geschlossen. Der Eingeborene geht am bequemsten blossfüssig; selbst
als Soldat oder als Kuli, welcher 30-40 Kilo 20-30 Paal (= 30-45 km)
weit tragen muss, wird er gewöhnlich ohne Schuhe oder ohne Sandalen
marschiren; gewöhnlich sind die Landstrassen, die Wege der Stadt
und des Dorfes ungepflastert und bestehen aus einer Lehm- oder
Humusschicht, welche mit Sand oder kleinem Gerölle gemischt ist.
Thatsächlich ist das Gehen ohne jede Bedeckung der Sohlen in Indien
geradezu ein Genuss. Wer daran zweifelt, möge z. B. um 12 Uhr bei
einer europäischen Schule stehen; die Jugend stürmt natürlich wie
überall lebenslustig aus dem Schulhause; sobald der Lehrer oder die
Lehrerin aus dem Gesichtskreise verschwunden ist, werden von allen
Kindern Schuhe und Strümpfe ausgezogen, und blossfüssig eilen sie
nach Hause oder balgen sich auf der Wiese. Selbst erwachsene Männer
und Frauen werden hin und wieder im Hause oder im Garten +vergessen+
die Pantoffeln zu gebrauchen. Die Haut der Fusssohlen wird durch das
Gehen ohne Schuhe so derb, dass sie durch stumpfe Steinchen oder durch
die rauhe Oberfläche des Pflasters nicht verletzt wird; Glasscherben,
Nägel oder spitze Steine verletzen natürlich den Fuss des Eingeborenen
ebenso gut als die Sohle des »Orang baru«, welcher seit seiner ersten
Jugend niemals blossfüssig gegangen ist. Die Haut des Eingeborenen
wird aber nicht nur derber, sondern verwandelt sich oft auch in eine
Schwiele; ich sah sehr oft bei Recruten eine Form derselben, deren
Entstehungsweise mir noch heute dunkel ist. Der ganze Ballen und die
ganze Ferse war mit einer Schwiele bedeckt, welche durch zahlreiche
kleine, bis stecknadelkopfgrosse Grübchen das Aussehen eines Siebes
erhielt; der Recrut hatte keine Schmerzen und wurde dadurch nicht im
Geringsten im Marschiren beeinflusst. Das Reglement für die Assentirung
spricht nur von »unheilbarer Schwielenbildung in solchem Grade,
dass dadurch das Marschiren erschwert wird«, und in § 322 von malum
perforans pedis = durchbohrende Fussgeschwüre, als Ursachen, um einen
Recruten zurückzuweisen; aber dennoch nahm ich solche Recruten nicht
an, weil sie einmal angenommen und im Besitze des Handgeldes sich wegen
dieses Uebels sehr leicht krank melden können. Relativ ungünstiger
ist eine partielle Schwielenbildung der Sohle; in der Regel entstehen
durch begrenzte Schwielen in der Umgebung Risse oder Rhagaden in der
Haut, welche schmerzhaft sind und selbst das Gehen auf der hölzernen
Flur erschweren. Auch dieses Uebel beobachtete ich häufig bei den
eingeborenen Soldaten, und s. Z. ersuchte die Regierung in Europa
(!?) die ärztliche Facultät um das Gutachten, ob auch diesen Soldaten
Schuhe verabfolgt werden sollten. Auf Grund des Gutachtens, welches vom
Generalstabsarzte i. P. Dr. van Gelder abgegeben wurde, blieb es beim
Alten, d. h. die eingeborenen[18] Soldaten erhalten keine Schuhe, es
sei denn, dass ein militärärztliches Zeugniss das Tragen von Schuhen
(mit Strümpfen) zur Heilung von krankhaften Zuständen der Fusssohle für
den betreffenden Patienten nothwendig erkläre.
Ob nun Dr. Schmidt mit Recht oder mit Unrecht seine Diener veranlasste,
Sandalen zu tragen, muss ich unerörtert lassen, weil ich zu untersuchen
vergass, ob sie Rhagaden oder Geschwüre an der Fusssohle hatten.
