Flora vereinigen sich in der westlichen Hälfte Sumatras mit einem
sanften herrlichen Klima, das in den höheren Regionen geradezu
subtropisch genannt werden kann und jeden Vergleich mit dem des
südlichen Italiens erlaubt.
Erst in dem letzten Decennium dachte die holländische Regierung daran,
in grösserem Maassstabe den Reichthum des Landes zu heben und legte
im Süden der Stadt einen neuen Hafen, den Emmahafen, an und baute
eine Eisenbahn, welche vorläufig dem Transporte der Kohlen aus den
Ombilienfeldern zu Statten kam.
In früheren[95] Jahren war der bedeutendste Exportartikel der Caffee,
dessen Bau vielen Kampongs, unter dem Namen »Gouvernementscultur«,
im Robotdienste auferlegt wurde (neben Reis, Pfeffer, Kokosnüssen,
Muskatnüssen, Tabak und Djattiholz (Tectonia grandis)); d. h. den
Einwohnern der einzelnen Kampongs wurde befohlen, eine gewisse Anzahl
Caffeebäume zu pflanzen und deren Erträgnisse gegen 15 fl. per Pikol (=
62½ Kilo) in die Lagerhäuser der Regierung einzuliefern, welche bei
niedriger Schätzung 24 Fl. (= 40 Mark) per Pikol verdiente.
Dieser »Culturzwang« ist schon sehr alt; mir wenigstens ist schon aus
dem Jahre 1823 ein derartiger Erlass bekannt. Wie es mit allen Gesetzen
und Reglements ergeht, so geschah es damals und so geschieht es auch
noch heute, dass die Ausführung des »Culturzwanges« in den einzelnen
Bezirken stark variirte. Dieser war, wie der Herr P. J. Kooreman im
Jahre 1900 im »Indischen Gids« mittheilte, in der Mitte des vorigen
Jahrhunderts ein Zwang stricte dictu.
... »Alles geschah im Robotdienst, und vor Anbruch des Tages kamen
hohe und niedrige Beamte mit ihren Knechten in die Kampongs, um die
Männer, manchmal selbst handtastlich, aus ihren Häusern in ihre
Caffee-, Pfeffer- und Reisfelder oder nach den Wegen, Brücken und
Wasserleitungen zu jagen, wo sie unter strenger Aufsicht oft vierzehn
Tage hintereinander schwere Arbeit verrichten mussten. Faulheit oder
Nachlässigkeit wurden mit Extraarbeit, Geldstrafe, Zwangsarbeit oder
mit Blockarrest bestraft. Bis zum Jahre 1852 mussten die Gefangenen
für ihre Kost selbst sorgen, und, wurde ihnen von den Verwandten kein
Essen gebracht, mussten sie entweder Hunger leiden oder das Essen von
den Polizeisoldaten oder von den Gefängniss-Aufsehern um theures Geld
erstehen. Kein Gestrafter wurde entlassen, bevor die Geldstrafe und
die Auslagen bezahlt waren. Eigensinnige Cultur- und Robotschuldige
wurden mit Stockschlägen oder Ohrfeigen zur Gehorsamkeit gebracht,
und gelang es nicht mit diesen Zuchtmitteln, dann wurden sie damit
bestraft, dass sie einige Stunden mit einem Fuss in einem Block
stehen mussten, welcher ungefähr einen Meter hoch war. Manchmal
wurden ganze Familien aus ihren Kampongs und ganze Kampongs zur
Auswanderung gezwungen.
