Zwischen Mokko-Mokko und Lubuk Ambatjang hat der Fluss Kwantan sein

Bett tief in die Erde graben müssen, welche dort aus Kalk und Schiefer

besteht. Bis 100 Meter hoch erhebt sich das Ufer über der Fläche des

Stromes, und bei Mokko-Mokko schliessen beinahe senkrechte Kalkfelsen

die breiten Ufer ab.[61] Natürlich sieht man auch Stellen, wo das Bett

des Flusses weniger steil aufsteigt, und da kann sich das Auge an dem

üppigen Pflanzenwuchs ergötzen, welcher die Ufer umgiebt. Dann sieht

man den schönsten Urwald wie in einem Amphitheater aufgebaut. Die

säulenförmigen glatten Stämme von 40-50 Meter hohen Dipterocarpaceen

mit kleinen Kronen stehen neben 15-25 Meter hohen knorrigen, niedrig

und reich verzweigten Kasehbäumen (Pometia tomentosa T. und B.),

und an diese grenzen wieder andere Waldriesen, wie z. B. der Ampalo

(Dillenia Sumatrana Miq.), die Rengas (Gluta Renghas L.) und die Sungke

(Peronema canescens Jack). Dazwischen schlingen sich die Rottangs

mit scharfen Dornen und Lianen in mancherlei Form mit goldgelben und

scharlachrothen Blumenstauden. Sie schlingen sich von Baum zu Baum bis

zu den höchsten Spitzen und hängen dann als schöngefärbte Guirlanden

von den Zweigen herab. Eine solche Landschaft, vom Sonnenlicht

beschienen, zeigt die Farbenpracht einer tropischen Vegetation in ihrem

ganzen Reichthum. Das +Grün+ in allen Nuancen ist vorherrschend.

Dunkelgrün, beinahe schwarz scheint das dichte Laubgewölbe der hohen

Simaung-Bäume (Pangium edule Reinw.); ein helleres Grün findet man

in der breiten vollen Krone der Sungke-Bäume, während das blassgrüne

Laub von Melochia Indica Hock oder von zwei Mallotussorten (Mallotus

cochinchinensis Lour. und Mallotus floribundus Müll. Arg.) an dem

Saume des Waldes gesehen wird. Das +Gelbe+ ist stark vertreten.

Schon von Weitem sieht man die zahlreichen grossen goldgelben Blumen

von Wormia excelsa Jack und Dillenia Sumatrana Miq. und die ebenso

schön gefärbten Blumenbündel von dem Djuwarbaum (Cassia florida Vahl).

Noch mehr wird unsere Aufmerksamkeit gefesselt von einer während der

Blüthezeit entblätterten Sterculia, welche wie ein riesengrosser gelber

Blumenstrauss von dem grünen Hintergrunde der Bäume absticht, während

eine hier häufig vorkommende Liane mit zahlreichen gelben Blumen

geschmückt ist. +Orangengelb+ ist die Farbe der Blüthen eines

kleinen Baumes aus der Familie der Rubiaceen, wahrscheinlich einer

Pavetta. +Scharlachrothe+ Blumenguirlanden von einer Liane hängen

zwischen den Bäumen herab und werden abgewechselt von den zahlreichen

+rothvioletten+ aufrechtstehenden Blumenbündeln der Sterculiacea

Kleinhovia hospita L. Ein +Dunkelpurpur+ bedeckt die Spitzen

der Kasehbäume und ebenso die von einer Eugenia, welche jetzt mit

jungem Laub bedeckt sind. Die +dunkelbraune+ Farbe, welche die

hohen Spitzen der Timbalun-Bäume zeigen, verdanken sie jedoch weder

dem Laube noch den Blüthen, sondern den geflügelten Früchten, womit

sie jetzt bedeckt sind. Diese Farbe sieht man auch an den Flügeln der

Dipterocarpussorten, deren Früchte man als grosse Schmetterlinge hin

und wieder hinunterschweben sieht. +Graubraun+ ist die Unterseite

der Blätter von Durio Zibethinus L. von Pterospermum diversifolium Bl.

und von Pterospermum suberifolium Willd. +Schneeweiss+ sind die

Blumenbündel der Pometia tomentosa T. und B. und der Peronema canescens

Jack.

