Was die Sandalen betrifft, darüber sind die Acten noch nicht

geschlossen. Der Eingeborene geht am bequemsten blossfüssig; selbst

als Soldat oder als Kuli, welcher 30-40 Kilo 20-30 Paal (= 30-45 km)

weit tragen muss, wird er gewöhnlich ohne Schuhe oder ohne Sandalen

marschiren; gewöhnlich sind die Landstrassen, die Wege der Stadt

und des Dorfes ungepflastert und bestehen aus einer Lehm- oder

Humusschicht, welche mit Sand oder kleinem Gerölle gemischt ist.

Thatsächlich ist das Gehen ohne jede Bedeckung der Sohlen in Indien

geradezu ein Genuss. Wer daran zweifelt, möge z. B. um 12 Uhr bei

einer europäischen Schule stehen; die Jugend stürmt natürlich wie

überall lebenslustig aus dem Schulhause; sobald der Lehrer oder die

Lehrerin aus dem Gesichtskreise verschwunden ist, werden von allen

Kindern Schuhe und Strümpfe ausgezogen, und blossfüssig eilen sie

nach Hause oder balgen sich auf der Wiese. Selbst erwachsene Männer

und Frauen werden hin und wieder im Hause oder im Garten +vergessen+

die Pantoffeln zu gebrauchen. Die Haut der Fusssohlen wird durch das

Gehen ohne Schuhe so derb, dass sie durch stumpfe Steinchen oder durch

die rauhe Oberfläche des Pflasters nicht verletzt wird; Glasscherben,

Nägel oder spitze Steine verletzen natürlich den Fuss des Eingeborenen

ebenso gut als die Sohle des »Orang baru«, welcher seit seiner ersten

Jugend niemals blossfüssig gegangen ist. Die Haut des Eingeborenen

wird aber nicht nur derber, sondern verwandelt sich oft auch in eine

Schwiele; ich sah sehr oft bei Recruten eine Form derselben, deren

Entstehungsweise mir noch heute dunkel ist. Der ganze Ballen und die

ganze Ferse war mit einer Schwiele bedeckt, welche durch zahlreiche

kleine, bis stecknadelkopfgrosse Grübchen das Aussehen eines Siebes

erhielt; der Recrut hatte keine Schmerzen und wurde dadurch nicht im

Geringsten im Marschiren beeinflusst. Das Reglement für die Assentirung

spricht nur von »unheilbarer Schwielenbildung in solchem Grade,

dass dadurch das Marschiren erschwert wird«, und in § 322 von malum

perforans pedis = durchbohrende Fussgeschwüre, als Ursachen, um einen

Recruten zurückzuweisen; aber dennoch nahm ich solche Recruten nicht

an, weil sie einmal angenommen und im Besitze des Handgeldes sich wegen

dieses Uebels sehr leicht krank melden können. Relativ ungünstiger

ist eine partielle Schwielenbildung der Sohle; in der Regel entstehen

durch begrenzte Schwielen in der Umgebung Risse oder Rhagaden in der

Haut, welche schmerzhaft sind und selbst das Gehen auf der hölzernen

Flur erschweren. Auch dieses Uebel beobachtete ich häufig bei den

eingeborenen Soldaten, und s. Z. ersuchte die Regierung in Europa

(!?) die ärztliche Facultät um das Gutachten, ob auch diesen Soldaten

Schuhe verabfolgt werden sollten. Auf Grund des Gutachtens, welches vom

Generalstabsarzte i. P. Dr. van Gelder abgegeben wurde, blieb es beim

Alten, d. h. die eingeborenen[18] Soldaten erhalten keine Schuhe, es

sei denn, dass ein militärärztliches Zeugniss das Tragen von Schuhen

(mit Strümpfen) zur Heilung von krankhaften Zuständen der Fusssohle für

den betreffenden Patienten nothwendig erkläre.

Ob nun Dr. Schmidt mit Recht oder mit Unrecht seine Diener veranlasste,

Sandalen zu tragen, muss ich unerörtert lassen, weil ich zu untersuchen

vergass, ob sie Rhagaden oder Geschwüre an der Fusssohle hatten.

