Hauptmann X. war sehr gern freigebig; als ich z. B. den 31. August um

8¼ Uhr des Abends nach Tjot-Iri gerufen wurde und um 4 Uhr früh

zurückkam, hatte er von seiner Frau ein completes Souper für mich

bereiten lassen! Er war für die Soldaten seiner Compagnie mehr als

der »Vater der Compagnie«, er war eine Grossmutter, die ihren Enkeln

nicht genug Leckereien bieten kann; thatsächlich hatten die Truppen

in Lambaro unter seinem Commando ein besseres Frühstück als -- seine

Officiere. Die böse (?) Welt behauptete sogar, dass der Hauptmann X.

aus seinem Privatvermögen so manches »gouden Tientje« (10 Guldenstück

aus Gold) zur Soldatenmenage beigesteuert hätte. In der Regel ist

diese Freigebigkeit überflüssig, weil die Portionssätze in Atjeh so

reichlich bemessen sind, dass ein Theil derselben zum Vortheile der

Soldatenmenage (an die Officiere) verkauft werden kann; nebstdem

erhält diese einen geregelten Zuschuss aus dem Ertrage der Kugeln und

Hülsen, welche nach dem Scheibenschiessen, ja selbst oft im Ernstfalle

nach Abgabe einiger Salven von den Soldaten gesammelt und gegen

eine reglementär festgestellte Entschädigung in die Kriegsmagazine

eingeliefert werden.

Der europäische Soldat erhält z. B. fünfmal in der Woche 400 gr.

Reis; für 50 Soldaten sind dies 20 Kilo, welche niemals aufgegessen

werden; beinahe jeder Compagniecommandant verkauft daher an seine

Officiere den überflüssigen Reis gewöhnlich um denselben Preis, als

der Lieferant ihm in Rechnung bringt. Jeder Soldat erhält täglich 30

Gramm Kaffee; bei einer geschickten Manipulation haben 150 Mann (dies

ist der I. Stand einer Compagnie) niemals 4½ Kilo für ihr Frühstück

nöthig. Brandholz wird gewöhnlich gar nicht in Empfang genommen; d. h.

der Compagnie-Commandant lässt sich von dem Lieferanten den Geldbetrag

ausbezahlen und seine Soldaten in den freien Stunden Holz aus dem

benachbarten Walde holen. (Jeder Soldat erhält pro Tag 0.003 M^3 Holz.)

Diese Nebeneinkünfte der Soldatenmenage sind in der Regel mehr als

hinreichend, um den Soldaten ein schmackhaftes Essen mit reichlicher

Abwechslung zu bieten. Ja noch mehr; wenn ich mich an einem Teller

Erbsensuppe delectiren wollte, liess ich sie mir aus der Soldatenmenage

holen; bei Privatleuten wird sie niemals so schmackhaft als in der

Caserne bereitet. Capitän X. setzte aber einen Stolz darein, +seinen+

Soldaten die beste Menage von ganz Atjeh zu besorgen, und dieser Mann

nahm es auf sich, am 19. Februar 1888 den Geburtstag des damaligen

Königs von Holland im Fort Lambaro durch eine echte veritable Kirmes

feiern zu lassen. Ehre, dem Ehre gebührt. Es war wirklich ein schönes

Fest, welches nebstdem den Beweis brachte, dass die Gefahren des

Krieges einem tüchtigen Soldaten für keinen Augenblick den guten Humor

rauben.

Es war eine wohlgelungene Parodie auf einen holländischen Kirmestag;

hier sah man den Beri-Beri-Bacillus von Professor Pekelharing (welcher

damals in Atjeh weilte); ein Bambusrohr stellte den Tubus eines

Mikroskopes, und ein Streichhölzchen den gefundenen Bacillus dar;

