Dann setzten sie sich drinnen zu Tisch, wie es sich gehörte.

Seefahrt ist not!

Roman

von

Gorch Fock

121.-130. Tausend

Verlag von M. Glogau jr., Hamburg 1921

Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig.

Laßt mich nur auf meinem Sattel gelten,

bleibt in euern Hütten, euern Zelten,

und ich reite froh in alle Ferne --

über meiner Mütze nur die Sterne.

Goethe.

Erster Stremel.

»Insonderheit aber bitten wir dich für die, die auf dem Wasser ihre

Nahrung suchen. Segne, segne die Fischerei auf der See und im Fluß,

behüte Mann und Schiff in allen Gefahren!«

Pastor Bodemann beugte den grauen Kopf tiefer als zuvor. Da hatte er

laut und warm für seinen alten Kaiser gebetet, laut und warm, wie es ihm

von Herzen kam, nicht leise und kalt, wie sein Vorgänger, ein zäher

Welfe, der nur der kirchlichen Vorschrift nachgekommen war: »Laß deine

Gnade groß werden über deinen Knecht Wilhelm, unsern Kaiser und Herrn,

und über das ganze kaiserliche Haus.«

Die gefurchte Stirn berührte fast das schwarze Tuch, mit dem die Kanzel

vom Sonntag Reminiszere bis zum stillen Freitag bedeckt war. Es schien,

als wenn die Stimme ihm versagte und er aufhören müßte. Und er hielt

überwältigt inne und ließ die große Stille kommen.

Totenstill wurde es in der Kirche auf Finkenwärder. Regungslos saß die

Gemeinde. In die Augen kam eine Dunkelheit wie von aufsteigenden Tränen.

Und die _See_ nahm das Wort, die Nordsee, die Mordsee -- mit ihren

jagenden, zerrissenen Wolken, mit ihrem pfeifenden, brausenden Sturm,

mit ihren haushohen, schäumenden, brüllenden Seen, mit Brand und

Wetterleuchten, mit Dünung und Gewitter, -- mit geborstenen Segeln,

gebrochenen Masten, blakenden Notfackeln, verlorenen Wracken und

hilferufenden Fahrensleuten.

Und es war niemand da, der nicht ihre Stimme vernommen hätte.

Die hellhaarigen Jungen auf den Bänken neben dem Altar, die als große

Schleefen zu den gegenübersitzenden Konfirmandinnen hinübergelacht und

ihnen zugenickt hatten, verjagten sich, legten beschämt die Hände

zusammen und sahen vor sich hin, weil ihnen in der heiligen Stille die

Väter und Brüder in den Sinn kamen, die draußen waren, und weil sie

daran dachten, daß sie nach Ostern selbst in die Fischerei hineinkamen.

Auch bei den rotbäckigen Mädchen wurde es still. Alle falteten rasch die

Hände, und manches Kinderherz bebte -- vergessen war, daß sie abends am

Deich einzuhüten hatten und daß die Jungen dort vor den Fenstern

trommelten und pfiffen, bis sie hineingelassen wurden und Blindekuh oder

Sechsundsechzig mitspielen durften.

Gesine Külper, die schönste Deern der Hamburger Seite des Eilandes, um

die die Junggäste einander Sonntag abends auf Musik bannig in die Wanten

stiegen, weil keiner sie dem andern gönnte und jeder sie nach Hause

bringen wollte, senkte die Wimpern und neigte den stolzen Kopf, nicht

allein, weil sie wußte, daß es ihr gut stand, sondern auch um die

Seefischerei, um alle Freundschaft, Bekanntschaft und Verwandtschaft,

die unter Segeln war.

Auch Hein Loop betete mit, der Rotbart vom Auedeich, den sie den

Seeteufel nannten, wenn er nicht dabei war, Hein Loop, einer der

Verwegenen, der Verwogenen, wie sie an der Wasserkante sagen, einer von

denen, die nicht reffen und nicht beidrehen mögen, die mit allen Lappen

segeln und mit jedem Winde fischen, denen es ergeht wie dem jungen Lord

von Edenhall:

sie schlürfen gern in vollem Zug,

sie läuten gern mit lautem Schall,

die mit dem Glück von Edenhall anstoßen und es wohl auch einmal

versuchen. Die See schmecke ihm erst dann, wenn sie gar sei, und gar sei

sie nach seiner Meinung erst, wenn sie _koche_, hat Hein Loop einmal

gesagt, und jeder, der ihn kannte, glaubte es ihm. Aber nun betete er,

denn er wollte den andern Tag mit seinem Kutter nach See, up de Schullen

dol, und konnte mooi Wind und mooi Fang gebrauchen.

Auch Jan Greun, Simon Fock und Hinnik Six, seine Macker, die nicht weit

hinter ihm saßen, ließen das Kirchenwort in die unerschrockenen

Seemannsherzen hinein, wenn sie in Gedanken auch ein kräftiges

Sprüchlein achteran hingen, das bei Jan hieß: Herr Pastur, de

verdreihten Dänen ne vergeten! Bei Simon lautete es: Amen, Herr Pastur:

ober dat Is mütt irst innen Dutt, ans kann ik ne rut! Und bei Hinnik

besagte es: De Büt, Herr Pastur, de Büt, de Büt, de hürt dor ok mit to!

Von den mittleren Bänken kam ein Weinen und Schluchzen. Dort saßen die

Seefischerwitwen, in ihren schwarzen Kleidern und mit den dunkeln

Kopftüchern wie morgenländische Klageweiber anzusehen. Der letzte

Jahrgang hatte die Stirnen auf der harten Holzlehne liegen, als sei kein

Leben mehr in ihm: so wollten es die Sitte und der Schmerz. Zuhinterst

saß die greise Geeschen Witten, tiefe Runen im Gesicht, das einer

Landkarte ähnlicher sah, als einem Menschenantlitz. Sie konnte nur noch

für Tote beten, denn alles Leben hatte sie der See gegeben: ihren Vater,

der dreiundvierzig vor der holländischen Küste über Bord gekommen war,

ihren Mann, der in den sechziger Jahren während der Äquinoktien

untergegangen war, ihren Bruder, den sich die See fünf Jahre später bei

Amrum geholt hatte, ihre beiden Söhne, die vor neun Jahren mit ihrem

neuen Ewer verschollen waren. Sie wohnte ganz allein in ihrem großen,

leeren Dachhaus, zwischen Netzen und Segeln, die die Gebliebenen

zurückgelassen hatten, und wunderte sich, daß sie immer noch lebte und

daß auf ihrem Kirchenplatz nicht schon lange eine andere saß.

Einer aber war da, der hatte den Kopf nicht gesenkt und die Augen nicht

zugemacht: Thees to Baben, der Segelmacher und Spökenkieker, der Blut

stillen, Krankheiten besprechen, Hexen bannen und Schweine zum Fressen

bringen konnte und die Gabe des Vorsehens und Vorhörens besaß. Er

beobachtete den Pastor scharf, und als Bodemann die Augen schloß, machte

Thees seine weit auf und starrte durch das verbleite Fenster, bis er ihn

kommen sah, den langen, heimlichen Zug, der vom Deich stieg und über die

Äcker, Gräben und Wischen wallte, ohne eines Weges oder Steges zu

bedürfen, der durch die von selbst sperrweit aufgehenden Türen drängte

und die Kirche füllte. Lautlos und gespenstisch besetzte er alle leeren

Plätze und alle Gänge. Kopf an Kopf standen sie, die gekommen waren, die

gebliebenen Fahrensleute, die alten und die jungen, die Schiffer und die

Knechte. Mit weitgeöffneten, wasserleeren Augen sah der Segelmacher sie

an. Wie sie über Bord gespült waren, standen und gingen sie, das Wasser

leckte ihnen von den Südwestern, glänzte auf den Ölröcken und quoll aus

den Seestiefeln. Der Spökenkieker sah sie und lugte, ob sie einen unter

sich hatten, dessen Untergang am Deich noch nicht bekannt geworden war.