Auffallend ist die Höhe der Bäume, die manchmal 40 bis 60 Meter

beträgt, während der glatte Stamm erst auf einer Höhe von 30 Metern

Zweige abgiebt. Dazu gehören: Alstonia scholaris Br., Sterculia

spectabilis Miq., Neesia altissima Bl., Dipterocarpus littoralis Bl.,

Dipterocarpus appendiculatus Scheff., Paroshorea lucida Kurz, Pangium

edule Reinw., Pterospermum suberifolium Bl., Parkia intermedia Hassk.,

Sloetia Sideoxylon Teysm. et Bum, Artocarpus Blumei Tréc, Cedrela

serrulata Miq. Isolirt stehen colossale Exemplare von Ficussorten,

welche ihr gigantisches Aussehen nicht der Höhe, sondern dem

Umfange[62] verdanken. Man findet aber auch kurze, dünne, säulenförmige

Stämme und zwar bei den Baumfarren (Alsophila) und bei der Palme Arenga

obtusifolia Marl. Dünne Stämme, welche nur einige Mal gabelförmig

verzweigen, haben Arthrophyllum diversifolium Bl., Oroxylon indicum

Bl. und Pandanus furcata Roxb. Knorrige krumme Stämme, welche sich

in unregelmässig gekrümmten Zweigen und zwar in der Nähe des Bodens

verzweigen, zeigt Dillenia Sumatrana Miq. Am Ufer des Flusses stehen

natürlich noch zahlreiche Gesträuche mit dünnen krummen Zweigen aus der

Familie Aglaia, Meliaceae und Myrtaceae.

Auch die Form der Blätter ist reich an Abwechslung. Rund- oder

herzförmig sind die Blätter der Kleinhovia hospita L., Mallotus

cochinchinensis Lour., Mallotus floribundus Mull.-Arg. und Homalanthus

populifolius. Grosse, längliche, gelappte oder flossenartig zertheilte

Blätter hat Artacarpus Blumei Trec.; Macaranga hypoleuca Mull.

und Pangium edule Reinw.; ein bis zwei Meter lange flossenartige

Blätter haben Peronema canescens, Pometia tomentosa, Arthrophyllum

diversifolium, Oroxylon indicum, Cedrela serrulata Miq., Canarium

hispidum, Canarium rostriferum u. s. w. Einen sehr eigenthümlichen

Typus zeigen die Blätter der Federpalme Arenga obtusifolia, welche über

sechs Meter lang werden, und ebenso charakteristisch sind die Blätter

der Pandanussorte von drei bis sechs Metern, welche an den Rändern

scharfe Dornen haben und wie eine Spirale um den Stamm geordnet sind.

Von dem Urwald selbst ist der Herr Koorders wenig oder gar nicht

entzückt. Wenn der Waldsaum am Ufer (des Kwantan) durch die

Farbenpracht der Blumen, durch die pittoresken Formen der Blätter und

Stämme und durch die oft gigantische Höhe der Bäume jeden Touristen

entzücken, so zeigt der Urwald selbst, welchen ich sah und zwar sowohl

auf Sumatra als auf Borneo, ein anderes, aber darum nicht weniger

interessantes Bild. Die majestätische Ruhe für das Ohr und für das

Auge ist das Charakteristische des Urwaldes stricte dictu d. h. in

seinem Innern. Am Waldessaum breiten die Waldriesen ihre Gipfel zu

mächtigen Kronen aus; im Innern des Urwaldes stehen sie aneinander

gedrungen und formen in einer Höhe von 30 bis 40 Meter ein Gewölbe,

durch welches kein Sonnenstrahl dringt; die Bäume selbst sind kaum

ein Meter dick und verzweigen sich schon auf eine Höhe von 20 bis 25

Meter. Nur wenige Lianen ziehen von Stamm zu Stamm, und nur mit Mühe

schreitet man zwischen diesen vorwärts. Aber keine Sträucher bedecken

den Boden. Nur schmutzig gelbe oder licht braune Blätter sind die

oberste Hülle der Humusschicht. In diesem Urwalde zwischen den beiden

Strömen Kwantan und Kampar sah der Herr Koorders nur das grüne Laubdach

und graue Baumstämme; keine Orchideen, nur wenig oder gar kein Moos,

nur wenige Blumen (z. B. Pavettasorten), und auf dem Boden nur einige

Farrenkräuter (z. B. die Lindsaea mit blaugrünem Laube).

