Pekelharing mit zwei Assistenten in Atjeh angekommen, um
bacteriologisch die Krankheitsursache der Beri-Beri zu suchen und zu
finden. Wenn auch durch diese Untersuchungen erst die Bestätigung
für die Kobler’sche Infectionstheorie gefunden werden sollte, so war
doch gewissermaassen eine Anerkennung ex cathedra dieser Theorie
gegeben, und ich -- vertrat eine Theorie, welche unter dem Scepter der
alleinseligmachenden Lehre, nämlich der Bacteriologie, nicht einmal
einer Discussion würdig gehalten wurde.
Seit dieser Zeit sind 15 Jahre verflossen; die miasmatische
Entstehungsweise der Beri-Beri wurde oft geleugnet, ebenso oft
anerkannt, um endlich in diesem Kampfe der Ansichten Siegerin zu
werden und zu bleiben -- es sei, dass die momentan herrschende
Entstehungstheorie der Malaria auch auf die Beri-Beri übergehen wird,
d. h. dass man Mosquitos, Mücken oder ähnliche Insecten suchen und
finden wird, welche die bis jetzt unbekannte Beri-Beribacterie in ihrem
Leibe züchten und daher (??) auch die Erreger dieser Krankheit sein
sollen.
Von den Theorien, welche das Entstehen der Beri-Beri-Krankheit
erklären sollten, verdienen einige gewiss, der Nachwelt überliefert zu
werden. So z. B. die des Generalstabsarztes Y., welcher behauptete,
diese Krankheit sei nichts anderes als die Folge des Heimweh, weil
constatirt wurde, dass die eingeborenen Soldaten von ihrem Leiden
befreit wurden, sobald sie den Dienst verlassen haben und in ihre
Heimath zurückgekehrt seien. Eine andere vielleicht etwas weniger
phantastische Entstehungsursache beschäftigte jahrelang die indische
Regierung und zwar, dass der schöne weisse Reis durch den Mangel des
»Silberhäutchens« die Beri-Beri-Krankheit errege, während die Kulis und
Gefangenen, welche den rothen ordinären Reis täglich verzehren, von
dieser Krankheit verschont bleiben sollten??.
Einen wohlthätigen Einfluss hatten die Maassregeln, welche auf Grund
der +Ernährungsstörung+ als Entstehungsursache der Beri-Beri genommen
wurden. Der Marinestabsarzt van Leent glaubte nämlich beobachtet zu
haben, dass die Naturalverpflegung der europäischen Matrosen, welche
durch einen grösseren Gehalt von Fleisch und Butter charakterisirt war,
bei ihrer Anwendung in der Küche der eingeborenen Matrosen die Zahl
der B.-B.-Fälle auf ein Minimum habe fallen lassen. Es wurde also im
Jahre 1886 dieses Princip auf die Truppen der Landarmee angewendet; der
wohlthätige Einfluss zeigte sich aber nur darin, dass -- die grossen
Portionen an Fleisch, Butter, Erbsen u. s. w. den Frauen und Kindern
der eingeborenen Soldaten zu Gute kamen, welche von der Regierung nur ½
Kilo Reis und 3 Loth Salz pro Tag erhielten.
Ich will mich nicht weiter mit der Theorie der Beri-Beri-Krankheit
beschäftigen und nur den Schlusssatz meiner Abhandlung beifügen, welche
in der Internationalen Klinischen Rundschau 1887 Nr. 28-33 erschienen
war: »Die Beri-Beri ist eine miasmatische Krankheit«.
Ich kann aber nicht umhin, noch einige diesbezügliche Beobachtungen
mitzutheilen, weil ich voraussetze, dass auch der Laie einiges über
diese interessante und so wenig bekannte Tropenkrankheit gerne lesen
wird.
