Einer andern Dame, welche ich damals in Behandlung hatte, möchte ich

gerne an dieser Stelle ein Denkmal der Dankbarkeit setzen. Es ist die

Frau des damaligen Residenten Altheer. Sie ist eine Dame von seltener

Herzensgüte, welche nur ein Ziel, nur eine Lebensaufgabe kannte --

Gutes zu thun, und wirklich schnöden Undank erntete. Ich meine nicht

die zahlreichen kleinen Aufmerksamkeiten, mit welchen sie mich, den

ledigen Mann, in meiner Hauswirthschaft überhäufte. Keine Torte wurde

in ihrer Küche bereitet, ohne dass auch mir ein Stück gesandt wurde;

die ersten Ananas, Rambutan, Mangistan, Manggafrüchte ihres grossen

Gartens kamen nicht nur auf ihren Tisch, sondern wurden auch mir

gesandt. Als ich meine Haushälterin verabschiedete, weil sie nicht

nur ihrem Liebhaber auf meine Kosten volle Verpflegung gab, sondern

mir auch meine Cigarren durch ihren Liebhaber zum zweiten Male zum

Kaufe anbieten liess, war es wiederum diese brave Dame, welche mir so

lange täglich eine ganze »Rysttafel« schickte, bis ich wieder meine

eigene Menage führen konnte. Von mir hat allerdings Frau Altheer keinen

Undank erfahren; ich bewahre noch heute eine dankbare Erinnerung

an die zahlreichen Beweise ihres guten Herzens. Als aber ein Jahr

später beim Ausbruch des Krakatau die wüthende See ihre haushohen

Wellen über die Stadt Telók Betóng stürzte, flüchteten alle Bewohner

hinauf auf den Hügel, auf welchem das Haus des Residenten und das

Fort standen. Europäer, Chinesen und Eingeborene fanden ein Asyl bei

dem Residenten, und die Herzensgüte seiner Frau feierte Orgien von

Wohlthun und Hülfeleistung. Schwere Rauch- und Aschenwolken hingen

über dem Hügel, aus denen beinahe ununterbrochen feuerglühende Blitze

die dichte unheilschwangere Luft durchzuckten. Zwei lange Tage war

ihr Haus von klagenden und weinenden Kindern und Frauen der Europäer

und einigen Chinesen bewohnt, während in den Gärten und in allen

Nebengebäuden die Eingeborenen ihr lautes Gebet um Erbarmen zum Himmel

sandten. Wie ein schützender Engel eilte sie von Zimmer zu Zimmer,

vom Garten in’s Haus, vom Haus in den Stall und brachte den hungrigen

Männern, Frauen und Kindern Essen und Trinken aus ihrer Vorrathskammer,

ohne zu bedenken, dass sie selbst morgen nichts mehr zu essen haben

würde. Als die Wuth der schäumenden, brausenden und stürmenden See

gebrochen war, als der Krakatau in seinem Ergusse der brennenden

Feuermasse sich erschöpft hatte und die lebenspendende Sonne ihre

hellen Strahlen wieder über Telók Betóng ausbreitete, fassten diese

Unglücklichen wieder neue Lebenslust und stiegen hinab in die Stadt,

um nach ihrem Vorrath an Reis und Mehl, Hühnern, Kühen und Ziegen zu

suchen; alles war verschwunden; die wüthenden Elemente hatten die

Stadt rasirt; alles war verschwunden in dem unersättlichen Abgrund des

grossen Meeres. Weinend und klagend kehrten sie zurück in ihr Asyl,

und der gute Engel des Hauses fand für jeden ein tröstendes Wort,

einen Teller Reis oder ein paar Erdäpfel oder ein Stück Fleisch aus

Conserven, und das letzte Huhn wurde geschlachtet, um einer jungen

Wöchnerin eine kräftige Suppe geben zu können. Den dritten Tag gelang

es einem Dampfer, trotz der ungeheueren Masse von schwimmender Lava

und Schlamm, von 20 bis 40 Meter!! Tiefe, von Batavia aus dem schwer

heimgesuchten Telók Betóng Hülfe zu bringen. Der Resident Altheer

