welche ich im Fort so oft aus weiter Entfernung hören konnte, und
frug ihn, ob ich die atjeeischen Musikinstrumente nicht sehen könnte.
Sofort lud er mich ein, mit ihm in seinen Kampong (Sirun) zu gehen,
wo er mir alle zeigen und erklären wolle. Dieses Anerbieten konnte
ich leicht zurückweisen mit dem Befehl des Commandanten, nach 6 Uhr,
d. h. nach Schluss des Thores, nicht ausserhalb des Forts zuzubringen,
und versprach, ihn den anderen Tag aufzusuchen, d. h. wenn ich dazu
nicht nur die Erlaubniss, sondern auch das Geleite von 40 Mann bekäme,
weil, wie er ja wisse, zahlreiche Brandals (= Bösewichte) unser
Fort und auch seinen Kampong täglich umschwärmten. Er zeigte sich
durch dieses Misstrauensvotum in keiner Weise verletzt, und als das
Signal des Thorschlusses uns zurückrief, versprach er, den andern
Tag um 11 Uhr[75] alle Musikinstrumente in der Veranda seines Hauses
auszustellen, und verliess uns.
Da ich vorschriftsgemäss dreimal in der Woche nach dem Fort Sirun gehen
musste, bekam ich zur verabredeten Zeit vom militärischen Commandanten
das Geleite von 40 Mann unter dem Commando eines Lieutenants und
nebstdem die Erlaubniss, auf dem Rückwege mich im Kampong Sirun bei dem
Häuptlinge eine Stunde aufzuhalten. Ich und Lieutenant X. betraten die
Mönatah (Fig. 19), während die 40 Mann vor dem Eingange ihre Gewehre
en haie aufstellten und mit den atjeeischen Frauen und Kindern sich in
ein Gespräch einliessen, welches aber nicht recht in Fluss kam; die
Soldaten sprachen nur malaiisch, und die atjeeische Sprache ist der
malaiischen beinahe so verwandt, als die deutsche mit der holländischen
oder dänischen Sprache. (Die mönatah ist das Logirhaus für alle Männer,
welche sich zeitlich in einem Kampong ohne ihre Frauen aufhalten, und
wird zugleich zu Berathschlagungen und zu öffentlichen Festen benutzt.)
Auf einem balé-balé (= Bank aus Rottanggeflecht) lagen zahlreiche
Instrumente, und von jedem einzelnen gab mir Midin die Namen und
Gebrauchsanweisungen an. Ich sah einige Flöten, welche er Bangsi und
Suléng nannte. Beide waren aus Bambus gemacht; die Bangsi hatte auf der
oberen Fläche sieben runde und ein viereckiges Loch und eine Oeffnung
auf der unteren Fläche. Die Suléng hatte ebenfalls sieben Oeffnungen
auf der oberen Seite; eines derselben war grösser als die übrigen
sechs und wurde zum Blasen benützt, wobei der Künstler das Instrument
quer vor den Mund hält; das ganze Instrument war mit kupfernen und
silbernen Verzierungen versehen. Zahlreiche Rapasi = Tamburins lagen
auf dem Boden. Aus seinem Sacktuche nahm er die Wa und die Pib-pib und
die Genggong heraus, und theilte mir mit, dass es seine Spielzeuge aus
seiner Jugendzeit seien; die Wa war nichts anderes als ein Reisrohr,
die Pib-pib eine Flöte (?) aus gebrannter Erde und das Genggong ein
»Brummeisel«. Ein Sruné vertrat unsere Klarinette, ein Tambu unsere
Trommel, und die Göndrangs sind grosse Trommeln, welche vor dem Bauche
getragen und links mit der Hand und rechts mit einem Trommelstock
geschlagen werden. Auch eine Râbab, die mein atjeeischer Patient
Haröbab (Fig. 20) nannte, und zwei Gödumbas, das sind Handtrommeln mit
einem Fussstück, fehlte in dieser Sammlung von Musikinstrumenten nicht.
