Schon durch einige Wochen kamen bei dem Controleur Berichte ein, dass

die Atjeer beabsichtigen, die »Ostküste von Sumatra« zu überfallen

und selbst die Hauptstadt Medan anzugreifen; zu diesem Zwecke

sollten zunächst einige atjeische Aufwiegler in dem Bezirke Langkat

die Eingeborenen zum Kampfe gegen die Holländer aufreizen und die

benachbarten Stämme der Batakker zum Einfallen in die Tabakplantagen

veranlassen. Da schon einen Monat lang diese Spionenberichte einliefen,

ohne dass thatsächlich irgend etwas geschah, glaubte ich im Januar

1884 meine gewöhnliche Inspectionsreise nach Pankalan Siatas machen

zu können, umsomehr als der Controleur keine Ursache hatte, mich

davon zurück zu halten. Kaum hatte ich jedoch ein paar hundert Meter

zurückgelegt, als wir fünf Atjeer mit Gewehren bewaffnet am linken

Ufer mit uns gleichen Schritt halten sahen. Sofort liess ich umkehren,

und als ich im Fort ankam, erfuhr ich, dass der Controleur von der

Anwesenheit dieser Feinde bereits Nachricht erhalten habe, und dass der

Officierstellvertreter sofort mit zehn Mann ausrücken müsse, um sich

dieser Aufwiegler -- todt oder lebend -- zu bemächtigen. Durch meine

Zurückkehr sei dieser nun in der angenehmen Lage, mit der Dampfbarcasse

die kleine Expedition ausführen zu können, während er im andern

Falle ein gewöhnliches Boot hätte benützen müssen. Einer von diesen

fünf Feinden wurde getödtet, die andern vier gefangen und nach Medan

gesendet.[53]

Meine Inspectionsreisen haben in den Plantagen selbst nichts Besonderes

oder Interessantes aufzuweisen. Bei meiner Ankunft untersuchte ich die

fünfundzwanzig Mann auf geheime Hautkrankheiten und nahm dann bei dem

Militär-Commandanten oder bei dem Pflanzer mein Mittagsmahl ein. Die

beiden Herren erfreuten sich mit ihren Frauen und ihren Kindern einer

besonders guten Gesundheit, so dass ich nur einmal und zwar bei meiner

Abreise aus dieser Provinz Anlass hatte, auch mit ihnen ärztlich mich

zu beschäftigen.

Auch im Marodenzimmer in Seruway hatte ich im Allgemeinen wenig schwere

Krankheitsfälle in Behandlung. Die für die Topographie des Ortes

unvermeidlichen Fälle von Wechselfieber, einige kleine Verwundungen

und einige Hautkrankheiten[54] -- das sind alle Krankheiten, welche

ich von Seiten der Compagnie in Behandlung bekam. Die ersten Wochen

meines Aufenthaltes brachten mir jedoch viele Sorgen mit der Behandlung

kleiner Wunden. Das Marodenzimmer bestand nämlich aus Matten von

gespaltenem Bambus. Darin lagen zwei Patienten mit kleinen Wunden,

welche plötzlich eines Tages ein sehr übles Aussehen bekamen; es war

Hospitalbrand hinzugetreten (Gangraena nosocomialis). Ich erfuhr von

dem Krankenwärter, dass einige Wochen vor meiner Ankunft ein Patient an

Spitalbrand in diesem Zimmer gestorben war. Ich liess sofort das Zimmer

räumen, diese zwei Patienten in den »Cholerasaal« bringen, welcher sich

ausserhalb des Forts befand und noch niemals gebraucht worden war,

und sandte an den militärischen Commandanten einen wohl motivirten

Vorschlag, dieses Marodenzimmer niederreissen und verbrennen zu

lassen. Das Verlassen dieses Marodenzimmers und eine energische

Behandlung reichte hin, das Fortschreiten des Brandes bei diesen

zwei Patienten aufzuhalten, und so blieben sie nicht nur dem Leben

erhalten, sondern ich war auch nicht bemüssigt, grössere Körpertheile

zu entfernen.