So z. B. kam im Anfange des Jahres 1887 ein Bataillon Hülfstruppen
von der Insel Madura nach Atjeh, welches nach den Mittheilungen ihrer
eigenen (eingeborenen) Officiere und nach jenen des begleitenden
europäischen Arztes niemals Beri-Berifälle aufzuweisen hatte. Nach
einem Aufenthalt von einem einzigen Monat waren von diesen 360 Mann
33 = 9½%!! der Beri-Beri erlegen, und als Anfang April der Befehl
ertheilt wurde, das Bataillon in seine Heimath zurückzusenden,
war es gänzlich durchseucht. Zuvor untersuchte ich auf Befehl des
Platzcommandanten als Garnisonsdoctor die in Kuta radja anwesenden
Maduresen; ungefähr 100 Mann kamen zur Untersuchung; von diesen hatten
59, also mehr als die Hälfte! ein oder mehrere Symptome der Beri-Beri:
Wassersucht, Kachexie (Blutarmuth), grosses Herz, beschleunigten Puls
und aufsteigende Gefühllosigkeit (Anaesthesia ascendens). (Keiner von
ihnen hatte aber die atrophische oder trockene[69] Beri-Beri.)
Die Degeneration der Nerven beginnt, wie ich schon erwähnt habe, an den
unteren Extremitäten und steigt successive nach oben; ich habe mich
damals während meines Aufenthaltes im Spitale oft genug bemüht, durch
elektrische Untersuchung der einzelnen Nerven frühzeitig die Diagnose
zu sichern; die Resultate waren so ungünstig, dass ich zuletzt jeden
weiteren Versuch aufgab, obzwar diese Untersuchungsmethode gerade von
Pekelharing und seinem tüchtigen Assistenten, dem jetzigen Professor
Winkler, geübt und empfohlen wurde. Ich schrieb die mangelhaften
Resultate theilweise meiner unentwickelten Technik und theilweise den
unbekannten Gesetzen der elektrischen Verhältnisse in den Tropen zu.
Die ausgesprochenen Formen der Beri-Beri werden jedoch durch die
klinischen Symptome so leicht diagnosticirt, dass die elektrische
Untersuchung überflüssig ist.
Ein Fall von atrophischer Beri-Beri oder trockener Beri-Beri, wie
sie von den Malaien genannt wird, welchen ich damals im grossen
Militärspital zu Kuta radja beobachtete, betraf einen wirklich
beklagenswerthen Sträfling; er war an allen vier Extremitäten gelähmt
und die Abmagerung war so stark, dass man zweifeln konnte, ob er denn
wirklich Muskelfleisch besessen habe. Nicht einmal soviel Kraft hatte
er, dass er die Speisen zum Munde führen konnte; dennoch heilte er
in 4 Monaten so weit, dass er nach dem Hochlande der Provinz Padang
transferirt werden konnte, wo die meisten Beri-Beri-Patienten sich
beinahe bis zur Norm erholten.
Wenn ich auch an dieser Stelle die medicinischen Streitfragen der
Beri-Beri nicht ausführlich besprechen kann und will -- die Motivirung
meiner Behauptung, dass sie eine miasmatische Krankheit sei, kann ja
Jeder im oben erwähnten Aufsatze in der Internationalen Rundschau 1887
Nr. 28 ff. finden --, so glaube ich doch noch einige markante Momente
aus jener fürchterlichen Beri-Beri-Epidemie mittheilen zu müssen.
Die indische Regierung stand damals (und steht noch heute) im Norden
Sumatras auf dem Kriegsfusse. Der Guerillakrieg wüthete schon seit
1873, und in diesen 13 Jahren war durch den ewigen Wechsel des
Regierungsprincipes, wie wir noch sehen werden, Holland gezwungen,
sich auf den äussersten Punkt im Norden Sumatras und noch einige
Küstenplätze zurückzuziehen. Diese wenigen Punkte musste sie, coûte que
coûte, besetzt halten, wollte sie überhaupt den Norden Sumatras nicht
verlieren und England dadurch zwingen, an ihre Stelle zu treten. Die
Atjeer waren ja von jeher die gefürchtetsten Seeräuber, welche nicht
nur die Strasse von Malacca stets bedrohten, sondern ihre Raubzüge
bis auf den Continent und die entferntesten Inseln des Archipels
ausstreckten.
