es einige Stunden lang; der Atjehfluss wuchs täglich, und kaum hatte
sein Wasser das Ufer erreicht, stand schon das Terrain links von dem
Damme in der Vorstadt Pántej-Pérak unter Wasser; mein Haus hatte, wie
gesagt, ½ Meter hohe Pfähle und blieb einige Tage von dem Eindringen
des Wassers verschont; aber die Nebengebäude standen direct auf dem
Lehmboden. In das Badezimmer, in den Abort und in die Küche konnte
man nicht trockenen Fusses gelangen; schon am 1. December stand in
diesen Räumen das Wasser 40 cm hoch, ohne dass die Köchin sich in ihrer
Arbeit stören liess; sie schürzte einfach ihren Sarong bis zum Knie
in die Höhe; dasselbe mussten ich und meine Frau thun, wenn wir die
Nebengebäude benutzen wollten. Die Köchin wusste sich noch auf andere
Weise zu helfen. In der Küche stand nämlich ein gemauerter Herd mit
5 Oeffnungen für das Holzfeuer; sie stieg einfach auf den Herd und
bereitete auf diesem die Speisen in hockender Stellung, die sie ja bei
allen ihren Arbeiten einzunehmen gewöhnt war. Bald stieg jedoch das
Wasser bis über den Damm und drang auch in unsere Wohnung ein, und am
5. December sahen wir uns gezwungen, die Wohnung zu verlassen und von
der Gastfreundschaft Gebrauch zu machen, welche uns von dem Intendanten
des Spitals angeboten wurde. Auch das Terrain rechts vom Damme bekam
bald eine Wasserschicht von ungefähr ½ Meter Höhe, und die Aerzte,
Apotheker und Administratoren des Spitals hatten die Wahl, per Kahn,
zu Fuss oder per Grobak täglich dahin zu gehen. Am häufigsten geschah
es per Grobak, d. h. in einem Bauernwagen, welcher von einem Büffel
gezogen wurde und seine Bestimmung hatte, Utensilien und Lebensmittel
für das Spital vom Bahnhofe zu holen oder dahin zu bringen. Konnten wir
diese weniger elegante Equipage nicht erhalten, so gingen wir zu Fuss;
bekleidet mit der Nachthose, welche bis über die Knie heraufgeschlagen
wurde, wateten wir durch das Wasser, und im Spitale erwarteten uns die
Bedienten mit Schuhen, Strümpfen und Hosen.
Das Spital selbst lag ebenfalls auf ein Meter hohen Pfählen und bestand
aus sieben Pavillons, welche mit einem ungefähr 800 Meter langen und
bedeckten Corridor verbunden waren.
Hinter dem Spitale lag eine Caserne in der Vorstadt Kóta âlam, deren
Terrain ebenfalls beinahe dreiviertel Meter hoch mit Wasser bedeckt
war, so dass der Commandant, der damalige Major Pompe van Meerdervort,
sein Pferd in seine Veranda stellen musste; er hatte sich aber einen
grossen Kahn zu verschaffen gewusst, welchen die Officiere und die
Officiersfrauen zu ihrer Spazierfahrt nach Kuta radja benutzen konnten;
oft genug thaten sie diese zu Fuss und hoben ihren Sarong coquet in
die Höhe. In den Tropen ist ein solcher Marsch im Wasser gar nicht
bedenklich; wenn auch im December in Europa eine Ueberschwemmung
gewiss eine Reihe von Erkältungs-Krankheiten oder wenigstens von sehr
unangenehmen Zuständen veranlassen würde, auf Sumatra beschränken
sich diese Unannehmlichkeiten auf die Verkehrsstörungen und auf das
Auftauchen -- vieler kleiner, aber sehr giftiger Schlangen, welche sich
so viel als möglich auf trockenes Terrain flüchten und dadurch oft in
die Nähe der Menschen gelangen; wenn sie auch, wie selbst die grössten
Schlangen es nicht wagen, den Menschen zu attaquiren, so werden sie
doch sehr gefährlich, weil man sie unbemerkt treten kann -- sie sind ja
höchstens 25 cm lang -- und dann von ihnen gebissen wird.[72]
[Illustration: Fig. 19. Atjeer, welche einen Drachen fliegen lassen
wollen.
