auffallenden Sonnenstrahlen verlieren ja schon um 5½ Uhr einen Theil
ihrer versengenden Wärme -- und kamen vor Eintritt der Finsterniss
in Pangkalan Siatas an; ich und der Schiffscapitän blieben weiter
die Gäste des Lieutenants X., und der Major P. mit seinem Adjutanten
nahmen bei Herrn Z. das Abendmahl ein. Nach demselben kamen wir alle
beim Pflanzer zu einer Whistparthie zusammen. Den andern Morgen fuhr
der Küstendampfer zurück, mich holte die Dampfbarcasse ab, welche der
Pflanzer dem Controlor zu Seruway für seine zeitweiligen Reisen zur
Verfügung stellte, und die zwei übrigen Officiere gingen unter dem
Schutze einer kleinen militärischen Patrouille den Landweg zu Fuss
dahin. Zwei Stunden lang schaukelte mich die kleine Barcasse auf den
etwas unruhigen Wogen der Malaccastrasse, bis ich endlich bei dem
Cap (Tandjong) Tamiang[46] in den gleichnamigen Fluss hineinfuhr.
Sumpfvegetation bedeckte seine Ufer, welche bei der Ebbe des Meeres
oft zehn Meter die Fläche des Wassers überragte. Dieses war grau
und schmutzig von der Masse des vegetabilischen Gemenges; nur wenig
Treibholz hinderte uns in der langsamen Fahrt stromaufwärts, und gegen
vier Uhr hielten wir vor dem Fort Seruway an; beinahe gleichzeitig mit
uns erschienen die beiden andern Officiere, welche auf ihrem Marsch
einen geeigneten Platz für einen Neubau des Forts ausgesucht hatten.
Major P. und sein Adjutant begaben sich sofort zu dem Commandanten
des Forts, um die zahlreichen casus belli (?) dieses Officiers mit
meinem Collegen zu untersuchen, und ich stellte mich der kampflustigen
Commandeuse und den übrigen europäischen Bewohnern des Forts vor. Auch
die Frau meines Collegen gehörte zu jenen indischen Damen, obgleich
ganz reines europäisches Blut in ihren Adern strömte, welche in der
Geltung ihrer Person und der Stellung ihres Mannes eine Lebensfrage
sehen und ihren ganzen Einfluss auf ihren Mann zur Erreichung dieses
Zieles aufwenden. Dadurch entstanden jene kleinlichen Reibereien,
welche nicht nur meinem Vorgänger, sondern auch mir den Aufenthalt in
diesem Fort verbitterten und, wie wir sofort sehen werden, meinem
Collegen viele Monate lang die Qualen einer Untersuchung vor dem
Kriegsgerichte verschafften.
Nietzsche hat zwar im Jahre 1883 sein Aufsehen erregendes Werk »Also
sprach Zarathustra« herausgegeben; aber bis nach Seruway, ins Innere
der Ostküste Sumatras, hatte es damals seinen Weg noch nicht gefunden.
Dieselben Erfahrungen und Beobachtungen mögen ihn zu dem Ausspruch
veranlasst haben: »Du gehst zu Frauen, vergiss die Peitsche nicht«,
welche ich damals sah und erlebt habe. Auch dieser Satz in seinem
berühmten Werke hat, und zwar nur durch die Form mit vielem Rechte,
vielfach Anstoss erregt. Der Grundgedanke dieses Satzes enthält
jedoch eine goldene Wahrheit, welche den wahren männlichen Charakter
bedingt. Der wahrhaft männliche Charakter soll und muss jeden Einfluss
kleinlicher und kindischer Lebensanschauungen zurückweisen, auch wenn
er vom Liebsten, das er besitzt, von seinem Weibe oder von seinen
Kindern, geübt wird. (Ich füge »die Kinder« hinzu, weil ich oft genug
sah, dass Männer eben so stark unter dem Pantoffel ihrer Frau -- als
ihrer Tochter oder ihrer Kinder im Allgemeinen stehen und standen.)
