Dazu gehören gewiss auch die Vorstellungen der Derwische, welche, wie

Snouck Hurgronje ausführlich beschreibt, jeden Freitag stattfinden.

Die »Brüder« stellen sich in zwei Reihen auf und begrüssen ehrerbietig

den Gurée, d. i. den Leiter der Aufführung. Dieser beginnt mit dem

Vaterunser der Mohamedaner (Fa Tihah) und fährt mit einigen Ratébs

fort, welche in einem eigenthümlichen Tone unter Begleitung eines

Orchesters (rapai) und unter leichten Bewegungen des Körpers aller

Derwische gesungen werden. Diese Bewegungen werden nach und nach

stärker, die Stimmen lauter, die Tamburins werden stärker und stärker

geschlagen und geschüttelt; wenn die ganze Schaar beinahe eine rasende

Heerde geworden ist, springt einer auf, fasst eine Waffe oder eine

glühende Kette und schwingt sie nach allen Seiten und trifft bald

diesen oder jenen Theil seines Körpers; hin und wieder zeigt eine

Wunde mit dem herabströmenden Blute, dass diese Derwische nicht so

unverwundbar seien, als sie gewöhnlich behaupten, es zu sein.

* * * * *

Nur ungern verlasse ich dies Thema, weil die Dichtungen im Volke der

Atjeer den Ethnographen eine reiche Quelle für ihre vergleichenden

Studien bieten. Wer den Einfluss der Araber und der Hindus auf die

Sitten und Gebräuche aller malaiischen Völker des indischen Archipels

studiren will, kann und darf die Literatur dieses Volksstammes nicht

vernachlässigen, von welchem Snouck Hurgronje (geboren 8. Februar 1857

in Oosterhout) in seinem grossen Werke »Die Atjeers« eine ausführliche

ethnographische Beschreibung gebracht hat.

* * * * *

In der ersten Woche des Monats August 1888 erhielt ich von befreundeter

Seite in Kuta-radja die officiöse Nachricht, dass ich mit »erster

Gelegenheit« Atjeh verlassen müsse, weil ich bereits zwei Jahre in

dieser Garnison verweilt habe, ohne dass ich den »Wunsch geäussert

hätte, in Atjeh zu bleiben«. Es sind nur wenige Officiere, welche

sich dazu entschliessen, um eine Verlängerung ihres Aufenthaltes in

dieser Garnison zu ersuchen. Die reglementär festgesetzte Dauer war

damals für ledige Officiere und für Strohwittwer vierzehn Monate und

für verheirathete Officiere zwei Jahre. Abgesehen von den günstigen

pecuniären Verhältnissen fesselte damals nur weniges den Officier an

die Garnisonsplätze Atjehs.

Der Ehrgeiz, in einer grossen Feldschlacht sich auszeichnen zu können

und den Wilhelmsorden zu erhalten, fand nur selten Gelegenheit,

befriedigt zu werden; im »kleinen Kriege« wird diese schöne

Auszeichnung selbstverständlich nur wenigen zu Theil und dann nur --

wenn sie sich der Protection zu erfreuen wussten; ich hatte zwei Mal

»im Feuer verbunden«, ohne dass ich nur ein anerkennendes Wort dafür

erhalten habe. Nun ist es richtig, dass die Statuten dieses Ordens auch

eine persönliche Bewerbung unter Anhörung von Zeugen seiner Heldenthat

gestatten; da ich jedoch mir bewusst gewesen war, meine Pflicht und

nichts als meine Pflicht gethan zu haben, kam mir der Gedanke, mich

um diesen Orden zu bewerben, nicht einmal in den Sinn und -- der

Landessanitätschef hat aus eigener Initiative auch nichts gethan.

Was die günstigen pecuniären Verhältnisse betrifft, waren sie ja für

den Militärarzt von untergeordneter Bedeutung. Ich erhielt nämlich

1200 Fl. jährlich Quartiergeld, ohne für die Wohnung etwas bezahlen

zu müssen; aber ich hatte (wenigstens auf Lambaro) keine Civilpraxis,

während in den meisten übrigen Garnisonen des indischen Archipels der

Militärarzt Gelegenheit hat, oft das Drei- bis Vierfache pro Jahr durch

die Civilpraxis zu verdienen. Diese Triebfeder, auf Atjeh zu bleiben,

bestand für mich also nicht.

