Ohne auch nur die Mentawei-Inseln[90] zu sehen, welche mit Padang auf

derselben geographischen Breite (1° S. B.) liegen, kam also unser

Boot den 23. August zwischen den Walfischklippen und den Pisanginseln

um 9 Uhr Morgens vor Anker. Der Emmahafen, welcher jetzt südlich von

dem damaligen Hafen angelegt und mit modernen Einrichtungen für den

Transport von Waaren und besonders der Kohlen aus den Ombilienfeldern

versehen ist, war im Jahre 1888 erst projectirt. Wer nur einmal in dem

alten Hafen landen musste, versteht nicht, dass es erst der jüngsten

Zeit vorbehalten bleiben musste, die grosse Handelsstadt Padang auf

bequeme und ungefährliche Weise erreichen zu können. Obwohl die

vorliegenden Inseln die Gewalt der Wogen des südlichen Oceans brachen,

geschah es nur zu oft, dass ein Landen unmöglich war, und dass die

blaue Fahne auf dem Walle zum Zeichen wehte, dass wegen schweren

Wellenganges der Verkehr mit der Rhede verboten war. Als wir am 23.

August 1888 ankamen, bestand officiell kein Hinderniss, sofort an

Land zu gehen; der Kahn jedoch, welcher mit der Dampfbarcasse das

Ufer verliess, um die Passagiere abzuholen, tanzte auf den Wogen

schwindelerregend und schaukelnd auf und ab. Wir standen am Deck, um

dem komischen Treiben der Affen (Cercopithecus) zuzusehen, welche bei

unserer Ankunft von dem Affenberge herabeilten, um in den durch die

Schiffsschraube aufgepeitschten Wellen zu spielen. Meine Frau wandte

plötzlich den Blick gegen den Landungsplatz und sah die Dampfbarcasse

hinter einer hohen Welle in die Tiefe der See verschwinden. Mit einem

Schrei des Entsetzens wies sie nach der Unglücksstätte. Lächelnd

beruhigte ich sie mit der Versicherung, im nächsten Momente das kleine

Schiff auf der Spitze des Wellenberges erscheinen zu sehen. So geschah

es auch; aber meine Frau verweigerte, bei diesem »hohen Stand der See«

an’s Land zu gehen. Es war wirklich ein gefährlicher Moment, als die

Dampfbarcasse vor der Falltreppe lag, um die Passagiere aufzunehmen.

Bald hoben die Wogen das kleine Schiff hoch über die Treppe, bald

wurde es mit grosser Kraft gegen den Schiffsrumpf geschleudert, bald

sank es einen Meter tief unter die Treppe. Mit Stangen und Haken und

Tauen in den Händen gelang es den Matrosen, diesen kleinen Dampfer in

der Nähe der Treppe zu halten und das Einsteigen der Passagiere zu

ermöglichen. Nur eine viertel Stunde dauerte die Fahrt nach der Küste,

und auch wir stürzten von einem Wellenberg in’s Wellenthal, um im

nächsten Augenblicke wie eine Nussschale auf dem folgenden Wellenberg

zu schaukeln und zu schwanken.

Schon seit vielen Jahrhunderten ist es bekannt, dass die Wellen des

stürmenden Meeres durch etwas auf die Oberfläche gegossenes Oel

geglättet werden; bereits Aristoteles, Plutarch und Plinius erwähnen

diese Eigenschaft des Oeles[91], und im Jahre 1881 hatte Shields

mit gutem Erfolge im Hafen von Peterhead (Schottland) das Oel zur

Beruhigung der See angewendet. Ich selbst hatte Gelegenheit, mich

von der Richtigkeit dieser Beobachtungen zu überzeugen. Es ist daher

unverständlich, dass die holländische Regierung niemals daran gedacht

hat, in diesem Hafen und auch auf Java eine ausgedehnte Anwendung des

Oeles zur Beruhigung einer grossen Brandung einzuführen.

Der neue Emmahafen bei Padang hat bei ruhiger See allerdings jetzt kein

Bedürfniss dafür; die Schiffe ankern direct an dem Wall, und nur für

den Fall, dass sie auf eine Landung warten müssen, werfen sie einige

hundert Meter vom Lande entfernt die Anker in die See.