Wurde nicht genug Caffee gepflanzt und eingeliefert, oder wurden
nicht genug Robotdienste geleistet, dann wurden die Häuptlinge dafür
angesprochen, und sie wurden mit Extraarbeit, Arrest, Blockarrest,
Abschied aus dem Dienste, man behauptet sogar mit Verbannung nach der
Insel Nias gestraft. Hin und wieder machte die Garnison einen Marsch
in die Kampongs, wo die gegebenen Befehle nicht genau ausgeführt
waren, und dann mussten Häuptlinge und Bevölkerung zur Strafe für
Logis und Nahrung der Soldaten sorgen.«
Es wird wohl niemanden wundern, dass solche Zustände den holländischen
Dichter Douwes Dekker[96] zu jenem Aufschrei der Entrüstung
veranlassten, welcher als Roman unter dem Namen »Max Havelaar« vor 40
Jahren (Mai 1860) nicht nur »Insulinde«, sondern auch ganz Holland aus
seinem Indifferentismus herausriss. Wenn aber Douwes Dekker später bei
einem Congress in Brüssel Holland darum den »Raubstaat zwischen der
Maass und Schelde« nannte, ging er zu weit und charakterisirte sich
selbst als das, was er thatsächlich ist, als einen Phantasten.
Sehen wir uns die thatsächlichen Verhältnisse etwas näher an. Wir
müssen dabei scharf unterscheiden zwischen dem Malaien der Küste und
jenem des Innern des Landes. Der erstere ist durch den Contact mit
den seefahrenden Nationen und durch den steten Kampf mit dem Meere
ein unternehmender, handeltreibender Seefahrer geworden (in früheren
Zeiten war er auch Seeräuber), der bis in die entlegensten Inseln des
Archipels mit seiner Paun gelangt. Der Malaie des »Oberlandes« ist
jedoch nichts mehr und nichts weniger als ein grosses Kind. Sorglos
lebt er in den Tag, so lange die üppige Tropennatur die Mittel für
seinen Unterhalt freigebig schafft, und fröhnt seinen Gelüsten: der
Liebe, dem Würfelspiel und in einigen Gegenden dem Opium. Er denkt
nicht an den morgigen Tag, an etwaige schlechte Ernte, an Wechselfälle
des Lebens. Misslingt die Ernte, tritt Hungersnoth ein, überfallen
Tiger seine Herde, überströmen die ausgetretenen Wassermassen seine
Felder u. s. w., dann ist er Fatalist bis zum Uebermaass. »Tuwan
Allah Kassih«[97] ist sein Loosungswort, und er thut dann nur das
Unvermeidliche, um sich aus seinen Nöthen zu retten.
Diesem Volke gegenüber hat Holland als die herrschende Macht die
moralische Pflicht der Pädagogik, die Menschen zur Arbeit zu führen
und, wenn es nöthig ist, selbst zu zwingen. Die Erfahrung bestätigt
die Richtigkeit dieser Pflicht; der Zwang ist nöthig, um »dem grossen
Kinde« den Segen der Arbeit zum Bewusstsein zu bringen. Wir sehen ja
jetzt z. B. in der Provinz Palembang, dass jener Theil, aber auch
nur jener Theil, welcher Decennien lang unter dem »Culturzwang«
geseufzt hat, den Nutzen der »Caffeecultur« u. s. w. jetzt erkennt
und +freiwillig arbeitet+. In den anderen Theilen des Landes, d. h.
in jenem Gebiete, welches durch seine Unabhängigkeit niemals einen
Culturzwang kannte, haben sich die Zustände noch nicht weit über die
erste Stufe der Civilisation erhoben und ungeheuere Schätze ruhen
ungehoben im Schoosse der Erde.
Der Culturzwang hatte im vorigen Jahrhundert gewiss seine Berechtigung.
Wenn aber der Herr Kooreman mittheilt, dass man heute überall gegen
den jetzt herrschenden »+milden+ Culturzwang« Antipathie habe, dass:
»wo und bei wem wir uns informirten, immer diese Antipathie so
gross war, dass ein Wiederaufblühen der Caffeecultur d. h. bloss
durch bessere Controlle und bloss durch sanften Zwang oder durch
Ueberredung unmöglich sei.
»Will die Regierung mehr Caffee haben, dann möge sie die Stockschläge
für nachlässige Culturpflichtige wiederum einführen und ebenso streng
als früher anwenden; dann allein kann sie ebensoviel, wenn nicht mehr
Caffee als früher erhalten. So urtheilen die besten Häuptlinge über
das jetzt herrschende Princip und wir sind ganz ihrer Ansicht.« ...
