»Auf der Rückreise nach Europa sterben an Bord einzelne Soldaten,

um die kein Hahn kräht; seine Kameraden nehmen ihm dann die Briefe,

etwaiges Geld und die Documente ab. Sind es ehrliche Menschen, senden

sie das Geld und die Briefe an die ihnen etwa bekannte Adresse.

Heimathscheine u. s. w. der Verstorbenen kaufe ich ihnen ab. Es kommen

häufig junge Leute nach Harderwyk ohne irgend ein Document, weil sie

in aller Eile ihre Heimath verlassen haben; besonders von unseren

deutschen Brüdern müssen viele junge Leute flüchten, weil sie zu viel

Ehrenschulden hatten, oder weil sie einen andern Studenten im Duell

getödtet haben, oder weil sie von einem ihrer kleinen Fürsten mit zu

wenig Respect gesprochen haben; diese Leute haben dadurch Ursache,

so bald als möglich Europa zu verlassen; ihre »Papiere« haben sie

vergessen mitzunehmen; ohne »Papiere« werden sie beim Werbedepot

nicht einmal zugelassen. Also bin +ich+ nur in der Lage, ihnen aus

ihrer Verlegenheit zu helfen und verkaufe ihnen irgend einen der

Heimathscheine, welche ich stets in Vorrath habe; darauf ist alles

echt; die Unterschrift des Bürgermeisters ist echt, der Stempel des

Gemeindeamtes ist echt; Alles ist echt. Hier gegenüber steht ein

Wirthshaus, welches ebenfalls solche »Papiere« verkauft. Darauf ist

Alles falsch: der Stempel, die Unterschriften des Bürgermeisters und

des Notars, welcher die Unterschrift legalisirte. Was ist die Folge?

Wenn ein Soldat Unterofficier geworden ist und er beabsichtigt,

Officier zu werden, so werden auf Grund seines Heimathscheines

Erkundigungen eingezogen und dann ist er blamirt. Seine Heimath kennt

in der Regel nicht einmal den Namen.«

Bei diesen Worten des Gastwirthes zog ein schmerzhaftes Lächeln um die

Lippen unseres Flüchtlings, der plötzlich seinen Koffer ergriff, ihn

öffnete und daraus einen Heimathschein nahm und den Wirth ersuchte,

diesen gegen einen andern einzutauschen; er sei selbst bereit, 10 Fl.

darauf zu zahlen. Das Geschäft wurde geschlossen, und unter dem Namen

Johann Schmidt, Bäckergeselle aus Berlin, meldete er sich den andern

Tag beim Werbedepot an. Obwohl damals die Assentirung der Recruten in

Harderwyk sehr oberflächlich geschah, fiel der »Bäckergesell« Johann

Schmidt durch seinen zarten Körperbau und durch seine wohlgepflegten

Hände auf, so dass der anwesende Oberarzt sich über diesen »feinen«

Bäckergesellen lustig machte. »Nun,« rief Johann Schmidt unvorsichtig

aus, »ich bin kein homo quadratus, aber Sie, Herr College, sind es ja

auch nicht; Sie brauchen also mich nicht zur Zielscheibe Ihrer Witze zu

machen.«

Der Oberarzt gab darauf keine Antwort und erklärte ihn »geeignet für

den Dienst in den Tropen«. Johann Schmidt, so wollen wir ihn auch

weiterhin nennen, ging missmuthig zurück in die Taverne und malte sich

alle schrecklichen Folgen seiner unvorsichtigen Aeusserung aus; er

sah sich bereits wegen Fälschung seines Heimathscheines gerichtlich

verfolgt, bestraft und in seine Heimath abgeschoben, wo er wegen feigen

Mordes an einem wehrlosen, zu Boden gesunkenen Verwundeten justificirt

werden sollte. Trübsinnig sass er auf der hölzernen Bank der Taverne

und wies alle aufmunternden Worte seiner Schicksalsgenossen ab;