ein Wachsfigurencabinet, in welchem z. B. Dornröschen, von einem

bartlosen Corporal dargestellt, mit Blumen und Kränzen geschmückt, in

einem Bette mit einem Mosquitonetz lag; die »Hyäne von Amersfoort«

(einem Dorfe bei Utrecht) war mein »Babi« (Fig. 16), ein kahles

Windspiel aus Mexiko, welches nur auf dem Kopfe und auf der Spitze

des Schweifes einige Haare hatte. Den grössten Zuspruch hatte jedoch

die friesische Waffelbäckerei. Ein junger Trompeter hatte sich die

ganze Toilette einer Friesin zu verschaffen gewusst und buk den ganzen

Vormittag veritable Waffeln und »Poffertjes«. Weisse Hühner waren

blau oder feuerroth gefärbt und sassen auf dunkelvioletten Eiern und

waren antidiluvianische Hühner aus der Fingalshöhle u. s. w. Mit dem

Mittagszug kam eine halbe Capelle aus Kuta radja, und um 9 Uhr schloss

ein schöner Zapfenstreich den wirklich fröhlichen und gemüthlichen

Festtag.

* * * * *

Wie ich schon erwähnt habe, lag das Fort Sirun in unserer nächsten

Nähe, war jedoch von der Ceinturebahn mehr als 2 Km. entfernt, bei

günstiger Windrichtung hörten wir selbst alle Signale, welche im Laufe

des Tages gegeben wurden. Zwischen diesen beiden Forts lief ein Damm

mit einem Laufgraben an der Nordseite; die dem Fort gegenüberliegenden

Kampongs waren von wahren Irridentisten bewohnt, und beinahe den ganzen

Tag und oft genug auch ganze Nächte lauerten die feindlichen Bewohner

vor dem Fort und hielten dort ihre Schiessübungen. Wurde das Schiessen

zu stark, verständigte der Commandant des Forts den Liniencommandant

per Telephon, und es wurden von unserm Fort aus einige Kartätschen

in die angegebene Richtung geworfen; gewöhnlich aber liess auch der

Commandant von Sirun den Atjeern ihre Freude und störte sie nicht in

ihren Schiessübungen; aber »Sicherheit, das wisst ihr lange, führt

die Menschen zum Untergange«. Der Laufgraben neben dem Damme, welcher

nach Sirun führte, war gewöhnlich durch den Regen aufgeweicht, und nur

ungern marschirten die Soldaten in diesem; auf dem Damme waren sie aber

den feindlichen Kugeln blossgestellt.

Am 2. Januar 1888 wurde ein europäischer Sergeant von Sirun abgelöst

und ging unter dem Geleite einer Patrouille unter dem Commando eines

javanischen Sergeanten nach Lambaro, um von dort aus per Eisenbahn nach

Kuta radja zu fahren; um sich weder den feindlichen Kugeln auszusetzen,

noch den Weg durch den schmutzigen Laufgraben zu nehmen, marschirten

sie durch das Zuckerrohrfeld und durch den befreundeten (?) Kampong

Sirun, welcher zwischen Sirun und Lambaro lag. 4 Uhr Nachmittags befand

ich mich im Badezimmer, als plötzlich das Signal: der Doctor! zu meinen

Ohren drang; in meiner indischen Haustoilette eilte ich sofort ins

Spital, der Bediente brachte mir noch den Helmhut und den Uniformrock,

und in zwei Minuten stand ich mit der Ambulanz beim nördlichen Eingang,

wo 40 Mann unter dem Commando eines Lieutenants auf mich warteten.

In wenigen Minuten hatten wir (im Laufschritt) die Unglücksstätte

erreicht. Von 15 Mann waren 5 unter einem Klewang-Anfall einer kleinen

Truppe Atjeers zu Boden gefallen, 2 waren todt und 3 schwer verwundet.

Der Patrouillencommandant, der eingeborene Sergeant Singodjojo, hatte

nicht weniger als 6 (!) Wunden und -- kam mit dem Leben davon! Auf

dem Scheitel, auf dem Hinterkopf, unter dem linken Schulterblatte

und am linken Vorderarm hatte er grosse klaffende Hautwunden, das

rechte Knie war durchgeschlagen, so dass der Unterschenkel nur auf

dem Fleischlappen der Kniekehle hing, und nebstdem hatte er einen

Lanzenstich unter dem Herzen erhalten.