Auch ein atjeischer Patient meldete sich an; er hatte Elephantiasis,

und ich erfreute mich eines sehr schönen Resultates; er war beinahe

ganz geheilt, als ihn eines Tages ein eigenthümlicher Zufall

veranlasste, um sofortigen Abschied aus der Spitalbehandlung zu bitten.

Der militärische Commandant liess nämlich eines Tages exercitii

causa Alarm blasen. Die Soldaten eilten zu den ihnen angewiesenen

Schiessöffnungen und feuerten mit blinden Patronen. Mein atjeischer

Patient glaubte hierin ein Vorspiel für einen Ernstfall zu sehen,

vertraute der Zukunft nicht und liess sich um keinen Preis im Spitale

zurückhalten. Bei seiner Aufnahme war nicht nur der ganze linke

Unterschenkel zu einer beinahe brettharten dicken Säule erstarrt,

sondern auch das Fussgelenk und das Knie waren durch die starre Haut

unbeweglich geworden. Bei seinem übereilten Abschied waren Fuss und

Kniegelenke beweglich geworden, und der Unterschenkel hatte beinahe

normale Form. Allerdings war die Haut desselben noch theilweise

infiltrirt.

Am 17. Januar hatte ungefähr eine Stunde vom Fort entfernt ein

»Amok«-Fall stattgefunden. Der Rasende hatte vier Menschen verwundet,

bevor es gelang, ihn unschädlich zu machen; ein Atjeer und ein Chinese

wurden getödtet; ein zweiter Eingeborener erhielt fünf Wunden und das

vierte Schlachtopfer nur einen Stich am linken Vorderarm. Diesen einen

Unglücklichen sandte mir der Controleur zur ärztlichen Behandlung und

zwar in Begleitung der Frau des »Amokläufers«. Ich hatte darum ersucht,

um mich so gründlich als möglich mit dieser Frage beschäftigen zu

können. Da die Eingeborenen der Suggestion ausserordentlich leicht

zugänglich sind, so bemühte ich mich, jeden »Hineinexaminirens«

mich zu enthalten und sorgte auch dafür, dass der Dolmetsch auf die

Antworten dieses Atjeers keinen Einfluss nahm. Schon die erste Frage,

die ich stellte, brachte eine befriedigende Antwort. Ich liess mir

einfach mittheilen, was der Bösewicht (?) kurz vor dem »Amoklaufen«

gethan hatte. »Nichts,« erhielt ich zur Antwort, »denn er hatte ja

das Fieber; sein Körper war heiss und er delirirte (bitjâra gîla),

plötzlich sprang er auf, ergriff den Dolch (rêuntjong) und schwang ihn

nach allen Seiten und stiess ihn in die Brust des Nachbarn, welcher

nur geholfen hatte, dem Kranken die abkühlende Salbe auf die Stirne zu

reiben. Ich lief auf die Strasse um Hülfe zu rufen; unterdessen war er

hinter mir nachgelaufen und verwundete noch drei Männer, welche auf

meinen Hülferuf herbeigeeilt waren.«

So oft und so nachdrücklich ich mich erkundigte, ob diese Schlachtopfer

in irgend einer Weise als persönliche Feinde direct oder indirect

Anlass zu einer erbitterten oder gehässigen Stimmung gegeben hätten

oder vielleicht vor längerer Zeit seinen Hass oder Neid oder Missgunst

oder Eifersucht erregt hätten, die der Mörder nur zeitweilig nicht

gezeigt habe -- auch diesem wurde auf das Bestimmteste widersprochen.

Es war also der typische Fall des »Amoklaufens«,[55] bei welchem der

Rasende ohne Unterschied der Person, des Geschlechtes und des Alters

jeden Menschen verwundet, der ihm entgegentritt. Dieser Fall bestreitet

jedoch alle bisherigen Theorien, welche über die malaiische Sitte des

Amoklaufens aufgestellt wurden. Dieser Mann rauchte kein Opium, er war

von keinem religiösen Wahnsinn ergriffen, er wollte sich nicht auf

diese ungewöhnliche Weise das Leben nehmen, um trotz des Verbotes des

Selbstmordes der Freuden des Himmels theilhaft zu werden; es war ein

Kranker, welcher im Fieber delirirte.