Natürlich sind Sandalen in den Tropen weniger unangenehm als Schuhe,

veranlassen keine Schweissfüsse, missformen nicht die Gestalt der

Füsse[19] und sind auch billiger. Noch muss ich mittheilen, dass einige

angesehene Malaien im Bade hölzerne Sandalen gebrauchen. Das sind

hölzerne Sohlen mit grossen Hacken und haben in der Nähe der Spitze

einen Knauf, welcher zwischen der ersten und zweiten Zehe getragen wird.

Bekanntlich umgeben die indischen Feinde ihre kleinen Forts mit

eigenthümlichen Chicanen. Das Terrain ist mit Gras oder Gesträuch

bedeckt, und dazwischen befinden sich hölzerne Nägel, welche 10-20 cm

aus dem Boden hervorragen. Sie sind scharf zugespitzt und durchbohren

manchmal selbst eine dicke Schuhsohle. Noch öfter ist in dem Gesträuche

Stachelbambus (Bambu duri) verborgen, welcher nur die blossen Füsse

bedroht, während die mit Schuhen bekleideten Soldaten ungefährdet

darüber schreiten können. Ich muss annehmen, dass Generalstabsarzt

Dr. van Gelder auch mit diesem Factor rechnete, als er sein Gutachten

abgab, dass die eingeborenen Soldaten kein (?!) Bedürfniss für Schuhe

haben sollten! --

Eine Interpellation über die eigenthümliche Bauart seines Hauses

schien Dr. Schmidt erwartet zu haben, denn sofort brachte er ein

Bündel Zeitschriften, Broschüren und eigene Aufsätze herbei, um

seine Behauptungen von dem bedeutenden Unterschiede im elektrischen

Widerstande zu unterstützen, welche die einzelnen Baustoffe zeigen

sollten.

Das Gebäude, in welchem wir uns bis jetzt befanden, war nur sein

Arbeitszimmer und war entsprechend seinen elektrischen Untersuchungen

frei von Eisen und anderen metallenen Ornamenten u. s. w. Es bestand

beinahe ganz aus Bambus. Selbst die Flur der Veranda und des grossen

Saales (von 4×7 m) bestand aus gespaltenem Bambus und war mit Matten

bedeckt, welche aus gespaltenem Rottang geflochten waren. Meine

Frage, ob durch dieses Material sein Laboratorium nicht leide,

beantwortete er mit der Gegenfrage: ob ich für +seine+ Arbeiten ein

besseres Arbeitszimmer construiren könnte. Durch die Spalten und

Lücken der Matten bestehe ein ewiger Luftstrom, so dass nicht nur

jeder Unterschied in der elektrischen Spannung der Luft, sondern auch

in der Temperatur derselben entfalle. Dadurch sei es allerdings zur

Mittagszeit im Laboratorium ebenso warm als in der Veranda; er sei

aber ein alter Mann, dem die hohe Temperatur kein unangenehmes Gefühl

verursache, und er bleibe von jenen Fehlern in der Beobachtung der

elektrischen Spannung verschont, welche alle Berechnungen zeigen,

wenn sie mit diesem Factor nicht rechnen. Wenn bei herrschender

Windstille die Luft im Zimmer stagnire, lasse er die »Punka« von

einem Kuli in Bewegung setzen, welche über seinem Schreibtisch sich

befinde, und zwar nur eine halbe Stunde, während er sich gleichzeitig

in der Veranda aufhalte. Dieser Luftstrom werde mit Recht »Zugluft«

genannt; sie verursache ihm geradezu Reissen im Kopfe, das dann noch

einige Stunden anhalte. Der Rheumatismus der Muskeln und Gelenke

entstehe auch nur durch die verschiedene elektrische Spannung in den

einzelnen Luftschichten, und wenn in Europa einmal diese Wahrheit in

die grosse Menge der gelehrten Aerzte Eingang gefunden haben werde,

könnte ein günstiger Erfolg in der Prophylaxe und in der Behandlung

des Rheumatismus nicht ausbleiben. Natürlich leidet nicht Jedermann

durch die Unterschiede der elektrischen Spannung in den verschiedenen

Luftschichten; denn, um nur ein Beispiel anzuführen, der 20jährige

Jüngling habe einen viel grösseren Widerstandscoefficienten in den

Muskeln und Säften des Körpers als der 80jährige Greis, und darum werde

ein junger Mann die Luftbewegung oder den Zug, welcher durch die

Punka veranlasst wird, sogar angenehm finden. Dies ist die Ursache,

welche mich veranlassen würde, eine Punka für jedes Privathaus,

jede Caserne, jede Kirche, ja selbst für gewisse Säle in Spitälern

anzuempfehlen, d. h. wenn sie ebenfalls aus Bambus gebaut sind.