Natürlich sind Sandalen in den Tropen weniger unangenehm als Schuhe,
veranlassen keine Schweissfüsse, missformen nicht die Gestalt der
Füsse[19] und sind auch billiger. Noch muss ich mittheilen, dass einige
angesehene Malaien im Bade hölzerne Sandalen gebrauchen. Das sind
hölzerne Sohlen mit grossen Hacken und haben in der Nähe der Spitze
einen Knauf, welcher zwischen der ersten und zweiten Zehe getragen wird.
Bekanntlich umgeben die indischen Feinde ihre kleinen Forts mit
eigenthümlichen Chicanen. Das Terrain ist mit Gras oder Gesträuch
bedeckt, und dazwischen befinden sich hölzerne Nägel, welche 10-20 cm
aus dem Boden hervorragen. Sie sind scharf zugespitzt und durchbohren
manchmal selbst eine dicke Schuhsohle. Noch öfter ist in dem Gesträuche
Stachelbambus (Bambu duri) verborgen, welcher nur die blossen Füsse
bedroht, während die mit Schuhen bekleideten Soldaten ungefährdet
darüber schreiten können. Ich muss annehmen, dass Generalstabsarzt
Dr. van Gelder auch mit diesem Factor rechnete, als er sein Gutachten
abgab, dass die eingeborenen Soldaten kein (?!) Bedürfniss für Schuhe
haben sollten! --
Eine Interpellation über die eigenthümliche Bauart seines Hauses
schien Dr. Schmidt erwartet zu haben, denn sofort brachte er ein
Bündel Zeitschriften, Broschüren und eigene Aufsätze herbei, um
seine Behauptungen von dem bedeutenden Unterschiede im elektrischen
Widerstande zu unterstützen, welche die einzelnen Baustoffe zeigen
sollten.
Das Gebäude, in welchem wir uns bis jetzt befanden, war nur sein
Arbeitszimmer und war entsprechend seinen elektrischen Untersuchungen
frei von Eisen und anderen metallenen Ornamenten u. s. w. Es bestand
beinahe ganz aus Bambus. Selbst die Flur der Veranda und des grossen
Saales (von 4×7 m) bestand aus gespaltenem Bambus und war mit Matten
bedeckt, welche aus gespaltenem Rottang geflochten waren. Meine
Frage, ob durch dieses Material sein Laboratorium nicht leide,
beantwortete er mit der Gegenfrage: ob ich für +seine+ Arbeiten ein
besseres Arbeitszimmer construiren könnte. Durch die Spalten und
Lücken der Matten bestehe ein ewiger Luftstrom, so dass nicht nur
jeder Unterschied in der elektrischen Spannung der Luft, sondern auch
in der Temperatur derselben entfalle. Dadurch sei es allerdings zur
Mittagszeit im Laboratorium ebenso warm als in der Veranda; er sei
aber ein alter Mann, dem die hohe Temperatur kein unangenehmes Gefühl
verursache, und er bleibe von jenen Fehlern in der Beobachtung der
elektrischen Spannung verschont, welche alle Berechnungen zeigen,
wenn sie mit diesem Factor nicht rechnen. Wenn bei herrschender
Windstille die Luft im Zimmer stagnire, lasse er die »Punka« von
einem Kuli in Bewegung setzen, welche über seinem Schreibtisch sich
befinde, und zwar nur eine halbe Stunde, während er sich gleichzeitig
in der Veranda aufhalte. Dieser Luftstrom werde mit Recht »Zugluft«
genannt; sie verursache ihm geradezu Reissen im Kopfe, das dann noch
einige Stunden anhalte. Der Rheumatismus der Muskeln und Gelenke
entstehe auch nur durch die verschiedene elektrische Spannung in den
einzelnen Luftschichten, und wenn in Europa einmal diese Wahrheit in
die grosse Menge der gelehrten Aerzte Eingang gefunden haben werde,
könnte ein günstiger Erfolg in der Prophylaxe und in der Behandlung
des Rheumatismus nicht ausbleiben. Natürlich leidet nicht Jedermann
durch die Unterschiede der elektrischen Spannung in den verschiedenen
Luftschichten; denn, um nur ein Beispiel anzuführen, der 20jährige
Jüngling habe einen viel grösseren Widerstandscoefficienten in den
Muskeln und Säften des Körpers als der 80jährige Greis, und darum werde
ein junger Mann die Luftbewegung oder den Zug, welcher durch die
Punka veranlasst wird, sogar angenehm finden. Dies ist die Ursache,
welche mich veranlassen würde, eine Punka für jedes Privathaus,
jede Caserne, jede Kirche, ja selbst für gewisse Säle in Spitälern
anzuempfehlen, d. h. wenn sie ebenfalls aus Bambus gebaut sind.
