»Barangkâli,« erwiderte der Kutscher, »Tuwan Allah kassih.« »Vielleicht

giebt es Gott der Herr, dass auch mein Sohn so alt wie dieser Baum

wird; und wenn in zehn oder zwanzig Jahren dieser Baum viele Früchte

trägt, wird mein Sohn auch so brav und so nützlich wie dieser Baum

sein, und ich werde ihm dann erzählen, dass Sie, Herr Doctor! die

Saat dem Boden anvertraut haben und dass Sie, Herr Doctor, stets gut

gegen seinen Vater gewesen sind. Auch bitte ich Sie, zum Slametan (=

Feste) zu kommen, welches ich zu Ehren dieses neugeborenen Kindes geben

werde.« Ich versprach ihm, dies zu thun, natürlich mit dem üblichen

Vorbehalte, durch ein Geldgeschenk mich davon loszukaufen. Er schickte

mir auf einem grossen Tablet die Einladung zu dem Feste. Darauf lagen

eine Cocosnuss, zehn Hühnereier, ein Kolben Pisang, zwanzig Mangistan

und ein Huhn. Ich gab dem Ueberbringer einen Ryksdaalder (= 4¼ Mark)

und meine Glückwünsche, ohne meinen Kutscher durch meine persönliche

Anwesenheit bei dem Feste in Verlegenheit zu bringen.

Ueber den vielseitigen Nutzen dieses Baumes will ich kein Wort

verlieren, weil dieser im Allgemeinen bereits hinreichend bekannt ist;

ich glaube aber, bevor ich den Faden meiner Erzählung wieder aufnehme,

die Rolle andeuten zu müssen, welche dieser Baum im Arzneischatze der

Malaien spielt. Aus dem Blüthensafte wird Sagower, Tuwakwein und Legèn

bereitet, welche mit Lontar-Zucker gemischt gegen Urin-Erkrankungen

gegeben werden; die jungen getrockneten Früchte werden innerlich gegen

Diarrhoe und äusserlich gegen die Krätze verwendet; die Cocosmilch

ist ein Diureticum und der Saft der unreifen Frucht ein Antilueticum

und wird auch bei Lungenkrankheiten angewendet; auch der Ausbruch

der Masern soll durch das Trinken von Cocosmilch befördert werden.

Selbstverständlich wird das aus der Nuss gewonnene Oel in der Pflege

der Haut, der Haare und in der Behandlung zahlreicher Hautkrankheiten

häufig gebraucht.

* * * * *

Kaum war der Anker gefallen, sah ich einen Kahn mit der

Gouvernementsfahne am Steuerruder befestigt sich dem Schiffe nähern,

und bald stieg auf der Falltreppe Lieutenant X. auf’s Schiff, um mir

mitzutheilen, dass ich in der Hauptstadt = Kuta radja = Königsstadt

dem grossen Militärspital zugetheilt, und dass mir eine Wohnung in

der Vorstadt Pantej Perak angewiesen sei, welche zwar nicht ganz den

Ansprüchen einer Officierswohnung gerecht werde, aber für ein junges

Ehepaar, wie er lächelnd hinzufügte, mehr als genug Raum biete;

übrigens würde ich für den Mangel an Comfort, welchen die Wohnung

gewiss biete, weil sie ganz aus Bambus bestehe, durch den Erhalt von

Quartiergeld von 70 fl. = 116 Mark monatlich entschädigt werden.

Meine Frau hatte allerdings in diesem Augenblick keine Ahnung, in

welchen Räumlichkeiten sie ihre Flitterwochen zubringen sollte. -- Auf

sein Anrathen beeilten wir uns, unser Gepäck in seinen Kahn bringen

zu lassen, um mit dem nächsten Zug nach der Hauptstadt fahren zu

können, weil wir im andern Falle bis in die späte Nachmittagsstunde

warten müssten. Vielleicht zwanzig Treppen führten auf den Brückenkopf

des Pier, und kaum hatten wir ihn bestiegen, so bemächtigten sich

einige chinesische Kulis lärmend unsers Gepäckes und liefen damit zum

Stationsgebäude. (Für grössere Waarentransporte geht allerdings vom

Stationsgebäude ein Zweig der Eisenbahn bis gegen das Ende des Pier.)