Durch die Concentrirung im Jahre 1885 wurde der Feind aber übermüthig;
er wagte es selbst, Kuta radja zu attaquiren; die Garnison musste
also eine gewisse Stärke besitzen, sei es zur Vertheidigung, oder
sei es, um hin und wieder Ausfälle zu machen und dadurch den Feind
in unschädlicher Entfernung zu halten. Dazu gehört eine hinreichend
grosse Zahl valider Mannschaften. Das epidemische Auftreten der
Beri-Beri decimirte aber die Garnison, und die am Leben Bleibenden
waren zu schwach, um Ausfälle oder Patrouillen zu machen. Es war daher
ein steter Wechsel der Garnison nöthig. Aus dem ganzen Reiche: von
Java, von Borneo, selbst von den Molukken mussten die Truppen nach
Atjeh gesandt werden, um die erschöpften invaliden Soldaten abzulösen;
im Hochgebirge des westlichen Sumatra oder Java erholten sich diese
allerdings in der Regel in 4-5 Monaten; aber im Laufe der Zeit wurde
die ganze indische Armee auf diese Weise durchseucht. (Der europäische
Theil war gegen die Beri-Beri widerstandskräftiger als die
Eingeborenen, und auch die Mortalität war nur unter den eingeborenen
Soldaten eine sehr hohe.) Diese Andeutungen sind hinreichend, die
Schwierigkeiten erkennen zu lassen, mit welchen diesbezüglich die
holländische Regierung zu kämpfen hatte.
[Illustration: Fig. 17. Im hohen Schilderhaus.
(Vide Seite 142.)]
Glücklicherweise beherrschte dieses graue Gespenst keineswegs die
allgemeine Stimmung der (europäischen) Officiere und ihrer Familien.
In Indien muss man Fatalist sein oder es werden, und im Bivouak muss
man es bleiben. Der Officiersclub war jeden Abend stark besucht,
jeden Sonnabend concertirte die Militärmusik nach dem Nachtmahl (von
9 Uhr ab) für die Freunde des Kartenspiels, und jeden Sonntag spielte
die Musik von 6 bis 8 Uhr ihre fröhlichen Weisen für die Jugend und
für die Damen. Die Officiere hatten nebstdem einen Dilettantenverein
für die Aufführung von Operetten und Lustspielen errichtet, und die
Unterofficiere gaben oft genug schöne Tingel-Tangelvorstellungen.
Regelmässig hielten die angesehensten Officiere und Beamten ihre festen
Empfangsabende, und häufig genug gab der Gouverneur »van Atjeh en
Onderhoorigheden« einen Ball, auf welchem bis in die frühe Morgenstunde
getanzt wurde, obwohl es nur zu oft geschah, dass um 5 Uhr früh das
Alarmsignal die Officiere zum Ausmarsch rief vom Clubgebäude weg, wohin
sie sich nach dem Tanze geflüchtet hatten, um das Fest ungestört durch
die Anwesenheit von Damen oder Chefs besprechen zu können.
Auch die Freimaurer »arbeiteten«, d. h. sie hielten häufig
Vereinsabende und feierten besondere Anlässe. Den 10. März 1887 hielten
sie z. B. von 3-6 Uhr eine Trauerloge zur Ehre ihres verstorbenen
Präsidenten und Meisters »Civil- und Militär-Gouverneur von Atjeh und
Vasallenstaaten, Generalmajor der indischen Armee Henri Demmeni«,
welcher zu spät den Schauplatz seiner Thätigkeit verliess und in Paya
Combo (im Hochland von Padang) Heilung und Rettung von seiner schweren
Beri-Beri vergebens suchte; er starb den 13. December 1886.