Gegen 11 Uhr kamen wir in’s Hôtel, und da ich in Uniform gekleidet war,

benützte ich diese Gelegenheit mich zu melden und gleichzeitig mit

meiner Frau eine Spazierfahrt durch die Stadt zu machen. Die Miethwagen

sind in Padang um nichts weniger schmutzig und sehen ebenso verfallen

aus als in Batavia, Samarang u. s. w. Die Wagenvermiether kaufen auf

Auctionen die ältesten, schmutzigsten und verwahrlostesten Mylords,

Landauer u. s. w. und bringen sie sofort in Gebrauch, ohne auch nur

einen Cent auf ihre Renovirung zu verwenden.

Speciell in Padang waren diese Ruinen alter Herrlichkeit damals

im Localverkehr geradezu eine Sammlung von gefährlichen und

antihygienischen Antiquitäten.

Drei bis vier mal im Monate brachte nämlich ein Dampfer von

Atjeh jene unglücklichen Patienten, welche in den militärischen

Gesundheitsetablissements der »Padangschen Oberländer« Erholung

suchten und fanden. Diejenigen Patienten, welche nicht marschiren

konnten, wurden in diesen Miethwagen nach dem Spitale gebracht, welches

zwei km weit (neben der Caserne) vom Hafen entfernt war. Natürlich

befanden sich darunter auch viele Dysenterie-, Malaria- und selbst

Cholerapatienten, ohne dass (wenigstens damals) sich jemand mit der

Desinfection dieser Wagen bemüht hätte. Seitdem der Emmahafen im

Gebrauch ist, haben sich diese Verhältnisse bedeutend gebessert. Die

Eisenbahn, welche in’s Innere des Landes führt, giebt eine Seitenlinie

für das Spital ab, und alle Patienten werden per Waggon bis zum Thore

des Spitals gebracht.

Wir hatten keine Wahl und fuhren also ebenfalls mit einem solchen

hässlichen und schmutzigen Fiaker (?) vom Hôtel aus zunächst zum

Spitalchef, um meine Ankunft bei meinem Chef und darnach bei dem

Platzcommandanten zu melden. (Meine Frau blieb natürlich im Wagen, auf

mich wartend.) Letzterer hatte jedoch »keine Zeit« mich zu empfangen;

ja noch mehr; um gewiss nicht mit mir zusammenkommen zu müssen, gab

er dem Adjutanten den Befehl, meinen Marschbefehl nicht nur für die

Ankunft, sondern auch für die Abreise am 26. August sofort zu visiren.

Der Anlass zu diesem gespannten Verhältnisse zwischen mir und dem

Obersten ist interessant und so charakteristisch für den Haudegen, der

»einen einmal gegebenen Befehl nicht zurücknimmt«, dass ich nicht umhin

kann, ihn ausführlich mitzutheilen.

Im November 1886 befand ich mich in Kuta-radja in Garnison und bekam

den Auftrag, einen Krankentransport nach Padang zu begleiten und mit

dem Dampfer, welcher auf seiner Fahrt von Batavia nach Atjeh in Padang

anlegen wird, meine Rückreise anzutreten. Als dieser Dampfer in dem

Hafen anlegte, hatte er die gelbe Flagge auf dem Topp des grossen

Mastbaumes als Signal, dass ansteckende Kranke sich an Bord befanden.

Der Platzcommandant gab den Garnisonsbefehl aus, dass niemand an Bord

dieses Schiffes gehen und dass überhaupt kein Verkehr mit diesem

Schiffe stattfinden dürfe. Da ich und ein Oberarzt, welcher ebenfalls

auf diese Gelegenheit wartete, nach Atjeh zurückzukehren, keine Ursache

hatten, wegen der Cholera auf dem Schiffe unsere Abreise aufzuschieben,

meldeten wir uns den Tag vor der Abreise des Schiffes reglementair bei

diesem Platzcommandanten für die Abreise, und ich frug vorsichtshalber,

ob das Verbot, mit diesem Schiffe zu reisen, auch auf mich und meinen

Collegen Anwendung fände.

