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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1902 so weit
wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler
wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht
mehr gebräuchliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original
unverändert.
Im Text werden Passagen aus mehreren Fremdsprachen eingebracht, z. B.
Niederländisch, Französisch oder Latein. Diese wurden unkorrigiert
übernommen. Eigen- und Ortsnamen erhalten oft verschiedene
Schreibweisen, mitunter auch innerhalb eines Absatzes. Dies wurde
nicht korrigiert, sofern beide Schreibweisen im Text mehr als einmal
vorkommen.
Die im Abschnitt ‚Corrigenda‘ aufgeführte Korrektur wurde bereits in
den Text eingearbeitet.
Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) werden als deren Umschreibung
(Ae, Oe, Ue) wiedergegeben.
Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der
folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
kursiv: _Unterstriche_
fett: =Gleichheitszeichen=
gesperrt: +Pluszeichen+
Das Caret-Symbol (^) steht für ein nachfolgendes hochgestelltes
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[Illustration: Dr. H. Breitenstein.]
21 Jahre in Indien.
Aus dem Tagebuche eines Militärarztes.
Dritter Theil: Sumatra.
Von
Dr. H. Breitenstein.
Mit 1 Titelbild und 26 Abbildungen.
Leipzig.
Th. Grieben’s Verlag (L. Fernau).
1902.
Vorrede.
Wie der erste Theil dieses Buches fand auch der zweite Theil (unter
dem Namen »Java«) eine sehr freundliche Aufnahme; aus Deutschland,
Oesterreich, Bosnien, Holland, England und Russland kamen mir günstige
Recensionen meines Buches zu. In +Indien+ selbst wird es jedoch, wie
ich höre, wenig gekauft und wenig gelesen -- »+weil ich zu viel in
diesem Buche gelobt habe+«.
Als vor ungefähr einem Jahre auf dem holländischen Markte ein Buch
erschien, welches alles tadelte, was auf Java lebt und sich regt,
welches in den schärfsten Worten den Europäer auf Java als den Auswurf
der Menschheit bezeichnete und schilderte, der nur einen Gott habe --
+das Geld+, der nur eine Tugend kenne -- +das Geld+, und der darum
cynisch, roh, ordinär, gemüths-, geist- und herzlos sei, nur einen
Genuss kenne und suche -- den +Besitz des Geldes+ --, dieses Buch wurde
in Indien viel gelesen und stark gekauft.
Vielleicht wird sich der dritte und letzte Theil meines Werkes auch in
Indien, d. h. auf den Inseln des indischen Archipels, eines grossen
Leserkreises erfreuen; ich habe darin nämlich leider Weniges zu loben,
desto mehr zu tadeln.
Viele Worte des Lobes finde ich für den Boden Sumatras, seinen
Reichthum u. s. w., dagegen nur wenige für die Europäer auf dieser
meerumsäumten Insel.
Ihre Politik ist bis jetzt die eines kleinlichen, engherzigen und
geizigen Spiessbürgers gewesen. Ihre neuen Goldminen sind von einem
unpraktischen Bergrechte geschützt, welches dem Wucher, der Spiellust
und selbst dem Schwindel Thür und Thor öffnet.
Im Westen der grossen Wasserscheide jagt der Büttel der holländischen
Regierung den armen, bedauernswerthen (?) malaiischen Bauer zu
Robottdiensten in die Caffeegärten, weil die holländische Regierung 24
fl. an jedem Pikol Caffee verdienen will.
Im Osten dieser Insel verzehrt das Sumpffieber den chinesischen Kuli,
weil der holländische Pflanzer mit seinem Deckblatte den Havanatabak
vom Weltmarkte verdrängen will.
Im Herzen Sumatras hausen noch Menschenfresser! und im Norden dieser
Insel sind noch zahlreiche Völkerstämme, von welchen die Holländer kaum
mehr als den Namen kennen.
Zwischen den himmelanstrebenden Gipfeln der Bergriesen Ophir, Telaman
u. s. w. wohnen in ganzer Sittenreinheit die Epigonen der »Padri«,
welche in ihrem siegreichen Zuge gehemmt wurden von den Holländern im
Bunde mit Menschenfressern des Tobahsees!
Kurzsichtige Minister haben die schönste Perle der Krone Hollands
in schmutziges, altes und verrostetes Eisen gefasst und dem Volke
die Phrase zugerufen: Java ist die Königsinsel unseres grossen
Kaiserreiches »Insulinde«; Gott gab ihr grosse Schutzmauern, die da
heissen: Sumatra, Borneo und die Molukken. Java ist die Quelle unseres
Reichthums, Java ist der Sitz unserer Macht und darum wollen wir +nur+
Java hegen und pflegen.
Sumatra, Borneo und die Molukken sind aber keine dürre, leblose und
unfruchtbare Mauer; sie haben einen fetten und humusreichen Boden;
die Flora und Fauna ist hier wie dort üppig; Millionen Menschen rufen
hier wie dort um Schutz für ihr Leben, für ihre Büffel und für ihre
Töchter gegen ihre eigenen Fürsten, welche als Despoten des Landes Mark
aussaugen.
Wohlan! Holland! raffe dich auf! Hebe auch die Schätze der Insel
Sumatra und schaffe +allen+ seinen Bewohnern ein menschenwürdiges
Dasein!
=Du sollst, denn du kannst!=
* * * * *
Dieser Kassandraruf zieht wie ein rother Faden durch diesen dritten
Theil meines Werkes: »21 Jahre in Indien«, obwohl ich mich bemüht
habe, den ursprünglichen Charakter des Buches beizubehalten, d. h. zu
erzählen, was ich auf der Insel Sumatra erlebt, zu beschreiben, was ich
gesehen, und zu schildern -- was ich dort gelitten habe.
Um einem oft geäusserten Wunsche der Kritik gerecht zu werden, habe
ich in diesem dritten Theile meines Buches die Tropenfauna und Flora
sowie die Ethnographie eines malaiischen Volksstammes nach den
Mittheilungen bekannter Fachleute besprochen und in einem Anhange
einige Tropenkrankheiten beschrieben. In einem zweiten Anhange brachte
ich einige malaiische Melodien, in europäische Noten gesetzt -- eine
Arbeit, welche mit ausserordentlichen Schwierigkeiten verbunden war
und von dem bekannten Recensenten Otto Knaap (Amsterdam) für mich in
liebenswürdiger Bereitwilligkeit gemacht wurde.
Das Milieu meiner Mittheilungen sind Land und Leute des meerumspülten
Sumatra, welches ich nicht nur in »Wort«, sondern auch in »Bild«
vorführen will.
Ungefähr 400 Photographien standen mir zu diesem Zweck zur Verfügung,
welche theilweise meiner Sammlung und theilweise Freunden meines Werkes
angehören. Aus naheliegenden Ursachen musste ich mich auf die Wahl
einer kleinen Anzahl beschränken, und so hoffe ich, dass die gewählten
26 Illustrationen hinreichen werden, den Text, wenn auch nicht zu
vervollständigen, so doch zu ergänzen.
Gern schliesse ich mit einem Wort des Dankes an die Verlagsfirma +Th.