Zu unserer Rechten stand das »Kampement« mit seinen Officierswohnungen,

und links zog sich der Seestrand mit seinen Clubgebäuden und einigen

europäischen »Tokos« 1 km weit nach Osten. Von dem westlichen Ende des

Kampement hatte man eine schöne Aussicht auf den Hafen und über den

Sumpf hin auf ein kleines Fort, welches von dieser Seite Uléë-Lhöë

beschützen sollte, anderseits mit seinen Kanonen auch das westliche

Ende der »Ceinturebahn« bestrich, welche rings um die Königsstadt zog,

von sechs Forts in einem Abstand von je 1000 Metern beschützt wurde und

bei Pakan Krung Tjut wieder das sumpfige Ufer der See erreichte.

Schon bei dieser ersten Fahrt im feindlichen Lande sollte uns ein

kleiner Schrecken nicht erspart bleiben, der glücklicher Weise nur

ein blinder Schuss war. Während unser Wagen mit einer Geschwindigkeit

von 15 km durch die Sümpfe von Uléë-Lhöë fuhr, öffnete ein Herr

plötzlich die Thüre und rief: »Ein Stoss, Acht geben!« Alle Anwesenden

verstanden jedoch »ein Schuss«, und mit Blitzeseile waren alle Damen

+unter+ den Bänken. Der gepanzerte Waggon hatte nämlich nur zwei Bänke.

Gleich darauf erfolgte thatsächlich ein Zusammenstossen mit einem vom

Stationsgebäude abgesandten Rangirzug.

Nach einer viertel Stunde erreichten wir die Hauptstadt.[66] Ein

niedriges unansehnliches Stationsgebäude empfing uns, wir gingen bei

dem schönen Clubgebäude vorbei und kamen auf einen Damm, welcher

am rechten Ufer des Atjehflusses lag. Eine Brücke führte auf das

jenseitige Ufer und zwar nach Pantej Perak. Der erste Weg in dieser

Vorstadt war eine hübsche Allee, welche auf ihrer rechten Seite

eine Reihe schöner hölzerner Officierswohnungen mit Dächern aus

galvanisirtem Eisen hatte; zur linken Seite standen das Pfarrhaus (Fig.

13) und eine Reihe alter verfaulter Wohnungen aus Bambus, von denen

eine unser »Heim« werden sollte. Eine Wachstube schloss sich daran an,

und zehn Schritte davon entfernt war schon das Gehege aus Stacheldraht,

welches die ganze Hauptstadt vor einem unerwarteten Ueberfalle der

Atjeer beschützte.

Während wir wehmüthigen Blickes unser »Haus« besichtigten, ertönten

hinter uns auf dem Wege, welcher nach dem grossen Militärspitale und

nach dem Kampong Kuta Alam führte, die dumpfen Klänge einer Trommel,

welche mit einem schwarzen Tuch bedeckt war. Ein eingeborener Sergeant

war der Beri-Beri erlegen, und die Hälfte seiner Compagnie begleitete

ihn zu seiner ewigen Ruhestätte. Da wir unser Hôtel aufsuchen mussten,

wo unterdessen unser Gepäck unter Begleitung unserer Bedienten

angelangt sein konnte, folgten wir dem Trauerzuge, nachdem ich -- ich

war ja in Uniform -- dem Sarge den militärischen Gruss gegeben hatte.

Wir gingen zurück über die schöne eiserne Brücke und hatten vis-à-vis

dem Clubgebäude das Hôtel »Kugelmann« und zwar auf dem Wege nach Gedáh.

Der Leichenzug ging hinter dem Stationsgebäude nach dem Kirchhof,

welcher in der Nähe des Kunstberges auf dem Terrain des ehemaligen

Kampongs Petjut lag.