* * * * *

Auch einen Krebsfall bekam ich zur Behandlung; es war ein Mann,

welcher am rechten Oberschenkel eine Geschwulst von der Grösse einer

Faust hatte; die Schmerzhaftigkeit der Geschwulst, das rasche Wachsen

derselben, das schlechte Aussehen des Patienten liessen mich an einen

Krebs denken, ohne dass ich mir darüber Gewissheit verschaffen konnte;

der Patient verweigerte nämlich jeden chirurgischen Eingriff.

[Illustration: Fig. 13. Pfarrhaus in Kuta-radja.

(Vide Seite 117).]

Wenn in letzter Zeit Professor Löffler in Greifswald eine neue Therapie

der Krebskranken auf eine Thatsache gründen will, welche ihm von

einem Arzt auf Borneo mitgetheilt wurde, dass nämlich in den Tropen

Krebsfälle selten oder gar nicht vorkommen sollten, dann muss ich

seiner Theorie den Boden entreissen. Diese Thatsache ist unrichtig.

In den Tropen kommen Krebsfälle ebenso häufig oder ebenso selten

als in Europa vor. Ich kann diese Behauptung natürlich unmöglich

durch »grosse Ziffern« beweisen; wenn aber der einzelne Arzt, wie ich

z. B., schon von zehn Fällen zu berichten weiss,[56] ohne dass ich

mein statistisches Material durchforscht habe, dann darf ich mir diese

Behauptung erlauben. Wie viele Krebsfälle haben dann die hunderte und

tausende übrigen Aerzte gesehen? Wie viel Krebsfälle kamen in den

tausend und tausenden Quadratmeilen der Insel vor, welche ich nicht

gesehen habe. Wie viel tausend und tausende Krebskranke sind ihren

Leiden erlegen, ohne dass ein europäischer Arzt sie gesehen, ich will

nicht sagen obducirt hat? Unter den erwähnten zehn Fällen sind vier,

welche ich dem Jahresberichte 1895 der indischen Armee entnommen habe;

die übrigen habe ich entweder selbst gesehen oder selbst behandelt.

1. Im Jahre 1884 litt Regimentsarzt Dr. A. an Magenkrebs und ging nach

Wien, um von Billroth sich operiren zu lassen.

2. Im Jahre 1891 starb mein Chef, ein Oberstabsarzt, an einem

Lippenkrebs.

3. Den 13. April 1892 operirte ich im Militärspitale zu Ngawi einen

Javanen, welcher einen Krebs im rechten Augapfel hatte.

4.? behandelte ich einen europäischen Soldaten, welcher einen

Nierentumor hatte; bei der Section war die ganze rechte Niere zu einem

Krebstumor umgewandelt und nur ein schmaler Saum der Rindensubstanz von

ungefähr 2 mm Breite war erhalten.

5. Den 23. October 1893 kam ein ambonesischer Soldat -- aus den

Molukken -- in meine Behandlung, der, so unglaublich es auch zu sein

scheint, seinen Dienst bis zu diesem Tage als Soldat verrichtet hat,

obzwar er in der Bauchhöhle einen grossen Tumor hatte. Der Apotheker

Wetselaar war so freundlich, ihn in vivo zu photographiren; die

Photographie ist noch in meinem Besitze; man sieht in der Magengrube

eine Geschwulst hoch über das Niveau der Umgebung hervorragen.