Grieben’s Verlag+ in Leipzig, welche dieses Buch mit künstlerisch
ausgestatteten Bildern versehen hat, und an jene Herren, welche mir
ihre Sammlung von Photographien zur Verfügung gestellt haben, und zwar:
für Fig. 3 dem Herrn Geh. Rath Dr. Max +Bartels+ in Berlin;
„ „ 4 u. 23 dem Herrn Oberingenieur +Yzerman+ in Amsterdam;
„ „ 22, 24 u. 25 dem Herrn Oberingenieur +Delprat+ in Java;
„ „ 2 u. 5 dem Herrn Regierungsrath F. +Heger+, Vorstand des
ethnographischen Museums in Wien;
„ „ 1 dem Herrn Dr. +Schmelz+ in Leiden;
„ „ 6, 7, 8, 9, 10 u. 11 dem Herrn Dr. Axel +Preyer+, z. Z.
in Cairo.
Figuren 12, 13, 14, 15, 16, 17, 21, 26 und Titelbild sind meiner
Sammlung entnommen.
+Karlsbad+, im Wonnemonat 1902.
=Dr. H. Breitenstein.=
Inhaltsverzeichniss.
Seite
Vorwort III
=1. Capitel.= Abstammung des Namens Sumatra -- Ausbruch
des Vulcans Krakatau -- Sumatra von Java
getrennt -- In Telók Betóng -- Malaiische
Küche -- Manila-Cigarren -- Ein arabischer Don
Juan -- Eine Allee aus lebendem Bambus -- Eine
unzufriedene Europäerin -- Cholera auf einem
Dampfer -- Ein den weiblichen Bedienten
gefährlicher Affe -- In’s Innere der Provinz
-- Verdächtige Impfung -- 500 „Mulis“ -- Ein
liebenswürdiger Affe -- Seequallen ein
Leckerbissen -- Ein einträgliches Geschäft
-- Kröpfe 1
=2. Capitel.= Deutsche Soldaten -- Ein Mörder (?) -- Im
Werbedepot -- Ein Eremit -- Elektrische
Diagnosen -- Ein Erdbeben -- Schutzbrillen --
Sandalen -- Punka -- Eine Menagerie --
Chemisch reines Trinkwasser in den Lianen --
Mein Name wird ominös -- Telegraph und
Elephant -- Der Arzt in den Colonien -- Eine
wohlthätige Fee -- Meine Abreise von Telók
Betóng -- Grösse von Sumatra 25
=3. Capitel.= Provinz Palembang -- Fauna von Sumatra -- Ein
Orang-Utan-Riese -- Farbenpracht der Fische --
Gold auf Sumatra -- Urbewohner des Landes --
Die Hauptstadt Palembang -- Schwimmende Häuser 50
=4. Capitel.= Rheumatismus -- Singapore -- Spitäler in
Singapore -- Ein arabischer Geldwechsler --
Chinesische Kaufleute -- Die Provinz Riauw und
Vasallenstaaten -- Matriarchat -- Menangkabauer
-- Nieskrampf 62
=5. Capitel.= Die Provinz „Ostküste von Sumatra“ --
Zinninseln -- Ein misslungener Freihafen -- Ein
englischer Abenteurer -- Petroleum auf Sumatra
-- Menschenfresser -- Die Hauptstadt Medan --
Im Urwalde -- Entwaldung -- Die Commandeuse --
Ein schlechter Garnisonsplatz -- Ein Vorurtheil
-- Eine Faciesbildung -- Hospitalbrand --
Amok-Laufen -- Krebsfälle 72
=6. Capitel.= Flora von Mittel-Sumatra 103
=7. Capitel.= Nach Atjeh -- Eine neue Kohlenstation -- Uléë
Lhöë -- Die Strandpalme -- In Kuta-radja --
Auch eine Frauenfrage -- Eine Tropenkrankheit 111
=8. Capitel.= Eine sogenannte Friedensgarnison --
Campierpfähle -- Ein Deserteur (?) -- Ein
freigebiger Compagniecommandant -- Eine Kirmes
-- Ein Klewang-Anfall -- Im Kugelregen --
Geringschätzung der Militärärzte -- Chinesen
in Atjeh -- Kleider und Schmuck der Atjeer --
Musikinstrumente der Atjeer -- Atjeische
Prüderie 138
=9. Capitel.= Der heilige Krieg -- Habsüchtige Priester
(= Ulamas) -- Abstammung der Atjeer --
Abstammung der Niasser von einem Hunde --
Schwanzmenschen -- Die Kunst bei den Atjeern
-- Die Dichtkunst der Atjeer -- Derwische --
Abschied von Lambaro -- Mit meiner Frau im
Kugelregen -- Ein heikler Auftrag --
„Gross-Atjeh“ 159
=10. Capitel.= Auf einem alten Dampfer -- Die Insel Nias
-- Niasser -- Niasser und Dajaker -- Ein
gefährliches Landen -- Oel glättet die
stürmischen Wogen -- Schmutzige Fiaker -- Ein
Haudegen -- Die Engländer in Padang --
Vortheile eines hölzernen Hauses -- Padang ist
ein grosser Garten -- Malaiische Silberarbeiten
-- Das Zodiakallicht -- „Der Culturzwang“ --
„Das Gouvernement der Westküste Sumatras“ --
Der Padrikrieg 173
=Schluss.= Wieder auf dem alten Dampfer -- Die Residentie
Benkulen -- Katholische Missionäre -- Schluss 196
=Anhang.= Knöchelfieber -- Die Lâtahkrankheit --
Indische Spruw -- Tropenhygiene 199
=II. Anhang.= Malaiische Musik 212
=Sach- und Namen-Register.= 220
Corrigenda.
Seite 163, Zeile 13 von oben statt „atavistische Schwänze“ nur zu
lesen: „Schwänze“.
Es haben nämlich +Bartels+, +Schäfer+, +Virchow+, +Breitenstein+ u.
s. w. diese fraglichen Gebilde +nur+ für Monstra oder krankhafte
Neubildungen erklärt und sie nicht wie +Haeckel+, +Alsberg+,
+Wiedersheim+ und andere philosophirende Naturforscher zu
+atavistischen+ Beweisen des thierischen Ursprunges des Menschen
erhoben.
Beinahe alle bisher beschriebenen Fälle von „Schwänzen bei Menschen“
sind übrigens -- keine Schwänze stricte dictu.
Verzeichniss der Abbildungen.
Seite des Textes
Aussenblatt[1]: Ein Atjeer.
Titelblatt: Photographie des Verfassers.
Fig. 1: Eine Muli 19
(Tochter eines Häuptlings in der Provinz Lampong.)
