und zerstreut vorkommenden Fragen der Tropenhygiene zu bringen, um dem
Touristen einen hygienischen Rathgeber auf seinen Reisen in das Land
des ewigen Grüns und des ewigen Sommers mitzugeben.
Ich und viele tausend Andere sind den Gefahren des Tropenklimas
entronnen; das gemässigte und das kalte Klima haben wie das tropische
und das subtropische Klima ihre Gefahren.
Die moderne Hygiene zeigt uns diese Gefahren und zugleich die Mittel
und Wege, um ihnen zu entgehen.
Mögen also noch tausende Andere hinaus in die weite Welt ziehen, wo der
Kampf um’s Dasein ein leichter ist, und an Ehren und Schätzen reich
entweder in ihre Heimath zurückkehren oder weit von ihr entfernt sich
der Früchte ihrer Arbeit im Schatten mächtiger Baumriesen bis an die
Grenze des menschlichen Lebensalters erfreuen.
I. Eine seit zwei Monaten auf Java herrschende Epidemie von
Knöchelfieber = Denguefieber.
Am 12. Januar 1901 brachte die Amsterdamer Zeitung »Het Handelsblad«
das Telegramm aus Surabaya, dass dort eine Epidemie von Knöchelfieber
wüthe, welche eine bedeutende Störung in dem geschäftlichen Verkehr der
Stadt veranlasse, sich nach dem Westen der Insel ausbreite und bereits
die Mitte Javas ergriffen habe.
Obwohl die letzte Epidemie von Denguefever, wie sie in Englisch-Indien
genannt wird, im Jahre 1872 bis 1873 auf den Inseln des indischen
Archipels geherrscht hat, so +glaube+ ich doch einen solchen Fall
gesehen zu haben, und zwar in Batavia. Es war im Jahre 1880, als ich
im grossen Militärspitale zu Weltevreden als »Doktor der Wacht« (= du
jour) einen Patienten mit allen Symptomen des Scharlachs aufnahm.
Ich wusste zwar, dass auf Java Scarlatina nicht vorkomme, aber das
Bild dieser Krankheit war mir so geläufig, dass ich dem Spitalchef von
dem »Scharlachfalle« Rapport erstattete. Ich war nicht überrascht,
als dieser erfahrene Oberstabsarzt rundweg erklärte, dass es auf Java
überhaupt keinen Scharlach gäbe, dass aber dieser Fall wahrscheinlich
ein isolirter Fall von Knöchelfieber sei, ebenso als von der Cholera
hin und wieder einzelne Fälle bekannt werden, welche sich nicht zu
einer Epidemie ausbreiten. Der weitere Verlauf dieses Falles sprach
auch so wenig für Scarlatina, dass ich noch heute glaube, einen
isolirten Fall von demám modél baru (Fieber mit einer neuen Form M.)
gesehen zu haben.
In der »Encyclopädie van Nederlandsch Indië« wird als
Verbreitungsbezirk des Knöchelfiebers ein Gürtel angegeben, welcher im
Norden von 32° 41′ n. B. und im Süden von 23° 23′ seine Grenze findet
und zwar längs beider Hemigloben. Das Knöchelfieber ist also eine
Tropenkrankheit kat’ exochen.
In der Regel tritt die »Colorado« -- um auch aus den spanischen
Colonien ein Synonym für diese Krankheit zu bringen -- als gewaltige
Panepidemie auf. Tausende und Tausende werden von ihr gleichzeitig
erfasst; nicht alt, nicht jung wird von ihr verschont; gut genährte
Individuen fallen ihr ebenso zahlreich zum Opfer, als alte,
cachektische Menschen; die weisse Rasse zählt wie die braune oder wie
die Mischrasse ebensoviel Opfer. Dr. +van der Burg+ sah in der Epidemie
von 1872 in Batavia sehr oft ganze Familien mit allen Bedienten von der
»Knokkelkoorts« ergriffen.
Der Krankheitserreger des Knöchelfiebers ist zwar ein »strenger Herr,
aber er regiert nicht lange« (holländisches Sprichwort), dies ist die
Ursache, dass diese Patienten nicht lange leiden und dass nur wenige
ihm erliegen.