Nachmittags sollten sie beeidet werden und ihr Handgeld bekommen; sie

hatten also unbeschränkten Credit und seine neuen Kameraden machten

davon ausgiebig Gebrauch; anstatt des Schnapses füllten französischer

Rothwein und weisse Rheinweine die schmutzigen Gläser; die kleinen

stinkenden Tabakspfeifchen wurden weggeworfen und Cigarren von nicht

besserer Qualität, aber um das Dreifache überzahlt, angezündet. Junge

und alte, hässliche und hübsche Mädchen mischten sich unter die

halbbetrunkenen Recruten, und ihre Zoten waren das Echo der Flüche und

Verwünschungen, mit welchen die »Colonialen« ihrer Vergangenheit und

ihrer Heimath gedachten.

Plötzlich erschien an der Thüre ein Corporal und rief mit lauter

Stimme: »Wo ist Johann Schmidt, Bäckergeselle aus Berlin?« Als keine

Antwort erfolgte und der Corporal sich schon entfernen wollte,

brachte ihn der Wirth zu unserm neuen Recruten Johann Schmidt,

welcher vertieft in seine Träumereien nicht wusste, dass er nun für

immer und ewig Johann Schmidt aus Berlin sei und bleiben werde. Von

dem Corporal aufgefordert, zum Oberarzt X. zu kommen, begab er sich

dahin. Zu seiner grössten Ueberraschung wurde er von seinem Collegen

mit theilnahmsvollen Worten empfangen und selbst eingeladen, mit

ihm ein Gläschen Bitter zu trinken. Nachdem er bei der Assentirung

sein Incognito unwillkürlich gelüftet hatte, zögerte er jetzt keinen

Augenblick, die volle Wahrheit zu erzählen. Da der Oberarzt die

Gewissheit gewann, dass er thatsächlich bereits Medicinae Doctor

geworden war und selbst bedeutendes medicinisches Wissen verrieth,

gewann das Mitleid Oberhand, und er beschloss, diesen jungen Mann zu

retten. Er liess sich von Dr. X. den Namen und die Adresse des Arztes

mittheilen, welcher bei dem unglücklichen Duell Hülfe geleistet hatte,

und ersuchte den Recruten, 14 Tage ruhig und anständig in Harderwyk

zu leben; es würde wahrscheinlich noch einige Wochen dauern, bis er

sich einschiffen werde können, und während dieser Zeit werde er doch

als Recrut in Harderwyk militärische Dienste leisten müssen, resp.

abgerichtet werden. Während der nächsten drei Wochen wurde er nur in

dienstlichen Angelegenheiten hin und wieder zum Oberarzt gesendet,

welcher ihn stets mit Herablassung, aber ohne jedes andere Zeichen

von Wohlwollen empfing; schon hatte er von seinem Sergeanten die

Nachricht erhalten, dass die ganze Compagnie in einigen Tagen sich

auf einem grossen Dreimaster einschiffen werde, und hatte bereits die

Abschiedsbriefe an seine noch lebenden Eltern geschrieben, als er eines

Tages den Befehl erhielt, unter Geleite von vier Mann nach Utrecht

zu gehen. Sofort nach seiner Ankunft wurde er zum Platzcommandant

beschieden, welcher ihm mittheilte, dass der Oberarzt in Harderwyk sich

seiner in jeder Hinsicht angenommen habe; alle seine Mittheilungen über

sein Vorleben wären für richtig gefunden worden, und die holländische

Regierung sei bereit, ihn unter gewissen Bedingungen als Militärarzt in

Dienst zu nehmen; vor allem anderen müsse er jedoch den Herrn Johann

Schmidt fragen, ob er beschwören könne und wolle, dass er thatsächlich

nichts von der Wunde seines Duellgegners gewusst habe, und dass er

nicht mit Ueberlegung dem zu Boden gesunkenen Feind das Schwert in

die Brust gestossen habe. Als er sich dazu bereit erklärte, wurde er

vor eine viergliedrige ärztliche Commission gebracht, vor welcher er

diesen Eid ablegte, und da »sein Diplom als Doctor der Medicin in

Verlust gerathen war«, stellten sie einige medicinische Fragen an

ihn, welche ihnen die Ueberzeugung verschaffen sollten, dass keine

Personenverwechslung stattgefunden habe. Nach sechs Wochen schiffte

er sich als »Officier van Gezondheid« 3. Kl. mit einem Dreimaster

ein und kam nach einer Reise von 105 Tagen glücklich in Batavia an.