Die in Atjeh so stark verbreiteten Tamtams, welche auf Java unter dem
Namen Gong bekannt sind, nannte er Tjanangs. Ich muss noch bemerken,
dass die atjeeische Violine (Haröbab) drei Saiten aus Seide hatte, der
Streichbogen aus einem Rottangrohr bestand, welcher mit den Fasern
der Luftwurzeln eines Waringinbaumes (?) bespannt wurde, und dass der
Resonanzboden mit einem Stück eines Karbauenmagens überzogen war.
Unterdessen hatten die Soldaten vor dem Mönasah schlecht und recht mit
den atjeeischen Kindern und Frauen sich amüsirt; als aber einer der
jungen unvorsichtigen europäischen Marssöhne eine atjeeische Schöne
streicheln wollte, wurde ihm von allen Seiten ein so ernstes und
drohendes Kurang adjâr = Flegel zugerufen, dass der Sergeant es für
nöthig erachtete, durch den Trompeter das Signal: »Antreten« geben
zu lassen. Ich und Lieutenant X. eilten sofort zur Balustrade, um zu
erfahren, von wem dieser unerwartete »Schlussruf« unserer Unterredung
ausgegangen war, und mussten diese Vorsichtsmaassregel des Sergeanten
in jeder Hinsicht billigen. In Reih und Glied konnte sich dieser etwas
zu feurige Füsilier solche Liebkosungen nicht erlauben, die, coram
publico erwiesen, geradezu eine Beleidigung für jede atjeeische Frau
sind. Bei den Atjeern darf man wie bei allen malaiischen Völkerstämmen
die »Katze nur im Finstern zwicken«[76], und ist überhaupt jede
Gefühlsäusserung in Gegenwart Anderer geradezu unschicklich.
9. Capitel.
Der heilige Krieg -- Habsüchtige Priester (= Ulamas) -- Abstammung der
Atjeer -- Abstammung der Niasser von einem Hunde -- Schwanzmenschen --
Die Kunst bei den Atjeern -- Die Dichtkunst der Atjeer -- Derwische --
Abschied von Lambaro -- Mit meiner Frau im Kugelregen -- Ein heikler
Auftrag -- „Gross-Atjeh“.
Wenn ich von den Bewohnern Atjehs ausführliche Beschreibungen bringe,
mich mit ihren Sitten und Gebräuchen beschäftige, wenn ich das Gebiet
der Ethnographie nicht nur streife, sondern alles mittheile, was mir
während meines zweijährigen Aufenthaltes in dieser Provinz Sumatras
bekannt wurde und selbst die Lücken des eigenen Wissens, mit den
Beobachtungen des Gelehrten Snouck Hurgronje ausfülle, werde ich durch
zwei Thatsachen dazu veranlasst. In einem Buche über Sumatra kann ja
unmöglich die Ethnographie der malaiischen Völker, welche diese Insel
bewohnen, gänzlich vernachlässigt werden; über die Sitten und Gebräuche
der Battaken ist in deutscher Sprache schon vom Freiherrn von Brenner
ausführlich gesprochen worden; auch Carthaus beschäftigt sich, wenn
auch nicht gründlich, mit den Malaien dieser Insel; aber über die
Atjeer sind, soweit mir bekannt ist, in deutscher Sprache noch nicht
ausführliche ethnographische Beschreibungen in die grosse Menge des
Volkes gedrungen. Die Atjeer sind aber das bedeutendste malaiische Volk
dieser Insel und führen seit dem Jahre 1873 den Vertheidigungskrieg
ihrer Freiheit gegen die Holländer; seit 28 Jahren kämpfen sie also für
ihre Freiheit, und wenn es ihnen auch momentan schlecht geht, und wenn
die europäischen Waffen seit drei Jahren thatsächlich eines bedeutenden
Erfolges sich erfreuen, so müssen wir ihnen unsere Bewunderung ob ihrer
Tapferkeit und ob ihres Muthes rückhaltlos aussprechen; sie kämpfen
aber auch für ihre Religion.
