Unwillkürlich drängt sich uns die Frage auf, wie der hygienische Werth

solcher Wohnungen zu beurtheilen sei. Wenn wir von theoretischen

Erwägungen absehen und allein die Thatsachen sprechen lassen wollen, so

ist die Hygiene in diesen schwimmenden Häusern gewiss nicht schlechter

als in jenen, welche in der nächsten Umgebung einen trockenen und

festen Untergrund haben. Die Eingeborenen, welche in solchen Häusern

wohnen, erfreuen sich im Allgemeinen einer bessern Gesundheit, sie

leiden weniger an Fieber und an Krankheiten der Därme, als ihre

Nachbarn auf dem Lande. Aber die Zahl der von mir beobachteten Fälle

ist zu klein, um mir auf Grund dieser Thatsachen ein Urtheil zu

erlauben. Von theoretischen Standpunkten ausgehend, glaube ich ihnen

jedoch einen gewissen hygienischen Werth zusprechen zu müssen. Auf

Sumatra ist die Luft feucht, selbst sehr feucht; die Ausdünstungen des

Wassers, welche durch die Flur des Hauses in die Schlafräume dringen,

spielen eine untergeordnete Rolle; sie haben ja weder Zeit noch

Gelegenheit, in den Wohnräumen sich dauernd aufzuhalten und Schimmel

entstehen zu lassen. Wenn auch nämlich Sumatra keine ausgesprochenen

Monsune hat, so besteht doch ein täglicher Wechsel in der Windrichtung.

(Der Seewind ist warm, und der von den Gipfeln des Centralgebirges

Abends und während der Nacht hinabsteigende Luftstrom setzt die

Temperatur oft um 10 ° C. herab.) Der Wind dringt durch die Lücken

der geflochtenen Wände des Hauses und führt alle schädlichen Stoffe

der Luft nach aussen. Thatsächlich habe ich niemals in einem solchen

schwimmenden Hause irgendwo Schimmel gesehen.

Auch die Temperatur ist in solchen Häusern angenehmer als in jenen,

welche aus Holz oder Steinen gebaut auf dem festen Lande stehen, d. h.

so lange ein Luftstrom die Wohnräume durchzieht. Wenn aber, was häufig

in den Nachmittagsstunden der regenfreien Tage geschieht, kein Wind

oder kein Zephyrwehen die vom Wasserspiegel reflectirte heisse Luft

stagniren lässt, so dass man auf dem benachbarten Ufer die Wellen

der erhitzten Luft mit freien Augen sehen und ich möchte sagen, mit

den Händen greifen kann, dann allerdings wird auch der Aufenthalt

in einem solchen Hause zu einer Höllenqual. Durch den grossen

Feuchtigkeitsgehalt der Luft verdampft der Schweiss auf dem Körper

langsamer als in der trockenen Luft, und wenn man nach Landessitte um

zwei Uhr sein Mittagsschläfchen gehalten hat, erwacht man um vier Uhr

in Schweiss gebadet, und müde schleppt man sich zu der Oeffnung in der

Flur, um mit dem warmen Wasser des Flusses den Schweiss von dem Körper

abzuspülen.

Auch die Abfälle der Küche, der Kehricht und die Entleerungen der

Menschen gehen auf diesem kurzen Wege in den Strom, und die Bewohner

sorgen dafür, dass der Unrath nicht in den Zwischenräumen der Râkits

stagnire; die zahlreichen Fische unterstützen sehr gern diese

hygienischen Maassregeln der Eingeborenen, und nicht selten sieht man

durch die Maschen des Netzwerkes einen Kampf der Fische um diese etwas

fraglichen Leckerbissen.

Diese primitiven Häuser bieten also den +Eingeborenen+ unter den

herrschenden Verhältnissen, vom hygienischen Standpunkte beurtheilt,

gewiss zweckmässige Wohnstätten.

* * * * *

In der nächsten Provinz, welche im Süden an diese »Residentie«[32]

grenzt und »Riauw und Vasallenstaaten« heisst, habe ich mich nur einige

Stunden und zwar in der Hauptstadt Riauw aufgehalten.