Zwei Tage später schickte ich diese Patienten nach Kuta radja; unter

Deckung von einer kleinen Patrouille wurden sie zum Bahnhof gebracht,

welcher ungefähr ½ Km. vom Fort entfernt war; die feindlichen Atjeer

hatten offenbar durch ihre Spione schon früher Nachricht erhalten; denn

auf dem Wege zur Station überschütteten sie uns mit einem Kugelregen,

ohne jedoch jemanden zu treffen; dies war wirklich ein besonderer

Zufall, denn die Kugeln schlugen vor mir und hinter mir in den Sand.

Zwei Tage später (den 6. Januar) war ich geradezu die Scheibe, auf

welche die Feinde ihre Schiessübungen hielten.

Der Thierarzt Schilstra war nach Sirun gegangen, um das erkrankte Pferd

des Commandanten zu behandeln. Auf seinem Rückwege richteten die Feinde

das Feuer auf ihn resp. auf die Patrouille, welche ihn deckte, und ein

Schuss traf den europäischen Infanteristen Kaufmann ins Schienbein; er

fiel nieder, und während der Trompeter durch das Signal: der Doctor!

mich zur Hülfe rief, legte sich die Truppe in den Laufgraben nieder

und erwiderte das Feuer; als ich mit der Ambulanz erschien, da begann

das Schiessen mit erneuerter Wuth; die ganze Ambulanz bestand nur aus

vier Mann; ich hatte nur einen Krankenwärter und zwei Sträflinge zum

Transport der Verwundeten mitgenommen; aber wir gingen auf dem Damme,

und die übrigen lagen im Laufgraben und gaben von Zeit zu Zeit eine

Salve auf den Feind. Ich verband den Unglücklichen »unter dem Feuer

des Feindes«, und noch heute frage ich mich, woher ich soviel Muth

(??) damals nahm; ohne Deckung ging ich dem feindlichen Kugelregen

entgegen, und unter einem Kugelregen behandelte ich meinen Verwundeten,

ohne auch nur einen Augenblick zu zögern; nun, ich wiederhole

es, das Pflichtgefühl war der Motor, und der Muth, feindlichen

Kugeln zu trotzen, ist nichts anderes als in die Praxis umgesetztes

Pflichtgefühl, welches in rebus militaribus durch die Disciplin, durch

den Drill und durch die Dressur zur Bethätigung erzwungen werden kann.

Ich hatte damals an mir selbst oft genug Gelegenheit, dieses zu

beobachten.

Eines Tages z. B. ging ich (mit 40 Mann) auf dem Damm nach Lamrö-eng.

Unterwegs gesellte sich zu mir der Liniencommandant Major Pompe van

Meerdervort mit seinem Adjutanten. Beide waren zu Pferde. Auf einmal

fingen die Atjeer an, auf uns zu schiessen. Der Major und sein Adjutant

und die Patrouille unter dem Commando eines Lieutenants liessen sich

dadurch nicht im geringsten in ihrem gewöhnlichen Schritte stören;

dadurch fühlte auch ich mich nicht im geringsten beunruhigt und

schritt mit den beiden Officieren, ohne auch nur unser Gespräch zu

unterbrechen. Endlich frug mich der Liniencommandant spöttisch: Warum

gehen Sie nicht in den Laufgraben? »Wenn Sie es, Herr Major! nicht

thun, obwohl Sie hoch zu Ross sitzen,« antwortete ich, »besteht für

mich noch weniger Ursache, um mein Leben besorgt zu sein.« Als aber

die Schüsse immer zahlreicher und zahlreicher wurden und sogar eine

ganze Salve über unsere Häupter hinwegflog und zu gleicher Zeit aus dem

Fort Lamrö-eng eine Kartätsche auf die Atjeer abgefeuert wurde, gab

er endlich den Befehl: »rechtsum in den Laufgraben« und -- die ganze

Truppe folgte wie eine Heerde Schafe dem Beispiel des Leithammels.