Die pathologischen Veränderungen an der Leiche sind bis jetzt nur wenig
bekannt; mehrere englische Aerzte haben zwar an einigen Leichen Section
gehalten, aber bis auf einen schwachen serösen Erguss in einzelnen
Gelenken nichts Pathognomisches gefunden. Die Zahl der Todesfälle ist
bis jetzt auch auf Java zu klein gewesen, um auch aus dieser Epidemie
ein reichlicheres Material für Untersuchungen an der Leiche zu
erwarten. In Batavia befindet sich ein bacteriologisches Laboratorium;
vielleicht finden die dortigen Aerzte Gelegenheit, Aufklärung zu
bringen.
Das Knöchelfieber ist gewiss eine Infectionskrankheit; aber es ist
keine Frage, dass sie auch ansteckend ist und dass ihr Contagium in
dem Menschen üppig vegetirt. Gerade die oben erwähnte Thatsache, dass
jung und alt, Mann und Frau, der cachektische wie der robuste Mensch
in gleicher Weise von einer Infection bedroht sind, spricht nicht für
eine »Erkältung«; aber auch Thiere werden zur Zeit einer Epidemie des
Knöchelfiebers häufig von ihr ergriffen; ja Dr. +Vordermann+, dem
damaligen Inspector des civilärztlichen Dienstes in Batavia, gelang
es, wie Dr. +van der Burg+ erzählt, durch Einspritzen von Blut eines
solchen Patienten in die Vene eines Affen, diesen schwer krank zu
machen. Dies geschah allerdings vor vielen Jahren, also zu einer Zeit,
wo die Technik dieser Experimente noch viel zu wünschen übrig liess;
da aber auch englische Aerzte Hunde, Katzen, Pferde und Kühe zur Zeit
einer herrschenden Epidemie drei bis vier Tage lang an Gelenkkrankheit
leiden sahen, so ist dieses Experiment des Dr. +Vordermann+ nicht
ganz von der Hand zu weisen. Wenn auch nicht auf bacteriologischer
Grundlage basirt, so verdienen dennoch die einzelnen Fälle, in welchen
der Import der Krankheit nachgewiesen wurde und noch nachgewiesen
wird, volle Berücksichtigung. So kam ein Javane im August 1872 mit
dem Knöchelfieber nach Makassar (Celebes), und kurze Zeit nachher war
die Epidemie in floribus. Auch diesmal wurden solche Fälle bekannt.
Nach dem Ausbruch der Epidemie in Surabaya zogen zwei Javaner nach
Djocjakarta (in Mittel-Java), und nach einigen Tagen wurde auch in
dieser Stadt diese Krankheit beobachtet.
Die Zeit der Incubation wird von wenigen Stunden bis auf acht Tage
angegeben; aus der jetzigen Epidemie sind mir diesbezüglich noch keine
Mittheilungen zugekommen; ebenso verschieden waren bis jetzt die
Mittheilungen über die Dauer der einzelnen Epidemien. Sie schienen
überall so lange zu dauern -- bis die ganze Bevölkerung durchseucht
war; so erkrankte z. B. im Jahre 1818 von den 70000 Bewohnern von Lima
(in Peru) beinahe die ganze Einwohnerzahl. Das einmalige Ueberstehen
dieser Krankheit schützt nicht einmal vor einer Recidive in derselben
Epidemie.
Bevor ich zur Beschreibung des Krankheitsbildes übergehe, will ich
noch bemerken, dass Quarantainemaassregeln wahrscheinlich keinen
Erfolg auf die weitere Verbreitung der Krankheit haben werden, obwohl
der englische Arzt +Sparrow+ seiner Zeit durch strenge Isolirung der
Patienten dieses Ziel erreicht haben will.
Die Symptome jenes, von mir beobachteten Falles von Knöchelfieber
stimmen so ziemlich überein mit jenen, welche von anderen
Berichterstattern, z. B. Dr. +van der Burg+, +Scheube+, +Adriani+,
+Dunkley+, +Rey+, +Vernani+ und so weiter mitgetheilt wurden, und ich
brauche daher nicht zu zögern, diesen einen Fall zur Basis des jetzt
folgenden Krankheitsbildes zu nehmen.