Fig. 2: Ein Haus und eine Reis-Scheuer aus dem Padangschen
Oberlande 42
Fig. 3: Ein Mädchen aus dem unabhängigen Korintji 57
Fig. 4: An den Ufern des Musistromes (= Fluss Palembang) 58
Fig. 5: Ein Mädchen aus Semang (Malacca) 69
Fig. 6: Endstation Stabat der schmalspurigen Eisenbahn in Deli 76
Fig. 7: Ein Engpass im Gebiete der Battaker 77
Fig. 8: Ein battakscher Kampong 77
Fig. 9: Ein Tiger in der Falle 80
Fig. 10: Roden des Urwaldes 81
Fig. 11: Ein Bach im Urwalde 103
Fig. 12: Uléë Lhöë, Hafen von Atjeh 114
Fig. 13: Pfarrhaus in Kuta-radja 117
Fig. 14: Eine Gerichtsverhandlung in Kuta-radja 122
Fig. 15: Die neue Moschee in Kuta-radja 123
Fig. 16: Meine Wohnung in Lambaro 140 147
Fig. 17: Im hohen Schilderhaus 142
Fig. 18: Ein atjeeisches Ehepaar 153
Fig. 19: Atjeer, welche einen Drachen fliegen lassen wollen 157
Fig. 20: Ein Haröbab-Orchester 157 166
Fig. 21: Ein atjeeischer Pflug 114 160
Fig. 22: Niasser auf dem Marsche 176
Fig. 23: Ein Kampong auf und an den Ufern eines Flusses 181
Fig. 24: Ein Gruppe in Pedir gefangener malaiischer Frauen 184
Fig. 25: Bewohner der Pageh-Inseln 196
Fig. 26: Angklung, ein malaiisches Musikinstrument 219
[Illustration: Fig. 1. Eine Muli.
Tochter eines Häuptlings in der Provinz Lampong.
(Vide Seite 19.)]
1. Capitel.
Abstammung des Namens Sumatra -- Ausbruch des Vulcans Krakatau --
Sumatra von Java getrennt -- In Telók Betóng -- Malaiische Küche --
Manila-Cigarren -- Ein arabischer Don Juan -- Eine Allee aus lebendem
Bambus -- Eine unzufriedene Europäerin -- Cholera auf einem Dampfer
-- Ein den weiblichen Bedienten gefährlicher Affe -- In’s Innere der
Provinz - Verdächtige Impfung -- 500 „Mulis“ -- Ein liebenswürdiger
Affe -- Seequallen ein Leckerbissen -- Ein einträgliches Geschäft --
Kröpfe.
Den 4. April 1882 wurde ich von Batavia, wo ich mich als Oberarzt der
holländisch-indischen Armee in Garnison befand, nach Telók (= Golf)
Betóng, der Hauptstadt der »Residentie« (= Provinz) »Lampong’sche
Distrikten« im Süden der Insel Sumatra[2] transferirt; am 15. April
trat ich meine Reise mit einem Dampfer der damaligen »indischen
Dampfschifffahrts-Gesellschaft« Morgens um 6 Uhr an und fuhr zwischen
den »Tausend Inseln« hinaus in die Javasee, um schon in wenigen Stunden
die Sundastrasse und die Insel Sumatra vor mir zu sehen, welche (nach
Salomon Müller) bereits im Jahr 860 den chinesischen Seeleuten unter
dem Namen Fantsoêr bekannt gewesen sein soll.
Die Sundastrasse, jener schmale Seeweg, welcher Sumatra von Java
trennt und zugleich die beiden verbindet, ist nicht viel älter als
der Wasserweg zwischen Java und Madura und als der zwischen Java
und Bali. Die javanischen Ueberlieferungen verlegen die Abtrennung
dieser drei Inseln in’s 13. Jahrhundert, und geologische Verhältnisse
+scheinen+ diese sagenhafte Theilung des »Landes« (Tanah M.) Java
in vier Inseln zu bestätigen.
Schon drei Jahre vor dem fürchterlichen Ausbruch des Krakatau
constatirte der Ingenieur Verbeek in der Tiefe der Sundastrasse einen
grossen Spalt in der Nähe dieser Insel, und als im Jahre 1883 aus den
Tiefen dieser schmalen Strasse 18 km^3 Asche bis zu einer Höhe von
15000 Meter geschleudert wurden, so dass man in Spanien und in Holland
den Regen damit gemischt fand und die feinsten Theile selbst den ganzen
Aequator umkreisten, da entrollte sich vor unserm Auge ein Stück der
Geschichte des Werdens und des Bildens der Erde.
Jene Reihe von Vulcanen, welche im grossen Bogen von Kamtschatka aus
über Japan, die Philippinen, Molukken und kleinen Sundainseln, Java,
Sumatra bis an den Meerbusen von Bengalen (Barren-Inseln, 303 Meter
hoch) den Süden Asiens umkreisen, sie sind die grossen Poren, aus
welchen die gefesselten feurigen Massen des Erd-Innern sich bald mit
mächtiger Gewalt, bald ruhig und gelassen auf die Oberfläche der Erde
wälzen und hier zerstören und dort wieder aufbauen.
In den Tagen vom 26. bis 28. August 1883 erbebte die Strasse von Sunda
von der Wuth des Vulcanes Krakatau; doch nur die kleine Insel, der
»Polnische Hut«, verschwand von der Oberfläche der Erde; die Insel
Krakatau verlor ⅔ ihrer Grösse (von 33½ auf 10½ ☐km); aber die
»Verlassene Insel«, welche früher 3.7 ☐km gross war, hatte im Jahre
1883 eine Höhe von 11.8 ☐km und die »Lange Insel« hat von 2.9 ☐km bis
3.2 ☐km zugenommen.[3]
Geologisch ist gewiss obige Sage verbürgt, dass in früheren
Jahrhunderten Java mit Sumatra durch eine Brücke verbunden war, wenn
auch mancher Zoologe daran zweifeln möchte; die Fauna dieser Insel
stimmt ja mehr mit jener von Borneo als mit der von Java überein; der
Orang-Utan z. B. kommt nicht auf Java, aber auf Borneo und Sumatra vor,
und auch die Flora[4] zeigt grössere Aehnlichkeit mit der Vegetation
von Malacca (Vide »Quer durch Sumatra« von Yzermann) als mit jener von
Java. Die geologischen Verhältnisse sind jedoch, ich möchte sagen, von
erdrückender Beweiskraft, dass Java und Sumatra in früheren Zeiten ein
zusammenhängendes Ganzes gebildet haben. Die Botaniker und Zoologen
werden übrigens allein aus der geographischen Verbreitung der Pflanzen
und Thiere nicht leicht auf die Zusammengehörigkeit einzelner Inseln
sich eine Schlussfolgerung erlauben, weil es zahlreiche Factoren gibt,
welche auf diese Frage Einfluss nehmen. Wie oft haben z. B. ja Wind und
Wasser einzelne Thier- und Pflanzenformen in weit abgelegene Theile der
Erde geführt?
Die Sundastrasse ist in ihrem nördlichen Anfange nicht breit. Die
Entfernung der Schweinsecke (Varkenshoek) von dem Hafenplatz Anjer
auf Java beträgt nicht mehr als 27 km, während die Ausfahrt in den
indischen Ocean ungefähr 100 km breit ist. Die Südküste Sumatras hat
die Form eines schief liegenden M, und die zwei Meerbusen führen die
Namen Lampongsbai (die östliche) und Semangka oder Kaisersbai (die
westliche).