Im Hôtel fanden wir vorläufig unser Unterkommen, und wir hatten

genug Gelegenheit, für die Einrichtung »des Hauses« zu sorgen. Das

Hôtel hatte nämlich »einen Toko« = »einen Kaufladen« für +alle+

täglichen Bedürfnisse, und an dieses schloss sich eine Reihe von

»Häusern«, in denen sich noch andere europäische Geschäfte befanden,

so dass thatsächlich die ganze Einrichtung der neuen Wohnung aus dem

Vorrath dieser Geschäfte gedeckt werden konnte. Da wir ja doch das

Meiste mitgebracht hatten (selbst ein eisernes Bett mit Mosquito-Netz),

so beschränkten sich unsere Einkäufe auf Möbel und Küchengeschirr.

So manche stillen Thränen sind aus den Augen meiner Frau, wie

sie späterhin mittheilte, geflossen, als sie zum ersten Male das

Innere dieses »Hauses« betrat und nichts als kahle, schmutzige,

gelblichbraune, mit Staub und Spinnengewebe bedeckte Wände sah,

zwischen welchen sie das trauliche Heim ihrer jungen Ehe gründen

sollte. Nicht einmal Fenster hatte die Wohnung; nur Oeffnungen, welche

mit kleinen Thüren aus demselben Material geschlossen werden konnten.

Wo sollten die zahlreichen Nippessachen, die Hochzeitsgeschenke

hingehängt oder aufgestellt werden? Wir hatten einen grossen Spiegel

und zwei grosse Stahlgravüren mitgebracht und fanden Wände aus

Bambusmatten vor, in welchen Nägel keine Stützen finden konnten.

Die Noth macht erfinderisch. In den Querlatten der Wände wurden lange

hölzerne Stifte eingeschoben und daran wurden der Spiegel, die Gemälde

und zahlreiche petits riens aufgehängt. Wir hatten ja zwei Zimmer (?)

und eine vordere Veranda; hinter dem Hause befanden sich die Küche,

das Badezimmer und die Aborte. Das Haus lag tief, ½ Meter unter der

Strasse, und stand auf kleinen Pfählen, so dass der Eingang des Hauses

im gleichen Niveau des Dammes lag; die Küche hatte jedoch keine Treppe;

ihr Flur war die des alluvialen Landes und bestand nur aus Lehm, und

sobald es regnete, drang das Wasser sofort in die Küche. Als später im

December der Atjehfluss während der Regenzeit aus seinen Ufern trat,

stand das Wasser mehr als einen halben Meter hoch in der Küche.

Dennoch gelang es meiner kleinen, aber energischen Frau, aus diesem

»Stalle« ein trautes Heim zu schaffen, in welchem wir bis 1. Februar

1887, also sechs Monate, angenehm wohnten.

Es drängt sich hier unwillkürlich eine Frage auf, welche oft bald im

Scherz, bald im Ernste von berufener und unberufener Seite besprochen

wird, die Frage nämlich, ob überhaupt den Officieren gestattet sein

sollte, »ihre Frauen nach Atjeh mitzunehmen«.

Die Gegner dieser Zustände verneinen diese Frage auf Grund folgender

Argumente: (Die Zustände haben sich seit dieser Zeit in Atjeh

bedeutend gebessert; der Guerillakrieg hat sein Terrain seit vier

Jahren weit hinaus über das Gebiet von Kuta radja verlegt; auf anderen

Inseln können sich aber diese Zustände wiederholen; es ist also

die Besprechung dieser Verhältnisse keine überflüssige!) Der Eine

behauptet, dass die Misèren des Lagerlebens überhaupt seiner Frau

erspart werden sollten; sie stünde für ihn zu hoch, um sie solchen

unwürdigen Verhältnissen auszusetzen; er selbst müsse sich diesen

Zuständen unterwerfen, weil es sein Beruf sei; seiner Frau aber wolle

er jedwelchen Comfort des Lebens verschaffen, und dieses sei in Atjeh

geradezu unmöglich. Andere Officiere motiviren ihr Strohwittwerthum

auf empirische Weise. Sehr oft sei es geschehen, dass Kuta radja von

einem Anfall der Feinde bedroht wurde. Die anwesenden Officiersfrauen

wurden nervös und aufgeregt; hin und wieder sei eine Dame unter dem

Schreck der Gefahr ohnmächtig geworden, so dass die Officiere nicht mit

Ruhe ihre Maassregeln nehmen konnten. Nur zu häufig sei es geschehen,

dass Officiere ihre übliche Patrouille machten, verwundet oder sogar

getödtet wurden, und eine Frau unerwartet ihren verwundeten oder

getödteten Mann in’s Haus erhielt, wodurch wiederum eine störende

»Scene« veranlasst wurde. Endlich giebt es Officiere, welche ein

freiwilliges Strohwittwerthum aus praktischen Ursachen auf sich nahmen.