Weder Lieutenant X. noch mein College haben sich diesem Einflusse
zu entziehen gewusst und erlitten dadurch viel Leid und Kummer. Der
Eine weilt nicht mehr unter den Lebenden; der Andere ist von dem
Menschenstrome einer europäischen Residenzstadt aufgenommen worden; ich
kann also ihre weiteren Erlebnisse mittheilen, ohne fürchten zu müssen,
ihren Namen durch meine Erzählung der Oeffentlichkeit preisgegeben zu
sehen.
Lieutenant Y. wurde wenige Wochen vor meiner Ankunft auf Vorschlag
des Dr. X. wegen eines Gehirnleidens nach Medan evacuirt. Da er
wegen dieser Krankheit die Reise nur unter geübter Aufsicht antreten
mochte, begleitete ihn mein späterer Nachbar, der Officiersaspirant
Z. Diese Vorsicht war dringend geboten, und thatsächlich hatte dieser
Begleiter sehr viele Mühe, den Lieutenant Y. lebend nach Pangkalan
Sitas zu bringen; er wollte sich nämlich in’s Wasser stürzen, als er
die weite See zu Gesicht bekam. +In seinem Wahnsinn+ erzählte er auch
bei Tisch der Frau seines Gastherrn zu Pangkalan Sitas, dass Dr. X.
in Seruway ihn habe ermorden wollen. In Medan hatte er sich von dem
Malariafieber bald erholt, welches die Ursache seines Gehirnleidens
gewesen war, und besuchte auch den nächsten Empfangsabend des
Landescommandirenden, Majors P.; hier sah er Dr. X. und seine Frau.
Sofort ging er auf Frau Dr. X. zu, um sie zu begrüssen und sich nach
ihrem Befinden zu erkundigen. Diese Dame nahm die angebotene Hand
nicht an, gab ihm keine Antwort und streckte ostentativ ihre Hände
nach rückwärts. Da er sich keiner Schuld bewusst fühlte (was er s. Z.
in seinem Delirium gesprochen hatte, wusste er auch nicht), suchte er
ihren Mann auf, um Aufklärung für dieses beleidigende Vorgehen seiner
Frau zu erhalten. »Sie ist in ihrem Rechte«, war die kurze Antwort.
Um zu dieser ungelegenen Zeit und auf diesem Orte des Vergnügens kein
unliebsames Aufsehen zu erregen, machte Lieutenant Y. dem Gespräche
sofort ein Ende und schickte ihm den nächsten Tag seine Zeugen. Dr.
X. nahm keines seiner Worte zurück, gab auch keine Erklärung dafür,
warum er das beleidigende Benehmen seiner Frau gut heisse, und
weigerte sich aus principiellen Ursachen, ein Duell anzunehmen. Diese
Affaire nahm den unvermeidlichen weiteren Verlauf. Major P. bestrafte
Dr. X. wegen seines, eines Officiers unwürdigen Benehmens mit vier
Tagen Arrest; dieser reclamirte, und der Armeecommandant bestätigte
die Strafe und gab noch vier Tage Arrest, weil er durch seine
leichtsinnige Reclamation Mangel an Ehrfurcht vor seinem Vorgesetzten
gezeigt habe. Dr. X. liess auch diese Strafe nicht auf sich ruhen und
suchte nun den Ausspruch eines Kriegsgerichtes nach. Glücklicherweise
hat ihn dieses freigesprochen, weil im andern Falle mit der Strafe
noch ein grosser geldlicher Verlust verbunden gewesen wäre. Der
»Krygsraad« tagte nämlich in Atjeh, wo sich zu dieser Zeit Dr. X. in
Garnison befand. Die Zeugen mussten persönlich ihre Aussagen vor dem
Kriegsgericht abgeben und daher, so weit sie sich nicht ebenfalls in
dieser Garnison befanden, dahin reisen. Nach ungefährer Berechnung
wären die Gesammtunkosten ungefähr 1000 Fl. gewesen; Dr. X. wurde von
dem Kriegsgericht freigesprochen, weil es sich der Anschauungsweise
des Sanitätschefs angeschlossen hatte, welcher folgenden Standpunkt
in seiner diesbezüglichen Erklärung abgegeben hatte: Lieutenant Y.
habe in zweifacher Weise die ganze Affaire +provocirt+ und sei darum
der Hauptschuldige in dieser Angelegenheit. Zunächst habe jeder Mann
abzuwarten, ob ihm eine fremde Dame überhaupt die Hand reichen will.