Wenn also ein Beamter, wie der Herr Kooreman, der sieben Jahre lang
den »Culturzwang« täglich in seinem ganzen Umfange und in allen
seinen Folgen beobachten konnte, der Land und Leute kennt, wenn ein
solcher Mann trotz der herrschenden freien Auffassung einen +strengen
Culturzwang+ für die Bewohner der Padangschen Niederlande fordert, dann
allerdings tritt die Frage an uns: Hat Herr Kooreman in diesem Falle
das Interesse der Bevölkerung, das der holländischen Regierung oder
vielleicht sogar beide Factoren sich vor Augen gehalten? Im Osten der
Insel erhält der Eingeborene von particulieren Unternehmern fl. 50 (=
83 Mk.) für den Pikol und hat davon seine diversen Steuern zu bezahlen;
früher zahlte der Staat ihm 15 fl. für den Pikol ohne andere Steuern
von ihm zu verlangen. Es würde mich zu weit führen, um auszurechnen,
in welchem Falle die holländische Regierung grössere Einnahmen aus dem
betreffenden Landstriche zieht und in welchem Falle der Bauer einen
reichlicheren Lohn für seine Arbeit findet. Der Herr Kooreman bringt
von seinem früheren Amtsbezirke folgende statistische Angaben, welche
hinreichend Antwort auf diese Fragen geben.
»In den Jahren 1887-1889 betrug die Ernte der Bezirke Ngalau Gedang,
Pantjong Tebal, Muara Ajer und Kota Ranah, zusammen ± 5000 Seelen und
841 Culturpflichtige zählend, 2532, 3324 und 1609 Pikol und von den
fünf übrigen Bezirken mit ± 4000 Seelen und 650 Culturpflichtigen nur
73, 114 und 6 Pikols. Von den 841 Culturpflichtigen wurden also in
diesen drei Jahren, bei einer Bezahlung von 15 fl. per Pikol, an die
Regierung eingeliefert 7272 Pikols Caffee oder durchschnittlich pro
Jahr und pro Kopf 2,88 Pikol.
»Bei mässiger Berechnung hat die Regierung während dieser drei Jahre
durchschnittlich 25 fl. per Pikol gewonnen, so dass von ihnen während
dieser Zeit 171800 fl. zu den Verwaltungskosten beigetragen wurden,
d. h. fl. 204 per Kopf und fl. 68 per Jahr, während sie selbst für
ihren Caffee im Durchschnitt jährlich nur fl. 42,20 erhalten haben.
»Die 650 Culturpflichtigen der Bezirke Pulut Pulut, Batang, Tarataq
Teling, Tarataq Baru und Tarataq Pisang lieferten in diesen drei
Jahren 193 Pikols Caffee, besorgten der Regierung einen Gewinn
von fl. 4825 und trugen also fl. 2475 per Jahr und Kopf zu den
Verwaltungskosten bei.«
Der »Culturzwang« ist noch heute für einen Theil der Insel Sumatra ein
unentbehrlicher Factor zu dem grossen und schönen Ziele, welches die
holländische Regierung sich stellen muss: Die grossen Schätze dieser
Insel zu heben, die Bevölkerung zu arbeitsamen friedlichen Bürgern des
grossen Reiches »Insulinde« zu erziehen und nicht nur Sicherheit des
Lebens und des Eigenthums, sondern auch Freude am Leben und Genuss im
Leben ihnen zu geben.
Es wird natürlich dem politischen Tacte ein grosses Feld eröffnet für
die Erwägung, wo der strenge »Culturzwang«, wo ein milder Druck und
wo überhaupt kein Zwang diesbezüglich auszuüben sei. Die Adat, das
Gewohnheitsrecht der Eingeborenen, muss dabei ebensoviel respectirt,
als der Bodenreichthum, der Charakter des betreffenden Stammes und die
vorhandene Industrie berücksichtigt werden müssen. Die zahlreichen
Stämme, welche diese Insel bewohnen, zeigen ja grosse Unterschiede in
ihren Sitten und Gebräuchen, und die geologische Formation des Landes
ist ja beinahe nach allen Richtungen der Windrose eine verschiedene.
Selbst das Gebiet »des Gouvernements der Westküste von Sumatra« ist
nach keiner Richtung hin ein einheitliches.