Steinerne Gebäude bedürfen dessen nicht; wenn diese so gebaut sind,
+dass die Feuchtigkeit des Bodens nicht in die Mauern zieht+, wenn
für hinreichende Ventilation gesorgt ist, können um 11 Uhr Fenster
und Thüren geschlossen werden. Die durch die diversen Oeffnungen
einströmende warme Luft ist leichter als die im Hause befindliche kühle
Luft, und steigt in die Höhe. Natürlich muss sich in einem solchen
steinernen Gebäude eine hinreichend grosse Dachventilation befinden, so
dass dieser warme Luftstrom, welcher gleichzeitig die Verunreinigungen,
durch die Ausathmungen und Ausdünstungen der Menschen und Thiere
bedingt, mit sich führt, unbehindert hinausströmen kann. Andererseits
muss das Hineinströmen des Regens unmöglich gemacht werden, wofür die
Ingenieure zahlreiche Vorrichtungen kennen.
Nach diesen weitläufigen Erörterungen auf dem Gebiete der Hygiene und
der elektrischen Untersuchungsmethoden fasste mich Dr. Schmidt bei
dem Arme und führte mich nach der Rückseite des Laboratoriums. Dort
zeigte er mir die Wohnungen seiner Bedienten, den Stall mit seinem
grossen Elephanten, einen Käfig für alle Sorten Affen der Insel Sumatra
und sein Vogelhaus. Ich sah grosse und kleine Exemplare des Kees
(Cercopithecus kynomolgus), des Schweinsaffen (Inuus nemestrinus), des
Siamang (Hylobates syndactylus) und des Orang-Utan (Pythecus satyrus);
es befanden sich darunter hübsche Exemplare von dem grauen Wau Wau
(Hylobates leuciscus), von dem Gibbon mit weissen Händen (H. Lar) und
von dem H. variegatus, und er besass paarweise 6 Sorten von Simpeis (=
Semnopithecus) und zwar den S. obscurus, den S. albocinereus, den S.
ferrugineus, den S. femoralis, den S. pruinorus und den S. Thomasi. In
dem Vogelhause befanden sich zahlreiche Sorten Hühner, 2 Sorten Enten,
Gänse, Fasanen (Euplocamus sumatrensis), Pelicane, Marabus, Perlhühner
und 4 Sorten Tauben. Auch 2 Pfauen schritten stolz in dem für sie durch
ein Drahtgehege abgeschlossenen Raume auf und ab. Neben dieser Volière
stand ein grosser Käfig mit einem kleinen Königstiger und in einem
kleinen Käfig befand sich eine Zibethkatze (Viverra tangalunga).
Nur kurze Zeit hielt ich mich bei dieser kleinen Menagerie auf und
äusserte mein Bedauern, meine Begleiter nicht länger auf mich warten
lassen zu dürfen. Lächelnd wies er mit erhobenem Arm nach einem Haine,
welcher sich hinter der Menagerie befand, und rief aus: »Die Herren
sind wohl versorgt und aufgehoben. Sie können ganz beruhigt sein, Herr
Doctor! Hinter diesem kleinen Walde, welcher mir das reinste und beste
Trinkwasser liefert, steht meine Burg, und Ihre Begleiter sitzen schon
seit einer halben Stunde bei einem Gläschen Bitter und trinken dazu ein
Glas frisches, kühles, krystallhelles Wasser, welches ich den Lianen
entnehme, die sich von Baum zu Baum dieses kleinen Waldes schlingen. In
meiner Burg befindet sich zwar ein Ziehbrunnen; sein Wasser entspricht
aber kaum den bescheidensten Anforderungen an ein gutes Trinkwasser,
auch wenn es durch einen Filtrirstein[20] aus Grissée gegangen ist.