Steinerne Gebäude bedürfen dessen nicht; wenn diese so gebaut sind,

+dass die Feuchtigkeit des Bodens nicht in die Mauern zieht+, wenn

für hinreichende Ventilation gesorgt ist, können um 11 Uhr Fenster

und Thüren geschlossen werden. Die durch die diversen Oeffnungen

einströmende warme Luft ist leichter als die im Hause befindliche kühle

Luft, und steigt in die Höhe. Natürlich muss sich in einem solchen

steinernen Gebäude eine hinreichend grosse Dachventilation befinden, so

dass dieser warme Luftstrom, welcher gleichzeitig die Verunreinigungen,

durch die Ausathmungen und Ausdünstungen der Menschen und Thiere

bedingt, mit sich führt, unbehindert hinausströmen kann. Andererseits

muss das Hineinströmen des Regens unmöglich gemacht werden, wofür die

Ingenieure zahlreiche Vorrichtungen kennen.

Nach diesen weitläufigen Erörterungen auf dem Gebiete der Hygiene und

der elektrischen Untersuchungsmethoden fasste mich Dr. Schmidt bei

dem Arme und führte mich nach der Rückseite des Laboratoriums. Dort

zeigte er mir die Wohnungen seiner Bedienten, den Stall mit seinem

grossen Elephanten, einen Käfig für alle Sorten Affen der Insel Sumatra

und sein Vogelhaus. Ich sah grosse und kleine Exemplare des Kees

(Cercopithecus kynomolgus), des Schweinsaffen (Inuus nemestrinus), des

Siamang (Hylobates syndactylus) und des Orang-Utan (Pythecus satyrus);

es befanden sich darunter hübsche Exemplare von dem grauen Wau Wau

(Hylobates leuciscus), von dem Gibbon mit weissen Händen (H. Lar) und

von dem H. variegatus, und er besass paarweise 6 Sorten von Simpeis (=

Semnopithecus) und zwar den S. obscurus, den S. albocinereus, den S.

ferrugineus, den S. femoralis, den S. pruinorus und den S. Thomasi. In

dem Vogelhause befanden sich zahlreiche Sorten Hühner, 2 Sorten Enten,

Gänse, Fasanen (Euplocamus sumatrensis), Pelicane, Marabus, Perlhühner

und 4 Sorten Tauben. Auch 2 Pfauen schritten stolz in dem für sie durch

ein Drahtgehege abgeschlossenen Raume auf und ab. Neben dieser Volière

stand ein grosser Käfig mit einem kleinen Königstiger und in einem

kleinen Käfig befand sich eine Zibethkatze (Viverra tangalunga).

Nur kurze Zeit hielt ich mich bei dieser kleinen Menagerie auf und

äusserte mein Bedauern, meine Begleiter nicht länger auf mich warten

lassen zu dürfen. Lächelnd wies er mit erhobenem Arm nach einem Haine,

welcher sich hinter der Menagerie befand, und rief aus: »Die Herren

sind wohl versorgt und aufgehoben. Sie können ganz beruhigt sein, Herr

Doctor! Hinter diesem kleinen Walde, welcher mir das reinste und beste

Trinkwasser liefert, steht meine Burg, und Ihre Begleiter sitzen schon

seit einer halben Stunde bei einem Gläschen Bitter und trinken dazu ein

Glas frisches, kühles, krystallhelles Wasser, welches ich den Lianen

entnehme, die sich von Baum zu Baum dieses kleinen Waldes schlingen. In

meiner Burg befindet sich zwar ein Ziehbrunnen; sein Wasser entspricht

aber kaum den bescheidensten Anforderungen an ein gutes Trinkwasser,

auch wenn es durch einen Filtrirstein[20] aus Grissée gegangen ist.