4. Capitel.

Rheumatismus -- Singapore -- Spitäler in Singapore -- Ein arabischer

Geldwechsler -- Chinesische Kaufleute -- Die Provinz Riauw und

Vasallenstaaten -- Matriarchat -- Menangkabauer -- Nieskrampf.

Ende März 1883 wurde ich von der Artillerie-Schiessstätte in

Batu-Djadjar[33] auf Java abberufen und kehrte nach Batavia, meinem

Standplatze, zurück. Mein altes Leiden, ein Gelenkrheumatismus,

hatte sich kurz vor meiner Abreise eingestellt; ich konnte manchmal

nicht gehen, manchmal nur mit gebogenem Knie, und manchmal war ich

stundenlang frei von Schmerzen, und dabei zeigten die davon befallenen

Gelenke kein objectives Symptom, d. h. sie waren nicht geschwollen.

Im Allgemeinen habe ich in Indien durch diese chronische Krankheit eher

mehr denn weniger als jetzt in Europa gelitten; meine Erfahrungen in

den Tropen stimmen mit jenen anderer Aerzte in Europa überein; wenn

ich auch z. B. auf den warmen, selbst heissen Strandplätzen, wie z. B.

auf der Nordküste von Sumatra, auf Java u. s. w. Fälle von chronischem

Rheumatismus zur Behandlung bekam, so waren es doch nur Ausnahmefälle.

Im Gebirge oder vielmehr in höher gelegenen Theilen des Landes häuften

sich nicht nur die Anfälle bei mir selbst, sondern ich bekam auch

viel mehr Fälle zur Behandlung als in warmen Garnisonen, wie Ngawi,

Tjilatjap u. s. w.

Auf bacteriologischer Basis lässt sich diese allgemein bekannte

Thatsache -- auch in Europa sind ja die Sommermonate und die

südlichen warmen Orte die günstigsten Bedingungen für diese Patienten

-- leichter als auf meteorologischer erklären. Im letzteren Falle

werden die Temperaturschwankungen, der jeweilige Feuchtigkeitsgehalt

der Luft, die Richtung des herrschenden Windes und die jeweilige

Elektricitätsmenge beschuldigt, diese Krankheit oder ihre zeitweiligen

Anfälle zu veranlassen. Hohe Temperatur allein, sowie hohe Feuchtigkeit

der Luft oder beide zusammen können kein absolutes Präservativ für

oder vielmehr gegen den Gelenkrheumatismus sein; denn dann müsste

in den Tropen diese Krankheit unbekannt sein; selbst im Gebirge ist

ja die Durchschnittstemperatur z. B. in Magelang auf Java, welches

384 m hoch liegt, noch immer 20 ° C.; dennoch hatte ich während

meines 5jährigen Aufenthaltes in dieser Garnison zahlreiche Anfälle,

und ich sah selbst acute Fälle dort auftreten. Die Richtung der

herrschenden Winde muss natürlich ganz ausser Betracht bleiben; sie

ist ja nur die Folge zahlreicher Factoren, Temperatur, Luftströmung

u. s. w., welche an und für sich sehr wahrscheinlich die biologischen

Processe der Menschen und Thiere beeinflussen. Die Schwankungen der

Elektricität sind leider viel zu wenig bekannt, d. h. so weit sie

die biologischen Processe des Menschen beeinflussen. Wenn wir aber

in kleinsten Organismen, in Bacterien die Entstehungsursache dieser

Krankheit suchen, wie es schon vor mehreren Jahren Salisbury, Guttmann,

Pocock, Schäfer u. s. w. thaten, dann werden wir leichter zum Ziel

gelangen, wir werden wenigstens das variable Bild dieser Krankheit

erklären können; denn auch in Indien sind die Exacerbationen an jene

Zeiten des Jahres geknüpft, in welchen die Bacterien jeglicher Sorte

am üppigsten gedeihen; es ist die Zeit der Kenteringe, in welcher

alle Bedingungen zur starken Entwicklung der schädlichen Bacterien

gegeben sind: Feuchtigkeit, hohe Temperatur und passender Nährboden.

In den ausgesprochen trockenen Zeiten, in welchen Wochen lang kein

Tropfen Regen fällt, und während jener wenigen Wochen, in welchen es

ununterbrochen regnet, diese sind in den Tropen die gesündesten Zeiten,

und auch ich blieb, wie die übrigen Rheumatici, von den Attacken meines

chronischen Leidens befreit. Vielleicht wird es bald gelingen, den

Krankheitserreger des Gelenkrheumatismus zu entdecken.