Mit Fleiss und Eifer widmete er sich seinem Berufe; besonders das

»nervöse« Leben in den Tropen reizte seine Forschungssucht. Trotz der

mangelhaften Technik der damaligen Zeit versäumte er keine Gelegenheit,

von verstorbenen Soldaten oder Sträflingen (dwangarbeiders) einige

Stücke von Nerven der Schenkel oder Arme sich herauszuschneiden und mit

seinem primitiven Mikroskope zu untersuchen; wenn bei den zahlreichen

Expeditionen, an welchen er theilnehmen musste, den verwundeten

Soldaten ein Arm oder ein Finger oder der Fuss amputirt werden musste,

fand er trotz aller schwerer Arbeit immer noch Zeit, von der amputirten

Extremität alle grösseren Nerven heraus zu präpariren und sie in

Weingeist oder Aether zu bewahren, um durch Zupfpräparate die groben

Veränderungen in den Nerven zu studiren; bald aber genügte ihm dieses

nicht mehr, und er verlegte sich auf das Studium der functionellen

Störungen der Nerven in den Tropen. Diese erforderten grössere Apparate

und -- lebendes Material. Soweit jene in den grossen Spitälern von Java

vorräthig waren, wie z. B. eine grosse elektrische Batterie, sah er

davon ab, sie aus Europa kommen zu lassen, weil sie bei seinen häufigen

Transferirungen nur ein Lastposten gewesen wären; doch im Jahre 186.

nahm er seinen Abschied, zog sich in die Einöde des Innern Sumatras

zurück, baute sich nach eigenen Plänen ein Haus und schaffte sich

alle Apparate an, welche zur Untersuchung der Functionen der Nerven

unentbehrlich waren.

Der Abschied aus dem Militärverbande geschah unter so eigenthümlichen

Verhältnissen, wie er mir erzählte, dass ich es nicht unterlassen kann,

sie mitzutheilen. Er befand sich im grossen Militärspitale zu S. und

erhielt eines Tages den Befehl, in Vertretung des Garnison-Doctors

entre autre auch das Militär-Gefängniss zu besuchen; in der letzten

Zelle lag ein zum Tode verurtheilter Mörder. Dieser litt an

Dysenterie. Bevor er die Zelle verliess, ersuchte ihn der Patient, ihm

mehr zu essen zu geben, als er bis jetzt erhielt. Dr. Schmidt wollte

zunächst seinen Stuhlgang inspiciren, der vor der Thüre in einem

grossen Topf sich befand, um darauf seine diesbezügliche Entscheidung

zu basiren. Der Patient schien dies nicht verstanden zu haben, sprang

aus dem Bette und wollte dem Doctor zu Leibe; die Krankenwärter

sprangen dazwischen, und unbehindert konnte er die Zelle verlassen. Als

er dieses seinem Chef mittheilte, liess dieser ihm die Wahl, officiell

darüber an den Platzcommandanten zu berichten oder zu schweigen; in

dem einen Falle würde der Verurtheilte gewiss nicht begnadigt werden,

während in dem zweiten Falle dies sehr wahrscheinlich sei, weil der

damalige Gouverneur-General nur sehr selten das Todesurtheil eines

europäischen Verbrechers bestätigte. Gleichzeitig nahm der Chef den

Kopfzettel des Patienten zur Hand und las, ohne etwas zu ahnen, den

ursprünglichen eigenen Namen des Dr. J. Schmidt vor. Wie vom Blitz

getroffen, stürzte er zu Boden. Nachdem er sich erholt hatte, nahm er

aus Gesundheitsrücksichten den Abschied aus dem Dienst und beschloss,

die letzten Jahre seines Lebens zurückgezogen von allem Verkehr

mit den Menschen nur für die Wissenschaft zu leben. Niemals gab er

sich die Mühe -- seine Eltern waren ja bereits gestorben --, seinen

heimathlichen Behörden von dem Tausche seines Heimathscheines und von

der Personenverwechselung mit dem Mörder Aufklärung zu geben.