Wenn ich auch heute über den Vorfall ganz anders als damals urtheile,

weil ich es heute für eine überflüssige Waghalserei oder ein ruchloses

Blossstellen von 40 Mann halte, so kann ich doch seinen pädogogischen

Werth nicht verkennen. Wenn Major Pompe mir mittheilte, er habe dies

gethan, um den Atjeern zu zeigen, dass der Europäer Muth habe, so hat

er eben stillschweigend das pädagogische Moment eines solchen Vorfalles

hervorgehoben. Wenn aber dadurch einige Soldaten verwundet oder sogar

gefallen wären?! A la guerre comme à la guerre wäre wahrscheinlich

die Antwort gewesen. Ich nahm während des weiteren Gespräches Anlass,

den Major darauf aufmerksam zu machen, dass man in Europa die Arbeit

der Militärärzte geradezu unterschätze. Wenigstens Deutschland und

Oesterreich haben bis jetzt in diesen nur Officiere zweiten Ranges

gesehen; diese Staaten gaben ihnen bis jetzt noch nicht die Feldbinde,

und viele militärische Auszeichnungen werden ihnen vorenthalten;

nichts ist unbilliger als dieses. Die moderne Kriegswissenschaft ist

in ihrem Principe ebenso auf die Leistung des todten als auf die

des lebenden Materials angewiesen; die Militärhygiene ist also ein

bedeutender Theil der Kriegswissenschaft, und ihre Vertreter -- die

Militärärzte -- sind schon aus diesem Grunde ein gleichwerthiger Theil

des Heerwesens. Häufig genug wird der Unterschied zwischen combattanten

und nichtcombattanten Truppen zum Nachtheile der Militärärzte

hervorgehoben; auch die einzelnen Theile der combattanten Truppen

zeigen aus verschiedenen Ursachen eine oft weitgehende Rivalität

untereinander. Die Artillerie, die Cavallerie und die Infanterie

bestreiten oft genug gegenseitig ihre Vorzüge; aber gegenüber den

Militärärzten zeigen sie eine rührende Harmonie. Alle combattanten

Truppenofficiere sehen in diesen minderwerthige Officiere, weil sie

nicht mit der Waffe in der Hand ihren Dienst verrichten, also keines

persönlichen Muthes bedürfen sollten, der die Grundbedingung eines

guten Soldaten sei. Dies ist eine ganz falsche Ansicht; der persönliche

Muth ist für den Militärarzt noch mehr Grundbedingung seiner Existenz

als für den Truppenofficier; die Kugeln wählen sich nicht ihre Opfer;

die Gefahren des Aufmarsches, der Schlacht, des Rückzuges bedrohen den

Militärarzt nicht weniger als den combattanten Officier; ja noch mehr;

während die Kugeln um ihn pfeifen, muss er ruhigen Blutes dem Laufe des

Kampfes folgen, dort eine zerrissene Ader aufsuchen, sonst verblutet

das Opfer unter seinen Händen; hier muss er ein zerschmettertes Glied

lege artis verbinden, sonst bleibt der Verwundete sein Leben lang ein

Krüppel; der Truppenofficier schwingt während der Schlacht den Säbel,

läuft, schiesst den Revolver ab, ruft mit lauter Stimme sein Commando,

den Aufruhr in seinem Innern braucht er nicht zu dämpfen, er folgt

seinem Impuls, sich und seine Soldaten zum Ziele zu führen und sein

Leben zu vertheidigen. Der Arzt dagegen muss den Sturm in seiner Seele

unterdrücken; er darf sein Leben nicht vertheidigen; er muss das Leben

seiner Nächsten retten; er lässt die Kugeln um seine Ohren sausen, er

denkt nicht an sein Leben -- er muss ruhig bleiben; +er ist muthiger+,

weil er nicht kämpfen darf, er ist tapferer, weil er nicht kämpfen

kann, auch wenn das Schwert des Cavalleristen seinen Kopf, der Huf des

Rosses seine Brust und die Kugel oder das Bajonett des Infanteristen

seinen Leib zu zerschmettern drohen.