Auf seiner weiteren Reise, welche von Lubuk Ambatjang nordöstlich

durch die beinahe ganz unbekannten Gebiete der »unabhängigen Stämme«

sich zog, änderte sich bald das Bild der Flora. Auf dem lehmigen Pfade

nach Logei, welcher mit Sand durchmengt war, standen zwei bis vier

Meter hohe Gleichenias Nepenthes und Lycopodium cernuum Bl.; an sie

grenzten Sträucher und kleine Bäume von zehn bis zwanzig Meter Höhe,

wie z. B. Eurya acuminata DC., Adinandra dumosa Jack, Vitex pubescens

Vahl, Rhodamnia trinervia Bl., Quercus sp., Adenanthera pavonia L.,

Commersonia platyphylla Andr., Lagerstroemia speciosa Pers., Alpinia

und Schlingpflanzen (Lycopodium). Hinter dem Walde war Schilfrohr mit

einigen jungen Bäumen der Peronema canescens und Macaranga trichocarpa,

und ein hoher Kasehbaum verkündigte die Nähe von Wasser; am jenseitigen

Ufer des Batang-ajer stand ein ungefähr sechs Meter hohes, krummes

Bäumchen aus dem Geschlechte der Carallia Roxb. und einige stattliche

Exemplare der Eurya acuminata, Mallotus cochinchinensis, Adinandra,

Wormia excelsa, Macaranga trichocarpa, Pterospermum suberifolium,

Glochidion sp., Rhodamnia trinervia Bl. und Eugenia sp. schlossen

dieses botanische Panorama.

Bei Logei selbst nämlich war eine beinahe baumlose Fläche von einigen

Kilometer Länge und einem halben Kilometer Breite. Der Boden war mit

Kieselsand und mit faustgrossen Stücken von Milchquarz bedeckt. In

der Mitte zog ein kleines krystallhelles Bächlein, an dessen Ufer

die Eriocaulon sexangulare zahlreich vorkam; hin und wieder sah

man einige drei bis zehn Meter hohe Bäumchen aus der mit Gras und

Kräutern bedeckten Oberfläche hervorragen; z. B. Scleria Sumatrana

Retz (Cyperngras), Eriachne gracilis Duper., Hedyotis hispida Retz,

Nepenthes Korhalsiana Miq., Rhodomyrtus tomentosa und Archytaea Vahlii

Coisy (mit rosenrothen Blüthen und dunkelgrünen glänzenden Blättern,

welche purpurnen Rand und Hautnerven haben). Diese Archytaea hatten wie

die Vitex pubescens Vahl und Commersonia platyphylla an dieser Stelle

nur eine Höhe von ein bis zwei Metern. Auf dem dürren Boden dieser

Ebene sah der Herr Koorders auch einige Exemplare der Fagraea fragrans

(eine Loganiacea) und Greenia Jackiana Wight (Rubiacea), Calophyllum

Inophyllum L. und Tetramerista glabra Miq. Am Ende dieser Ebene standen

wieder Vertreter der wahren Waldvegetation. Evodia Roxburghiana Benth,

Symplocos ferrugineus Roxb., Glochidion superbum Baill., Aporosa

microcalyx Hasik, Mallotus cochinchinensis, Galearia aristifera,

Myristica iteophylla, Carallia lanceaefolia, Sideroxylon ferrugineum,

Rhodamnia cinerea, Angelesia splendens, Diemenia racemosa, Adinandra

dumosa und Eurya acuminata begrenzten diese Ebene, welche durch ihren

kahlen Anblick und durch ihre schwache Vegetation dem Botaniker wie dem

Touristen nur wenig Abwechslung bot.

Ein neues Bild zeigten die Ufer des Sigati, eines Nebenflusses des

Kamparflusses. Wasser bedeckte die Ufer bis tief in den Wald hinein

und gewaltige Rhizophoren verriethen den Sumpfboden. Calophyllum

rhizophorum, Dillenia eximia, Elaeocarpus tomentosus, Fagraea racemosa

und Kibenia tuberculata kamen hier bei einer Meereshöhe von 20-30 Meter

vor, während z. B. die zwei letzten auf Java erst in einer Höhe von

800 Meter gefunden werden. Am meisten fiel jedoch die grosse Zahl der

Tristania Sumatrana auf, deren Rinde stets in grossen Stücken von dem

Baume sich löst, und die eigenthümlichen Vitexsorten, welche fünf-

bis siebenzählige Blätter mit breitgeflügeltem Stengel haben. Von den

spärlich vertretenen Lianensorten war allein die Flagellaria indica

erwähnenswerth.