Ohne ihn von meiner Ankunft verständigt zu haben, überschritt ich

den kleinen (0,4 Meter hohen) Zaun, welcher den Garten von dem

Wege trennte. Ein gewaltiger Trompetenstoss eines alten Elephanten

begrüsste uns, ohne dass wir ihn sahen, und ein junger näherte sich

uns neugierig; er war noch keine 1½ Meter hoch und blieb in einiger

Entfernung vor uns stehen. Gleichzeitig sahen wir aus einem Hause

im Hintergrund einen alten Mann ein Fernglas auf uns richten und

einen malaiischen Diener auf uns zukommen, der zunächst den kleinen

Elephanten mit einem Stock nach hinten trieb und uns hierauf um unsere

Namen und um den Zweck unseres Besuches frug. Auf dem »Leitje« (=

Schiefertafel[15]) schrieb ich, dass ich als College und Landsmann bei

seinem Hause nicht vorbeifahren könne, ohne mich ihm vorgestellt zu

haben. Sofort erschien ein alter Mann, den ich wenigstens 80 Jahre alt

schätzte; sein Rücken war gekrümmt, ein weisser kurz geschnittener Bart

und dichtes weisses Haar zierten seinen Kopf; weiche Züge verriethen

einen sanften milden Charakter; gekleidet war er in chinesische

Toilette, d. h. er hatte eine dunkle leinene Pluderhose (Nachthose)

und eine weisse Kabaja an; seine Füsse trugen keine Schuhe, sondern

braune Sandalen, welche mit einem breiten gestickten Riemen von dem

Rücken des Fusses getragen wurden. Eine indische Katze[16] folgte

ihm in einiger Entfernung. In etwas gebrochenem Deutsch frug er mich

um mein Begehren, da er nicht voraussetzen könne, dass ein so junger

Arzt, als ich sei, nur durch Neugierde getrieben ihn aufzusuchen

käme; was die Landsmannschaft beträfe, habe er gar keine Ursache,

sich noch als Deutschen auszugeben, weil er seit vielen Jahren nicht

nur jede Verbindung mit seiner Heimath abgebrochen habe, sondern auch

bis auf gewisse medicinische Fragen jedes Interesse dafür verloren

habe. Als ich ihm jedoch mittheilte, dass ich in Telók Betóng von

seinen Forschungen gehört habe, dass mich die moderne Lehre von dem

Entstehen der Krankheit nicht ganz befriedige, und dass ich deshalb

nicht aus Neugierde, sondern im Verlangen, etwas zu lernen, zu ihm

käme, da zuckte ein Freudenstrahl durch seine Augen. »Was,« rief er

aus und zog mich beim Arme in sein Haus, ohne meinen Begleiter nur

eines Wortes oder eines Blickes zu würdigen, »Was! Sie junger Arzt

schwören nicht auf die Unfehlbarkeit der Bacteriologie!? Nun kommen

Sie herein zu mir! Vorgestern bin ich aus dem dos-à-dos gefallen; wie

Sie sehen, ist das Gelenk meiner rechten Hand geschwollen; ich bitte

Sie, untersuchen Sie mich und sagen Sie mir, ob das Köpfchen einer

der beiden Knochen oder vielleicht beide gebrochen seien? Doch nein!