* * * * *

Meine Privatpraxis unter den Eingeborenen war unbedeutend und konnte

auch nicht gross sein, weil der Verkehr der europäischen Beamten

und Officiere sich nur auf dienstliche Angelegenheiten beschränkte

und der Kleinhandel in Lambaro ganz in den Händen der Chinesen sich

befand. Ihr Quartier befand sich ungefähr ½ Km. vom Fort entfernt

und wurde jede Nacht abgeschlossen; es war insoweit also ein Ghetto;

aber einer grossen Sicherheit ihrer Person oder ihres beweglichen

Vermögens erfreuten sie sich deswegen nicht; im Dunkel der Nacht

konnten sehr leicht räuberische Ueberfälle von Seiten der »feindlichen

Atjeer« stattfinden und selbst bedeutenden Erfolg haben, bevor aus dem

Fort die nöthige Hülfe eintreffen konnte. Thatsächlich wurde während

meines Aufenthaltes in Lambaro nur ein einziges Mal die Alarmglocke im

chinesischen Viertel geläutet, und als die Hülfe beim Thore anlangte,

berichtete der chinesische Häuptling, dass die Räuber bereits entflohen

seien.

Es war ja auch nicht zu erwarten, dass aus politischer Ursache jemals

die Chinesen von den Atjeern etwas zu fürchten hätten. Sie waren ja

für die Eingeborenen des Landes geradezu unentbehrlich. Gestattete

die Regierung den Export der Naturproducte, so waren die Chinesen die

officiellen Agenten oder Exporteure. Glaubte die Regierung den Export

verbieten zu müssen, so waren die Chinesen die heimlichen Exporteure

und leiteten mit grosser Geschicklichkeit den Schmuggelhandel; zu allen

Zeiten leisteten sie aber den Atjeern -- ausgezeichnete Spionendienste.

Natürlich war dieses der Regierung kein Geheimniss; aber es war ihr

unmöglich, diesem mit Erfolg entgegenzutreten und -- sie gebrauchte die

Chinesen ebenfalls zu Spionendiensten. Solche Zustände sind nur dort

möglich, wo die politischen Zustände keinen ausgesprochenen Charakter

haben. Atjeh war in diesem Jahre unterworfen, der Kriegszustand war

nach dem erzwungenen Abtritte des Generals van der Heyden officiell

beendigt, Friede[74] war im Lande und nur gegen »vereinzelte isolirte

Marodeure« musste hin und wieder die bewaffnete Macht einschreiten. So

hatte es der Gouverneur Pruys van der Hoeven urbi et orbi verkündet;

ja noch mehr; die Dictatur wurde der zielbewussten Leitung der

militärischen Macht abgenommen und die oberste Leitung der civilen

Macht anvertraut, welche durch »Polizeimänner« diese »kleinen

unbedeutenden räuberischen Ueberfälle« unterdrücken wollte. Ein

Fiasco war das Resultat dieser Politik und, wie schon erwähnt wurde,

die »Concentration« des eroberten Gebietes hinter der »Linie« unter

militärischem Commando musste diesen groben Fehler restauriren, ohne

dass darum auch der Kriegszustand wieder officiell erklärt wurde.

[Illustration: Fig. 21. Ein atjeeischer Pflug.

(Vide Seite 114. 160.)]

Die innerhalb der Linie befindlichen Kampongs gehören zu den

»Freunden«; aber ihre »Freundschaft« (?) hinderte sie nicht, ihren

Brüdern, welche sich ausserhalb der »Linie« befanden, im Geheimen

ihre werkthätige Hülfe zu leisten; der Atjeer besitzt ja, wie mir ein

atjeischer Häuptling mittheilte, »zwei Herzen«; er ist falsch und

heimtückisch, und die traurigen Erfahrungen, welche die Regierung mit

dem Bündniss des Tuku Umar machte, sind nicht vereinzelt. Sein listiger

und heimtückischer Charakter zeichnet sich auch in seinen Zügen, und

jedesmal wenn ich auf meinen Märschen einem dieser Männer begegnete,

oder wenn ich in einem Kampong Halt machte, freute ich mich, 40 Mann

hinter und neben mir zu haben.

Selbstbewusst, wenn nicht stolzen Hauptes traten sie uns entgegen

in alten schmutzigen Hosen und kleinen Röckchen; das ordnungslose,

lange, rabenschwarze glatte Haar wurde nur mühsam mit einem Kopftuche

zusammengehalten; um die Hüften hatten sie ein Lendentuch (= idja

pinggang), welches über dem Knie mit einem schiefen Rande endigte;

in dem Gürtel steckte der Dolch (röntjong), und in seiner rechten

Hand trägt er das lange Schwert (Klewang) ohne Scheide. Auffallend

ist es, dass ihre Hose weit ist, d. h. kein Lendenstück hat, und dass

sie dieser weiten Hose eine »sittliche« Berechtigung geben, gerade

wie das Lendentuch mit mehr oder weniger Recht, ich möchte sagen ihre

weitgehenden Keuschheitsgesetze in der Theorie demonstrirt -- obschon

(in der Praxis) die Päderastie zu ihren nationalen Lastern gehört.