nahm die mitgebrachten Lebensmittel in Empfang und vertheilte sie

unter die Aermsten der Armen gratis. Die vermögenden Chinesen und

Europäer liess er jedoch den gewöhnlichen Marktpreis bezahlen, um den

Erlös wiederum dem kleinen Mann, dem armen Bauer, dem kleinen Beamten

zukommen zu lassen. Dies gefiel jedoch keineswegs dem langzöpfigen

Mongolen; er wollte auch für sein Leiden eine Entschädigung haben, und

als ein zweiter Dampfer, welcher ebenfalls Lebensmittel angebracht

hatte, nach Batavia zurückkehrte, gingen zwei Chinesen mit, um bei

der Regierung ihre Klage über den Resident Altheer und seine Frau

einzureichen, dass diese beiden die unglücklichen, armen, ihres

Vermögens beraubten Chinesen zwangen, des Hungertodes zu sterben,

weil sie die Lebensmittel nicht bezahlen konnten. Von Augenzeugen

wurde mitgetheilt, dass einer dieser armen?? Chinesen am Schiffe eine

Tausend-Gulden-Banknote wechseln liess. Auf diese Anklage ging ein

Sturm der Entrüstung durch die Zeitungen und eine Commission, wozu der

Adjutant des Gouverneur-General, Leutnant zur See X., gehörte, ging

nach Telók Betóng und hörte von den dortigen Chinesen dieselben Klagen.

Der Resident Altheer -- wurde pensionirt. Keiner der europäischen

Zeugen hatte nämlich gesehen, dass irgend ein Chinese Geld besessen

haben sollte!! Ehre diesem Mann und seiner Frau!

Ende September kam mein Nachfolger[22] an, und da ich vorher davon

telegraphisch verständigt worden war, konnte ich rechtzeitig alle

Maassregeln nehmen, um sofort nach seiner Ankunft Auction halten

zu können und von der Gastfreundschaft Gebrauch machen, welche der

militärische Commandant mir anbot. Die Hoffnungen, welche ich auf

meinen Nachfolger baute, eine »gute Auction« halten zu können, wurden

nur theilweise erfüllt. Er brachte sich nämlich die grossen Möbel,

als Tisch und Kasten, mit und sah davon ab, meine Equipage und Pferde

zu erstehen, weil Telók Betóng zu klein sei, um sich diesen Luxus zu

gestatten. Für die Pferde fand sich ein Käufer; aber der Wagen blieb

unverkauft. Meine Equipage war in gutem Zustande; der Transport nach

Batavia hätte aber 40 fl. gekostet; ich konnte mit einer gewissen

Sicherheit wissen, dass ich nach meinem Examen nicht in Batavia bleiben

würde, weil die dortigen Regimentsärzte sich einer gewissen Stabilität

erfreuten; sie waren nämlich an der »Doctor-Djawa Schule«[23] als

Docenten angestellt, und es war aus pädagogischen Ursachen ein häufiger

Wechsel derselben nicht erwünscht. Doch der Resident half mir aus

meiner Verlegenheit: Er legte mir nahe, meine Equipage zu verloosen. Zu

diesem Zwecke sollte ich an ihn ein diesbezügliches Gesuch einreichen

und 6 pCt. der Totalsumme als Verloosungsgebühr erlegen. So geschah es

auch, und eine Stunde vor Ankunft des Dampfers aus Padang geschah im

Club die Verloosung; ein Chinese erstand meinen Wagen.

[Illustration: Fig. 7. Ein Engpass im Gebiete des Battaker.

(Vide Seite 77.)]

Nur fünf Monate war ich in dieser kleinen Garnisonstadt, und mit

Vergnügen erinnere ich mich noch heute an die gemüthlichen und

geselligen Stunden, die ich dort verbracht habe. Der militärische

Commandant und seine Frau, der Resident und seine Frau und die meisten

übrigen Familien hatten »indisches Blut« in sich, und doch waren sie

Ehrenmänner, tüchtige Männer, brave Männer, und ihre Frauen waren

liebenswürdige, herzensgute und schöne Damen.

