($S. 314, Z. 11 f.$) _Schopenhauer_, Parerga und Paralipomena, Bd. II,
Kapitel XXVII. -- Die Erzählung in Betreff des Lord _Byron_ ist nach
R. von _Hornstein_ wiedergegeben von Eduard _Grisebach_ im Anhange zu
Schopenhauers sämtlichen Werken, Bd. VI, S. 191 f.
($S. 315, Z. 1 v. u.$) _Kant_, Beobachtungen über das Gefühl des
Schönen und Erhabenen, Königsberg 1764, III. Abschnitt (Bd. VIII,
S. 36 der Kirchmannschen Ausgabe): »Diese ganze Bezauberung ist im
Grunde über den Geschlechtstrieb verbreitet. Die Natur verfolgt ihre
große Absicht, und alle Feinigkeiten, die sich hinzugesellen, sie
mögen nun so weit davon abzustehen scheinen, wie sie wollen, sind
nur Verbrämungen und entlehnen ihren Reiz doch am Ende aus derselben
Quelle.« -- _Schopenhauer_ in seiner wiederholt citierten »Metaphysik
der Geschlechtsliebe« (Die Welt als Wille und Vorstellung, Bd. II, Kap.
44).
($S. 316, Z. 3 v. u. f.$) _Schopenhauer_, Parerga und Paralipomena, Bd.
II, § 369.
($S. 318, Z. 10.$) _Kant_, Kritik der reinen Vernunft, Transscendentale
Dialektik, I, 3. System der transcendentalen Ideen (S. 287 ff.,
Kehrbach).
($S. 318, Z. 15-8 v. u.$) Das Lied ist das des Wolfram aus _Wagners_
Tannhäuser, 2. Aufzug, 4. Scene.
($S. 324, Z. 19 f.$) _Platon_, Phaedrus, p. 251 A. B.: »ὅταν θεοειδὲς
πρόσωπον ἴδῃ κάλλος εὖ μεμιμημένον, ἤ τινα σώματος ἰδέαν, πρῶτον μὲν
ἔφριξε ... εἶτα προσορῶν ὡς θεὸν σέβεται, καὶ εἰ μὴ δεδιείη τὴν τῆς
σφόδρα μανίας δόξαν, θύοι ἂν ὡς ἀγάλματι καὶ θεῷ τοῖς παιδικοῖς. ἰδόντα
δὲ αὐτὸν, οἷον ἐκ τῆς φρίκης, μεταβολή τε καὶ ἱδρὼς καὶ θερμότης ἀήθης
λαμβάνει· δεξάμενος γὰρ τοῦ κάλλους τὴν ἀποῤῥοὴν διὰ τῶν ὀμμάτων,
ἐθερμάνθη ᾗ ἡ τοῦ πτεροῦ φύσις ἄρδεται, θερμανθέντος δὲ ἐτάκη τὰ περὶ
τὴν ἔκφυσιν, ἃ πάλαι ὑπὸ σκληρότητος συμμεμυκότα εἶργε μὴ βλαστάνειν,
ἐπιῤῥυείσης δὲ τῆς τροφῆς ᾤδησέ τε καὶ ὥρμησε φύεσθαι ἀπὸ τῆς ῥίζης
ὁ τοῦ πτεροῦ καυλὸς ὑπὸ πᾶν τὸ τῆς ψυχῆς εἶδος· πᾶσα γὰρ ἦν τὸ πάλαι
πτερωτή.«
($S. 325, Z. 16-8 v. u.$) Vgl. _Dante_, Paradiso, Canto VII, v. 64-66:
»La divina bontà, che da sè sperne ogni livore, ardendo in sè sfavilla
Si che dispiega le bellezze interne.«
($S. 326, Z. 13.$) _Kant_, Kritik der Urteilskraft. -- _Schelling_,
System des transcendentalen Idealismus, Sämtliche Werke, I. Abteilung,
Bd. III. -- _Schiller_, Über die ästhetische Erziehung des Menschen.
($S. 326, Z. 17 v. u.$) _Shaftesbury_: nach W. _Windelband_, Geschichte
der neueren Philosophie in ihrem Zusammenhange mit der allgemeinen
Kultur und den besonderen Wissenschaften, 2. Aufl., Leipzig 1899, Bd.
I, S. 272. -- _Herbart_, Analytische Beleuchtung des Naturrechts und
der Moral, Göttingen 1836, Sämtliche Werke, ed. Hartenstein, Bd. VIII,
S. 213 ff.
($S. 330, Z. 19 v. u.$) _Platons_ Gastmahl, 206 E.
($S. 330, Z. 11 f. v. u.$) _Platon_ a. a. O., Kap. 27, S. 209 C-E
(Übersetzung nach _Schleiermacher_).
($S. 331, Z. 17 v. u.$) _Novalis_: »Es ist wunderbar genug, daß
nicht längst die Association von Wollust, Religion und Grausamkeit
die Menschen aufmerksam auf ihre innige Verwandtschaft und ihre
gemeinschaftliche Tendenz gemacht hat.« (Novalis' Schriften,
herausgegeben von Ludwig Tieck und Fr. Schlegel, Zweiter Teil, Wien
1820, S. 288.)
($S. 331, Z. 15 v. u.$) _Bachofen_, Das Mutterrecht, Stuttgart 1861,
S. 52: »Das stoffliche, das tellurische Sein umschließt beides, Leben
und Tod. Alle Personifikationen der chthonischen Erdkraft vereinigen in
sich diese beiden Seiten, das Entstehen und das Vergehen, die beiden
Endpunkte, zwischen welchen sich, um mit Plato zu reden, der Kreislauf
aller Dinge bewegt. So ist Venus, die Herrin der stofflichen Zeugung,
als Libitina die Göttin des Todes. So steht zu Delphi eine Bildsäule
mit dem Zunamen Epitymbia, bei welcher man die Abgeschiedenen zu den
Totenopfern heraufruft (Plut. quaest. rom. 29). So heißt Priapus in
jener römischen Sepulcralinschrift, die in der Nähe des Campanaschen
Columbariums gefunden wurde, mortis et vitai locus. So ist auch in
den Gräbern nichts häufiger als Priapische Darstellungen, Symbole der
stofflichen Zeugung. Ja es findet sich auch in Südetrurien ein Grab,
an dessen Eingang, auf dem rechten Türpfosten, ein weibliches sporium
abgebildet ist.« -- Der Kreislauf von Tod und Leben war auch ein
Lieblingsthema der Reden _Buddhas_. Ihn hat aber auch der tiefste unter
den voreleatischen Griechen, _Anaximandros_, gelehrt (bei Simplicius
in Aristot. Physika 24, 18): »ἐξ ὧν ἡ γένεσίς ἐστι τοῖς οὖσι, καὶ τὴν
φθορὰν εἰς ταῦτα γίνεσθαι κατὰ χρεών. διδόναι γὰρ αὐτὰ τίσιν καὶ δίκην
τῆς ἀδικίας κατὰ τὴν τοῦ χρόνου τάξιν.«
($S. 332, Z. 10-11.$) Giordano _Bruno_, Gli eroici furori, Dialogo
secundo 13 (Opere di G. B. Nolano ed. Adolfo Wagner, Vol. II,
Leipzig 1830, p. 332): »Tutti gli amori, se sono eroici, e non son
puri animali, che chiamano naturali e cattivi a la generazione come
instrumenti de la natura, in certo modo hanno per oggetto la divinità,
tendono a la divina bellezza, la quale prima si comunica a l'anime e
risplende in quelle, e da quelle poi, o per dir meglio, per quelle poi
si comunica a li corpi.«
($S. 332, Z. 8-9 v. u.$) Ed. v. _Hartmann_. Phänomenologie des
sittlichen Bewußtseins, 1879, S. 699 spricht es nur der allgemeinen
Meinung nach: »..... es ist an der Zeit, den heranwachsenden
Mädchen klar zu machen, daß ihr Beruf, wie er durch ihr Geschlecht
vorgezeichnet ist, nur in der Stellung als Gattin und Mutter sich
erfüllen läßt, daß er in nichts anderem besteht, als in dem Gebären und
Erziehen von Kindern, daß die tüchtigste und am höchsten zu ehrende
Frau diejenige ist, welche der Menschheit die größte Zahl besterzogener
Kinder geschenkt hat, und daß alle sogenannte Berufsbildung der Mädchen
nur einen traurigen Notbehelf für diejenigen bildet, welche das Unglück
gehabt haben, ihren wahren Beruf zu verfehlen.«
($S. 332, Z. 8 v. u.$) Besonders im Judentum werden zum Teil noch
heute unfruchtbare Frauen als zwecklos betrachtet (vgl. Kapitel
XIII, S. 417). Aber auch nach deutschem Recht »durfte der Mann wegen
Unfruchtbarkeit seiner Frau .... geschieden zu werden verlangen«. Jakob
_Grimm_, Deutsche Rechtsaltertümer, 4. Ausgabe, Leipzig 1899, S. 626.
($S. 333, Z. 13 f.$) Das französische Citat stammt aus dem Cyklus
»Sagesse« (Paul _Verlaine_, Choix de Poésies, Edition augmentée d'une
Préface de François Coppée, Paris 1902, p. 179).
($S. 336, Z. 15.$) Vgl. Liebeslieder moderner Frauen, eine Sammlung von
Paul _Grabein_, Berlin 1902.
($S. 337, Z. 15.$) Poros und Penia als Eltern des Eros: nach der so
tiefen Fabel des platonischen Gastmahls (p. 203, B-D). Vgl. S. 340 und
397.
($S. 338, Z. 8 v. u. ff.$) Zu der Wirkung des männlichen
Geschlechtsteiles auf das weibliche Geschlecht vgl. eine Erzählung
_Freuds_ (_Breuer_ und _Freud_, Studien über Hysterie, Leipzig
und Wien, S. 113); vor allem aber die großartige Scene in _Zolas_
Roman »Germinal« (Quinzième Partie, Fin, p. 416), wo die Frauen das
Zeugungsglied des gemordeten und nach dem Tode kastrierten Maigrat
erblicken.
($S. 339, Z. 6.$) Erst lange, nachdem ich diese Stelle
niedergeschrieben hatte, wurde ich darauf aufmerksam, daß fascinum, von
dem fascinare sich herleitet, im Lateinischen (z. B. Horaz, Epod. 8,
18) nichts anderes als das männliche Glied bedeutet. Die Wirkung des
männlichen Bartes auf die Frau ist zwar eine bedeutend schwächere und
nicht gleich allgemeine, aber mit der des Zeugungsgliedes psychologisch
nicht ohne Verwandtschaft.