In Atjeh selbst habe ich keinen Oberländer (orang tunòng) gesehen,

welcher von des Bewohnern der Küste ein Bauer = Dorfbewohner = orang

dusson gescholten wird, während jener als orang baròh den Ehrentitel

banda = gebildet oder städtisch sich selbst giebt. Der »gebildete Mann«

wie die gebildete Frau (orang banda) (Fig. 18) unterscheidet sich

auch in der Kleidung von dem »ungebildeten Bauern«. Während meines

Aufenthaltes in Seruway hatte ich Gelegenheit, hin und wieder einen

solchen Oberländer zu sehen, und der Unterschied in den Hosen, dem

Lendentuche und bei den Frauen in der Form der Kopfhaare ist auffallend.

Nur selten sieht man einen Oberländer mit einem kurzen Röckchen

bekleidet; er gebraucht eine Art Slendang, welche er idja nennt und

entweder über die Schulter oder um die Lenden trägt, oder mit welchen

er den Kopf bedeckt, wenn er darauf eine Last transportirt. Der

civilisirte »Niederländer« hat ein Röckchen mit langen Aermeln; in

diesem Falle wird es in der Mitte von einem kegelförmigen goldenen

Knopf (doma) geschlossen, oder die Aermel reichen nur bis zum

Ellbogengelenk, und dann sitzt dieser Knopf obenan. Auf dem Kopfe

sitzt ein Fes (Kupiah genannt), welches die Form eines umgekehrten

Blumentopfes hat und in der Mitte des Deckels mit einem Knopf aus

Goldfäden oder Seide verziert ist.

Als Tuku Baïd uns in Lambaro besuchte, sah ich auf seinem Kupiah einen

Knopf aus Gold mit grossen Diamanten umgeben.

Manchmal wird um das Kupiah ein Tuch als Tulband (Tangkuh) gewunden.

Zur Strassentoilette gehört noch ein Sacktuch (??) (bungkoëh ranub =

zusammengelegtes Tuch), in welchem Kleinigkeiten aufbewahrt werden;

am häufigsten sah ich Schlüssel daran hängen und das Material für

Sirihkauen darin eingewickelt.

Die Toilette der Frauen unterscheidet sofort die Bäuerin aus dem

Gebirge und die »gebildete« Grossstädterin. Beide tragen dieselben

Hosen und ein Lendentuch wie die Männer; die Frauen an der Küste haben

beide Kleider bis zu den Füssen, wollen sie modern gekleidet sein, und

die Aermel von ihrem Röckchen (badjè) sind weit und reich verziert,

nebstdem tragen sie zwei Slendangs, wovon der eine den Kopf umhüllt,

während die Bäuerin des Gebirges sich mit einem Slendang (um die

Schulter) begnügt. Die Haare verrathen auch durch die Art und Weise des

Knotens die Abstammung der Trägerin. An der Küste ist dieser Knoten in

der Form »eines chinesischen Fächers« (= mökipaih Tjina) in der Mitte

des Kopfes angebracht; d. h. vielleicht sollte der Haarknoten diese

Form annehmen; was ich sah, war mehr zwei Füllhörnern ähnlich. Die

Bäuerin im Gebirge will ihrem Zopfe die Form eines Pferdepenis (= mubòh

guda) geben, ohne aber mehr als ein wurstförmiges Gebilde zu zeigen,

welches entweder zur Seite oder hinten im Nacken herabhing.

Armbänder, Fussbänder, Gürtel, Ringe, Colliers besitzen die reichen

Frauen, ebenso tragen sie grossen und schönen Ohrenschmuck und

zahlreiche Haarnadeln in den Haaren. Ich oder vielmehr meine Frau

besitzt ein Paar Schnallen, welche ursprünglich eine Kette schlossen;

diese wird wie von wahren Modedamen um die Hüfte getragen; sie heisst

Taloè Kiieng und wird sehr oft auf dem nackten Leib, aber noch öfter

über dem Lendentuch getragen.