Dann aber sei Lieutenant Y. besonders unvorsichtig gewesen, weil er
Frau Dr. X. zuerst die Hand angeboten hatte, obzwar er gewusst hatte,
dass ihr Mann vor nicht langer Zeit in Unfrieden mit ihm gelebt habe.
Es kann hier nicht weiter meine Aufgabe sein, mit dem Freispruche des
Kriegsgerichtes mich zu beschäftigen; aber ich glaube darauf hinweisen
zu müssen, weil Dr. X. nur durch theilnahmsvolle Intervention seiner
Collegen von den Folgen seiner unüberlegten Handlungsweise befreit
blieb.
»Du gehst zu Frauen, vergiss die Peitsche nicht.« In noch unwürdigerer
Weise liess sich Lieutenant B. durch seine Frau beeinflussen, welcher
oder welche der Commandant des Forts Seruway zu meiner Zeit war.
Das Fort bestand aus hölzernen Gebäuden und hölzernen Palissaden. Die
Nordseite wurde von einem hölzernen Hause eingenommen, in welchem
die zwei Officiere und obengenannter Aspirantofficier wohnten. Ich
bewohnte den westlichen Theil, welcher gegenüber dem Marodenhause lag.
Die Wohnung trug den Typus aller indischen Häuser, wie ich sie im II.
Theile »Java«[47] beschrieb. An die westliche Wand schloss sich ein
Theil des Hofraumes mit einer Bretterwand als Gehege an.
Eines Tages lag ich um 3 Uhr in der vorderen Veranda in einem
Faulenzerstuhle zu ruhen, weil mich die Wärme im Schlafzimmer
verhinderte, mein gewöhnliches Mittagsschläfchen im Bette zu halten.
Da sah ich plötzlich einen eingeborenen Soldaten und einen Sträfling,
beide mit einem Knüttel gewaffnet, in den Hofraum sich schleichen.
Ich rief sie zu mir und frug sie, was dies bedeute. »Njonjah tuwan
Commandant suruh« = Die Frau des militärischen Commandanten habe den
Auftrag gegeben. »Suruh apa?« = Was hat sie befohlen? »Die Katze zu
tödten« war die Antwort dieser Bösewichter. (?) Ich befahl ihnen
natürlich sofort, mein Haus zu verlassen, und ging den andern Morgen
auf das Platz-Bureau, den Lieutenant X. davon zu verständigen.
Natürlich (!) war ihm davon nichts bekannt, und ich versicherte ihn,
dass dies eine angenehme Aufklärung für mich sei, weil ich natürlich
(??) nicht glauben konnte, dass mit seinem Wissen ein Soldat bewaffnet
auf das erf (H. = Grundstück) eines Officiers eindringen werde. Abends
ging ich zu seiner Frau eine Abschiedsvisite machen, weil ich den
andern Morgen eine Inspectionsreise nach Pangkalan Siatas unternehmen
sollte; bei dieser Gelegenheit erfuhr ich den Grund ihres Hasses gegen
meine Katze. Diese bevorzugte besonders gerne ihren Milchtopf und ihre
Küchlein. Ich bat diese Dame also, ihren Milchtopf zuzudecken, weil ich
die Katze nicht entbehren wolle und auch nicht wegen der zahlreichen
Ratten entbehren könne. Ich bekam aber nur die bedeutungsvollen
Worte zur Antwort: »Ich werde mir schon zu helfen wissen.« Im ersten
Augenblicke dachte ich daran, dass diese Antwort eine friedfertige
Bedeutung hätte. Vorsichtshalber befahl ich jedoch meinem Bedienten,
während meiner Abwesenheit meine Katze in einen Bambus-Käfig
abzuschliessen. Bei meiner Rückkehr war die Katze verschwunden. Dieser
Erfolg ihrer autokratischen Gelüste befriedigte sie jedoch nicht.