($S. 340, Z. 9 f.$) _Plato_, Symposion, 202, D-E: Τί οὖν ἄν εἴη ὁ
Ἔρως;.... Μεταξὺ θνητοῦ καὶ ἀθανάτου, .... δαίμων μέγας, ὦ Σώκρατες·
καὶ γὰρ πᾶν τὸ δαιμόνιον μεταξύ ἐστι θεοῦ τε καὶ θνητοῦ. 203 E: οὔτε
ἀπορεῖ Ἔρως ποτὲ οὔτε πλουτεῖ. σοφίας τε αὖ καὶ ἀμαθίας ἐν μέσῳ ἐστίν.
($S. 340, Z. 14 f.$) Der neueste Darsteller der platonischen
Gedankenwelt ist ein Anhänger _Mills_: Theodor _Gomperz_, Griechische
Denker, eine Geschichte der antiken Philosophie, Bd. II, Leipzig 1902,
S. 201 ff. In manchen Regionen scheint dieser vielfach hochverdiente
Autor selbst gefühlt zu haben, wie ferne er einem Verständnis der
inneren Denkmotive des Philosophen ist. Interessanter sind jene Stellen
des Buches, wo der Verfasser Plato zu begreifen meint und beloben zu
müssen glaubt. Vor dem Geiste der Modernität, welcher die höchsten
Synthesen, deren er fähig war, im Lawn-tennis-Spiele vollzogen hat,
vermögen nur zwei Stellen des »Staates« vollste Gnade zu finden. (»_Wir
dürfen es Plato hoch anrechnen_, daß er die ‚hinkende’ Einseitigkeit
des bloßen Sport- und Jagdliebhabers nicht stärker mißbilligt als
jene, die sich nur um die Pflege des Geistes und gar nicht um jene
des Körpers kümmert .... Nicht minder bezeichnend ist es, daß er
auch bei der Auswahl der Herrscher neben den Charaktereigenschaften
nach Möglichkeit die Wohlgestalt berücksichtigt wissen will .... Hier
ist der asketische Verfasser des Phaedon wieder ganz und gar Hellene
geworden.« S. 583.) Dem Dialog über den Staatsmann wird wie als höchste
Anerkennung diese, daß »ein Hauch von baconischem, modern induktivem
Geiste ihn gestreift« habe (S. 465). Gleichsam als das Ruhmwürdigste im
»Phaedon« erscheint die Antizipation der Associationsgesetze (S. 356),
und allen Ernstes wird als eine »wunderbare Äußerung Platons« eine
Stelle des Sophisten (247, D E) gepriesen, die als eine Vorwegnahme der
»modernen Energetik« vielleicht aus purem Wohlwollen gegen den Denker
mißverstanden wird, der mit John Stuart Mill so gar keine Ähnlichkeit
hatte (S. 455). Wie es unter solchen Umständen dem Timaeus ergeht,
das kann man sich leicht ausmalen. Man sollte übrigens -- und diese
Bemerkung richtet sich nicht bloß gegen eine unzulängliche Darstellung
Platos -- es durchaus unterlassen, einen Philosophen oder Künstler
deswegen zu loben, weil die Nur-Wissenschaftler nach tausend Jahren
einen Gedanken von ihm zu begreifen anfangen. _Goethe_, _Plato_ und
_Kant_ sind zu größeren Dingen auf der Erde erschienen, als empirische
Wissenschaft aus ihrer Erfahrung allein je einsehen oder begründen
könnte.
($S. 340, Z. 13 v. u.$) O. _Friedländer_ bemerkt in seinem Aufsatz
»Eine für viele« (vgl. zu S. 115, Z. 10 v. u.) S. 180 f. sehr scharf,
aber wahr: »Nichts kann den Frauen ferner gelegen sein, als der Kampf
gegen die voreheliche Unkeuschheit des Mannes. Was sie im Gegenteil von
dem letzteren verlangen, ist die subtilste Kenntnis aller Details des
Geschlechtslebens und der Entschluß, diese theoretische Superiorität
auch praktisch zur Geltung zu bringen ... Die Jungfrau vertraut ihre
unberührten Reize meist lieber den bewährten Händen des ausgekneipten
Wüstlings an, der lange das Reifeexamen der ars amandi abgelegt hat,
als den zitternden Fingern des erotischen Analphabeten, der das Abc der
Liebe kaum zu stammeln vermag.«
Zu Teil II, Kapitel 12.
($S. 342, Z. 6.$) Das Motto aus _Kant_ habe ich irgendwo citiert
gefunden, kann mich aber nicht entsinnen, wo, noch war es mir möglich,
in Kantens Schriften selbst es zu entdecken. In den »Fragmenten aus
dem Nachlaß« (Bd. VIII, S. 330, ed. Kirchmann) heißt es: »Wenn man
bedenkt, daß Mann und Frau ein moralisches Ganze ausmachen, so muß man
ihnen nicht einerlei Eigenschaften beilegen, sondern der einen solche
Eigenschaften, die dem anderen fehlen« -- übrigens eine Ansicht, durch
die leicht die Wahrheit umgekehrt erscheinen könnte: der Mann hat alle
Eigenschaften der Frau in sich, zumindest als Möglichkeiten; dagegen
ist die Frau ärmer als der Mann, weil nur ein Teil desselben. (Vgl. den
Schluß dieses Kapitels.)
($S. 343, Z. 17.$) Paul Julius _Moebius_, Über den physiologischen
Schwachsinn des Weibes, 5. Aufl., Halle 1903. Über einige Unterschiede
der Geschlechter, in: Stachyologie, Weitere vermischte Aufsätze,
Leipzig 1901, S. 125-138.
($S. 350, Z. 13.$) Man übertreibt oft die Stärke des Verlangens
nach dem Kinde bei der Frau. Ed. v. _Hartmann_ (Phänomenologie des
sittlichen Bewußtseins, 1879, S. 693) bemerkt zum Teil mit Recht:
»Der Instinkt nach dem Besitz von Kindern ist bei _jungen_ Frauen
und Mädchen keineswegs so allgemein und entschieden ausgeprägt, als
man gemeinhin annimmt, und als die Mädchen selbst dies erheucheln,
um dadurch die Männer anzuziehen; erst in reiferen Jahren pflegen
kinderlose Frauen ihren Zustand als schmerzliche Entbehrung im
Vergleich zu ihren kinderbesitzenden Altersgenossinnen zu fühlen
.... Meist geschieht es mehr, um den Mann zufrieden zu stellen, als
um ihrer selbst willen, wenn junge Frauen sich Kinder wünschen; der
Mutterinstinkt erwacht erst, wenn der hilfefordernde junge Weltbürger
_wirklich da ist_.« Man sieht übrigens, wie notwendig sowohl in dieser
Frage als den ewig wiederholten Behauptungen der Gynäkologen gegenüber
(für welche das Weib theoretisch immer nur eine Brutanstalt ist) die im
10. Kapitel durchgeführte Zweiteilung ist.
($S. 353, Z. 2.$)
»Das _Weib_ ist's, das ein _Herz_ sucht, nicht _Genuß_.
Das Weib ist keusch in seinem tiefsten Wesen,
Und was die Scham ist, weiß doch nur ein Weib.«
_Hamerling_, Ahasver in Rom, II. Gesang: Werke, Volksausgabe Hamburg,
Bd. I, p. 58.
($S. 355, Z. 6 f.$) Herbert _Spencer_, Die Prinzipien der Ethik, Bd. I,
Stuttgart 1894, S. 341 f.
($S. 355, Z. 16 v. u. f.$) _Ellis_, Mann und Weib, S. 288 äußert die
interessante Vermutung, daß auch die Erscheinung der _Mimicry_ mit der
_Suggestibilität_ in einem Zusammenhange stehe. Mit der Darstellung im
Texte würde das vielleicht sich besser reimen als irgend eine andere
Deutung jenes Phänomenes.
($S. 356, Z. 5 v. u. ff.$) _Wolfram von Eschenbach_, Parzival,
übersetzt von Karl Pannier (Leipzig, Universalbibliothek), Buch IV,
Vers 698 ff.
($S. 357, Z. 19 v. u. ff.$) Sehr vereinzelt ist unter den Psychiatern
eine Stimme, wie die Konrad _Riegers_, Professors in Würzburg: »Was
ich erstrebe ist die Autonomie der Psychiatrie und Psychologie. Sie
sollen beide frei sein von einer Anatomie, die sie nichts angeht; von
einer Chemie, die sie nichts angeht. Eine psychologische Erscheinung
ist etwas ebenso Originales wie eine chemische und anatomische. Sie hat
keine Stützen nötig, an die angelehnt werden müßte.« (Die Kastration in
rechtlicher, sozialer und vitaler Hinsicht, Jena 1900, S. 31.)
($S. 357, Z. 1 v. u. f.$) Pierre _Janet_, L'État mental des
Hystériques, Paris 1894; L'Automatisme psychologique, Essai de
Psychologie expérimentale sur les formes inférieures de l'activité
humaine, 3. éd., Paris 1898; F. _Raymond_ et Pierre _Janet_, Névroses
et Idées fixes, Paris 1898. -- Oskar _Vogt_: in den zu S. 372, Z. 13
v. u. citierten Aufsätzen. -- Jos. _Breuer_ und Sigm. _Freud_, Studien
über Hysterie, Leipzig und Wien 1895.
($S. 358, Z. 9.$) Sigmund _Freud_, Zur Ätiologie der Hysterie, Wiener
klinische Rundschau, X, S. 379 ff. (1896, Nr. 22-26). Die Sexualität in
der Ätiologie der Neurosen, ibid. XII, 1898, Nr. 2-7.
($S. 358, Z. 13 v. u.$) »Fremdkörper« nach _Breuer_ und _Freud_.
Studien über Hysterie, S. 4.
($S. 358, Z. 8 v. u.$) Hier gedenkt man vielleicht der vollendetsten
Frauengestalt _Zolas_, der _Françoise_ aus dem Romane »La Terre«, und
ihres Verhaltens gegen den von ihr bis zum Schlusse ganz unbewußt
begehrten und stets zurückgewiesenen _Buteau_.
($S. 359, Z. 1 ff.$) Unter den hysterischen _Männern_ sind wohl viele
sexuelle Zwischenformen. Eine Bemerkung _Charcots_ weist darauf hin
(Neue Vorlesungen über die Krankheiten des Nervensystems, insbesondere
über Hysterie, übersetzt von Sigmund _Freud_, Leipzig und Wien 1886,
S. 70): »Beim Manne sieht man nicht selten einen Hoden, _besonders wenn
er Sitz einer Lage- oder Entwicklungsanomalie_ ist, in eine hysterogene
Zone einbezogen.« Vgl. S. 74 über einen hysterischen Knaben von
weibischer Erscheinung. Eine Stelle, die ich in demselben Buche gelesen
zu haben mich bestimmt entsinne, aber später nicht mehr aufzufinden
vermochte, gibt an, daß der Hode besonders dann eine hysterogene Zone
bilde, _wenn er im Leistenkanal zurückgeblieben sei_. Beim Weibe aber
sind die hysterogenen Punkte auch lauter sexuell besonders stark
hervorgehobene (Der Ilial-, Mammar-, Inguinalpunkt, die »Ovarie«, vgl.