* * * * *

Ein Jahr lebte ich im Fort Lambaro, und während dieser Zeit hatten sich

im Ganzen 6 Atjeer meiner ärztlichen Behandlung anvertraut. Es waren

natürlich nur chirurgische Fälle; bei internen Krankheiten wendet sich

überhaupt nicht leicht ein Atjeer an einen europäischen Arzt, gerade so

wie die grosse Masse des javanischen Volkes noch heutzutage sich lieber

von den eigenen »Dukuns« als von einem europäischen Arzt behandeln

lässt, der ihre Entstehungsweise der Krankheiten durch Geister,

Gespenster (Sundal bolong) u. s. w. nicht kennt und daher in seiner

Behandlungsweise mit diesem Factor keine Rechnung hält, d. h. alle

Formen der zahlreichen Gelübde unberücksichtigt lässt.

Midin, einer dieser Patienten, zeigte sich selbst dankbar für meine

ärztliche Behandlung. Ich erhielt von ihm ein Stück -- Zuckerrohr.

Ich hatte die Gewohnheit, täglich mit meiner Frau zwischen 5-6 Uhr vor

dem Fort spazieren zu gehen, um wenigstens einmal des Tages meiner Frau

die unentbehrliche körperliche Bewegung zu ermöglichen. Dieses war

natürlich den Atjeern der umgebenden befreundeten Kampongs bekannt, und

hier war es auch, wo wir uns in den wenigen Fällen, dass ein Atjeer

oder eine Frau uns besuchen wollte, »zufällig« begegneten.

Eines Tages trat Midin mit seiner Frau auf uns zu und hielt in seiner

Linken das lange Schwert ohne Scheide (den Klewang) und in der

Rechten ein grosses Stück Zuckerrohr, welches er mir anbot. Seine

Frau war der malaiischen Sprache nicht mächtig und zeigte durch ein

freundliches Lächeln ihre wohlmeinende Gesinnung gegen uns, während ihr

Mann das Zuckerrohr als Geschenk bezeichnete für die mit so grossem

Erfolg geleitete Behandlung seines Blasenkatarrhs. Es war 5½ Uhr,

wir hatten also noch eine halbe Stunde Zeit, bevor wir ins Fort

zurückkehren mussten, und ich beschloss daher, mit Midin mich in ein

Gespräch einzulassen, um etwas von den Musikinstrumenten zu erfahren,

deren mitunter rührende Weisen sehr oft Abends und in der Nacht zu

unseren Ohren drangen. Midin nannte mir den Namen seiner Frau: Putròë

und fügte lächelnd die Uebersetzung in malaiischer Sprache: Putri

= Prinzessin bei. Als ich ihm den Namen meiner Frau mit Margarete

bezeichnete und ihm mittheilte, dass dieser Name ursprünglich Perle

(Mutyâra im Malaiischen) bedeutete, wandte er sich gegen seine Frau und

verdolmetschte ihre Antwort mit den Worten: Sâma djuga = ebensoviel,

und beide stimmten ein lautes Lachen an. Die »Prinzessin« war eine

hübsche, vielleicht sogar eine schöne Frau zu nennen. Sie trug, wie

alle atjeeischen Frauen, eine Hose und darüber einen Sarong, welcher

ungefähr bis zur Mitte der Waden reichte. Die Brust war mit einem

Röckchen bekleidet und der Kopf war in einen Schleier eingewickelt, aus

dem ein Paar schöne, in Filigran gearbeitete grosse goldene Haarnadeln

mit herabhängendem Blumenschmuck hervorragten. Schwarze Augen, eine

etwas platte Nase, ein ovales Gesicht, von Sirih gebräunte Zähne,

üppige Lippen und stark entwickelte Augenbrauen zeigten uns in ihrem

Totaleindrucke ein sympathisches Gesicht.

21 Jahre in Indien. Dritter Theil: Sumatra. · 第 14 / 23 段