Der »heilige Krieg« wird von den mohamedanischen Priestern (=
den Ulamas) zu jeder Stunde in jedem Dorfe gepredigt, weil sie
dadurch in den Besitz der »heiligen Kriegskasse« kommen und sie
ihren eigenen Unterhalt daraus hinreichend bestreiten können, ohne
arbeiten zu müssen; das »Sabil-Geld« hört auf, in die Kriegskasse zu
strömen, wenn keine »Kafirs« zu bekämpfen sind. Die Atjeer sind ein
ackerbautreibendes Volk (Fig. 21) und lieben den Frieden; die Ulamas
aber wollen herrschen, wollen Einfluss, Macht und Geld erwerben, und
dazu bietet ihnen der heilige Krieg reichlich Gelegenheit; denn die
Fürsten, die Ulèëbalangs haben nur in ihrem eigenen Lande Macht über
ihre Unterthanen, und die Erfüllung der Unterthanenpflicht bringt
nur irdische Ruhe und Friede; Gehorsam gegen den Priester schafft
aber auch himmlische Freuden und ewige Seligkeit. Sowie auf Java und
auf den übrigen Inseln des indischen Archipels die grosse Menge des
Volkes nicht nur den Frieden, sondern auch die Oberherrschaft der
holländischen Regierung zu erreichen oder zu erhalten wünscht, weil es
unter ihrem Scepter der persönlichen Sicherheit sich erfreuen kann, und
für seinen Büffel, für seine Frau und seine Tochter nichts zu fürchten
hat, während sein eigener Fürst Despot ist und bleibt, so sind es
in Atjeh neben den Fürsten auch die Priester, welche das Volk unter
allen möglichen und unmöglichen Vorwänden aussaugen. Dazu kommt noch,
dass die grosse Masse der Atjeer nur durch die Suggestion der Ulamas
strenggläubig ist und als Mohamedaner[77] jeden Andersgläubigen als
Kaphe = Kafir verachten, verfolgen und vertilgen muss. Dies ist der
grosse Motor, welcher einen 25jährigen Guerillakrieg möglich machte.
Die Strategie kennt der Atjeer ebensowenig als der Javane, der Dajaker
oder der Alfure; sie legen keine Magazine an und, nur um ein Beispiel
anzuführen, können niemals 1000 Mann länger als 14 Tage beisammen
bleiben; den Reis, den sie selbst mitnehmen, haben sie in einigen Tagen
aufgegessen; die Vorräthe des Landes sind für eine plötzliche Zunahme
der Bevölkerung von 1000 Mann nicht berechnet -- der Hunger zwingt sie
wieder nach Hause zu gehen; der kleine Krieg jedoch befriedigt den
religiösen Hass der Zeloten, giebt den ruhelosen Faulenzern, den durch
Spiel, durch die Päderastie und durch den Genuss des Opiums verarmte
Bauern nicht nur Gelegenheit, durch Raub und Mord im Lande des Feindes
Gut zu erobern, sondern auch Ruhm und Ehre durch den Kampf gegen die
Kafirs zu gewinnen.
[Illustration: Fig. 22. Niasser auf dem Marsche.
(Vide Seite 176.)]
Andererseits trägt aber auch Holland grosse Schuld an diesem
langwierigen Guerillakriege; das ewige und ewige Schwanken in der
Politik und in der Art der Kriegführung zieht wie ein rother Faden
durch die Geschichte dieses Krieges. Holland muss Herr von Atjeh werden
und will es sein, weil nur dann Frieden und Ruhe unter den zahlreichen
Fürsten des Landes herrschen, die Priesterherrschaft gebrochen werden,
Wohlfahrt ins Land kommen und der Seeraub in der Strasse von Malacca
und im ganzen Archipel für immer und ewig beseitigt bleiben kann. Dazu
gehört aber auch der gute Wille, dem Guerillakrieg ein Ende zu machen,
und dieses ist nur dann möglich, wenn Holland sich zu einer grossen
That aufrafft.