Heftige Schmerzen in den verschiedensten Gelenken leiten die grosse
Reihe der Symptome ein; kein einziges Gelenk macht hiervon eine
Ausnahme, in den Phalangen, in den Knieen, in den Rückenwirbeln,
im Unterkiefergelenke kommen die Schmerzen ebenso häufig vor, als
in den Gelenken der Hand, des Fusses, der Hüfte u. s. w. Bald sind
die Gelenkkapseln, bald die in der Nähe inserirten Sehnen sehr
schmerzhaft, und bald klagen die Patienten über Schmerzen in einzelnen
Muskelgruppen, und bald ist die ganze Haut hyperästhetisch, und
bald klagen sie über Schmerzen in der Nase, Brust u. s. w. In der
Regel sind diese Schmerzen so intensiv, dass der Patient regungslos
zu Bette liegt und auch bei der geringsten passiven Bewegung
Schmerzensschreie ausstösst. Manchmal, aber nur manchmal, findet man
objective Erscheinungen der Arthritis und Tendovaginitis[108]. Schon
nach wenigen Stunden stellt sich das Fieber ein, und die Temperatur
steigt schnell bis 41 und 42°. In diesem Stadium sind natürlich
einige Symptome vorhanden, welche ebenso gut als eine Folge des
Fiebers als die der Infection selbst aufgefasst werden können; hierzu
gehört die Dyspnoe[109], der gejagte, harte und volle Puls, die
Conjunctivitis[110] und manchmal Gehirnerscheinung, wie z. B. (bei
Kindern) klonische und tonische Krämpfe. Nach 24 bis 36 Stunden sinkt
die Temperatur auf das Normale, und häufig stellen sich gleichzeitig
Pharyngitis[111], Angina[112], Tonsillitis[113], Asomnie[114] und
+manchmal+ unter heftigen Schmerzen ein juckender Hautausschlag
ein, welcher bald stecknadel-, bald handflächengrosse geröthete
Hautstellen zeigt. Sie kommen überall vor und sind geradezu polymorph,
so dass sie mit jenen von Miliaria[115], Masern, Scharlach, Pocken und
selbst von Urticaria[116] verwechselt wurden. Das Verschwinden des
Hautausschlags wird von einer Desquamation[117] gefolgt, welche das
Chorion blosszulegen +scheint+; die Patienten sind nämlich, z. B.
in den Fusssohlen, nach der Abschuppung so empfindlich, dass sie
einige Tage nicht stehen und nicht gehen können, und die Handflächen
vertragen kaum eine Berührung mit den eigenen Fingern. Ueber den Befund
des Urins liegen einige Untersuchungen vor, welche nichts Specifisches
mittheilen; in meinem Falle hatte ich es mit echtem Fieberharn zu
thun; wenn einige Aerzte auch etwas Eiweiss gefunden haben, so ist
dieses gewiss ein bei anderen Infectionskrankheiten eben so häufig
vorkommender Befund.
Nach ungefähr zehn Tagen ist der Patient geheilt, wenn sich keine
Recidive oder besser gesagt, keine Exacerbation eingestellt hat,
welche gewöhnlich, wenn auch manchmal in milderer Form, geradezu eine
Wiederholung der Symptome des ersten Anfalles ist. Dann allerdings
dauert die Reconvalescenz sehr lange; das Jucken, die schlaflosen
Nächte, Stuhlverstopfung, rheumatische Schmerzen u. s. w. verbittern
noch wochenlang dem Patienten das Leben.
Ueber die Folgekrankheiten einer solchen Infection habe ich aus eigener
Beobachtung gar kein Material mitzutheilen; doch will ich auf die
Arbeit von +Scheube+ in seinem Werke: »Krankheiten der warmen Länder«
hinweisen, in welchem diese, wie auch zahlreiche »Complicationen« mit
dem Knöchelfieber angeführt werden.