»Kromo«[48] und »Wongso«[48] der Truppen sollten sehen, dass ihr Mann
im Fort das höchste Wesen sei, obwohl ich als Regimentsarzt höher im
Rang sei und nur aus dieser Ursache ein höheres Gehalt als ihr Mann
bezöge. Als ich dieses Gespräch zu hören bekam, hielt ich mich aus
naheliegenden Ursachen »indisch taub«[49] (dieses Gespräch war ja an
die Adresse einer Soldatenfrau und nicht +direct+ an mich gerichtet),
und es gelang ihr nicht, mich zu einer Gegenäusserung zu verlocken.
Den andern Morgen kam ein eingeborener Soldat, welcher eine ansteckende
Hautkrankheit hatte, auf den Krankenrapport. Ueblicherweise schrieb
ich in das betreffende Register neben seinen Namen: Ziekenzaal (=
Marodenzimmer). Nach dem Reglement musste dieser Patient sofort in
die Caserne gebracht werden, wo er (oder bei acuter Erkrankung ein
Kamerad in seiner Gegenwart) seine Kleider und Wäsche in seinen Koffer
einzupacken und diesen nebst Waffe in die dazu bestimmte Wachstube
(= Rustkamer H.) im Beisein seines Feldwebels zur Aufbewahrung zu
geben und sich dann +sofort+ in das Marodenzimmer zu begeben hatte.
Diesmal geschah nichts von allem diesen. Es war 11 Uhr geworden,
und noch immer konnte mir der Krankenwärter nicht mittheilen, dass
dieser Patient angekommen sei; ich liess den Krankenwärter bei dem
Schreiber des Platzcommandanten sich informiren und erfuhr, dass dieser
keinen diesbezüglichen Befehl geben wolle, weil ich ihn nicht direct
darum +ersucht+ hatte. Da dies im Widerspruch mit den Vorschriften
des »Garnisondienstes« war, schrieb ich ihm officiell einen Brief
mit der einfachen Mittheilung, dass ich einen Soldaten, welcher an
einer ansteckenden Hautkrankheit leide, angewiesen habe, in’s Spital
zu gehen, dass dieses nicht geschehen sei und dass ich glaube, den
militärischen Commandanten für die Folgen dieser Ausserachtlassung
verantwortlich zu machen und nebstdem den Landescommandirenden in
Kenntniss zu setzen, dass ich in der Ausübung meines Dienstes nicht der
üblichen Unterstützung mich erfreuen könne.
Vier Jahre später sollte der ungezügelte dämonische Einfluss dieser
Frau auf ihren braven, etwas willensschwachen Mann traurige Folgen
haben. Ich wurde im Jahre 1887 nach L. transferirt und hatte unter
anderen Obliegenheiten auch die Verpflichtung, jede Woche zwei Mal
nach L. zu gehen, wo Lieutenant X. der Commandant des Forts war.
Bei meinem ersten Besuche sah ich Frau X. im Hofraume im Gespräche
mit einem anderen Lieutenant stehen. Die 40 Mann, welche zu meinem
Schutze mitgegangen waren, hatten vor dem Fort ihre Waffen abgelegt,
der Hornist des Forts gab das Zeichen: »Der Doctor ist da«, und bevor
die Patienten sich meldeten, ging ich in das Fort, und als ich Frau
X. erblickte, eilte ich auf sie zu, um sie herzlich zu begrüssen.
Alle grossen und kleinen Zwistigkeiten, welche ich vier Jahre vorher
mit dieser Dame hatte, waren ja vergessen; auch diese Dame zeigte nur
die Freude des ersten Wiedersehens, und ich -- klopfte ihr mit den
Händen auf die Schulter mit den Worten: »Ja, ja, was sind Sie, Frau
Lieutenant, seit dieser Zeit stark geworden.« Ich unterhielt mich
noch kurze Zeit mit ihr über unsern Aufenthalt in Seruway; auch ihr
Mann nahm daran Antheil, und bald kam mir »der Sergeant der Wache«
mittheilen, dass die Patienten sich eingestellt hätten. Ich nahm von
Beiden herzlichen Abschied, versprach, ihnen so bald als möglich meine
Frau vorzustellen, hielt meine Krankenrapporte und ging nach Hause. Wie
war ich jedoch den anderen Tag überrascht, mit der Post einen Brief
von Lieutenant X. zu erhalten, in dem er mich beschuldigte, seine Frau
coram publico »gemein« behandelt zu haben; durch zwei Officiere wurde
diese Sache zwar beigelegt, aber das Verhältniss zwischen uns Beiden
blieb ein gespanntes; so oft ich ex officio in das Fort kam, verkehrten
wir nicht mehr und in der Regel kehrte ich zurück, ohne Lieutenant X.