_Ziehens_ Artikel »Hysterie« in Eulenburgs Realenzyklopädie). Der
Hode, welcher den Descensus nicht vollzogen hat, ist eine Keimdrüse
von stark weiblicher Sexualcharakteristik (nach Teil I, Kap. 2); er
steht einem Ovarium nahe und kann auch dessen Eigenschaften übernehmen,
also hysterogen werden. -- Ich habe einmal in einer Vorlesung einen
Psychiater die Unrichtigkeit der Lehre von der Weiblichkeit der
Hysterie an einem Knaben demonstrieren sehen, dessen Testikel ihrer
besonderen Kleinheit wegen ihm selbst aufgefallen waren.
Nach _Briquet_ (citiert bei _Charcot_ a. a. O., S. 78) kommen 20
hysterische Frauen auf einen hysterischen Mann.
Im übrigen hat auch der männlichste Mann, vielleicht gerade er am
stärksten, die _Möglichkeit_ des Weibes in sich. _Hebbel_, _Ibsen_,
_Zola_ -- die drei größten Kenner des Weibes im 19. Jahrhundert --
sind extrem männliche Künstler, der letztere so sehr, daß seine Romane
_trotz ihrem oft so sexuellen Gehalte_ bei den Frauen auffallend wenig
in Gunst stehen ... Je mehr Mann einer ist, desto mehr vom Weibe
hat er in sich _überwunden_, und es ist vielleicht der männlichste
Mann insofern zugleich der weiblichste. Hiemit ist die Seite 108
aufgeworfene Frage wohl am richtigsten beantwortet.
($S. 359, Z. 21 v. u. ff.$) Pierre _Janet_ kommt meiner Auffassung
von der passiven Übernahme der Anschauungsweise des Mannes einmal
ziemlich nahe. Névroses et Idées fixes I, 475 f.: »... On a vu que
le travail du directeur pendant les séances ... a été un travail de
synthèse; il a organisé des résolutions, des croyances, des émotions,
il a aidé le sujet à rattacher à sa personnalité des images et des
sensations. Bien plus il a échafaudé tout ce système de pensées autour
d'un centre spécial qui est le souvenir et l'image de sa personne.
Le sujet a emporté dans son esprit et dans son cerveau une synthèse
nouvelle, passablement artificielle et très fragile, sur laquelle
l'émotion a facilement exercé sa puissance désorganisatrice,« p. 477:
les phénomènes »consistent toujours dans une affirmation et une volonté
c'est-à-dire une direction imposée aux gens qui ne peuvent pas vouloir,
qui ne peuvent pas s'adapter, qui vivent d'une manière insuffisante«.
($S. 359, Z. 12 v. u.$) Abulie: Vgl. die Beschreibung _Janets_ (Un cas
d'aboulie et d'idées fixes, Névroses et Idées fixes, Vol. I, p. 1 ff.).
($S. 360, Z. 8 f.$) Von der außerordentlichen _Leichtgläubigkeit_ der
Hysterikerinnen spricht Pierre _Janet_, L'Automatisme Psychologique,
Essai de psychologie expérimentale sur les formes inférieures de
l'activité humaine, 3. éd. Paris 1899, p. 207 f. Ferner pag. 210: »Ces
personnes, en apparence spontanées et entreprenantes, sont de la plus
étrange docilité quand on sait de quelle manière il faut les diriger.
De même que l'on peut changer un rêve par quelques mots adressés au
dormeur, de même on peut modifier les actes et toutes la conduite
d'un individu faible par un mot, une allusion, un signe léger auquel
il obéit aveuglément tandis qu'il résisterait avec fureur si on avait
l'air de lui commander.« _Briquet_, Traité clinique et thérapeutique
de l'hystérie, Paris 1859, p. 98: »Toutes les hystériques que j'ai
observées étaient extrêmement _impressionables_. Toutes, dès leur
enfance, étaient très craintives; elles avaient une peur extrême d'être
grondées, et quand il leur arrivait de l'être, elles étouffaient,
sanglotaient, fuyaient au loin ou se trouvaient mal.« (Vgl. im Texte
weiter unten über die hysterische Konstitution.) Wie hiegegen der
Eigensinn der Hysterischen alles eher denn einen Einwand bildet, das
geht hervor aus der glänzenden Bemerkung von _Lipps_ (Suggestion und
Hypnose, S. 483, Sitzungsberichte der philosophisch-philologischen
und der historischen Klasse der Akademie der Wissenschaften zu
München, 1897, Bd. II): »..... _blinder Eigensinn ist im Prinzip
dasselbe wie blinder Gehorsam_ ....., es kann nicht verwundern, wenn
..... beim suggestibeln ..... Beides angetroffen wird. Der größte
Grad der Suggestibilität ..... bedingt die Willensautomatie. Hier
wirkt ausschließlich oder übermächtig der im Befehl eingeschlossene
Willensantrieb. Ein geringerer Grad der Suggestibilität dagegen kann
neben der Willensautomatie das blinde Zuwiderhandeln gegen den Befehl
erzeugen.«
($S. 360, Z. 16-21.$) Auch _Freuds_ »_Deckerinnerungen_«,
(Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie, VI, 1899), gehören
hieher. Es sind das die Reaktionen des Schein-Ich auf diejenigen
Ereignisse, auf welche es anders antwortet als die eigentliche Natur.
($S. 360, Z. 13 v. u. f.$) Z. B. Th. _Gomperz_, Griechische Denker,
Leipzig 1902, II, 353: »Erst unsere Zeit hat ..... der vermeintlichen
Einfachheit der Seele Tatsachen des »doppelten Bewußtseins« und
verwandte Vorgänge gegenübergestellt«.
($S. 360, Z. 5 v. u.$) Vgl. auch S. 277, Z. 1 ff. und die Anmerkung
hiezu.
($S. 361, Z. 14.$) »Anorexie«, Mangel an Streben, hat man das
zeitweilige Fehlen aller Emotivität, den völligen Indifferentismus
der Hysterischen genannt: dieser resultiert aus der Unterdrückung
der weiblichen Triebe, indem eben die einzige Wertung hier aus dem
Bewußtsein verdrängt ist, deren die Frauen fähig sind und die sonst ihr
Handeln bestimmt.
($S. 361, Z. 17.$) Über den »Shock nerveux« vgl. Oeuvres complètes de
J. M. _Charcot_, Leçons sur les maladies du système nerveux, Tome III,
Paris 1887, p. 453 ff.
($S. 361, Z. 22.$) »Gegenwille«: _Breuer_ und _Freud_, Studien über
Hysterie, S. 2.
($S. 361, Z. 14 v. u.$) Über die »Abwehr«: _Freud_, Neurologisches
Zentralblatt, 15. Mai 1894, S. 364.
($S. 361, Z. 4 v. u.$) Das »schlimme Ich«: Ausdruck einer Patientin
_Breuers_ (Breuer und Freud, Studien über Hysterie, S. 36).
($S. 362, Z. 7.$) Der Ausdruck »_Konversion_«, »konvertieren« ist
eingeführt worden von _Freud_, Die Abwehr-Neuropsychosen, Versuch einer
psychologischen Theorie der akquirierten Hysterie, vieler Phobien
und Zwangsvorstellungen und gewisser halluzinatorischer Psychosen,
Neurologisches Zentralblatt, Bd. XIII, 1. Juni 1894, S. 402 ff. Vgl.
auch _Breuer_ und _Freud_, Studien über Hysterie, S. 73, 105, 127,
177 ff., 190, 261. Er bedeutet: Umsetzung gewaltsam unterdrückter
psychischer Erregung in körperliche Dauersymptome.
($S. 362, Z. 11.$) Vgl. P. J. _Moebius_, Über den Begriff der Hysterie,
Zentralblatt für Nervenheilkunde, Psychiatrie und gerichtliche
Psychopathologie, XI, 66-71 (1. II. 1888).
($S. 363, Z. 9.$) _Breuer_ und _Freud_, Studien über Hysterie, S. 6.
($S. 363, Z. 11 v. u.$) _Breuer_ und _Freud_, Studien über Hysterie,
S. 10, 203.
($S. 364, Z. 3.$) Zur hysterischen Heteronomie vgl. z. B. Pierre
_Janet_, Névroses et Idées fixes, I, 458: »D....., atteinte de foluè du
scrupule, me demande si réellement elle est très méchante, si tout ce
qu'elle fait est mal; je lui certifie qu'il n'en est rien et elle s'en
va contente.«
($S. 364, Z. 21 v. u.$) O. _Binswanger_, Artikel »Hypnotismus« in
Eulenburgs Realenzyklopädie der gesamten Heilkunde, 3. Aufl., Bd.
XI, S. 242: »Hysterische Individuen geben die reichste Ausbeute an
hypnotischen Erscheinungen.«
($S. 365, Z. 1 ff.$) Daß das Verhältnis zwischen Hypnotiseur und Medium
ein sehr sexuelles ist, wird durch die merkwürdigen, besonders von
Albert _Moll_ (Der Rapport in der Hypnose, Untersuchungen über den
tierischen Magnetismus, Schriften für psychologische Forschung, Heft
III-IV, Leipzig 1892) studierten Tatsachen des »Isolier-Rapportes«
bewiesen. Literatur bei _Janet_, Névroses et Idées fixes, Vol. I,
Paris 1898, p. 424, vgl. auch p. 425: »Si le sujet n'a été endormi
qu'un très petit nombre de fois à des intervalles éloignés ... il se
réveillera de l'hypnose dans un état presque normal et ne conservera
de son hypnotiseur aucune préoccupation particulière ... Au contraire,
si, pour un motif quelconque ... les séances de somnambulisme sont
rapprochées, il est facile de remarquer que l'attitude du sujet
vis-à-vis de l'hypnotiseur ne tarde pas à se modifier. Deux faits
sont surtout apparents: le sujet, qui d'abord avait quelque crainte
ou quelque répugnance pour le somnambulisme, recherche maintenant les
séances avec un désir passioné; en outre, surtout à un certain moment,
il parle beaucoup de son hypnotiseur et s'en préoccupe d'une façon
évidemment excessive.« Also wirkt die Hypnose ganz wie der Koitus auf
das Weib, es findet um so mehr Geschmack daran, je öfter sie wiederholt
wird. Vgl. p. 427 f. über die »passion somnambulique«: »Les malades ...
se souviennent du bien-être que leur a causé le somnambulisme précédent
et ils n'ont plus qu'une seule pensée, c'est d'être endormis de
nouveau. Quelques malades voudraient être hypnotisés par n'importe qui,
mais le plus souvent il n'en est pas ainsi, c'est leur hypnotiseur,
celui qui les a déjà endormis fréquemment, qu'ils réclament avec une
impatience croissante.« p. 447 über die Eifersucht der Medien: »...