Politisch wird es in drei »Residenties« eingetheilt. Die erste
Residentie »Tapanuli«[98] reicht von der atjeeischen Grenze 0° 15′ N.
B. nach Süden, wo das Vorgebirge Tua mit dem Berge Bagumba (374 Meter
hoch) an der Küste eine natürliche Grenzmauer dieser beiden Provinzen
bildet. Die Hauptstadt Siboga liegt in dem schönen Meerbusen von
Tapanuli, welcher im Westen von der Insel Mansalar gegen die stürmische
Brandung der indischen See geschützt wird. Die zweite Residentie
heisst Padangsche Niederländer[99] und zieht längs der Küste bis zur
Residentie Benkulen (2° 30′ S. B.). Ihre Ostgrenze ist der Kamm des
grossen Barisangebirges, welches beinahe parallel mit der Küste die
Insel in zwei (ungleich grosse) Hälften theilt. Die dritte Provinz
(im Osten) heisst Padangsche Oberländer[100] mit der Hauptstadt Fort
de Kock und grenzt an zahlreiche noch unabhängige Stämme, von welchen
bereits früher (Seite 68) die Rede war.
+Ethnographisch+ unterscheiden sich die einzelnen Theile der
»Westküste Sumatras« so stark, dass es unmöglich ist, in Betreff des
»Culturzwanges« eine für alle Stämme -- wenn sie auch insgesammt
der malaiischen Rasse angehören -- geltende Directive zu geben.
Ich will nur auf die zwei Extreme hinweisen, zwischen welchen alle
Grade der menschlichen Civilisation gerade in diesem Theile Sumatras
sich bewegen: Im äussersten Nord-Osten dieser Provinz verkehren die
Eingeborenen mit den benachbarten Menschenfressern, und im Hochlande
Agam haben die Einwohner eine Sittenreinheit sich bewahrt, welche
selbst die civilisirten Länder Europas nicht allgemein kennen. So wie
die Pädagogie das Individualisiren zum Axiom ihrer Thätigkeit erklärt
hat, ebenso muss die holländische Regierung die verschiedenen Stämme
ihres grossen Reiches »Insulinde« nach ihrem jeweiligen Bildungsgrade
mit verschiedenen Mitteln in den Kreis der menschlichen Civilisation
einführen.
Aber auch die geologische Beschaffenheit dieser Provinz zeigt in ihren
einzelnen Theilen so bedeutende Unterschiede, dass die Naturproducte
in ihren Sorten stark differiren und darum gewiss keine einheitliche
coloniale Politik ermöglichen. In den Niederungen der Küste haben
wir ja reine Tropenvegetation; in dem Barisangebirge herrscht
subtropisches Klima, und europäisches Gemüse gedeiht dort ebenso gut
als auf den Feldern des südlichen Europas. 60 Vulcane besitzt die
ganze Insel. Die grosse Erdspalte, welcher das Barisangebirge sein
Entstehen verdankt, hat zehn grosse Querspalten. Aus einer derselben
entsprangen (nach Carthaus) vielleicht noch in historischer Zeit die
drei gewaltigen Vulcane Sago[101] (2240 Meter hoch), Merapi[101] (2892
Meter) und der Singalang[101] (2790 Meter). Hier sind grosse Massen
des jüngeren vulcanischen Materials aufgehäuft und zwar der Trachyt
und Andesit, welche in zerfallenem Zustande eine ausgezeichnete
Basis für eine üppige Humusschicht abgeben; und hier wetteifert auch
die Tropenvegetation in ihrem ganzen Reichthum mit der Flora der
subtropischen Länder. Die grösste Höhe erreicht in dieser Provinz der
Berg Ophir oder vielmehr dessen östliche Spitze, der Berg Telaman, 3000
Meter hoch, während unter allen Bergen der ganzen Insel Sumatra in
Gross-Atjeh der Luseh oder Sinobong eine Höhe von 3700 Metern erreicht
(3° 45′ N. B.). Im Süden liegt der Berg Dempo (4° S. B.) 3170 Meter
hoch[102] und (vide Seite 57) der Indrapura (3690 Meter).