Nach der gesetzlichen Bestimmung war ein verheiratheter Officier,

welcher seine Frau nicht bei sich hatte, nur zu einem Aufenthalte

von vierzehn Monaten in Atjeh verpflichtet und bekam für jeden Fall

Quartiergeld ausgezahlt, ob er nun eine standesgemässe Wohnung in

Atjeh erhielt, oder eine Bambushütte, wie sie oben geschildert wurde,

beziehen musste; ein Lieutenant erhielt nämlich in Atjeh 840 fl. = 1400

Mark, ein Hauptmann 1200 fl. = 2000 Mark u. s. w. Quartiergeld[67]

u. s. w. Mit diesem Betrage allein kann in der Regel die in einer

Friedensgarnison zurückgebliebene Frau ihren Lebensbedarf decken.

Natürlich giebt es auch Haudegen, welche aus Principien allgemeiner

Natur gegen den Aufenthalt der Officiersdamen in Atjeh sind und kurzweg

erklären, dass »Frauen in einem militärischen Lager nichts zu thun

und zu schaffen hätten und durch ihre Launen und nervösen Charakter

und durch ihre Bemühsucht und durch ihre Unbeständigkeit überhaupt

den Officierskreisen fern bleiben, für jeden Fall jedoch aus einem

militärischen Lager entfernt werden sollten, weil sie eben durch

diese genannten Eigenschaften den Officieren in der genauen Erfüllung

ihrer Pflichten hinderlich seien«. Ja noch mehr; sie bedauerten es

selbst, dass durch Aufhebung der Caution die Ehen der Officiere in

schreckenerregender (?!) Weise zugenommen hätten.

Die angegebenen Motive dieses Frauenhasses sind +manchmal+ nur der

Deckmantel anderer Ursachen; es giebt ja Officiere, welche ein

schweres, ja sehr schweres Ehejoch zu tragen haben; für diese ist eine

vierzehnmonatliche Trennung von ihrer besseren (?) Ehehälfte natürlich

-- eine Erleichterung. Aber gerade diesen unglücklichen Ehekrüppeln

spielt das Schicksal den traurigen Streich, dass die eigene Frau die

Richtigkeit seiner Argumente nicht anerkennt und darauf besteht, ihn

nach Atjeh zu begleiten. Sie behauptet mit mehr oder weniger Recht,

dass Eheleute Freud und +Leid+ theilen müssen; wenn er verurtheilt sei,

Entbehrungen zu leiden, so könne sie sich unmöglich einem üppigen und

luxuriösen Leben in einer Friedensgarnison ergeben. Nebstdem sei er ja

zahlreichen Gefahren ausgesetzt; sie selbst werde ja Tag und Nacht von

der grauen Sorge verzehrt, dass jeden Augenblick sein Leben bedroht

sei; durch die grosse Entfernung werde diese Sorge noch gesteigert;

in Atjeh jedoch sehe sie ihn täglich und wisse sich täglich seiner

Gesundheit zu erfreuen. Wenn er jedoch krank würde, oder wenn er

durch den Klewang (= langes Schwert) oder durch die feindliche Kugel

verwundet nach der pflegenden Hand seiner liebevollen, aber abwesenden

Frau Verlangen habe, würde es Tage oder Wochen dauern, bis er sein

Sehnen erfüllt sehen könne. Die übrigen Argumente des Haudegens lassen

sich ebenfalls leicht widerlegen.

[Illustration: Fig. 16. Meine Wohnung in Lambaro.

(Vide Seite 143. 147.)]