»Nein, Sie beide sind als Aerzte natürlich davon ausgeschlossen; es

wird ja Ihre Anwesenheit auf dem Schiffe sehr erwünscht, wenn nicht

geradezu nöthig sein.«

»Natürlich,« erwiderte ich, »gehen auch die Krankenwärter mit,

welchen ebenfalls in ihrem Marschbefehle angeordnet wurde, mit dieser

Gelegenheit zurückzukehren.«

»Nein, die Krankenwärter bleiben hier.«

»Aber ich bitte, Herr Oberst! Wir können die Krankenwärter nicht

entbehren; wir können die an Bord befindlichen Cholerapatienten wohl

behandeln, aber wir können sie nicht verpflegen. Dazu gehören ja die

darin geübten Krankenwärter.«

»Nun, dann werden die Kameraden den Patienten die nöthige Pflege

zukommen lassen, wenn Sie es nicht thun können oder nicht wollen.«

»Aber Herr Oberst! Wir können uns ja bei einer ansteckenden Krankheit

nicht auf die Pflege der Kameraden verlassen.«

»Nun ist es genug, Herr Doctor! Die Krankenwärter bleiben hier, Sie

beide reisen morgen ab; einen einmal gegebenen Befehl nehme ich nicht

zurück. Guten Morgen!« --

Mit einem militärischen Grusse empfahlen wir uns, und kaum waren wir

bei der Thür, als der Oberst X. mich allein zurückrief und mir verwies,

dass die Masche der Feldbinde nicht an ihrem Orte, d. h. hinter dem

Griffe des Säbels sass. Als wir beide den nächsten Morgen auf’s Schiff

kamen, waren alle Krankenwärter anwesend, welche mit uns die Reise

gemacht hatten. Offenbar hat sich dieser Haudegen genirt, vor mir

eingestehen zu müssen, dass jedermann in die Lage kommen könnte, »einen

einmal gegebenen Befehl« widerrufen zu müssen.

Nach diesen obligaten Vorstellungen fuhren wir durch die Stadt, um

die Zeit vor der »Rysttafel« durchzubringen und gleichzeitig einen

Totaleindruck von dieser Stadt zu bekommen.

Padang hatte schon im Jahre 1666 eine holländische Niederlassung; als

im Anfange des 19. Jahrhunderts die Insel Sumatra in den Besitz von

England kam, übersiedelten viele englische Familien von Singapore, von

der Insel Pinang und von Malacca dahin und brachten ein neues Element

in diese übrigens gut malaiische Stadt. Das englische Interregnum

dauerte nur bis zum Jahre 1824, und die eingewanderten Engländer

blieben im Lande, vermehrten sich, ohne jedoch den Charakter der Stadt

zu beeinflussen. Im Allgemeinen ist ja der Unterschied der englischen

und holländischen Städte in den Colonien geradezu auffallend. Der

Engländer behält auch in den Tropen seine heimathlichen Sitten und

Gebräuche bei; der Holländer jedoch fügt sich so viel als möglich in

die Sitten des Landes.[92] In Padang ist heute von der Anwesenheit

dieses englischen Elementes absolut gar nichts zu merken: es ist eine

holländisch-indische Stadt wie jede andere auf Java oder Borneo oder

Sumatra. (Medan auf der Ostküste dieser Insel ist eine Ausnahme.)

Die Häuser selbst tragen ausgesprochen den indischen Charakter (Fig.

2 u. Fig. 23). Sie bestehen aus Holz, ruhen auf Pfählen und sind mit

Atap gedeckt. Auch steinerne Häuser sah ich in Padang; sie fallen aber

geradezu durch ihre Einfachheit und ich möchte sagen auch durch ihre

Stillosigkeit auf. Dazu gehören vier Privathäuser, der Justizpalast

(?), das Haus des Gouverneurs, das Hauptgebäude des Militär-Spitales,

die Wohnungen der Officiere, die Bureaux und Magazine der grossen

europäischen Firmen und die meisten chinesischen Wohnungen.

Wir besuchten einen alten Collegen und hatten also gute Gelegenheit,

ein malaiisches Haus in allen seinen Theilen besichtigen zu können.

Seine Vortheile gegenüber dem steinernen Hause oder dem der Javaner

überwiegen die Nachtheile.

Es stand auf ungefähr einen Meter hohen Pfählen, hatte Wände aus

Holz, und eine hölzerne Treppe mit Geländer führte in die vordere

Veranda. Das Dach war mit Atap, d. i. den getrockneten Blättern der

Nipahpalme, gedeckt und überragte das Haus um ungefähr 2 Meter, d. i.

die ganze Breite der Veranda. Kaum hatten wir unsern alten Bekannten

begrüsst, konnte ich mich der Bemerkung nicht enthalten, wie sie denn

in einem solchen einfachen Hause wohnen könnten. Schon der erste

Schritt, den wir in der Veranda machten, erschütterte das ganze Haus.