Im übrigen waren ja die äusseren Verhältnisse so ungünstig als

möglich. Das Leben in den Tropen mit allen seinen Entbehrungen, mit

allen seinen Gefahren für meine und meiner Frau Gesundheit, das Leben

in einem kleinen Fort mit allen seinen Beschränkungen im täglichen

Leben, mit allen seinen Aufregungen, mit allen seinen Gefahren und mit

seiner Monotonie forderte von meinen Nerven so viel, dass das Gefühl

der Erleichterung mich bei der Nachricht beseelte, +endlich+ Atjeh

verlassen zu können.

Noch bei meiner Abreise von Lambaro sollten ich und meine Frau in

unangenehmer Weise ein uns zugedachtes Andenken erhalten.

Mein Nachfolger war mit dem Morgenzug von Kuta-radja angekommen, hatte

meine Möbel übernommen, und um 11 Uhr begab ich mich, begleitet von dem

»Liniencommandant«, dem damaligen Major Schneider, zum Bahnhofe. Wir

hatten noch keine 25 Schritte zurückgelegt, als aus dem nahegelegenen

Schilfrohr ein Kugelregen uns überfiel; wir mussten uns in die Cantine

flüchten. Endlich stellte der Feind seine Schiessübungen ein, ohne nur

einen von uns getroffen zu haben, und wir eilten so rasch als möglich

zum Bahnhofe und bestiegen sofort die Waggons, welche mit dicken

Panzern gegen die feindlichen Kugeln geschützt waren.

Denselben Abend gab der Landessanitätschef in Kuta-radja uns beiden zu

Ehren ein Abschiedsfest, und den anderen Morgen verliessen wir mit dem

»General Pel« diese Garnison, und jene Gespenster, welche bei unserer

Ankunft ihr graues Haupt über den Rand des Horizontes uns drohend

zugewendet hatten, sanken trostlos in die Tiefe der glatten und ruhigen

See. Mit heiler Haut waren wir den meisten Gefahren entronnen, welche

uns während des zweijährigen Aufenthaltes in Atjeh bedroht hatten. Nur

die Beri-Beri hatte mich ergriffen. Beim Verlassen der Insel war jedoch

nur die Herzaffection zurückgeblieben; jede körperliche oder geistige

Anstrengung brachte meinen Puls auf 120-130 Schläge in der Minute.

Unsere Reisegesellschaft war nicht gross; der »General Pel« war ein

alter Dampfer, welcher uns auf der Reise noch manche unangenehme

Augenblicke verschaffen sollte.

Zunächst hatte ich in Analabu[82] eine heikle Aufgabe zu lösen.

Hier lag eine Compagnie Soldaten unter dem Commando eines Hauptmanns

in Garnison. Da dieser Küstenplatz mitten im Sumpfe lag, war die

Garnison immer und immer vom Fieber heimgesucht, und ein steter Wechsel

der Bemannung war dringend nöthig; die Officiere wurden reglementär

nach 3 Monaten von dort abgelöst; natürlich konnte im Nothfalle mit

jedem Schiffe, welches zwei mal im Monat dort landete, eine Evacuation

stattfinden. Uebrigens lag ein Kriegsschiff im Hafen, welches in der

Zwischenzeit in aussergewöhnlichen Fällen von Kuta-radja Hülfe holen

konnte.