beaucoup de magnétiseurs ont bien décrit la souffrance qu'éprouve une
somnambule quand elle apprend que son directeur endort de la même
manière une autre personne.« Ferner p. 451: »Si Qe., même seule, laisse
sa main griffonner sur le papier, elle voit avec étonnement qu'elle
a sans cesse écrit mon nom ou quelque recommandation que je lui ai
faite.« »Si je la laisse regarder [une boule de verre] en évitant
de lui rien suggérer, elle ne tarde pas à voir ma figure dans cette
boule.« Janet selbst bespricht die Frage, ob die hypnotischen Phänomene
sexuelle seien, S. 456 f., verneint sie aber aus ganz unstichhältigen
Gründen, z. B. weil die Hypnotisierte oft vor dem Magnetiseur Angst
habe, oder ihm mütterliche Gefühle entgegenbringe; aber es ist klar,
daß die Angst der Frauen vor dem Manne nur die Verschleierung eines
erwartungsvollen Begehrens, und das mütterliche Verhältnis eben auch
ein geschlechtliches ist. _Moll_ selbst sagt S. 131: »Eine gewisse
Verwandtschaft der geschlechtlichen Liebe mit dem suggestiven Rapport
kann übrigens für einzelne Fälle nicht geleugnet werden.« _Freud_ bei
_Breuer_ und _Freud_, Studien über Hysterie, S. 44: »So macht sich
jedesmal schon während der Massage mein Einfluß geltend, sie wird
ruhiger und klarer und findet auch ohne hypnotisches Befragen die
Gründe ihrer jedesmaligen Verstimmung u. s. f.« So wie die sexuellen
Bande, welche eine Frau an einen Mann knüpfen, gelockert werden durch
jede Schwäche, jede Lüge des letzteren, so vermag auch der Einfluß
einer Suggestion gebrochen zu werden, sobald der Wille des Suggestors
sich als gegensätzlich zu dem herausgestellt hat, was speziell von ihm
erwartet wurde. Einen solchen Fall teilt _Freud_ mit (_Breuer_ und
_Freud_, Studien über Hysterie, S. 64 f.): »Die Mutter ... gelangte auf
einem Gedankenwege, dem ich nicht nachgespürt habe, zum Schluß, daß wir
beide, Dr. N... und ich, Schuld an der Erkrankung des Kindes trügen,
weil wir ihr das schwere Leiden der Kleinen als leicht dargestellt,
hob gewissermaßen durch einen Willensakt die Wirkung meiner Behandlung
auf und verfiel alsbald wieder in dieselben Zustände, von denen ich
sie befreit hatte.« Das Verhältnis zwischen Medium und Hypnotiseur ist
eben stets und unabänderlich, zumindest auf der Seite des ersteren, ein
_sexuelles_ oder einem sexuellen ganz analog.
($S. 365, Z. 9.$) _Breuer_ bei _Breuer_ und _Freud_, Studien über
Hysterie, S. 6-7.
($S. 365, Z. 2 v. u.$) Umwandlung des hysterischen Anfalls in
Somnambulismus: Pierre _Janet_, Névroses et Idées fixes, Vol. I, Paris
1898, p. 160 f.
($S. 366, Z. 9-12.$) Es ist wohl überaus gewagt und sagt mir, als zu
grob, selbst wenig zu, auch die etwaigen Heilerfolge der Ovariotomie
hysterischer Erkrankung gegenüber, von denen so häufig berichtet wird,
im Sinne meiner Theorie zu interpretieren. Dennoch fügen sich die
zahlreichen bezüglichen Angaben, wenn auf sie nur Verlaß ist, leicht
in die Gesamtanschauung. Die Geschlechtlichkeit nämlich, welche der
Imprägnation mit dem gegengeschlechtlichen Willen entgegensteht, wird
durch jene Operation radikal aufgehoben oder ungemein vermindert (vgl.
Teil I, Kap. 2), und so entfällt der Anlaß zum Konflikte.
(S. 367, Z. 1 ff.) F. _Raymond_ et Pierre _Janet_, Névroses et Idées
fixes, Vol. II, Paris 1898, p. 313: »La malade entre à l'hôpital
... nouvelle émotion en voyant une femme qui tombe par terre: cette
émotion bouleverse l'équilibre nerveux, lui rend tout à coup la
parole et transforme l'hémiplégie gauche en paraplégie complète. _Ces
transformations, ces équivalences sont bien connues dans l'hystérie_;
ce n'est pas une raison pour que nous ne déclarions pas qu'elles sont
à notre avis très étonnantes et probablement très instructives sur le
mécanisme du système nerveux central.«
($S. 367, Z. 2 v. u. f.$) Hiemit stimmen alle Angaben über den
Charakter der Hysterischen gut überein. Z. B. bemerkt _Sollier_,
Genèse et Nature de l'Hystérie, Paris 1897, Vol. I, p. 460: »Elles
[les hystériques] sentent instinctivement qu'elles ont besoin d'être
dirigées, commandées, et c'est pour cette raison qu'elles s'attachent
de préférence à ceux qui leur imposent, chez qui elles sentent une
volonté très-forte.« Er citiert die Äußerung einer seiner Patientinnen:
»II faut que je sois en sous-ordre; ... je sais bien faire ce qu'on
me commande, mais je ne serais pas capable de faire les choses toute
seule, et encore moins de commander à d'autres.«
($S. 368, Z. 10.$) Man könnte vielleicht glauben, daß die _Mutter_
das hysterische Weib sei: dies war eine Zeitlang meine Anschauung,
da ich die Mutter für weniger sinnlich hielt und die Hysterie aus
einem Konflikte zwischen dem bloß nach dem Kinde gehenden Wunsche
des Einzelwesens und dem Widerstreben gegen das, diesen Zweck zu
erreichen, erforderliche Mittel, also aus einem im Unbewußten
erfolgenden Zusammenstoß von Individual- und Gattungswillen in
einem einzigen Individuum mir zu erklären suchte. Nach _Briquet_
sind aber Prostituierte sehr häufig hysterisch. Es besteht hierin
kein Unterschied zwischen Mutter und Dirne. Denn ebenso können
Hysterikerinnen auch Mütter sein: die _Léonie_, an der Pierre
_Janet_ so viele Erfahrungen gesammelt hat, betrachtete ihn, der ihr
Magnetiseur war, als ihren _Sohn_ (Névroses et Idées fixes, Vol. I,
p. 447). Ich habe seither reichlich Gelegenheit gefunden, selbst
wahrzunehmen, daß Mütter und Prostituierte unterschiedslos hysterisch
sind.
($S. 370, Z. 13.$) Paul _Sollier_, Genèse et Nature de l'Hystérie,
Recherches cliniques et expérimentales de Psycho-Physiologie Paris
1897, Vol. I, p. 211: »..... L'anésthésie est bien plus fréquente
chez les hystériques que l'hyperésthésie, et par suite la frigidité
est l'état le plus habituel ..... Il est aussi une conséquence de
l'anésthésie des organes sexuels chez l'hystérique qu'il est bon de
signaler et que j'ai été à même de constater: c'est l'absence de
sensation des mouvements du foetus pendant la grossesse. Quoique
ceux-ci soient faciles à démontrer par la palpation, ce phénomène
peut cependant donner dans certains cas des craintes non justifiées
sur la santé du foetus; ou pousser certaines femmes à réclamer une
intervention en niant énergiquement qu'elles sont enceintes.« Zum
zehnten Kapitel (S. 291) würde das wohl stimmen: die Verleugnung der
Sexualität muß auch eine Verleugnung des Kindes mit sich führen. Vgl.
ferner bei _Sollier_ noch Vol. I, pag. 458: »Chez celles-ci [les
grandes hystériques] il y a de l'anésthésie génitale comme de tous
les organes, et elles sont ordinairement complètement frigides .....
Certaines hystériques prennent l'horreur des rapports conjugaux qui
leur sont ou absolument indifférents quand elles sont anésthésiques, ou
désagréables quand elles ne le sont pas tout-à-fait.«
($S. 370, Z. 17.$) Oskar _Vogt_, Normalpsychologische Einleitung in
die Psychopathologie der Hysterie, Zeitschrift für Hypnotismus, Bd.
VIII, 1899, S. 215: »Ich gebe A. einerseits die Suggestion, daß bei
jeder Berührung des rechten Armes in ihm die Vorstellung einer roten
Farbe auftauchen solle, und anderseits mache ich den rechten Arm
anästhetisch. Berühre ich jetzt den Arm, so empfindet A. nicht die
Berührung trotz darauf eingestellter Aufmerksamkeit, aber bei jeder
meiner nicht von A. empfundenen Berührungen tritt doch die Vorstellung
der roten Farbe in A. auf.«
($S. 372, Z. 3.$) Guy de _Maupassant_, Bel-Ami, Paris, S. 389 f.
($S. 372, Z. 4-8.$) Von einem solchen sehr lehrreichen Fall von
Imprägnation durch gänzlich von außen gekommene Vorstellungen erzählt
_Freud_ bei Breuer und Freud, Studien über Hysterie, 1895, S. 242 f.
Eine Dame phantasiert da in den Symbolen der Theosophen, in deren
Gesellschaft sie eingetreten ist. Auf Freuds Frage, seit wann sie sich
Vorwürfe mache und mit sich unzufrieden sei, antwortet sie, _seitdem
sie Mitglied des Vereines geworden sei und die von ihm herausgegebenen
Schriften lese_. Suggestibel sind Frauen wie Kinder eben auch durch
Bücher.
($S. 372, Z. 13.$) Der Ausdruck »Schutzheilige etc.« stammt von
_Breuer_ (_Breuer_ und _Freud_, Studien über Hysterie, S. 204).
Einiges Interessante in einem freilich tendenziös antireligiösen
Schriftchen des Dr. _Rouby_, L'Hystérie de Sainte Thérèse (Bibliothèque
diabolique), Paris, Alcan, 1902, p. 11 f., 16 f., 20 f., 39 f. _Gilles
de la Tourette_, Traité clinique et thérapeutique de l'Hystérie
d'après l'enseignement de la Salpétrière, Paris 1891, Vol. I, p. 223
bemerkt: »Il n'est pas douteux que sainte Thérèse ..... fût atteinte de
cardialgie hystérique, ou mieux d'angine de poitrine de même nature,
complexus qui s'accompagne souvent de troubles hyperésthésiques de
la région précordiale.« _Hahn_, Les phénomènes hystériques et les
révélations de Sainte-Thérèse, Revue des Questions Scientifiques, Vol.
XIV et XV, Bruxelles 1882. Charles _Binet-Sanglé_, Physio-Psychologie
des Religieuses, Archives d'Anthropologie criminelle, XVII, 1902,
p. 453-477, 517-545, 607-623.