(Vide Seite 157.)]
Der Marabu, welchen ich kurz vor meiner Abreise von Kuta radja erhielt,
darf nicht unerwähnt bleiben, wenn ich von meinen Zerstreuungen in
dieser Garnisonstadt Ausführliches mittheile; er ist ja ein drolliger,
komischer Kauz, so dass es wirklich Mühe kostete, sich über ihn und
mit ihm nicht zu amüsiren; in seinem ganzen Thun und Lassen trägt er
das Gepräge eines alten Herrn und ist nebstdem geradezu ein nützliches
Hausthier; er lebt nämlich von thierischen Abfällen und wird in Indien
in den Dörfern darum gerne geduldet; in meinem Garten verscheuchte er
die kleinen Schlangen und Frösche, erhielt aus der Küche die Abfälle
des Geflügels und jeden Tag seine Portion kleine Fische, welche ich auf
dem Markte kaufen liess. Als ich Kuta radja verliess, gab ich ihn einem
meiner Freunde zum Geschenk, ohne dass ich mich dazu entschliessen
konnte, ihm die schönen weissen Federn herauszuziehen, welche
bekanntlich kostbarer als die schönsten Straussfedern sind.
8. Capitel.
Eine sogenannte Friedensgarnison -- Campierpfähle -- Ein Deserteur(?)
-- Ein freigebiger Compagniecommandant -- Eine Kirmes -- Ein
Klewang-Anfall -- Im Kugelregen -- Geringschätzung der Militärärzte --
Chinesen in Atjeh -- Kleider und Schmuck der Atjeer -- Musikinstrumente
der Atjeer -- Atjeische Prüderie.
Im Jahre 1885 kehrte, wie schon angeführt wurde, die indische Regierung
in ihrer Politik zum Principe der alten indischen Compagnie zurück,
d. h. sie beschloss, von der Offensive zur Defensive überzugehen
und sich vorläufig mit dem eroberten Gebiete, so klein es auch
war, zu begnügen. Zu diesem Zwecke wurde dieses Terrain mit einem
Damme begrenzt, auf welchem eine »Ceinturebahn« gebaut und in einer
Entfernung von je tausend Metern Forts und Blockhäuser errichtet
wurden, von denen vier direct mit dem Centrum, d. h. mit Kuta radja
verbunden waren. Jenseits der »Linie« wurde tausend Meter breit das
Terrain »rasirt«, ohne dass die Herren am grünen Tische bedachten,
dass in den Tropen die Flora zu üppig ist, um auf Commando sich
unterdrücken zu lassen; beinahe sofort spross auf dem entwaldeten
Boden das Alang-Alang so üppig aus dem Grunde, dass der Feind sich
nach Belieben in diesem hohen Schilfgrase ungesehen und unbemerkt
bewegen konnte. Der südliche Theil »der Linie« bekam einen eigenen
Commandanten, welcher in dem Fort Lambaro den Sitz hatte, und den 15.
August des Jahres 1887 bekam ich den Auftrag, dahin zu übersiedeln und
mich »unter die Befehle des Liniencommandanten zu Lambaro zu stellen«.
Da die meisten Aerzte von Atjeh ein Jahr lang in der »Linie« dienen
mussten, überraschte mich diese Transferirung keineswegs, und meine
Frau bekam die Gelegenheit, zum ersten Male Auction unserer Einrichtung
halten zu müssen. Wir bekamen ja in Lambaro nur ein einziges Zimmer,
das nur 3½ auf 4 Meter gross war, zu unserem Gebrauche angewiesen.