Seine Frau theilte mir die Vermuthung mit, dass er das Opfer einer

eifersüchtigen Nebenbuhlerin, d. h. vergiftet worden sei. Dadurch wurde

mir die Gelegenheit geboten, eine Section vornehmen zu können, als er

5 Wochen später seiner Krankheit erlag.

In der holländisch-indischen Armee, welche zur Hälfte aus

mohamedanischen Soldaten besteht, darf nämlich -- abgesehen von

gerichtlichen Fällen -- an eingeborenen Soldaten aus religiösen Motiven

keine Section gehalten werden, es sei denn, dass von der Familie

oder von seinen Kameraden »ausdrücklich dazu Erlaubniss gegeben

wird«. Ich liess also nach dem Tode dieses Patienten seine Frau

kommen und theilte ihr mit, dass ich für meine Person nicht glaube,

dass ihr Mann durch eine Vergiftung gestorben sei, dass ich aber die

+wahre+ Todesursache nur dann angeben könnte, wenn ich wenigstens

die Bauchhöhle öffnen und auf diese Weise den Bauchinhalt untersuchen

könnte. Sofort ersuchte sie mich, dies zu thun, und die Autopsie

bestätigte die Diagnose in vivo: Scirrhus-Krebs des Netzes.

6. Den am 16. Januar 1884 in Seruway beobachteten Fall kann ich

ebenfalls als Carcinoma anführen -- er ist ja in meiner Notiz als

»Epitheliom der Glutaei« genannt --, obzwar ich ihn nicht operiren

durfte. Die klinischen Erscheinungen, wie ich sie oben mitgetheilt

habe, rechtfertigen ja die Wahrscheinlichkeits-Diagnose: Krebs.

Ich muss es wiederholen, dass diese Zahl der Krebskranken, welche ich

hier mittheile, nicht gross ist; ich habe aber mein statistisches

Material nicht zu Rathe gezogen; vielleicht würde ich noch einige

Fälle finden; aber dessen ungeachtet fühle ich mich zur Behauptung

berechtigt, dass in den Tropen, also in ausgesprochenen Malarialändern,

der Krebs vorkomme und dass Professor Löffler in seiner Therapie dieser

unglücklichen Patienten von einer falschen Prämisse ausgeht.[57]

* * * * *

Sehr Weniges hat während meines Aufenthaltes in Seruway meinen Geist

beschäftigt; der Verkehr mit den übrigen fünf Europäern beschränkte

sich auf wenige Minuten des Tages und, als ich krank wurde, nur auf

wenige Augenblicke in der Woche; die Eingeborenen bekam ich aus

mir heute noch unbekannter Ursache niemals zu Gesicht; von den

Unterofficieren war keiner so gebildet, dass ich den besonders in

kleinen Forts unvermeidlichen Abstand zwischen Unterofficier und

Hauptmann (diesem Rang war ich »assimilirt«) ausser Acht lassen konnte;

mein Bedienter war der Typus eines stillen, wortkargen und gelassenen

Malaien; seine Frau, welche das Amt einer Köchin versah, war eine sehr

schöne Frau, welche aus naheliegenden Ursachen alle Befehle nur durch

den Mund ihres Mannes erhielt; die Praxis im Marodenzimmer beschäftigte

mich täglich im Durchschnitt nicht mehr als eine viertel Stunde; also

Bücher, Bücher und wiederum Bücher mussten mir Ersatz für Alles bieten,

was die menschliche Civilisation zur Befriedigung des Geistes, des

Herzens und des Gemüthes seit Jahrhunderten geschaffen hat.

Ich wurde auch krank. Mein Rheumatismus stellte sich in heftigem Grade

ein; ich konnte nur mit Mühe den Weg zum Marodenhaus zurücklegen, der

nicht länger als 15 Schritt war. Ich bekam auch ein Recidiv eines

schmerzhaften Ohrenleidens (Otitis media), welches im Jahre 1877 auf

Borneo mich überfallen hatte und seit dieser Zeit hin und wieder mir

rasende Schmerzen verursachte. Aber noch eine dritte Krankheit trat

gleichzeitig mit diesen zwei schmerzhaften Erkrankungen auf. Ich bekam

Blutungen aus der Blase! Ohne häusliche Pflege und ohne ärztliche Hülfe

eines Collegen lag ich der Verzweiflung nahe und wartete auf meinen

Nachfolger, um den ich bei dem ersten Anfall des Ohrenleidens nach

Batavia geschrieben hatte. Den 23. Februar konnte dieser eintreffen.