Dabei blieb er ruhig, denn er war an Spuk gewöhnt: nur, wenn einer der

Toten ihn ansah, schüttelte er den Kopf, als wenn er sagen wollte: an

den Segeln hat es nicht gelegen, daß ihr geblieben seid: die Segel waren

gut! Wobei er allerdings voraussetzte, daß er sie auch wirklich gemacht

hatte.

Endlich -- ein erlösendes Husten unten im Schiff, ein befreiendes

Scharren oben auf dem Chor, ein dreistes Sperlingsgeschrei draußen in

den Erlen und Eschen. Da vergingen Gespenster und Gedanken, die

Sonnenstrahlen fingen wieder an zu spielen und Alt-Bodemann bekam seine

Sprache zurück. Und als er dann bei seinem Herrgott um den Hausstand

anhielt und alle, die dazugehörten, um gottesfürchtige Eheleute, Eltern

und Herren, gehorsame Kinder und frommes und getreues Gesinde, da war

die große Stille vorüber: die Konfirmanden machten wieder ihre

verstohlenen Zeichen, die Mädchen kicherten und stießen einander im

geheimen an, Gesine Külper dachte an den ersten Schnellwalzer, Thees

Segelmacher stützte die Ellbogen auf die Brüstung und hörte so nipp zu,

als wenn er noch Pastor werden wollte, und die Fahrensleute rollten die

Prüntjer geruhig wieder hinter die Kusen.

Klaus Mewes, der junge Seefischer, der in der Nähe der Orgel auf dem

Chor saß, war von der Erinnerung an seinen Vater freigekommen, die ihn

jäh befallen hatte, und konnte sich wieder seines guten Platzes freuen.

Denn er hatte sich so zu Anker gehen lassen, daß er nicht allein recht

in der Sonne saß, sondern auch aus dem Fenster sehen konnte. Hinter den

Wischen und Gräben sah er den hohen Deich aufragen und über den Stroh-

und Pfannendächern der Häuser gewahrte er die Masten der

Fischerfahrzeuge, die auf den Schallen und am Bollwerk lagen, und die

Rauchwolken der Dampfer, die im Fahrwasser, hart am holsteinischen

Elbufer, auf und ab fuhren: Dinge, die ihm Hirn und Herz mit Mut und

Freude füllten!

Wenn er dieses Mal gleichwohl nicht sonderlich darauf achtete, so konnte

nur sein Junge schuld daran sein, der unter seinen Augen unermüdlich

neben der Kirche im Gras auf und ab ging. Er freute sich wie ein Stint,

daß er ihn nicht mit hereingenommen hatte, wie es eigentlich seine

Absicht gewesen war, als der Junge ihm mit dem Hund nachgekommen war und

gesagt hatte, sie wollten das Gesangbuch tragen und ihn bis an die

Kirchentür bringen. Denn hätte der Vogel Bunt so lange ruhig gesessen

und geschwiegen? Sicherlich nicht -- er wäre bald aufgestanden und

umhergelaufen und hätte geguckt und gezeigt und gefragt und getan: beim

stillen Eingangsgebet in der Fensternische hätte er gefragt, wie jener

Bauerjunge vom Osterende getan hatte, als er seinen Vater in den Hut

gucken sah: Du Vadder, lot mi ok mol innen Hot kieken! Den Klingelbeutel

hätte er in den Händen gewogen und ausgerufen: Junge, Junge, Vadder: dor

is ober plenni Monne in! Und Geeschen Witten hätte er laut gefragt:

Diern, Geeschen, wat schreest du? Hest du dien Ontjen woll nix to freten

geben? Wenn er aber zur Ruhe ermahnt worden wäre, hätte er geantwortet:

ick bün vörn Pastur ne bang, Vadder! -- oder eingewendet: de lebe Gott

is ne bi Hus, Vadder, de kann mi nix seggen!

Es war weder vorwärts noch rückwärts aufzuzählen, was er alles

angerichtet hätte, und es war besser, daß er draußen seine Wache

abreißen mußte.

Der Seefischer lachte in sich hinein.

Als sie vor der Kirche angelangt waren, hatte Jochen Rolf sich zu ihnen

gesellt und schalkhaft-ernst gemeint: wenn der Junge mit hinein wolle,

müßten ihm wohl erst die Taschen durchsucht werden, damit er keine

Steine bei sich behalte und sie dem Küster an den Kopf werfe. Solle er

aber draußen bleiben, dann wäre nur zu wünschen, daß der Pastor es kurz

und knapp mache, damit der Junge nicht die Geduld verliere und alles in

Brand stecke. Worauf der Vogel Bunt die Kirche von oben bis unten

angeguckt und dann ernsthaft erwidert hatte, die brenne ja gar nicht,

weil sie ganz aus Stein gemacht sei. -- Da war dem Seefischer ein

köstlicher Einfall gekommen, er hatte den Jungen bei der Hand genommen

und neben die Kirche gelotst, ihm dort einen Apfelbaum und einen

Birnbaum gezeigt und ihm gesagt, der eine sei der Großmast und der

andere der Besansmast und zwischen ihnen sei der Fischerewer und rechter

Hand sei Steuerbord und linker Hand sei Backbord. Dat brukst mi ne to

vertillen, hatte der Junge geeifert, dat weet ik jo all lang! Na, dann

solle er aufpassen, war des Seefischers Entgegnung gewesen, er wolle

einmal ausfindig machen, ob der Junge schon etwas könne, ob er schon zu

etwas zu brauchen sei: darum solle er auf dem Ewer zwischen den Bäumen

eine Wache nehmen, wie auf See in der Schollenzeit, zwei Stunden

hindurch. Der Kompaß läge Nordwest an: er solle darauf achten, daß er

nicht aus dem Kurs komme, solle aufpassen, daß die Segel immer voll Wind

seien und nicht klapperten, und guten Ausguck halten, damit er keine

Haverei mit andern Fischerewern habe. Der Junge hatte wie ein Großer

genickt und war von Herzen damit einverstanden gewesen, er hatte

sogleich das Deck mit großen Schritten ausgemessen, hatte Großmast und

Besan mit den wirklichen Masten verglichen und den Kopf in den Nacken

geworfen und die Äste auf ihre Eignung zu Giekbaum und Gaffel geprüft.

»Van Burd dött ik ober doch ne gohn, ne, Vadder?« hatte er noch gefragt.

»Och du Dösbattel,« war des Seefischers Erwiderung gewesen, »kannst du

ok van Burd gohn? Büst doch up See, is doch all Woter üm di rüm.«

»Is ok jo wohr! Wat is Seemann denn?«

»Seemann?« Klaus Mewes hatte den struppigen Hund ergriffen und an den

Birnbaum gesetzt. »Sitten blieben, Seemann! Dat is dat witte Nachthus,

Störtebeker, un sien Nüff, dat is de Kumpaß.« Nun wisse er wohl alles:

er brauche nicht immer am Ruder zu stehen und das Helmholz festzuhalten,

sondern könne geruhig auf Deck hin und her gehen, wie die Fischerleute

es täten, hatte der Seefischer geschlossen und war in die Kirche

getreten, während der Junge unter dem Geläut der Glocken und dem Gebraus

der Orgel an seine erste Schiffswache gegangen war.