Lachend erwiderte er: »Sehen Sie, Herr College: Die Vortheile dieses

Schüttelns kennen Sie ja gar nicht. Wenn irgend ein Dieb oder sagen wir

ein Liebhaber meiner 56-jährigen Frau in der Nacht das Haus betreten

wollte, würde das Schütteln mich sofort aus dem Schlafe wecken. Auch

die Elefanten, die sich glücklicherweise nicht in unsere Nähe wagen,

können sich unmöglich an den Pfeilern dieses Hauses reiben, ohne dass

wir es merken. Ein Tiger wagt es nicht einmal, aus einem solchen Hause

seine Beute sich zu holen. Kommt aber ein Erdbeben, so werden wir

ganz gut durchgeschüttelt, aber wir fürchten uns nicht im geringsten,

unter seinen Trümmern getödtet zu werden. Auf Java stehen die meisten

Kamponghäuser ohne Pfähle auf dem Boden; Schlangen, Frösche und alles

mögliche Ungeziefer kommen leicht in ein javanisches Bauernhaus. Hier

werden wir von diesen ungeladenen Gästen nicht heimgesucht. Sehen Sie

sich unsere Wohnung näher an. Hier in diesem Zimmer steht mein Pianino

und daneben mein Bücherkasten. Das Pianino hat seinen schönen hellen

Klang beibehalten, den es bei seiner Ankunft hatte, und kein einziges

Buch in meinem Bücherkasten ist mit Schimmel bedeckt. Gehen Sie hin

zum Oberstabsarzt X., welcher in einem steinernen Hause wohnt; er

wohnt allerdings standesgemäss, während ich als pensionirter alter

Regimentsarzt +nur+ in einem Kamponghause, in einem malaiischen

Wohnhaus wohne. Aber schauen Sie sich sein Pianino an; Sie spielen

doch Klavier; wenn Sie die Tasten anschlagen, brummen Ihnen die

verrosteten Saiten ein Lied vor, dass Sie aus den Nebentönen und von

falschen Tönen ein Studium machen können. Uebrigens ist es gar nicht

wahr, dass ich, wie die Leute mir vorwerfen, in einem Kamponghause

wohne. Die Eingeborenen haben ja gar kein Geld, sie sind zu arm dazu,

um ein solch elegantes Haus sich zu bauen. Ihre Häuser haben nur Wände

aus Bambusmatten und der Boden ist ebenfalls nur ein Flechtwerk aus

Bambus oder aus dünnen Aesten aus weichem Holz. In einem solchen Hause

haben es die Herren Mörder und die etwaigen Liebhaber der Hausfrau

sehr leicht, den Eigenthümer aus dem Wege zu räumen; sie stecken ganz

einfach die Lanze durch die Lücken des Bodens, und der Eigenthümer ist

eine Leiche. Dies habe ich natürlich nicht zu fürchten, weil dieses

Haus von einem reichen Malaien und zwar einem Nachkommen des Radja von

Menangkabau gebaut wurde; es besteht also ganz aus Brettern und nur das

Dach verräth den nationalen Ursprung. Dieses primitive Dach hat auch

einige Vortheile und nur wenige Nachtheile. Die versengenden Strahlen

der Tropensonne sind nicht im Stande, durch dieses Dach ins Haus zu

dringen; also zu jener Stunde des Tages, in welcher durch die senkrecht

herabfallenden Strahlen die Luft geradezu heiss zu nennen ist, ist das

Innere meines Hauses am wenigsten von der Tropenwärme belästigt. Aber

auch niemals dringt der Regen in die Wohnung; die ersten Regentropfen

befeuchten die Blätter hinreichend, um die ganze Bedeckung zu einer

compacten Masse umzuwandeln, welche selbst durch den stärksten Wind

nicht gelockert wird. Wenn Sie heute Abend beim Oberstabsarzt X. eine

Visite machen werden, wird es keine 10 Minuten dauern, bis seine Frau,

eine echte Nonna, das Gespräch auf uns, resp. auf unser Haus leiten

wird; sie wird es als eine Schande bezeichnen, dass ich als Arzt in

einem »malaiischen Hause« wohne. Wenn dies geschieht, schauen Sie sich