Es waren traurige Tage; durch Morphium wollte ich die Schmerzen nicht

stillen, weil ich den Morphinismus fürchtete, welcher in den meisten

Fällen durch chronische langdauernde Krankheiten veranlasst wird; zum

Genever oder zur Weinflasche als Betäubungsmittel hatte ich niemals

meine Zuflucht genommen, weil ich den Alcoholismus als Schreckgespenst

im Hintergrunde sah; nur Eines hielt mich in diesen traurigen Tagen

aufrecht: Am 23. Februar kommt ein College, welcher mich durch locale

Behandlung radical von meinem Ohrenleiden und von meiner Blasenblutung

befreien wird.

Der 23. Februar kam, die Post kam, aber mein Nachfolger kam nicht;

und es kam ein Privatschreiben des Landessanitätschefs von Medan, in

welchem er mir mittheilte, dass ein officieller Brief von Batavia von

ihm Aufklärung verlange, was denn dem Regimentsarzte Dr. Breitenstein

fehle, dass er sofortige Ablösung verlange, und dass das Vermuthen

nahe liege, dass dieser nur darum um Ablösung ersucht habe, weil es ihm

in diesem »abgelegenen Posten« nicht mehr gefalle. Dr. X. ersuchte mich

also, ihm die nähern Details meiner Krankheit mittheilen zu wollen.

Es war der traurigste Tag meines Lebens: von Schmerzen in den

beiden Kniegelenken und im linken Ohr gepeinigt, bedroht durch die

Blutungen aus der Blase und jeder Aussicht beraubt, vor vier Wochen

ärztliche Hülfe erlangen zu können. Psychisch und physisch das Opfer

der traurigsten Verhältnisse griff ich in derselben Nacht -- zum

Revolver. Doch die Lebenslust behielt die Oberhand -- ich sollte ja

in wenigen Wochen erst 36 Jahre alt werden. Ich warf den Revolver in

die Ecke des Zimmers, schleppte mich zum Schreibtische und schrieb

ein Telegramm an den Sanitätschef in Batavia und einen Brief an den

»Militär-Commandanten zu Seruway«. In dem Telegramme theilte ich

einfach mit, dass ich wegen Krankheit mit der nächsten Gelegenheit

Seruway verlasse, und in dem Briefe an meinen Nachbar bat ich, die

Dampfbarcasse, welche die Post gebracht hatte, einige Stunden auf mich

warten zu lassen, weil ich sofortige Hülfe für mein Leiden unerlässlich

erachte und mich evacuiren müsse, und verständigte ihn davon, dass

gleichzeitig ein Telegramm nach Batavia geschickt werde, mit der Bitte,

sofort einen Nachfolger zu senden.

Früh um 6 Uhr bat ich den Agenten des Garnisonlieferanten, meine Möbel

in Commission zu nehmen, liess meinen Bedienten die Koffer packen und

um 10 Uhr sass ich in der Dampfbarcasse, die mich nach Pankalan Siatas

brachte, und Abends um 8 Uhr bestieg ich den Dampfer der »indischen

Dampfschifffahrtsgesellschaft«, welcher zwischen der »Ostküste

Sumatras«[58] und Batavia einen 14tägigen Verkehr unterhielt. In Riouw,

der damaligen Residenzstadt der Provinz »Riouw und Vasallenstaaten«,

traf ich Dr. X., der vielleicht (?) schon vor Erhalt meines

Telegramms[59] angewiesen war, mich abzulösen.