Die Natur in den Tropen sammelt in ihrem Reichthum diesen kostbaren

Schatz, das chemisch reine Wasser in den Lianen in so grosser Menge,

dass ich in diesem kleinen künstlich angelegten Urwalde täglich mein

Verlangen nach diesem köstlichen Nass für mich und meine Angehörigen in

jeder Hinsicht befriedigen kann. Nebstdem besitze ich, wie Sie sofort

sehen werden, eine kleine Maschine, welche die Temperatur des Wassers

auf 10 ° C. herabsetzen kann, und auf diese Weise bleibe ich von allen

Krankheiten verschont, welche ein unreines und ungesundes Trinkwasser

in der Regel entstehen lässt.«

[Illustration: Fig. 6. Endstation Stabat der schmalspurigen Eisenbahn

in Deli.

(Vide Seite 76.)]

In dem Haine befand sich ein Pfad von ungefähr ½ Paal Länge, den wir

darauf betraten, und nach einigen Krümmungen sah ich im Hintergrunde

ein kleines Plateau mit einer Burg, welche von einem Wassergraben

umgeben war; ein sumatranischer Hund[21] (Canis sumatranis) begleitete

uns, der, wie die Gladakker auf Java, nur halbgezähmt war; eine

Wachtel (Turnix pugnax) flog von Baum zu Baum, ohne dass wir den in

Europa bekannten Schlag hörten, und am Ende des Pfades befand sich

ein Wassergraben, welcher mehr als 5 Meter breit war. Die »Burg« war

ein grosses hölzernes Gebäude mit starken Palissaden umgeben; an den

vier Ecken befanden sich 10 Meter hohe Thürme, welche je eine Kanone

trugen. Uns gegenüber befand sich ein grosses Thor, das, wie ich

später hörte, auf elektrischem Wege sich öffnete, sobald ein Knopf

auf dem letzten Baume des Pfades gedrückt wurde, und gleichzeitig

senkte sich eine Zugbrücke über den Wassergraben. Das Innere der

Burg entsprach im Ganzen und Grossen einem malaiischen Kampong, und

die einzelnen Häuser hatten den Baustyl der »Padang’sche Oberländer«

(Fig. 2). In der Veranda des ersten Hauses sassen meine Begleiter

und unter ihnen ein 14jähriges schönes europäisches Mädchen und ein

Fräulein, welches mir als die Gouvernante der Nichte des Dr. Schmidt

vorgestellt wurde. Sie war eine Engländerin, welche beim Nennen meines

Namens mit einem Aufschrei zusammenstürzte. Es gelang uns beiden, sie

bald wieder zur Besinnung zu bringen, und als das nervöse Schluchzen

und Weinen nachgelassen hatte, theilte sie uns die Ursache dieses

unerwarteten Anfalles mit. In London hatte sie als die Tochter eines

angesehenen Kaufmanns eine glückliche Jugend verlebt und in ihrem

23. Jahre sich mit einem Herrn Breitenstein verlobt, welcher am Tage

ihrer Hochzeit wegen Betrugs, Diebstahls und Bigamie verhaftet wurde.

Um diese Schmach zu vergessen und der Schande zu entfliehen, welche

dieser Scandal auf den Namen ihrer unbescholtenen und ehrenwerthen

Eltern geworfen hatte, war sie aus der Heimath geflüchtet und hatte in

dieser Einöde Sumatras den heissgeliebten Mann zu vergessen gesucht.