[Illustration: Fig. 24. Eine Gruppe in Pedir gefangener malaiischer
Frauen.
(Vide Seite 184.)]
Ob in dieser üppigen Tropenvegetation ein Culturzwang erspriesslich
wäre, oder ob auf den kahlen Abhängen einzelner Berge oder im
sumpfigen Flachlande die Eingeborenen zur Arbeit gezwungen werden
sollen -- darüber muss der praktische politische Blick des jeweiligen
Regierungsbeamten entscheiden.
Die Sittenreinheit der Bewohner des Padangschen Hochlandes, von dem
ich soeben sprach, datirt aus dem Anfange des vorigen Jahrhunderts.
Wie bekannt ist, stiftete in Centralarabien ein gewisser Mohamed
Abd el Wahhâb am Ende des 18. Jahrhunderts eine neue Secte, welche
die Zurückführung des Islamismus auf seine ursprüngliche Reinheit
bezweckte. Die Wahhâbiten nahmen an Zahl rasch zu, und ungefähr im
Jahre 1801 bemächtigten sie sich Mekkas und zwangen den Sherif dieser
Stadt zur Unterwerfung. Damals befanden sich auch drei Malaien aus
dem Hochlande Padangs in Mekka und nahmen die Lehren der Wahhâbiten
in ihrem ganzen Umfang an; ja noch mehr; im Jahre 1803 waren sie
nach ihrer Heimath zurückgekehrt und beschlossen, den sittlichen
Verfall ihrer islamitischen Brüder aufzuhalten. Diese drei Hadji (=
Mekkapilger) hiessen Hadji Miskien, Hadji Sumanik und Hadji Piabang.
Ihr erster und bedeutendster Apostel war Tawanku von Rintjeh, der in
seiner Heimath (Bangsah in Kamang) alle Panghulus (= Priester) der
Umgebung zusammenrief und in leidenschaftlichen Worten die Fahne des
heiligen Krieges entrollte. Er forderte, dass jeder fünf Mal des Tages
seinen Körper reinigen und fünf Mal des Tages sein Gebet verrichten
müsse. Der Genuss von Opium, Tabak, Sirih und alcoholischen Getränken
müsste verpönt sein. Das Abschleifen der Zähne, Hahnenkämpfe und jedes
Würfelspiel müssten verboten bleiben. Er forderte, dass die Männer
einen Bart und weisse Kleider tragen und den kahlgeschorenen Kopf mit
einem schwarzen Tulband als äusserem Zeichen der neuen Secte bedecken
sollten. Die Frauen sollten ihr Gesicht verhüllen, und niemand dürfe
nackt ein Bad nehmen. Jede dieser Sünden sollte mit dem Tode bestraft
werden.
Seine Tante, die Schwester seiner Mutter, war die erste Märtyrerin
des alten Glaubens; als sie trotz dieser Lehren Tabak kaute, erstach
er sie mit eigener Hand und überliess ihren Leichnam im Urwalde den
wilden Thieren zur Beute. Seine Lehre fand nun mehr und mehr Anhang,
und bald wurde er allein zu schwach, um die siegreich eroberten
Kampongs auch sittenrein zu erhalten; er ernannte in jedem dieser
neuen Anhänger-Centra zwei Häuptlinge: den Imam als geistliches
Haupt, welcher die neue Lehre predigen, und den Khalif, welcher jede
Uebertretung streng sühnen und bestrafen sollte. Nach der malaiischen
Adat, welche er ebenso wenig als z. B. die späteren islamitischen
Priester in Atjeh ausrotten konnte, d. h. nach dem Gewohnheitsrechte
der Malaien konnte jedes Verbrechen durch ein Geldopfer gesühnt
werden. Es wurden also Strafen auferlegt für den Mann, der seinen
Bart rasirte, mit zwei Suku = 2/4 spanische Thaler; wer seine Zähne
abfeilte, musste einen Karbon (Büffel) bezahlen; eine Frau, welche
unverschleiert ging, musste ¾ Thaler bezahlen u. s. w. u. s. w.