Jetzt war Bodemann schon mitten in der Predigt, und der Junge ging immer

noch ernst und wachsam zwischen Apfel- und Birnbaum auf und nieder, als

ob er wirklich an Bord sei, denn er wollte beweisen, daß er schon groß

genug wäre und allein die Wache gehen könne. Er wollte zeigen, daß er

schon mit der See klar kommen könne, damit sein Vater ihn im Sommer mit

auf den Ewer nahm, wie er ihm versprochen hatte. Wie nach Segeln blickte

er nach den Zweigen hinauf. Einen Buchfink, der im Wipfel des

Apfelbaumes saß, ließ er sich als Flögel gefallen. Er hatte die Hände

nach Fischerart tief in die Hosentaschen gesteckt und pfiff gefühlvoll

vor sich hin, spuckte auch einmal großartig in die See hinein, als wenn

er bange sei, daß er kein Wasser genug habe und aufs Trockne komme.

Es schien stürmisch zu sein, denn alle Augenblicke wehte ihm das weiße

Nachthaus über Bord, sei es, weil eine Ratte über den Graben schwamm

oder weil sich eine Katze auf der Wurt des nahen Bauernhofes sonnte.

Junge, was war das für ein Stück Arbeit! Was sollte der Wachhabende tun?

Nachlaufen konnte er nicht, denn ringsherum war Wasser, das keine Balken

hatte: er verlegte sich deshalb auf Rufen und Pfeifen, und wenn das

nicht half, dachte er schließlich: och wat, nu jump ik eenfach ober

Burd: ik kann jo swümmen -- und lief nach der Wurt oder nach dem Graben,

ergriff sein Nachthaus und schleppte es zurück, wobei er pustete, als

wenn er wirklich im Wasser sei, stellte es wieder an den Birnbaum und

sagte: »Du müß sitten blieben, Seemann, ans hebb ik keen Kumpaß!« Dann

guckte er verstohlen nach den Kirchenfenstern hinauf, denn er war sich

nicht ganz sicher, ob er über Bord springen durfte.

Klaus Mewes sah es wohl und högte sich über ihn, während ihm das Blut,

das die Sonnenstrahlen geweckt hatten, heftig und stark in den Schläfen

klopfte. Das war sein Junge, der kleine Mann mit den hellen Haaren, den

blauen, nordischen Augen und dem wettergebräunten Gesicht, der eine

graue, wollene Matrosenmütze aufhatte, um den Hals ein schottischbuntes

Tuch trug, einen weißblauen Buscherump und eine marineblaue Büx anhatte

und auf braunen Segeltuchschuhen ging, wie ein Janmaat, der auf

Freiwache ist und sich landfein gemacht hat. Das war sein Junge! Wer den

so gehen und stehen sah, dem mochte wohl das Gedicht von Uhland

einfallen: Jung Siegfried war ein stolzer Knab -- und durch die Brust

seines Vaters brauste ein solches Lied, das die Orgel übertönte.

Wieder nahm Klaus Mewes sich freudig und heilig vor, einen Fahrensmann

aus ihm zu machen, einen Seefischer, einen so furchtlosen und

verwegenen, wie Finkenwärder noch keinen gehabt hatte. Noch diesen

Sommer wollte er ihn mit nach See nehmen, ob auch die Mutter weinte und

die Leute den Kopf schüttelten. Lachend wollte er ihnen trotzen, denn er

war es nicht gewohnt, auf andere zu hören, weder an Land noch auf See.

Wie seinen Ewer, so steuerte er auch sein Leben selbst.

Ja, Klaus Störtebeker sollte ein Fischermann werden!

Der Junge hieß Klaus Mewes, wie er selbst, aber das ganze Eiland, mit

Ausnahme von Gesa, nannte ihn Klaus Störtebeker, einmal, weil er

wirklich ein großer Strömer und Liekedeeler war, ein Brite und

Tunichtgut, dann, weil sein grüner Kahn diesen Seeräubernamen an Steven

und Gatt trug, schließlich auch wegen des Großvaters, dem er noch

ähnlicher sehen sollte als seinem Vater, wie die alten Leute

behaupteten, -- der auch Klaus Mewes geheißen hatte, wegen seines

Freibeutertums aber allgemein Störtebeker genannt worden war. Was den

kleinen Klaus Mewes anbetraf, so war der mit seinem Seeräubernamen so

einverstanden, daß er auf seinen wirklichen nicht mehr hörte: rief einer

Klaus, so sagte er: Klaus gifft en ganzen barg! -- nannte ihn einer

Klaus Mewes, so erwiderte er: dat is mien Vadder, du anner! -- erst bei

Störtebeker ließ er sich ermuntern und antwortete.

Klaus Mewes freute sich. Wie treu der Junge Wache ging, wie genau er das

Deck abmaß! Da war kein Schritt zu viel und keiner zu wenig! Wenn er

sich beim Birnbaum umdrehte, vergaß er niemals, nach dem Kompaß zu sehen

und die Segel zu überholen; wenn er beim Apfelbaum angekommen war,

spähte er luvwärts und leewärts über die See. Mit großem Behagen und

einiger Verwunderung bemerkte der Seefischer diese Einzelheiten, die ihm

sagten, daß der Junge ihm und den anderen Fahrensleuten schon viel mehr

abgeguckt hatte, als er glauben wollte. Nichts störte den kleinen

Fischer, der wußte, daß er auf See war und kein Land in Sicht hatte, und

sich weder um die vorbeigehenden Kinder bekümmerte, noch den

vorüberrollenden Wagen nachlief.

Daß der Seefischer bei diesem Ausguck viel von der Predigt hörte, war

nicht zu verlangen: er wurde kaum gewahr, daß der goldene Stern oben an

der Orgel klingend lief, einem Hochzeitspaare zur Feier, und hätte sogar

den Klingelbeutel übersehen, wenn der ihm nicht pall unter die Nase

gehalten worden wäre. Nur der Gesang lenkte ihn eine Zeitlang von seinem

Jungen ab, denn es brauste gewaltig durch die Kirche: Krist Kyrie, komm

zu uns auf die See! Im Innersten ergriff es ihn, denn das war kein

Gesang mehr: wie ein weher Ruf, wie ein todesbanger Schrei hörte es sich

an und schlug wie Meereswogen um die kahlen Pfeiler, es war, als wenn

die Stürme sich wieder erhöben und die See und die Herzen aufwühlten,

die Segel und die Seelen zerrissen, als wenn Geisterlaute, die Stimmen

der Ertrunkenen, der Verschollenen sich hineinmischten. So furchtbar

drückte der Küster auf die Tasten, der an seinen gebliebenen Sohn

dachte, so übermächtig sangen die Fahrensleute.