Ich habe die Küste der Lampongsbai vor dem Ausbruch des Krakatau
und fünf Jahre nach dieser gewaltigen Eruption gesehen, ohne bei
+oberflächlicher+ Beobachtung einen Unterschied in der Configuration
der Küste constatiren zu können. Das Erd- und Seebeben, sowie die
ungeheueren Lavamassen haben dabei beinahe die ganze Südküste Sumatras
heimgesucht. Während nur einzelne Theile der östlichen Küste der
Semangkabai und die Mitte der Westküste der Lampongsbai von den
verheerenden Elementen verschont blieben, ist der übrige Theil oft bis
auf eine Entfernung von 4-5 km eine Beute der stürmischen Elemente
geworden. Aber bei näherem Zusehen findet man zahlreiche Ueberbleibsel
jener traurigen Zeit. Als ich im Jahre 1888 Telók Betóng für einige
Stunden besuchte, da merkte ich freilich die grosse Veränderung, welche
im Jahre 1883 das Erd- und Seebeben veranlasst hatte; 3 km entfernt von
der Küste lag z. B. am Ufer des kleinen Lampongflusses das Wrack des
»Berouw«, jenes Dampfers der »indischen Gouvernementsmarine«, welcher
am 27. August 1883 von den rasenden Elementen in’s Innere des Landes
geschleudert wurde und dort liegen blieb. Der Kapitän hatte sich vor
dieser Zeit an’s Land geflüchtet und -- kam ums Leben. Der »erste
Officier«, welcher an Bord geblieben war und alle Luken und Fenster
geschlossen hatte, kroch unversehrt aus dem Schiffe, welches von den
zurückströmenden Wellen nicht mitgeführt wurde.
Ein einförmiges, geradezu langweiliges Bild bot diese Stadt, als ich
sie 1882 zum ersten Male betrat. In einer Entfernung von ungefähr 1000
Meter blieb der Dampfer stehen und ein Schiffsboot brachte mich an’s
Ufer, welches ausschliesslich aus Riffkorallen bestand.
Bei der Ebbe konnte ich späterhin mich sehr oft an dem schönen
formenreichen Bilde erfreuen, welches der von den hellen Strahlen
der Tropensonne erleuchtete Meeresgrund dem Beobachter darbot.
Die Labyrinthkoralle (Maeandrina), die Schwammkoralle (Madrepora
verrucosa), die Lochkoralle (Porites furcatus), die Orgelkoralle
(Tubepora musica) und die Astraea pallida erhielt ich in so grossen
Stücken, dass ich bei der Transferirung im September desselben Jahres
drei grosse Kisten gefüllt mit diesen Korallen mitnehmen konnte. Auch
zahlreiche Seeigel und Seesterne erhielt ich damals, deren innern
Mantel ich noch heute besitze und den jeder Naturfreund ob seines
zierlichen Baues bewundern muss (z. B. Echinus esculentus).
Am Ufer stand die Stadt mit 2825 Seelen, und zwei kleine Strassen
führten dahin. Die südliche bestand nur aus chinesischen Häusern und
Toko’s und mündete in die grosse Hauptstrasse, welche zur rechten Hand
an einen Hügel grenzte. Auf diesem stand das Gebäude des Residenten und
das Fort. Die chinesische Strasse hatte jenseits des grossen Weges eine
Fortsetzung, in welcher das Haus meines Amtsvorgängers und ein Hôtel
standen.
Da der Dampfer nur einige Stunden vor Anker liegen sollte, um dann
die Reise nach Padang (Westküste) und Atjeh (Nordküste) fortzusetzen
und Dr. L., den ich ablösen sollte, in diesen wenigen Stunden nicht
den Dienst übergeben, seine Koffer und Kisten einpacken und Auction
von seinen Möbeln halten konnte, so musste Dr. L. auf die Ankunft des
nächsten Dampfers warten und zwar jenes, welcher die Rückreise von
Padang via Telók Betóng nehmen sollte. Ich blieb vorläufig im Hôtel
wohnen, und nach der Auction seiner Möbel miethete ich sein Haus von
dem Eigenthümer um 40 Fl. monatlich.
Es war ein hölzernes Haus, welches auf einem ziemlich grossen
Grundstücke stand. Es folgte dem allgemein in Indien üblichen Typus.
Eine vordere und eine hintere Veranda fassten zwei Zimmer zwischen
sich, wovon das eine mein Bureau wurde und das andere zum Schlafen
diente; einige Meter davon entfernt standen die Bedientenzimmer, Küche,
Badezimmer, Abort, Stall und Wagenremise und zwar aus Bambus-Matten.
Wenn in früheren Jahren nur wenig Luxus in der Einrichtung eines
Wohnhauses getrieben wurde, so war die Küche geradezu unglaublich
primitiv eingerichtet. In allem und jedem verrieth sie die Gewohnheiten
der +eingeborenen+ Küchenprinzessinnen und trug nur in der Höhe des
Herdes den Gewohnheiten einer europäischen Hausfrau Rechnung. Die
+malaiische+ Küche ist in der Regel ein kahler Raum, umgeben mit
Bambus-Matten, auf welchem ein Dach ohne Plafond ruht. Durch den Rauch
des Holzes, welcher bei der Dachventilation hinausströmt, sind die
Wände schwarz gefärbt. Auf dem Boden stehen zerstreut einige Dapur,
das sind aus Lehm gebrannte Formen, auf welche Pfannen oder Töpfe
gestellt und mit Holz erwärmt werden. Hockend bearbeitet auf dem Boden
die Köchin die Speisen. In europäischen Küchen befindet sich jedoch
auf einen Meter hohen Mauern ein Dapur im Grossen mit vier bis fünf
Oeffnungen, auf welche die Töpfe und Pfannen gestellt und mit Holzfeuer
erwärmt werden.
Der Totaleindruck einer solchen Küche ist sehr ungünstig. Die
durch Rauch schwarzgefärbten Bambus-Wände harmoniren mit der
schmutzig-weissen Farbe der Dapurs und mit dem Schmutz und Abfällen,
welche sich rings um das Wasserreservoir aufhäufen, das sich in jeder
Küche befindet. Ich darf aber nicht das ordinäre Tischchen vergessen,
auf welchem die zahlreichen Schüsselchen der »Rysttafel« zubereitet
werden. Auf diesem liegen zahlreiche Kochlöffel, geschnitzt aus der
trockenen Schale der Cocosnuss, viele Futterschwingen in verschiedenen
Grössen zur Aufnahme von den diversen Gemüsesorten, einige kleine
Töpfchen für Pfeffer, Gewürznelken, Muskatnüsse, Salz u. s. w. und ein
kleiner Mörser aus Stein, in welchem diese gestampft oder zerrieben
werden. Zur Bereitung des Reises findet man überall den Kukusan und
Lumpang mit dem Tumbug. In diesem wird der Gâbah, d. i. der Reis, mit
seiner braunen Schale so lange gestampft, bis er zum Bras, d. h. Reis
ohne Schale (= Dedág), geworden ist. Der Dedág wird gerne den Pferden,
Kühen und dem Geflügel in’s Futter gemengt; sobald auch der Tumbug zum
ersten Male in den Lumpang fällt, eilen alle Hühner, Enten und Gänse
herbei, um den herausfallenden Dedág aufzupicken. Der Kukusan ist
ein aus Bambus oder Rottang geflochtener Kegel, in welchem der Bras
eingedämpft (nicht gekocht) wird. In einem grossen Topf, welcher die
bekannte Form eines Papierkorbes hat, wird nämlich das Wasser gekocht,
und dann wird der Kukusan mit dem Reis den Dämpfen des siedenden
Wassers ausgesetzt, welche durch die Lücken des Kegels dringen. Der
Reis ist jedoch vorher in einem gewöhnlichen Topfe in Wasser so weit
gekocht worden, dass die Körner halb weich geworden sind.