Die Natur in den Tropen sammelt in ihrem Reichthum diesen kostbaren
Schatz, das chemisch reine Wasser in den Lianen in so grosser Menge,
dass ich in diesem kleinen künstlich angelegten Urwalde täglich mein
Verlangen nach diesem köstlichen Nass für mich und meine Angehörigen in
jeder Hinsicht befriedigen kann. Nebstdem besitze ich, wie Sie sofort
sehen werden, eine kleine Maschine, welche die Temperatur des Wassers
auf 10 ° C. herabsetzen kann, und auf diese Weise bleibe ich von allen
Krankheiten verschont, welche ein unreines und ungesundes Trinkwasser
in der Regel entstehen lässt.«
[Illustration: Fig. 6. Endstation Stabat der schmalspurigen Eisenbahn
in Deli.
(Vide Seite 76.)]
In dem Haine befand sich ein Pfad von ungefähr ½ Paal Länge, den wir
darauf betraten, und nach einigen Krümmungen sah ich im Hintergrunde
ein kleines Plateau mit einer Burg, welche von einem Wassergraben
umgeben war; ein sumatranischer Hund[21] (Canis sumatranis) begleitete
uns, der, wie die Gladakker auf Java, nur halbgezähmt war; eine
Wachtel (Turnix pugnax) flog von Baum zu Baum, ohne dass wir den in
Europa bekannten Schlag hörten, und am Ende des Pfades befand sich
ein Wassergraben, welcher mehr als 5 Meter breit war. Die »Burg« war
ein grosses hölzernes Gebäude mit starken Palissaden umgeben; an den
vier Ecken befanden sich 10 Meter hohe Thürme, welche je eine Kanone
trugen. Uns gegenüber befand sich ein grosses Thor, das, wie ich
später hörte, auf elektrischem Wege sich öffnete, sobald ein Knopf
auf dem letzten Baume des Pfades gedrückt wurde, und gleichzeitig
senkte sich eine Zugbrücke über den Wassergraben. Das Innere der
Burg entsprach im Ganzen und Grossen einem malaiischen Kampong, und
die einzelnen Häuser hatten den Baustyl der »Padang’sche Oberländer«
(Fig. 2). In der Veranda des ersten Hauses sassen meine Begleiter
und unter ihnen ein 14jähriges schönes europäisches Mädchen und ein
Fräulein, welches mir als die Gouvernante der Nichte des Dr. Schmidt
vorgestellt wurde. Sie war eine Engländerin, welche beim Nennen meines
Namens mit einem Aufschrei zusammenstürzte. Es gelang uns beiden, sie
bald wieder zur Besinnung zu bringen, und als das nervöse Schluchzen
und Weinen nachgelassen hatte, theilte sie uns die Ursache dieses
unerwarteten Anfalles mit. In London hatte sie als die Tochter eines
angesehenen Kaufmanns eine glückliche Jugend verlebt und in ihrem
23. Jahre sich mit einem Herrn Breitenstein verlobt, welcher am Tage
ihrer Hochzeit wegen Betrugs, Diebstahls und Bigamie verhaftet wurde.
Um diese Schmach zu vergessen und der Schande zu entfliehen, welche
dieser Scandal auf den Namen ihrer unbescholtenen und ehrenwerthen
Eltern geworfen hatte, war sie aus der Heimath geflüchtet und hatte in
dieser Einöde Sumatras den heissgeliebten Mann zu vergessen gesucht.
Schon Wochen und Monate lang hatte sich ihr Geist mit diesem Namen
nicht mehr beschäftigt, und so geschah es, dass beim Nennen meines
Namens die traurige Vergangenheit mit ungeschwächter Kraft in ihrem
Geiste auftauchte und sie zu erdrücken drohte. Es gelang mir bald,
den ungünstigen Eindruck, welchen mein Name veranlasst hatte, zu
verscheuchen und in einem gemüthlichen Gespräche die englische Dame
wieder ihre Vergangenheit vergessen zu lassen. Dabei zeigte »die
Nichte« des Hausherrn eine solche Vielseitigkeit des Wissens, dass wir
unserer Verwunderung Worte leihen mussten. Sie sprach die deutsche,
holländische, französische und englische Sprache ebenso geläufig als
die malaiische und lampongsche Sprache, las den Virgil und die Iliade
im Urtexte und widmete sich unter Leitung ihres »Onkels« dem Studium
der höhern Mathematik und Geometrie. Ein lebhaftes Interesse gewann ich
für dieses junge Geschöpf, welches sich fern von allen Genüssen der
modernen Civilisation dem Studium solcher abstracten Wissenschaften
widmete, obwohl sie kaum den Kinderjahren entwachsen war, und bat
meinen alten Collegen, mir etwas mehr über den Bildungsgang dieses
»Wunderkindes« und auch über die etwaige erbliche Disposition ihres
Geistes mitzutheilen. Leider berührte ich offenbar damit einen wunden
Punkt in seinem Leben. Ohne zu antworten, stand er auf, murmelte die
Worte: »Also auch neugierig« und entfernte sich. Einige Minuten später
erschien sein Bedienter mit dem Leitje, auf welchem Dr. Schmidt mir
mittheilte, dass er wegen heftiger Kopfschmerzen sich zu Bett hätte
legen müssen und dass er mir und meinen Reisegenossen eine »gute Reise«
wünsche.
