Den 22. Juni 1883 musste ich wiederum, also zum dritten Male, in

dieser Strasse eine Fahrt machen, weil ich bei meiner Ankunft in

Batavia den Befehl erhielt, sofort nach »Polonia«[39] zu gehen, wo der

Sitz der militärischen Behörden der vierten Provinz, der »Ostküste

Sumatras« sich befand, in welcher ich mich 8½ Monate aufhielt.

Traurige Tage, Wochen und Monate habe ich, wie wir sofort sehen werden,

in dieser Provinz verlebt, und als ich auf meiner Rückreise nach

Batavia im Februar des Jahres 1884 zum vierten Male den Weg durch die

Malaccastrasse nahm, hielt mich nur die Hoffnung auf ein baldiges Ende

meines körperlichen und seelischen Leidens am Leben.

[Illustration: Fig. 10. Roden des Urwaldes.

(Vide Seite 81.)]

Zum fünften Male sah ich diese Meeresstrasse im Jahre 1896, als die

holländische Regierung den Abfall ihres Bundesgenossen Tuku Umar

durch einen grossen Feldzug in sein Gebiet in Atjeh bestrafen

musste. Zu diesem Zwecke liess sie vier Bataillone Infanterie,

Cavallerie, Artillerie und Genietruppen von der Insel Java zur

Ergänzung ihrer Truppenmacht nach Atjeh kommen. Da die einzelnen

Truppenkörper reglementär keine Militärärzte besitzen, welche nur den

»Garnisonsplätzen« zugetheilt werden, mussten diese Truppen von Aerzten

»begleitet« werden, welche aus andern Garnisonsorten genommen wurden.

Ich selbst bekam den Befehl, »das 6. Infanteriebataillon« von Magelang,

wo ich mich in Garnison befand, nach Semarang zu »bringen«. Hier wurde

ich jenem Schiffe zugetheilt, welches die »Artillerie«, die »Genie«

und die »Maulesel« nach Atjeh transportiren sollte. Der Stand der

Militärärzte in der Garnison »Atjeh und Vasallenstaaten« war bei meiner

Ankunft complet; ich wurde also nicht zurückgehalten, sondern bekam den

Befehl, mit erster Gelegenheit nach meiner Garnison zurückzukehren.

Diesmal ging die Reise nach Java längs der Westküste Sumatras.

Die sechste Fahrt in der Malaccastrasse schloss, wie wir früher sahen,

meine Carrière in der holländisch-indischen Armee.

* * * * *

Als ich im Juni 1883 nach Polonia transferirt wurde, benutzte ich

einen Dampfer der damaligen indischen Dampfschifffahrt-Gesellschaft,

welche nach Riouw, Singapore und nach der Ostküste Sumatras jeden Monat

sechs Dampfer sandte. Den 22. Juni schiffte ich mich in Batavia ein,

und bei schönem Wetter und bei ruhiger See nahmen wir den Curs nach

N. W. Die Fahrt ging zwischen den beiden zinnreichen Inseln Banka[40]

und Billiton, liess die Gruppe der Lingga-Insel zur Backbordseite

liegen, und wir dampften dann direct nach Riouw und Singapore.

Hierauf bestiegen wir einen kleinen Dampfer, welcher einen geregelten

Verkehr zwischen Riouw und den Hafenplätzen auf der Ostküste Sumatras

unterhielt. Von Riouw ging die Fahrt zwischen den Inseln Padang und

Bengkalis, und wir sahen die Tebing-Tinggi-, Rangsang- und Merbouw

und die übrigen kleinen Inseln auf der Backbordseite in weiter Ferne

liegen. Vor der Hauptstadt der »Residentie« fiel der Anker in die Tiefe

der »Brouwerstrasse«, welche die drei erstgenannten Inseln von dem

Festlande scheidet. Ich wusste damals nicht, dass der Plan bestand, in

Bengkalis einen Concurrenzhafen des Welthafens Singapore zu schaffen;

ich schenkte also diesem Theil der Stadt keine Aufmerksamkeit, und ich

weiss nur aus den spätern Mittheilungen der Tagesjournale, dass zur

Ausführung dieses stolzen Planes nichts geschehen ist, d. h. keine

modernen Lagerhäuser, Werften und Docks gebaut wurden, sondern man

sich begnügt hatte, Bengkalis zu einem Freihafen zu erklären und im

übrigen der Zukunft ihre allmähliche Entwicklung zu einem Welthafen

überliess. Der Welthandel kennt diesen Freihafen kaum dem Namen nach

und die »Sparsamkeit hat wieder die Weisheit betrogen« (holländisches

Sprichwort). Das Princip: »10×10 Gulden lieber auszugeben, als 100 Fl.