Der Oberarzt war seit vier Wochen dieser Compagnie zugetheilt und

hatte sofort nach seiner Ankunft das Wechselfieber bekommen und mit

erster Gelegenheit den Landessanitätschef in Kuta-radja per Brief

ersucht, ihn von Analabu ablösen zu lassen. Warum der Oberstabsarzt Y.

nicht sofort einen Arzt dahin schickte -- und wäre es nur um diesen

Collegen behandeln zu können --, dies war mir nicht bekannt; auch

überraschte mich nicht wenig der geheime Auftrag, den ich von ihm bei

meiner Abreise erhielt. Ich sollte in Analabu an das Land gehen und den

dortigen Garnisonsdoctor X. untersuchen. Nach meinem Ermessen sollte

ich dann entweder den Befehl zurücklassen, mit nächster Gelegenheit

Dr. X. nach der Hauptstadt zu evacuiren, oder aber den Oberarzt B.

zurücksenden, welcher mir mitgegeben wurde, um eventuell den Dienst vom

Garnisonsdoctor X. zu übernehmen.

Den 21. August erschien unser Dampfer in dem Hafen von Analabu, und

ein Boot des Kriegsschiffes brachte die ganze Reisegesellschaft an

das Land. Sofort liess Dr. X. sein Gepäck auf unsern Dampfer bringen.

Ich habe selten so ungünstige sanitäre Zustände gesehen als damals

zu Analabu. Alle Soldatenfrauen, welche mir entgegenkamen, waren

kachektisch mit einem Stich ins gelbliche. Die Soldaten selbst sahen

weniger ungünstig aus, wenn auch nur wenige sich einer vollkommenen

Gesundheit erfreuten. Der besten Gesundheit erfreute sich -- Dr. X.

Er theilte mir mit, dass die Fieberanfälle sich jeden Morgen um 6 Uhr

einstellen. Bei meiner Untersuchung fand ich eine Körpertemperatur

von 37.2; die Leber war nicht vergrössert, die Milz war unter dem

Rippenbogen palpabel; aber für ein periculum in mora fand ich kein

Symptom. Wir blieben drei Stunden in Analabu, während welcher Zeit in

seinem Zustande keine Veränderung eintrat. Meine Instruction lautete,

nur im +Nothfalle+ Dr. X. zu evacuiren. Dieser lag nicht vor. Späterhin

habe ich mir sehr oft darüber die schwersten Selbstvorwürfe gemacht;

wenn durch einen unglücklichen Zufall das Wechselfieber diesen jungen

Collegen in Analabu dahingerafft hätte, wäre ich vielleicht zur

Verantwortung gezogen worden. Es ist glücklicher Weise anders gekommen;

Dr. X. blieb drei Monate in Analabu, und drei Jahre später wurde er

nach Tjilatjap, dem grössten Fieberherde Javas, geschickt, um +mich+ zu

evacuiren, weil ich nach einem Aufenthalte von einem Jahre der Malaria

zu erliegen drohte.

Als ich in Analabu die Garnison so fürchterlich von der Malaria

heimgesucht sah, dass mit Ausnahme einiger Soldaten alle übrigen wie

Gespenster mir entgegentraten, wandte ich mich an den Commandanten

des Forts, der gleichzeitig mit der Leitung der »politischen Agenden«

betraut war, mit der Frage, ob es denn gerechtfertigt sei, in eine

solche Pesthöhle eine Garnison zu legen und zu erhalten und die

Gesundheit und das Leben so vieler Menschen dem Moloch Malaria jährlich

zu opfern!

»Ja der Besitz von Colonien heischt Opfer, viele Opfer,« erwiderte mir

dieser Hauptmann, der schon vier Jahre, sage vier Jahre hintereinander

in dieser Mördergrube gelebt hatte und dabei einer ziemlich guten

Gesundheit sich erfreute; »aber sie sind unvermeidlich. Wie lange

ist es her, dass in nächster Nähe ein dänischer Schiffscapitän mit

seiner Frau von den atjeeischen Seeräubern gefangen wurde und ein

Lösegeld von 30000 Dollars bezahlt werden musste. Dieser Betrag soll

nun von Bewohnern der betreffenden Küstenplätze zurückerstattet

werden; dies muss geschehen, weil sie sonst glauben würden, in Zukunft

ungestraft solche Raubzüge ausführen zu können. Um diesen Betrag

jedoch erhalten zu können, wurde ein Ausfuhrzoll auf Pfeffer und auf

die andern Exportartikel des Landes gelegt. Das Land ist ja reich;