Aerztliche Centralzeitung Wien Nr. 14, 1901.
II. Die Lâtah-Krankheit (Sâkit lâtah M.).
Obwohl diese Krankheit auf Java sehr häufig vorkommen soll, und ich
auf dieser Insel beinahe zehn Jahre und auf den übrigen Inseln des
indischen Archipels ebensolange gelebt habe, war ich trotzdem nur
dreimal in der Lage, diese in Europa unbekannte Nervenkrankheit
zu beobachten. Das Wort lâtah bedeutet »das von Anderen Gesagte
wiederholen«[118] und charakterisirt das Wesen dieser Krankheit
nur theilweise. Die Patientin -- in Holländisch-Indien sind es
niemals Männer, welche an dieser Krankheit leiden -- übt nämlich
Zwangsbewegungen bewusst aus, ohne sich der Macht der Suggestion
entziehen zu können, und zwar von allen willkürlichen Muskeln und nicht
allein von jenen des Sprachorganes, wie es das Wort lâtah andeutet.
Es sind unglückliche Geschöpfe, weil sie die Zielscheibe aller
schlechten Witze sind und maschinenmässig die Bewegungen eines jeden
imitiren, welcher die Absicht zeigt, sie in ihrem Thun und Lassen zu
suggeriren. Ein gewöhnliches und häufiges Experiment charakterisirt die
Willenlosigkeit dieser Unglücklichen. Die Frau kommt mit einer Platte
ins Zimmer, auf welcher ein Glas steht, und irgend einer der Anwesenden
macht mit den Händen die Bewegung nach abwärts, und sofort darauf folgt
sie diesem Beispiel; das Glas zerbricht, und entrüstet eilt sie von
dannen; ein Zweiter macht die Bewegung als ob er den Rock aufheben
würde; sie thut es thatsächlich und ebenfalls eilt sie entrüstet und
beschämt davon; ein Dritter hustet, ein Vierter kräht und ein Anderer
schüttelt unter Gestikulationen den Körper; alles ahmt sie nach, um
sofort ihre Zwangsbewegungen zu erkennen und mit deutlichen Zeichen des
Unwillens davonzueilen.
Die geographische Verbreitung dieser Psychose ist nach +Scheube+ und
nach +van der Burg+ eine sehr grosse; das Mali-mali der malaiischen
Bevölkerung auf den Philippinen, das Bah-tschi in Siam, das Miryachit
in Sibirien und das Jumping in Nordamerika sollen der Lâtahkrankheit
verwandte, wenn nicht identische Erkrankungen sein. Auch bei den Lappen
und Japanern wurden ähnliche Neurosen beobachtet.
Wenn Dr. N. in der »Allgemeinen Zeitschrift für Psychiatrie 1895«
diese Krankheit eine provocirte imitatorische impulsive Myospasmie
nennt, ist er auf einem Irrwege, und wenn er die »Schwächung des
Willens mit der mangelhaften Charakterentwicklung der Malaien und
ihrem labilen Nervenleben in Zusammenhang bringt, welche man als eine
Folge der unterdrückten Stellung, in welcher dieselben stets gehalten
worden sind, angesehen hat«, so widerspricht er sich selbst und lässt
andererseits seiner lebhaften Phantasie, welche er auch an anderer
Stelle[119] verrathen hat, die Zügel schiessen.
Das Wesen der Erkrankung wird Jeder zweifellos einer centralen Ursache
zuschreiben, wenn er jemals eine solche Scene unbefangen beobachtet
hat. Die Patientin imitirt heftig erregt die suggerirten Bewegungen,
wenn sie gleichzeitig ausgeführt werden; sie muss diese sehen, hören
oder fühlen (wie +Rasch+ von den Fällen auf Siam mittheilt); es
muss also ein peripherer Reiz vorhanden sein; gleichzeitig muss aber
auch Suggestion vorhanden sein, d. h. willkürliche oder unwillkürliche,
bewusste oder unbewusste Bewegungen und Aeusserungen der Umgebung
werden nicht nachgeahmt, wenn die Patientin sich der Suggestion nicht
bewusst ist. Darum sind diese Patientinnen weder gefährlich noch lästig
in der Gesellschaft und füllen ihren Beruf vollkommen aus, so lange
sie selbst nicht durch Andere belästigt werden; ich hatte fünf Jahre
lang eine Köchin, welche gar keinen Schaden anrichtete, obwohl sie die
Lâtahkrankheit hatte. Sobald die Suggestion eintritt, erschrickt die
Patientin und stösst ein Schimpf- oder Fluchwort aus und wiederholt
die Worte, die Töne und die Bewegungen, welche ihr suggerirt wurden.