* * * * *
Die Urbewohner der Insel Sumatra sowie auch der Provinz Atjeh sind
unbekannt; als im vierten Jahrhundert die grosse Völkerwanderung von
Indien sich über die Inseln des indischen Archipels ergoss, haben
wahrscheinlich die Hindus sich auch in Sumatra angesiedelt.
Nach Müller war ja den Chinesen Sumatra schon im neunten Jahrhundert
bekannt und schon im zwölften Jahrhundert besuchten arabische Kaufleute
diese Insel und zwar die Ostküste von Atjeh. Beim Diamantencap befand
sich damals der Kampong Samudra (5° 15′ N. B.), und die ersten
arabischen Seefahrer nannten ihn Schamatra und nach ihm die ganze Insel
Sumatra, und als 1290 Marco Polo als erster Europäer dort landete,
nahm er den Namen an, ohne dass die Eingeborenen selbst jemals und ich
glaube auch heute noch nicht einen Namen für die ganze Insel kennen.
(Einem russischen Bauern wird der Collectivname Europa auch nicht sehr
geläufig sein.)
Ob die eingewanderten Hindus Urbewohner gefunden und sich mit ihnen
vermischt haben, ob diese verdrängt wurden oder überhaupt vielleicht
nicht einmal sich dort befunden haben, lässt sich bei dem heutigen
Stande der Wissenschaft noch nicht behaupten; sofort werden wir
sehen, dass die Atjeer keine reine Rasse bilden; aber wenn man sie
auch der malaiischen Rasse unterordnen muss, so haben sie dennoch
Anspruch auf eine eigene Klasse in dieser Menschenfamilie; sie sind
grösser und stärker als die übrigen Malaien dieser Inselgruppe. Schon
während meines Aufenthaltes in Seruway, also an der S.-O.-Grenze von
Gross-Atjeh, fiel mir der Unterschied zwischen den Atjeern und den
Bewohnern der »Ostküste« auf. Natürlich ist ihnen die braune Iris
und Hautfarbe, das glatte Haar, der stark ausgebildete Oberkiefer
und das hervorstehende Jochbein eigen; aber sie sind durch ihren
schlanken Wuchs, durch ihre kräftige Musculatur, durch ihr sicheres
und selbstbewusstes Auftreten mehr den heutigen Klingalesen als den
Malaien ähnlich, ohne jedoch ein so schön geformtes Gesicht wie jene
(Klingalesen) zu haben. Die Klingalesen sind übrigens noch heute ein
bedeutender Bestandtheil dieses Volkes; vielfach haben sich auch
Perser und Araber, Malaien und Javanen, Buginesen (aus den Molukken)
hin und wieder im Laufe der Jahrhunderte dort angesiedelt und sich
mit ihnen vermischt. Häufig wurden von der Insel Nias die durch ihre
Schönheit berühmten Frauen als Sklavinnen nach Atjeh gebracht und
haben als Kebsweiber die atjeeische Rasse geradezu verschönert. Die
Sklaven, welche von den Battakern abstammten, waren zahlreich genug,
um ebenfalls Einfluss auf die Rasseeigenthümlichkeiten des atjeeischen
Volkes genommen zu haben. Sein nationaler Stolz sah freilich in diesen
beiden Stämmen Menschen von inferiorer Rasse, und sie lassen die
Niasser bald von einem männlichen, bald von einem weiblichen Hunde
abstammen. (Auch auf Java erzählt die Sage, dass eine Fürstin eines
Tages ihren Knäuel fallen liess und das Gelübde that, jenen zum Manne
zu nehmen, der ihr den Knäuel aufheben werde; dies that ein Hund, und
sie nahm ihn zum Ehegemahl an.)
Ich muss noch bemerken, dass auch von Singapore chinesische Frauen und
von Mekka arabische Frauen als Sklaven importirt wurden, um natürlich
im Laufe der Zeit zu einem, wenn auch kleinen Bestandtheil der
atjeeischen Bevölkerung sich zu entwickeln.
