(Vide Seite 57.)]

Die Wohnung des Controleurs war 1 km von der des Wedono entfernt. Ich

ging also in Begleitung zweier Schiffsofficiere auf den Marsch. Der

Vaccinateur erwartete mich mit seinen Rapporten in der »Pendoppo«

des Häuptlings. Sein jeweiliger Standplatz wird von dem Residenten

im Einvernehmen mit dem »Inspector des civilärztlichen Dienstes« in

Batavia geregelt. Der Resident jeder Provinz lässt nämlich von seiner

Provinz eine Impfungskarte anlegen, welche so eingerichtet ist, dass

der Vaccinateur jeden Tag der Woche in einem andern Kampong sich

aufhält. Die rings um dieses Centrum gelegenen Dörfer schicken ihre

neu zu impfenden Kinder dahin und der Vaccinateur wählt aus den in der

vorigen Woche mit gutem Erfolg eingeimpften Kindern 2-3 Kinder aus,

welche gegen eine Vergütung der Reisekosten u. s. w. im benachbarten

Centrum abgeimpft werden. Wie ich schon im Theile »Borneo« Seite 189

mittheilte, ist im Allgemeinen der Vaccinateur oder, wie er malaiisch

officiell genannt wird, der »Mantri Djadjar« the right man on the right

place; die Unkosten der Vaccination sind nicht hoch und der Segen der

Vaccination hat bis nun nicht nur ganz Java, sondern auch einen grossen

Theil Sumatras von der Geissel schwerer Blatternepidemien befreit.

Mit den Rapporten in der Hand besichtigte ich zunächst alle kleinen

Kinder, welche vor 8 und vor 14 Tagen zum ersten Male eingeimpft

waren. Beinahe kein einziger Fall befriedigte mich; ich sah nur

grössere oder kleinere Geschwüre, welche ich unter andern Umständen

geradezu für specifisch hätte halten müssen; selbst jene Impfstiche,

welche erst 8 Tage alt waren, waren weder Knötchen noch Bläschen, wie

ich es nach der Dauer der Impfung erwartete. Hierauf kamen die 500

Mulis = die Töchter der Häuptlinge zur Inspection; jede hatte 2-3

Narben auf der äusseren Seite jedes Oberarmes. Die Narben waren aber so

gross und stark strahlenförmig, dass sie mich zur Frage zwangen, ob sie

wohl noch wüssten, wie lange es gedauert hatte, bevor die Impfpusteln

geheilt waren; nur einige dieser Mädchen wussten es noch, weil sie erst

im reiferen Alter zum ersten Male eingeimpft waren. »Einige Wochen« und

»einige Monate« waren die stereotypen Antworten. Diese lange Dauer der

Heilung correspondirte mit den Geschwüren, welche ich bei der jüngsten

Impfung gesehen hatte, und ich beschloss, wenn auch nicht auf ganz

wissenschaftlicher Basis, radicale Abhülfe zu schaffen. Unterdessen

war nämlich der Resident angekommen. Ich ging in die Pendoppo, um

ihn zu begrüssen und ihm von dem Ergebniss meiner Inspection Bericht

zu erstatten. Das Programm der weiteren Festlichkeiten sollte und

konnte keine Störung erfahren; ich selbst sollte ja den folgenden Tag

wieder nach Telók Betóng zurückkehren; ich hatte also weder Zeit noch

Gelegenheit, mich mit dieser Sache an diesem Tage noch zu beschäftigen,

um eine richtige Diagnose dieser Geschwüre aussprechen zu können.