Der periphere Reiz vermittelt sofort dieselbe Muskelthätigkeit mit
unwiderstehlichem Zwange; die Willenskraft ist in einem solchen
Moment thatsächlich erloschen, aber eine Myospasmie können diese
Reflexbewegungen unmöglich genannt werden. Bis jetzt haben wir es
also nur mit Reflexbewegungen durch Suggestion zu thun, und zwar in
analoger Weise wie die durch Nachahmung entstandenen epileptischen
Anfälle. Das Typische des Krankheitsbildes ist also die unwillkürliche
Action willkürlicher Muskeln +in dem Banne eines fremden Willens+.
Die Lâtahkrankheit ist eine Krankheit, welche nicht so unvermittelt
auftritt als Dr. N. annimmt, und ebensowenig steht sie im Zusammenhang
mit der »unterdrückten Stellung« der malaiischen Rasse. Diese
existirt eben nur in der Phantasie des Dr. N., wenigstens in so hohem
Grade, dass sie als ätiologisches Moment im Entstehen irgend einer
Nervenkrankheit benützt werden könnte. Eine russische Bäuerin erfreut
sich viel geringerer Freiheit als eine javanische Bauersfrau; und
wenn ein holländischer Säufer den im Schweisse ihres Antlitzes sauer
verdienten Zehrpfennig seiner Frau abnimmt, so veranlassen alle diese
Fälle gewiss kein endemisches Auftreten jener Krankheitsfälle, welche
den Menschen zeitweise zum willenlosen Nachbeter jedes beliebigen
Spassvogels machen. Es waren bei allen drei Fällen, welche ich zu
beobachten Gelegenheit hatte, +geistesschwache+ Individuen; alle
drei hatten ein gewisses Lächeln constant um ihre Lippen, welches
wir nicht nur bei Schwachsinnigen und Idioten finden, sondern auch
häufig bei zahlreichen Frauen, welchen als summum der Lebensweisheit
eingeprägt wurde, immer, überall und zu jeder Zeit ein liebenswürdiges
Lächeln zu zeigen; ja noch mehr, diese Patienten haben einen
eigenthümlichen Gesichtsausdruck, der zweifellos ein vermindertes
Seelen- und Geistesleben vermuthen lässt, ohne dass wir sie, ich will
es betonen, Idioten im vulgären Sinne des Wortes nennen können. Ich
muss noch beifügen, dass bei Einigen verstärkte Sehnenreflexe, bei
Anderen Paraphasie oder sogar choreatische Paraphasie und in einzelnen
Fällen selbst Psychosen gefunden wurden. Sollte es nicht Hysterie sein??
III. Aphthae tropicae.
= Sariawan (M.) = indische Spruw (H.) = Hill diarrhoea (E) = Entero --
colique endémique (F.).
Diese Krankheit ist eine reine Tropenkrankheit; denn sie entsteht nur
in den Ländern des tropischen Erdgürtels und heilt nur im gemässigten
Klima. Sie ist eine +zymotische Krankheit+, d. h. sie entsteht durch
einen leider bis jetzt unbekannten Fermentstoff. Ich kann hier
unmöglich alle Entstehungsursachen, wie Erkältung, Unterdrückung
von Schweiss und von Hautkrankheiten u. s. w., welche von anderen
Berichterstattern angeführt werden, ausführlich besprechen und
widerlegen; ich kann diese meine Ansicht über das Entstehen dieser
Krankheit hinreichend mit dem Orte und der Art der Krankheit motiviren.