Der Herr Gideonse besorgte mir den Verkauf meiner Möbel, welcher

nicht mehr als fl. 295.25 erzielte, während zwei Monate später die

Auction des Militär-Commandanten fl. 1900 aufbrachte. Es ist ja eine

alte Erfahrung, dass die Freundschaft mit den Verwaltungsbeamten in

den holländischen Colonien buchstäblich viel Geld werth ist. Wie

ich schon früher[60] mittheilte, bedingt die flottende europäische

Bevölkerung die Existenz eines Auctionsamtes, in welchem von der

Regierung entre autre der Verkauf der Einrichtungen der transferirten

Beamten und Officiere besorgt wird. Die Versteigerung wird gerne von

den Eingeborenen besucht, welche sich auf bequeme und billige Weise

mit europäischen Möbeln und Schmuckgegenständen versehen und zugleich

»ein Andenken an ihre europäischen Freunde« für ihr gutes Geld

verschaffen können; es liegt im Charakter des Eingeborenen, in erster

Reihe in allen Männern von Einfluss »ihre Freunde« zu suchen und dem

neu auftretenden Würdenträger zu zeigen, wie hoch und wie theuer sie

das Andenken an »ihren Freund« zu erwerben bereit sind. So erklärt es

sich, dass alle Beamten und Officiere, welche mit den Eingeborenen

bei Lieferungen und Arbeiten für die Regierung in Verkehr stehen,

trotz zahlreicher Transferirungen keinen geldlichen Schaden erleiden,

während die dii minorum gentium »drei Transferirungen für einen Brand«

erklären. Auch die guten Freunde der Verwaltungsbeamten participiren an

diesen Vortheilen, weil die Eingeborenen und auch die Chinesen schon

aus der Art und Weise, wie eine Auction von den Verwaltungsbeamten

poussirt wird, einen Maassstab für die Bedeutung und Einfluss des

abtretenden »Freundes des Beamten« sich schaffen. Ich wiederhole

aber gerne, was ich schon im zweiten Bande mitgetheilt habe: Das

Auctionsamt in Indien entspricht geradezu einem dringenden Bedürfnisse

der herrschenden Verhältnisse, und die damit verbundenen Missbräuche

vermindern sich von Jahr zu Jahr.

Ende Februar kam ich in Batavia an und wurde vom Sanitätschef etwas

unfreundlich empfangen, weil ich mich einer bessern Gesundheit

erfreute, als er erwartet hatte. Die Blutungen hatten aufgehört, die

Attaque des Rheumatismus war abgelaufen und die Otitis hatte sich

so weit gebessert, dass die Schmerzen mir nicht mehr die Nachtruhe

raubten. Ich wurde zur weiteren Behandlung im Spitale aufgenommen, und

erst am 3. Mai konnte ich einen 2jährigen Urlaub nach Europa antreten,

wo ich radicale Heilung meiner Krankheiten suchen und finden sollte.

Den 20. Mai 1886 heirathete ich in Rotterdam die Tochter eines

Buchdruckers und trat sofort die Rückreise nach Indien an; die

Hochzeitsreise führte mich nach Wien, wo ich zwei Wochen bei meiner

Familie mich aufhielt, und schiffte mich den 19. Juni in Marseille

ein. Den 20. Juli kamen wir wohlbehalten in Batavia an, und schon den

25. Juli las ich in der Zeitung, dass ich nach Atjeh in Nord-Sumatra

gehen müsste, wo seit 1873 ein Guerillakrieg mit abwechselndem

Kriegsglücke für beide Seiten geführt wurde. Am 30. Juli schiffte ich

mich mit meiner Frau auf der »Tambora« ein, nachdem mir telegraphisch

vom Gouverneur von Atjeh die Erlaubniss mitgetheilt wurde, meine Frau

mitzunehmen.