Diese Geldstrafen wurden natürlich eine reichfliessende Quelle für das
Einkommen der Imams; denn der Missbrauch blieb nicht aus, und oft genug
geschah es, dass z. B. Tabak heimlich in die Hütte eines vermögenden
Häuptlings gebracht wurde, und bei gelegener Zeit entdeckt wurde.
So wurden die wahhâbitischen strengen Moralitätslehren die Ursachen
eines Ausbeutesystems, das zum Aufruhr führen musste. Viele malaiische
Häuptlinge flüchteten sich nach Padang und baten um Hülfe gegen den
Despotismus der Padri (= Hadji). Sie boten der holländischen Regierung
alle Länder an, welche zum früheren Menangkabauischen Reiche gehört
hatten -- dies geschah den 10. Februar 1821 -- und der Padrikrieg nahm
seinen Anfang mit der Besetzung von Samawang am östlichen Ufer des
Singkarasees. Dieser Krieg dauerte bis zum 14. August 1837, an welchem
Tage der Herd der Fanatiker, Bontjol, von den Holländern erobert wurde.
Wenn auch dieser Padrikrieg viele hunderte und tausende Menschenleben
gekostet hat, ohne dass die geldgierigen Priester heute um viel
besser geworden wären, so haben doch die Lehren dieser Padri in der
grossen Menge der Malaien des Padangschen Hochlandes kräftige Wurzeln
geschlagen und es ermöglicht, dass an der Grenze der Anthropophagen die
Fackel der Civilisation erhoben wurde, so dass diese heute auf eine
ganz kleine Strecke an der Küste des Tobasees sich beschränken.
Im Osten der Insel Sumatra haben die Schätze des Bodens und des
Urwaldes europäische Pflanzer dahin gelockt, welche mit Hülfe
chinesischer, javanischer und anderer malaiischer Kräfte den Reichthum
des Landes gehoben haben.
Hier im Westen muss Holland eine andere Colonial-Politik befolgen. Hier
müssen europäische Förster und Ingenieure Lehrmeister der Eingeborenen
werden; hier muss auch[103] durch europäische Ackerbaucolonien das
reiche Land der weiten Welt eröffnet werden; hier sind Ackerbaucolonien
möglich, weil ein italienischer Himmel sich über seinen Feldern und
Bergen wölbt und weil ein italienisches Klima die Acclimatisation der
Europäer ermöglicht.
=Du kannst, denn Du willst.=
Also sprach Zarathustra.
Schluss.
Wieder auf dem alten Dampfer -- Die Residentie Benkulen -- Katholische
Missionäre -- Schluss.
Den 26. August 1888 verliessen wir Padang mit demselben Dampfer, dem
»General Pel«, welcher uns von Atjeh dahin gebracht hatte. Er hatte
im Hafen Zeit und Gelegenheit gehabt, seine Kessel zu repariren, und
so vertrauten wir wieder unser Leben und Hab und Gut beruhigt diesem
alten Rumpelkasten an. Es sollte anders kommen. Den 27. hatten wir in
den ersten Morgenstunden zu unserer Linken die Grenze zwischen dem
»Gouvernement der Westküste Sumatras« und der Provinz Benkulen und zu
unserer Rechten die Insel Nord Pageh (aus der Gruppe der Nassauinseln),
als plötzlich die Schraube ihren Dienst versagte. Ich wachte durch ein
ungewöhnliches Geräusch auf dem Schiffe auf und eilte aus der Cajüte,
um dessen Ursache zu erfahren. Ein Flügel der Schiffsschraube war
gebrochen, und, wie mir der Schiffskapitän mittheilte, musste auf hoher
See die Reserve-Schraube in Dienst gebracht werden. Glücklicherweise
waren wir von der Küste der Insel Sumatra und den Pageh-Inseln (Fig.
25) weit genug entfernt, um nicht irgendwo zu stranden und eventuell
von der grossen Brandung des indischen Meeres auf irgend einen Felsen
mit unserem wenig lenkbaren Schiff geschleudert zu werden. Die
wenigen Segel, welche das Schiff für einen solchen Nothfall mit sich
führte, wurden aufgezogen, und die kleine Brise, welche von Sumatra
aus über die Wogen der ruhigen See streifte, gestattete uns, mit der
Geschwindigkeit einer alten »Treckschuit«[104] vorwärts zu kommen.