Der Ertrag der Auction war nicht gross (355 Fl. 50 Ct.), und mit
Thränen in den Augen nahm meine Frau von den Möbeln Abschied, welche
nur ein einziges Jahr in unserem Besitze gewesen waren. In Holland
hatte sie beinahe ⅕ Jahrhundert lang in demselben Sessel geträumt, in
demselben Bett geschlafen, an demselben Schreibtische ihren Freundinnen
ihre Herzensfreuden und -leiden mitgetheilt, und hier an den Ufern des
Atjehstromes musste sie schon nach einem Jahre ihre kaum liebgewordenen
Kasten, Tische, Sessel u. s. w. verlassen und hatte nebstdem beinahe
gar keine Hoffnung, auch in Zukunft jemals ein festes und trautes
Heim sich gründen zu können, d. h. Jahrzehntelang sich des Besitzes
ein und derselben styl- und geschmackvollen Einrichtung erfreuen zu
können. Der Officier der indischen Armee hat ja ein Zigeunerleben; er
ist ein Bohême, der heute -- ich spreche nur von Friedensgarnisonen --
auf einem der Küstenplätze des indischen Archipels in seinem »Hause«
sich mit dem ganzen Luxus der europäischen Civilisation umgeben
kann, um sich schon ein Jahr später mit einer sehr bescheidenen
Wohnungseinrichtung begnügen zu müssen und vielleicht schon nach
einigen Monaten sich auf die Befriedigung der dringendsten Bedürfnisse
des alltäglichen Lebens zu beschränken.
Atjeh war ja auch eine Friedensgarnison de nomine, und als wir am 15.
August nach einer Fahrt von ½ Stunde mit der Dampftramway in Lambaro
eintrafen, bekamen wir von meinem Collegen, den ich ablösen sollte,
eine ganz eigenthümliche Illustrirung des Begriffes: Friedensgarnison.
Das Fort bestand aus zwei Theilen: Die Caserne für die Truppen, die
Cantine, die Wohnungen der Officiere, das Marodenzimmer und das
Pulvermagazin waren von 3½ Meter hohen Palissaden in Quadratform
eingeschlossen, während die »Häuser« des Liniencommandanten und der
Officiere des »kleinen Stabes« im Westen des Forts nur durch ein
eisernes Gitter gegen einen Ueberfall der Atjeer geschützt waren.
Zu dem »kleinen Stabe« gehörten der Adjutant des Bataillons, der
Garnisondoctor und der Bezahlmeister.
Der Liniencommandant bewohnte ein eigenes Haus, während diese drei
genannten Officiere ihre Wohnungen in einem langen Gebäude hatten,
welches durch zwei Zwischenwände in drei »Häuser« getheilt war. Das
Haus des Garnisondoctors nahm die Mitte des Gebäudes ein und bestand
aus zwei Zimmern mit einer vorderen und einer hinteren Veranda. Die
erstere hat durch das Gitter des eisernen Geheges die Aussicht auf die
Ceinturebahn und auf ein Blockhaus, welches 1000 Meter von Lambaro
entfernt war. Die Schilderhäuser bewachten zwar das umliegende Terrain,
so dass bei Tage man ungefährdet in dieser Veranda sitzen konnte. Im
Dunkel der Nacht war jedoch die hier brennende Petroleumlampe für die
schiesslustigen Atjeer geradezu eine hellerleuchtete Scheibe, welche
so häufig das Ziel ihrer Schiessübungen wurde, dass mein Vorgänger nur
selten Abends in der Veranda sitzen konnte; ja noch mehr; sobald in
seinem Hause die Lampen angezündet wurden, bedeckte er die hintere Wand
seiner Veranda mit Matratzen, um die durchrasenden Kugeln der Atjeer
unschädlich zu machen.
Auch erzählte er, dass er eines Abends mit einigen Officieren an dem
L’hombretische sass und ein »Solo« verlor, weil ihm eine durchfliegende
Kugel das Pique As aus der Hand geschossen hatte. Hierauf erklärte
meine Frau ganz einfach, diese Wohnung nicht beziehen zu wollen,
um so weniger, weil in dem durch Palissaden geschützten Fort eine
Wohnung leer stände. Ce que femme veut, Dieu le veut; ich legte dem
»Liniencommandanten« die kategorische Erklärung meiner Frau vor
und, etwas von Pantoffelheld murmelnd, gab dieser gute Mann die
Einwilligung, die von +Mevrouw Doctor+ gewünschte Wohnung von mir
bewohnen zu lassen. Diese lag in der Mitte eines langen hölzernen
Hauses (mit einem Dach aus galvanisirtem Eisen) ohne Stockwerk. Die
mir zugewiesene Wohnung bestand aus einem Zimmer von 3½ Meter Länge
und 4 Meter Breite; ein 1 Meter breiter Gang führte von der vorderen
zur hinteren Veranda; dies war alles; die vordere Veranda (Fig.