Jene Fürstin jedoch, welche auf Nias von einem Hund einen Sohn erhielt,
der der Stammvater der Bewohner dieser Insel gewesen sein soll, war
von Atjeh wegen einer garstigen Hautkrankheit dahin verbannt worden.
Sie war das einzige menschliche Wesen dieser Insel, und als ihr Sohn
erwachsen war, wollte er heirathen. Sie gab ihm also einen Ring und
liess ihn auf die Wanderung gehen; die Frau, welcher der Ring passen
würde, sollte seine Ehegenossin werden; nach langer Wanderung hatte
er niemand gefunden, dem dieser Ring gepasst hätte, als seine Mutter.
Er heirathete sie, und aus dieser Ehe sollen die Bewohner von Nias
abstammen.
Auch die Battaker stehen bei den Atjeern nicht hoch angeschrieben,
denn sie werden von ihnen »Schwanzmenschen« genannt; dies wird wohl
die Ursache sein, dass auch auf Sumatra (wie auf Java und Borneo)
die Existenz von »Schwanzmenschen« angenommen wurde. Wenn selbst die
Anatomen und Physiologen (ich will nicht von den Anthropologen und
Ethnographen sprechen) sich mit den Schwanzmenschen wissenschaftlich
beschäftigen und Erklärung und Beschreibungen dieser Menschen
bringen, so kann nur diese Verschwendung von Zeit und Mühe bedauert
werden; +die Schwanzmenschen als Rasse oder als Volksstamm existiren
auf keiner der drei genannten Inseln+. Einzelne Individuen, welche
ein Hauthorn (cornu cutaneum) am Ende der Wirbelsäule haben, mögen
natürlich überall gefunden werden, ich selbst[78] sah ja einen
javanischen Soldaten mit einem solchen Gebilde der Haut am Ende des
Steissbeines; es besass aber keinen Wirbel und musste daher als
einfaches Hauthorn diagnosticirt werden. Ja noch mehr. Mehr als 120
Fälle von »Schwänzen« wurden von Bartels, Schäfer, Virchow, Henning,
Räuber, Fleischmann, Gerlach u. s. w. beschrieben, bei denen die
betreffenden Gebilde entweder keine Schwänze sein konnten, weil ihnen
die wichtigsten und charakteristischen Bestandtheile eines Schwanzes
fehlten, oder -- wie der zweite Fall bei Virchow, wo das betreffende
Individuum selbst zwischen den Schulterblättern ein zweites ähnliches
Gebilde besass -- entsprachen durch den Sitz des Auswuchses nicht
dem Wesen eines Schwanzes.[79] Ich kann natürlich an dieser Stelle
die Beweise für diese Behauptungen der Anatomen Zuckerkandl und
Zernoff nicht wiederholen; aber ich weiss, dass auf den drei grossen
Sundainseln das Wort »Schwanzmensch« als Schimpfwort für die primitiven
Gebirgsbewohner gebraucht wird, dass dieses Schimpfwort die erste
Ursache von der Annahme der Existenz solcher primitiven Menschen war,
und ich kann heute mit aller Bestimmtheit behaupten: Die Existenz der
Schwanzmenschen als Volksstamm auf Sumatra, Java und Borneo muss in’s
Reich der Fabeln und Legenden verwiesen werden.
* * * * *
Die Atjeer sind, wie wir sahen, Mohamedaner; daher ist die Kunst
gewiss nicht ihr Schoosskind; ich kann mich aber nicht dem Ausspruch
des holländischen Gelehrten Snouck Hurgronje anschliessen, dass »ihr
Kunstsinn sehr gering oder bis jetzt beinahe ganz latent sei«.[80]
Offenbar legt dieser grosse Kenner des atjeeischen Volkes einen
europäischen Maassstab oder den des continentalen Indien diesem
Ausspruche zu Grunde. Unter den Bewohnern des indischen Archipels
nehmen sie in der Kunst einen hervorragenden Rang ein. Ich sah in den
Haaren der atjeeischen Frauen in Filigran gearbeitete Haarnadeln,
welche jede Modedame zu besitzen wünschen würde; ich besitze Broschen
und Nadeln für Kabajen, welche meiner Frau ein ebenso willkommener
Schmuck waren, als ob sie von dem ersten Goldschmiede Wiens geliefert
worden wären. Ihre Sarongs, aus Seide und mit Goldfäden durchzogen,
sind geradezu kostbare Webestücke.