auf einmal« hat wieder Schiffbruch gelitten. Auch die Stadt selbst

zeigte nur wenig den Stempel einer Residenzstadt; im Ganzen lag eine

Compagnie Soldaten in Garnison.

Der Militärarzt, den ich während meines zweistündigen Aufenthaltes

aufsuchte, war ein Däne und bewohnte mit Frau und Kind ein kleines

hübsches hölzernes Haus. Da er mir mittheilte, dass ausser dem Gebäude

des Residenten und einer Tapiocafabrik[41] Bengkalis überhaupt keine

Sehenswürdigkeiten besitze, so machte ich gern von seiner Einladung

Gebrauch, bei einem Glase abgekühlten Apollinariswasser in seinem Hause

die Abreise des Dampfers abzuwarten.

Von seinem Hause aus sah man in weiter Ferne (± 4 km) die Küste

Sumatras, welche ein sanft aufsteigendes Ufer hatte, das aber doch noch

so niedrig war, dass es zur Zeit der Fluth ganz mit Wasser bedeckt

war. Tiefer ins Innere des Landes erstrecken sich zahlreiche Sümpfe;

zahlreiche Seen und zwei grosse Ströme durchziehen von Westen nach

Osten diesen südlichen Theil der Provinz, welche noch einen eigenen

Sultan besitzt und den Namen Siak führt. Die zwei Ströme, welche

dem Centralgebirge Sumatras entspringen, heissen der Kampar, dessen

Quellengebiet zum Theil in der »Residentie Riouw« und zum Theil im

Padangschen Hochlande liegt, und der Fluss Siak, dessen südlicher

Quellenarm am Berge Suligi (536 Meter hoch) und dessen nördlicher

Quellenarm an der Grenze der unabhängigen Battakländer entspringen.

Das gegenwärtige Sultanat von Siak[42] stand im 14. und 15. Jahrhundert

unter dem Radja von Gasip, welches an dem gleichnamigen Nebenflusse des

Siakstromes zu jener Zeit ein mächtiger Staat gewesen sein soll. Es

kam durch Verrath eines gewissen Pandan in die Gewalt der Atjeers und

von diesen unter die Botmässigkeit von Djohor, und erst im Jahre 1717

wurde das Sultanat Siak von Radja Ketjil gegründet. Die zahlreichen

Thronstreitigkeiten, welche hierauf entstanden, nahmen erst im Jahre

1858 ein Ende, als Wilson, ein englischer Abenteurer, dem Tongku

Ismail versprach, die aufständischen Stämme zu unterwerfen. Aber auch

zwischen diesen Beiden kam es bald zum Streite, und der eingeborene

Häuptling wandte sich an die holländische Regierung, welche Wilson

aus Siak vertrieb, während mit einem Contract das Sultanat Siak ein

Vasallenstaat Hollands wurde. Ismail blieb nur bis zum Jahre 1864

Sultan, in welchem Jahre er wegen Wahnsinns abgesetzt wurde. Sein

jüngster Bruder Tongko Sjarif Kasim wurde Sultan und sein ältester

Bruder Tongku Putra Mangkubumi Reichsverweser des Landes. Den 23. Juni

1884 trat der Sultan die nördlichen Besitzungen seines Reiches: Deli,

Serdang, Tamiang, Assahan u. s. w. an den holländischen Staat ab und

zwar gegen eine jährliche Subvention von 40000 Fl. Die Bezahlung einer

Schuld von 50000 Fl. wurde ihm nebstdem erlassen.