Ich blieb also im Spital und nahm jeden Tag in der frühen Morgenstunde

ein warmes Bad. Ende Mai sollte das 10. Bataillon nach Atjeh (Sumatra)

gehen, und der Spitalschef, welcher zugleich Landessanitätschef war,

frug mich, ob ich es nicht wagen wollte, die Truppen zu begleiten, um

durch eine Seereise mich von dem 5wöchentlichen Aufenthalte im Spitale

zu erholen. Ich nahm gern seinen Vorschlag an, weil der Aufenthalt

im Spitale mich thatsächlich langweilte. Der Marsch vom Spitale in

Weltevreden nach der Station war für mich mit keiner Ueberanstrengung

verbunden, und weiterhin konnte ich voraussichtlich an Bord des

Schiffes der nöthigen Ruhe mich hingeben. Via Singapore ging die Reise

nach Atjeh.

Im Ganzen habe ich mich fünfmal in dieser Hauptstadt der Straits

Settlements aufgehalten.

In zwei Tagen hatten wir damals Singapore erreicht, und schon nach

wenigen Stunden setzten wir unsere Reise fort; ich sah damals nur

den Hafen und das Hôtel de l’Europe, welches am Ufer vielleicht 20

Meter hoch über den Spiegel der See sich erhob. Auf der Rückreise von

Atjeh kam ich den 13. Juni (1883) mit einem Dampfer der indischen

Dampfschifffahrtsgesellschaft wiederum nach der »Löwenstadt«,

und da wir zwei Tage uns dort aufhalten sollten, ersuchte ich

den holländischen General-Consul um eine Empfehlungskarte an die

Spitalsleiter des Frauenspitales. Eine Stunde später erhielt ich von

seinem »Hoofd-Assistent« einen ausführlichen Brief und die nöthigen

Einführungskarten. Wie mir dieser Herr mittheilte, befanden sich

damals drei grosse Spitäler zu Singapore: Das General-Hospital unter

der Direction des Dr. Simon, das Pauper-Hospital oder Tan Tock

Seng’s unter Dr. Bentley und das Lock-Hospital, in welchem der Chef

des civilärztlichen Dienstes Dr. Rowell nur (venerische) Frauen

behandelte. Da alle drei Aerzte ihre ärztlichen Visiten zwischen 7½–8

Uhr Morgens in dem Spitale machten, so konnte ich wegen der kurzen

Zeit nur eines unter der Leitung des Spitalchefs besehen; nun hatte

jeder dieser drei Herren einen Stellvertreter, welcher unter dem Namen

Apothecary eine mir und im Allgemeinen den deutschen und holländischen

Anschauungen fremde Stellung einnahm. Ich würde ihn am besten mit einem

Krankenoberwärter vergleichen, welcher einiges medicinische Wissen

besitzt; er ist ein Heilgehülfe und behandelt die Patienten, während

die genannten Aerzte eigentlich nur Conciliarpraxis in diesen Spitälern

üben. Dieses erklärt auch die hohen Honorare, welche diese drei Aerzte

in der Privatpraxis sich bezahlen lassen; eine gewöhnliche Visite wird

mit 1 £ bezahlt, während im benachbarten Batavia und Deli das Standard

1 Dollar oder Ryksdaalder = 2,50 fl. ist.

Aus naheliegenden Ursachen sah ich davon ab, von den übrigen zwei

Apothecaries mir die Spitalsräume zeigen zu lassen, und verfügte mich

um 7 Uhr in das Spital des Dr. Rowell.

[Illustration: Fig. 9. Ein Tiger in der Falle.

(Vide Seite 80.)]

Ich war der englischen Sprache nicht mächtig, und Dr. R. sprach das

Französische in einem mir beinahe unverständlichen Dialekte; ich hatte

zwar als Dolmetsch einen Reisegenossen mitgenommen, aber unwillkürlich

verfielen wir Beide auf den Gebrauch der malaiischen Sprache, und ohne

Dolmetsch flottete das Gespräch sehr gut.