* * * * *

Die »Lampongsche Distrikten« war die erste Residentie Sumatras,[24]

welche ich aus Autopsie kennen gelernt habe; aus naheliegenden Gründen

will ich in meinen weiteren Mittheilungen die chronologische Reihe

verlassen und mich mehr an die Topographie der Insel halten.

An diese Provinz grenzt im Norden die »Residentie Palembang«, welche

durch ihre neuen Goldbergwerke in der Gegenwart viel die holländischen

Capitalisten beschäftigt.

3. Capitel.

Provinz Palembang -- Fauna von Sumatra -- Ein Orang-Utan-Riese --

Farbenpracht der Fische -- Gold auf Sumatra -- Urbewohner des Landes

-- Die Hauptstadt Palembang -- Schwimmende Häuser.

Die Provinz Palembang kann geologisch und klimatologisch als

ein Paradigma des Tropenlebens angesehen werden; während ihre

östliche Küste reines angespültes Land ist, das zur Zeit der Fluth

mit Salzwasser bedeckt ist, so dass dieser Bezirk Banju assin =

Salzwasser genannt wird, sind seine Grenzen im Westen die Berge des

Barisangebirges mit italienischem Klima. Hier der Sumpf mit seinen

fieberbringenden Miasmen, dort das Gebirge mit seinem sanften milden

Klima und mit seinem azurblauen Himmel.

Im Allgemeinen ist ja die »Natur« auch auf dieser Insel keine

liebevolle Lebensgefährtin des eingewanderten oder dort geborenen

Europäers; sie ist eine strenge Herrin, welche ihre Uebermacht den

winzigen unbedeutenden Unterthan immer und immer, täglich und stündlich

fühlen lässt. Die Majestät der Tropennatur drückt nieder; sie erhebt

nicht, weil das Massige, das Ungeheure oft zum Schreckenerregenden wird.

Hier im Sumpfe strömt der Fluss Musi, an dessen Ufer, mehr als 90 km

von der Küste entfernt, die Hauptstadt Palembang liegt, welche gewiss

zur Zeit ihrer Gründung nur wenige Schritte vom Ufer entfernt war.

Hier hausen -- um an dieser Stelle nur von der Fauna zu sprechen --

die Krokodile und auf den Nipahpalmen Tausende und abermal Tausende

Mosquitos; dort auf den sumpfigen Reisfeldern nisten Tausende und

Tausende Walang sangit, welche durch ihren intensiven Gestank beinahe

ebensoviel berüchtigt sind als durch die Verheerung, welche sie an

der reifen Frucht bewerkstelligen. Aber auch tausende Leuchtkäfer

schweben nach der Ernte des Reises über dem zeitlich trockenen

Felde und feiern ihre Hochzeit im zierlich schwebenden Tanze, und

ein reizend beleuchtetes Bild fällt und steigt ununterbrochen beim

hellen Funkeln der Sterne auf dem Tropenhimmel. Im Gebirge zieht in

grossen Herden der Elephant und im Urwald der Orang-Utan und der

wilde Büffel; das Rhinozeros und der feige mörderische Tiger bergen

sich in dem hohen Grase der Alang-Alangfelder. In welchen Mengen und

Schaaren stellen sich die kriechenden, fliegenden und springenden

Insecten ein? Zahlreicher als die erwähnten Walang sangit, Mosquitos

und Leuchtkäfer erscheinen die Termiten, die schwarzen und die rothen

Ameisen in unseren Wohnungen. Wohl selten sieht man in Europa so

grosse Schwärme der Eintagsfliegen durch die Luft ziehen, und wenn die

»Larongs« ihre Hochzeit in den Lüften feiern, lässt sich ihre Zahl

kaum annäherungsweise beziffern. In der Regel ziehen diese fliegenden

Termiten nach dem Regen in einer warmen Tropennacht durch die Luft

und umschwärmen jede Lampe; zu Hunderten führen sie ihren Hexentanz

um die Lampe herum auf, bis jede einzelne entweder ihre Flügel oder

ihren Kopf an dem heissen Lampenglase verbrannt hat. Man stellt unter

der Lampe ein weisses Lavoir mit Wasser auf, und in wenigen Minuten

ist die Oberfläche des Wassers mit einer 3-4 cm hohen Schicht dieser

Leichen bedeckt. Wird dieses nicht gethan, versehen den Gräberdienst

die Ameisen, Eidechsen und Frösche. Freilich ist die Zahl der letzteren

nicht so gross, um diese Haufen von Larongs zu verzehren -- die Flügel

bleiben unbenutzt; aber auch die grosse Zahl der Ameisen ist nicht

hinreichend, um in einer Nacht den Tisch oder den Boden unter der Lampe

von diesen Leichen zu befreien.