sofort die Mauern ihrer Veranda an. Wenn nicht zufällig heute früh

der Kebóng (= Gartenknecht) die Mauern mit der Kalkquaste übertüncht

hat, werden Sie bis zur Höhe des Tisches die braunen Streifen der

Feuchtigkeit sehen, welche aus dem Boden in die Mauern dringt. Noch

besser können Sie sich davon überzeugen, wenn in der Frühe des Morgens

die Thüren des Hauses geöffnet werden und man aus der frischen Luft

in’s Haus tritt. Sie haben keine Idee, wie dumpfig die Luft in einem

solchen steinernen Hause während der Nacht wird. Schauen Sie sich

übrigens meinen Plafond an und den im Hause des Oberstabsarztes.

Hier sehen Sie zwischen den Wänden und dem Dache einen freien Raum

von ungefähr 20 cm; durch diesen dringt die im Hause durch unsere

Ausdünstungen mit Kohlensäure geschwängerte Luft hinaus in’s Freie.

Dort bleibt sie am Plafond hängen, weil die Fenster weit vom Plafond

entfernt sind. Allerdings hat »Mutter die Frau« in meinem Hause grosse

Scherereien mit dem Staub, welcher bei Windschlägen vom Plafond in’s

Innere fällt, und manchmal ist es thatsächlich hier so warm, dass sie

bedauert, nicht in einem steinernen Hause zu wohnen. Wenn sie aber dann

wiederum hört, mit wie vieler Mühe die Frau Oberstabsarzt den Schimmel

von ihren Schuhen und von ihren Kleidern fernhalten kann, dann ist sie

wiederum mit ihrem Schicksal versöhnt, in einem »malaiischen Hause«

wohnen zu müssen. Beinahe hätte ich noch den bedeutendsten Vortheil

eines hölzernen Hauses anzuführen vergessen. Mein Haus steht, wie Sie

sehen, auf Pfählen von 1 Meter Höhe; steinerne Häuser müssen auf dem

Grunde stehen. Der Boden ist reiner Alluvialboden und geschwängert von

pflanzlichen und thierischen Organismen; Korallenkalk mit seinen todten

Korallenthieren wurde verwendet, um dem Grunde, auf welchem die Häuser

gebaut werden, eine grössere Härte zu geben. Die aus diesem verpesteten

Grunde aufsteigenden Miasmen werden in meinem Hause mit jedem Zugwinde

in die freie Luft getrieben; bei einem Hause ohne Pfähle bleiben sie

in dem Boden, dringen in die Mauern und gelangen von diesen in die

Wohnräume. Nein; ich bleibe in meinem Kamponghause wohnen und habe gar

kein Verlangen nach einem noblen, steinernen Hause.«

Im Ganzen und Grossen konnte ich diesem Herzensergusse meines alten

Collegen meine Zustimmung aus Ueberzeugung geben; ich hatte ja schon

damals Gelegenheit gehabt, in allen möglichen Sorten von Häusern zu

wohnen, und noch heute würde ich aus denselben Ursachen einem hölzernen

Hause unbedingt den Vorzug einräumen.

Es war keine officielle Visitenzeit, da diese in Indien um 7 Uhr

beginnt. Wir entfernten uns, nachdem wir noch versprochen hatten, vor

unserer Weiterreise noch einmal vorzusprechen und uns für den guten

Willen bedankt hatten, als er uns zur »Rysttafel« einladen oder eine

Contrevisite machen wollte. Wir fuhren noch eine halbe Stunde in der

Stadt herum, sahen zwei Mühlen zur Entpolsterung des Reises, zwei

Eisfabriken, zwei Buchdruckereien, eine Mineralwasserfabrik, vierzehn

chinesische Mühlen zur Entpolsterung des Reises, fünf chinesische

Brodbäckereien, vierzig malaiische Schmiede, fünf chinesische

Oelmühlen, einige Ziegelfabriken und zahlreiche Werkstätten von

Silber- und Goldschmieden, und zuletzt fuhren wir durch einen Kampong,

an dessen Ausgang eine Gruppe malaiischer Frauen (Fig. 24) stand,

welche ich, nach ihren Haartrachten zu urtheilen, für Bewohner des

nordöstlichen Atjehs gehalten hätte.