Als aber der Resident mich frug, welche Vorschläge ich einreichen

würde, wenn nach einer kunstgerechten Untersuchung die +ungünstigste+

Diagnose dieser Geschwüre gestellt werden müsste, gab ich 3 Punkte

an. 1. Sollte die weitere Abimpfung von Kindern vorläufig eingestellt

werden. 2. Sollte sofort um Zusendung neuen Vaccinestoffes von Batavia

ersucht werden. 3. Sollte der Vaccinateur die Zwischenzeit in der

Hauptstadt sich aufhalten und unter meiner Aufsicht die Vaccination

der Kinder vornehmen, um auch die Anforderungen der Reinlichkeit und

Antisepsis kennen zu lernen. Zu meiner Ueberraschung erklärte der

Resident meine Vorschläge für angenommen und ertheilte sofort die

diesbezüglichen Befehle. Einige Tage später berichtete ich hierüber an

den Sanitätschef in Batavia, welcher mir den Dank der Regierung für

meine energischen Maassregeln aussprach.

Während meiner Unterredung mit dem Residenten, an der natürlich sich

auch der Controleur betheiligt hatte, waren vor der Pendoppo die 500

Mulis mit ihren Vätern angetreten, um uns nach dem Festplatze zu

begleiten, welcher sich bei dem Hause des Controleurs befand. Den Zug

eröffneten die Häuptlinge; sie waren ohne Schuhe, trugen weisse Hosen,

hatten um die Hüfte einen kurzen Sarong geschlungen, ihr Oberkörper

war mit einem kurzen Sammtröckchen bekleidet, welches zahlreiche aus

Gold gestickte Blumen hatte, und ihr Kopfhaar war nach malaiischer

Sitte in ein ebenso kostbares Kopftuch eingewickelt. Die Mulis waren

wie indische Bajaderen reichlich geschmückt, und wie mir ein arabischer

Priester mittheilte, betrug der Preis des Schmuckes oft 2000 fl.

Der Rand des Sarongs war von den meisten mit Ryksdaaldern benäht (à

2,50 fl. = 4¼ Mark) und der Salindang von einzelnen hatte am vordern

Rande eine Reihe von Goldstücken im Werthe von je 10 fl. = 16½ Mark.

Die Nägel ihrer Hand staken in langen spitz zulaufenden Köchern aus

Silber; über die Brüste schlang sich ein goldener Gürtel und auf dem

Kopfe trugen sie eine mit Goldblech belegte Krone (Fig. 1). Es machte

auf mich einen eigenthümlichen Eindruck, hinter einer Schaar von

kleinen (1,15 Meter hohen) braunen Mädchen zu schreiten, welche durch

ihre entblössten braunen Schultern und Rücken, ich weiss nicht mehr

durch welche Ideenverbindung es geschah, an eine Heerde fetter Schafe

erinnerte.

Als wir auf dem Festschauplatze ankamen, spielte sich eine jener

kleinlichen Reibereien ab, welche ceteris paribus in allen Colonien der

Welt mit der Anwesenheit junger Beamten verbunden sind. An und für sich

sind es ja keine staatenbewegenden Ereignisse oder Principienfragen,

welche das Aufeinanderstossen der verschiedenen Würdenträger

veranlassen; sie schaffen aber Zwist und Verbitterung, deren Folgen

manchmal selbst »politische Fehler« genannt werden müssten. Doch ad rem.

Der Boden war mit Matten bedeckt und zwei Faulenzerstühle und zwei

gewöhnliche Sessel waren für die »Autoritäten« reservirt. Der Resident

bot mir den Sitz zu seiner Rechten an. Leider habe ich den tiefen (?)