Wie viel Sorge und Arbeit schafft die Ameise übrigens der Hausfrau,

welche ihre Speisevorräthe vor dem diebischen Ueberfalle dieser kleinen

Insecten schützen will; wenn nur einen einzigen Tag oder nur eine

einzige Nacht die Zuckerschale oder die Fleischschüssel nicht durch

einen Wasserwall beschützt wird, ist sie nach 24 Stunden mit einer

Schicht von Ameisen bedeckt, und von dem Rande der Schüssel bis zum

Boden zieht sich ein doppelter Heereszug von Ameisen, welche die Beute

zu ihrem Neste tragen, oder von welchem sie ausziehen, um die leicht

erbeutete Nahrung zu holen.

Auch von den Termiten ist es bekannt, dass sie in ungeheurer Zahl sich

ansiedeln und alles Organische bedrohen; hölzerne Schiffe wie Kästen

oder auch Möbel wurden nur zu oft eine Beute dieser vielfressenden

Horde. Wie oft stand ich voll Bewunderung vor 2-3 Meter hohen Hügeln,

welche in ihrem Innern das Labyrinth eines Termitenhauses bargen, wenn

ich die Grösse dieses Thieres berücksichtigte; es ist ja nicht grösser

als 1-2 cm.

Wie gross ist die Verheerung, welche die kleinsten Lebewesen, die Pilze

und die Bacterien in den Tropen anrichten, und wie gross ist die Zahl

der Opfer ihrer zerstörenden Thätigkeit! Auch hierunter leidet die

sparsame Hausfrau; wenn sie z. B. keinen Eisschrank hat, kann sie das

ganze Jahr hindurch keine einzige Fleischspeise länger als zwei Tage

bewahren!

Wenn wir zu den Wirbelthieren zurückkehren, so erwähnt, um mit den

Vögeln zu beginnen, Salvadori allein 179 Arten und zwar nur aus

Mittel-Sumatra. Darunter sind vielleicht nicht an Zahl, jedoch an

Bedeutung für den Haushalt in erster Reihe zu nennen: die Hühner.

Sie sind in ganz Sumatra stark verbreitet; jeder Europäer und jeder

Eingeborene hält sich eine grössere oder kleinere Zahl Hühner, welche

2-3 mal des Jahres 12-14 Eier legen. Die Zahl der Sorten ist jedoch

nicht gross.[25] Auch von den Enten sind im Allgemeinen nur zwei

Sorten auf dieser Insel zu finden: die Bergente und die Manilaente.

Die »Bebek« werden am liebsten wegen ihrer Eier gezogen, welche als

sogenannte »gesalzene Eier« kaum jemals auf einer »Rysttafel«[26]

fehlen. Einige Vögel kommen nur in grossen Schwärmen vor; dazu

gehört z. B. der Reisdieb und der Spatz, welcher im Anfange des 19.

Jahrhunderts von dem Autokraten Daendels auf Java eingeführt wurde. Ein

interessanter Vogel ist der Beo, dessen ich schon in Band I erwähnt

habe. Seine Sprache ist viel deutlicher als die des Papagei und als die

des Burung Kaléng, welcher ebenfalls in den Wohnungen der Eingeborenen

gern gehalten wird. Die Zahl der Singvögel ist jedoch auf Sumatra sehr

klein; sie pfeifen und rufen sehr laut; so z. B. kann man den Piet van

Vliet oder den Kuckuk oft auf hunderte von Metern weit hören; aber den

Gesang einer Nachtigall oder Lerche wird man kaum jemals auf allen

Inseln des indischen Archipels hören. Noch muss ich von dem Pfau

mittheilen, dass man -- Eingeborene und Europäer -- ihn in eine gewisse

Verbindung mit dem Tiger bringt. Wo ein Pfau sich aufhält, befindet

sich auch der Tiger; er soll sich von den Entleerungen des Tigers

nähren; ich war nicht in der Lage, die etwaige Richtigkeit dieser

Mittheilungen constatiren zu können.