Wenn die Regierung seinerzeit durch Abschaffen der Caution das

Eingehen der Ehe erleichterte, hat sie vollkommen Recht gehabt. Eine

Soldatesca passte nicht in den Rahmen einer Colonial-Politik und noch

weniger in das moderne Staatsleben. Der Berufssoldat vertritt in den

Colonien den erhaltenden, schützenden und -- +vermehrenden+ Theil der

europäischen Civilisation. »Die Armee ist das Korkholz, auf dem die

ganze Colonialpolitik schwimmt«, und da die Ehe die Basis des ganzen

modernen gesellschaftlichen Lebens ist, so müssen auch die Vertreter

einer colonisirenden Macht die Ehe in ihr Programm aufnehmen. Nebstdem

wird ja nicht immer gekämpft; nur ein kleiner Theil der Armee ist

jederzeit auf dem Kriegsfusse; selbst der eingefleischte Haudegen

wird den civilisirenden Einfluss der Ehe auf das Individuum nicht

ableugnen; warum sollte also der Officier diesem entzogen bleiben? Was

den Aufenthalt in einem militärischen Lager betrifft, so ist dieser

Haudegen ebenfalls im Streite mit der Erfahrung. Ich habe zwei Jahre

in Atjeh gelebt und habe als +Arzt+ nur zu oft Gelegenheit gehabt,

hinter die Coulissen des ehelichen und Familienlebens zahlreicher

Officiere blicken zu können, und kann also aus eigener Erfahrung

mittheilen: Kein einziges Mal hat ein Officier durch die Anwesenheit

seiner Frau sich zu einer Pflichtverletzung verleiten lassen. Jener

Officier, welcher +scheinbar+ davon eine Ausnahme machte, ist wirklich

der Uebermacht erlegen; er war ein zweiter Falstaff, d. h. nur was

seinen Körperumfang betrifft; seine Frau warnte ihn immer und immer,

den Strapazen des »Ausrückens und des Patrouillirens« sich auszusetzen.

Endlich stürzte er einmal auf offenem Felde zusammen, und seine Frau

bewies dem behandelnden Regimentsarzte, dass ein Sonnenstich ihn

»beinahe getödtet« habe. Seine 113 Kilo Körpergewicht zwangen ihn,

Atjeh zu verlassen, und nicht der Einfluss seiner Frau. Ja noch mehr.

Wenn ich die Liste der Officiere nachsehen würde, welche während

meiner Dienstzeit wegen ihrer Heldenthaten mit dem »Willemsorden«

decorirt wurden, so würde ich gewiss die verheiratheten Officiere in

grösserer Zahl als die der ledigen finden. Ich kann aber auch aus

eigener Erfahrung versichern, dass die Anwesenheit der Frau auf das

Pflichtgefühl und den Muth der Männer gar keinen Einfluss nimmt und

genommen hat. Die Frau ist ja eitel -- wie der Mann, und sie will ihren

Mann ob seines Muthes nicht minder geehrt und geachtet wissen, als

jeder Officier es nur wünschen kann.

Mit dem wahren Pflichtgefühl ausgerüstet wird kein Officier mit Absicht

oder im Leichtsinn einem gefährlichen Unternehmen sich entziehen.

Der Muth dazu stellt sich bei dem pflichteifrigen Officier in allen

Situationen des Soldatenlebens ein.

Niemand wird also mit Recht behaupten, dass verheirathete Officiere

weniger Pflichtgefühl als ledige hätten. Warum sollte also die

Regierung das Heirathen der Officiere erschweren? Auch fehlt jede

Ursache, den Aufenthalt der Officiersfrauen in einer militärischen

Colonie zu erschweren oder zu verweigern. Das »Lagerleben« ohne die

gesetzlich getrauten Frauen mag für einige Officiere einen Reiz haben;

die Mehrzahl sehnt sich nach des Tages Mühe und Arbeit nach dem ruhigen

und gelassenen Familien- und ehelichen Leben.

Die Officiersfrauen fanden ja übrigens, wie wir sehen werden, auch in

Kuta radja ihre Rechnung.