Ich besass einen Dolch (röntjong), dessen Handgriff aus Horn geschnitzt
und mit Gold und Silber reichlich verziert war. Ich sah genug solche
Waffen, um mir das Urtheil zu erlauben: Die Atjeer sind Künstler im
Verfertigen dieser Waffen.
In der Steinhauerei zeigen sie thatsächlich Kunstsinn; wenigstens die
Grabsteine haben hübsche Figuren auf der oberen Seite, und die ganze
Form ist eine regelmässige, selbst edle zu nennen; es sind Prismen von
4-6-8 Flächen, welche an der Basis schmaler als an der Spitze sind;
der europäische Geschmack kann diese Form vielleicht als »nicht schön«
verurtheilen; aber »Kunstsinn« darf diesen Arbeitern nicht abgesprochen
werden. Hinter dem Kraton steht ein eigenthümliches Gebäude, welches
von den Atjeern Tanam = »Lusthof« genannt wird; man könnte es seiner
Form nach einen künstlichen Berg nennen; schön ist es gewiss nach
europäischer Aesthetik nicht zu nennen; aber es verkündet mit lauter
Stimme, dass die Atjeer Kunstsinn haben oder wenigstens hatten.
Die Musik wird von ihnen ebenfalls gepflegt und gehegt; man darf
natürlich keinen europäischen Maassstab bei der Beurtheilung ihrer
Musik anlegen; aber ich kann es aus eigener Erfahrung behaupten,
dass sie ihrer Haröbab (= Violine) so wehmüthige Klänge zu entlocken
wissen, als der Zigeuner seiner Violine; ich erinnere mich einer
Theatervorstellung auf Java, bei welcher der unglückliche Fischer dem
erschienenen Fürsten der Unterwelt sein Leid klagte, dass alle seine
Arbeit ohne Erfolg bleibe; die malaiische râbab begleitete hinter den
Coulissen sein Flehen und Bitten um reichlicheren Fischfang; es waren
wirklich rührende und ergreifende Töne, welche an mein Ohr drangen
(vide Anhang). Die Zahl der Musikinstrumente (vide Seite 157) ist
ja gross genug, um damit kleine Kapellen zusammenzustellen, wie es
thatsächlich ihre Barden täglich thun.
Die Malerei hat bei den Atjeern bis jetzt ganz brach gelegen,
wie überhaupt alle malaiischen Stämme diese Kunst nur in ihren
primitivsten Elementen ausüben. Der javanische Maler Rhaden Salem[81]
ist und bleibt vorläufig eine Ausnahme.
Die Dichtkunst steht bei den Atjeern ziemlich hoch, obzwar viele
Dichtungen nur mündlich sich fortpflanzen und erst durch äussere
Veranlassungen zu Papier gebracht werden; viele sind in malaiischer und
vielleicht ebenso viele in arabischer Sprache und nur einige in der
Sprache des Landes verfasst. Die zahlreichen Märchen und Erzählungen (=
hababs) werden wie die zahlreichen Sagen und Legenden, wie z. B. »der
kleine Hirsch oder der Eulenspiegel« (nach dem arabischen Chodjah Naçr
addin) oder der Fürst Beo (die indische Elster) oder »der gespaltene
Stein« bei dem Scheine einer Damar oder einer kleinen Petroleumlampe
ebenso häufig erzählt, als der Hausvater den Inhalt von malaiischen
oder arabischen Erzählungen oder grösseren Heldengedichten als
Selbsterlebtes und Selbstgesehenes seinen Kindern mittheilt.