Klaus Störtebeker sah sich besorgt um und dachte, es komme Wind auf,

weil es mit einem Male so brauste. Aber er durfte und wollte sich nicht

bange machen lassen und ging deshalb wieder auf und ab zwischen den

Bäumen, deren Stämme der Hasen und der Raupen wegen mit Kalk bestrichen

waren. Unverdrossen hielt er aus, bis der Mond aufging, der stille,

milde Freund der Menschen: Peter Wittorfs rundes, glänzendes

Vollmondsgesicht erschien in der Schalluke auf dem Turm. Die Glocke mit

der Aufschrift: Ut dat Füer bün ik floten / Peter Struve hett mi goten

-- begann, sich leise knarrend zu wiegen, schwang sich höher und höher,

bis der Klöppel dröhnend gegen den Mantel schlug und das helle Geläut

sich erhob. Die Türen wurden aufgestoßen, die Jungen stürmten heraus,

als sei drinnen eine Feuersbrunst ausgebrochen, die Mädchen drängten

nach, dann kamen die Fahrensleute und die Frauen: da ging das Nachthaus

bellend in die Binsen und war nicht wieder in Sicht zu bekommen, so laut

Störtebeker auch rief und pfiff. Aber wenn er nun auch ohne Kompaß war,

so hielt er dennoch getreulich aus und verließ seinen Posten nicht, bis

sein Vater lachend zu ihm trat und ihn erlöste.

Ob er auch Haverei gehabt hätte? Nein, nur das Nachthaus wäre siebenmal

über Bord gekommen! Ob der Fang gut gewesen sei? Ja, bannig gut, ein

feiner Streek, hundert Stiege, große Südschollen!

»Deubel ok, du kannst dat ober!« lobte Klaus Mewes.

»Jä, Vadder, dat harrst di woll ne dacht, wat? Nimm mi man mit no See,

denn schallst mol sehn, wat wi de Fisch belurt!« sagte der Junge mit

blitzenden Augen und fuchsklugen Nasenlöchern.

Der Seefischer aber warf ihm das Gesangbuch hin und erwiderte, sie

wollten erst mal sehen, ob die Klütjen noch schmeckten. »Kumm, Seemann!«

Und er schechtete groß und heiter auf dem Kirchenweg entlang und

überholte eine dunkle Reihe nach der andern. Immer größer wurden seine

Schritte, so daß Störtebeker in Sprüngen laufen mußte, um mitzukommen,

und Seemann, der weite Wege gar nicht gewohnt war, weil er sonst nur von

Backbord nach Steuerbord zu wackeln brauchte, seine rote Zunge als

Notflagge aussteckte, was Klaus Mewes aber nicht bewegen konnte, sich

aus der Fahrt laufen zu lassen.

Der Seefischer lachte und sprach laut, ohne sich an die mißbilligenden

Blicke der Alten zu kehren. Was ging es ihn an, daß auf dem Kirchenwege

nicht gelacht werden sollte? Er tat, was er wollte, und aß, was ihm

schmeckte, der große Klaus Mewes, der getrost seine Segel dem Winde bot,

weil er keinen mürben Kram fuhr, der wußte, daß er den besten Ewer unter

den Füßen hatte, mit dem sich etwas beschicken ließ, und der Herr und

König seines Lebens war. Nicht umsonst hatte er Tag und Nacht, bei jedem

Wind und Wetter, seine deutsche Flagge auf der Besan wehen: das war der

Tiefe seines Wesens entsprungen und entsprach seiner Liebe zu seinem

Fahrzeug, seiner Wikingerlust an der Seefahrt. Hatte der Wind das bunte

Tuch zerfetzt, dann zog er unbekümmert eine neue Flagge auf und ließ

weder Furcht noch Aberglauben in seine Seele hinein. Sonnigen Herzens

pflügte der glückliche Fischer die See, lachend strich er den reichen

Segen ein, den sie für ihn hatte, und wenn der Fische noch so viele

waren. Fremd war ihm das alte heidnische Gefühl, das den Bauer bewog,

sein Feld nicht ganz zu mähen, sondern eine Ecke Hafers stehen zu

lassen, für die Götter, für Wotans Schimmel.

Sie sagten, man solle und dürfe niemand aufs Wasser weisen. Wer den Weg

nach dem Schiff nicht von selbst finde, aus dem könne doch kein Seemann

werden: am besten aber sei es immer noch gewesen, wenn einer gegen

seiner Eltern und aller Willen zur See gegangen sei. Was scherte das

Klaus Mewes, den Lachenden? Er sprach mit seinem Jungen nichts als

Fischerei und Seefahrt und erfüllte ihn mit nichts anderem, als daß er

Fahrensmann werden müsse und solle. Was für Last haben die Frauen am

Deich, daß sie die Kinder vom Graben und von der Elbe fernhalten, daß

sie sie aus den Böten und Kähnen herausbringen! Goh man ne bit Woter!

ist ihr zweites und drittes Wort. Was tut Klaus Mewes? Er lacht und

sagt: »Goh man betjen bit Woter, Störtebeker! Schipper man mol, klüs man

mol not Fohrwoter raf, seil man betjen, swümm man mol, dor liggt de

Boot, dor is de Kohn!«

Und eines brannte er dem Jungen wie mit glühendem Eisen ins Herz und

drückte es tief und unverwischbar, unauslöschlich ein: Ne bang warrn!

Nicht bange werden, sonst kommst du nicht mit nach See! Nicht bange

werden, zu keiner Zeit und Stunde, einerlei, ob es hell oder dunkel ist,

ob es donnert oder blitzt oder weht, weder auf dem Wasser noch an Land,

weder in den Masten noch auf den Bäumen, weder vor Menschen noch vor

Tieren, weder vor Lebendigen noch vor Toten! Nicht bange werden, nicht

bange werden!

Und der Junge nahm es auf, wie das Segel den Wind. Bang dött ik ne

warrn, ans komm ik ne no See, sagte er sich immer wieder, wenn ihm etwas

Furcht einjagen wollte, und wurde dreist und verwegen, wie sein Vater es

wollte.

Sie hatten die Höhe des Deiches erreicht, und Klaus Mewes blickte

aufatmend über die Elbe. Und wenn er auch die Fischerewer noch im

Wintereise sitzen sah, das nicht von den Schallen schmelzen wollte, so

fischte und segelte er doch im Morgenlicht mit allen Segeln bei

Helgoland. Und wenn Störtebeker sich auch noch mit dem Gesangbuch

abschleppte, so hatte er ihn doch schon an Bord und wies ihm die

Feuerschiffe vor der Elbe und die Lotsenschoner auf See.

Da grüßte sein Ewer über das Eis, er sah seine Flagge flattern -- und

seine Seele faßte noch mehr Wind, als sie schon bereichte, denn sie

setzte die letzten und höchsten Segel.

Zweiter Stremel.

Klaus Störtebeker stand auf dem Deich, hatte die Hände hohl um den Mund

gelegt und rief die Leute. »Kap Horn un Hein, wat eten! Wat eten! Wat

eten!«

Endlich entstiegen sie der Kambüse, winkten mit der Hand, zum Zeichen,

daß sie verstanden hätten, und kamen über das Eis.

Dann setzten sie sich drinnen zu Tisch, wie es sich gehörte. Auf der

Bank mit dem Blumenkranz und dem Namen und der Jahreszahl saß zu oberst

der Schiffer, rechts von ihm der Knecht, der Bestmann, vor ihm der

Junge, Störtebeker aber neben ihm auf dem bunten Bankkissen.

Gesa trug die vollen dampfenden Schüsseln auf. Es gab frische Suppe mit

bunten Korintenklütjen. Safran, Suppenkraut und Muskatnuß fehlten nicht

daran, und ein Stück Fleisch, wie ein halber Ochse groß, kam dazu auf

den Tisch.