16) war unser Empfangszimmer und die hintere unser »Tagverbleib«.
Beide waren nicht tiefer als 1½ Meter und hatten eine Länge von 4
Meter. Vor uns war ein Platz mit einem Baum in der Mitte und im
Hintergrunde (15 Meter weit) die Caserne. Zur Linken standen das
Bureau des Compagniecommandanten und die »inwendige« Cantine. Von der
hinteren Veranda sahen wir auf unsere »Nebengebäude«: Küche, Abort
und Badezimmer. Von unseren beiden Nachbarn waren wir durch eine
Bretterwand getrennt. Da wir voraussichtlich ein Jahr in diesem Käfig
wohnen mussten, machte ihn meine Frau so viel als möglich comfortabel.
Die vordere Veranda bekam einen kleinen runden Tisch mit 6, sage sechs
Sesseln. Waren alle besetzt, mussten die Besucher an der vorderen
Seite sehr ruhig und vorsichtig sitzen bleiben; sonst wären sie über
den Rand der Veranda gefallen, welche ungefähr 50 cm. über dem Boden
lag. Sie lag gegenüber der südwestlichen Front der Palissaden, welche
den Weg und Damm nach Anagalong bestrich. Dort lag beinahe das ganze
Jahr der Feind und schoss auf das Fort. In der Regel gingen die Kugeln
über das Fort hinweg. Thatsächlich wurde während meines Aufenthaltes
in diesem Fort, also während eines Jahres, niemand im Fort getroffen.
Wurde das Schiessen zu stark, flüchtete sich meine Frau in die hintere
Veranda und schützte sich den Rücken durch Aufhängen der Matratzen aus
den Betten. Dreimal hat während dieser Zeit das feindliche Blei unsere
Wohnung getroffen; das erste Mal schlug es in die vordere Veranda
ohne jemand zu verletzen. Die zweite Kugel streifte so schwach die
Köchin, dass sie schreiend und weinend in die vordere Veranda zu mir
mit den Worten lief: Kòkki mâti = die Köchin stirbt. Nur der Sarong
war durch den Streifschuss versengt. Die dritte Kugel -- wurde eine
Atjehsche Berühmtheit. Eines Tages erschütterte ein gewaltiger Schlag
das Dach des Hauses; ich sah über meiner Küche ein grosses Loch im
eisernen Dach. Wir suchten überall die Kugel, welche hier herabgefallen
sein musste; wir fanden sie nirgends. Bei der »Rysttafel« wurde das
faschirte Fleisch auf den Tisch gebracht und der erste Schnitt traf --
die gesuchte Kugel. Lange Zeit behielt meine Frau den Namen: die Dame
mit der Kugel im »Fricadel«.
Rings um die Palissade lief ein Laufgraben mit diversen »Chicanen«,
welche von dem wuchernden Grase bedeckt waren; sie bestanden aus einem
Drahtnetze und grossen Stiften aus Eichenholz, welche mit der oberen
Spitze schief nach aussen standen; hinter diesen war ein kleiner Damm,
auf welchem in gemessener Entfernung Laternenpfähle standen. Vor
Sonnenuntergang ging ein Sträfling hinaus, um die Laternen anzuzünden;
eine Patrouille von 4 Mann begleitete ihn auf dem Banket. Beinahe ohne
Ausnahme wurde täglich der Sträfling beschossen, und die Patrouille
feuerte vom Banket aus zurück; aber nur einmal wurde dieser wackere
Missethäter verwundet. Noch zwei Opfer hatte ich während dieses
Jahres zu behandeln, welche auf diese Weise durch feindliche Kugeln
getroffen wurden. Vor Sonnenaufgang beschossen die Atjeer ebenfalls
den Sträfling, welcher unter gleichen Vorsichtsmaassregeln die Lampen
auslöschen ging. Eine Kugel flog eines Tages über das Fort hinweg und
traf eine Frau, welche zum nahen Flusse gegangen war, um zu baden.