Wenn auch dieser kleine Fluss in seinem ganzen Laufe niedrige Ufer

hatte, so dass sein ganzes Flussgebiet zahlreichen Ueberströmungen

ausgesetzt war, so zeigt doch der Unterlauf einen andern Charakter der

Flora als der Oberlauf. In der Nähe der Mündung (in den Kampar) hatten

die Bäume niedere Aeste, krumme Stämme mit zahlreichen Schmarotzern

(Loranthussorten und einigen Orchideen) und ihre runden Kronen

berührten beinahe die spiegelnde Fläche des Wassers. Dazu gehörten

Grewia subcordola, Barringtonia spicata, Pithecolobium lobatum,

Elaeocarpus paniculatus, Vitex pteropoda, Gluta Renghas, Pternandra

capitellata, Eugenia sp., Homalium sp., Artocarpus Termisalalia sp.

und Evonymus sp. Zwischen diesen Bäumen zogen zahlreiche Lianen, von

denen besonders der Rottang durch seine Dicke auffiel; natürlich war

auch der Boden mit zahlreichen Sträuchern bedeckt, worunter eine

Ardisiasorte durch ihre zierlichen Blumenbündel besonders auffiel.

Aber auch die Grewia omphacarpa mit ihren goldgelben Blumen und ihren

kleinen orangerothen Früchten, die Vitex pubescens Vahl mit ihren

grossen violetten Blumensträussen, die Barringtonia mit ihren langen

Trauben von rothen und purpurnen Blüthen; die Evonymus mit ihren

zahlreichen grünen Früchten und die Pithecolobium mit ihren braunen und

grünen Schoten ergötzten das Auge des Wanderers.

Auch die unverfälschte Sumpfvegetation beschreibt uns der Herr Koorders

ziemlich ausführlich. Vom 20.-22. März befand sich die Expedition in

dem Sumpf am linken Ufer des Kamparflusses (0° 15′ N. B. und 101°

40′ O. L.). Ein Stock von sechs Meter Länge erreicht hier noch nicht

festen Boden. Auch hier stand ein hochstämmiger Wald; zur Fixirung in

den weichen Boden hatten sie jedoch zwei bis vier hohe Luftwurzeln,

starke Wurzelleisten, aufrechtstehende Athmungswurzeln, Schlingwurzeln

und endlich ein grosses Netz von Haarwurzeln. (Alle diese Wurzelarten

erleichtern übrigens die Aufnahme des Sauerstoffes, welcher im

sumpfigen Boden im freien Zustand nicht vorkommt.) Calophylla,

Eugeniae, Chisocheta, Pandani, Canarii und Myristicae hatten an diesen

Stellen solche Luftwurzeln. Nebstdem fielen auf: Zwei bis drei Meter

hohe Baumfarren, riesige Pandanisorten und eine Zalacca mit sehr

sauren Früchten. Am 26. März befanden sich unsere kühnen Pioniere der

Civilisation im Sumpfe bei Pankalan Dulei. Ein ganz anderes Bild zeigte

hier die Vegetation. Die Form der Rhizoforen trat in den Hintergrund;

die Bäume hatten jedoch ein dicht anliegendes Netz von schlingförmigen

Luftwurzeln, zwischen deren Lücke sich das abgefallene Laub aufhäufte,

sie waren niedriger (höchstens bis 15 Meter), hatten krumme Stämme und

dichte Kronen. Im 7. Capitel bespricht der Herr Koorders den Ackerbau

im äquatorialen Sumatra. Natürlich widmet er dem Reise, welcher in

den Tropen die Hauptnahrung der auf niedriger Stufe der Civilisation

stehenden Eingeborenen ist, die grösste Aufmerksamkeit. Wie auf

Borneo[63] kennen die Sumatraner nur den trockenen Reisbau Cassave,

Bataten (B. edulis), Zuckerrohr, Ananas, Pisang, Gurken, Labu, Tabak,

Kaffee, Lombok, Terong (Solanum melongena), Hülsenfrüchte, Indigo (Mais

sah der Herr K. in diesem Theile Sumatras nicht). Artocarpus, Nangka,

Kapok (= Pflanzendune), Pinang, Kemiri (= Aleurites triloba), Cocosnuss

und andere Fruchtbäume werden in diesem Landstriche häufig gebaut.