Eine stille Pause, dann ergriff Klaus Mewes den großen, blanken

Schöpflöffel und füllte sein Fatt, seinen Teller. Als er genug hatte,

gab er den Löffel dem Knecht. Störtebeker bekam ihn zu allerletzt,

obgleich er vielleicht am hungrigsten war. An der alten Schiffsordnung,

die am Deich galt, durfte nicht gerüttelt werden, obschon Klaus Mewes

sich sonst wahrlich nicht an das alte Wort kehrte: Fleesch förn

Schipper, Klütjen förn Knecht, Kantüffeln förn Jungen. Er gab ein Essen,

wie es selbst die großen Bauern nicht besser geben konnten.

Bi Disch ward ne snackt: das war nichts für Klaus Mewes, da hätte ihm

wohl einer ein Pechpflaster auf den Mund backen müssen, wenn er das

gesollt hätte. Er sprach und lachte, ohne sich etwas dabei zu denken,

und ließ sich auch durch die verweisenden Blicke seiner Frau nicht aus

dem Kurs bringen.

Störtebeker aß fünf Klöße, Gotts den Donner, wat kunnt angohn! »Vörre

Hand weg, Vadder,« versicherte er, »ohn uttoseuken; wenn ik no de lütjen

langt harr, harr ik wenigstens söben upkregen.«

»Oder söbenuntwintig,« gab der Knecht trocken drein, aber Störtebeker

verstand den Spott nicht.

»Ik wull, wi eten irst lebennige Schullen, Vadder, de smeckt noch en

barg beter!«

»Dat wull ik ok,« rief Klaus Mewes und blickte nach seinem Ewer hinaus.

Er hätte ja die Schollen annehmen können, die Jan-Ohm von der Aue

geschickt hätte, meinte Gesa, aber er wehrte ab und sagte, das wäre ja

noch schöner, wenn der Fischermann sich die ersten Schollen ins Haus

bringen ließe! Gott solle ihn bewahren: die müsse er selbst aus der See

geholt haben oder sie schmeckten ihm nicht. Er sah seinen Jungen an:

»Ne, Störtebeker?«

»Jo, Vadder!«

* * * * *

Nachmittag standen die drei am Fenster und knütteten, Klaus der

Schiffer, Kap Horn der Knecht und Klaus Störtebeker. Hein Mück der Junge

hatte Urlaub genommen: die drei aber klapperten mit den Schegern und

fuhren mit den Nadeln in der Luft herum, obgleich Gesa mit der

Sabbatschändung uppen Sünndagnomerdag keineswegs einverstanden war und

eine Lippe zog. Aber die Netzmacher ließen sich nicht stören.

Kap Horn war der Bestmann, der Steuermann, Klaus Mewes sein Knecht. Er

hieß eigentlich anders, aber auf Finkenwärder nannten sie ihn allgemein

Kap Horn. Viele sagten auch Korl Horn, namentlich die Gören.

Er war ein Janmaat alten Schlages, der lange Jahre auf großen Schiffen

gefahren hatte, auf hamburgischen und englischen, der im Süd-Atlantik

Albatrosse geangelt und bei Grönland Walfische harpuniert hatte und

dreißigmal unter der Linie durchgekommen war. Warum er dann noch von der

großen Fahrt abgemustert hatte und vom Viermastvollschiff auf den

Fischerewer geklettert war, weiß ich nicht: er fuhr aber schon zwölf

Jahre bei Klaus Mewes und war schon fast zu einem Finkenwärder geworden,

nur in seiner Sprache war noch ein hamburgischer Ton und er gab noch oft

ein englisches Wort drein. Und dann hielt er sich als alt- und

weitbefahrener Matrose für etwas Besseres als die anderen

Fischerknechte, die doch höchstens einmal holländisch oder dänisch

sprechen gehört hatten.

Wenn jemand mit Fahrten und Reisen prahlte, dann pflegte er einfach zu

fragen: »Kap Horn?« Und wußte der andere dann nicht einmal, was gemeint

war, so spuckte er minnachtig aus; verneinte er, so drehte er sich um

und sagte, mit Bierfahrern verkehre er nicht, bekam er aber ein Ja als

Antwort, so fragte er schnell: »Veel mol?« »Dree oder so.« Dann lachte

er und sagte: »An mi kannst nich klingeln, old boy: ik bün soßtein Mol

um Kap Horn seilt un nu lot dien Prohlen man en bitten no.« Bei einer

solchen Gelegenheit war er auch Kap Horn getauft worden.

Nun stand er backbords von seinem Schiffer am Fenster und war bei einer

weißen Manillakurre, Klaus Mewes arbeitete an einem Zungensteert, mit

dem er nur langsam weiter kommen konnte, und Störtebeker hatte etwas in

der Mache, von dem er steif und fest behauptete, daß es eine Bunge

werden sollte, ein Reifenkorbnetz für Hechte und Schleie, während Kap

Horn auf ein Zwiebelnetz riet und Klaus Mewes es für eine Staatsgardine

für den Krähenkäfig hielt. Sie hatten es gleich wichtig. Wie

Weberschiffchen flogen die Nadeln hin und her und auf den Schegern

reihte sich Masche an Masche. Dabei aber wurde ausgiebig geklönt, denn

niemand hatte uppen Stutz zu mindern und Maschen zu zählen, also

besonders aufmerksam zu sein. Einmal frischte Kap Horn sogar ein altes

Matrosendöntje von St. Pauli auf und begann zu singen:

»In England geiht dat lustig her,

dor bot se Scheepen grot un swor,

een bannig Deert von Ungetüm

dat sall jo de Gretj Astern sien!

Lang is dat Deert twee dütsche Mil,

hoch annerthalf von Deck to Kiel!

Soß Masten, hoch bet an den Moon,

acht Dog brukt een, um roptogohn ...«

Weiter kam er aber nicht, denn Gesa, die nach dem Graben gewesen war und

die Enten gefüttert hatte, trat in die Dönß und untersagte ihm den

Hymnus mit den Worten: »Sünndogs ward ne sungen, Korl!«

Gesa, die ihren Jungen stets Klaus nannte und von seinem gräßlichen

Seeräubernamen nichts wissen wollte, gab auch Kap Horn nicht seinen

Spitznamen, sondern nannte ihn ehrbar Korl und meinte ihm wunder was für

einen Gefallen damit zu tun. Janmaat verdeffendierte sich aber:

»Wenn ik arbein sall, mutt ik ok singen, Gesa.«

»Arbein schall? Keen seggt di dat? Pack dien Kurr man getrost tohop un

mok man Fierobend un les man mol inne Bibel,« priesterte sie, und als

Klaus Mewes herzlich lachte, fuhr sie erregter fort: »Ji dree sündt jo

woll ne, sünd woll rein mall worden, stillt jo uppen Sünndag vört

Finster hin un knütt! Weet ji ok, keen sünndogs arbeit?«

»Uns Herr Pastur!« sagte Klaus.

»Ne, de Bedelmann! För uns Lüd is de Week dor!«

Klaus erwiderte gelassen, es müsse aber sein, denn es sei Tauwetter und

das Eis könne jede Tide abtreiben, so daß sie fahren müßten, er wolle

und wolle die beiden Kurren bis dahin aber fertig haben, denn in der

Fischerei unterbliebe das Knütten doch wieder.

Und er müsse seine Bunge auch klar haben, verteidigte Störtebeker sich,

denn sein Vater solle sie ihm noch einstellen. Was sie wohl meine, die

ganzen Gräben säßen voller Hechte.