Das Spital machte in jeder Hinsicht einen günstigen Eindruck. Es

bestand nur aus glatten, ungefärbten Holzwänden und hatte eine sehr

gute Ventilation; die Patientinnen schliefen auf hölzernen Pritschen

und hatten ein ledernes Kopfkissen, welches mit Kapok gefüllt war.

Der Zwischenraum zwischen je zwei solchen Pritschen war 1½ Yard

= 1,4 m gross. Die Reinlichkeit liess nichts zu wünschen übrig, und

die Luft der Säle war ganz frisch und ohne jeden Gestank. Damals

behandelte Dr. R. seine Patienten mit subcutanen Einspritzungen mit

Sublimat; ich frug ihn, wie lange die secundären Symptome bei dieser

Behandlung auf sich warten liessen, und mit wirklich beneidenswerthem

Sanguinismus antwortete er: »Diese kommen überhaupt bei uns nicht

vor!« Ich fühlte keinen Beruf in mir, bei dieser Gelegenheit mich in

eine wissenschaftliche Debatte einzulassen, und als übrigens noch der

Apothecary diesen Erfolg ihrer Therapie bestätigte, gratulirte ich den

beiden Herren zu ihrem therapeutischen Triumph und verabschiedete mich

von ihnen.

Mein dritter Aufenthalt in Singapore dauerte nur wenige Stunden, welche

jedoch hinreichten, mir ein kleines Abenteuer zu verschaffen. Den 22.

Juni brachte mich ein kleiner Dampfer von Batavia nach Singapore,

von wo ich am 25. in der Frühe meine Reise nach »Polonia« fortsetzen

sollte. Als ich Abends (den 24.) in den Hafen einlief, sah ich einen

österreichischen Dampfer dort liegen, und bald hatte ich mit dem

Schiffscapitän und mit dem Schiffsdoctor Bekanntschaft gemacht. Dieser

war ein gebürtiger Dalmatiner und war der englischen Sprache sehr gut

mächtig. Wie alle Fremden gingen wir Beide in’s Hôtel de l’Europe und

liessen uns ein Glas mit Eis abgekühltes Bier geben. Hier ist das

Rendezvous nicht nur aller Reisenden, sondern auch der jeunesse dorée

von Singapore. Man erwarte jedoch nicht grosse Säle mit Eleganz und

Luxus ausgestattet. Die kleinste Provinzialstadt Europas hat einen

schöneren Billardsaal als dieses Hôtel I. Ranges in Singapore. Einen

herrlichen Anblick bietet aber die Veranda durch die Aussicht auf

die See. Es war ein kühler Abend, die Temperatur war auf 72 ° F. =

22 ° C.[34] gesunken, der Tropenhimmel glänzte in seiner ganzen Pracht

und Herrlichkeit, und vor uns lag nur wenige Schritte entfernt der

Hafen, in welchem Hunderte von Lampen im Innern zahlreicher Schiffe

auf- und abwogten, von dem sanften Wellenschlag der See geschaukelt.