ich will Ihnen sofort meine Untersuchungsmethode zeigen. Hier steht

eine elektrische Batterie; ich steche nun zwei feine Nadeln in meinen

gesunden Arm und verbinde sie mit 24 Elementen; wie Sie sehen, bekomme

ich jetzt eine Ablenkung der Magnetnadel auf dem Widerstandsmesser bis

zu 250; dasselbe geschieht, wenn ich auf meinem kranken Arm oberhalb

der verletzten Stelle die Nadeln einsteche. Wenn ich aber -- achten

Sie jetzt gut auf die Grösse des Widerstandes -- die eine Nadel

in den geschwollenen Theil einführe, zeigt der Widerstandsmesser

350°. Natürlich werden Sie mir einwenden, dass dieses eine Folge des

Ergusses in das Gewebe sei; Sie irren sich aber darin sehr stark;

durchfeuchtete Gewebe sind bessere Leiter der Elektricität als trockene

und -- mein Kutscher Kromo war mit mir aus dem Wagen gestürzt und hat

sich das linke Schienbein gebrochen; die Schwellung ist bei ihm bereits

geschwunden und die Fractur des Schienbeines lässt sich noch heute sehr

leicht und bequem constatiren. Ich bitte Sie, Herr College! untersuchen

Sie gefälligst jetzt diesen Patienten in der von mir angegebenen

Weise, und Sie werden beinahe denselben Unterschied als bei mir in

der Widerstandsgrösse finden. Hab ich nun nicht das Recht, in dieser

Abweichung der Magnetnadel ein unfehlbares diagnostisches Verfahren

zu sehen? Vor einigen Wochen litt mein malaiischer Nachbar an einer

rechtsseitigen Lungenentzündung; am 9. Tag wich das Fieber, das Husten

wurde schwächer u. s. w. Am 12. Tag stieg die Temperatur wieder auf

39,5°, er klagte wieder über heftige Schmerzen, er begann zu deliriren

u. s. w.«

[Illustration: Fig. 5. Ein Mädchen aus Semang (Malacca).

(Vide Seite 69.)]

»Ich bin ein alter Mann; ich höre nicht mehr gut; ich konnte ihn

also nicht auscultiren; überhaupt war ich niemals in der modernen

Untersuchungsmethode der Lungen bewandert; ich musste mir meine

Diagnose auf anderen Erscheinungen aufbauen; diesmal griff ich zu

meiner elektrischen Nadel und constatirte, dass der obere Lappen der

linken Lunge angegriffen war. Die Vergrösserung der Leber, des Herzens

und der Milz constatire ich leichter als die grössten Professoren in

Europa. Die Veränderungen der Muskeln und Nerven, wie sie besonders in

der Beri-Beri auffallend zu Tage treten, werden durch meine Nadeln so

leicht nachgewiesen, dass ich selbst die leichtesten Formen und die

ersten Anfänge dieser Krankheit diagnosticiren kann; und Sie, Herr

College!« Ohne meine Antwort abzuwarten, führte er mich zu allen seinen

Apparaten, welche vor 18 Jahren thatsächlich die modernsten genannt

werden mussten. Nebstdem war ein Tisch mit zahlreichen medicinischen

Wochenschriften in der deutschen, holländischen und französischen

Sprache bedeckt, und sein Bücherschrank[17] zeigte eine grosse Auswahl

der diesbezüglichen Werke. Hierauf führte er mich in die Veranda, wo

sich ein Apparat zur Bestimmung der elektrischen Spannung in der Luft

befand; der Galvanometer befand sich in einer graduirten Röhre und

bestand aus einer kleinen Scheibe von der Grösse einer 10 Cent-Münze

und ruhte auf einer feinen stählernen Feder. »Sehen Sie,« rief mir Dr.