Im folgenden Capitel werde ich mich mit meinen Erlebnissen unter

diesem freiheitsliebenden Volke und theilweise auch mit ihren Sitten

und Gebräuchen beschäftigen. Aber ich kann nicht umhin, hier an dieser

Stelle ein kleines Bild von der Flora der Insel Sumatra zu geben und

zwar darum an dieser Stelle, weil die Flora des mittleren Sumatra,

d. h. gerade der Provinzen, welche im obigen Capitel besprochen wurden,

von einem Fachmanne ausführlich beschrieben wurde. In dem Reisebuche

des Ingenieurs Yzermann (y = ei und z = s) entwirft der Förster

Koorders, welcher späterhin mit Hülfe eines holländischen Botanikers

seine Sammlungen classificirt hat, ein geradezu erschöpfendes Bild von

der Pflanzenwelt, welche er im Gefolge dieses Ingenieurs gesehen und

bewundert hat. Dieses Buch ist in holländischer Sprache geschrieben und

darum der deutschen Gelehrtenwelt nicht allgemein bekannt; ich glaube

also nur eine nützliche Arbeit zu leisten, wenn ich im Auszuge die

Mittheilungen des Herrn Koorders an dieser Stelle wiederhole.

6. Capitel.

Flora von Mittel-Sumatra.

Den 13. Februar 1891 begann von Padang Pandjang jene grosse Expedition,

welche von dem Oberingenieur Yzermann unternommen wurde, um für

die Kohlen des Ombilienfeldes im Westen von Sumatra einen Landweg

nach der Ostküste zu suchen und zu finden, d. h. zu suchen, ob eine

Eisenbahn die West- mit der Ostküste Sumatras verbinden könnte. Dieses

Unternehmen wurde in einem schönen Buche mit dem Namen: »Dwars door

Sumatra« = Quer durch Sumatra, beschrieben. Zu den Mitarbeitern dieses

Buches gehörte auch der Förster S. H. Koorders, welcher nicht nur das

jeweilige Nutzholz in den durchzogenen Landstrichen aufnahm, sondern

auch so viel als möglich Pflanzen sammelte. Dr. J. G. Boerlage (oe =

u), Conservator in Leiden, hat dieser Sammlung die wissenschaftliche

Weihe gegeben. Aber auch dem wildromantischen Reize eines Marsches

durch den Urwald (Fig. 11) hat der Herr Koorders beredte Worte

verliehen. Da ich ein Laie in der Botanik bin, kann ich unmöglich

meine Eindrücke von einem Urwalde in den Tropen in wissenschaftlichen

Formen wiedergeben, ich bin also gezwungen, aus anderer Quelle zu

schöpfen. Ich glaube nicht, dass die Flora Sumatras jemals besser und

ausführlicher beschrieben wurde, als es der Herr Koorders in seiner

»Lossen schetsen der vegetatie van Equatoriaal Sumatra« gethan hat. Ich

selbst habe den Urwald Sumatras in der südlichen Provinz »Lampong«, an

der Grenze des atjeischen Reiches, sowie im Herzen Borneos gesehen;

die Waldriesen von ungefähr 40 Meter Höhe, das undurchdringliche

Gestrüpp und die Lianen, welche kreuz und quer die mächtigen Baumstämme

verbanden, die kühle und feuchte Luft, die mächtige Humusschicht des

Bodens, welche mit Laub bedeckt war, und die majestätische Ruhe, welche

nur hin und wieder durch den Klageruf eines Affen gestört wurde,

haben einen mächtigen Eindruck auf mich gemacht, dessen Zauber ich

mich heute noch nicht entziehen kann; stets fehlte mir das botanische

Wissen, um auch ein wissenschaftliches Bild dieses wildromantischen

Bildes entwerfen zu können. Möge also der Herr Koorders sein

fachmännisches Wissen über den Urwald Sumatras hier mittheilen.

Diese Expedition ging von Padang Pandjang 0° 30′ s. B. von der

Westküste Sumatras aus und endigte in 46 Tagen an der Ostküste bei

Siak 0° 50′ n. B. Der Aequator wurde am 12. März überschritten; sie

durchschritten also einen Gürtel von ungefähr 1½ Grad, und da der

Weg über Berg und Thal zog, bis er bei Siak die Meeresküste erreichte,

entrollte er unserem Auge das liebliche Bild der Flora in der

Tertiärformation im Diluvium und im Alluvium.

[Illustration: Fig. 14. Eine Gerichtsverhandlung in Kuta-radja.

(Vide Seite 122.)]

21 Jahre in Indien. Dritter Theil: Sumatra. · 第 9 / 23 段