Noch im Laufe desselben Tages war die Reparatur vollendet, und gegen
4 Uhr Nachmittags konnte der Dampfer uns mit einer Geschwindigkeit
von 11 Seemeilen (à 1852-1855 Meter), also circa 20 Km. in der Stunde,
längs der Küste der Provinz Benkulen und der Insel Enganon (zu unserer
Rechten) unserem Ziele -- Batavia nämlich -- zuführen.
Während meiner ganzen 21jährigen Dienstzeit wurde in den Zeitungen so
selten von der Provinz Benkulen und von ihrer gleichnamigen Hauptstadt
gesprochen, dass ich es für ein Eldorado, oder für den Inbegriff eines
ruhigen, friedlichen und glücklichen Lebens halten möchte. Im Jahre
1883 wurde allerdings der südliche Theil, und zwar der Bezirk Blimbing,
bis zum 5° 40′ S. B. von den stürmischen Wellen der tosenden See bis 2
Km. weit durch den Ausbruch des Vulcans Krakatau schwer heimgesucht.
Die ganze Provinz ist 443,9 ☐M., also beinahe doppelt so gross als das
Königreich Württemberg, hat aber nur (im J. 1897) 158824 Einwohner,
worunter sich 146 Europäer und 659 Chinesen befinden.
Obschon zahlreiche gute und gutunterhaltene Wege in dieser Provinz sich
befinden, und auf der Wasserscheide des Barisangebirges katholische
Missionare seit vielen Jahrzehnten[105] sich angesiedelt haben, so
zeigt weder der Import noch der Export irgend welchen Wohlstand an[106].
Im Jahre 1686 errichteten die Engländer das Fort Malborough, welches
in die Hände der Franzosen und später in die der Holländer fiel, um am
Ende des 18. Jahrhunderts wieder Eigenthum der Engländer zu werden. Im
Vertrage vom 17. März 1824 kam dieses Fort und die ganze Provinz mit
den übrigen Besitzungen der Westküste und zwar für immer in den Besitz
der holländischen Regierung.
Schon 225 Jahre ist diese Provinz im Besitz europäischer colonialer
Mächte, und dennoch deckt sie heute nicht einmal die Kosten der
Verwaltung.
Auch in dieser »Residentie« hat die Natur ihren ganzen Reichthum der
Flora und Fauna und der Schätze des Erdinnern an indolente, bescheidene
und genügsame Malaien verschwendet, ohne dass diese selbst oder die
grosse weite Welt[107] die Schätze des Landes nur angefangen hätten
zu suchen, zu finden und zu heben. Auch hier ist ein mildes Klima,
auch hier wölbt sich ein azurblauer Himmel über fruchtbaren Abhängen
mit einem üppigen Boden. Auch hier kann der europäische Bauer,
fern von einem mit Miasmen geschwängerten Sumpfboden, den Gefahren
des Tropenlebens entrückt, sich acclimatisiren, gedeihen und sich
fortpflanzen. Holland muss sich zu dieser That aufraffen; denn:
=Du sollst, denn Du musst=.
Also sprach Zarathustra.
Anhang.
Knöchelfieber -- Die Lâtahkrankheit -- Indische Spruw -- Tropenhygiene.
In allen drei Theilen dieses Werkes hatte ich keine Gelegenheit, mich
auch mit dem Knöchelfieber = Denguefever, mit der Lâtahkrankheit und
mit der Aphthae tropicae = indischer Spruw zu beschäftigen, obwohl
diese Tropenkrankheiten stricte dictu auch auf den Inseln des indischen
Archipels vorkommen.
Ich glaube also diese Lücken nachträglich ausfüllen zu müssen und
ich lasse daher an dieser Stelle das für +Laien+ Wichtigste und
Wissenswertheste aus dem Symptomencomplex dieser Krankheiten folgen
und zwar als Auszug aus den in medicinischen Zeitungen von mir
veröffentlichten Aufsätzen.