Schmidt zu, »das ist mein Haustyrann. Steht die Scheibe auf 1, dann ist

die elektrische Spannung in der Luft gering; dann ziehe ich seidene

Unterwäsche an und esse schwere Kost, z. B. die »Rysttafel«; bei einem

Stande von 2 nehme ich wollene Leibwäsche und esse gemischte Kost, und

bei dem höchsten Stande der elektrischen Spannung (No. 3) nehme ich

nur Fleischspeisen. Dieser Apparat ist ein strenger Tyrann; denn er

schreibt mir auch vor, was und wieviel ich trinken darf, wann ich zu

Fuss oder zu Pferd spazieren oder ob ich mich von meinem Elephanten

in einem Wagen ziehen lassen solle. Die geringste Uebertretung seiner

Befehle wird sofort bestraft. Eine Erkältung der Lungen, eine Diarrhoe,

ja selbst ein Fieberanfall sind die Strafen, mit welchen er jede

Ausserachtlassung seiner Befehle ahndet. Selbst meine Bedienten und

alle Eingeborenen meiner Umgebung unterwerfen sich seinen Anordnungen.

Die weissen Nachbarn und alle Europäer in Telók Betóng lachen natürlich

über meine elektrischen Schrullen, wie sie es nennen, und schwören auf

die Fahne der Bacteriologie; wir hatten selbst einen Beamten in der

Nähe, der nur gekochtes Wasser trank, seine Kinder, seine Teller und

seine Fussböden mit gekochtem Wasser reinigte, und selbst die Pisang,

die Mangga und die Durian in gekochtem Wasser abwaschen liess, bevor

sie seine Kinder in die Hände nehmen mochten; die Folgen blieben

aber nicht aus; die ganze Familie sieht wie Leichen aus; schauen sie

jedoch mich, meine Diener und selbst alle Eingeborenen an, welche zu

jeder Zeit die jeweilige Spannung der Elektricität berücksichtigen und

-- kein einziger ist krank, kein einziger leidet jemals an Fieber,

Beri-Beri, indischem Spruw oder Dysenterie.«

Seine Mittheilungen waren von so zahlreichen Angaben über Ampères,

Watts und Widerstandsgrössen begleitet, eine so grosse Reihe von

Gelehrten auf dem Gebiete der Elektrophysiologie wurde dabei erwähnt,

dass ich sie weder mir merken noch bei meiner Ankunft in Telók

Betóng in meinem Tagebuche aufnehmen konnte. Viele Einwände gegen

seine Theorien konnte ich nicht machen. Einerseits beherrschte ich

dieses Thema kaum oberflächlich, weil mein diesbezügliches Wissen aus

meiner Studienzeit schon lange als Ballast über Bord geworfen war,

und zweitens erwartete Dr. Schmidt offenbar keine Widerlegung; seine

Mittheilungen stürmten ja wie ein Bergstrom auf mich ein und liessen

mich gar nicht zu Worte kommen; offenbar hatte er das Bedürfniss,

dieses Thema nach allen Seiten zu besprechen, obwohl ich durch kein

einziges Wort ein Verständniss dafür verrieth.

Eben wollte ich von ihm eine Aufklärung über die Construction seines

mir unbekannten Elektrometers erbitten, als der alte Elephant eine

heftige Unruhe zeigte, die Pferde im Stalle laut wieherten, aus

dem nahen Urwalde klagende Laute des Schweinsaffen (Cercopithecus

nemestrinus), des Siamangs (Hylobates syndactylus) und das Brüllen

eines Tigers zu unseren Ohren drangen, Hunde, Gänse, Hühner, Ziegen

und Schweine unruhig um das Haus liefen und der kleine Elephant

selbst sich auf die Treppe der Veranda flüchtete. Unwillkürlich oder

instinctmässig warfen wir einen Blick auf den Galvanometer; sein

Schwimmer flog mit ungeheurer Geschwindigkeit auf und ab. »Wir bekommen

Erdbeben,« rief Dr. Schmidt und zog seine Uhr heraus. Nach ungefähr 1

Minute fühlten wir das Haus schwanken, und gleichzeitig erscholl neben

uns das Klingeln einer elektrischen Glocke. Ein Seismometer d. h. ein

Erdbebenmesser war mit Drähten mit einem elektrischen Glockenapparate

verbunden, welcher sich ebenfalls in seinem Arbeitszimmer befand.

Wir eilten dahin, um die Richtung des Erdbebens und seine Intensität

aufzunehmen. Auf einer kleinen gemauerten Säule stand der Apparat.