Von den übrigen Wirbelthieren sind für die Insel Sumatra der Elephant,

der Siamang und theilweise auch der Orang-Utan charakteristisch. Wie

nämlich schon wiederholt von mir mitgetheilt wurde, befindet sich der

Elephant und der Siamang (Hylobates syndactylus) nur auf Sumatra,

während der Orang auch auf Borneo gefunden wird. Im vorigen Jahr

erhielt ich von einem meiner Karlsbader Patienten die Haut eines Orang,

welchen er in der Provinz Deli (Sumatra) geschossen hatte. Die Leiche

liess er hierauf mit den Händen des Orang an eine Stange befestigen

und die Stange so hoch halten, dass die eingeschlagenen Füsse den

Boden berührten. Der Jäger war ein grosser Mann (178 cm gross), und

liess sich zusammen mit dem Orang photographiren. Mein Patient reicht

mit seinem Kopfhaar bis zur Schulter des Affen!! Ich besitze noch

heute diese Photographie (die Haut und der Schädel dieses Orang ist im

Besitze des Wiener Museums), und auf Grund dieser Photographie kann

ich mir ein Urtheil erlauben. Ich habe während meines 3½jährigen

Aufenthaltes auf Borneo mehr als 20 Leichen von Orang-Utans unter

den Händen gehabt; keine war grösser als 150 cm; ich muss entweder

also annehmen, dass der eben beschriebene Orang von Sumatra

ausnahmsweise so gross, also unter den Orangs ein Riese war, oder

dass im Allgemeinen die Insel Sumatra eine grössere Sorte als Borneo

beherberge. Andererseits aber ist diese Frage schwer zu beantworten,

weil, wenigstens nach meiner Erfahrung, die Zahl dieser Affen in

Sumatra viel kleiner als in Borneo zu sein scheint. Warum jedoch nur

die Insel Sumatra Elephanten besitzt, während die Insel Java, welche

wahrscheinlich noch in historischen Zeiten mit ihr zusammenhing, diese

Bewohner nicht kennt, und warum die Insel Borneo den Orang besitzt,

obwohl sie räumlich viel weiter von Sumatra als Java entfernt ist,

werden vielleicht die Geologen und die Paläontologen zu beantworten

wissen.

Auch das Reich der Fische ist auf Sumatra sehr gross. Schon vor vielen

Jahrzehnten theilte Dr. Bleeker mit, dass 380 Sorten Fische auf den

Inseln des indischen Archipels gegessen werden. Dazu gehören auch die

Haifische, deren Fleisch die Chinesen trocknen, räuchern, und deren

Flossen, in der Sonne getrocknet, in keiner chinesischen Suppe fehlen;

obwohl diese Fische die hohe See bewohnen, schwimmen sie oft genug die

grossen Flüsse landeinwärts, so z. B. der Hundhai (Scyllium maculatum),

der Hammerfisch (Zygaena malleus) und der Riesenhaifisch (Carcharyas

macrorhynchus), welcher oft länger als 6 m wird. Wie gross die Zahl

der Fische speciell auf dieser Insel sei, weiss ich nicht; aber ich

erinnere mich sehr gut, dass der Fischmarkt durch den Formenreichthum

und durch die Farbenpracht der ausgestellten Fische immer meine

Aufmerksamkeit erregte. Der Kugelfisch (Tetrodon), dessen Halshaut

getrocknet den Resonanzkasten der indischen Violine (rebáb) bedeckt,

der Roche, Sterlett, das Seepferd, welches als Aphrodisiacum gebraucht

wird, der Riemenfisch, der Schlammbeisser, die Makrele, der Haifisch,

der Karpfen (gurámi), der fliegende Fisch, sie alle geben wirklich ein

reiches Bild der verschiedensten Formen, welche Fische haben können,

und was die Farbe betrifft, so glaube ich, dass die Fische Sumatras an

Farbenpracht[27] mit der seiner Orchideen wetteifern können. Ich will

sofort bemerken, dass ich die Prachtfische Sumatras gewöhnlich nur an

den Strandplätzen sah, und dass es nicht nur möglich, sondern auch sehr

wahrscheinlich ist, dass sie meistens in der See ihre Heimath besassen;

aber ebensogut ist es möglich, dass ein Theil dieser farbenreichen

Fische auch Flussfische waren.