Die Bevölkerung dieses Sultanats theilt sich in zwei Theile; die Einen

nennen sich die directen Unterthanen des Sultans von Siak; es sind die

ehemaligen Menangkabauer, welche in den vier Sukus (= Bezirken) Tanah

datar, Kampar u. s. w. einer bedeutenden Autonomie sich erfreuten,

während die Bewohner der nördlichen Districte Tanah putih, Bangka und

Kubu und die der Inseln Rupat bis Pengailan nur ungern den Sultan von

Siak als ihren Herrn anerkennen. Das staatsrechtliche Verhältniss

dieser einzelnen Staaten zum Sultan ist so verwickelt, dass es eine

unerschöpfliche Quelle von Streitigkeiten ist und bleibt. Auch das

Verhältniss zur indischen Regierung (die Insel Bengkalis ist schon

seit 25 Jahren in vollem Eigenthum Hollands, ebenso theilweise die

Insel Rupat) ist jetzt in ein Stadium der Veränderung gekommen, dessen

Beendigung mir noch nicht bekannt ist.

* * * * *

Nur zwei Stunden blieb ich in Bengkalis. Die Dampfpfeife rief mich bald

aufs Schiff; an der Insel Rupat, welche durch die gleichnamige Strasse

von Sumatras Küste ungefähr 5 km weit geschieden ist, zogen wir vorbei,

landeten wieder nur für ungefähr zwei Stunden bei der Mündung des

Assahan, wo ein Kahn für die gleichnamige Stadt die Briefe holte und

brachte.

Auch dieser District der Residentie »Ostküste von Sumatra« besteht

zur Hälfte aus angespültem und sumpfigem Lande. Von hier aus

liegt die ganze Küste dieser Provinz grösstentheils im Diluvium.

Endlich erreichte ich das Ziel meiner Reise, Labuan Deli, welches

bereits damals durch eine Eisenbahn (Fig. 6) mit der Hauptstadt des

gleichnamigen Bezirkes Medan verbunden war. Seitdem sind bedeutende

Veränderungen vorgefallen. Diese Stadt wurde zur Hauptstadt der ganzen

Provinz »Ostküste von Sumatra« ernannt, welche schon im Jahre 1897 von

103 km Eisenbahnen durchzogen wurde (Bengkalis wurde als Freihafen

und als zukünftiger Welthafen aufgelassen); Belawan wurde an Stelle

von Labuan Deli der bedeutendste Hafen dieser »Residentie«, von dem

jährlich tausende und tausende Ballen Tabaks nach Europa und tausende

und tausende Büchsen mit Petroleum[43] nach Java, China und Japan

versandt werden.

Von den vier Bezirken, in welche der District Deli eingetheilt wird,

Serdang, Deli, Langkat und Tamiang, ist der bedeutendste Deli; aber

auch in Langkat bestehen seit ungefähr zehn Jahren Plantagen, und nur

Tamiang hat sich kaum über die ersten Anfänge einer systematischen

und rationellen Plantagenwirthschaft erhoben. Bis nun hat der

»Delitabak« allein aus dem gleichnamigen District eine blühende Provinz

gemacht und die »Deli Maatschappy« hat ihren Gründern und Actionären

Millionen und Millionen bereits als Dividenden bezahlt, während die

Tabaksunternehmungen in dem Bezirke Tamiang noch nicht mit Gewinn

arbeiten. Ein Blick auf die Karte zeigt uns, dass die ganze Provinz,

von Assahan angefangen, Diluvialland ist, welches im Westen vom

Hochgebirge begrenzt wird; der Sebajak mit 2172 Meter, der Baros mit

1950 Meter, der Tenaro mit 1850, der Semilir mit 1813, der Temangu

mit 1816, der Seraga mit 1490 und der Dolok (= Berg) mit 1440 Meter

Höhe sind die bedeutendsten Bergspitzen, auf welchen zahlreiche aber

unbedeutende Flüsse entspringen und ihren Lauf nach Osten nehmen und

welche mit ihren reizenden Gebirgspanoramen (Fig. 7) das Gebiet der

»unabhängigen Battaker« begrenzen.

