Knechte zur
Bekräftigung.
Da trat Störtebeker schweigend ab, wie Wallenstein auf dem Reichstag zu
Regensburg, ging langsam nach dem Heck und stellte sich neben Kap Horn
ans Ruder, damit der Ewer den Steven höher höbe.
Und Jan Kröger, der laute, kam über das Eis und sagte zu Klaus Mewes:
»Klaus, du büst en fixen Kirl bi de Klütjenpann, dat weet wi all, du
weest, wat vör un achter is annen Schipp un büst vörn doden Kiwitt ne
bang: ober dat Gröhlen, weest du, dat Bölken, versteihst du, dat
Andrieben, hürst du, dat Beterbi, mien Jung, dat hest du doch noch ne
rut! Dat mütt ganz anners rutflegen! Ik kann gröhlen: lot mi dor mol
stohn un kummandiern!«
Klaus Mewes aber lachte: »Hier kummandier ik, Jan, dat weest du woll;
blief du man anne Kurrlien!« »Egenbuck!« rief Jan laut und ging an
seinen Törn.
Dann erhob Klaus Mewes wieder Arm und Stimme und alle zogen an.
»Huroh! Togliek! Hödjihöh!«
So rief es auf dem Ewer, so rief es auf den Schallen, so rief es vom
Deich, und das Fahrzeug gnosterte wieder durch das Eis und brach den Weg
weiter. Zwei Ewerlängen wurden gemeistert, dafür mußten aber auch drei
Mann ausscheiden, die eingebrochen waren: Jakob Walroß, der eigentlich
Jakob Witt hieß und seinen Ökelnamen von seinem herunterhängenden,
borstigen Schnurrbart hatte, und Hein Mewes, den sie Hein Lompdom
nannten, weil er einmal geantwortet hatte, als ein Altenwerder ihn
fragte, wie es auf Finkenwärder ginge: Och dat weest woll, Siem Achner,
jümmer lompdom, lompdom! Der dritte aber, der eine Quappe stach, war
Störtebeker: er hatte sich den kleinen Haken hergekriegt und die
Eisblöschen mit weggeschoben: dabei war er über Bord gefallen und wäre
beinahe unter das Eis gekommen, wenn Kap Horn ihn nicht noch mit dem
Haken erwischt hätte. Er zog ihn wie einen Seehund an Deck, und nun war
die Herrlichkeit aus: Klaus Mewes ging mit seinem Jungen nach unten, zog
ihn aus, hängte das nasse Zeug um den Ofen und steckte den nackten Mann
in seine Koje. Dann mußte er wieder hinauf, denn das Eisen war schon
wieder in vollem Gange: er schickte aber Hein Mück, der Feuer machen
mußte, damit es trockne. Oben rief es wieder von allen Seiten, am Bug
scheuerte und stieß das Eis, dann donnerte und krachte es, als bräche
der Ewer in Stücke! Hein Mück sagte: »Och wat, dat Für will woll van
sülben inne Gangen kommen!« und rannte die Treppe hinauf, zu sehen und
zu helfen.
Klaus Störtebeker blieb allein in der Kajüte und horchte auf den Lärm.
Nun treckten sie wieder, nun mußte der Ewer erst wieder über Steuer!
»Bang dött ik ne warrn, anners komm ik ne mit no See,« sagte er vor sich
hin, wenn das furchtbare Poltern wieder anfing. Mitunter stand er auf
und befühlte das Zeug, ob es noch nicht trocken wäre, dann kroch er
frierend wieder unter die Decke und horchte abermals.
Oder er guckte die goldnen Sprüche an, die unter den Kojen eingeschnitzt
waren.
* * * * *
Was für Sprüche waren das? -- fragt die Seele. --
Wer im Altonaer Museum gewesen ist und die Ausstellung des Deutschen
Seefischerei-Vereins gesehen hat (Deutscher Seefischerei-Verein: ich
möchte seinen Namen _golden_ schreiben, weil er so viel für unsere
Fischerei getan hat und noch tut!) -- der hat auch in die
puppenküchenenge Kambüse des Blankeneser Fischerewers aus den sechziger
Jahren hineingeguckt und die Sprüche gelesen, die darin stehen: unter
der Schifferkoje: In Storm un Noth / Bewahr uns Gott: unter der
Knechtenkoje: Hier eben öber hin / Is beter as op den Bünn: unter der
Jungenkoje: Hüt Klüt un morgen Fisch / Vergnögt gaht wi to Disch. Und er
hat wohl gefragt, ob auch die anderen Fischerfahrzeuge sich solcher Zier
erfreuten.
Sie taten es. Wie jedes alte Bauernhaus seinen Segen trug, so hatten
auch die Ewer ihre Sprüche, köstliche Bibelverse zumeist.