Dann sollten sie mit ihrem Kram nach der Küche oder nach dem Boden oder

nach dem Ewer gehen, fing Gesa wieder an, die sich über sie ärgerte. Sie

sollten sich doch nicht von den Leuten sehen lassen, denn am Deich

sprächen sie sicherlich wieder davon und hielten sich darüber auf.

»Lot jüm, Mudder,« erwiderte Klaus sorglos, »ik blief doch hier, mag to

giern sehn, wenn welk uppen Diek langs goht un mi inne Finstern kiekt.«

Und er füllte die Nadel, die leer geworden war, und knüttete weiter.

Gesa aber ging kopfschüttelnd aus der Stube und machte sich in der Küche

zu schaffen, von wo sie über die Bauerndächer und Obstbäume nach ihrer

Heimat sehen konnte, nach den blaugrauen Bergen der Geest. Sie konnte

die Fischer nicht verstehen! Sie war noch keine Fischerfrau geworden und

fühlte wieder mit bitterem Schmerz, daß aus ihr niemals eine werden

konnte. Immer noch graute ihr vor dem Wasser, und alle Schiffahrt war

ihr fremd und unverständlich. Sie konnte sich nicht helfen. Das eine

ließ sich nicht abschütteln und das andre nicht lernen. Klaus rüstete

mit Gewalt zur Fahrt: sie sah ihre böse Zeit kommen, sie hörte schon den

Regen gegen die Fenster schlagen und den Wind an der Tür saugen und

wußte nicht, wie sie es wieder ertragen sollte, ihren Mann auf See zu

wissen. Sie liebte ihn tief und heiß und lag in seinen Armen wie im

Sonnenschein, aber seine Fahrten machten sie bange und sie wünschte im

Herzen nichts sehnlicher, als daß er kein Seefischer wäre, sondern Bauer

oder Handwerker oder sonst etwas anderes an Land. Könnte er nicht etwas

anderes beschicken, könnte er nicht sein Fahrzeug verkaufen, wie andere

Fischer es getan hatten?

Aber Klaus Mewes -- und das tun? Sie mußte doch lächeln über den

Gedanken. Bis Blankenese müßte es gewiß zu hören sein, sein Lachen, wenn

sie davon spräche, daß er an Land bleiben solle.

Da saß sie nun in ihrem Glück, um das die ganze arme Heide sie

beneidete, war eine große Seefischerfrau mit Haus und Hof und Deich, der

jede Reise die Hundertmarkscheine auf den Tisch flogen, und war doch nur

ein armes Weib voll Unruhe und Bangigkeit, die immer und überall Wetter

und Wolken aufsteigen sah und ihres Lebens nicht froh werden konnte. Wie

manchen Tag sehnte sie sich schon nach der stillen, einsamen Geest

zurück, wo sie nichts von Schiffen und von Seefahrt gewußt hatte, wie

manchen Tag, wenn die Elbe in Gischt und Schaum einherging! Wie manche

Nacht ließ der Wind sie nicht einschlafen, wie manches Mal jagten die

Blitze sie aus dem Bett, wie oft schreckten sie die Stimmen der

geängstigten Schiffahrt im Nebel! Und immer allein zu sein! Der Mann war

auf See, der Junge auf der Elbe! Mit den Finkenwärder Frauen aber hatte

sie wenig Verkehr und Freundschaft, weil sie fühlte, daß sie als

Butenländerin nicht ganz für voll angesehen wurde.

Wie wichtig sie es in der Dönß hatten! Als wenn sie sie gar nicht

vermißten! Wie sie lachten, Klaus Mewes am lautesten!

Dieses Lachen hatte es ihr angetan, als er um sie geworben hatte, denn

so hatte sie noch niemals jemand lachen gehört! Das hatte sie in seine

Arme gedrängt, hatte sie von der Geest in die Marsch gelockt, von dem

Heidehof in das Fischerhaus, und hatte sie nicht an die Not und Schwere

des Seefischerlebens denken lassen. Vergessen war es gewesen, was sie

gehört und gelesen hatte von Sturm und Untergang: wo einer so lachen

konnte, da konnte weder Unglück noch Gefahr sein, hatte sie gemeint, als

Klaus sie freite.

Er lachte noch just so wie damals, er hatte es noch nicht verlernt, aber

sie konnte es jetzt nicht mehr ohne Schmerz hören, es schnitt ihr ins

Herz, wenn sie an das Finkenwärder Elend, an die Witwen und Waisen, an

all die Tränen und unruhigen Stunden dachte, es kam ihr wie ein Frevel,

wie eine Sünde vor. Daß er so verwegen war, machte ihr das Herz noch

schwerer, und eine trübe Ahnung früher Witwenschaft hing ewig wie ein

dunkles Gewölk über ihrem Leben.

Wie laut sie erzählten, die beiden Seefischer! Gewiß von nichts anderem

als von Fahrt und See, und die durstige Seele des Jungen trank es. _Der_

war schon der See verfallen, war dem Deich und ihr schon verfremdet und

wurde es von Tag zu Tag mehr. Es war ja schon ausgemacht, daß er den

Sommer mit an Bord solle: all ihr Bitten war bisher vergeblich gewesen.

Es war ein Herzleid, ein hartes Leid! An sie und ihre Heide dachte kein

einziger, niemand bekümmerte sich darum. Wie lange Zeit war sie nicht

mehr zu ihren Eltern gekommen, die ihren Enkel kaum kannten! Klaus

lachte, wenn sie davon sprach, sie solle gern hingehen und alle grüßen,

aber was er auf der Geest beschicken solle? Er könne auch so weit nicht

laufen. Den Jungen bekam sie nur mit halber Gewalt dazu, daß er mitging.

Seitdem er wußte, daß sein Vater sich nichts aus der Geest machte, trug

auch er kein Verlangen danach. Dort sei für einen Seefischer nichts zu

lernen, echote er, dort gäbe es ja nur Heide und Sand und Steine und

weiter gar nichts.

Schließlich aber ging Gesa doch nach der Dönß zurück, weil ihr zu kalt

wurde, suchte ihr Strickzeug her und setzte sich neben den weißen

Kachelofen.

»Kiek mol an, Mudder knütt ok, Vadder,« rief der Junge lustig, »kiek mol

an, Kap Horn, un uns will se wat seggen!«

Da mußte sie wider Willen doch mitlachen.

»Wat sä de Pastur denn Godes, Klaus?« fragte der Knecht, »hette ok beet,

dat dat Is bald doldrifft un wi no See seilen könnt?«

»Jo, dat segg man,« sagte Klaus und riß grimmig an seiner Kurre, »ik

wull, dor keum mol Westenwind achter!«

Er blickte über die Schallen, auf denen die Fleek, das dicke Eis, schon

seit Fastelabend lag. Bis an den Nienstedter Fall, bis in die Mitte der

Elbe stand es noch, zwar schwärzlich und mürbe, aber es hing doch noch

zusammen. Dagegen war das Fahrwasser drüben schon fast frei von Eis,

dort trieben nur noch große und kleine Schollen. Dort segelten denn auch

schon die Fischerfahrzeuge vom Audeich, dem anderen Ende des Eilandes,

dort kreuzten schon die Dreuchewer und Jalken, dort fischten schon die

Altenwerder Jollen nach Stinten und Sturen und die Hamburger

Smietnettfischer nach Butten, während das Neßgeschwader, das aus dreißig

Ewern, neun Kuttern, sieben Wattjollen, einigen fünfzig Elbjollen und

Böten bestand, noch im Eise festsaß und nicht mitkonnte. Die Auer und

Blankeneser kamen schon mit den ersten lebendigen Schollen die Elbe

herauf, einige hatten schon große Reisen nach der Weser gemacht: Klaus

Mewes aber und seine Nachbarn saßen noch fest. Wenn der Eisbrecher

binnen Wasser genug gehabt hätte, wäre ihnen längst geholfen gewesen,

aber der große Beißer konnte nur eben den Rand ein wenig glatt fressen.