die üppige Tropennatur spendet reichlich ihre Gaben; hier an der

Küste ist allerdings eine Sumpfvegetation; aber schon wenige Paalen

(1 Paal = 1½ km) hinter dem Fort erhebt sich das Terrain zu sanft

aufsteigenden Bergen mit einem sanften herrlichen Klima; Pfeffer,

Reis, Tabak, Kapok, Kampfer, Guttapercha, reiches Bauholz, Rottang,

Betelnuss, Bambus, Seide, Goldstaub, Benzoe, Salz, Schwefel, Damar

(Harz), Pferde, Büffel, Ziegen und Fische können unter dem friedlichen

Scepter der holländischen Regierung für die Bewohner des Landes eine

ergiebige Quelle zur Schaffung eines nationalen Reichthums werden. Dazu

gehört aber in erster Reihe Sicherheit des Lebens und des Eigenthums

der Ansiedler und jener Atjeer, welche dem Handel oder dem Ackerbau

sich widmen wollen. Dafür ist aber eine bewaffnete Macht unerlässlich.

Vorläufig kann diese nur an der Küste ihren Sitz haben; im Laufe

einiger Jahrzehnte werden die Bergbewohner und vielleicht sogar die

im Innern des Landes hausenden »Gajustämme« den Vortheil erkennen,

welchen die holländische Regierung mit Bezug auf Sicherheit des Lebens

und Eigenthums schafft; sie werden uns um Schutz und Hülfe bitten, sie

werden aus ihrer isolirten Lage herabsteigen, sie werden ihr Land d. h.

das Innere Atjehs uns eröffnen, und ich zweifle nicht, dass am Ende

des 20. Jahrhunderts Atjeh ebenso blühend, ebenso reich bevölkert und

ebenso civilisirt sein wird als irgend eine Residentie der Insel Java

oder sogar als irgend eine Provinz des heutigen grossen Moffrika.«[83]

Die Dampfpfeife gab das Signal zur Abreise, und mit den Worten

Amin, Amin! besiegelte ich den frommen Wunsch und dankte ihm für

die instructiven Mittheilungen und für seine gastfreundschaftliche

Bewirthung und bestieg das Boot, welches mich wieder auf den »General

Pel« brachte.

Den nächsten Morgen passirten wir die Schweinsinsel (Pulu Babi) und

die äusserste Spitze der Westküste von »Atjeh und Vasallenstaaten«[84]

(onderhoorigheden). Diese Provinz ist 9666 ☐Meilen gross und hat

ungefähr 540000 Einwohner, worunter sich 328 Europäer und 3933 Chinesen

befinden (im Jahre 1897). Das eigentliche Atjeh, oder, wie es officiell

genannt wird, »Gross-Atjeh«, hat seine Grenzen in einem Dreiecke

(= Tiga Sagi), welches die Atjeer selbst mit einer Futterschwinge

vergleichen. Die Basis dieses Dreieckes durchzieht den Norden Sumatras

in einer Linie, welche an der Ostküste bei Pedir beginnt und an der

Westküste bei 4° 50′ N. B. bei Pulu radja (= Königsinsel) endigt.

Die ganze »Residentie Atjeh und Vasallenstaaten« hat ebenfalls eine

dreieckige Form, deren Basis von der Mündung des Tamiangflusses an der

Ostküste bis zum Vorgebirge Tjalo Batóe in einer krummen Linie zieht.

Das Innere dieser Provinz wird von Wilden bewohnt, welche als Bewohner

der Gaju-Länder und der Alaï-Länder bis vor kurzem nur dem Namen nach

bekannt waren. Von ihren Sitten und Gebräuchen oder von ihrem socialen

und gesellschaftlichen Leben ist bis jetzt so wenig zur Kenntniss der

Fachleute gelangt, dass ihr Gebiet noch eine terra incognita genannt

werden muss.