oder seine Frau gesprochen zu haben. Sehr oft fiel mir aber auf, dass
das Aussehen des Herrn X. viel zu wünschen übrig lasse; eines Tages
glaubte ich officiell den Landescommandirenden davon in Kenntniss
setzen zu müssen, und als mich dieser aufforderte, es schriftlich
zu thun, schrieb ich, dass mir bei meiner Inspectionsreise nach L. das
schlechte Aussehen des Commandanten des Forts aufgefallen war, und dass
im Interesse des Dienstes und noch mehr +im eigenen Interesse+ dieser
Officier sich unter ärztliche Behandlung stellen sollte. Oberst C.
schickte eine Abschrift dieses Briefes nach L. zur Information.
[Illustration: Fig. 12. Uléë Lhöë, Hafen von Atjeh.
(Vide Seite 114.)]
Ende jeden Jahres wird in Atjeh von den diversen Forts eine Liste der
anwesenden Officiere angelegt mit der Angabe, ob sie in Atjeh länger
als sie verpflichtet[50] seien, bleiben wollten.
Als Antwort auf meinen Brief gab Lieutenant X. von sich an: Wünscht
zu bleiben. Acht Tage später musste er in das Spital zu Kuta radja
aufgenommen werden und war drei Tage später eine Leiche. Wie mir
später mitgetheilt wurde, war es seine Frau, welche ihn bewogen hatte,
meine Warnung als den Einfluss +persönlicher Eifersucht+ auf ihr
angenehmes und einträgliches Leben als Fortcommandant aufzufassen.
* * * * *
Das gesellschaftliche Leben eines Officiers oder eines Militärarztes
in der holländisch-indischen Armee ist sehr reich an Abwechslung. Bald
ist er in einer Garnison, welche alle Genüsse und Vortheile einer
europäischen Stadt bietet, bald sitzt er allein oder nur mit ein
oder zwei Officieren in einem kleinen Fort fern von allen Vorzügen
der Civilisation und nebstdem umgeben von allen Schrecknissen des
Tropenlebens.
So erging es mir in Seruway. Im Ganzen bestand der Kreis, in welchem
ich mich bewegte, aus einem jungen Controleur, einem Lieutenant mit
seiner Frau, einem Officiersstellvertreter und einem Bürger, dem
Agenten der Firma Hüttenbach, welche die Lieferantin des Forts war.
Das Fort selbst lag mitten im Sumpfe am rechten Ufer des Tamiangflusses
und war von 2½ m hohen Palissaden umgeben; der Raum zwischen den
Palissaden und der Caserne und dem Officiersgebäude war nicht nur der
Rendezvousplatz von uns fünf Europäern, sondern auch der einzige Weg,
auf dem man spazieren gehen konnte. Die Wohnung des Controleurs war an
der Nordseite des Forts fünfzehn Meter entfernt. Das Officiersgebäude
stand mitten auf dem Platze und hatte hölzerne Wände; ich bewohnte die
westliche Ecke, welche gegenüber dem Marodenzimmer lag und zwar nicht
weiter als zehn Schritt.
Ich hatte einen Bedienten, dessen Frau gleichzeitig Köchin war; da sich
in der Nähe kein Kampong befand, konnte sie beinahe niemals frisches
Grünzeug erhalten, und nur hin und wieder war es möglich, einige Stücke
Lombok (= Paprika) oder Fisolen von einigen Soldatenfrauen zu erstehen,
welche mit Erlaubniss des Militär-Commandanten ausserhalb des Forts
einige kleine Gemüsebeete angelegt hatten. Die übrigen Lebensmittel
erhielten wir von dem Lieferanten der Garnison. Zu meinem Vergnügen
hielt ich ausserhalb des Forts einen Hühnerstall, worin sich beinahe
immer sechzig Legehühner befanden. Im Durchschnitt bekam ich täglich
zwanzig Eier, welche ich theilweise à 2 Ct. = 3½ Pfennig meinem
Bedienten überliess, der mich darum ersuchte, um im Fort einen kleinen
Eierhandel zu treiben. Der Garnisonlieferant lieferte nämlich nur
gesalzene Enteneier, welche in ganz Indien sehr gern gegessen werden.