Wir verliessen also »die Burg« und kehrten auf demselben Wege, den wir
gekommen waren, zur Hauptstrasse zurück, um unsere Reise nach Tanjong
Karang zu Pferd fortzusetzen.
* * * * *
Den 7. September 1882 wurde wieder meine Transferirung beschlossen, um
mich im grossen Militärspitale zu Batavia zu dem Examen vorbereiten
zu lassen, welches mir das Avancement zum Regimentsarzt ermöglichen
sollte. Ein paar Tage später erschien diese Transferirung in den
Zeitungen, und mein Freund, der österreichische Consul O. Mayer,
verständigte mich sofort davon telegraphisch.
Damals ging der Telegraph durch die Sundastrasse nach Telók Betóng
und von dort bis nach Padang auf der Westküste der Insel Sumatra; die
nördliche Provinz Atjeh und die bedeutenden Plantagen auf der Ostküste
Sumatras bedienten sich im Bedarfsfalle des englischen Kabels, welches
von der Insel Pénang via Singapore nach Batavia ging. Der Postdirector
zu Telók Betóng hat mir die Schwierigkeiten geschildert, welche mit
dem Legen des Telegraphen durch den Urwald Sumatras verbunden waren,
so dass ich es begreiflich fand, dass der Telegraph damals nicht auch
nach dem Osten der Insel gezogen wurde. Einerseits hätten zahlreiche
»unabhängige Länder« durchzogen werden müssen, und anderseits die
Arbeiten im Urwalde und besonders die etwaigen unvermeidlichen
Reparaturen in den »unabhängigen Ländern« und in den Urwäldern so einen
Aufwand von Geld, Menschenleben und Zeit gekostet, dass die Regierung
davor zurückschrecken musste. Selbst die Arbeiten in den unterworfenen
Ländern und in den gelichteten Urwäldern gingen nur langsam von
statten durch die Angriffe der -- Elephanten. Diese Thiere benützten
nämlich die eisernen Telegraphenstangen zum Hautkratzen, wenn es sie
juckte. Es wurden soviel Telegraphenstangen von ihnen umgeworfen, dass
man die Isolatoren zuletzt auf lebenden Bäumen anbringen musste. Ob
sich die diesbezüglichen Verhältnisse heute schon gebessert haben, ist
mir nicht bekannt.