So reich das von mir beobachtete Terrain der Fauna an interessanten

Erscheinungen ist, und so ungern ich dieses Thema verlasse, so

nothwendig ist es, befugten Männern die ausführliche Bearbeitung der

Fauna Sumatras[28] zu überlassen, weil ich doch nur Lückenhaftes

bieten kann, und weil auch in diesem III. Theile meines Werkes nur die

Causerie und nicht die trockene Form irgend einer Wissenschaft zur

Geltung kommen soll.

* * * * *

Finder, Gründer, Schinder, Rinder habe das neue Gesetz des Bergbaues

geschaffen, theilte mir einer meiner Karlsbader Patienten mit; es wird

nämlich erzählt, dass von 5 Millionen Gulden, welche die Goldminen

auf Celebes bis nun gekostet haben, 3 Millionen in die Taschen der

Gründer geflossen seien; im Ganzen sollen die Syndicate der diversen

Goldminen von N.-Indien 18 Millionen verdient haben, und wie viel haben

davon erhalten -- die Rinder -- nein, ich wollte sagen die Actionäre?

Sollte die holländische Regierung nicht bald, ja sehr bald ein Gesetz

schaffen, welches Jedermann verbietet, Actien von einem Unternehmen

auf den Markt zu bringen, welches noch nicht im Betriebe ist und noch

keinen Beweis von Lebensfähigkeit gegeben hat?

In Palembang ist sehr viel Gold, wenn auch Carthaus behauptet, dass die

Eingeborenen kaum 15 Ct. (= 25 Pfennig) per Tag durch die Goldwäscherei

verdienen. Das mächtige Urgebirge der Insel Sumatra hat, wie die

übrigen Inseln des malaiischen Archipels, wie dieser Arzt in seinem

Buche »Aus dem Reiche von Insulinde« mittheilt, Granite, Syenite

und Phyllite zum Kern. Während der Tertiärperiode hob sich und noch

heute hebt sich das ganze Gebiet durch den Vulcanismus, welcher sich

von Kamtschatka bis zum Meerbusen von Bengalen durch eine Reihe von

thätigen und erloschenen Feuerbergen und durch colossale Anhäufungen

von vulcanischen Materialien äussert und ungeheuere andesitische Massen

auf die Erdoberfläche schleudert. Im Bereiche des Urgebirges trat auch

Gold auf, welches schon seit Jahrhunderten von den Eingeborenen in

primitiver Weise gesammelt wird. Es ist darum auch kein Zufall, dass

die ganze Industrie von der Provinz Palembang (Palembangsche Möbel und

Holzschnitzereien), die Sarong von Atjeh und die Kleider der Häuptlinge

in dieser Provinz so reichlichen Goldschmuck zeigen.

Carthaus behauptet, dass die Augite und Hornblenden Sumatras nicht arm

an Silber und Gold seien; dass aber die vorhandene Menge gerade wie die

des Bleis, Quecksilbers und Eisens zu »ungünstig gelegen sei, um zu

erfolgreichem Bergbaubetriebe Hoffnung zu geben«. Eine schöne Zukunft

verspricht er jedoch der Gewinnung des Zinnes und der Kohlen, welche

Prognose sich heute schon bewahrheitet hat.

Dennoch möchte ich bezweifeln, ob denn ein europäisches Unternehmen[29]

auf solider Basis nicht z. B. in dem nördlichen Districte der

Residentie Palembang zum Segen des Landes die Schätze des Bodens und

zwar in erster Reihe das Gold heben könnte.