In die Veranda kamen chinesische und klingalesische Hausirer, und vor

derselben gingen zwei arabische Geldwechsler auf und ab, welche ihre

silbernen Dollars von einer Hand in die andere fallen liessen. Da ich

in meiner neuen Garnison dieselben voraussichtlich benöthigen würde,

entschloss ich mich, eine holländische 100 fl.-Banknote einzuwechseln,

und nach langem Feilschen bot er mir 44 Dollars dafür an. Er kam zu

mir in die Veranda und zählte sie mir vor. Befriedigt nickte ich mit

dem Kopfe, als er den 44. niederlegte, und mit dem malaiischen Worte

sudah (= es ist gut) entliess ich ihn, ohne zu bemerken, dass ich ihm

eine Banknote von 200 fl. und nicht von 100 fl. gegeben hatte. Mit

einem gleichgiltigen tabéh-tuwan (= Gegrüsst Herr!) ging er weg. Um

9 Uhr ging ich zum Schiffe zurück und entdeckte sehr bald, dass mir

100 fl. fehlten, und sofort erinnerte ich mich auch, auf welche Weise

dieses Manco entstanden war, und eilte mit meinem österreichischen

Collegen auf die Polizei. Ein englischer Polizeiagent ging trotz

der späten Abendstunde mit uns in’s Hôtel, wo die Kellner zwar sich

erinnerten, mich mit einem arabischen Geldwechsler in Unterhandlung

gesehen zu haben, Niemand kannte jedoch seinen Namen oder seinen

Wohnort. Zufällig hörte jedoch ein klingalesischer Hausirer, um was

es sich handle, und rief plötzlich: »Ich habe es auch gesehen und mir

fiel auf, dass dieser Araber keinen kleinen Finger auf der linken Hand

hatte.« Dieses Signalement war dem Polizeiagenten bekannt, und als wir

in die Wohnung dieses Arabers traten, sass er auf seiner Matte und

hatte vor sich 44 Dollars liegen. Lächelnd behauptete er, gewusst zu

haben, dass ich den Irrthum bemerken und die 44 Dollars holen kommen

würde. Der Polizeiagent hatte eine ganz andere Ansicht und zwar, dass

er darauf gerechnet hatte, dass ich abreisen würde, ohne den Irrthum zu

entdecken; wir Beide aber waren froh, dass er den lapsus manus nicht

leugnete. Der Araber verlangte sogar zur Belohnung seiner Ehrlichkeit

einen Dollar. Dem Polizeiagenten entlohnte ich seine gestörte Nachtruhe.

Im Jahre 1897 sah ich zum letzten Male die »Löwenstadt«; vom 17. bis

zum 20. April mussten wir auf die Ankunft des »Ernest Simon« warten,

welcher von China kommen und uns zur Reise nach Marseille aufnehmen

sollte.

Die Stadt liegt auf der gleichnamigen Insel, welche 555 ☐km gross ist.

Den 18. April fuhr ich mit einer kleinen Gesellschaft längs des Berges

Timah (170 m hoch) in einem bequemen Wagen nach der Nordküste der

Insel, und wir liessen uns von einem chinesischen Kahnführer über den

Canal fahren, welcher an dieser Stelle ungefähr 3 km breit ist. Wir

waren in Asien, und zwar im Reiche des Fürsten von Djohor. Den Luxus,

welchen dieser Fürst in Europa zu entwickeln gewöhnt ist, zeigte

keineswegs sein Palast. Ein reicher holländischer Patricier hat mehr

Luxus und Comfort in seinem Hause als dieser Fürst in seinem Schlosse.

Der Regent in Bandong[35], und ich will nicht von dem Gegenfürsten in

Solo[35] (Java) sprechen, entwickeln viel mehr Luxus in ihren Wohnungen,

als ich in Djohor sah. Hierauf ging ich in den englischen Club, wo ich

mich durch einen der anwesenden Officiere introduciren liess und ein

herrliches Beefsteak mit einem Glas Bier bekam.

Den 19. besuchte ich in Singapore den botanischen Garten und die

Wasserreservoirs. Der erstere verdient weder diesen Namen noch den

eines Thiergarten. Ein paar Schlangen, Affen, Papageien verriethen

höchstens den guten Willen, wie z. B. der Thiergarten in Batavia.

Aber schön war das Wasserreservoir neben dem Sophienhügel. Vor

dem Hôtel zog sich die Esplanade mit dem Raffles-Denkmal und dem

Cricket-Club längs der Küste dahin, welche im Westen von der Mündung

des Singaporflusses begrenzt wurden. Am rechten Ufer befand sich der

Landungsplatz und das chinesische Viertel. Natürlich wurde ich von den

chinesischen Kaufleuten überfallen, obwohl ich durch den Gebrauch der

malaiischen Sprache den Globetrotter verleugnete. Wenn man den Muth

hat, den dritten Theil von dem verlangten Preise zu bieten, kann man in

Singapore Vieles um einen Preis erhalten, welcher in Europa ungläubiges

Kopfschütteln erregen würde. Ich kaufte z. B. damals zum Gebrauche auf

dem Schiffe zwei longues chaises um 3,75 fl. = 6½ Mark das Stück,

welche ich noch heute besitze. Sie sind schöner und solider als jene,

welche ich im Jahre 1886 zu demselben Zwecke in Rotterdam um 13 fl. =

21½ Mark per Stück bezahlt habe.