Die Zahl der Gedichte ist jedoch sehr gross; in erster Reihe stehen
die Minnelieder = Pantons, welche sich nur wenig von den im ganzen
Archipel üblichen malaiischen Liebesliedern unterscheiden. Die
Hikajats sind grössere Gedichte mit lyrischem Charakter, in welchen
oft genug auch kleine Erzählungen eingeschlossen sind, und sie fangen
immer mit einem Loblied auf Gott und seinen Propheten an; selbst den
Humor findet man nicht selten in einem Hikajat vertreten, z. B. in
der Pferdesage (Hikajat guda). Ein altes Pferd wird geschlachtet und
unter Bekannte vertheilt; jeder benutzt seinen Theil nach Belieben.
Der Schweif wird zu einem Chignon verarbeitet; der andere macht aus
der Rippe ein Schwert, und eine alte Frau erhält den Penis, den sie
sich vergebens bemüht, durch Kochen gar zu bekommen. Es giebt auch
viele rein epische Hikajats, welche geradezu einen hohen literarischen
Werth haben, so z. B. das Epos »Malém Dagang«, welches die Eroberung
Malaccas unter Alexander dem Jüngeren im 17. Jahrhundert behandelt.
In dem Heldengedichte Hikajat Prang Kompöni sehen wir das Entstehen
und die Entwicklung eines nationalen Epos im Volke der Atjeer, und es
giebt uns vielleicht ein lehrreiches Beispiel für die Entstehung der
Iliade, Odyssee und Aeneide. Ihr Freiheitskrieg gegen die Holländer
wird in einem Gedicht von Abdulkarim besungen, der nicht einmal lesen
oder schreiben konnte, und mündlich pflanzt das Gedicht sich fort
und wird immer und immer verändert; nur wenige Bruchstücke werden zu
Papier gebracht, und erst dem holländischen Gelehrten Snouck Hurgronje
blieb es vorbehalten, das ganze Gedicht durch den Druck der Nachwelt zu
erhalten.
Natürlich giebt auch das Leben der Heroen und Götter der indischen
Mythenwelt einen reichlichen Stoff zu zahlreichen Hikajats, so wie
auch die Thierfabeln eine grosse Rolle in der atjeeischen Literatur
einnehmen; zur Zeit Thoelojmans (= Salomon) haben ja die Thiere die
Sprache besessen, so dass dieser Prophet sehr leicht ihre Sprache
verstehen konnte.
Die dramatische Kunst hat in Atjeh gar keine Vertretung, es sei denn,
dass man analog den Mysterien, Officien, Moralitäten, Passionsspielen
u. s. w. des mittelalterlichen Europas gewisse Spiele der Atjeer als
gleichwerthige Anfänge eines zukünftigen Dramas ansehen will. Diese
Spiele, Ratébs genannt, werden von Snouck Hurgronje »nicht mehr
oder weniger als Parodien auf gewisse religiöse Uebungen« genannt.
Laut werden einzelne Dogmen unter forcirten Bewegungen des Körpers
ausgerufen, und in den Pausen werden einige profane Liebeslieder (=
Nathib) gesungen. Aus diesen religiösen ratébs entwickelten sich
im Laufe der Zeiten die ratébs tädatti, welche einen schon mehr
prononcirten dramatischen Charakter tragen. Zwei junge Knaben werden
in die schönsten Frauenkleider gehüllt (Fig. 20) und treten mit ihren
Brodgebern, den »älteren Brüdern« (auf jeder Seite 15-20 Mann) auf,
um im Zwiegesang und unter anmuthigen Bewegungen des Körpers einen
Wettstreit zu halten. In Fragen und Antworten besprechen sie religiöse,
politische, sociale, alltägliche und wissenschaftliche Fragen, und wer
die anmuthigsten, gut einstudirten Bewegungen zeigt und den besten
Rhythmus im Gesange hält, ist Sieger im Ratéb, und wer die besten
Erzählungen und die besten Witze in den Pausen bringt, ist Sieger im
Nathib.