Das dritte Opfer war ein Soldat, welcher im hohen Schilderhaus Wache
hielt. Dieses stand zwischen dem Stationsgebäude und der grossen
Cantine vor dem chinesischen Viertel. So ein »hohes Schilderhaus«
(Fig. 17) steht auf vier Pfählen von ± vier Metern und wird auf einer
Seite von den Soldaten bestiegen. Bei Nacht wird die Leiter von der
Schildwache zu sich hinaufgezogen, nachdem die »Kosakenwacht« sich
eingestellt hat. Diese besteht aus drei bis vier Mann, von denen nur
Einer Wache hält, während die Anderen schlafen. Natürlich ist auch die
nächste Umgebung dieses Postens erleuchtet, um zu verhindern, dass ein
Feind sich heranschleiche, auf den Pfählen hinaufklettere und in einem
»Klewanganfalle« Alle ermorde. In diesem Schilderhause wurde zufällig
ein Soldat verwundet.
Die Liniencommandanten, welche abwechselnd in diesen Forts das Commando
führten, hatten ganz verschiedene Ansichten, wie sie sich gegenüber
diesen Schiessübungen der Atjeer verhalten sollten. Mein Commandant,
der Oberst X., huldigte dem Principe, die Atjeer in ihrem Vergnügen
nicht zu stören. Sie lagen ja in einem Laufgraben, welcher 600 Schritt
weit entfernt war; wer von ihnen zu Hause nichts zu thun hatte, zog
nach dem Laufgraben und schoss auf’s Fort. Rückte in früherer Zeit eine
Patrouille aus, um diese Ruhestörer unschädlich zu machen, liefen sie
davon, feuerten einige Kugeln in die Patrouille, trafen hin und wieder
einen Soldaten; sie selbst jedoch wurden niemals erreicht, weil die
Patrouille sich nicht zu weit von »der Linie« entfernen durfte, um sich
den Rücken gedeckt zu halten.
Am meisten von allen Forts wurde das benachbarte Siroen beschossen,
welches am linken Ufer des Atjehflusses lag und thatsächlich jahraus,
jahrein täglich dem Feuer der Atjeer ausgesetzt war; aber auch in
diesem Fort wurde während meiner Dienstzeit im Fort Niemand verwundet.
Ich muss jedoch von Schüssen Erwähnung thun, welche wirklich einen
interessanten Lauf nahmen. Lieutenant Y. war der Commandant von
Sirun; einmal näherten sich in der Nacht die Feinde so stark dem
Fort, dass die Schildwacht Alarm schlug und Lieutenant Y. aus seinem
Bette hinauseilte, um die nöthigen Maassregeln zu treffen. Er liess
seine Leute antreten, und einige Salvenfeuer trieben die Leute in
respectvolle Entfernung. Auch die Schildwache unseres Forts hatte an
den Flammen der Gewehre ihr Vorrücken bemerkt; auch sie schlug Alarm,
und der Artillerieofficier feuerte auf Befehl des Liniencommandanten
einige Kartätschen in die angegebene Richtung ab. Endlich war das
Feuer des Feindes zum Schweigen gebracht; Lieutenant Y. kehrte in sein
Schlafzimmer zurück, und eine Kugel hatte in seiner Abwesenheit -- das
Kopfpolster zerfetzt!
Einen ähnlichen günstigen Zufall erfuhr auch mein Nachbar, Lieutenant
X. Er sass eines Tages in der Veranda der Cantine, sein »Bitterchen«
zu trinken, und war mit einem Kameraden im eifrigen Gespräche über den
sonderbaren Weg, welchen oft Kugeln unter dem Einflusse verschiedener
Muskelbewegungen im Körper nehmen können, so dass es sehr oft
unmöglich sei, aus dem Orte der Eingangs- und Ausgangsöffnung auf die
Richtung des Wundcanals oder auf den Ort des Schützen einen Schluss
zu ziehen. In dem Augenblicke, dass er sich über den Tisch beugte, um
ein Stück Kreide in die Hand zu nehmen, sauste eine feindliche Kugel
zwischen seinem Rücken und der grossen Lehne des Sessels hindurch und
zerschmetterte die seitliche Lehne.