Nebstdem führt der Herr Koorders viele Pflanzen an, welche in Java

vorkommen und von ihm auf Sumatra nicht gesehen wurden, und umgekehrt

auf Java viele Familien und sehr viele Species vermisste, welche er

auf Sumatra gesehen hatte; noch auffallender war es, dass in Sumatra

viele Pflanzenfamilien in der Ebene gedeihen, welche auf Java erst auf

einer Höhe von 8-900 Meter vorkommen, während auf der Halbinsel Malacca

dieselben pflanzengeographischen Verhältnisse herrschen.

Wenn der Herr Koorders diesen diesbezüglichen Unterschied zwischen Java

und Sumatra betont und wenn anderseits auch die Fauna dieser beiden

Inseln solche Lücken in dem einheitlichen Bilde der Tropenwelt zeigt,

so haben wir dennoch keine Ursache zu zweifeln an der Richtigkeit

der Tradition, dass Java und Sumatra in historischer Zeit ein

zusammenhängendes Ganzes gewesen sein solle. Seitdem mit mehr oder

weniger Recht die Entstehung der Sorten von einem einzigen Paare nicht

mehr angenommen wird, darf die geographische Verbreitung der Flora und

Fauna +allein+ nicht mehr als Basis zur Beurtheilung solcher Fragen

herangezogen werden.

7. Capitel.

Nach Atjeh -- Eine neue Kohlenstation -- Uléë Lhöë -- Die Strandpalme

-- In Kuta radja -- Auch eine Frauenfrage -- Eine Tropenkrankheit.

Dreimal habe ich die Reise von Batavia nach Atjeh[64] unternommen; das

erste Mal (im Jahre 1883) und das letzte Mal (1896) war mein Aufenthalt

im Norden Sumatras nur auf einige Tage beschränkt, weil ich nur ein

Bataillon Soldaten dahin »gebracht« hatte; das zweite Mal jedoch blieb

ich zwei volle Jahre in dieser durch den Krieg und durch die Beri-Beri

(früher Malaria) seit Jahrzehnten heimgesuchten, heute +beinahe+

bereits unterworfenen Provinz von Nord-Sumatra.

Gewöhnlich ging den 3., 15. und 22. eines jeden Monats damals ein

Dampfer von Batavia via Telók Betóng längs der Westküste der Insel

nach Atjeh. Wenn sich jedoch das Material oder die Passagiere zu stark

angehäuft hatten, welche auf diesen Dampfer warteten, stellte die

indische Dampfschifffahrtsgesellschaft einen Extradampfer. Als ich

im Juli des Jahres 1886 nach Atjeh transferirt wurde, bekam auch ich

den Befehl, mit einer solchen Specialgelegenheit zu reisen und zwar

mit der »Tambora« unter dem Commando des Schiffscapitäns Hoffmann.

Die Regierung zahlte damals für uns Beide, d. h. für mich und meine

Frau. 600 fl. = 1000 Mark; nebstdem erhielt ich allein 3 fl. per Tag

für meinen Aufenthalt auf dem Schiffe und Ersatz der Reisespesen der

Eisenbahn Weltevreden-Batavia und Uléë-Lhöë-Kuta radja per 39,19 fl. =

65,30 Mark. Die Tarife der gegenwärtigen »Paketvaartmaatschappy« sind

mir nicht bekannt, werden aber wahrscheinlich nicht viel niedriger

sein. Ich war sechs Tage zu Schiff; die Gesellschaft rechnete also

50 fl. damals per Tag und Kopf für Transport und Verpflegung. Das war

ein ganz netter Preis, der durch die zahlreichen Transferirungen der

damaligen Zeit der Gesellschaft hohe Dividende sicherte.

Ich war damals so zu sagen noch auf meiner Hochzeitsreise, und dennoch

drohte mir die Gefahr, für 1½ Jahr von meiner Frau geschieden zu

werden. Jede Officiersfrau muss nämlich vor ihrer Verheirathung einen

Revers unterschreiben, in dem sie sich verpflichtet, bei etwaigen

Expeditionen ihrem Manne nicht »in das Lager zu folgen«. In Atjeh

bestand aber nur (??) de facto Kriegszustand; de nomine war Atjeh eine

eroberte Provinz im Friedenszustande, den nur »böswillige Marodeure«

hin und wieder stören wollten. Täglich, wie wir später sehen werden,

rückten zahlreiche Patrouillen von 40 bis 50 Mann aus, um diese

»Banden« aufzusuchen und unschädlich zu machen; häufig mussten zu

diesem Zwecke ganze Bataillone das +eroberte+ Gebiet durchsuchen und

kamen bald mit drei bis vier Verwundeten oder Todten, bald wieder mit

Verlust von zwanzig bis dreissig Mann nach Hause; die Hauptstadt war

mit Stacheldraht umgeben, welchen grosse Schildwachen beschützten;