»Schwesterlogen« wurden gehalten, z. B. am 18. März 1888, zu denen
die Frauen resp. die Töchter der Freimaurer Zugang hatten, und welche
hauptsächlich in einem gemeinsamen Souper bestanden. Die Neugierde der
Damen wurde dabei natürlich nur in geringem Maasse befriedigt.
Das Gebäude hiess im Volksmunde rumah séthan = das Haus des Teufels,
war ein einfaches unansehnliches Haus und stand auf dem Wege nach
Gedáh zwischen zwei Tokos (= Geschäftshäusern). Mir war immer
unverständlich, welchen Zweck die Loge »Prins Frederik« +damals+
in Kuta radja, am 20. August 1880 constituirt, erfüllen sollte.
Damals war die Hauptstadt +im Kriegszustande+; ein Verkehr mit den
Eingeborenen des Landes fand nicht statt; die kosmopolitischen und
menschenfreundlichen Principien der Freimaurer können in Kriegszeiten
unmöglich ein Feld zur Bethätigung finden. Sollte die Loge also nur
den Zweck gehabt haben, den Gesinnungsgenossen den Austausch ihrer
Erfahrungen, Ansichten und Zukunftspläne in freundschaftlichem Verkehr
(den ersten Mittwoch eines jeden Monats) zu ermöglichen?
Der Krieg auf Sumatra wüthete damals schon seit vierzehn Jahren mit
allen seinen Schrecken; aber, wie ich schon oben erwähnt habe, er
vermochte nicht, die Officiere in ihrem fröhlichen täglichen Leben zu
hindern, und zahlreiche Gelegenheiten wurden gesucht und gefunden, um
den Ernst des Lebens durch Feste und Spiele vergessen zu lassen.
Ich und meine Frau betheiligten uns an diesen Festlichkeiten nur als
passive Zuschauer; die erste Operette, welche wir in dieser Garnison
sahen, war die »Grande Duchesse«, welche wir kurz vorher in Wien von
Berufs-Schauspielern aufführen gesehen hatten. Einstimmig war unser
Beider Urtheil, dass in Wien nicht schöner gesungen, nicht besser
gespielt wurde, und die Ausstattung nicht schöner war, als in Atjeh, im
Bivouak von Kuta radja. Auch ein Assaut, welches von Unterofficieren am
Geburtstage des Königs aufgeführt wurde, war geradezu vortrefflich vom
Stapel gelaufen. Es herrschte wirklich eine fröhliche und zielbewusste
gute Stimmung unter uns Allen, obzwar täglich, oft selbst stündlich des
Lebens Ernst mit der grössten Anforderung an uns trat. Die Beri-Beri,
die Cholera, die Malaria und die Dysenterie mordeten in den Reihen der
eingeborenen[70] Soldaten ebenso stark als die feindlichen Kugeln; oft
hörten wir an einem Tage sechs bis sieben Mal den Trauermarsch, mit
welchem diese Opfer zu Grabe getragen wurden.
Jeden Tag gingen Patrouillen von 40 Mann nach allen Richtungen das
Terrain untersuchen, welches sie zwischen Kuta radja und der »Linie«,
d. h. der Grenze des eroberten Landes durchstreiften; nur zu oft
durchbrachen grosse Schaaren des Feindes die Linie und bedrohten
die Hauptstadt. Dies geschah auch am 4. April 1887, ohne dass die
Regierung von ihrer Anzahl auch nur eine Ahnung hatte. An diesem Tage
kam die Nachricht nach Kuta radja, dass eine Schaar bewaffneter Atjeer
sich bei Kuta radja bedil, also nur ungefähr 2-2½ Stunden von der
Hauptstadt entfernt, versammelt hätte, um an den alten Sultansgräbern
zu beten, und die »befreundeten Atjeer« zur Theilnahme an dem Kriege
gegen die »Kâpirs« aufzufordern. Ein Bataillon Soldaten wurde sofort
dahin geschickt, um sie anzugreifen und -- gefangen zu nehmen. Um
10 Uhr Morgens ging ich von Gedáh nach Kôta álam und passirte den
Anfang des Pedirdammes. Hier kam im Laufschritt der Capitain van
den Generalenstab, Hauptmann X., athemlos gelaufen und rief mir zu:
»Keine Tragbahren, keine Artillerie, 30 Todte, keine Medicamente und
69 Verwundete!« Ein trauriges Ende einer Patrouille, welche ein »paar
Fanatiker« gefangen nehmen sollte!