Der Dienst während meines Aufenthaltes in Lambaro war mitunter
anstrengend, in der Regel jedoch forderte er nicht viel Mühe oder
Arbeit. Reglementär musste ich zweimal in der Woche nach den Forts
Lampörömey und Tjot Iri in der östlichen Richtung der Ceinturebahn und
zweimal nach Lamrö-eng (im Westen) gehen, um dort die petites misères
der Garnison zu behandeln und die Soldaten auf gewisse Haut- und andere
ansteckende Krankheiten zu untersuchen. Natürlich geschah es oft genug,
dass eine Verwundung oder plötzliche Erkrankung aus einem dieser drei
Forts telephonisch dem Liniencommandanten gemeldet wurde; dann wurde
ich davon verständigt, mit einer Patrouille von 40 Mann unter Commando
eines Lieutenants dahin zu gehen, wenn nicht zufällig die Eisenbahn
benutzt werden konnte, welche zweimal des Tages Lambaro passirte.
Am unangenehmsten war der Marsch nach Lampörömey in nächtlicher Stunde.
In der Nähe der Cantine machte nämlich die Eisenbahn eine starke
Krümmung nach dem Osten und zwar durch ein Gebüsch, so dass weder von
Lambaro noch von Lampörömey die Patrouille gesehen werden konnte.
Spione umgaben ja immer unser Fort, und durch diese musste ja mein
Marsch den »feindlichen« Atjeern bekannt werden; sie konnten natürlich
bis zu meiner Rückkehr sich hier versammeln und unter dem Schutze der
Nacht und des Gesträuches uns überfallen. Dieses ist gerade bei Nacht
niemals geschehen. Nur einmal wurde ich beim Eintritt in diesen kleinen
Wald mit Kugeln aus Lîlahs[73] beschossen, welche jedoch 20-30 Meter
vor uns niederfielen und daher niemanden trafen.
Im Ganzen wurde ich nur neunmal für aussergewöhnliche Fälle während
dieser Jahresfrist nach den erwähnten Forts gerufen und musste entweder
im Fort selbst oder auf offenem Felde (dann unter Deckung von 40 Mann)
meine ärztliche Hülfe leisten. Wenn in jüngster Zeit die Campierpfähle
den Militärärzten warm empfohlen werden, so kann ich in den Hymnus
nicht einstimmen; sie sind nur für die Manöver, und dann allerdings von
grossem Werthe. Es ist richtig, dass die Behandlung auf offenem Felde
sehr lästig und beschwerlich ist; wenn aber aus grosser Entfernung
die Kugeln das Operationsfeld bestreichen, dann ist es ein Gebot der
Nothwendigkeit, so wenig als möglich über den Boden erhoben zu sein.
Im Manöver wird man allerdings von den Kugeln nicht bedroht und für
diesen Fall kann ich das Anschaffen derselben auch der indischen Armee
empfehlen, weil sie nicht einmal von der Verwaltung angeschafft werden
müssten, sondern leicht improvisirt werden können. Bambus oder Holz
sind ja überall bei der Hand; es werden also vier Stöcke von einer
Höhe von 1-1½ Meter in die Erde in passender Entfernung gestossen.
Jeder Soldat hat ja die »Sprei« bei sich d. h. eine Decke aus Barchent
oder Molton. Sie wird als Nothbehelf und häufig genug zum Transport
von Kranken verwendet, wenn keine Tragbahre bei der Hand ist. In Atjeh
trägt jeder Soldat, auch wenn er den Tornister zu Hause lässt, diese
Decke um die Schultern geschlagen bei sich. Diese »Sprei« wird also auf
diese vier Stöcke befestigt, und der Arzt kann stehend die etwaigen
Untersuchungen und nothwendigen Eingriffe vornehmen. Aber, wie gesagt,
für den Kriegsschauplatz kann ich sie nicht empfehlen.
Zahlreiche Episoden aus dieser Zeit haben in unseren Aufenthalt in
diesem Fort oder, wie es meine Frau nannte, in diesem »cellulären
Gefängnisse« wirklich interessante Abwechslungen gebracht.
[Illustration: Fig. 20. Ein Haröbab-Orchester.
(Vide Seite 157. 166.)]
Eines Tages begossen die Atjeer von der Südseite aus den umgebenden
Wall mit Petroleum und steckten es in Brand; unter dem Schutze
dieser ungeheueren Rauchmassen hatten sie sich bis auf hundert Schritte
genähert und uns mit einem Meer von Kugeln überschüttet. Der damalige
Liniencommandant, Major Pompe von Meerdervort, verlor keinen Augenblick
seine olympische Ruhe und Geistesgegenwart. Das Feuer wurde gelöscht
und niemand verwundet.