Die Dapurs wurden immer mit Holz gefeuert, es sei denn, dass die Köchin
Speisen verfertigen wollte, welche von allen Seiten, wie in unseren
Röhren, erwärmt werden mussten. In diesem Falle nahm sie eine Pfanne,
welche mit einer etwas kleineren Pfanne zugedeckt wurde. Auf den Deckel
wurde glühende Holzkohle gelegt, welche mit dem Fächer glühend gehalten
wurde, der zu den unentbehrlichsten Instrumenten einer malaiischen
Köchin gehört. Der Kochlöffel in der rechten und der Fächer in der
linken Hand sind ja die Insignien, welche im ganzen indischen Archipel
das Amt einer Kókki (M. = Köchin) verkünden.
Ich kam nur selten in die Küche; hier war die Domäne meiner
Haushälterin, welche eine Christin von der Insel Ambon war. Nur kurze
Zeit habe ich diese eingeborene Frau in meinen Diensten halten können,
weil sie trotz des christlichen Glaubens um kein Haar besser als alle
ihre mohamedanischen Colleginnen war.
Eines Tages nämlich theilte mir der Kutscher mit, dass während meiner
Abwesenheit ein +arabischer+ junger Mann im ganzen Hause den Herrn
spiele.
Einige Tage vorher hatte mir ein junger Araber spitzige Manila-Cigarren
zum Kaufe angeboten. Dies war mir damals aufgefallen, weil diese
Cigarren in Telók Betóng überhaupt nicht verkauft wurden und ich mir
von Batavia eine Kiste mit 500 Stück hatte kommen lassen.
Zu jener Zeit waren diese Cigarren wirklich ein sehr gutes aromatisches
Kraut; die kegelförmigen, an beiden Enden abgeschnittenen Cigarren
wurden beinahe ausschliesslich von den Europäern geraucht; sie kosteten
6 Ct. = 10 Pf. Seit dieser Zeit hat aus drei Ursachen der Import dieser
Cigarren bedeutend abgenommen. Zunächst entstand in Semarang (Java)
eine Fabrik von diesen Cigarren. Ein Herr Glaser liess aus Manila 60
Mädchen kommen und fabricirte von javanischem Tabak seine Cigarren in
derselben Form. Die Qualität der in Europa käuflichen Manila-Cigarren
ist thatsächlich zurückgegangen, weil, wie mir von mehreren Fabrikanten
mitgetheilt wurde, auch das Tabakblatt von Manila schlechter geworden
sei. Nebstdem hat der Import von Cigarren von Holland durch die
Einführung der Postpackete ungeheuere Ausdehnung genommen. Ich selbst
habe in den letzten zehn Jahren von holländischen Cigarrenfabrikanten
regelmässig in Postpacketen meine Cigarren bezogen; Zoll und Fracht
erhöhten den Preis der Cigarre nur um 1 Ct.
Als mir der Kutscher mittheilte, dass ein junger +Araber+ in meiner
Abwesenheit sich ganz ungenirt in meinem Hause bewege, da trat ein
fürchterlicher (?) Argwohn in mir auf. Sollte meine Haushälterin sich
nicht nur einen Geliebten halten, welcher zur gewissen Stunde des Tages
in meinem Hause die Rolle des Hausherrn spiele, nicht nur +meine+
Cigarren rauche, sondern sie auch stehle und die Frechheit habe, mir
dieselben Cigarren zum Kaufe anzubieten? Als ich nach Hause kam, liess
ich mir zunächst den Vorrath an Cigarren von meiner Haushälterin in’s
Schlafzimmer bringen, um wenn möglich aus der Zahl derselben eine
Bestätigung oder eine Entkräftigung dieses Argwohnes zu erhalten. Die
Rechnung stimmte nicht.
Ich ging nach der Küche, und da sass auf dem Boden derselbe junge
Araber, seine Rysttafel zu gebrauchen, welcher mir die »Punt-Manila«
vor einigen Wochen zum Kaufe angeboten hatte! Der arabische Don Juan
wollte sich zunächst als den Verwandten meiner Haushälterin ausgeben;
ich gab ihm jedoch keine Antwort und zeigte ihm den Ausgang des
Gartens, und zwei Stunden später nahm meine Haushälterin denselben Weg.
Wohlweislich unterliess ich es, die Polizei davon zu verständigen, weil
-- wer den Schaden hat, hat auch den Spott. Thatsächlich hatte diese
ganze Affaire einen starken Beigeschmack des Komischen.
Ich glaube nicht, dass auf ganz Java eine provinziale Hauptstadt
existirt, welche ein so kleines europäisches Publikum beherbergte
als Telók Betóng. Ein Resident, ein militärischer Kommandant im
Range eines Hauptmanns mit zwei Leutnants, ein Secretär, welcher
gleichzeitig die Agenda eines Notars führte, zwei Postbeamte, ein
Architekt und meine Wenigkeit waren nicht nur die Notablen des
Ortes, sondern auch die einzigen Europäer. Damals besass die ganze
Provinz keine einzige europäische Unternehmung[5]; der Pfeffer war
der einzige Export-Artikel, und hin und wieder kam Herr X. von der
grossen gleichnamigen Exportfirma auf Batavia zu uns, um den Ankauf der
Pfefferernte zu besorgen. Nicht einmal eine europäische Schule befand
sich in der ganzen Provinz. Der Detailhandel war in den Händen der
Chinesen, welche nicht aus Amoy stammen, von wo der grosse Strom der
Auswanderer nach Java geht. Sie hatten nämlich chinesische Frauen bei
sich, welche keine andere Sprache als die chinesische verstanden und
die wohlbekannten verkrüppelten Füsse zeigten. (Aus Amoy ist nämlich
das Auswandern der Frauen verboten und dieses die Ursache, dass man
auf Java nur halbchinesische Frauen sieht und die Frauen auf Sumatra
den Typus der echten Chinesen zeigen.)
[Illustration: Fig. 2. Ein Haus und eine Reis-Scheuer aus dem
Padangschen Oberlande.
(Vide Seite 42.)]
Natürlich befanden sich im Innern der Insel noch einige europäische
Beamte.[6] Diese konnten jedoch wegen der grossen Entfernung und der
mangelhaften Verkehrswege nur selten nach der Hauptstadt kommen.
Eine Ausnahme hiervon machte der Controleur von Tanjong Karang, welches
Dorf 4½ km von der Hauptstadt entfernt war. Der Weg dahin war im
Jahre 1882 in so schlechtem Zustande, dass es Ueberwindung kostete, den
Controleur N. und seine Frau zu besuchen. Man ging in der Regel mit
einem dos-à-dos dahin, weil kein anderer Wagen in der ganzen Hauptstadt
und in der ganzen Provinz sich befand, d. h. bis auf jenen Mylord,
welchen ich von Batavia mitgebracht hatte.
Nachdem ich allen Europäern in Telók Betóng meine Antrittsvisite
gemacht hatte, musste ich natürlich auch nach Tanjong Karang fahren.