Als ich mit dem Dampfer vom 15. October officiell von meiner
Transferirung verständigt wurde, musste ich die Frage beantworten, ob
ich von der gesetzlichen Begünstigung Gebrauch machen wolle, einen
Monat einem Militärspital zur Dienstleistung zugetheilt zu werden,
um ein hinreichendes Material zur Uebung und Vorbereitung zum Examen
benützen zu können. Es geschah nämlich damals nur zu oft, dass junge
Militärärzte direct von der Schule und sofort nach dem letzten
Rigorosum nach Indien gingen und nach kurzem Dienste in irgend einem
grossen Spitale nach den Aussenbesitzungen geschickt wurden und zwar
in kleinere Forts von 50 bis 100 Mann. Wenn sie einige Jahre hindurch
täglich oft nicht mehr als 2 bis 3 Patienten zu behandeln hatten,
kamen sie aus der Uebung der üblichen Untersuchungsmethode wegen
Mangels an passendem Material, und wenn sie dann nach 6 bis 8 Jahren
mangelhafter Praxis zum Examen zugelassen worden wären, hätte ein
Misserfolg unmöglich ausbleiben können. Diese Verhältnisse veranlassten
mich auch, im II. Bande, Seite 52, das Bedauern auszudrücken, dass
diese Examina abgeschafft wurden; sie waren und würden es heute
noch sein, ein Sporn oder ein moralischer Zwang, das auf der Schule
erworbene theoretische medicinische Wissen in der Praxis zu pflegen und
weiter auszubilden. Ich weiss es, dass seit der letzten Organisation
der medicinischen Studien in Holland wirklich gut unterrichtete und
ausgebildete Mediciner in die Praxis eintreten; aber ich weiss es
auch aus eigener Erfahrung, dass die Schulweisheit sehr bald über
Bord geworfen wird, wenn die Praxis nicht das Material, den Sporn
zur Fortsetzung der Studien giebt. Wenn man z. B. Monate oder Jahre
lang keinen Fall von Lungenkrankheiten zur Behandlung bekommt, dann
verliert man auch die Sicherheit in der Untersuchung der Lunge durch
Percussion und Auscultation, und in der medicinischen Wissenschaft
gilt in erster Reihe das Sprichwort: »Stillstehen heisst Zurückgehen«.
Ja noch mehr. Wenn die jungen Aerzte in den Colonien von Zeit zu Zeit
in die grossen Spitäler zur Dienstleistung eingetheilt werden, dann
unterhalten sie nicht nur ihr auf der Schule erworbenes theoretisches
Wissen, sondern werden auch ärztlich so vielseitig gebildet -- als es
ihre Collegen in Europa gewiss nicht sind. Der Colonial-Arzt ist ja
durch die herrschenden Verhältnisse gezwungen, sich in allen Zweigen
des ärztlichen Wissens zu bethätigen, und jene Einseitigkeit, welche
oft die europäischen Specialisten zeigen, ist eben in den Colonien
nicht denkbar. Wie oft wird in Europa von den bedeutendsten Männern der
medicinischen Wissenschaft geklagt, dass durch die Specialisten das
einheitliche Ziel der Therapie, den kranken Menschen und nicht irgend
eine Krankheit zu behandeln, ausser Acht gelassen wird? Ich darf und
kann auch nicht den Specialisten die raison d’être ableugnen; aber
für die Colonien sind in allen Fächern praktisch ausgebildete Aerzte
in erster Reihe eine Nothwendigkeit und dieses ist nur zu erreichen,
wenn dafür gesorgt wird, dass die jungen Aerzte so viel, als eben
möglich ist, in grossen Spitälern ihre Arbeit erhalten, und kleineren
Garnisonen, welche auch keine grössere Civilpraxis bieten, der Arzt
nicht länger als höchstens ein Jahr zugetheilt bleibe.
Ich hatte in Telók Betóng nur ein kleines Material während der 5
Monate, welche ich in dieser Garnison zugebracht habe. Ausser zwei
Entbindungen, bei welchen ich assistirte, hatte ich keine anderen
Fälle, als einige unbedeutende Malaria-, Darm- und venerische
Krankheiten während dieser 5 Monate in Behandlung gehabt, und darum
zögerte ich keinen Augenblick, von oben erwähnter Begünstigung Gebrauch
zu machen, und bat den Sanitätschef, mich einen Monat lang in einem
grossen Spital zu meinem Examen vorbereiten zu dürfen.
Ich kann nicht umhin, das originelle Honorar für meine gynäkologische
Hilfe zu erwähnen, welches mir eine der erwähnten Damen damals
bezahlte. Es war eine junge Dame, welche ihr erstes Kind bekam. Als
der kleine Weltbürger durch einen Schrei seinen Eintritt in diese
schöne Welt verkündete, fühlte ich einen Kuss auf der Stirne. Der
Mann der jungen Frau stand zur andern Seite des Bettes; ich frug also
die junge Frau, ob sie sich mit dem Kusse nicht in der Adresse geirrt
habe? »Nein,« erwiderte sie und drückte mir warm die Hand, während
sie ihren Mann zärtlich anblickte; »dieser Kuss der Dankbarkeit galt
sicher Ihnen, denn Sie haben mich rasch und sicher von den schweren
Geburtsnöthen befreit.« Leider wurde diese dankbare Seele ein Jahr
später von der Cholera dahingerafft.