* * * * *

»Gross-Atjeh« soll im Jahre 1205 (601 der Hedschra) von einem Araber

gegründet worden sein, der nach Sumatra kam, um den Islam zu predigen,

in Atjeh heirathete und als Sultan Djohan Schah 30 Jahre über Atjeh

regierte. Erst im Jahre 1599 (21. Juni) landeten hier zum ersten Male

holländische Kaufleute unter Cornelis und Frederik de Houtman, und

schon zwei Jahre später (1601) gingen zwei atjeeische Fürsten nach

Holland, um dem Prinzen Mauritz zu huldigen. Im Jahre 1616 zwang

der Sultan Iskander (= Alexander) Muda die Holländer, die Factory

abzubrechen und vertrieb sie sogar von Padang. Im Jahre 1641 eroberten

sie Malacca, und nach dem Tode des Sultans Iskander Tsami kamen vier

weibliche Sultane an die Spitze des atjeeischen Reiches, und eine

derselben mit dem Namen Tadju-l-alam wollte einen Holländer heirathen

und zum Mitregenten annehmen.

Alle seefahrenden Nationen haben seit dem Bestehen des Reiches

abwechselnd ihr Glück hier gesucht, bis endlich 1824 England definitiv

seinen Besitz an Holland abtrat. Am 30. März 1857 schloss Holland mit

dem Sultan von Atjeh einen Vertrag auf dem Fusse der meistbegünstigten

Bundesgenossen, und als trotz wiederholter Ermahnungen dieser Vertrag

nicht gehalten wurde, erklärte am 26. März 1873 Holland den Krieg an

Atjeh, welches, wie wir schon sahen, nominell +einen+ Sultan hatte, der

zur Zeit meiner Anwesenheit Sultan Alaédin Muhamat Dawot Tjah hiess und

in Kamala als Flüchtling lebte.

10. Capitel.

Auf einem alten Dampfer -- Die Insel Nias -- Niasser -- Niasser und

Dajaker -- Ein gefährliches Landen -- Oel glättet die stürmischen Wogen

-- Schmutzige Fiaker -- Ein Haudegen -- Die Engländer in Padang --

Vortheile eines hölzernen Hauses -- Padang ist ein grosser Garten --

Malaiische Silberarbeiten -- Das Zodiakallicht -- „Der Culturzwang“ --

„Das Gouvernement der Westküste Sumatras“ -- Der Padrikrieg.

Auf dem »General Pel« schien so manches nicht in Ordnung zu sein. Schon

in der Nähe der Insel Babi[85] erschien der erste Maschinist so oft auf

dem Deck, um dem Schiffscapitain dienstliche Mittheilungen zu machen,

dass wir etwas unruhig wurden. Im scherzenden Tone theilte uns dieser

mit, dass wir alle Aussicht hätten, wegen eines Defectes der Maschine

steuerlos den Wellen uns anvertrauen zu müssen, welche uns sicher und

gewiss auf die Insel Nias bringen würden, und dass wir in höchstens

2 Tagen als saftiger Braten dem Radja von Nias vorgesetzt werden

würden. Den scherzenden Worten lag aber ein Gran Wahrheit zu Grunde;

das Schiff neigte sich immer mehr und mehr auf die Backbordseite.

Wir hatten bereits die Grenze Atjehs überschritten und passirten die

Provinz Trumon und sahen im Hintergrunde die Spitzen der Berge Trumon

und Kokohan und steuerten beinahe in gerader Richtung auf die vor uns

liegenden »Zahlreichen Inseln« (Pulu banjak) zu. Hier endlich theilte

uns der Schiffscapitain mit, dass in einen der Kessel ein Leck gekommen

sei, und dass wir daher mit halber Kraft fahren müssten. Gefahr sei

keine vorhanden; er sei jedoch bereit, auf eigene Verantwortung in

Singkel zu landen, »wenn die Passagiere Furcht hätten«. Ich wusste

natürlich, dass dieser Vorschlag nicht ernst gemeint war, weil jeder

Schiffscapitain den Auftrag hat, so schnell als möglich seinem Ziele

zuzusteuern; aber als Sprecher aller Passagiere glaubte ich ihm

folgende Frage vorlegen zu müssen: »Singkel ist berüchtigt durch

seine schweren Sumpffieber. Der Aufenthalt von einigen Stunden in

diesem Hafen sei hinreichend, die Malaria zu acquiriren«; ich müsste

ihn also fragen, was er für seine Person für bedenklicher halte: Mit

der defecten Maschine weiter zu fahren oder einen halben oder einen

ganzen Tag in dem Hafen von Singkel vor Anker zu liegen. Er gab uns die

Antwort, dass er in diesem Falle unbedingt weiter fahren würde. Auch

die anwesenden Damen fühlten sich durch diese Antwort beruhigt, und so

fuhren wir auf einem Dampfer, der mit seinem Hauptmaste einen Winkel

von beinahe 60° gegen den Horizont einnahm.