($S. 372, Z. 13 v. u. f.$) Oskar _Vogt_, Die direkte psychologische
Experimentalmethode in hypnotischen Bewußtseinszuständen, Zeitschrift
für Hypnotismus V, 1897, S. 7-30, 180-218. (Vgl. besonders S. 195 ff.:
»Die Erfahrung lehrt, daß die Exaktheit der Selbstbeobachtung
noch durch Suggestionen gesteigert werden kann.« S. 199: »Die
Selbstbeobachtung kann gehoben werden: einmal durch spezialisierte
Intensitätsverstärkungen oder Hemmungen und dann durch Einengung
des Wachseins und damit der Aufmerksamkeit auf die am Experiment
beteiligten Bewußtseinselemente.« S. 218: »Es kann sich im einzelnen
Menschen hohe Suggestibilität mit der Fähigkeit einer kritischen
Selbstbeobachtung verbinden« [nämlich im Zustande des vom Hypnotiseur
erzeugten »partiellen systematischen Wachseins«.]) Zur Methodik der
ätiologischen Erforschung der Hysterie, ibid. VIII, 1899, S. 65 ff.,
besonders S. 70. Zur Kritik der hypnogenetischen Erforschung der
Hysterie, ibid. 342-355. _Freud_ als Vorgänger: _Breuer_ und _Freud_,
Studien über Hysterie S. 133 ff.
($S. 378, Z. 13.$) Die Bemerkung über _Schopenhauer_ bedarf einer
Erläuterung. Die Verwechslung von Trieb und Wille ist vielleicht der
folgenschwerste Fehler des Schopenhauerschen Systemes. So viel sie zur
Popularisierung seiner Philosophie beigetragen hat, um ebensoviel hat
sie die Tatsachen unzulässig vereinfacht. Aus ihr erklärt sich, wie
Schopenhauer, für den das intelligible Wesen des Menschen mit Recht
Wille ist, dasselbe überall in der belebten Natur und schließlich
auch in der unbelebten als Bewegung wiederfinden kann. Dadurch aber
kommt notwendig Konfusion in Schopenhauers System. Er ist im tiefsten
Grunde _dualistisch_ veranlagt, und hat eine _monistische Metaphysik_;
er weiß, daß gerade das intelligible Wesen des _Menschen_ Wille ist
und muß doch durch eine unglückliche Psychologie, welche Willen und
Intellekt in einer sehr verfehlten Weise sondert, und nur den letzteren
allein dem Menschen zuteilt, diesen von Tier und Pflanze unterscheiden;
er ist, was man auch sagen mag, _zuletzt_ Optimist, als _Bejaher_ einer
anderen Seinsform, über die er nur aller positiven Bestimmungen sich
enthält, also eines anderen Lebens: und, so paradox dies dem heutigen
Ohr klinge, nur sein _Monismus_ gibt dem System die pessimistische
Wertung: indem er den gleichen Willen hier wie dort sieht, ewiges
und irdisches Leben nicht scheidet, und die einzige Unsterblichkeit
danach nur die des Gattungswillens sein kann. So offenbart sich die
Identifikation des höheren mit dem niederen Willensbegriff -- welchen
letzteren man stets als Trieb bezeichnen sollte -- als das Verhängnis
seiner ganzen Philosophie. Hätte er die Kantische Moralphilosophie
verstanden, so hätte er auch eingesehen, was der Unterschied zwischen
Wille und Trieb ist: _der Wille ist stets frei, und nur der Trieb
unfrei. $Es gibt gar keine Frage nach der Freiheit, sondern nur
eine nach der Existenz des Willens.$_ Alle _Phänomene_ sind kausal
bedingt; einen Willen kann darum die _empirische_ Psychologie, die nur
psychische _Phänomene_ anerkennt, nicht brauchen und nicht zulassen.
_Denn aller Wille ist seinem Begriffe nach frei und von absoluter
Spontaneität._ _Kant_ sagt (Grundlegung zur Metaphysik der Sitten,
S. 77, Kirchmann): »Die Idee der Freiheit müssen wir voraussetzen, wenn
wir uns ein Wesen als vernünftig und mit Bewußtsein seiner Kausalität
in Ansehung der Handlungen, das ist mit einem Willen begabt uns denken
wollen, und so finden wir, daß wir aus ebendemselben Grunde jedem
mit Vernunft und Willen begabten Wesen diese Eigenschaft, sich unter
der Idee seiner Freiheit zum Handeln zu bestimmen, beilegen müssen.«
Unfreiheit des Willens gibt es, wie man sieht, auch für Kant gar nicht:
der Wille kann gar nicht determiniert werden. Der Mensch, der _will_,
wirklich _will_, will immer _frei_. Der Mensch hat aber freilich
nicht nur einen Willen, sondern auch Triebe. _Kant_ (ibid. S. 78):
»Dieses [das moralische] Sollen ist eigentlich ein Wollen, das unter
der Bedingung für jedes vernünftige Wesen gilt, wenn die Vernunft bei
ihm ohne Hindernisse praktisch wäre; für Wesen, die, wie wir, noch
durch Sinnlichkeit, als Triebfedern anderer Art, affiziert werden, bei
denen es nicht immer geschieht, was die Vernunft für sich allein tun
würde, heißt jene Notwendigkeit der Handlung nur ein Sollen, und die
subjektive Notwendigkeit wird von der objektiven unterschieden.«
_$Aller$ Wille ist $Wille zum Wert$, und aller $Trieb$ Trieb nach
der $Lust$_; es gibt keinen Willen zur Lust und auch keinen _Willen_
zur _Macht_, sondern nur Gier und zähen Hunger nach der Herrschaft.
_Platon_ hat dies im »Gorgias« wohl erkannt, er ist aber nicht
verstanden worden. 466 D E: φημὶ γὰρ, ὦ Πῶλε, ἐγὼ τοὺς ρήτορας καὶ
τοὺς τυράννους δύνασθαι μὲν ἐν ταῖς πόλεσι σμικρότατον, ὥσπερ νῦν δὴ
ἔλεγον· _οὐδεν γὰρ ποιεῖν ὦν βούλονται_, ὡς ἔπος εἰπεῖν· ποιεῖν μέντοι
ὅτι ἂν αὐτοῖς δόξη βέλτιστον εἶναι. Und das »οὐδεὶς ἑκὼν ἁμαρτάνει« des
_Sokrates_ -- noch oft wird es wohl verloren gehen, immer wieder werden
all die seichten und verständnislosen Einwände gegen diese gewisseste
Erkenntnis sich vernehmen lassen und die noch traurigeren Versuche,
Sokrates wegen dieses Ausspruches gewissermaßen zu _entschuldigen_
(so z. B. _Gomperz_, Griechische Denker, Eine Geschichte der antiken
Philosophie, Leipzig 1902, S. 51 ff.) unternommen werden. Um so öfter
muß er denn wiederholt werden.
Die Idee eines ganz freien Wesens ist die Idee Gottes; die Idee
eines aus Freiheit und Unfreiheit gemischten Wesens ist die Idee des
Menschen. _Soweit_ der Mensch _frei ist_, das heißt frei _will_, soweit
_ist_ er Gott. Und so ist die Kantische Ethik im tiefsten Grunde
mystisch und sagt nichts anderes als _Fechners_ Glaubenssatz:
»In Gott ruht meine Seele
Gott wirkt sie in sich aus;
Sein Wollen ist mein Sollen.«
(Die drei Motive und Gründe des Glaubens, Leipzig 1863, S. 256.)
($S. 378, Z. 2 v. u. f.$) Vgl. A. P. _Sinnett_, Die esoterische Lehre
oder Geheimbuddhismus, 2. Aufl., Leipzig 1899, S. 153-172.
($S. 381, Z. 17.$) Es ist eines der schönsten Worte _Goethes_ (Maximen
und Reflexionen, III): »_Die Idee ist ewig und einzig; daß wir auch den
Plural brauchen, ist nicht wohlgethan._«
($S. 381, Z. 2 v. u.$) Ich finde nur in der kleinen, aber interessanten
Schrift Karl _Joels_, Die Frauen in der Philosophie, Hamburg 1896
(Sammlung gemeinverständlicher wissenschaftlicher Vorträge, Heft 246),
S. 59, eine entfernt ähnlich lautende Bemerkung: »Das Weib ist
intellektuell glücklicher, aber unphilosophischer nach dem alten Worte,
daß die Philosophie aus dem Ringen und Zweifel der Seele geboren wird.
Schopenhauers Mutter war eine Romanschriftstellerin und seine Schwester
eine Blumenmalerin.«
($S. 383, Z. 15.$) Vgl. _Taguet_, Du suicide dans l'hystérie, Annales
Médico-Psychologiques, V. Série, Vol. 17, 1877, p. 346: »L'hystérique
ment dans la mort comme elle ment dans toutes les circonstances de sa
vie.«
($S. 384, Z. 6 v. u.$) Lazar B. _Hellenbach_, Die Vorurteile der
Menschheit, Bd. III: Die Vorurteile des gemeinen Verstandes, Wien 1880,
S. 99.
($S. 388, Z. 5-11.$) Wie innig Geschlechtlichkeit und Grenzaufhebung
Hand in Hand gehen, darüber macht _Bachofen_, Das Mutterrecht,
S. XXIII, eine Andeutung. »Der dionysische Kult .... hat alle Fesseln
gelöst, alle Unterschiede aufgehoben, und dadurch, daß er den Geist
der Völker vorzugsweise auf die Materie und die Verschönerung des
leiblichen Daseins richtete, das Leben selbst wieder zu den Gesetzen
des Stoffes zurückgeführt. Dieser Fortschritt der Versinnlichung des
Daseins fällt überall mit der Auflösung der politischen Organisation
und dem Verfall des staatlichen Lebens zusammen. An der Stelle reicher
Gliederung macht sich das Gesetz der Demokratie, der ununterschiedenen
Masse, und jene Freiheit und Gleichheit geltend, welche das
natürliche Leben vor dem civil-geordneten auszeichnet und das der
leiblich-stofflichen Seite der menschlichen Natur angehört. Die
Alten sind sich über diese Verbindung völlig klar, heben sie in den
entscheidendsten Aussprüchen hervor .... Die dionysische Religion ist
zu gleicher Zeit die Apotheose des aphroditischen Genusses und die der
allgemeinen Brüderlichkeit, daher den dienenden Ständen besonders lieb
und von Tyrannen, den Pisistratiden, Ptolemäern, Caesar im Interesse
ihrer auf die demokratische Entwicklung gegründeten Herrschaft [vgl.
Kapitel X, S. 302] besonders begünstigt.« »Ausfluß einer wesentlich
weiblichen Gesinnung«, so nennt Bachofen a. a. O. diese Erscheinungen;
doch ist ihm keineswegs eine wirkliche Einsicht in die tieferen Gründe
des Phänomens gewährt gewesen; neben Aussprüchen wie diesem finden sich
begeisterte Hymnen auf die keusche Natur des Weibes auch bei ihm.
($S. 389, Z. 6.$) »Klein-Eyolf«, 3. Akt (Henrik _Ibsens_ sämtliche
Werke, herausgegeben von Brandes, Elias, Schlenther. Berlin, Bd. IX,
S. 72).
($S. 389, Z. 14.$) Über die schwierige Frage des Verhältnisses des
Âtman zum Brahman vgl. Paul _Deussen_, Das System des Vedânta etc.,
Leipzig 1883, S. 50 f.