An einem feinen Seidendraht hing ein kleines metallenes Kügelchen,

welches bei unserer Ankunft wie ein Pendel hin und her schwankte;

hin und wieder traf es einen der 16 Stifte, welche sich am Rande der

Scheibe befanden; in demselben Augenblicke war der Contact mit der

elektrischen Glocke hergestellt und das Läuten begann. Die 16 Stifte

lagen in der Richtung der Striche einer 16 theiligen Windrose; da

das Kügelchen des Pendels stets 2 Stifte traf, welche SWS und NON

entsprachen, so constatirten wir dadurch, dass das Erdbeben in der

Richtung von Java über Sumatra seinen Weg genommen hatte. Zwischen

dem ersten Auftreten der elektrischen Erscheinungen und dem ersten

Signal des Seismometers war 1 Minute verstrichen; dieses deutete auf

eine kleine Entfernung der Ursprungsquelle des Erdbebens. Dr. Schmidt

dachte an einen feuerspeienden Berg in der Sundastrasse, obzwar, wie

ihm (und mir) bekannt war, schon seit dem Jahre 1680 keine vulcanische

Eruption in dieser Strasse stattgefunden hatte; ich für meine Person

enthielt mich jeder Ansicht, weil mir die Fortpflanzungsgeschwindigkeit

der Erdbeben nicht bekannt war und ich noch weniger wusste, wie die

verschiedenen Medien, Wasser, alluvialer Boden und tertiäre Schichten

diesbezüglich sich verhalten. Das Erdbeben hatte nur einige Secunden

gedauert; im Ganzen hatte ich nur zwei Stösse verspürt, und das Pendel

des Seismometers kam bald zur Ruhe.

Mein Begleiter hatte sich unterdessen mit dem kleinen Elephanten

unterhalten und den Garten besichtigt, welcher das Haus umgab. Während

Dr. Schmidt in’s Haus ging, um die Zeit, Richtung und Intensität

des Erdbebens zu notiren, machten mich meine Freunde auf den

eigenthümlichen Stil des Hauses und der Nebengebäude aufmerksam und

verurtheilten alles, was sie sahen, weil es nicht den herrschenden

Anschauungen entsprach. Ich konnte mich nur theilweise diesem

strengen Urtheile anschliessen und behielt mir vor, mein Endurtheil

auszusprechen, bis ich von Dr. Schmidt Aufklärungen über alles und

jedes erhalten hätte. Leider geschah, was ich befürchtete. Dr. Schmidt

motivirte sein ganzes Thun und Lassen mit dem wechselnden Widerstand

der Stoffe gegen die Erd- und Luft-Elektricität, und wiederum ergoss

sich ein Strom von Ziffern und Namen über mich. Da viele seiner

Erklärungen einen wissenschaftlichen Kern hatten, d. h. den allgemein

giltigen Anschauungen der Hygiene entsprachen, so mögen sie hier ihren

Platz finden, ohne dass ich natürlich +seine+ Motivirung heute noch

mittheilen könnte oder wollte. Zunächst trugen alle seine Bedienten,

wie er selbst, rauchgraue Brillen und Sandalen. Jene sollten sie nur

im Freien gebrauchen und zwar wenn es nicht regnete. Jedermann ist

es bekannt, wie während der trockenen Zeit (bei einer Temperatur von

ungefähr 37-40 ° C.) die heisse Luft in solche Schwingungen versetzt

wird, dass man sie selbst sehen kann. Die Brechung des Lichtes ist

eine ungeheuere und reizt geradezu das Auge (die Retina). Der Gebrauch

einer solchen Brille ist also gewiss anzuempfehlen, wenn sie nicht

gleichfalls für schwaches Licht z. B. im Hause oder im schattenreichen

Garten gebraucht wird. Ich selbst hatte stets eine solche bei mir, wenn

ich in der Mittagsstunde zu meinen Patienten fahren musste.

21 Jahre in Indien. Dritter Theil: Sumatra. · 第 3 / 23 段