Grund dieser Selbstverleugnung des Residenten nicht verstanden und

mich dadurch der seltenen Gelegenheit beraubt, das ganze Fest der

Mulis sehen zu können. Nachdem ich mehr, als es sich thatsächlich

vertheidigen liess, gegen diese unverdiente Ehre protestirte, setzte

sich endlich der Resident nieder, und ich nahm zu seiner linken Seite

Platz. Hierauf erschien die angesehenste Muli mit einem Päckchen

Cigaretten in der Hand und einer brennenden im Munde. Während sie

eine Cigarette an der letzteren anzündete, offerirte sie diese dem

Residenten, ging bei mir vorbei und offerirte dem Controleur von

Menggala und seinem Gaste, seinem Collegen von Seputi, ebenfalls eine

brennende Cigarette. Als eine zweite und eine dritte Muli dasselbe

wiederholten, bestand in mir kein Zweifel, dass dieser Vorgang

programmgemäss sich abspielte und dass der Resident aus diesem Grunde

mir den Ehrenplatz angewiesen hatte. Diese Ehrenbezeigung sollte nur

den Beamten als den Vertretern der Regierung erwiesen werden. Ich

frug also den Controleur, ob auf seine Anordnung die Mulis an mir

vorbeigingen, ohne auch mir eine Cigarette anzubieten; ja, rief er

stolz aus, denn diese Hormat (= Ehrenbezeigung) kann doch nicht auch

einem Maschinisten geboten werden. (Der Schiffscapitän stand mit

seinen Officieren hinter uns.) Diese Bestätigung meiner Vermuthung,

dass nur den Beamten von den Eingeborenen »Hormat« geleistet werden

sollte, entrüstete mich so, dass ich aufstand und dem Residenten

mittheilte, dass Kopfschmerzen mich verhinderten, weiter an dem Feste

theilzunehmen, und den hinter mir stehenden Schiffscapitän ersuchte,

mit mir auf das Schiff zurückzukehren. Ich war damals 32 Jahre alt,

also zu jung, um mit Gleichmuth eine absichtliche Zurücksetzung

gegenüber einem jungen Mann von 22 bis 23 Jahren aufzunehmen; ich war

aber auch schon zu alt, um die Ursache dieser Zurücksetzung in mir zu

suchen, und heute drängt sich die Frage in mir auf, ob denn der modus

vivendi der jungen Beamten gar so tadelnswerth sei. Den Eingeborenen

gegenüber sind sie die Vertreter der Regierung, dies wird niemand

bezweifeln; dass sich in der Brust eines 22- bis 25jährigen jungen

Mannes das Selbstvertrauen unter dem Einflusse der Verhältnisse zu

einer Ueberhebung steigere, möge man ihnen ruhig gewähren. Diese

Beamten haben ja, wenn sie nicht verheirathet sind, im Innern des

Landes eine isolirte und auch an vielen Gefahren exponirte Stellung.

Für viele Jahre sind sie den Wohlthaten eines civilisirten und

gesellschaftlichen Lebens entrückt. Die eingeborenen Häuptlinge, mit

denen sie verkehren, üben aus Gewohnheit und vielleicht noch mehr

aus Opportunitätsrücksichten die grösstmögliche Schmeichelei und

Unterwürfigkeit diesen Beamten gegenüber. Dies ist eine Entschädigung

für die Entbehrungen, denen diese jungen Männer ausgesetzt sind. (Wie

oft haben sie monatelang kein Stückchen Brot gesehen?) Ich kann ja aus

eigener Erfahrung bestätigen, dass sie späterhin diesen Grössenwahn

ablegen, und mit sehr viel Vergnügen erinnere ich mich noch heute der

zahlreichen angenehmen, liebenswürdigen Männer, welche sich in den

höheren Regionen der indischen Beamtenwelt befinden. Ich habe z. B.

1½ Jahr später im Innern Sumatras um 11 Uhr meine Antrittsvisite bei

dem Controleur gemacht, welcher zufällig die Häuptlinge seines Bezirkes

um sich versammelt hatte. Ich war damals schon Regimentsarzt, also im

Range viel höher als er; ich war vielleicht um 12 Jahre älter, und doch

erhob er sich nicht von seinem Sessel, als ich eintrat, drehte nicht

einmal den Kopf um, sondern lud mich mit einer seitlichen Bewegung der

Hand ein, mich zu setzen. Späterhin lernte ich ihn als einen gebildeten

und thatsächlich höflichen Mann kennen. Eines Tages glaubte ich, ihn

bei einem Gläschen Wein über diesen eigenthümlichen Empfang in ruhiger

Weise interpelliren zu müssen. Ja, sagte er, dies ist richtig; aber

ich war »im Dienste«. Nun, alte Männer können auch unangenehme Seiten

haben; lassen wir den jungen Leuten den Stolz als schönes Vorrecht

ihrer Jugend!