($S. 391, Z. 1.$) _Milne-Edwards_, Introduction à la Zoologie
générale, I. partie, Paris 1851, p. 157. Ebenso Rudolf _Leuckart_,
Artikel »Zeugung« in Wagners Handwörterbuch der Physiologie, Bd. IV,
Braunschweig 1853, S. 742 f.: ».... In physiologischer Beziehung
erscheint diese Verteilung der weiblichen und männlichen Organe als
eine Arbeitsteilung.«
Wenig Verständnis für das Verhältnis des Männlichen zum Weiblichen
verraten _Leuckarts_ abweisende Worte (a. a. O.): »Man hört nicht
selten die Behauptung, daß männliche und weibliche Individuen einer
Tierform nach Ausstattung und Tätigkeiten nicht bloß unter sich
verschieden, sondern _entgegengesetzt_ seien. Eine solche Auffassung
müssen wir jedoch auf das entschiedenste zurückweisen. Die Lehre von
dem Gegensatze der Geschlechter, die zunächst aus gewissen unklaren
und mystischen Vorstellungen von der Begattung und Befruchtung
hervorgegangen ist, stammt aus einer Zeit der naturhistorischen
Forschung, in der man meinte, mit den Begriffen von Polarität, polarem
Verhalten u. s. w. das Leben in allen seinen Erscheinungen erklären zu
können. Männliche und weibliche Produkte, Organe, Individuen sollten
sich hienach verhalten wie + und -, als ob die Natur mit Geschlecht
und Geschlechtsstoffen hantierte wie ein Physiker mit Elektrizität und
Leydener Flaschen!
Eine unbefangene und vorurteilsfreie Naturbetrachtung zeigt uns
zwischen männlichen und weiblichen Geschlechtsteilen keinen anderen
Gegensatz als überhaupt zwischen Organen und Organgruppen, die sich
in ihren Leistungen gegenseitig unterstützen und ergänzen .... Die
physiologischen Motive einer solchen Arbeitsteilung sind im allgemeinen
nicht schwer zu bezeichnen. Es sind im Grunde dieselben, die eine jede
Arbeitsteilung, auch auf dem Gebiete des praktischen Lebens, in unseren
Augen rechtfertigen. Es sind die Vorteile, welche damit verbunden sind,
vor allem Ersparnis an Kraft und Zeit für andere neue Leistungen.
_In dem Dualismus des Geschlechtes sehen wir nichts anderes als eine
mechanische Veranstaltung, aus der gewisse Vorteile hervorgehen._«
Diese Auffassung des Geschlechtsunterschiedes ist die am weitesten
verbreitete. Daneben kommen noch die Anschauungen von K. W. _Brooks_
(The law of Heredity, a study of the cause of variation and the
origin of living organisms, Baltimore 1883) und August _Weismann_
(Die Bedeutung der sexuellen Fortpflanzung für die Selektionstheorie,
Jena 1886) in Betracht, welche die geschlechtliche Fortpflanzung als
das Mittel ansehen, »dessen sich die Natur bedient, um Variationen
hervorzubringen« (so Weismann, Aufsätze über Vererbung, Jena 1892,
S. 390); schließlich noch die Auffassungen von Edouard _van Beneden_
(Recherches sur la maturation de l'œuf, la fécondation et la division
cellulaire, Gand 1883, p. 404 f.), Viktor _Hensen_ (Physiologie der
Zeugung, in Hermanns Handbuch der Physiologie, Bd. VI/_{2}, S. 236 f.),
_Maupas_ (Le rajeunissement karyogamique chez les Ciliés, Archives
de Zoologie expérimentale, 2. série, Vol. VII, 1890) und _Bütschli_
(Über die ersten Entwicklungsvorgänge der Eizelle, Zellteilung und
Konjugation der Infusorien, Abhandlungen der Senckenbergischen
naturforsch. Gesellschaft, X, 1876), welche allerdings mehr auf das
Wesen des _Befruchtungs_prozesses sich beziehen: in welchem diese
Forscher nämlich die Absicht einer _Verjüngung_ der Individuen
erblicken. -- Was Wilhelm _Wundt_, System der Philosophie, 2. Aufl.,
Leipzig 1897, S. 521 ff. über geschlechtliche und ungeschlechtliche
Zeugung sagt, geht über eine Rezeption der herrschenden
naturwissenschaftlichen Anschauungen nicht hinaus.
($S. 391, Z. 16.$) Die diesbezügliche Widerlegung der Deszendenzlehre
bei _Fechner_, Einige Ideen zur Schöpfungs- und Entwicklungsgeschichte
der Organismen, Leipzig 1873, S. 59 ff.
($S. 392, Z. 16 v. u.$) _Plato_ im _Timaeus_, p. 50 B C: »δέχεται
τε γὰρ ἀεὶ τὰ πάντα, καὶ μορφὴν οὐδεμίαν ποτὲ οὐδενὶ τῶν εἰσιόντων
ὁμοιαν εἰληφεν οὐδαμῆ οὐδαμως· _ἐκμαγεὶον_ γὰρ φύσει παντὶ κεῖται,
κινούμενόν τε καὶ διασχηματιζόμενον ὑπο τῶν εἴσιόντων. φαίνεται δὲ
δι' ἐκεῖνα ἄλλοτε ἀλλοιον· τὰ δὲ εἰσιόντα καὶ ἐξιόντα τῶν ὄντων ἀεὶ
μιμήματα, τυπωθέντα ἀπ' αὐτων τρόπον τινὰ δύσφραστον καὶ θαυμαστόν, ὁν
εἰς αῦθις μέτιμεν. ἐν δ'οὖν τῷ παρόντι χρὴ γένη διανοηθῆναι τριττἀ, τὸ
μὲν γιγνόμενον, τὸ δὲ ἐν ῷ γίγνεται, τὸ δ'ὁθεν ἀφομοιούμενον φύεται τὸ
γιγνόμενον.« 52 A B: »τρίτον δὲ αὖ γὲνος τὸ τῆς _χώρας_ ἀεὶ φθορὰν
οὐ προσδεχόμενον, ἕδραν δὲ παρέχον ὅσα ἔχει γένεσιν πᾶσιν, αὐτὸ δὲ
μετ' ἀναισθησίας ἁπτὸν λογισμω τινὶ νόθω, μόγις πιστόν, πρὸς ὁ δὴ καὶ
ὀνειροπολοῦμεν βλέποντες καὶ φαμεν ἀναγκαῖον εἶναί που τὸ ὄν ἁπαν
ἔν τινι τόπω καὶ κατέχον χώραν τινά, τό δὲ μήτε ἐν γῆ μήτε που κατ'
οὐρανὸν οὐδὲν εἶναι« u. s. w. Vgl. J. J. _Bachofen_, Das Mutterrecht,
Stuttgart 1861, S. 164-168.
($S. 392, Z. 11 v. u. f.$) Diese Interpretation der χώρα als des Raumes
hat am ausführlichsten Hermann _Siebeck_ zu begründen gesucht (Platos
Lehre von der Materie, Untersuchungen zur Philosophie der Griechen, 2.
Aufl., Freiburg 1888, S. 49-106).
($S. 393, Z. 5.$) _Plato_, Timaeus, 50 D: »Καὶ δὴ καὶ προσεικάσαι
πρέπει τὸ μὲν δεχόμενον _μητρί_, τὸ δ'ὅθεν πατρί, τὴν δὲ μεταξὺ τούτων
φύσιν ἐκγόνῳ.« 49 A: »τίνα οὖν ἔχον δύναμιν κατὰ φύσιν αὐτὸ ὑποληπτέον;
τοιάνδε μάλιστα, πάσης εἶναι γενέσεως ὑποδοχὴν αὐτό, οἷον _τιθήνην_.«
Vgl. _Plutarch_ de Is. et Osir. 56 (Moralia 373 E F).
($S. 393, Z. 6.$) _Aristoteles_: vgl. zu S. 240, Z. 19.
($S. 393, Z. 7 v. u.$) _Kant_, Metaphysische Anfangsgründe der
Naturwissenschaft, Zweites Hauptstück, Erklärung 1-4.
($S. 394, Z. 6 v. o.$) Die Ahnung dieser tieferen Bedeutung des
Gegensatzes von Mann und Weib ist sehr alt (vgl. S. 13). Die
_Pythagoreer_ haben nach _Aristoteles_ (Metaphysik, A 5, 986 a 22-26)
eine »Tafel der Gegensätze« aufgestellt, in welcher sie ».... τὰς ἀρχὰς
δέκα λέγουσιν εἶναι τὰς κατὰ συστοιχίαν λεγομένας, πέρας καὶ ἄπειρον,
περιττὸν καὶ ἄρτιον, ἕν καὶ πλῆθος, δεξιὸν καὶ ἀριστερόν, _ἄρρεν καὶ
θῆλυ_, ἠρεμοῦν καὶ κινούμενον, εὐθὺ καὶ καμπύλον, φῶς καὶ σκότος,
ὰγαθὸν καὶ κακόν, τετράγωνον καὶ ἑτερόμηκες.«
($S. 399, Z. 15.$) Hier möchte ich nicht unterlassen, _Giordano Brunos_
Worte anzuführen (De gli eroici furori, im einleitenden Schreiben an
Sir Philip Sidney, Opere di Giordano Bruno Nolano ed. Adolfo Wagner,
Vol. II, Leipzig 1830, p. 299 f.):
»È cosa veramente .... da basso, bruto e sporco ingegno d' essersi
fatto constantemente studioso, et aver affisso un curioso pensiero
circa o sopra la bellezza d' un corpo feminile. Che spettacolo,
o dio buono, più vile e ignobile può presentarsi ad un occhio di
terso sentimento, che un uomo cogitabundo, afflitto, tormentato,
triste, maninconioso, per divenir or freddo, or caldo, or fervente,
or tremante, or pallido, or rosso, or in mina di perplesso, or in
atto di risoluto, un, che spende il miglior intervallo di tempo e
li più scelti frutti di sua vita corrente destillando l' elixir del
cervello con mettere in concetto, scritto e sigillar in publici
monumenti quelle continue torture, que' gravi tormenti, que' razionali
discorsi, que' faticosi pensieri, e quelli amarissimi studi,
destinati sotto la tirannide d' una indegna, imbecilla, stolta e
sozza sporcaria?.......... ............... Ecco vergato in carte,
rinchiuso in libri, messo avanti gli occhi, e intonato a gli orecchi
un rumore, un strepito, un fracasso d'insegne, d'imprese, di motti,
d'epistole, di sonetti, d'epigrammi, di libri, di prolissi scarfazzi,
di sudori estremi, di vite consumate, con strida, ch'assordiscon gli
astri, lamenti, che fanno ribombar gli antri infernali, doglie, che
fanno stupefar l'anime viventi, suspiri da far exinanire e compatir
gli dei, per quegli occhi, per quelle guance, per quel busto, per
quel bianco, per quel vermiglio, per quella lingua, per quel labro,
quel crine, quella veste, quel manto, quel guanto, quella scarpetta,
quella pianella, quella parsimonia, quel risetto, quel sdegnosetto,
quella vedova finestra, quell'eclissato sole, quel martello, quel
schifo, quel puzzo, _quel sepolcro, quel cesso, quel mestruo, quella
carogna, quella febre quartana_, quella estrema ingiuria e torto di
natura, che con una superficie, un'ombra, un fantasma, un sogno, un
circeo incantesimo ordinato al servigio de la generazione, ne inganna
in specie di bellezza; la quale insieme viene e passa, nasce e muore,
fiorisce e marcisce: et è bella un pochettino a l'esterno, che nel suo
intrinseco, vera e stabilmente è contenuto un navilio, una bottega, una
dogana, un mercato di quante sporcarie, tossichi e veneni abbia possuti
produrre la nostra madrigna natura: la quale, dopo aver riscosso quel
seme, di cui la si serva, ne viene sovente a pagar d'un lezzo, d'un
pentimento, d'una tristizia, d'una fiacchezza, d'un dolor di capo,
d'una lassitudine, d'altri e d'altri malanni, che sono manifesti a
tutto il mondo, a fin che amaramente dolga, dove soavemente proriva
................. Voglio che le donne siano così onorate et amate,
come denno essere amate et onorate le donne: per tal causa dico, e per
tanto, per quanto si deve a quel poco, a quel tempo e quella occasione,
se non hanno altra virtù che naturale, cioè di quella bellezza, di quel
splendore, di quel servigio, senza il quale denno esser stimate più
vanamente nate al mondo, che un morboso fungo, qual con pregiudizio di
miglior piante occupa la terra, e più noiosamente, che qual si voglia
napello, o vipera, che caccia il capo fuor di quella?...« u. s. w.