Ich glaube mich hier jeder Mittheilung über die Gebräuche und Sitten

dieser nicht ganz primitiven Menschen -- sie besitzen ja ein eigenes

und selbständiges Alphabet --, welche fälschlich für die Urbewohner

Sumatras gehalten werden, mit Recht enthalten zu müssen. Es hat ja

in jüngster Zeit ein Oesterreicher und zwar Freiherr Joachim von

Brenner ein interessantes und lehrreiches Bild von seinen Reisen durch

die Battakländer (Fig. 8) beinahe in erschöpfender Weise entworfen.

Freilich ist das Capitel über seine Gefangennahme in Lontong am Tobasee

und über die Gefahr, geschlachtet und von den Battakern verzehrt zu

werden, interessant und romantisch geschrieben, aber eine erhitzte

Phantasie +scheint+ dabei Pathenstelle versehen zu haben. Wie mir

nämlich ein Resident dieser Provinz voriges Jahr mitgetheilt hat,

befinden sich die Anthropophagen +gegenwärtig nur+ im Gebiete der

Pak-Pak, welche ungefähr 50 km vom Tobasee entfernt wohnen. (Auch

Frau Ida Pfeiffer, welche im Jahre 1852 die südlichen Battakländer

durchzogen hat, wurde von einer unbegründeten Furcht beherrscht, wenn

sie entre autre mittheilt, dass sie es nur ihrem zähen Fleische als

alte Frau verdankt hätte, von den Eingeborenen nicht verspeist worden

zu sein.)

Die Battaker sind ja schon seit Anfang des vorigen Jahrhunderts von

zwei mächtigen civilisatorischen Nachbarn in ihrer ursprünglichen

rohen Sitte -- der Menschenfresserei -- beeinflusst. In den Jahren

1820 bis 1830 ist die mohamedanische Secte der Padri bis an’s Ufer des

Tobasees vorgedrungen, während im Osten die holländische Regierung ihre

civilisatorischen Arbeiten bis tief in’s Innere des Landes ausgebreitet

hat und noch ausbreitet. Wenn wir also von jenen wenigen Battakstämmen

absehen, welche im Nordosten unter dem Namen der Pak-Pak die alte Sitte

der Anthropophagie noch heute üben, so steht der übrige Theil auf einer

ziemlich hohen Stufe der Civilisation, und gerade das Buch des Herrn

J. von Brenner bringt uns davon hunderte und hunderte Beweise.

Bei meiner Ankunft in Labuan Deli erfuhr ich eine grosse Enttäuschung.

Kaum hatte der Anker sich in den Grund des Meeresbodens gebohrt,

erschien der Adjutant des Landescommandanten an Bord und theilte

mir mit, dass ich nicht in Medan, der Hauptstadt des Bezirkes

Deli, stationirt, sondern zum »Eerstaanwezend« Officier in dem

Bezirke Tamiang ernannt worden sei; ja noch mehr, der in diesem

Bezirke momentan anwesende Militärarzt müsse so bald als möglich

seinen Standplatz Seruway verlassen, weil er sich mit den übrigen

Officieren nicht vertrage. Daher sei es nothwendig, dass ich sofort

meine Reise fortsetze, und dass die üblichen Vorstellungen bei

dem Landessanitätschef und bei dem Landescommandirenden u. s. w.

meinerseits aufgeschoben werden.

Zu meinem grössten Bedauern habe ich dadurch die Gelegenheit verloren,

die interessanteste Stadt »der Residentie Ostküste von Sumatra« zu

sehen und mit jenen zahlreichen interessanten Eingeborenen in Contact

zu kommen, welche von der Peripherie der Provinz bei verschiedenen

Anlässen nach Medan gehen, um mit den Vertretern der diversen Tabak-

und Petroleum-Unternehmungen in geschäftlichen Verkehr zu treten. Ich

tröstete mich mit dem Gedanken, in dem Bezirke Tamiang vielleicht mit

einzelnen Bewohnern der Gaju- oder Alasländer in Berührung zu kommen,

welche das Innere von Gross-Atjeh bewohnen und selbst bis heute noch

wenig bekannt sind, oder dass ich Ruinen der alten Modjopahit finden

würde, oder dass ich an dieser Grenze der menschlichen Civilisation ein

reiches Feld zu zoologischen Studien würde beobachten können; nichts

ist in Erfüllung gegangen; die traurigsten Tage meines Lebens habe ich

dort, an der Grenze des Atjeischen Reiches, verlebt.