Dieser District -- Djambi genannt -- steht unter dem Sultan von

Djambi, und de facto hat die holländische Regierung nicht nur an der

Peripherie, sondern selbst auch in der Hauptstadt des Sultanats nur

geringen Einfluss. Noch vor wenigen Jahren fand ein Ueberfall in der

nächsten Nähe des Forts statt, dem ein Infanterieofficier und ein

Militärarzt zum Opfer fielen; und doch sind es beinahe schon 300

Jahre, seitdem in Djambi die erste Factory (im Jahre 1616) und in

Muára Kómpeh (im Jahre 1707) zum ersten Male eine europäische Garnison

errichtet wurde. Beide liegen im Alluvium ungefähr 90 km und 45 km von

der Mündung des Djambiflusses entfernt, welcher in seinem Oberlaufe

Harifluss (= Batang Hari) heisst und mit drei mächtigen Armen in die

Berhalastrasse sich ergiesst.

Vom Cap Bon, dem östlichsten Punkt der Küste, bis zum Pik von Indrapura

(3690 m hoch) an der Westgrenze des Sultanats beträgt die Luftlinie 360

km, und vom Berge Bempatasan im Norden bis zum entferntesten Punkte

der Südgrenze ungefähr 200 km. Diese Provinz hat die höchste[30]

Bergspitze Sumatras, die grössten Ströme und die grössten Landstrassen

dieser Insel.

[Illustration: Fig. 8. Ein Battak’scher Kampong.

(Vide Seite 77.)]

Unter den zahlreichen Bergspitzen des Barisangebirges[31] ragt im

westlichen Theile Palembangs und zwar in dem Sultanat Djambi der Berg

Korintji oder der Berg Indrapura als zweithöchster Berg von Sumatra

mit seiner 3690 m hohen Spitze als Grenzmauer zwischen dieser Provinz

und der Residentie »Padangsche Oberländer« hoch in die Lüfte, ohne

dass man immer unterscheiden kann, ob die umgebenden Wolken Dämpfe

aus dem Innern eines Vulcanes oder Gebilde der feuchten Luft seien.

(Aehnliche Zweifel hatte ich ja auch in den Jahren 1891-1896, als ich

zu Magelang auf Java am Fusse des Vulcans Merapi in Garnison war. Von

ihm wusste ich, dass er ein feuerspeiender Berg war; dennoch geschah

es sehr oft, dass Wolkenmassen seinen Scheitel umgaben, ohne dass ich

bestimmt behaupten konnte, dass nur Feuchtigkeit der Luft die Quelle

dieser Wolkenbildung war.) Die übrigen zahlreichen Bergspitzen, so hoch

oder so klein sie sein mögen, anzuführen, würde das Ziel dieses Buches

überschreiten. Auch die Namen der übrigen Flüsse mitzutheilen -- ausser

jenen bereits genannten Djambi- und Musistrom -- hätte keinen Zweck.

Die erwähnte grosse Landstrasse beginnt bei der Hauptstadt Palembang

und zieht in südwestlicher Richtung nach Muara Enim; hier theilt sich

die Strasse in zwei Zweige, wovon der nördliche über Tebing-Tinggi und

Kepahiang quer durch die Residentie Benkulen bis an die gleichnamige

Hauptstadt an der Küste des Indischen Oceans sich zieht; sie dürfte

ungefähr 350 km lang sein. Der südliche Ast strebt der Grenze der

Residentie »Lampongsche Districte« zu, zieht durch die »Pasumahländer«

und geht noch auf Palembangs Gebiet in einen kleinen Fussweg über und

ist ungefähr 102 km lang.

Die Hauptstadt Palembang ist eine sehr interessante Stadt; der

Ethnograph, der Tourist wie der Künstler finden dort ein pittoreskes

Bild, welches sie selten auf ihren Reisen in andern Colonien oder in

Hafenplätzen sehen können; es ist eine echte malaiische Handelsstadt

mit zahlreichen »Râkits« (= Flösse, auf welchen Häuser stehen). Ich

selbst habe dieselben, wenn auch nicht in so grosser Zahl, nur noch

in Bandjermasing beobachten können. Dort sind allerdings dieselben

Bedingungen vorhanden, welche den Gebrauch dieser schwimmenden Häuser

rechtfertigen.