Schon Wochen und Monate lang hatte sich ihr Geist mit diesem Namen

nicht mehr beschäftigt, und so geschah es, dass beim Nennen meines

Namens die traurige Vergangenheit mit ungeschwächter Kraft in ihrem

Geiste auftauchte und sie zu erdrücken drohte. Es gelang mir bald,

den ungünstigen Eindruck, welchen mein Name veranlasst hatte, zu

verscheuchen und in einem gemüthlichen Gespräche die englische Dame

wieder ihre Vergangenheit vergessen zu lassen. Dabei zeigte »die

Nichte« des Hausherrn eine solche Vielseitigkeit des Wissens, dass wir

unserer Verwunderung Worte leihen mussten. Sie sprach die deutsche,

holländische, französische und englische Sprache ebenso geläufig als

die malaiische und lampongsche Sprache, las den Virgil und die Iliade

im Urtexte und widmete sich unter Leitung ihres »Onkels« dem Studium

der höhern Mathematik und Geometrie. Ein lebhaftes Interesse gewann ich

für dieses junge Geschöpf, welches sich fern von allen Genüssen der

modernen Civilisation dem Studium solcher abstracten Wissenschaften

widmete, obwohl sie kaum den Kinderjahren entwachsen war, und bat

meinen alten Collegen, mir etwas mehr über den Bildungsgang dieses

»Wunderkindes« und auch über die etwaige erbliche Disposition ihres

Geistes mitzutheilen. Leider berührte ich offenbar damit einen wunden

Punkt in seinem Leben. Ohne zu antworten, stand er auf, murmelte die

Worte: »Also auch neugierig« und entfernte sich. Einige Minuten später

erschien sein Bedienter mit dem Leitje, auf welchem Dr. Schmidt mir

mittheilte, dass er wegen heftiger Kopfschmerzen sich zu Bett hätte

legen müssen und dass er mir und meinen Reisegenossen eine »gute Reise«

wünsche.

Wir verliessen also »die Burg« und kehrten auf demselben Wege, den wir

gekommen waren, zur Hauptstrasse zurück, um unsere Reise nach Tanjong

Karang zu Pferd fortzusetzen.

* * * * *

Den 7. September 1882 wurde wieder meine Transferirung beschlossen, um

mich im grossen Militärspitale zu Batavia zu dem Examen vorbereiten

zu lassen, welches mir das Avancement zum Regimentsarzt ermöglichen

sollte. Ein paar Tage später erschien diese Transferirung in den

Zeitungen, und mein Freund, der österreichische Consul O. Mayer,

verständigte mich sofort davon telegraphisch.

Damals ging der Telegraph durch die Sundastrasse nach Telók Betóng

und von dort bis nach Padang auf der Westküste der Insel Sumatra; die

nördliche Provinz Atjeh und die bedeutenden Plantagen auf der Ostküste

Sumatras bedienten sich im Bedarfsfalle des englischen Kabels, welches

von der Insel Pénang via Singapore nach Batavia ging. Der Postdirector

zu Telók Betóng hat mir die Schwierigkeiten geschildert, welche mit

dem Legen des Telegraphen durch den Urwald Sumatras verbunden waren,

so dass ich es begreiflich fand, dass der Telegraph damals nicht auch

nach dem Osten der Insel gezogen wurde. Einerseits hätten zahlreiche

»unabhängige Länder« durchzogen werden müssen, und anderseits die

Arbeiten im Urwalde und besonders die etwaigen unvermeidlichen

Reparaturen in den »unabhängigen Ländern« und in den Urwäldern so einen

Aufwand von Geld, Menschenleben und Zeit gekostet, dass die Regierung

davor zurückschrecken musste. Selbst die Arbeiten in den unterworfenen

Ländern und in den gelichteten Urwäldern gingen nur langsam von

statten durch die Angriffe der -- Elephanten. Diese Thiere benützten

nämlich die eisernen Telegraphenstangen zum Hautkratzen, wenn es sie

juckte. Es wurden soviel Telegraphenstangen von ihnen umgeworfen, dass

man die Isolatoren zuletzt auf lebenden Bäumen anbringen musste. Ob

sich die diesbezüglichen Verhältnisse heute schon gebessert haben, ist

mir nicht bekannt.