Noch heute bedauere ich es, dass ich durch diesen Zwischenfall der

seltenen Gelegenheit mich selbst beraubt habe, einem solchen Feste

der Eingeborenen Sumatras bis zu seinem Ende beiwohnen zu können.

Abends machte ich mit den Officieren des »Berouws« eine Visite bei dem

Schreiber des Controleurs, welcher der zweite und letzte Europäer des

Ortes war, betheiligte mich an dem Souper, welches der Controleur zu

Ehren seiner Gäste gab, und den nächsten Tag verliessen wir zu Schiff

Menggala, während der Resident wiederum über Land seine Rückreise

antrat. Circa 11 Uhr des zweiten Tages kamen wir in Telók Betóng an.

Am Ufer stand mein Bedienter mit dem kleinen Siamang auf dem Arm.

Ein lauter Freudenschrei, U--U, durchdrang die Lüfte, als der kleine

Affe mich auf dem Schiffe erblickte; er sprang auf den Boden und lief

unruhig auf dem Ufer auf und ab und hielt seine langen Arme über seinem

Kopfe beinahe in einem Halbkreis gebogen.

Mit einem Kahn musste ich mich an’s Ufer bringen lassen, weil damals

noch keine Pier bestand. Kaum hatte ich dieses betreten, so stiess mein

kleiner Hausfreund wieder einen Freudenschrei aus, sprang auf meinen

Arm und legte seinen Kopf gegen meine Wange.

Zu Hause angekommen, fand ich einen Araber auf mich warten, welcher

mir einen kleinen Elephanten, einen jungen männlichen Siamang und

einige Seeigel und Seesterne zum Kaufe anbot. Für den Elephanten

verlangte er 50 fl. Dieser Betrag war nicht zu hoch; ich konnte mich

aber nicht entschliessen, den kleinen Elephanten zu kaufen, weil ich

wusste, in kurzer Zeit diese Garnison verlassen und nach Batavia gehen

zu müssen, wo ich zur Erlangung des höhern Ranges ein Examen ablegen

sollte. Der Transport eines solchen kleinen Hausthieres ist immer mit

Schwierigkeiten verbunden. Da ich mit aller Wahrscheinlichkeit nach

dem Examen von Batavia wieder nach irgend einem anderen Theile des

indischen Archipels transferirt werden würde, hätte der kleine Elephant

mir sehr grosse Auslagen durch die Transportkosten verursacht. Der

Araber theilte mir nebstdem mit, dass er mit Reis und Gras gefüttert

werden müsse. In Batavia muss nicht nur der Reis, sondern auch das Gras

gekauft werden; ein kleiner Elephant hat einen sehr regen und grossen

Appetit; ich hätte also täglich für sein Futter ungefähr 1 fl. bezahlen

müssen, während ein paar Pferde nur um 30 Ct. täglich an Reis und Gras

verzehren.

Ich kaufte von dem Araber also nur für meinen kleinen Hausfreund

seinen Kameraden, die Seeigel, Seesterne und eine grosse Zahl von

Muscheln. Auch hatte er in einer Petroleumbüchse (von 18 Liter) in

Seewasser zahlreiche Quallen, welche, wie er mir erzählte, von den

Küstenbewohnern gegessen würden, von dessen Richtigkeit ich mich

einige Tage später überzeugen konnte. Austern sind ja auch für den

europäischen Gaumen eine Leckerei; warum sollten diese Quallen den

Lampongern nicht behagen?