Hier wie dort ist ein junges angespültes Land, welches bei der Fluth

des Meeres täglich unter Wasser gesetzt wird. (Ich sah in Bandjermasing

ein neues Haus auf diesem weichen Boden bauen; die Piloten gingen wie

durch Wachs in die Tiefen des Grundes.) Hier wie dort ist der Boden für

den Ackerbau gänzlich untauglich, und hier wie dort sind die Bewohner

ausschliesslich Handelsleute.

Solche Verhältnisse erklären hinreichend den Gebrauch solcher leicht

transportablen Wohnhäuser. (Fig. 4.)

Die Stadt Palembang liegt an beiden Ufern des Musi; das linke

Ufer heisst in der Volkssprache pinggir ilir = das niedere Ufer,

im Gegensatze zum pinggir ulu = hohes Ufer, welches thatsächlich

einen Weg besitzt, welcher so ziemlich parallel mit dem Ufer von

einem Ende der Stadt bis zum andern verläuft. Hier befinden sich

zahlreiche chinesische Tokos (= Geschäftshäuser) und die Agentur der

»Handelmaatschappy«. Das östliche Ende der Strasse wird durch eine

Ziegelfabrik abgeschlossen. Unter den Gebäuden dieses Theiles der

Stadt verdient vielleicht der chinesische Tempel Erwähnung. Das linke

Ufer, welches in gleicher Weise wie das rechte von vielen kleinen

Canälen oder Flüsschen unterbrochen wird, hat auf dem Lande zahlreiche

europäische Wohnungen: Das Haus des Residenten, die Caserne mit

»Officiershäusern«, den Bazar, den Kirchhof, malaiische Moschee,

zahlreiche Kampongs und am östlichen Ende die alten Sultansgräber.

An beiden Ufern liegen zahlreiche Râkits: Auf einem Flosse aus grossen

Baumstämmen, welche mit Rottang untereinander verbunden sind, steht

eine aus Matten bestehende Wohnung. Das Floss ist mit dicken Rottangen

an Pflöcken festgebunden, welche je zwei für ein Râkit auf dem Lande

sich befinden. Der Stand des Wassers ist aber ein variabler; die Taue

müssen daher je nach der Höhe des Wasserstandes kürzer oder länger

angezogen werden. In beiden Fällen werden die Bewohner des Râkit durch

ein eigenthümliches Knarren des Flosses darauf aufmerksam gemacht.

Besonders beim Sinken des Wasserspiegels ist ein rasches Eingreifen

dringend nöthig. Werden in diesem Falle nicht sofort die Taue

gelöst, so sitzt das Floss an der Böschung fest, und da dieses keine

horizontale Fläche ist, sondern in der Regel einen Winkel von 40-50°

mit dem Horizont einschliesst, so verliert das »Haus« seinen verticalen

Stand, und oft genug geschieht es in einem solchen Falle, dass das

Haus einstürzt. Der entgegengesetzte Fall ist weniger gefährlich. Wird

das Steigen des Wassers von den Bewohnern nicht wahrgenommen, so wird

es nur seine Stabilität verlieren, und wenn die Eigenthümer zufällig

abwesend sind, werden sich die Nachbarn beeilen, die Taue anzuziehen,

um nicht der Gefahr ausgesetzt zu werden, ihre eigene Wohnstätte von

dem frei beweglichen Nachbarhause unsanfte Berührungen erdulden zu

lassen.

Die Bäume des Flosses sind in den seltensten Fällen mit Brettern

bedeckt; gewöhnlich bildete die Flur des Hauses ein Netzwerk aus

dünnen Stöcken oder Matten aus Bambus oder aus Rottang; in dem einen

Falle sieht man also das Wasser durch die Maschen des Netzwerkes

durchschimmern, und der Europäer, welcher zum ersten Male ein solches

Haus betritt, fühlt sich in doppelter Weise darin unangenehm.

Einerseits fühlt er die Wellenbewegungen des Wassers und andrerseits

geht er unsicher auf den runden Stöcken des Bodens.

21 Jahre in Indien. Dritter Theil: Sumatra. · 第 5 / 23 段