Es ist nämlich der ganze Verdauungstractus +vom Munde angefangen bis
zum Mastdarm erkrankt+, und ihr tödtlicher Ablauf ist durch eine
Erschöpfung des Organismus in Folge der gestörten Verdauung bedingt.
Es ist der Bacteriologie diese dankbare Aufgabe noch vorbehalten, den
Krankheitserreger der indischen Spruw zu finden.
Der Jahresbericht von 1895, welchen der Sanitätschef der holländischen
Armee veröffentlicht, theilt mit, dass im Quinquennium 1891-1895 34
europäische und ein eingeborener Soldat mit Aphthae tropicae in den
Militärspitälern aufgenommen und behandelt wurden. (In demselben
Zeitraume wurden 42642 europäische, 147 afrikanische und 31823
eingeborene Soldaten mit Malaria in den Spitälern verpflegt.) Dr.
+van der Burg+ war in der Lage, 1420 Europäer und 196 Eingeborene
aus diversen statistischen Rapporten zu erhalten, welche an dieser
tropischen Krankheit in 34 Jahren gelitten haben. Es ist also
zweifellos, dass die Eingeborenen zu dieser Krankheit eine bedeutend
kleinere Disposition als die Europäer haben, und es liegt nahe, in
der so verschiedenartigen Lebens- oder Ernährungsweise dieser beiden
Rassen die Entstehungsursache dieser Krankheit zu suchen. Es ist
sehr modern, den Alcohol so viel als möglich eine grosse Rolle in
der Entstehungsgeschichte der verschiedensten Krankheiten spielen zu
lassen. Aber obige Ziffern schliessen dies in unserm Falle ganz aus;
im Jahre 1895 wurden von 17216 europäischen Soldaten neun, sage neun
Mann wegen indischer Spruw in allen Militärspitälern aufgenommen;
die Soldaten sind im Allgemeinen nicht durch eine antialcoholische
Denkungsweise ausgezeichnet; aber auch die Thatsache, dass Frauen eine
grössere Disposition als die Männer haben, befreit den Alcohol von dem
Vorwurfe, diese Tropenkrankheit zu veranlassen. Auch das Quecksilber
wurde in der Reihe der Schädlichkeiten genannt, welche diese Krankheit
entstehen lassen sollen. Die Chinesen gebrauchen nämlich viel häufiger
bei ihren petites misères de la vie das Quecksilber als die Europäer;
es spielt das Quecksilber in dem Arzneischatz der chinesischen Doctoren
und Apotheker eine bedeutende Rolle (ich besass vor Kurzem eine grosse
chinesische Pille gegen »Erkältungen«, welche mit Zinnober bestreut
war). Thatsächlich leiden auch unsere langgezopften Mitbürger auf Java
ebenso häufig an »Seriavan« als die Europäer und viel häufiger als die
Eingeborenen. Die Erfahrung bestätigt jedoch diese Vermuthung nicht.
Wie oft behandeln europäische Aerzte Wochen, manchmal Monate lang, mit
grösseren oder kleineren Pausen oft zwei bis drei Jahre lang Patienten
mit Quecksilber, ohne dass diese die Spruw bekommen.
Ich will nicht weitere Theorien in der Aetiologie dieser Krankheit
anführen; wir haben bis jetzt keine allgemein giltige Ursache für ihre
Entstehung. Die Symptome dieser chronischen, oft Jahre lang dauernden,
niemals epidemisch auftretenden +nicht contagiösen+ Krankheit sind
folgende:
Die ersten Erscheinungen sind die der gestörten Magen- und
Darmfunctionen: Abwechselnd ist der Appetit gut und manchmal schlecht;
der Magen ist beinahe stets so stark mit Gasen erfüllt, dass die
Kleider ein lästiges Gefühl erzeugen, und man z. B. die Weste, welche
vor dem Frühstück geschlossen wurde, schon nach ein paar Stunden öffnen
muss. Hin und wieder kommt es zum Erbrechen von sauerem Mageninhalt,
manchmal von faden zähen Schleimmassen; der Stuhlgang ist unregelmässig
und variirt zwischen tagelanger Obstipation und dünnen flüssigen
Entleerungen +ohne Eiter und ohne Blut+. Schon nach wenigen Monaten
zeigen sich am Rande der Zunge kleine rothe Pünktchen, und bald ist die
ganze Oberfläche der Zunge erkrankt, so dass sie wie ein Stück rauhes
Fleisch aussieht, welches mit Firniss überzogen wurde. (Das Epithel
ist verschwunden und die Papillen der Zunge sind atrophisch geworden.)