Sofort ging natürlich Hülfe dahin ab, und alle Aerzte bekamen den
Auftrag, um 5 Uhr im Spital sich zu versammeln und die heimgebrachten
Opfer in Behandlung zu nehmen. -- Die Gefangennahme war nicht gelungen.
Es wurde Kriegsrath gehalten und beschlossen, in der Nacht eine
zweite Expedition dahin zu senden, um Rache zu nehmen. Ich bekam
den Auftrag, mit einem Assistenzarzt und der nöthigen Ambulanz die
Expedition mitzumachen, und wurde Abends um 9 Uhr eingeladen, mich
an dem Kriegsrath zu betheiligen. Es wurde der Plan entworfen, um
½4 Uhr Morgens aufzubrechen, um gerade bei Sonnenaufgang das Lager
der Feinde angreifen zu können. Es war ein kühler Morgen; der Himmel
war unbedeckt, und die Sterne erhellten hinreichend das Terrain, um
ungehindert auf dem Damme marschiren zu können, zu dessen beiden
Seiten nur niedriges Alang-Alang den trockenen Sumpfboden bedeckte;
um 5¾ Uhr erhob sich die Sonne zu unserer Rechten, und hohes
Schilfrohr bedeckte das Terrain der alten Sultansgräber. Oberst
Barthelemy, der Commandant der Expedition, liess eine Salve geben, um
sich zu vergewissern, dass im Schilfrohr kein Feind sich verborgen
halte, und -- »der Vogel war geflogen«.[71] Der Feind hatte sich mit
dem moralischen Erfolge des vorigen Tages begnügt, die Gewehre der
getödteten und verwundeten Soldaten mitgenommen und das Schlachtfeld
verlassen -- ohne die Truppen »+nach Hause zu begleiten+«.
[Illustration: Fig. 18. Ein atjeeisches Ehepaar.
(Vide Seite 153.)]
Es gingen nämlich jeden Tag regelmässig Patrouillen in der Stärke von
40 Mann von der Hauptstadt aus, um in verschiedenen Richtungen das
Terrain innerhalb der »Linie« zu durchsuchen und jeden Atjeer, der
bewaffnet war, ohne einen Pass dafür zu besitzen, gefangen zu nehmen;
oder aber es zogen grössere Truppenmassen aus, weil der Spionenbericht
eingelangt war, dass auf irgend einer Stelle »der Linie« eine Schaar
feindlicher Atjeer einen Einfall unternommen habe. Wurden in diesen
Fällen feindliche Truppen angetroffen, so blieben sie nicht stehen und
wichen so lange aus, bis die Patrouille der Verfolgung ein Ende machen
zu müssen glaubte und umkehrte. Dann erst gingen die Atjeer zu dem
Anfalle über; entweder griffen sie die letzten Männer der Nachhut mit
dem Klewang (grosses Schwert) an oder legten sich in den Hinterhalt
und schossen einige aus der Haupttruppe nieder und flüchteten sofort,
sobald die Soldaten zum Angriffe übergingen; dieses wiederholte sich
so lange, bis die Patrouille sich dem Hauptplatz genähert hatte. Die
Atjeer combinirten nämlich ganz richtig, dass diese Patrouillen auf
ihrem Rückwege schon ermüdet und übrigens auch weniger vorsichtig als
beim Ausmarsch seien; in diesem damals schon 15jährigen Guerillakriege
hat dieses »nach Hause begleiten« der Truppen vielleicht gerade
so viel Opfer gekostet, als alle grösseren oder kleineren offenen
Feldschlachten zusammen. Glücklich hat dieser »kleine Krieg« schon seit
einigen Jahren aufgehört, weil die Holländer sich endlich entschlossen
haben, ihr Ziel, Atjeh zu unterwerfen, unentwegt vor Augen zu halten,
d. h. dem ewigen Laviren in der Weise von Kriegführen ein Ende zu
machen. Einer der bedeutendsten Officiere der indischen Armee, der
damalige Major Pompe van Meerdervort, theilte mir nämlich mit, dass
Holland schon längst in den Besitz von Atjeh hätte sein können, wenn es
nur ein einziges Mal an »Einem Princip« einige Jahre lang festgehalten
hätte.