die Clubabende, welche Sonnabend Abends gehalten wurden, und die

Aufführungen des Officiertheatervereines waren nur möglich, wenn eine

Patrouille von zehn Mann für die Sicherheit sorgte; es war also Frieden

(??), aber -- nicht alle Officiersfrauen durften bei ihren Männern in

der Garnisonstadt Kuta radja verweilen. Jeder Officier, welcher nach

Atjeh transferirt wurde, musste also vorher von dem commandirenden

General (Gouverneur von Atjeh) Erlaubniss erhalten, seine Frau

mitnehmen zu dürfen. Diese wurde ertheilt je nach der Zahl der

disponiblen Wohnungen für verheirathete Officiere. In einzelnen Fällen

war auch das Armeecommando in der Lage, diese Erlaubniss zu geben

und zwar mit dem Vorbehalt der späteren Zustimmung des Gouverneurs

von Atjeh. In diesem Falle verkehrte ich. Sobald ich das Ziel meiner

Transferirung erfuhr, ersuchte ich den Sanitätschef, für mich die

Erlaubniss einzuholen, meine Frau mitnehmen zu dürfen; ich erhielt sie;

so hat auch meine Frau zwei Jahre im feindlichen Lande verlebt, reich

an interessanten, aber auch gefährlichen Episoden, die heute zu ihrer

schönsten Rückerinnerung gehören und sie zu der stolzen Behauptung

veranlassen, dass sie mehr Kriegserlebnisse hinter sich habe, als

der älteste General der ganzen (natürlich nicht der indischen)

holländischen Armee.

[Illustration: Fig. 15. Die neue Moschee in Kuta-radja.

(Vide Seite 123.)]

Die Fahrt ging durch die »Sundastrasse«, welche ein liebliches und

schönes Bild den Reisenden bietet. Wir liessen alle Inseln zur Rechten

und durchschnitten mit Leichtigkeit die dünne Bimssteinschicht,

welche seit dem Ausbruch des Krakatau (26. bis 27. August 1883) die

See bedeckte. Bei dem Tandjong Sleman = Cap flache Ecke begann der

Curs längs der Westküste Sumatras, und weit ins Land hinein (3 km)

erstreckte sich die Zone, welche von den wüthenden Elementen jener

Tage verwüstet worden war. Während der ganzen Reise sahen wir diese

Küste und liessen die Inseln Enganon, Nassau, Mentawei, Batu (= Stein),

Mansalar und Nias zu unserer Linken. Die Städte Kroë und Benkulen,

bei welchen die Dampfer der gewöhnlichen Touren anlegen, bekamen

wir nicht zu Gesicht; in Padang, der Hauptstadt des Gouverneurs der

Westküste Sumatras, liessen wir zum ersten Male den Anker fallen, und

zwei Tage später erreichten wir bei dem »Königspunkte« die Nordküste

von Sumatra. Die »Surattepassage« ist ein gefährlicher Weg; zahlreiche

Inseln versperren die Einfahrt in diese Strasse; die Inseln Bras (=

Reis) und Nassi (= gekochter Reis) sind die bedeutendsten und grössten

derselben. Auf der Reisinsel befindet sich ein Leuchtthurm und eine

kleine Garnison. Die grösste aller dieser Inseln ist jedoch Pulu (=

Insel) Wè, welche gegenwärtig eine Kohlenstation geworden ist und mit

Vorliebe von den Franzosen und Russen bei ihren Fahrten nach Ostasien

zur Ergänzung ihres Kohlenvorrathes benutzt wird. Wird es ein zweites

Singapore werden?[65]