Der Totaleindruck der Stadt Singapore ist ein sehr günstiger: Eine

Hafenstadt mit starkem Handel in den Händen eines europäischen Volkes,

welches auch dort in den Tropen den heimathlichen Sport und die

nationale Energie nicht verleugnet.

Die Insel Singapore liegt -- ohne dazu gerechnet zu werden -- im Riouw

und Linggaarchipel und ist ungefähr 45 km von der Insel Bintang oder

Riouw entfernt, nach welcher die dritte »Residentie« auf der Ostküste

von Sumatra benannt ist.

Die Provinz »Riouw en onderhoorigheden«[36] = Riouw und Vasallenstaaten

zerfällt in zwei Theile; der östliche Theil umfasst den Archipel und

die Inseln im chinesischen Meere bis 4° 45′ N. B., wozu die Watas

(= hl. Esprit) oder die Tambelan, die Anambas, die Seeräuber (oder

Serasan), die Duperre und die Natuna-Inselgruppen gehören; die Insel (=

Pulu) Laut liegt beinahe schon am 5° N. B. Der westliche Theil »Lingga«

mit den drei Districten Mandah, Indragiri und Réteh liegt auf der Insel

Sumatra und wird im Westen von der Residentie »Padang’sches Hochland«

begrenzt, oder, besser ausgedrückt, von unabhängigen Stämmen, welche

zwischen dieser Provinz und dem holländischen Gebiete der Ostküste ihre

staatliche Freiheit bis zum heutigen Tage sich erhalten haben.

Diese »unabhängigen Stämme« sind mit den im Norden und Süden

wohnenden Nachbarn die spärlichen Reste jenes grossen und mächtigen

malaiisch-islamischen Reiches Menangkabau, welches im Mittelalter

nicht nur ganz Mittel-Sumatra besass, sondern auch Singapore und

Malacca im 12. Jahrhundert gründete und seine Sprache von hieraus

bis Ceylon einerseits und bis an die äussersten Inseln des indischen

Archipels allen Küstenbewohnern gab, so dass die malaiische Sprache von

Madagascar bis Neu-Guinea auf den Küsten aller Inseln dieselbe führende

Rolle wie die französische Sprache in Europa hat.

Diese Ueberbleibsel des grossen Reiches von Menangkabau haben nach

dem Falle dieses Colosses in verschiedener Weise eine neue staatliche

Organisation erhalten[37] und ihre Häuptlinge führen heute diverse

Namen und auch diversen Rang. Sie alle haben aber heute Communalbesitz

und üben die Hadat Kamanakan, d. h. die Erbfolge in weiblicher Linie

aus: Das Haupt der Familie ist der Mama, der Bruder der Mutter, welcher

in allen Rechten und Pflichten der Vater seiner Neffen und Nichten

ist; in der Erbfolge werden jene Familienmitglieder berücksichtigt,

welche nur in weiblicher Linie verwandt sind. Von der Mutter also erben

die Kinder, und wenn diese nicht vorhanden sind, sind ihre Erben nur

+ihre+ Brüder und Schwestern resp. deren Kinder. Als Vormund der Kinder

tritt nach dem Tode der Mutter nicht der leibliche Vater, sondern der

Mama auf. Stirbt der Mann, so treten nicht seine Kinder, sondern seine

Geschwister resp. deren Kinder die Erbschaft an.

Dies ist das Princip des Kamanaken = Matriarchat, welches noch bei

zahlreichen malaiischen Stämmen des Padangschen Oberlandes (z. B. in

Agam, Tanah Datar, in den 50 Kota’s u. s. w.) und auch von den Orang

Semang (Fig. 5) auf Malacca geübt wird, welches im 13. Jahrhundert von

den Menangkabauern bevölkert wurde.