* * * * *

Nachdem wir in dem Hôtel uns für einige Tage eingemiethet und ich mich

beim Gouverneur von Atjeh, beim Platzcommandanten und beim Spitalschef

gemeldet hatte, war es Zeit zur »Rysttafel« und zur Nachmittagssiesta

geworden, und um 5 Uhr machten wir unsern Spaziergang, um uns die

»Königsstadt« näher anzusehen. Vom Hôtel aus sahen wir vor uns eine

kleine Strasse, die »Kratonallee« mit dem Officiersclub zur rechten

und der Amtswohnung des Landesingenieurs zur linken Hand. Nebstdem

standen noch drei schöne Häuser aus Holz, von denen das eine für den

»Garnisonsdoctor« bestimmt war und welches auch ich sechs Monate später

bezog. Die beiden anderen »Häuser« wurden von dem Controleur der

Hauptstadt und von dem Assistent-Resident von Atjeh bewohnt. Die Jury

fand unter dem Vorsitze des Assistent-Residenten gewöhnlich in einem

dieser beiden Häuser statt. (Fig. 14.)

Diese vielleicht 120 Meter lange Allee stiess auf die Mauer des

Kraton, während links ein Weg nach Pendéëti und rechts nach dem

Stationsgebäude führte. Der Name Kraton[68] stammt aus der Zeit der

Eroberung Atjehs durch die Holländer (1873-1874). Hier stand nämlich

der Kraton (= Palast) des Sultans von Atjeh. Die ungefähr vier bis

fünf Meter hohen steinernen Mauern haben zahlreiche Schiessscharten.

Sein Inneres besteht gegenwärtig aus Casernen für zwei Bataillone

Soldaten, zahlreichen Officierswohnungen, dem Palaste des »Gouverneurs

von Atjeh«, und in der nordwestlichen Ecke stehen noch zwei steinerne

Grabmäler früherer Sultane.

Die Mauern des Kraton bilden ein Quadrat und an der Südseite schliesst

sich Nesuh an, welches gegenwärtig einen grossen Platz mit zahlreichen

»Häusern« für Officiere und Beamte und mit einer Caserne umschliesst.

Das Stacheldrahtgehege zog hinter der südlichen Front links nach Petjut

mit Kirchhof und der neuen, schönen, von den Holländern erbauten

Moschee (Fig. 15), nach Gedáh, Penájong, Pántej Perak, Kuta-Alam und

Pendéeti zurück zur östlichen Mauer des Kraton und Nesuh.

Mir ist nicht bekannt, ob noch heute alle diese Vorstädte, welche

damals in einem grossen Bogen den Kraton umgaben, dieses Gehege aus

Stacheldraht besitzen.

In Kuta radja blieb ich ein Jahr in Garnison und hatte im ersten

Halbjahre (bis 1. Februar 1887) Spitaldienst, während ich bis zum

1. August als »Garnisonsdoctor« den täglichen Krankenrapport in den

Casernen halten, die Frauen, Kinder und Revierkranken behandeln und die

hygienischen Zustände der militärischen Gebäude u. s. w. controliren,

resp. Vorschläge zu Verbesserungen einreichen musste, welche durch

die Hände des Landessanitätschefs gingen. Zur Assistenz hatte ich

einen jungen Oberarzt, dem ich den Revierdienst im Kraton und in der

Vorstadt Nesuh zuwies, während ich selbst die übrigen Theile der

Stadt täglich besuchte; den Officieren liess ich die freie Wahl, mich

oder den Oberarzt X. zum Hausarzt zu wählen. Auch allen hygienischen

Fragen in dem Kraton und in der Vorstadt Nesuh musste mein junger,

lebenslustiger Assistenzarzt die nöthige Aufmerksamkeit schenken, ohne

darum die Vertretungen derselben gegenüber dem Landessanitätschef und

dem Platzcommandanten auf sich zu nehmen. Einer meiner Vorgänger, Dr.

Kobler, von dem sofort noch mehreres mitgetheilt werden muss, hatte

nämlich kurz vorher so manche üble Stunde sich dadurch bereitet,

dass er den »hierarchikken Weg« verliess und seine Vorschläge zur

Verbesserung der hygienischen Zustände direct an den Gouverneur

einreichte und dabei, oder vielmehr dadurch seine zwei unmittelbar über

ihm stehenden Chefs »passirte«.