* * * * *

Meine Reise in’s Innere dieser Provinz hatte keinen grossen Erfolg.

Die Zeit war zu kurz, um in das Leben, die Sitten und Gebräuche der

einheimischen Bevölkerung einen richtigen Einblick zu bekommen, und

thatsächlich sind meine Aufzeichnungen, welche ich damals machte,

nichts mehr als Aphorismen, welche ich den Mittheilungen der Häuptlinge

verdanke und welche von dem Controleur bestätigt wurden.

Die Lampongsche Sprache ist ein Dialekt, welcher mehr mit der

sundanesischen als mit der eigentlichen malaiischen Sprache Mitten

Sumatras verwandt zu sein scheint; ich war dieses Dialektes

nicht mächtig und sprach mit den Häuptlingen den sogenannten

Kasernen-malaiischen Jargon, mit welchem man ja auf allen Inseln des

indischen Archipels in der Regel auskommt.

Es überraschte mich zu hören, dass sie ein Alphabet besitzen (eine

Abart des Sanskrit), und dass nicht nur die Häuptlinge, sondern auch

der grösste Theil der Bevölkerung lesen und schreiben können; aber noch

mehr Verwunderung zeigten die Häuptlinge, als sie von mir hörten, dass

es europäische Völker gäbe, unter welchen sich 30 bis 40% Analphabeten

befänden. Zum Schreiben benutzten sie früher Lontarblätter, Bambus und

Bast; gegenwärtig sind natürlich Papier und Stahlfeder allgemein im

Gebrauch.

Ihre literarischen Producte bestehen in Klageliedern (hiwang), in

grossen Erzählungen (sarambay), in Liebesliedern (wajak) und in

Märchen, während einige Zwerghirscherzählungen nur mündlich sich

fortpflanzen.

Ihre Häuser stehen auf Pfählen, sind mit pittoresken Figuren in Holz

geschnitten oder gemalt versehen und bestehen bei dem »kleinen Mann«

aus Bambusmatten und bei den Häuptlingen aus Brettern.

Ich glaube nicht, dass irgend ein Volk in Europa einen so zahlreichen

Adel besitzt, als er in dieser Provinz Sumatras gefunden wird. Schon im

15. Jahrhundert sollen die Lamponger Unterthanen des Sultans von Bantam

(West-Java) gewesen sein, und seit dieser Zeit haben ihre Fürsten aus

der Eitelkeit der Lamponger ein einträgliches Geschäft gemacht; als

im Jahre 1752 die »Lampongschen Distrikte« die Lehnsherrschaft der

»indischen Compagnie« anerkannten, im Jahr 1808 unter Daendels dem

Sultan von Bantam abgenommen wurden und erst im Jahre 1856 durch einen

Sieg über die Häuptlinge Hadji Wacha, Wak Mas und Raden Inten in den

ruhigen Besitz des holländischen Staates kamen, kannte kein Lamponger

ein grösseres Glück, als ein Pangkat (= Rang oder Titel) zu besitzen,

den er um theueres Geld von dem Sultan und mit kostbaren Festmählern

erstehen konnte. Solche adelige Titel waren: Pangeran, Radèn, Dalem,

Temanggung, Sutan, Ngabéhi Mas für Männer und Anggin, Mas Inten, Owoq,

Dalem Ratu für verheirathete Frauen.

Zu den adeligen Insignien gehören die Papadun, die Sesako und die

Lawang Kori. Die Papadun ist ein hölzerner, mit Gold und Silber

beschlagener Divan, und die Sesako eine Rückenlehne aus demselben

Material. Die Lawang Kori ist eine Ehrenpforte bei dem Hause, welche

häufig und zwar bei allen festlichen Gelegenheiten benützt wird,

während die beiden andern nur bei dem Festmahle gebraucht werden,

welches zu Ehren der Erhebung in den Adelstand[13] gegeben wird.