Wir waren im Gebiete des »Gouverneurs der Westküste Sumatras«[86],

welches in 3 Residentien eingetheilt wird: Tapanuli, Padangs Oberländer

und Padangs Tiefland.

Glücklich passirten wir die Inseln Mansalar, Nias und Steininseln (P.

Batu) und erreichten endlich den 23. September ohne jedes unangenehme

Intermezzo die Residenzstadt Padang.

Eine grosse Inselreihe beschützt die Westküste Sumatras wie ein

mächtiger Wall vor den stürmenden und brausenden Wogen der Südsee,

und nur diesen Inseln ist es zu danken, dass an zahlreichen Punkten

schöne und gute Häfen angelegt werden konnten. Leider gehört keine

dieser Inseln zu dem gewinntragenden Besitze Hollands. Selbst die Insel

Nias hat bis jetzt der Insel Sumatra und indirect dem holländischen

Reiche keinen anderen Nutzen gebracht als den Export seiner schönen

Frauen. Schon vor 200 Jahren schloss die ostindische Compagnie mit

einigen der zahlreichen Fürsten dieser Insel einen Handelscontract,

welcher im Jahre 1756 erneuert wurde, ohne dass die Errichtung einer

Factory auch nur die Kosten derselben gedeckt hätte. Die Engländer

errichteten (während ihres Interregnums auf Sumatra) auf dem Hügel

Sitoli ein kleines Fort, um mit bewaffneter Hand dem Sklavenhandel

entgegentreten zu können. Es gelang ihnen ebensowenig als den

Holländern, welche im Jahre 1836 dieses Fort aufhoben und einen

atjeeischen Häuptling zum politischen Agent von Nias einsetzten. Der

»Bock erwies sich als schlechter Gärtner«, und 1840 wurde wieder auf

demselben Hügel ein kleines Fort gebaut. Als aber 1846 der Lieutenant

Donleben bei der topographischen Aufnahme dieser Insel von den Niassern

überfallen wurde, sah sich die holländische Regierung veranlasst,

ernste Maassregeln zu treffen, um dem Räuberwesen auf Nias ein Ende

zu machen. Aber erst der Expedition, welche den 29. December 1855

Padang verliess, und jener vom Jahre 1863 gelang es, die ganze Insel

zu unterwerfen und sie dem »Gouvernement der Westküste von Sumatra«

einzuverleiben.[87]

Die Niasser sind Heiden und stehen oder sagen wir standen vor 50

Jahren noch auf derselben Stufe der Civilisation als die Dajaker auf

Borneo.[88] Thatsächlich sollen sie in ihrer Hautfarbe, in ihrem

Körperbau, in ihren Sitten und Gebräuchen, in ihren Wohnungen und in

ihrem Gottesdienste so verwandt mit den Dajakern sich zeigen, dass

viele Ethnographen sie von Borneo abstammen lassen, während andere in

ihnen Abkömmlinge von den Battakern des östlichen Sumatra sehen wollen.

Gegen beide Theorien sind die Einwände so zahlreich, dass man wirklich

am besten sie über Bord wirft und die genannten drei Volksstämme

als Urbewohner ihres Landes betrachtet, welche durch die grosse

Völkerwanderung im vierten Jahrhundert mehr oder weniger in ihren

Sitten und Gebräuchen beeinflusst wurden. Durch diese Theorie lässt

sich viel leichter die Aehnlichkeit der Niasser und Dajaker erklären,

als dass Nias von Borneo oder umgekehrt Borneo von Nias bevölkert

worden wäre.