Es handelte sich nämlich um die Frage der Contagiosität der Beri-Beri,

welche Dr. Kobler damals behauptet hatte, und alle seine Vorschläge der

Desinfection fanden bei dem Landessanitätschef nur taube Ohren, während

der General Demmeni mit der ganzen Autorität seiner Stellung eine

radicale Desinfection von allen Gebäuden, allen Utensilien der Casernen

und Spitäler, ja selbst aller Personen auf Vorschlag des Dr. Kobler

erzwang.

Man muss sich nur die Situation vergegenwärtigen, um das Vorgehen des

Dr. Kobler und des Generals Demmeni zu verstehen und zu -- verzeihen.

Im Jahre 1885 wurden an Beri-Beri

behandelt und starben

europäische Soldaten und Matrosen 507 25 = 5%

eingeborene „ „ „ 2369 357 = 15,1%

Sträflinge 3453 1193 = 34,6%

Frauen 32 12 = 40%

Die Militärärzte standen dieser Epidemie rathlos gegenüber, weil sie

von dem Wesen der Beri-Beri-Krankheit -- nichts wussten.

Im Jahre 1886 blieb die Epidemie in ihrer Ex- und Intensität stationär,

und die Aerzte thaten wieder -- nichts. Da steht nun einer der

Militärärzte auf und erklärt, das Geheimniss der Entstehungsweise

dieser Krankheit und eine radicale Behandlung gefunden zu haben,

und seine Chefs -- thun wieder nichts; sie schwiegen aber auch und

beantworteten seine Vorschläge nur mit einem Zucken der Schulter

oder mit einer spöttischen Bemerkung. Als dies General Demmeni

erfuhr, erliess er an den Sanitätschef den Befehl, die Vorschläge des

Regimentsarztes Dr. Kobler sofort und genau auszuführen. Es waren ja im

Jahre 1886

I. Stand an Beri-Beri erkrankt, an Beri-Beri gestorben

Europäer 1238 2252 = 181% 62 = 5% d. I. Standes

Eingeborene 870 3186 = 366% 224 = 25% „ „

eingeb. Frauen 780 42 = 5% 16 = 2% „ „

eingeb. Kinder 240 3

Trotzdem blieb der Landes-Sanitätschef bei seinem passiven Widerstand,

den er im Spitale als ausserhalb der Machtsphäre des Generals Demmeni

stehend hielt; General Demmeni war jedoch nicht der Mann, um von seinen

Untergeordneten passiven Widerstand zu dulden; ich erinnere mich noch

heute dieser wirklich eigenthümlichen Scene in allen Details, welche

die Folge dieses vielleicht (?) gerechtfertigten Vorganges war; es

war an einem Samstag, als um 9 Uhr der General im Spital erschien und

den Oberstabsarzt X. aufforderte, ihm zu zeigen, welche Maassregeln

genommen worden seien, um im Spitale selbst die Infection durch die

anwesenden Beri-Beri-Kranken unmöglich zu machen. Es war nichts

geschehen. Ohne nur einen Augenblick aus seiner Ruhe zu kommen gab er

folgenden Befehl: Um 11 Uhr komme ich zurück; bis dahin müssen alle

Beri-Beri-Patienten isolirt sein; das Magazin für Leibwäsche u. s. w.

muss ebenfalls in zwei Theile getheilt sein, um die Leibwäsche dieser

Kranken nach dem Gebrauch einer radicalen Desinfection unterwerfen zu

lassen. Die Krankenwärter müssten gerade so wie auf den Cholera- und

Pockenabtheilungen ihre eigene Wäsche haben u. s. w.

So geschah es auch; die Aerzte mussten nach allen Krankensälen

eilen und alle Patienten, welche gleichzeitig an Beri-Beri litten,

heraussuchen, sie sofort nach den nördlichen Sälen transportiren

lassen, und die Officiere der Administration sorgten für die nöthige

Isolirung dieser Krankensäle und für die getrennte Administration und

Verpflegung.

Ich war diesbezüglich weniger glücklich in meiner Stellung als

Garnisonsdoctor; ich sah in der B.-B. eine miasmatische Krankheit, und

niemand hielt es damals der Mühe werth, diese Auffassung auch nur in

Betracht zu ziehen.

21 Jahre in Indien. Dritter Theil: Sumatra. · 第 11 / 23 段