Die frischen Hühnereier haben natürlich auch ihre Freunde; ich weiss
jedoch heute noch nicht, an wen »Sidin« diese Eier und wie hoch er
sie verkauft hat. Frische Kuhmilch war in dem Fort ganz unbekannt,
und ich bezog von dem Agenten der Firma Hüttenbach meistens nur die
Schweizerische condensirte Kuhmilch, welche mich mehr befriedigte, als
die »flüssige Milch«, welche damals in Mode kam. Auch später hat die
Schweizerische condensirte Kuhmilch mir solch’ vortreffliche Dienste
bei meinen Patienten geleistet, dass ich sie heute noch als Ersatz der
Muttermilch in erster Reihe verordne.
Das Klima Seruways war trotz seiner relativ grossen Entfernung von der
Küste ein wahres »Strandklima«. Nirgends eine schattenspendende Allee;
den ganzen Tag sandte die Sonne ihre versengenden Strahlen auf uns
nieder; nur selten erfrischte der Seewind die mit Miasmen und heissem
Staub geschwängerte Luft; und wenn in der Regenzeit täglich viele
Stunden lang das Wasser vom Himmel in Strömen stürzte, dann konnten wir
nicht einmal unser Haus verlassen. Die Temperatur schwankte je nach der
Tageszeit und nach der Art des Monsuns von 22 ° C. bis 37 ° C. und der
Feuchtigkeitsgehalt der Luft zwischen 700-800 pro m.
Noch andere Factoren kamen hinzu, um diesen Garnisonort zu dem
unangenehmsten zu machen, den ich während meiner zwanzigjährigen
Dienstzeit hatte. Ich wurde krank, hatte als Arzt wenig zu thun und
hatte keinen Verkehr mit den Eingeborenen, so dass ich auch weder
auf ethnographischem noch auf zoologischem Gebiete mich beschäftigen
konnte. Ich hielt es in dieser Garnison nur wenige Monate aus und --
+lief+ endlich am 24. Februar 1884 davon.
Bevor ich jedoch die eigentliche Ursache dieser Desertion erzähle,
will ich einige Intermezzi mittheilen, welche als Lichtpunkte dieses
öde, elende und langweilige Leben wenigstens einigermaassen erhellten
oder, besser gesagt, einige Abwechslung in das monotone tägliche Leben
brachten.[51]
Dahin muss ich meine monatlichen Fahrten nach Pankalan Siatas und
einige interessante chirurgische Fälle rechnen, die ich in Behandlung
bekam.
Die Streitigkeiten mit meiner liebenswürdigen Nachbarin und meine
körperlichen Leiden haben allerdings meine Gemüthsstimmung so sehr
verbittert, dass ich aus dieser Zeit nur den Totaleindruck einer
miserablen und traurigen Existenz bewahrt habe.
In der Regel brachten meine monatlichen Reisen nach Pankalan Siatas mir
eine willkommene Abwechslung in der Gesellschaft. Wenn man täglich nur
vier Menschen sieht und spricht, tritt das Verlangen, andere Menschen
zu sehen, andere Stimmen zu hören und andere Anschauungen austauschen
zu können, fühlbar auf. Es mag in Europa Landherren oder Beamte geben,
welche in kleinen Städten, Dörfern u. s. w. in ähnlichen Verhältnissen
leben; aber diese Uebelstände machen sich in Indien fühlbarer, weil man
keine Möglichkeit kennt, sie zu verändern.