Hier sah ich zum ersten und auch zum letzten Male eine Allee aus
lebendem Bambus. Natürlich hatte ich früher und später nur zu oft
Gelegenheit, Bambus im Urwalde zu sehen, umgeben von Kräutern,
Sträuchern und kleinen Bäumen; aber hier stand das Haus des Controleurs
am Ende einer gut erhaltenen und gut gepflegten Strasse, welche nur von
Bambusgruppen eingesäumt war. Sie, d. h. die Bambusgruppen, standen
so nahe bei einander, dass die ganze Allee von ihrem Laub überdeckt
war und einen herrlichen schattenreichen Spielplatz für die Kinder des
Controleurs bildete.
Um ½6 Uhr Abends war ich von Telók Betóng abgefahren, und als
ich das Haus des Gastherrn betrat, war die Sonne bereits hinter
dem Horizont in die Tiefen des Weltalls getaucht. Ich wurde in der
»Binnengallery« des Hauses empfangen und hinter mir wurde sofort die
Thüre geschlossen. Aber auch die Fenster dieses Saales waren nicht
geöffnet und blieben geschlossen, selbst als es bereits dunkel geworden
war, weil -- sich zwei Siamangs (Hylobates Syndactylus) im Hause frei
bewegten und die offenen Fenster zu ihren Spaziergängen in’s Freie
benutzen hätten können! Telók Betóng liegt 5° 20′ s. B., hat also eine
reine Tropentemperatur, und trotzdem liess der Herr X. den ganzen Tag
und den ganzen Abend sein Haus geschlossen, um seinen Affen die Flucht
in’s Freie unmöglich zu machen! Es waren wohlerzogene Hausgenossen,
welche uns im Gespräche nicht störten. Beide waren bereits erwachsen
(ungefähr 90 cm hoch) und beunruhigten mich in keiner Weise, weil ich
einige Jahre vorher die grauen Gibbons (Hylobates concolor) besass und
wusste, wie anhängliche und unschuldige Thiere die jungen Gibbons sind.
Ihre Zutraulichkeit kann natürlich manchmal auch lästig werden. Eines
Tages hatte der Herr X. den Secretär der Residentie zu Gaste. Einer
der beiden Siamangs griff mit seinen Händen in den Teller des Gastes,
um sich ein Stückchen Fleisch anzueignen. Der Herr Y. fand diesen
unappetitlichen Eingriff in seine Rechte geradezu unschicklich und
gab dem Affen einen Schlag auf seine diebische Hand. Die Hausfrau war
darüber so entrüstet, dass sie vom Tische aufstand, den Affen zu sich
rief und ihn zur Beruhigung küsste!
Mir ging es noch schlechter als dem Herrn Y.
Während dieses Besuches kamen auch die Kinder des Herrn X. zu mir, und
bei einem derselben fiel mir ein rother Rand der untern Augenlider
auf. Ich glaubte den Gastherrn darauf aufmerksam machen zu müssen.
Erschrocken bat er mich, die Augen näher zu untersuchen. Wegen der
spärlichen Beleuchtung schob ich meine Diagnose für den nächsten Morgen
auf, und als ich um 11 Uhr bei ihm erschien, fand ich eine granulöse
Augenentzündung. Bei der Besprechung der Vorsichtsmassregeln, welche
gegen die Uebertragung auf die Augen seines Brüderchens genommen werden
sollten, erwähnte ich entre autre auch der frischen Luft, welche
im Hause herrschen müsse, und dass zu allen Stunden des Tages und
Abends, in welchen die Sonne nicht direct die Vorgallerie bescheine,
Thüren und Fenster offen stehen müssten, d. h. in unserm Falle, da
diese nach Norden lag, schon eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang.
»Dies geschieht doch immer,« erwiderte hierauf Frau X. Als ich darauf
lächelnd bemerkte, mit Ausnahme von gestern, wo ich bei geschlossenen
Thüren und Fenstern empfangen wurde, rief sie erzürnt aus: »Dies ist
eine Lüge!« Ohne natürlich darauf nur ein einziges Wort zu erwidern,
stand ich auf und fuhr nach Telók Betóng zurück. Den andern Tag kam
der Herr X. mit seinem Söhnchen nach der Hauptstadt mit der Bitte,
das Auge seines Söhnchens in Behandlung zu nehmen, und versprach mir,
alle meine hygienischen Massregeln genau zu befolgen. Ich theilte ihm
aber mit, dass ich niemals mehr sein Haus betreten werde, und als er
mit Thränen in den Augen an meine Humanität appellirte, blieb ich
unerschütterlich, weil es doch nur eine Geldfrage war. Herr X. konnte
ja sein Söhnchen mit seiner Mutter nach Batavia schicken, wo er selbst
das Bene haben könne, von einem Specialisten sein Söhnchen behandeln zu
lassen.
Ich glaubte unerbittlich bleiben zu müssen, weil Frau X. überhaupt eine
hohe Kunst besass, sich unangenehm zu machen. Sie hatte vor ihrer Reise
nach Indien eine allzuhohe Auffassung von der Stellung ihres Mannes.
Die Eingeborenen trugen aus Gewohnheit und aus Politik diesem Factor
Rechnung. Diese Dame forderte dasselbe devote Entgegenkommen aber auch
von den europäischen Mitbewohnern von Telók Betóng.
Im Allgemeinen ist der Holländer in Indien sehr ceremoniell, und
gewiss haben (vor meiner Ankunft in Telók Betóng) die Officiere und
die übrigen Beamten auch dieser Dame gegenüber der Etiquette Genüge
geleistet. Als diese aber als »Europäerin« wenigstens dieselbe »hormat«
(= Ehrenbezeigung) forderte, als der Frau des Residenten gegeben wurde,
welche +nur+ eine Nonna (= Halbeuropäerin) sei, wurde ein Misston in
das Zusammenleben dieser kleinen europäischen Gemeinde gebracht und
diese Dame -- begann alles »Indische« zu verurtheilen. Alles war in
ihren Augen schlecht und gemein. Das »indische« Essen, die »indische«
Toilette, die »indischen« Officiere und die »indischen« Aerzte,
die »indischen« Früchte und die »indischen« Frauen u. s. w. Solche
Aeusserungen brachten sie natürlich noch mehr in den Gegensatz zu ihren
Colleginnen, und zuletzt stand sie ganz isolirt. Offenbar war der oben
erwähnte scharfe Ausdruck »Lüge« nur der Ausbruch einer erbitterten
Stimmung.
Dieser Fall steht nicht vereinzelt da. Wie der Herr X. vor seiner
Heirat ein verführerisches Bild von seiner Stellung in Indien seiner
Braut mit mehr oder weniger Recht entwarf und seine Frau sich
enttäuscht sah, als sie in’s Innere einer Insel sich versetzt sah, wo
ihr das gesellschaftliche Leben gar nichts bot, so geht es vielen
andern. Die Enttäuschung verleitet diese Menschen zu ungerechtem
Urtheil über indische Zustände.
Der Herr B. Veth, wenn ich nicht irre, der Sohn jenes Professors Veth,
welcher ein dickleibiges Buch über Java geschrieben hat, voll Liebe
und Entzücken für das reizende Java, hat vor einigen Monaten seine
Eindrücke über das Leben in niederländisch Indien veröffentlicht.