Weniger Ruhe zeigte im folgenden Vorfalle der Liniencommandant X.,
welcher ein guter, braver Mann, ein zärtlicher Ehemann war und dennoch
im Eifer des ersten Augenblickes eine Härte zeigte, welche ihm sonst
fremd war und nur ein warnendes Beispiel ist, wie der Krieg selbst ein
edles Männerherz sich verleugnen lässt.
Am 10. Juli circa um 12½ Uhr Mittags alarmirte die Schildwache das Fort
mit dem Rufe: »Ein Deserteur«. Wir eilten sofort auf das Banket und
sahen thatsächlich einen europäischen Soldaten +auf+ dem Damme ruhigen
und gelassenen Schrittes den Weg nach Anagalong nehmen. Der Oberst X.
befahl sofort 10 Mann mit dem Gewehr anzutreten, liess ihn dreimal
anrufen, und als er demungeachtet, als ob er nichts hörte und sah, wie
in Gedanken versunken, ohne den Schritt zu beschleunigen oder Deckung
hinter dem Damm zu suchen, weiter ging, gab Oberst X. das Commando
Feuer, und sofort fiel er von dem Damm in den Graben.
Jetzt erst liess Oberst X. eine kleine Patrouille ausrücken, welche
gedeckt durch die auf dem Bankete stehenden Truppen die Leiche des
Deserteurs (?) ins Fort bringen sollte. Der ganze Vorgang spielte sich
so rasch ab und musste sich nothwendiger Weise so rasch abspielen,
dass die Erkenntniss erst später sich einstellen konnte, dass dieser
Soldat -- er kam aus der Cantine -- gar keine Absicht hatte, zu
desertiren, oder wenigstens seines Thuns sich nicht bewusst war, dass
er wahrscheinlich betrunken den Weg statt ins Fort, hinter dem Fort
auf dem Damme weiterschritt, ohne zu wissen oder daran zu denken, dass
er sich auf dem Wege in das Feindesland befand; hätte er die böse
Absicht gehabt, zu desertiren, so hätte er nicht zur Ausführung seines
Planes die Mittagsstunde gewählt, in welcher er von der Schildwache
gesehen werden musste; er wäre nicht +auf+ dem Walle, sondern
+hinter+ dem Walle unsichtbar für Jeden gegangen, und er hätte
wenigstens in dem Augenblicke, als ihm der Zuruf die Entdeckung seines
Verrathes bewies, im Laufgraben Schutz vor den Kugeln der Soldaten
gesucht. Alle diese Gedanken durchkreuzten mein Gehirn, als ich auf
dem Banket diesen Vorgang sich abspielen sah. Wenn ich bedauerte,
dass keiner der übrigen Officiere meine Ansicht acceptiren wollte oder
es wagte, gegen das Commando des Oberst X. Einspruch zu erheben, und
wenn ich dieses Opfer des Alcohol-Teufels beklagte, so wurde noch mehr
das Menschlichkeitsgefühl späterhin in mir verletzt. Die Patrouille
brachte den Deserteur (??) bei den Füssen ins Fort, und sein Kopf
sprang wie eine elastische Kugel über den unebenen Boden, obzwar er
noch lebte!! Unterdessen hatte ich mich mit einem Krankenwärter bei dem
Thore eingestellt, um ihn in Empfang zu nehmen. Endlich liess Oberst
X. den Soldaten in das Marodenzimmer bringen. Hier auf meinem Terrain
war er +nur+ der unglückliche Kranke, für den die ärztliche Hülfe
zu spät kam. Er lebte noch zwei Stunden, ohne das Bewusstsein wieder
erhalten zu haben. +Eine+ Kugel war unter dem linken Rippenbogen
eingedrungen, hatte die vergrösserte Milz durchbohrt und bei der
Wirbelsäule den Körper verlassen.
* * * * *
Der Kriegszustand untergräbt bekanntermaassen keineswegs den Humor
eines guten Soldaten. Den 19. Februar wurde im Fort der Geburtstag des
Königs von Holland gefeiert.