Das Princip der »alten ostindischen Compagnie« war ein sehr einfaches:
sie eroberte sich an der Küste einer Insel einen Hafenplatz, erbaute
ein Fort, errichtete eine Factory und wartete und wartete, bis die
eingeborenen Fürsten in ihren ewig dauernden Fehden abwechselnd die
Hülfe der Factory anriefen und dann: divide et impera.
Auch die Küste von Gross-Atjeh besass eine grosse Zahl von kleineren
oder grösseren Fürsten, die sich von jeher stark bekämpften; ein
Sultan, welcher +mit Recht+ Sultan von Atjeh oder sogar von Gross-Atjeh
genannt werden könnte, hat niemals existirt. Allerdings erhoben
einzelne Sultane von Gross-Atjeh Anspruch auf Souveränitätsrechte von
ganz Atjeh, von Deli, Siak, ja selbst von Djohor (auf Malacca); aber
die Zahl dieser Prätendenten war zu gross, um praktische Erfolge zu
haben; die Fürsten von Pasir, Pedir, Segli, Samalangan und Edi auf der
Ostküste und die von Tenom, Analabu, Trunom, Singkel und Baros auf der
Westküste Atjehs haben abwechselnd grossen politischen Einfluss gehabt,
ohne dass ein Einziger von ihnen de jure und noch weniger de facto
Sultan von Atjeh sich nennen konnte. Noch weniger hatte auf diesen
Titel jener »Sultan von Kamala« Anspruch, welcher in der gegenwärtigen
Zeit das Haupt der feindlichen Opposition auf Atjeh genannt wird.
Es trachteten die Holländer, getreu dem Princip: Divide et impera, die
eifersüchtigen Streitigkeiten aller dieser zahlreichen Fürsten zu ihrem
Ziele zu gebrauchen, aber über das »Wie« hatte jeder Gouverneur-General
von N.-Indien und jeder Gouverneur von Atjeh eine andere Ansicht, und
nur der oben erwähnte Pompe van Meerdervoort legte sein Amt nieder, als
sich seine Ansichten in Widerspruch mit jenen des Gouverneur-General in
Batavia stellten.
Seitdem England durch Tractat vom 2. November 1871 Holland »freie
Hand auf Sumatra liess« und Atjeh sich weigerte, nicht nur die
Souveränität von Holland anzuerkennen, sondern auch den Sclavenhandel
auf der Insel Nias aufzugeben und den Seeraub in der Strasse von
Malacca einzustellen, gab sich Holland alle Mühe, auf gütlichem Wege
diese drei Bedingungen erfüllt zu bekommen, um endlich den 26. März
1873 den Krieg zu erklären und Atjeh dazu zu zwingen. Die Eroberung
von Kuta radja gelang und ebenfalls das Errichten eines Forts in der
alten Sultansstadt von Atjeh; aber die Fortsetzung blieb aus; bald
bemühte sich Holland, durch Geld die anderen Fürsten zu gewinnen, d. h.