Originell ist die Titi Kaki djalma. Viele Frauen bemühen sich nämlich,

das Recht zu erhalten, mit den Füssen auf den Rücken eines Mannes sich

zu stützen, wenn sie auf einen Tragestuhl in die Sesat (= Gemeindehaus)

getragen werden und dort aussteigen. Andere »Stiftsdamen« dürfen

kupferne oder silberne Krüge, Schüsseln, welche auf einer Matte stehen,

bei ihren festlichen Gängen auf dem Boden vor sich ziehen lassen.

Natürlich sind die Farbe und der Schmuck des Pajung (Sonnenschirm),

welcher über ihrem Haupte getragen wird, ebenso deutliche Zeichen ihres

Adels als bei den Häuptlingen auf Java.

Auf diese kleine ethnographische Skizze beschränkt sich mein Wissen von

den Sitten und Gebräuchen der Lamponger.

Warum ich damals nur wenige Kröpfe gesehen habe, obwohl oft behauptet

wird, dass in dieser Gegend und in dem benachbarten Palembang 16-80%

(?!) der Bevölkerung diese Geschwulst am Halse besitzen sollen, ist mir

nicht bekannt. Sollte gerade in diesem Districte die unterste Grenze

dieser statistischen Behauptung sich befinden?

[Illustration: Fig. 4. An den Ufern des Musistromes (= Fluss Palembang).

(Vide Seite 58.)]

2. Capitel.

Deutsche Soldaten -- Ein Mörder (?) -- Im Werbedepot -- Ein Eremit --

Elektrische Diagnosen -- Ein Erdbeben -- Schutzbrillen -- Sandalen --

Punka -- Eine Menagerie -- Chemisch reines Trinkwasser in den Lianen

-- Mein Name wird ominös -- Telegraph und Elephant -- Der Arzt in den

Colonien -- Eine wohlthätige Fee -- Meine Abreise von Telók Betóng --

Grösse von Sumatra.

Die holländisch-indische Armee war vielleicht ein Jahrzehnt lang

geradezu eine Fremdenlegion zu nennen. Das »fremde Element« war oft

so stark vertreten, dass z. B. die Schweizer allein in Semarang

eine Meuterei in Scene setzen konnten, welche 24 Stunden lang die

ganze Stadt in Furcht und Sorge versetzte. Ich selbst hatte wirklich

interessante Begegnungen mit deutschen und österreichischen Soldaten,

Unterofficieren und Officieren.[14] Auch in Telók Betóng befand sich

ein Sergeant in Garnison, der durch seine allgemeine Bildung hoch über

das Niveau seiner Kameraden hervorragte. Ich nahm keinen Anstand, ihn

bei mir zu empfangen und mit ihm zu verkehren, obwohl ich zwei Jahre

vorher (und auch späterhin) wirklich unangenehme Erfahrungen mit den

»Landsleuten« gemacht hatte. (Meine Naturalisirung zum Holländer war

jedoch durch diese unangenehmen Erfahrungen weder beeinflusst noch

bedingt.)

Vor 25 bis 30 Jahren strömten zahlreiche junge Leute nach Harderwyk,

dem Werbedepot der colonialen Armee, und viele von ihnen fanden

nicht nur eine gesicherte Existenz, sondern kamen nach Verlassen des

militärischen Dienstes auch zu Wohlstand und selbst zu Reichthum.