Beinahe möchte man aus diesem Buche das Echo aller jener verunglückten
Existenzen hören, welche in Indien ihre Ideale und Erwartungen nicht
realisirt sahen. Es ist aber so wenig objectiv gehalten und übertreibt
die Schattenseiten des Lebens in den Tropen in so hohem Maasse, dass er
überhaupt nichts Gutes aus dem Leben in N. Indien mitzutheilen weiss.
Nach 12jährigem Aufenthalt auf den Inseln des indischen Archipels
kehrte er nach Holland zurück und ergötzte sich beim Landen in Genua an
dem +Lachen+ eines Matrosen, das in Indien überhaupt der Europäer nicht
kenne?!! Wie ein dicker rother Leitfaden zieht durch das ganze Buch die
Mittheilung von dem +ekelhaften+ gemüth-, sitten- und geistlosen Leben
der Europäer, ohne auch nur ein einziges Mal Beweise dafür zu bringen.
* * * * *
Am 15. Juni erschien im Hafen von Telók Betóng der Dampfer der
indischen Dampfschifffahrts-Gesellschaft mit der gelben Flagge auf der
Spitze des Hauptmastes. Die Hafenwacht verständigte davon sofort den
»Hafenmeister«, und dieser wiederum schickte einen officiellen Bericht
an den Resident und liess mich dieses durch ein »Leitje« wissen, um
die etwaigen Befehle des Resident sofort ausführen zu können. Es war
4 Uhr Nachmittags, und sofort nahm ich mein Bad und kleidete mich an.
Nach den herrschenden Quarantainevorschriften -- die gelbe Flagge
annoncirte nämlich die Anwesenheit von ansteckenden Krankheitsfällen
auf dem Schiffe -- darf niemand das ankommende Schiff betreten oder
verlassen, bevor der Quarantaine-Doctor auf das Schiff gegangen ist
und mit dem Schiffskapitän die nothwendigen Maassregeln besprochen
und genommen hat. Kaum hatte sich der Anker des Schiffes in den Grund
gebohrt, so bestieg ich das Deck und sah auf seinem vorderen Theil
einen sterbenden Mann, der nach den Mittheilungen des Kapitäns und
eines an Bord sich befindenden Militärarztes an Cholera gelitten hatte.
Ob dies die richtige Diagnose gewesen sei, war in dem gegebenen Falle
ohne Bedeutung. Es war kein Passagier für Telók Betóng an Bord; die
Postsäcke und die Waaren, welche ausgeladen werden sollten, waren
mit den Entleerungen der Patienten nicht in Berührung gekommen; ich
schlug also vor, die Waaren auf das Land bringen zu lassen, niemandem
zu gestatten, das Schiff zu betreten und das Schiff sofort seinen Weg
fortsetzen zu lassen. Wie ich später hörte, waren bis zur Ankunft in
Atjeh (Norden Sumatras) im ganzen vier Cholera-Fälle vorgekommen.
Im Juni des Jahres 1882 herrschte die Cholera auf Batavia nicht mehr
epidemisch. Sporadische Fälle kommen zu jeder Zeit und überall auf Java
vor.
Früher machte man sich diesbezüglich die Diagnose sehr leicht und
behauptete einfach: Die sporadischen Cholerafälle sind keine Cholera
gewesen; es hat eben eine Verwechslung stattgefunden mit einer
Vergiftung von Arsenik oder mit jener perniciösen Form der Malaria,
welche unter dem Namen »febris perniciosa Cholerica« beinahe dasselbe
Krankheitsbild als die Cholera asiatica zeigt. Es giebt isolirt
stehende Fälle von Cholera, gerade wie ich vereinzelte Fälle von Pocken
beobachtet habe, und gerade wie in letzter Zeit vereinzelte Fälle
von Pest in Europa vorgekommen sind. Dass diese vereinzelten Fälle
kein epidemisches Auftreten veranlassten, ist bis jetzt ebensowenig
einwandsfrei erklärt worden, als warum in Europa zeitweilig die Cholera
kein Schlachtopfer fordert.
Mit dem unglücklichen Patienten, welcher sterbend auf dem Deck
lag, habe ich mich nicht beschäftigt, weil ein Militärarzt an Bord
war und die indische Dampfschifffahrts-Gesellschaft den Arzt immer
reichlich honorirte, wenn er, auf der Reise begriffen, den Matrosen
ärztliche Hülfe leistete[7], und desto mehr glaubte ich mich jedoch
mit diesem jungen Oberarzt beschäftigen zu müssen, der offenbar zum
ersten Male in seinem Leben einem Cholerafalle gegenüberstand und
ein Opfer der Choleraphobie[8] geworden war. Durch Cognac glaubte er
seinen aufgeregten Zustand, seine Praecordialangst und seine Furcht
bemeistern zu können. Rathlos lief er auf dem Deck auf und ab und
frug mich wiederholt, was er doch in diesem Falle zu thun habe. Was
die Schiffshygiene betreffe, konnte ich ihm unter den gegebenen
Verhältnissen nichts Besseres anrathen, als die Desinfection des
Schiffes dem Kapitän zu überlassen, der ein erfahrener Mann und
nebstdem auch diesbezüglich mit Instructionen und Arzneien versehen
sei; wenn jedoch seine ärztliche Hülfe verlangt werde, könne und möge
er sie den Patienten leisten, ohne zu fürchten, selbst ein Opfer der
Cholera zu werden. Er könne ja jede Berührung mit den Excrementen
vermeiden, und wenn durch Zufall dies doch geschehen würde, schütze ihn
die sofortige Reinigung vor einer Infection. Was den prophylaktischen
Gebrauch des Cognacs betreffe, müsse ich ihm aus der Erfahrung
mittheilen, dass nur kleine Dosen, z. B. 20-30 Gramm einen Werth
hätten, weil sie die Peristaltik des Magens anregen, dass jedoch
grosse Dosen, welche er bereits genommen zu haben scheine, schädlich
seien, weil sie die Acidität des Magens abstumpfen. Nun, mit diesem
wohlgemeinten Rath ging es mir schlecht. »Ich bin ein Holländer,«
erwiderte er hierauf, »und ich trinke wie viel ich will, und ich lasse
mir von niemand etwas vorschreiben.« Ich versicherte ihn, dass ich
keinesfalls beabsichtigte, ihn in seiner persönlichen Freiheit zu
beschränken, und verliess das Schiff. Wie mir einige Wochen später der
Schiffskapitän mittheilte, hatte dieser Arzt, der jetzt nicht mehr
unter den Lebenden weilt, sofort nach meiner Abfahrt von dem Schiffe
den Schiffskapitän gebeten, ihn durch sein Boot an’s Land bringen zu
lassen, weil er mich zum Duelle fordern müsste.
* * * * *
Erst in der Mitte des Monates Juli bekam ich Gelegenheit, auch das
Innere des Landes kennen zu lernen, und ich machte um so lieber davon
Gebrauch, als ich bis nun nicht weiter als bis Tanjong Karang, d. i.