Diese, d. h. die heutigen Menangkabauern Sumatras pflanzen Ladangs

(= trockene Reisfelder), Tabak, Kaffee, Zuckerrohr, Catechu, Indigo

(Marsdenia tinctoria oder Indigoferasorten), Kapok (= Pflanzendune),

Mais, Obi (= Baumknollen), Palmen und andere Fruchtbäume; sie treiben

Handel mit den Producten des Urwaldes, Getáh, Sago, Wachs, Holz, rothe

Erde; sie backen Töpfe und besitzen einige Goldschmiede. Im Ganzen und

Grossen sind die »unabhängigen Länder« an der Westgrenze der Provinz

»Riouw und Vasallenstaaten« ein armes Volk. Genug häufig ziehen sie

in die benachbarten holländischen Besitzungen, um als Kuli ihr Brod

zu verdienen, oder nehmen gegen Bezahlung die Robottdienste auf sich,

welche der reiche Nachbar, zu stolz, sie in Persona zu leisten, gerne

einem andern überlässt. Trotz ihrer Armuth haben sie sich eine relativ

hohe Sittenreinheit aus jener Zeit erhalten, in welcher (im Anfange

des 19. Jahrhunderts), wie wir später sehen werden, die »Padri« ihrer

neuen mohamedanischen Lehre vom Padangschen Oberlande aus mit Feuer

und Schwert in die benachbarten Stämme Eingang zu verschaffen und sie

über ganz Mittel-Sumatra zu verbreiten suchten. Ihr Gebiet ist reines

Hochland und fällt sanft in das Gebiet ab, welches die Residentie

»Riouw und Vasallenstaaten« bildet.

Die Hauptstadt dieser Provinz liegt auf der Insel Bintang oder Riouw

und zeigt in jeder Hinsicht den Typus einer kleinen Hauptstadt,

und wenn wir von der Topographie der Stadt absehen, könnte man sie

ein zweites Telók Betóng nennen. Die Zahl der Beamten und Soldaten

war in beiden Städten dieselbe; höchstens lebten in Riouw mehr

Europäer, welche in dem intensiven Schifffahrtsverkehr in diesem Hafen

Beschäftigung und Broderwerb fanden.

Ich selbst hatte Gelegenheit, mich einige Stunden in dieser Hafenstadt

aufzuhalten und zwar am 25. Februar 1884, als ich aus der Garnison

Seruway desertirte, d. h. mich Krankheits halber evacuirte, bevor

mein Nachfolger angelangt war. Ich musste auf die Fortsetzung der

Reise des Dampfers nach Batavia warten, weil eine grosse Schiffsladung

ausgeladen werden musste. Ich ging auf das Land, besuchte den dortigen

Platzcommandanten und den »Eerstaanwezenden Officier van Gezondheid«

Dr. X. und kehrte dann in’s Hôtel zurück, um das Signal des Dampfers

nicht zu überhören. Es dauerte aber noch zwei Stunden, bis die schrille

Dampfpfeife mich wieder an Bord rief. Unterdessen that ich nichts

anderes als -- niesen.

Dies ist eine echte Tropenkrankheit, welche nur die Veteranen im

Tropenleben überfällt und von der die Orang baru (= Neulinge) verschont

bleiben. Sie besteht nur in einem Nieskrampf (Ptarmus = Stermutatio

convulsiva), welcher in den Tropen einen heftigen Schnupfen einleitet

und viel häufiger als in Europa den Eingewanderten befällt, welcher

schon viele Jahre den nervenschwächenden Einfluss des Tropenklimas

erfahren hat.[38]

5. Capitel.

Die Provinz „Ostküste von Sumatra“ -- Zinninseln -- Ein misslungener

Freihafen -- Ein englischer Abenteurer -- Petroleum auf Sumatra --

Menschenfresser -- Die Hauptstadt Medan -- Im Urwalde -- Entwaldung --

Die Commandeuse -- Ein schlechter Garnisonsplatz -- Ein Vorurtheil --

Eine Faciesbildung -- Hospitalbrand -- Amok-Laufen -- Krebsfälle.

Während meiner 21jährigen Dienstzeit in der holländisch-indischen Armee

wurde ich 20 Mal transferirt und machte im Ganzen 20 grössere oder

kleinere Seereisen und bin 6 Mal in der Strasse von Malacca gefahren.

Das erste Mal begleitete ich im Mai 1883 das 10. Bataillon nach Atjeh,

blieb nur einige Tage in der Hauptstadt Kuta radja und kehrte längs der

Ostküste von Sumatra, also zum zweiten Male in der Strasse von Malacca

nach Java zurück.

21 Jahre in Indien. Dritter Theil: Sumatra. · 第 6 / 23 段