In der holländischen Armee erfreuten sich die deutschen Soldaten

einer besonderen Werthschätzung, und ausnahmslos hörte ich von allen

holländischen Officieren, die ich darüber interpellirte, diese als

die besten Elemente der Armee bezeichnen; ich verstehe also nicht,

wie Carthaus ein so düsteres Bild von dem Leben eines deutschen

Soldaten in dieser Armee entwerfen konnte. (Vide: »Aus dem Reiche von

Insulinde« von Dr. Emil Carthaus, VII. Capitel.) Ja noch mehr. Ich

hatte Gelegenheit, einen Corporal zu sprechen, welcher s. Z. in der

Fremdenlegion von Frankreich und zwar in Tonkin gedient hatte. Die

Behandlung durch die Officiere und die ganze Verpflegung, deren sich

der »Fremde« in der holländischen Armee erfreue, könne nicht einmal

mit der in der französischen Armee verglichen werden, sagte mir dieser

Corporal. Unter den Holländern fühle er sich heimisch und führe ein

sorgloses Leben, während er in Tonkin oft den Tag verflucht habe, an

welchem er sich in die Fremdenlegion Frankreichs aufnehmen liess.

Diese kurzen Mittheilungen über die »Fremden« in der holländischen

Armee mögen die Einleitung zu dem folgenden Capitel sein, ohne dass

ich nur andeutungsweise verrathen will, wie viel davon Wahrheit und

wie viel davon Dichtung sei. Das Thatsächliche ist dem +Lebenslaufe

mehrerer+ Collegen entnommen.

Auf dem Wege zwischen Telók Betóng und Tanjong Karang stand ein

Haus, welches sich in vieler Hinsicht von dem gewöhnlichen Typus der

indischen Wohnung unterschied; es wurde von einem hochbetagten Greise

bewohnt, von welchem die seltsamsten Dinge erzählt wurden. In seiner

Jugend soll er als Mediciner in Deutschland die tollsten Streiche

ausgeführt haben; auf dem Mensurboden war er geradezu gefürchtet. Eines

Tages fiel sein Gegner, am linken Arme verletzt, zu Boden, und in

seiner Wuth sah unser jetziger Eremit nicht das an dem Arme strömende

Blut. Er stiess dem Verwundeten den Stahl in’s Herz und mit einem

Aufschrei der Entrüstung schleuderte ihn sein eigener Secundant in

die Ecke des Saales. Während der anwesende Arzt ohne Erfolg sich mit

dem unglücklichen Gegner beschäftigte, traten die vier Secundanten

sofort zu einer Berathung zusammen. Der »Mörder« stand unterdessen

regungslos an der Mauer angelehnt. Nach wenigen Minuten erschien jeder

der vier Secundanten vor ihm, spuckte vor ihm aus, und zuletzt kam der

behandelnde Arzt, führte ihn zu der Leiche seines Gegners und zeigte

ihm die Wunde am linken Arm. »Sie Schuft« waren die einzigen Worte,

welche er sprach, und spuckte ebenfalls vor ihm aus. Sofort ging Dr. X.

nach Haus, packte seinen Koffer ein und verliess die Universitätsstadt

L. Ohne Aufenthalt reiste er bis Harderwyk, um sich dort als gemeiner

Soldat in die indische Armee einreihen zu lassen.

Ein junger Mann, der damals mit dem Postwagen nach Harderwyk kam und

nach dem Werbedepot frug, war zwar keine auffallende Erscheinung,

aber eine herrliche Beute für die damals in Hülle und Fülle lauernden

Werber, vulgo Hyänen genannt. Vor einer Taverne hielt der Wagen still

und unser Aesculapius fiel natürlich sofort in das Netz eines solchen

»Blutsaugers«. Ein ausgedienter Corporal trug ihm den Koffer in die

mit Rauch und Qualm gefüllte Schankstube und bot sich als Führer in

Harderwyk an. Dr. X. liess für sich und seinen Cicerone ein Gläschen

Schnaps geben und erfuhr von dem Wirthe, dass sein Führer 6 Jahre

in Indien gedient habe und daher alle möglichen Auskünfte über das

Leben in den Tropen geben könne. Unaufgefordert theilte er auch mit,

dass er Documente, wie Heimathschein, Reisepass oder Taufschein, in

hinreichender Menge in Vorrath habe:

21 Jahre in Indien. Dritter Theil: Sumatra. · 第 2 / 23 段