($S. 400, Z. 16 v. u.$) Das _Weib_ also ist der _Ausdruck_ des
Sündenfalles des Menschen, es ist die objektivierte Sexualität des
Mannes und nichts anderes als diese. Eva war nie im Paradiese. Dagegen
glaube ich mit dem Mythus der _Genesis_ (I, 2, 22) und mit dem
_Apostel Paulus_ (1. Timoth. 2, 13, und besonders 1. Korinth. 11, 8:
οὐ γὰρ ἐστιν ἀνὴρ ἐκ γυναικός, ἀλλὰ γυνὴ ἐξ ἀνδρός) an die Priorität
des _Mannes_, an die Schöpfung des Weibes durch den Mann, an seine
_Mittelbarkeit_, durch die seine Seelenlosigkeit ermöglicht ist. Gegen
diese metaphysische Posteriorität des Weibes, die eine Posteriorität
dem Seins-Range nach ist und keine bestimmte zeitliche Stelle hat,
sondern eine in jedem Augenblick vollzogene Schöpfung des Weibes durch
den noch immer sexuellen Mann, sozusagen ein _fortwährendes Ereignis_
bedeutet, bildet es keinen Einwand, daß bei wenig differenzierten
Lebewesen das männliche Geschlecht noch fehlt, und die Funktionen, die
es auf höherer Stufe ausübt, entbehrlich scheinen. Daß übrigens hierin
eine schroffe Absage an alle deszendenz-theoretischen Spekulationen
liegt, soweit diese auf die Philosophie einer Einflußnahme sich
vermessen, dessen bin ich mir wohl bewußt, vermag aber die
Verantwortung für diesen Schritt verhältnismäßig leicht zu tragen.
Philosophie ist nicht Historie, vielmehr ihr striktes Gegenteil:
denn es gibt keine Philosophie, die nicht die Zeit negierte, keinen
Philosophen, dem die Zeit eine Realität wäre wie die anderen Dinge.
Dagegen ist es sehr wohl begreiflich, wie die Anschauung von der
Ewigkeit der Frau und der Vergänglichkeit des Mannes hat entstehen
können. Das absolut Formenlose scheint ebenso dauerhaft zu sein wie
die reine geistige Form, diese dem Dutzendmenschen ganz unvollziehbare
Vorstellung. Und über die Ewigkeit der Mutter ist im 10. Kapitel das
Nötigste bemerkt. Man vgl. auch _Bachofen_, Das Mutterrecht S. 35:
»Das Weib ist das Gegebene, der Mann wird. Von Anfang an ist die Erde
der mütterliche Grundstoff. Aus ihrem Mutterschoße geht alsdann die
sichtbare Schöpfung hervor, und erst in dieser zeigt sich ein doppeltes
getrenntes Geschlecht; erst in ihr tritt die männliche Bildung ans
Tageslicht, Weib und Mann erscheinen also nicht gleichzeitig, sind
nicht gleich geordnet. Das Weib geht voran, der Mann folgt; das Weib
ist früher, der Mann steht zu ihr im Sohnesverhältnis; das Weib
ist das Gegebene, der Mann das aus ihr erst Gewordene. Er gehört
der sichtbaren, aber stets wechselnden Schöpfung; er kommt nur in
sterblicher Gestalt zum Dasein. Von Anfang an vorhanden, gegeben,
unwandelbar ist nur das Weib; geworden, und darum stetem Untergang
verfallen, der Mann. Auf dem Gebiete des physischen Lebens steht
also das männliche Prinzip an zweiter Stelle, es ist dem weiblichen
untergeordnet.« S. 36: »In der Pflanze, die aus dem Boden hervorbricht,
wird der Erde Muttereigenschaft anschaulich. Noch ist keine Darstellung
der Männlichkeit vorhanden; diese wird erst später an dem ersten
männlich gebildeten Kinde erkannt. Der Mann ist also nicht nur später
als das Weib, sondern dieses erscheint auch als die Offenbarerin des
großen Mysteriums der Lebenszeugung. Denn aller Beobachtung entzieht
sich der Akt, der im Dunkel des Erdschoßes das Leben weckt und dessen
Keim entfaltet; was zuerst sichtbar wird, ist das Ereignis der
Geburt; an diesem hat aber nur die Mutter teil. Existenz und Bildung
der männlichen Kraft wird erst durch die Gestaltung des männlichen
Kindes geoffenbart; durch eine solche Geburt reveliert die Mutter
den Menschen das, was vor der Geburt unbekannt war, und dessen
Tätigkeit in Finsternis begraben lag. In unzähligen Darstellungen der
alten Mythologie erscheint die männliche Kraft als das geoffenbarte
Mysterium; das Weib dagegen als das von Anfang an Gegebene, als der
stoffliche Urgrund, als das Materielle, sinnlich Wahrnehmbare, das
selbst keiner Offenbarung bedarf, vielmehr seinerseits durch die erste
Geburt Existenz und Gestalt der Männlichkeit zur Gewißheit bringt.«
Das μὴ ὄν nämlich, welches vom Weibe vertreten wird, ist das völlig
Ungeformte, Strukturlose, das Amorphe, die Materie, die keinen
letzten Teil mehr hat an der Idee des Lebens, aber ebenso ewig und
unsterblich zu sein scheint wie reine Form, schuldfreies höheres Leben,
unverkörperter Geist ewig ist. Das eine, weil nichts an ihm geändert,
vom Formlosen keine Form zerstört werden kann; das zweite, weil es sich
nicht inkarniert, weil es nicht endlich, und darum nicht vernichtbar
wird.
Der Begriff des ewigen Lebens der Religionen ist der Begriff des
absoluten, metaphysischen Seins (der Aseität) der Philosophien.
($S. 400, Z. 12 v. u.$) _Dante_ Inferno XXXIV, Vers 76 f.
($S. 401, Z. 5 f.$) Es hat Anspruch auf das ernsteste Nachdenken, und
verdient die tiefste Ehrfurcht des Hörers, und nicht Gelächter (womit
ihm heute wohl allenthalben geantwortet würde), wenn _Tertullian_
das Weib so apostrophiert (De habitu muliebri liber, Opera rec.
J. J. Semler, Halae 1770, Vol. III, p. 35 f.): »Tu es diaboli ianua, tu
es arboris illius resignatrix, tu es divinae legis prima desertrix, tu
es, quae eum suasisti, quem diabolus aggredi non valuit. Tu imaginem
dei, hominem, tam facile elisisti; propter tuum meritum, id est mortem,
etiam filius dei mori debuit; et adornari tibi in mente est, propter
pelliceas tuas tunicas?« Diese Worte sind an die _Weiblichkeit_ als
_Idee_ gerichtet; die empirischen Frauen würden durch die Zumessung
einer solchen Bedeutung sich stets nur angenehm gekitzelt fühlen; die
Frauen sind sehr zufrieden mit dem _anti_sexuellen Manne, und ratlos
nur dem $a$sexuellen gegenüber.
($S. 401, Z. 12.$) Wie sich durch seine Sexualität der Mann dem Weibe
annähert, geht aus der Tatsache hervor, daß die Erektion dem Willen
entzogen ist und durch ihn nicht aufgehoben werden kann, gleichwie
eine Muskelkontraktion vom gesunden Menschen auf Befehl des Willens
rückgängig gemacht wird. Der Zustand der wollüstigen Erregtheit
beherrscht das Weib ganz, beim Manne doch nur einen Teil. Aber die
Wollust dürfte die einzige Empfindung sein, welche im allgemeinen nicht
durchaus verschieden ist bei den beiden Geschlechtern; die Empfindung
des Koitus hat für Mann und Frau eine gleiche Qualität. Der Koitus
wäre sonst unmöglich. Er ist der Akt, der zwei Menschen am stärksten
einander angleicht. Nichts kann demnach irriger sein als die populäre
Ansicht, daß Mann und Weib vor allem oder gar ausschließlich in ihrer
_Sexualität differieren_, wie ihr z. B. _Rousseau_ Ausdruck gibt
(Emile, Livre V., Anfang): »En tout ce qui ne tient pas au sexe la
femme est homme.« Gerade die Sexualität ist das _Band_ zwischen Mann
und Frau und wirkt auch stets _ausgleichend_ zwischen beiden.
($S. 402, Z. 10.$) Auch das spezifische _Mitleid_ des Mannes mit der
Frau -- ihrer inneren Leere und Unselbständigkeit, Haltlosigkeit und
Gehaltlosigkeit wegen -- weist, wie alles Mitleid, auf eine Schuld
zurück.