die Souveränitätsrechte abzukaufen, bald durch die Waffen; der eine
Gouverneur blockirte diesen oder jenen Theil der Küste, um die Ausfuhr
der Landesproducte zu verhindern, der andere öffnete alle Hafenstädte
und legte einen Ausfuhr-, der andere wieder einen Einfuhrzoll auf; der
eine warb bei diesem oder jenem Fürsten Hülfstruppen und gab ihnen
europäische Waffen; der andere nahm ihnen wieder alle Gewehre ab
und liess ihnen nur das nationale Schwert, den Klewang. Bald wurde
eine geringfügige polizeiliche Uebertretung zum Anlass genommen,
einen Kampong (Dorf) dafür zu züchtigen, und bald wiederum wurde der
Ueberfall einer Patrouille »als vereinzelt stehender« Racheact eines
Privatmannes erklärt, welcher vor dem Friedensrichter sich verantworten
musste. Die weitestgehende Veränderung der Politik geschah im Jahre
1885, welche, wie wir sehen werden, nach allen Richtungen hin traurige
Folgen nach sich zog.
* * * * *
Auch die Elemente brachten, wenn auch nicht angenehme, so doch
reichliche und oft interessante Episoden in unser tägliches Leben.
Bekanntermaassen zieht von den Philippinen eine stattliche Reihe von
Vulcanen um die Südküste Asiens bis zu der Westküste von Hinterindien.
Ob nun Java oder Sumatra »das grossartigste Vulcanenland der Erde« sei,
weiss ich nicht; auf Sumatra +sollen+ 60 Vulcane sich befinden, was bei
einer Länge von 1117 km eine Durchschnittsziffer von 1 Vulcan auf 18 km
Länge geben würde.
Wir hatten während unseres zweijährigen Aufenthaltes im Norden Sumatras
also (?) häufig genug Gelegenheit, Erdbeben zu fühlen; aber einen
thätigen Vulcan sah ich nicht; das Innere dieser Provinz ist beinahe
ganz unbekannt, das Centrum des Erdbebens kam also stets aus einer
terra incognita, umsomehr weil, wenigstens damals, auf ganz Atjeh sich
kein Seismometer (Erdbebenmesser) befand. In der Regel beunruhigte
man sich auf Sumatra sehr wenig durch das Auftreten von Erdbeben;
mir selbst hätte ein solches (März des Jahres 1887) beinahe grosse
Unannehmlichkeiten bereitet. Ich sass an diesem Tage im Officiersclub
neben dem Dr. X., der seine Stellung als Stabsarzt etwas überschätzte.
Er spielte L’hombre und meldete ein sans prendre an, welches wirklich
sehr schwach war. Er gewann es, und ich wollte ihm das Lob geben, durch
gutes Spiel dieses Solo gewonnen zu haben, und schlug ihm mit der
Hand auf die Schulter mit den Worten: Jetzt haben Sie gut gespielt.
In diesem Augenblicke warf mich ein Erdbeben so stark gegen ihn, dass
dieser Schlag auf die Schulter unbeabsichtigt empfindlich wurde. Dr.
X. sprang auf und mass mich mit seinen Blicken und rief mir zu: Wie
erlauben Sie sich eine solche Vertraulichkeit zu mir? Das Schlingern
der Lampen und das Klirren der Gläser bestätigten hinreichend meine
unbeabsichtigt etwas stärker ausgefallene Aeusserung der Anerkennung
seines guten Spieles und der Friede wurde nicht gestört.
Eine »Bandjir« (= Ueberströmung M.) brachte in der ersten Woche des
Monat December (1886) ebenfalls hinreichende Abwechslung des täglichen
Lebens und selbst mannigfache Zerstreuung. Damals war ich dem Spitale
zugetheilt und wohnte demzufolge in der Vorstadt Pántej-Pérak (=
Silberufer? M.) am linken Ufer des Atjehflusses. Ein Damm theilte diese
Vorstadt in zwei Hälften; links standen die Kirche und das Pfarrhaus,
und daran schlossen sich einige alte Häuser aus Bambus. Das Terrain war
der alte angespülte Alluvialboden ohne Erhöhung, sodass das Entrée in
dem Hause mit dem Damme in gleichem Niveau lag; am rechten Ufer war das
Terrain im Niveau des Dammes, und die Häuser standen auf Pfählen von
ein Meter Höhe.