Endlich hatten wir nach der Behauptung des Kutschers »ganz Padang«

gesehen. Es ist eine echt tropische Stadt; alle Häuser sind mit einem

kleinen Garten umgeben -- nur nicht das »Officierscampement«, oder es

wird besser bezeichnet mit den Worten: Padang ist ein grosser Garten,

in welchem hin und wieder ein Haus gesehen wird. Palmen und Bananen,

Waringinbäume sind die auffallenden Vertreter der Tropenflora; jedes

Haus hat in seiner Veranda eine grössere oder kleinere Zahl Blumentöpfe

mit Rosen, Dalias, Pegonias u. s. w. u. s. w. Die lieblichen, duftenden

und bunten Kinder der Flora zieren die Häuser, während die Waldriesen

in den Gärten unser Staunen erregen und die Obstbäume mit ihren

herrlichen, oft riesigen und stark duftenden Früchten unsern Gaumen und

nicht weniger unser Geruchsorgan ergötzen.

Um 12 Uhr kamen wir im Hôtel an und wurden von einer Schaar Hausirer

empfangen, welche im Allgemeinen in den Häfen der holländischen

Colonien lange nicht so lästig sind als jene in Singapore oder in

Port Said u. s. w. Zahlreiche Nationen hatten unter ihnen ihre

Vertreter; chinesische, javanische, arabische, klingalesische Händler

boten die Industrieproducte ihres Landes oder europäische Waaren und

malaiische Goldschmiede ihre Silber- und Goldwaaren feil. Es waren

darunter wirklich reizende Nippessachen in Filigran gearbeitet. Am

häufigsten verkauften sie indische Früchte aus Silber verfertigt,

so z. B. Durian, Ananas, Rambutan u. s. w.; ich erstand jedoch eine

Möbel-Garnitur en miniature, welche allerliebst aussah; einen Divan,

einen Tisch, sechs Sessel und zwei Schemel; auch zwei aus Gold

gearbeitete Durians erstand ich um ziemlich niedrigen Preis. Sie hatten

dabei einen eigenthümlichen Maassstab im Gebrauch. Sie hatten eine

kleine Waage bei sich und gebrauchten statt Gewichte Silbermünzen für

die aus Silber verfertigten Nippessachen. Obwohl ich noch bezweifle,

dass diese Silberwaaren denselben Feingehalt als die betreffenden

Silbermünzen hatten, so gingen sie niemals in ihrer Preisforderung

unter dieses Gewicht; immer musste man mehr bezahlen als das Gewicht

der betreffenden Münze; anderseits muss ich gestehen, dass sie sich oft

mit einem Arbeitslohn als Gewinn begnügten, der für einen europäischen

Arbeiter oder Künstler geradezu undenkbar wäre. Auch bieten sie sich

zur Anfertigung von Armbändern, Haarnadeln, Gürteln und Ringen nach

jeder beliebigen Form an und gebrauchen in gleicher Weise das Gewicht

der erhaltenen Silbermünzen zur Controlle des Silbergehaltes. Am

häufigsten verfertigen sie für die Frauen der Eingeborenen Platten zu

einem silbernen Gürtel und verwenden dazu die silbernen Ryksdaalder

(= à 4¼ Mark) und weisen in der Regel die Münzen anderer Staaten

als minderwerthig zurück, so z. B. die auf der Ostküste Sumatras stark

circulirenden mexikanischen, japanischen und amerikanischen Dollars.

Diese Gürtel haben jedoch nur geringen künstlerischen Werth, weil

das zu dünnen Platten geschlagene Metall gepresst wird. Alle anderen

Sachen zeigen die Filigranarbeiten geradezu in ihrer Vollkommenheit und

können mit den schönsten Erzeugnissen in der Türkei, Schweden, Holland,

Ungarn an Feinheit der Arbeit concurriren. Diese Kunst ist so ziemlich

beinahe unter allen malaiischen Stämmen dieser Insel verbreitet; die

Padangschen Silberarbeiten sind jedoch die schönsten.