Der Adjutant Wiersma verliess mich nach der Mittheilung dieser

Hiobspost, der Schiffscapitän hatte unterdessen die Postsäcke an’s Land

bringen lassen, und ¼ Stunde später erschien der Major P., um sich

mit seinem Adjutanten ebenfalls zur Reise nach Seruway einzuschiffen.

Dieser Major war einer jener wenigen Officiere, welche trotz ihrer

Tapferkeit und ihres persönlichen Muthes nicht nur Bonhommes sind,

sondern dies auch in all ihrem Thun und Lassen zeigen. Ich habe ja

viele Officiere in der holländisch-indischen Armee gekannt, welche mit

ihren militärischen Tugenden eine hohe Bildung des Geistes und des

+Herzens+ vereinigten; sie glaubten jedoch, diese ja nicht zeigen zu

dürfen, um so viel als möglich durch Strenge, ja selbst durch Härte

den Untergebenen imponiren zu können. Major P. hatte den Muth, die

wohlthuende Güte seines Herzens immer und jedem zu zeigen. Ich habe

auch im Jahre 1891 direct unter ihm gedient; er war unterdessen Colonel

geworden; sein Wunsch war für alle Officiere und für alle Soldaten mehr

als ein Befehl, und niemals wurde ein Officier von ihm bestraft; eine

Unterlassungssünde der jungen Leutnants wurde mit academischer Ruhe dem

Missethäter (?) auseinandergesetzt und dieser Mann verliess »belehrt«

den Rapport. Aber auch der Soldat, welcher sich grobe Verstösse gegen

die Disciplin zu Schulden hatte kommen lassen, ging beschämt und

gebessert vom Rapporte weg und war überzeugt, für sein Vergehen als ein

abschreckendes Beispiel seiner Kameraden gestraft worden zu sein.

Als das Schiff Labuan Deli verliess, theilte mir Major P. mit,

dass er nach Seruway gehe, um die Streitigkeiten zweier Officiere

zu schlichten, und zeigte mir die darüber geführte Correspondenz.

Nachdem ich sie gelesen hatte, konnte ich mich nicht enthalten, dem

Major P. sie mit den Worten Heine’s zurückzugeben: Es will mir schier

bedünken -- dass sie beide thäten stinken. Es war das alte Lied:

Die Einförmigkeit des Lebens von wenigen Menschen, welche auf einem

engen Raume beisammen leben müssen, machte die Fehler jedes Einzelnen

in hohem Grade fühlbar. Wenn auch ich, der ich im Grunde meines

Herzens nichts so als den Frieden liebte, späterhin in Streitigkeiten

verwickelt wurde, wie leicht musste es mit Dr. X. geschehen, der leicht

erregbar war und neben seinem Chef wohnen musste, dessen Frau geradezu

die Langeweile des täglichen Lebens durch Kampf und Streit zu tödten

suchte.

Der Dampfer brachte uns zunächst in den Aroëbusen, wo sich eine

Holzunternehmung befand, welche von 25 Mann mit dem Commando eines

Lieutenants beschützt wurde. (Hier in Pangkalan Siatas war die

Endstation der Route, welche die Orte der Ostküste Sumatras miteinander

verbindet.) Der Eigenthümer der Unternehmung war verheirathet und

ebenso Lieutenant X., dessen Frau s. Z. eine Claviervirtuosin gewesen

war. Er hatte sie in Batavia kennen gelernt und geheirathet. Nach der

Hochzeit soll er an die Regierung ein Gesuch eingereicht haben -- so

erzählt wenigstens die böse Fama -- mit der Bitte, dass seine Frau

auch weiterhin Unterricht im Clavierspiele möge geben, weil einerseits

es Schade wäre, dass ein solches künstlerisches Talent durch Mangel

an Uebung für die Mitwelt verloren gehe und verkümmern sollte, und

anderseits der ehrliche und redliche Gelderwerb auch die Frau eines

Officieres nicht schände. Die Regierung gab ihm sofort die Erlaubniss;

wenige Tage später jedoch las er in den Zeitungen seine Transferirung

nach Pankalan Siatas. Diese erinnert mich an einen analogen Fall,

welchen ich im Haag erlebt habe und der ebenfalls die holländische

Regierungsweise charakterisirt. Im Jahre 1876 wollten im Haag die

Socialisten im Abgeordnetenhause in corpore erscheinen, um dort

demonstrativ ein Misstrauensvotum gegen die Abgeordneten abzugeben. Die

Regierung wurde davon rechtzeitig in Kenntniss gesetzt. Die Polizei und

die Truppen wurden zwar consignirt, aber sie waren nirgends zu sehen.