Wenn auch die Einfahrt in diese Strasse wegen der Nähe der Küste und

der zahlreichen Inseln die ganze Vorsicht des Steuermannes erfordert,

so ist dennoch die Fahrt in der »Malakkenpassage« eine angenehme

und schöne. Endlich fuhren wir in den Hafen von Uléë Lhöë, und Arm

in Arm stand ich mit meiner Frau auf dem Deck und wir Beide liessen

unsere Blicke über das flache Ufer schweifen, dessen Hintergrund

vom waldbedeckten Goldberge (1726 Meter hoch) zu unserer Linken und

von der lieblichen Bergschlucht zu unserer Rechten begrenzt wurde,

welche sich, von sanft absteigenden Hügeln begrenzt, bis zur Küste

hinzog. Feindliche Kugeln, Fieber, Cholera und Beri-Beri waren die

Gespenster, welche über dem Horizont unserer jungen Ehe ihr graues

Haupt erhoben. Das Panorama, welches zu unseren Füssen lag, war ja

auch ein düsteres, unfreundliches Bild und zeigte nur zu unserer

Rechten durch die sanft absteigenden Hügel mit dem Thale von Lepong

eine angenehmere und frischere Abwechslung zu dem monotonen, echt

tropischen Strande der Hafenstadt Uléë Lhöë. Vor uns lag ein ungefähr

hundert Meter langer Pier; dahinter mattgrünes, von Staub bedecktes

Laub, aus welchem die schmutzigbraunen Häuser der Eingeborenen mit

nicht weniger schmutzigen Atapdächern sich erhoben (Fig. 12). Hin und

wieder störte das eintönige Bild eine schlanke dünne Palme, welche mit

ihren zerrissenen, herabhängenden Blättern geradezu eine Travestie zu

jenem überschwänglich beschriebenen Bilde gaben, welches die Touristen

gewöhnlich von den Palmen in ihren Reisebriefen entrollen. Ich habe die

gewöhnliche Palme (Cocos nucifera) im Urwalde gesehen, ich wandelte

in schön gepflegten und gereinigten Palmengärten, und immer und immer

gab ich mir Mühe, das »Schöne und Reizende« der Palme zu suchen und zu

sehen. Es soll ungefähr tausend »Palmensorten« geben; darunter sind

natürlich einige Species, welche mit mehr oder weniger Recht jedes

Künstlerauge befriedigen oder entzücken; ich spreche aber nur von der

Cocos- oder Strandpalme, welche unter dem Namen »Klapperbaum« auf den

Inseln des indischen Archipels eine so häufige Erscheinung ist, dass

sie als Prototyp der Palmensorten dieser Inseln gelten kann. Diese

Palme kann ich unmöglich schön nennen. (Vide Fig. 21.) Es ist ein

ungefähr 30 cm dicker Stamm, welcher eine Höhe von 30 bis 40 Metern

erreicht; in seiner ganzen Länge ist er ast- und blätterfrei, besitzt

nur Ringe, welche von den abgefallenen Blättern stammen, und nur an

der Spitze des Baumes befinden sich die jeweiligen zerfetzten und

zerrissenen Palmenblätter, zwischen welchen die bis zu Mannskopf-Grösse

entwickelten Früchte herabhängen -- und manchmal selbst gefährlich

werden. Ich selbst sollte dieses im Jahre 1881 erfahren. Ich stand mit

dem Controleur von Malimping unter einem »Klapperbaum« im Gespräche,

als eine überreife Frucht herabfiel und kaum einen Centimeter entfernt

von meinem Kopfe zu Boden fiel. Vor zwei Jahren wurde das Söhnchen

meines Collegen, des jetzigen Stabsarztes X., von einer solchen mit

grosser Wucht herabstürzenden Cocosnuss getödtet! Anderseits ist

allerdings der Nutzen eines solchen Baumes ein so vielseitiger und

ein so grosser, dass er in dem Leben der Eingeborenen eine grosse

Rolle spielt und die Dichter geradezu zu überschwänglichen Hymnen

begeistert. Während meines Aufenthaltes in Magelang (Java) hatte ich

einen Kutscher, welcher ein ebenso frommer Mohamedaner, als ein treuer

Bedienter war. Seine Frau bekam ein Kindchen, und an demselben Tage

bat er mich um die Erlaubniss, in dem Garten, welcher mein Haus umgab,

eine »Klapper« pflanzen zu dürfen und diesem symbolischen Acte durch

meine Gegenwart die Weihe zu geben. Mich überraschte diese Einladung,

weil ich noch niemals gehört hatte, dass ein Malaie auf fremdem Grund

und Boden dieses gethan hatte, und ich frug ihn also um Aufklärung für

diesen aussergewöhnlichen Vorgang.

21 Jahre in Indien. Dritter Theil: Sumatra. · 第 10 / 23 段