Klaus Mewes sah, daß zwei weiße Kutter von einem kleinen Schlepper von

Blankenese heraufbugsiert wurden, die sicherlich den Bünn voller

Schollen hatten, und kam sehr in Fahrt. Seine Gedanken zertrümmerten das

Eis und brachen sich einen Weg nach dem offenen Wasser.

»Kap Horn, wat meenst dorto, wenn wi sülben Isbreker speelt?« rief er.

»Wat seggst du, Klaus? Du wullt en Isbreker utgeben?« fragte der alte

Janmaat, der gerade mit brausendem Monsun in den Segeln zwischen dem Kap

der guten Hoffnung und Singapur schipperte und deshalb nicht zugehört

hatte.

»Wi weut di bi Isbrekers,« warf Störtebeker laut dazwischen, »swarten

Kaffe schallst du hebben!« Klaus aber hatte seinen Plan schon unter

Segeln. »Wi möt allemann bi,« rief er, »Hütz mitte Mütz, Lütjfischers un

Seefischers, Schippers un Lüd! Wi stekt uns beiden Kurrlienens ut un

spannt uns alltohop vör un denn teht wi an! Schallst mol sehn, wo gau wi

denn not Fohrwoter raf kommt!«

»Jä!«

»Wat jä? Meenst, wat wi ne soveel Hölpslüd uppen Hümpel kriegt?« fragte

der Schiffer.

»Ik hilp ok mit,« versicherte der Junge wichtig, »ik kann wat tehn,

Vadder!«

»Du bliffst hier, Klaus,« kam es aber mit Gegenwind vom Ofen her,

»meenst du, wat du dor ünnert Is kommen schallst!«

An Hilfsleuten würde es wohl nicht fehlen, gab der Knecht zu, aber wer

würde sein Fahrzeug zum Eisbrecher machen wollen? _Das_ sei der Knoten!

Der am weitesten im Eis stecke, erwiderte Klaus. Er selbst! Er wolle es

wagen, sein Ewer sei einer der stärksten und könne es am besten ab, er

wolle gleich am andern Morgen alles klar machen, und Kap Horn solle dann

den Deich abklopfen und es aussingen, daß die Eisbrecherei mit

Hochwasser anfangen solle. »Denn könt wi offermorgen all up de Schullen

dol, Mudder!«

»Huroh, offermorgen geiht no See!« rief der Junge, warf die Bunge hin

und machte, daß er hinauskam. In voller Fahrt lief er den Deich entlang,

daß die Enten im Graben ein lautes Gequark anstimmten und sich erst nach

und nach von dem grünköpfigen Wart beruhigen ließen. Wat, wat hebbt ji

egentlich, dat, dat is de Jung doch, doch jo bloß! So schnatterte der

Wart.

»Du kummst ober noch ne mit,« wollte Klaus gerade sagen, aber er kam gar

nicht mehr dazu. Der Junge war schon um die Huk, er hörte auch nicht

mehr, daß Gesa laut ans Fenster klopfte und ihn zurückrufen wollte.

»Wat will he? All Bescheed seggen?« fragte Kap Horn lachend, aber sein

Schiffer lachte noch lauter und sagte: »De? Ne, de will no den Schoster

hin un sien Seestebeln holen. Wenn de klor sünd, schall he jo mit an

Burd, un he will woll all gliek de irste Reis giern mit.«

»Dor hest du ok wat scheunes mokt, Klaus,« sagte Gesa kopfschüttelnd,

»dat du em de Stebeln anmeten loten hest! He löppt elken Dag söbenmol

hin un kött an! De Schoster seggt, he kann em all gorne mihr hinholen.«

»Jä -- du liebe Zeit,« erwiderte er, »endlich will de Bur de Koh betohlt

hebben un de Jung will toletzt ok mol sien Stebeln hebben. De Schoster

kanns ok jo man klor moken, denn hett he jo wedder sien geruhigen

Nachten.«

»Un denn?«

»Denn nehm ik den Jungen mit no See, Mudder, dat weest du jo, dor is jo

all genog ober snackt worden,« sagte er sicher.

Sie war aufgestanden und erwiderte mit erregter, heiserer Stimme: »Un ik

segg di soveel, Klaus Mees, du kriegst den Jungen ne mit no See. Wenn he

noher grot is un ut de Schol, denn nimm em in Gotts Nomen hin, denn will

ik nix mihr ober em to seggen hebben, ober so lang hürt he mi, mien

Mudderrecht lot ik mi ne nehmen! Is genog, wat ik em soveel uppe Ilw

loten mütt: no See schall he noch ne!«

»Geef di, Gesa,« beschwichtigte Klaus gelassen, während Kap Horn, der zu

dem Streit nichts sagen wollte, heimlich aus der Tür ging und mal über

den Westerdeich guckte. »De Jung _kummt_ düssen Sommer mit no See, dat

is so gewiß as de Heben. He schall bitieds seefast warrn!«

»Ik lied dat ne un lied dat ne!« beharrte sie leidenschaftlich. »Du hest

en reinen Vogel mit dienen Jungen, weest dat? Keen een van de

Seefischers nimmt son lütjen Boitel all mit an Burd, de kum en Büx mit

Verstand dregen kann.«

Er machte geruhig seine Maschen. »De hebbt ok ne son Jungen as ik,«

sagte er, »lot mi man, Gesa. Ik bün en rechten Fischermann un will en

rechten Fischerjungen ut em moken un ut di will ik ok wat rechts moken,

Diern! Weest, wat dat is?«

Sie gab keine Antwort.

»En rechte Fischerfro, Gesa! Weest du wat, Diern? Du geihst ok mit no

See, man to, denn wardt irst mooi! Kiek di mien Fischeree mol mit egen

Ogen an!«

Sie schüttelte starr den Kopf:

»Dat kann ik ne, Klaus! Wenn ik dat kunn, denn harr ik dat vullicht all

lang don, ober ik kannt ne!«

»Dat kummt uppen Verseuk an,« erwiderte er, »goh man mol mit un du

schallst mol sehn: buten ist en barg beter as binnen!«

»Klaus, gläuf mi dat doch to: ik kann dat ne, ik warr seekrank un starf

di all vör Angst, ihr wi mol no See dol sünd! Mi grot to dull vört

Woter!«

»Jo, du büst en grote Bangbüx,« schalt er, dann aber tat ihm sein herber

Ton leid und er tröstete: »Ober dat schall sik woll noch all geben, mien

Diern, paß man up, du warst doch noch en gode Fischerfro, de

Banghaftigkeit gifft sik mit de Johren.«

»Ne, de gifft sik ne, dat weet ik,« sagte sie tonlos und ging aus der

Stube, weil ihr die Tränen kommen wollten.