Unbehindert zogen die tausende Socialisten vor das Abgeordnetenhaus,

und unbehindert kamen die vordersten Reihen vor die Thüren der Galerien

des Hauses; aber -- Waisenmädchen nahmen alle Plätze ein.

Lieutenant X. lebte im besten Einvernehmen mit der Familie des

Pflanzers; es fehlte ja -- der Dritte oder besser gesagt -- die Dritte.

Man muss sich das Leben auf einem so abgelegenen Platze

vergegenwärtigen, um diese Menschen zu bewundern. Am rechten Ufer

des Salahadjiflusses lag zunächst das Haus des Officiers und hinter

diesem die Caserne der 25 Mann. Beide waren von einer 3 Meter hohen

Palissade eingeschlossen. Zehn Schritte davon entfernt lag das Haus

des Pflanzers, welches ebenfalls mit einer Palissade umgeben war. Um

6 Uhr Abends wurden die Thore geschlossen und einige Bediente, mit

Gewehren bewaffnet, wurden auf Bastions zur Wache aufgestellt. Herr X.

machte jede Nacht zweimal die Runde, um sich von der Wachsamkeit dieser

seiner Wachleute zu überzeugen; denn die benachbarten Atjeers bedrohten

täglich und stündlich ihr Leben und ihr Hab und Gut; diese hatten ja

noch vor kurzer Zeit einen exponirten Posten von 7 Mann, welche unter

dem Commando eines Feldwebels standen, in der Nacht bei Bukit (= Hügel

oder Berg) Kramat überfallen und getödtet, d. h. ungefähr 6 km entfernt.

Wie viel Kämpfe, Sorge und Wachsamkeit erforderte die See zu ihren

Füssen und der Urwald hinter ihrem Rücken. Das stürmische Element

und das Krokodil auf der einen Seite und der Tiger (Fig. 9) und der

Leguan und der Orang-Utan und die Schlangen auf der andern Seite

(Elephanten kommen in diesem Bezirk nicht vor). (Von einem Rhinozeros

wusste mir der Herr X. nichts zu erzählen.) Trotz dieser unheimlichen

Nachbarschaft hatte er an dem linken Ufer der Bisitan-Bucht, welche

sich von der Aroëbucht nach Süden abzweigt, eine Holzsägerei

errichtet und sie mit transportablen Schienen mit seiner Wohnung

verbunden. Auf kleinen Lowris besorgte er den Transport der Bretter und

Schindeln, mit welchen er einen ausgebreiteten Handel trieb.

[Illustration: Fig. 11. Ein Bach im Urwalde.

(Vide Seite 103.)]

Es war ein fröhlicher Zug, als wir alle drei Officiere, der

Schiffscapitän und die zwei Familien auf Sesseln in den Lowris sassen

und von Kulis nach der Werkstätte gestossen wurden. Der Weg ging

nämlich über wellenförmiges Terrain, und die Kulis hatten beinahe die

Hälfte des Weges mehr Mühe, dem zu raschen Fahren der Lowris Einhalt zu

bieten, als sie sich bemühen mussten, über die kleinen Hügel bergauf

diese zu stossen. Abgesehen von zwei Sägemaschinen und einer Halle mit

fertigen Brettern und Schindeln war hier nichts anderes zu sehen, als

der Typus einer Entwaldung; für den Nachwuchs wurde nicht gesorgt, weil

der Pflanzer mit sehr viel Recht voraussetzte, dass weder er noch seine

Kinder die Früchte dieser Arbeit an diesem Orte jemals ernten würden.