Oft genug sieht man kleine weisse Bläschen, welche schmerzhaft sind,
und kleine Einrisse (fissuren) auf dem Rande der Zunge; dabei sind
das Sprechen und das Essen und Trinken einzelner Speisen empfindlich.
Bald wird auch die Leber kleiner und die Stuhlgänge werden arm an
Gallenfarbstoff. Man findet entweder kleine harte graue Stücke
(Scyballa) oder eine graue, weissliche, mit Schaum bedeckte breiige
Masse und hin und wieder selbst ganz wässrige Entleerungen, wie man
sie bei Cholerapatienten zu sehen gewöhnt ist.
Ich muss mich in der Aufzählung der übrigen Symptome an dieser Stelle
einschränken -- ich schreibe ja nicht für Aerzte -- und will daher nur
noch die für diese Krankheit charakteristischen Erscheinungen anführen,
welche das traurige Leiden beendigen. Dabei schwebt mir das Bild eines
Kaffeepflanzers vor Augen, den ich in Padang, wo diese Krankheit
angeblich wegen der grossen Feuchtigkeit des Ortes besonders häufig
vorkommen soll (?), untersuchen konnte.
Es war ein kleiner Mann, welcher blass, anämisch und schwach war; seine
Zunge war durch Furchen in sechs Lappen getheilt, die Haut trocken und
fahl; die Stimme matt; die Leber kaum zwei Finger breit nachzuweisen,
der Blick gebrochen. Die meisten Speisen und Getränke verursachten
ihm ein brennendes Gefühl im Munde und in der Speiseröhre; er litt an
Diarrhoe, und seine Entleerungen glichen schmutziger sauerer Milch. Am
meisten klagte er über Aufstossen von heisser stinkender Luft. Der Puls
war klein und zählte 120 in der Minute, die Athemfrequenz war gross.
Der Herr X. war auf der Reise nach Europa begriffen, um dort Heilung
seines schweren Leidens zu suchen und zu finden; es war zu spät. Der
indische Ocean wurde sein Grab.
Vide: Aerztlicher Centralanzeiger Nr. 36, 1899.
IV. Tropenhygiene
nach dem Vortrage, gehalten am 8. März 1902 im naturwissenschaftlichen
Verein „Lotos“ in Prag.
Wenn also das Tropenklima auf der Insel Java einer starken
Bevölkerungszunahme nicht hinderlich war -- einerseits -- und
andererseits die Eingeborenen gegenüber der kaukasischen Rasse keinen
grossen Unterschied in der Widerstandskraft gegen die endemischen
Krankheiten zeigen, dann glaube ich das Recht zur Behauptung zu
besitzen, dass die Acclimatisation der Europäer auf Java auf die
Tagesordnung der hygienischen Fragen gesetzt werden kann.
Ich behalte mir vor, diese Frage an anderer Stelle ausführlich
zu besprechen und will heute nur ein Schema jener Principien
entwerfen, welche in dieser Frage ein entscheidendes Wort sprechen.
Landbaucolonien sind möglich, wenn die Lehren der Hygiene ebenso
gewissenhaft befolgt werden, als die Gesetze des Rechtes, des Handels
und der Politik. Das heisst:
1. Es muss eine verständige, langdauernde Vorbereitung des Organismus
zur Gewöhnung an die neuen Verhältnisse stattfinden, so dass man
beispielsweise nicht wie jener früher erwähnte englische Naturforscher
+sofort+ ganz und gar die Sitten, Gebräuche und Gewohnheiten der
Eingeborenen annehme.