Zwei Mal hatte ich auf diesen Fahrten eine kleine Abwechslung. Das
erste Mal begleitete mich ein Geistlicher, welcher acht Tage vorher
nach Seruway gekommen war, um den katholischen Soldaten für einige Tage
religiösen Zuspruch zu gewähren, etwaige neugeborene Soldatenkinder
zu taufen und Gelegenheit zur Beichte zu geben. »Pastor« X. fuhr mit
mir nach Pankalan Siatas, von wo er mit dem nächsten Dampfer seinen
zeitlichen Standplatz Medan aufsuchen wollte.
Wir waren kaum drei Kilometer hinter Seruway, als die Schraube mit
einem einem Kanonenschusse ähnlichen Knall brach. Unwillkürlich
entschlüpfte mir das in Indien übliche Scherzwort: »Nun ja, wir haben
einen Pfarrer an Bord, also müssen wir ein Unglück bekommen«, und
dieser brave Mann bekam eine Röthe wie ein Backfischchen. Als ich ihn
versicherte, dass ich dieses Sprichwort nicht als Vorwurf gebraucht
habe, theilte er mir mit, dass ihm diese Legende bekannt sei, dass sein
Erröthen mehr die Erschütterung der kleinen Dampfbarcasse als meinen
Scherz zur Ursache habe und dass er mir gewiss nicht zürne. --
Der Bruch der Schraube hatte weiter keine unangenehmen Folgen. Wir
fuhren ja stromabwärts; die Strömung des Flusses -- zur Zeit der
Ebbe des Meeres -- brachte uns vorwärts; das Steuerruder war intact,
wir konnten also trotz der zahlreichen Krümmungen des Tamiangstromes
ungefährdet allen Ecken und vorspringenden Ufertheilen ausweichen, und
als wir die Mündung des Stromes erreichten, war die Reserveschraube
eingesetzt.
Die beiderseitigen Ufer boten nach keiner Richtung etwas Sehenswerthes.
Der Wasserstand war niedrig, die hohen Ufer waren mit undurchdringbarem
Gebüsch bedeckt, aus welchem die Nipahpalmen, die Brutstätte der
Mosquitos, hervorragten, und gegen das Ende des Stromes verflachten
sich die Ufer allmählich so weit, bis sie das Niveau des Meeres
erreicht hatten.[52] Dennoch besitzt das linke Ufer ein geologisches
Curiosum, auf welches mich der Steuermann der Barcasse aufmerksam
machte, und zwar gerade gegenüber dem Haupteingange des Forts.
Bei meiner Ankunft in Seruway borgte ich mir einen Kahn aus und fuhr
mit vier Sträflingen dahin, welche Hacke und Schaufeln mitnahmen. Ich
fand, wie mir jener mitgetheilt hat, einen kleinen Hügel, welcher aus
kleinen Muschelschalen, etwa von der Grösse eines halben Pfennigs,
bestand. Der Boden rings um diesen kleinen Hügel bestand aus Lehm
mit Humus gemischt. Mir ist bekannt, dass der Kiel von Dampfern und
Schiffen sehr oft Gebilde des Meeres bis tief in’s Innere des Landes
verschleppen könne; aber dieser ganz isolirte Haufen von tausenden und
tausenden kleiner Muscheln, mitten im Alluvialboden und noch dazu vier
bis fünf Stunden von der Küste entfernt, war nicht nur mir ein Räthsel,
sondern war auch von jeher den Eingeborenen eine unverständliche
Erscheinung. W. Splieth beschreibt uns im Archiv für Anthropologie von
Schleswig-Holstein im Jahre 1888 (?) solche Muschelhaufen oder, wie er
sie nennt, solche Kjokkenmodding als wichtige Documente der Steinzeit.
Leider hatte ich damals keine Ahnung von der Bedeutung dieser
»Faciesbildung« für die Paläontologie und unterliess es darum, sie auf
Ueberreste von Thieren oder Menschen oder Geräthen zu untersuchen.
Vielleicht genügt diese Mittheilung, jemand Andern, welcher sich in
dieser Gegend aufhält, zur Untersuchung dieser »Facies« anzuregen.
Das zweite Abenteuer, welches ich bei dieser Fahrt auf der
Dampfbarcasse erlebte, lief ebenfalls gut ab, hatte aber eine kleine
Expedition zur Folge.