Das Hôtelleben in Padang unterscheidet sich nur wenig von dem anderer

Städte auf den Inseln des indischen Archipels. Die Hôtels sind primitiv

eingerichtet, bieten für den mässigen Preis von 4-6 fl. per Tag

oder 90-120 fl. per Monat volle Verpflegung, incl. freies Eiswasser

und Genever vor den zwei Hauptmahlzeiten, und gestatten in ziemlich

ausgedehnter Weise das freie ungenirte Leben des häuslichen Herdes.

Die Damen erscheinen zur Rysttafel (Mittagstisch) auch in Padang in

Haustoilette, und in der Veranda, welche die einzelnen Hôtelzimmer

begrenzt, sieht man das ganze Familienleben der verheiratheten Gäste

coram publico sich abspielen. Bereits im zweiten Band habe ich dieses

den Europäern fremd erscheinende sociale Bild ausführlich geschildert,

und ich will darum nur noch mittheilen, dass Padang[93] noch mehr als

alle indischen Städte dem Sprüchwort huldigt: Ländlich, sittlich.

Mit dem gewöhnlichen Tagesprogramm schlossen wir diesen ersten Tag

unseres Aufenthaltes in Padang. Nach dem Nachtmahl zogen wir die

Haustoilette an und setzten uns in die vordere Veranda des Hôtels,

um »Klima zu schiessen«.[94] Wir waren von den eng anschliessenden

Kleidern befreit und athmeten und transpirirten also freier und

bequemer. Ein leiser Zephyrwind wehte von Osten her über die Stadt.

Vor uns lag das Meer, und tosend und brüllend stürzten sich die

Wellen zwischen den kleinen Inseln auf das naheliegende Ufer, und

tiefe Finsterniss bedeckte den Horizont, und nur selten öffneten

sich die Wolken, um irgend einem Stern sein Licht den Weg zu uns

zu gestatten. Plötzlich erhellt sich der ganze Horizont in einem

lichtblauen Seelicht, und eine feurige Kugel, beinahe so gross als

ein Menschenkopf, fiel vor unseren Augen in die Tiefe des westlichen

Horizontes. Nach wenigen Secunden war das Meteor spurlos verschwunden,

und nur das Zirpen einiger Grillen störte die majestätische Ruhe der

Tropennacht. Wir gingen zu Bett. Es war eine warme Nacht, und wir

transpirirten so stark, dass wir zweimal aufstehen und die Leibwäsche

wechseln mussten. Um 5¼ Uhr wurden wir wach und eilten sofort hinaus

in die vordere Veranda, um uns an der frischen Morgenluft zu erquicken.

Die Sonne stand noch unter dem Horizonte; aber das Zodiacallicht,

dieser »beständige Schmuck der Tropennächte«, hatte bereits seine

Lichtbündel gegen den Zenith gesendet, und der Gegenschein fiel trotz

seines schwachen Lichtes mir sofort auf, so dass ich meine Frau auf

dieses schöne Phänomen aufmerksam machen konnte, welches auch in Europa

bekannt ist, aber den Städtebewohnern beinahe niemals auffällt. Wie

wenigen selbst sehr intelligenten Männern ist dieser Terminus technicus

»Zodiacallicht« geläufig, obschon Fachmänner schon vor mehr als 200

Jahren eine ausführliche Beschreibung dieses oft reizenden Phänomens

gebracht haben! Vor uns lag der westliche Horizont; wir haben also des

Morgens nur den Gegenschein sehen können. Nachmittags um ¾6 war

der Himmel unbedeckt, und ich konnte meiner Frau das Zodiacallicht in

seiner ganzen Pracht demonstriren. Es war ein heller kegelförmiger

Schein von grösserer Intensität als die Milchstrasse und hatte eine

etwas weniger helle Hülle. Auch in Indien ist diese Erscheinung trotz

ihrer relativ schönen Pracht der grossen Menge unbekannt. Die Erklärung

für diese auffallende Thatsache ist nicht schwer. Die scheidende Sonne

erzeugt am westlichen Himmel geradezu ein Feuermeer; das intensivste

Gelb spiegelt in den Wolken abwechselnd mit einer tiefen rothen Gluth

ein so scharfes, blendendes und reizendes Farbenbild ab, dass das Auge

davon gesättigt und selbst ermüdet dem nachfolgenden Zodiacallicht

keine Aufmerksamkeit mehr schenkt.

21 Jahre in Indien. Dritter Theil: Sumatra. · 第 17 / 23 段