5 km hinter der Hauptstadt, gekommen war. Der Resident sollte eine
Inspectionsreise nach dem nördlichen Grenzbezirk Tulang Bavang mit
der Hauptstadt Menggala machen und lud mich ein mitzugehen, weil noch
niemals der dortige Vaccinateur controlirt wurde. Er würde mir zu
diesem Zwecke den im Hafen liegenden Gouvernementsdampfer »Berouw«
zur Verfügung stellen. Er selbst wolle und müsse den Landweg nehmen,
um gleichzeitig sich von dem Zustande der Wege und der zwischen der
Residenzhauptstadt und Menggala gelegenen Bezirke überzeugen zu können.
Natürlich musste zunächst der Landescommandirende, welcher den Rang
eines Hauptmannes bekleidete, um die Erlaubniss angegangen werden, und
dieser wiederum gab die Zustimmung für den Fall, als ich selbst den
allgemeinen Gesundheitszustand der Truppen für günstig erklären könne
und nach menschlicher Berechnung kein dringendes ärztliches Eingreifen
in den nächsten Tagen meine Anwesenheit unerlässlich mache.
Wenn auch die gesetzlichen Bestimmungen für einen solchen Fall gesorgt
haben und bestimmen, dass der Platzcommandant im Verhinderungsfalle des
Garnisondoctors den täglichen Krankenrapport halten solle, und wenn
auch im Marodenzimmer[9] sich nur drei Patienten mit Hautkrankheiten
befanden, so verliess ich doch nur mit einiger Unruhe für einige
Tage meinen Standplatz. Ich besass nämlich damals einen kleinen
Siamang, welcher bereits domesticirt war und sich mit meinem Bedienten
bereits befreundet hatte; nebstdem hatte ich kurz vorher einen
Lampongaffen[10]! erhalten, welcher gelernt hatte, die Cocosnüsse
von dem hohen Palmenbaume auf Verlangen herunterzuwerfen. Dies war
eines der grössten Exemplare mit grossen Schlagzähnen. Wenn er seine
Unzufriedenheit durch Aufheben der Oberlippe zeigte, flösste er
geradezu Schreck und Furcht ein. Er hatte um den Bauch einen Riemen
und war mit diesem durch einen Strick an einer Stange befestigt, auf
welcher eine Kiste seinen Käfig bildete. Hin und wieder geschah es,
dass er sich der Fesseln zu entledigen wusste. Dann eilte er jedesmal
nach der Küche und bedrohte die weiblichen Bedienten. Jedesmal war es
mir gelungen, sie rechtzeitig vor seinen scharfen Zähnen zu schützen.
Wenn sie auch immer einen fürchterlichen Lärm schlugen, sobald der
Affe in der Küche erschien und zwar geradezu mit einem drohenden
Gesichtsausdrucke, so deuteten sie den Angriff in ganz anderer
Weise als ich. Sie liessen mich glauben, dass dieser Angriff ihren
körperlichen Reizen gelte -- es war ein Männchen -- und dass sie sich
nur aus diesem Grunde durch Schreien und Lärmen ihn vom Leibe halten
wollten. Dies wollte mir niemals einleuchten, und darum fürchtete ich,
dass in meiner Abwesenheit dieser wilde Kumpan ein Unglück anrichten
könnte.
Eine grössere Beunruhigung verursachte mir natürlich der Gedanke an
die Möglichkeit, dass in meiner Abwesenheit entweder die Cholera
ausbreche oder jemand sich den Fuss breche u. s. w. Sehr bald hatte
Hauptmann X. meine diesbezüglichen Befürchtungen entkräftet und zwar
mit den richtigen Grundsätzen, dass man im praktischen Leben nicht
mit allen »möglichen« Fällen rechnen dürfe, sondern dass man nur die
»wahrscheinlichen« Ereignisse im Auge halten müsse.
Die »Residentie« (= Provinz) Lampong hat zwei grosse Strassen und
zahlreiche Pfade; die eine grosse Strasse geht beinahe in einer geraden
Linie von der Hauptstadt bis nach Menggala, dem Ziele unserer Reise,
und ist ungefähr 120 km lang. Bis zum Gunung Sugi, also ungefähr 55 km
lang, geht dieser Weg über Berg und Thal und zieht sich in dem zweiten
Theil auf der Ebene dahin. Diesen Weg nahm der Resident und zwar in
einem dos-à-dos, welcher von einem und stellenweise von zwei Pferden
gezogen wurde. In seiner Begleitung befand sich der Architekt und ein
Polizeidiener.
Ich selbst erhielt in einem officiellen Brief das Ersuchen des
Residenten, im Vaccine-Distrikte Menggala die Impfresultate des
dortigen Vaccinateurs aufzunehmen und zu diesem Zwecke mit dem
Regierungsdampfer »Berouw« am 14. Juli mich dahin zu begeben. Der
Controleur des Bezirks habe bereits Befehl erhalten, mir bei der
Inspection jedwede Hülfe zu leisten, d. h. zu sorgen, dass mir eine
grosse Zahl von Eingeimpften vorgeführt werde und zwar so viel als
möglich aus der jüngsten Zeit. Schönes Wetter begleitete uns auf
der Fahrt längst der westlichen Küste der Halbinsel vor Katimbang,
welche ein Jahr später so fürchterlich durch den Ausbruch des
Krakatau gelitten hatte.[11] Bald bekamen wir die Spitze des Radja
Basa (1341 Meter hoch) zu Gesicht, zogen bei der Schweinsecke und
zwischen den Zutpheninseln hinaus in die Javasee. (Auch die Ostküste
dieser Halbinsel wurde von dem wüthenden Elemente des Krakatau schwer
heimgesucht; bis zur Nähe der Nordinsel wurde die Küste rasirt.) Wenn
wir auch im Hintergrunde die Gebirge der Westküste vor uns vorbeiziehen
sahen, so war doch die ganze Küste vom Vorgebirge Tua = Schweinsecke
bis zur Mündung[12] des Menggalastromes flach und zum grössten Theil
sumpfig. Die Sumpfvegetation begleitete uns bis an’s Ziel der Fahrt.
Den folgenden Vormittag kurz vor 12 Uhr, also nach einer Fahrt von
29½ Stunden, liessen wir in Menggala den Anker fallen. Sofort begab
ich mich zum Controleur X., welcher mir Gastfreundschaft anbot. Auf der
Reise hatte ich gehört, dass der Schiffskapitän von dem »Berouw« und
der Controleur nicht gut aufeinander zu sprechen wären. Dieses Factum
nahm keinen Einfluss auf meinen Entschluss, von dem gastfreundlichen
Anerbieten keinen Gebrauch zu machen. Einerseits war ich auf dem
Schiffe gut geborgen, wofür übrigens der Schiffskapitän der Regierung
7 fl. pro Tag in Rechnung brachte, anderseits hatten, wie mir der Herr
X. selbst mittheilte, schon zahlreiche Gäste sich bei ihm eingefunden,
und ich zögerte also, mehr als nöthig zu incommodiren. Das gespannte
Verhältniss zwischen diesen zwei Herren sollte sich bald auch in
publico zeigen. Zunächst erfuhren wir, dass der Resident noch nicht
angekommen sei und dass bei dem Wedono ungefähr 500 Mädchen versammelt
seien, welche späterhin das Fest der »Mulis« aufführen sollten;
unterdessen könnte ich die Arbeit der Vaccinateurs controliren.
[Illustration: Fig. 3. Ein Mädchen aus dem unabhängigen Korintji.