Dieser Raubbau ist übrigens auch bei den Eingeborenen im Schwange;

vielleicht sind sie sich dessen bewusst, dass nach +vielen+ Decennien

die Natur der Tropen in ihrem, ich möchte sagen, unerschöpflichen

Reichthum allein für den Nachwuchs in vielen Fällen sorgt. Die

Hauptnahrung ist auch bei den Bewohnern des äquatorialen Sumatra

der Reis; sie pflanzen diesen jedoch weder in künstlichen noch in

natürlichen Sumpfboden, sondern auf »Ladangs« = trockene Reisfelder und

zwar in ganz gleicher Weise, als es die Dajaker auf Borneo thun.[44]

Die grossen Bäume werden einige Meter über dem Boden (auf einer Leiter)

gefällt, weil ihr Umfang dort viel kleiner als in der Nähe der Wurzel

ist, und alles wird dann in Brand gesetzt; die Lianen, Sträucher

und kleinen Bäume verbrennen mehr oder weniger vollständig, während

die gefällten Waldriesen in der Regel nur ihre Aeste und ihr Laub

verlieren. (Fig. 10.) Gewaltige Baumstämme von 20-40 Meter Länge und 1

Meter Durchschnitt bleiben unbenutzt jahrelang liegen, bis die Ameisen,

Todtengräber, Rüsselkäfer und der Schimmel ihre Maulwurfsarbeit

beendigt haben; der durch Feuer von den lebenden Pflanzen befreite

Boden wird mit dem Patjol (= Hacke) aufgerissen, und es werden Reis

oder Cassave, Bataten oder Zucker, Ananas, Pisang, Labu, Tabak oder

Kaffee, Lombok (= Paprika), Indigo und einige Fruchtbäume gepflanzt.

Wenn ausschliesslich oder wenigstens hauptsächlich Reis in diesen

Ladangs gepflanzt wird, erschöpft sich selbst der humusreiche Boden der

Insel Sumatra, und nach der dritten bis fünften Ernte befriedigt das

Erträgniss des Bodens nicht mehr den Eingeborenen. Er verlässt einfach

dieses Feld und sucht sich in der Nähe einen geeigneten Platz für

einen neuen Ladang. Das alte Reisfeld bekommt ein neues Kleid und zwar

(anfänglich) ein ganz anderes Pflanzenkleid, als es jemals besessen

hat. Alang-alang (Imperata Königii), Glagah (Saccharum spontaneum, eine

Graminea, deren Saft die Eingeborenen bei Augenentzündung gebrauchen),

kleine Farrensträuche und Melastoma polyantha bedecken nach wenigen

Monaten den Boden. Bald kommen selbst einige Bäume, und nach zehn

Jahren sieht man schon einen kleinen Wald von (z. B.) Commersonia

platyphylla u. s. w. Nach zwanzig bis dreissig Jahren hat sich bereits

ein Wald von dreissig bis vierzig Sorten kleiner Bäume und Gesträuche

entwickelt, worunter selbst einige des alten Urwaldes auftreten; die

Stämme werden schlank, und die Kronen werden dichter, und Rottangpalmen

verbinden sie zu einem Netze, welches ein dem jungfräulichen Urwalde

ähnliches Bild schafft. Diese Entstehungsgeschichte des secundären

Urwaldes bringt uns S. H. Koorders in dem Werke »Quer durch Sumatra«

von J. W. Yzermann. Der Förster und der Botanicus beherrscht dieses

Thema so ausführlich, dass ich den Fachmann, dem die zahlreichen

Details Interesse einflössen mögen, nach dem Originalwerk verweisen

muss.[45]

Hier in der Holzsägerei des Herrn X. war das Bild des verwüsteten

Urwaldes, wie es oben angedeutet wurde, nur theilweise zu sehen und

zwar, soweit der Aufseher mit seinen Kulis und seinen Arbeitern einen

Ladang zu ihrem Privatgebrauch angelegt hatte.

Unser Schiff hatte Eis mitgebracht, und bald sassen wir bei einem

Picknick, bei dem durch Eis gekühltes Bier und Brandy-Soda die

Hauptrolle spielten.

21 Jahre in Indien. Dritter Theil: Sumatra. · 第 7 / 23 段