Als ich mit dem Dampfer vom 15. October officiell von meiner

Transferirung verständigt wurde, musste ich die Frage beantworten, ob

ich von der gesetzlichen Begünstigung Gebrauch machen wolle, einen

Monat einem Militärspital zur Dienstleistung zugetheilt zu werden,

um ein hinreichendes Material zur Uebung und Vorbereitung zum Examen

benützen zu können. Es geschah nämlich damals nur zu oft, dass junge

Militärärzte direct von der Schule und sofort nach dem letzten

Rigorosum nach Indien gingen und nach kurzem Dienste in irgend einem

grossen Spitale nach den Aussenbesitzungen geschickt wurden und zwar

in kleinere Forts von 50 bis 100 Mann. Wenn sie einige Jahre hindurch

täglich oft nicht mehr als 2 bis 3 Patienten zu behandeln hatten,

kamen sie aus der Uebung der üblichen Untersuchungsmethode wegen

Mangels an passendem Material, und wenn sie dann nach 6 bis 8 Jahren

mangelhafter Praxis zum Examen zugelassen worden wären, hätte ein

Misserfolg unmöglich ausbleiben können. Diese Verhältnisse veranlassten

mich auch, im II. Bande, Seite 52, das Bedauern auszudrücken, dass

diese Examina abgeschafft wurden; sie waren und würden es heute

noch sein, ein Sporn oder ein moralischer Zwang, das auf der Schule

erworbene theoretische medicinische Wissen in der Praxis zu pflegen und

weiter auszubilden. Ich weiss es, dass seit der letzten Organisation

der medicinischen Studien in Holland wirklich gut unterrichtete und

ausgebildete Mediciner in die Praxis eintreten; aber ich weiss es

auch aus eigener Erfahrung, dass die Schulweisheit sehr bald über

Bord geworfen wird, wenn die Praxis nicht das Material, den Sporn

zur Fortsetzung der Studien giebt. Wenn man z. B. Monate oder Jahre

lang keinen Fall von Lungenkrankheiten zur Behandlung bekommt, dann

verliert man auch die Sicherheit in der Untersuchung der Lunge durch

Percussion und Auscultation, und in der medicinischen Wissenschaft

gilt in erster Reihe das Sprichwort: »Stillstehen heisst Zurückgehen«.

Ja noch mehr. Wenn die jungen Aerzte in den Colonien von Zeit zu Zeit

in die grossen Spitäler zur Dienstleistung eingetheilt werden, dann

unterhalten sie nicht nur ihr auf der Schule erworbenes theoretisches

Wissen, sondern werden auch ärztlich so vielseitig gebildet -- als es

ihre Collegen in Europa gewiss nicht sind. Der Colonial-Arzt ist ja

durch die herrschenden Verhältnisse gezwungen, sich in allen Zweigen

des ärztlichen Wissens zu bethätigen, und jene Einseitigkeit, welche

oft die europäischen Specialisten zeigen, ist eben in den Colonien

nicht denkbar. Wie oft wird in Europa von den bedeutendsten Männern der

medicinischen Wissenschaft geklagt, dass durch die Specialisten das

einheitliche Ziel der Therapie, den kranken Menschen und nicht irgend

eine Krankheit zu behandeln, ausser Acht gelassen wird? Ich darf und

kann auch nicht den Specialisten die raison d’être ableugnen; aber

für die Colonien sind in allen Fächern praktisch ausgebildete Aerzte

in erster Reihe eine Nothwendigkeit und dieses ist nur zu erreichen,

wenn dafür gesorgt wird, dass die jungen Aerzte so viel, als eben

möglich ist, in grossen Spitälern ihre Arbeit erhalten, und kleineren

Garnisonen, welche auch keine grössere Civilpraxis bieten, der Arzt

nicht länger als höchstens ein Jahr zugetheilt bleibe.

Ich hatte in Telók Betóng nur ein kleines Material während der 5

Monate, welche ich in dieser Garnison zugebracht habe. Ausser zwei

Entbindungen, bei welchen ich assistirte, hatte ich keine anderen

Fälle, als einige unbedeutende Malaria-, Darm- und venerische

Krankheiten während dieser 5 Monate in Behandlung gehabt, und darum

zögerte ich keinen Augenblick, von oben erwähnter Begünstigung Gebrauch

zu machen, und bat den Sanitätschef, mich einen Monat lang in einem

grossen Spital zu meinem Examen vorbereiten zu dürfen.

Ich kann nicht umhin, das originelle Honorar für meine gynäkologische

Hilfe zu erwähnen, welches mir eine der erwähnten Damen damals

bezahlte. Es war eine junge Dame, welche ihr erstes Kind bekam. Als

der kleine Weltbürger durch einen Schrei seinen Eintritt in diese

schöne Welt verkündete, fühlte ich einen Kuss auf der Stirne. Der

Mann der jungen Frau stand zur andern Seite des Bettes; ich frug also

die junge Frau, ob sie sich mit dem Kusse nicht in der Adresse geirrt

habe? »Nein,« erwiderte sie und drückte mir warm die Hand, während

sie ihren Mann zärtlich anblickte; »dieser Kuss der Dankbarkeit galt

sicher Ihnen, denn Sie haben mich rasch und sicher von den schweren

Geburtsnöthen befreit.« Leider wurde diese dankbare Seele ein Jahr

später von der Cholera dahingerafft.

21 Jahre in Indien. Dritter Theil: Sumatra. · 第 4 / 23 段