Da blieb der große Seefischer allein bei seinen Kurren, aber er ließ

sich den klaren Sinn auch durch die Stille nicht verwirren und ging

nicht von seinem Kurs ab. Kap Horn kam herein und nahm seine Arbeit

schweigend auf.

»De Jung kummt doch mit no See,« ließ Klaus Mewes sich vernehmen. Dann

blickte er nach seinem Ewer und wartete auf Kap Horns Meinung, die auch

bald an den Tag kam.

»Klaus, ik will di mol wat seggen: ik kunn dien Vadder sien: as du

geborn weurst, do krüz ik all bi Kap Horn rum un greep Albatrossen! De

Mudder hett noch en Recht op den Jungen!«

»Och wat!« fiel Klaus ihm barsch ins Wort, »ik hebb dat eenmol seggt un

dorbi blifft dat: he kummt mit an Burd! Bi de Dierns geiht dat no de

Mudder, ober bi de Jungens geiht dat no den Vadder! Sien Mudder seh jo

upt leefst, wenn he Schoster oder Snieder warrn dä un keen anner Woter

to sehn kreeg as dat innen Teeputt. Un wenn wi _blieben_ schulln, Kap

Horn, denn mokt se ok en Schoster oder Snieder ut em. Ober man keen

Bang, Klaus Mees kann ne blieben!«

Der alte Knecht erhob warnend die Hand.

»Dat hett dien Vadder ok vullicht dacht oder seggt, Klaus Mees, un he is

doch ne wedder kommen mit sien Eber!«

Aber Klaus Mewes, der seinen Ewer für den besten von der Elbe hielt und

sich für den besten Fischermann, blieb dabei, daß er nicht bleiben

könne. Das war sein Wort von jeher gewesen und seine gewisse,

sturmgewohnte, sonnenfreudige Seele hielt daran fest: »Ik kann ne

blieben un ik blief ok ne!«

Störtebeker ließ sich auch wieder sehen, er nahm seine Bunge und fing

wieder an zu knütten, aber er machte ein Gesicht wie ein Fischer, der

nichts gefangen hat, und ließ die Unterlippe vorstehen, als wenn ein

Schock Hühner darauf sitzen sollte. Der Knecht sah ihn belustigt von der

Seite an und stichelte: »Na, Klaus Störtebeker, großer Seeräuber, wat sä

de Schoster? Hett he de Söbenmielenstebeln noch nich klor?«

Da brach es bei dem Jungen los wie bei einer Stintflage, und er ballerte

wie ein Großer: »Ik gläuf, de Knappen is verrückt oder splienig! Dat is

oberhaupt keen Schoster, gläuf ik, de kann gorne schostern un gorkeen

Stebeln moken! Dat is en Leisegänger, Vadder ...«

Schiffer und Knecht konnten sich nicht mehr vor Lachen helfen, aber der

Junge fuhr in seinen Schmähungen fort. »Jedermol, wenn ik komm, seggt

he: morgen; ober he kummt ne wieder as he is, de Tüffel.«

»Wat scheut de Stebeln denn all, Störtebeker?« fragte Klaus ernsthaft.

»Ik will doch mit no See, Vadder, un du hest doch seggt, wenn de Stebeln

klor würn, denn schull ik mit,« antwortete der Junge zuversichtlich.

»Büst du denn ok nich mehr bang?« fragte nun Kap Horn lauernd. »No See

dröft blot welk, de nich bang sünd.«

»Ne, Kap Horn, bang bün ik ne,« erwiderte der Junge treuherzig.

»Vörn dode Mus woll nich, Störtebeker, un vörn brodten Gnurrhohn ok woll

nich, ober wenn di en lütjen Rottenbieter inne Meut kummt, denn neihst

ut, wat kannst, un schreest: Mudder, Mudder, Mudder!«

»Lögen, Lögen, Lögen!« stritt Störtebeker und pekte ihn mit der

hölzernen Knüttnadel. »Ik bün vör keen Hund bang un vör gornix!«

»Wenn du ober op See keen Land mehr sehn kannst, denn geiht dat Bölken

doch los?«

»Ne, schreen do ik gewiß ne.«

»Denn warst du ober seekrank!«

»Ne, Kap Horn, ik warr ne seekrank!«

Das klang gerade so, als wenn sein Vater sagte: ik blief ne! Und Klaus

Mewes sah seinen Jungen an und dachte: was soll in dem wohl anders

stecken als ein Fahrensmann? Dann sagte er, und es klang wie ein

Gelübde: »Man still, Störtebeker, du kummst to Sommer mit an Burd!«

Der Junge freilich hatte für die Feierlichkeit keinen Sinn und ließ ein

enttäuschtes: »Och, to Sommer irst!« fallen, das den Knecht zu der

Bemerkung veranlaßte, es wäre jetzt noch zu kalt auf See.

»Un dien Stebeln sünd ok jo noch ne klor,« gab Klaus zu bedenken, und

Kap Horn kam noch einmal mit der bitterbösen Seekrankheit an den Wind.

Sie knütteten fleißig weiter; als es aber Flut geworden war und das Eis

aufstand, die Ewer sich erhoben und das Wasser auf das Bollwerk stieg,

hielt Störtebeker es nicht mehr aus, er ließ die Bunge liegen und nahm

französischen Abschied.

»Neem schallt no to?« fragte sein Vater, aber er erwiderte hingeworfen,

er wolle füttern -- und weg war er.

»Dat keum jo bannig zaghaft rut,« sagte der Knecht und sah ihm nach,

»wenn de man nix anners in de Lur hett.«

Klaus dachte dasselbe, denn sonst pflegte Störtebeker die Fütterung

seiner Krähe und seiner Kaninchen mit dem von seiner Mutter gelernten

Spruch einzuleiten: Der Gerechte erbarmt sich seines Viehes!

Als eine ganze Zeit vergangen war, legte Klaus Mewes den Scheger

beiseite und ging binnendeichs. Wie er sich schon gedacht hatte, war von

Störtebeker nichts zu erblicken. Die Kaninchen machten Männchen, als er

den Deckel des Kobens lüftete, und ließen ihre Nasen in der Luft tanzen,

Kluß aber, die alte Nebelkrähe, die er selbst einmal auf See gegriffen

hatte, saß unbeweglich auf ihrer Stange und wagte nicht mehr als ein

halbes Auge an seine Gegenwart. Er rief halblaut, damit Gesa ihn nicht

hören sollte, aber er bekam keine Antwort. Dann ging er in das Schauer

und guckte nach den Stichlingsnetzen, die neben dem Hühnerwiem hingen;

sie waren alle drei am Nagel: fischen gegangen war der Junge also nicht.

Er machte den Warbel vor und blickte über Wischen, Stegel und

Binnendeich, aber da rührte sich nichts als Hannis Holsts gelber Kater,

der um einen Mäusebraten verlegen war und die Stubben überholte. Tiefes

Schweigen lag über den dunkeln Gräben, und in den kahlen Wipfeln der

Eschen und Erlen saß das nächtliche Grauen, das die See nicht hat,

sondern nur das Land, und das den Seefischer darum einigermaßen

bedrückte, als er sich nun aufmachte, seinen Jungen zu suchen. Er dachte

aber nicht nach Weiberart an das Wasser und daß er hineingefallen sein

könnte; übrigens wußte er ja auch, daß Störtebeker schwimmen konnte und

nicht in einen Graben fiel, ohne wieder herauszuklettern. Aber er wollte

wissen, wo er abgeblieben war.

Seefahrt ist not! · 第 1 / 19 段