Nias, die grösste Insel der miocenen Inselreiche, hat einen Flächenraum

von 4500 ☐km, hat keine Vulcane, zahlreiche kleine Flüsse, drei

Gebirgsketten mit zahlreichen kleinen Bergen, worunter der Hili Matjua

mit 600 Metern die grösste Höhe besitzt, hat keine Seen, einige

gepflasterte Wege, sonst zahlreiche Fusspfade, birgt Eisen, Kupfer

und Gold in seinen Bergen, den sumatranischen Hirsch, Wildschweine,

Rehe (Kidang), den Kees, den fliegenden Maki, den fliegenden Hund, das

Schuppenthier, den Musang, die Otter und das Stachelschwein[89] in

seinen Wäldern, und seine Flora unterscheidet sich ebenfalls nur wenig

von der der Insel Sumatra.

Die Niasser sind im Durchschnitt 160 cm gross, haben eine gelbweisse

bis lichtbraune Hautfarbe, schwarze Haare, keine breiten Nasenflügel

(wie z. B. der Malaie), und zahlreich sollen unter ihnen die Albinos

sein. Die tägliche Kleidung besteht aus einem Gürtel (wie der Djawat

bei den Dajakern), Weste und einem Kopftuch bei den Männern; die

Frauen tragen einen kurzen Sarong, Armringe, blaue Korallenschnüre,

Armringe und Ohrringe aus Kupfer, welche die Ohrläppchen, wie bei den

Frauen auf Borneo, bis auf die Schultern ausdehnen. Die Galakleidung

der Häuptlinge ist allerdings sehr reich und soll oft einen Werth von

3-4000 fl. haben; die Krone mit einer hornförmigen, ungefähr einen

Meter langen Spitze, der Fächer, ein goldener Halskragen und ein Dolch

mit goldenem Griffe sind die theueren Kleidungsstücke eines Häuptlings,

welcher sich in seinem ganzen Schmucke den Fremden zeigen will.

Die einzelnen Gebräuche, welche auch bei den Dajakern üblich sind und

geradezu herausfordern, einen Vergleich mit diesen beiden räumlich so

weit entfernten Volksstämmen zu ziehen, sind folgende:

Bewaffnet sind beide immer und zwar mit Lanze, Schild und Kopfmesser

(Fig. 22). Beide tättowiren sich, die Niasser feiern ebenso zahlreiche,

viele Tage dauernde Feste wie die Dajaker; beide kennen Kriegstänze

der Männer, und der Tanz der Frauen im Reigen ist auf Borneo beinahe

ganz derselbe wie auf der Insel Nias. Die Religion beider Stämme ist

im Principe nichts anderes als ein Beschwören jener Geister, welche

die Menschen mit Unheil und Krankheiten bedrohen. Der gute Geist »Lubu

langi« wird von den Niassern ziemlich vernachlässigt, während den

Adjus Opfer gebracht werden müssen, um sie für die Menschen günstig

zu stimmen. (Der gefährlichste dieser übelwollenden Geister heisst

Nadaaja.)

Soweit beide Stämme bereits mit den Europäern in Berührung gekommen

sind, gebrauchen sie im Handelsverkehr Münzen; im Uebrigen herrscht der

Tauschhandel -- mit Gold; für europäisches Papiergeld haben sie noch

kein Verständniss.

Warum Nias im indischen Archipel öfters und häufiger genannt wird, als

alle übrigen Inseln jener grossen Schutzmauer, welche die Westküste

Sumatras gegen die brausenden und stürmenden Wogen der Südsee

beschützen, ist mir nicht bekannt; vielleicht ist sie ethnographisch

interessanter; vielleicht hat der Sklavenhandel auf dieser Insel die

holländische Regierung gezwungen, mit dieser Insel sich stark zu

beschäftigen; oder sollten seine schönen Frauen die Ursache ihres

Ruhmes sein?

* * * * *

[Illustration: Fig. 23. Ein Kampong (malaiisches Dorf) auf und an den

Ufern eines Flusses.

(Vide Seite 181.)]

21 Jahre in Indien. Dritter Theil: Sumatra. · 第 16 / 23 段