($S. 402, Z. 9 v. u.$) Es sind hiemit scheinbar drei _verschiedene_
Erklärungen der Kuppelei (und somit Herleitungen der Weiblichkeit)
gegeben; aber sie drücken, wie man wohl sieht, alle ein und dasselbe
aus. Die sich ewig vergrößernde Schuld des höheren Lebens ist die dem
Menschen ewig unerklärliche, für ihn wahrhaft _letzte_ Tatsache des
Abfalls jenes Lebens zum niederen Leben; der plötzliche Absturz des
völlig Schuldlosen in die Schuld. Das niedere Leben aber kulminiert
in jenem Akte, durch das es neu erzeugt wird; alle Begünstigung
des niederen Lebens schließt darum notwendig Kuppelei ein. Dieses
selbe Streben, das irdische Leben Realität gewinnen zu lassen, ist
dadurch bezeichnet, daß alle Materie sich verführerisch der Formung
entgegendrängt; oder wie dies _Plato_ tiefsinnig angedeutet hat: durch
die betrügerische Zudringlichkeit der _Penia_ (der Armut, des Leeren,
des Nichts) an den trunkenen, träumenden Gott _Poros_ (den Reichen).
Zu Teil II, Kapitel 13.
($S. 404, Z. 13 v. u.$) Über den mangelhaften Bartwuchs der Chinesen
_Darwin_, Abstammung des Menschen, übersetzt von Haek, Bd. II,
S. 339. Auch die _Stimme_ des Mannes soll sich bei den verschiedenen
Menschenrassen nicht gleich sehr von der des Weibes unterscheiden,
z. B. gerade bei Chinesen und Tataren, »die Stimme des Mannes nicht
so sehr von der des Weibes abweichen, wie bei anderen Rassen.«
(_Darwin_, Die Abstammung des Menschen, übersetzt von Haek, Leipzig,
Universalbibliothek, Bd. II, S. 348, nach Sir Duncan _Gibb_, Journal of
the Anthropological Society, April 1869, p. LVII und LVIII.)
($S. 405, Z. 14 v. u.$) Houston Stewart _Chamberlain_, Die Grundlagen
des 19. Jahrhunderts, I. Hälfte, 4, Aufl., München 1903, S. 345 ff.
($S. 406, Z. 1 v. u.$) Als hervorragendere »Philosemiten« könnten
nur der sehr überschätzte G. E. _Lessing_, und Friedr. _Nietzsche_
in Betracht kommen, der letztere aber wohl bloß infolge eines
Oppositionsbedürfnisses gegen _Schopenhauer_ und _Wagner_; und
der erstere hat den eigenen Rang viel klarer erkannt und offener
eingestanden als die Geschichtsschreiber der deutschen Literatur (vgl.
Hamburgische Dramaturgie, Stück 101 f.). Der schärfste Antisemit unter
allen ist wohl _Kant_ gewesen (nach der Anmerkung zum § 44 seiner
»Anthropologie in pragmatischer Hinsicht«). Vgl. über den »Consensus
ingeniorum« _Chamberlain_, Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts, S. 335.
($S. 413, Z. 7 v. u. f.$) _1. Buch Mosis_, Kap. 25, 24-34; 27, 1-45;
30, 31-43.
($S. 414, Z. 4-9.$) Nach M. _Friedländer_, Der Antichrist in den
vorchristlichen jüdischen Quellen, Göttingen 1901, S. 118 ff. hat
der Antichrist schon im vorchristlichen Judentum (z. B. dem freilich
sehr spät entstandenen Buche Deuteronomium) eine Rolle als »Beliar«
gespielt. Friedländers Auffassung gipfelt, wie ich glaube (von dem
historischen Materiale muß ich absehen), darin, daß der Antichrist erst
da sein mußte, damit der Christ komme, ihn zu vernichten (S. 131).
Damit wird jedoch dem Bösen eine selbständige Existenz _vor_ dem Guten
und also unabhängig von diesem zugesprochen; das Böse indes ist nur
»Privation« des Guten (_Augustinus_, _Goethe_). Nur der gute, nicht der
böse Mensch _fürchtet_ das Böse, dem der Verbrecher selbst _dient_. Das
Böse ist nur ein Abfall vom Guten, und hat nur einen Sinn in Bezug auf
dieses; indes das Gute an sich ist und keiner Relation bedarf.
Die wenigen Elemente des vorchristlichen jüdischen Teufelsglaubens
stammen nach den Resultaten der Forschung aus dem Parsismus. Vgl.
W. _Bousset_, Die jüdische Apokalyptik, ihre religionsgeschichtliche
Herkunft und ihre Bedeutung für das neue Testament, Berlin 1903,
S. 38-51. S. 45: »Der Schluß drängt sich mit zwingender Gewalt auf: die
jüdische Apokalyptik ist in dem Neuen, was sie in den Hoffnungsglauben
des Judentums hineinbringt, von Seiten der eranischen Religion bedingt
und angeregt.« Und S. 48: »Nun läßt sich doch behaupten, daß der
Dualismus spezifisch unisraelitisch ist. Die Religion der Propheten
und des alten Testamentes kennt den Teufel nicht. Die Gestalt des
Satans, wie sie im Erzählungsstück des Hiobbuches, in der Chronik,
bei Sacharja auftritt, hat mit der späteren des Teufels, wie sie im
neutestamentlichen Zeitalter herrscht, äußerst wenig, nicht viel mehr
als den Namen gemeinsam. Und überdies sind sämtliche hier genannten
Stücke -- auch das Erzählungsstück des Hiobbuches -- recht spät. Der
Teufelsglaube, die Annahme eines organisierten dämonischen Reiches
widerspricht direkt dem Geiste der Frömmigkeit der Propheten und
Psalmen, ihrem starken und starren Monotheismus. Hingegen ist in keiner
anderen Religion der Dualismus so heimisch und wurzelt so tief wie in
der eranischen Religion. Auch von hier aus drängt sich der Schluß der
Abhängigkeit der jüdischen Apokalyptik unmittelbar auf.«
($S. 415, Z. 10.$) So nicht nur die Argumente des Tages, sondern
selbst _Schopenhauer_ (Parerga und Paralipomena, Bd. II, § 132): »[Das
jüdische Volk] lebt parasitisch auf den anderen Völkern und ihrem
Boden, ist aber dabei nichtsdestoweniger von lebhaftestem Patriotismus
für die eigene Nation beseelt, den es an den Tag legt durch das
festeste Zusammenhalten, wonach Alle für Einen und Einer für Alle
stehen; so daß dieser Patriotismus ~sine patria~ begeisterter wirkt,
als irgend ein anderer. Das Vaterland des Juden sind die übrigen Juden:
daher kämpft er für sie, wie ~pro ara et focis~, und keine Gemeinschaft
auf Erden hält so fest zusammen wie diese.«
($S. 418, Z. 18.$) Houston Stewart _Chamberlain_, Die Grundlagen des
neunzehnten Jahrhunderts, 4. Aufl., München 1903, S. 143, Anm. 1. --
Über die jüdische Diaspora der letzten vorchristlichen Jahrhunderte
vgl. ferner M. _Friedländer_, Der Antichrist in den vorchristlichen
jüdischen Quellen, Göttingen 1901, S. 90 f.
($S. 420, Z. 10.$) Über den Mangel an Unsterblichkeitsglauben im alten
Testamente hat _Schopenhauer_ das Treffendste und Kräftigste gesagt
(Parerga und Paralipomena, Bd. I, S. 151 f., ed. Grisebach).
($S. 420, Z. 12.$) _Schopenhauer_, Neue Paralipomena, § 396
(Handschriftlicher Nachlaß, Bd. IV, herausgegeben von Eduard Grisebach,
S. 244).
($S. 420, Z. 18 f.$) Gustav Theodor _Fechner_, Die drei Motive
und Gründe des Glaubens, Leipzig 1863, S. 254-256. Auch in der
»Tagesansicht gegenüber der Nachtansicht«, Leipzig 1879, S. 65-68.
($S. 420, Z. 8 v. u.$) _Tertulliani_ Apologeticus adversus gentes pro
christianis, cap. 17 (Opera, Vol. V, p. 47, rec. Semler, Halae 1773.)
($S. 420, Z. 6 v. u.$) _Chamberlain_ a. a. O., S. 391-400.
($S. 421, Z. 13.$) _Schopenhauer_ hat das Wesen des Jüdischen am
sichersten herausgefühlt; denn von ihm rührt das Wort her von den »dem
Nationalcharakter der Juden anhängenden, bekannten Fehlern, worunter
eine wundersame Abwesenheit alles dessen, was das Wort ~verecundia~
ausdrückt, der hervorstechendste, wenngleich ein Mangel ist, der in
der Welt besser weiter hilft, als vielleicht irgend eine positive
Eigenschaft ....« (Parerga und Paralipomena, Bd. II, § 132.)
Diesen Mangel an ~verecundia~ will ich erst weiterhin berühren und
in einen Zusammenhang mit allem übrigen jüdischen Wesen zu bringen
versuchen (S. 591).
($S. 422, Z. 14 v. u.$) Aus Versen _Keplers_ citiert nach Johann
Karl Friedrich _Zöllner_, Über die Natur der Kometen, Beiträge zur
Geschichte und Theorie der Erkenntnis, 2. Aufl., Leipzig 1872, S. 164.
($S. 423, Z. 1 v. u.$) Gustav Theodor _Fechner_, Ideen zur
Schöpfungs- und Entwicklungsgeschichte der Organismen, Leipzig 1873.
Wilhelm _Preyer_, Naturwissenschaftliche Tatsachen und Probleme,
1880, II. Vortrag: Die Hypothesen über den Ursprung des Lebens
(»Kosmozoen-Theorie«).
($S. 425, Z. 4.$) Was _Schopenhauer_ (Über den Willen in der Natur,
Werke, ed. Grisebach, III, 337) und _Chamberlain_ (Grundlagen des 19.
Jahrhunderts, 4. Aufl., S. 170 f.) _Spinoza_ hauptsächlich zum Vorwurf
machen, seine merkwürdigen sittlichen Lehren, das bildet in weit
geringerem Grade einen Einwand gegen ihn und gegen das Judentum, und am
wenigsten deutet es auf irgend eine Immoralität in Spinoza selbst hin.
Spinozas ethische Lehre ist gerade darum so flach geworden, weil er
recht wenig Verbrecherisches in sich zu überwinden hatte. Aus demselben
Grunde treffen auch _Aristoteles'_, _Fechners_ oder _Lotzes_ ethische
Theorien so wenig das eigentliche Problem, obwohl sie, als Arier, von
vornherein tiefer sind als der Jude.
($S. 425, Z. 13.$) Ich glaube, daß auf einem Mißverständnis, auf einer
Verwechslung von Wille und Willkür beruht, was _Chamberlain_ sagt
(a. a. O., S. 243 f.): »Das liberum arbitrium ist entschieden eine
semitische und in seiner vollen Ausbildung speziell eine jüdische
Vorstellung.«
($S. 425, Z. 17.$) Wie ganz anders auch _Fechner_, den eine
oberflächliche Betrachtung in sehr große Nähe zu Spinoza zu rücken
versucht hat, als welcher jenem an Bedeutung und Tiefe weit nachsteht!
Vgl. z. B. Zend-Avesta, II^2, 197: »Der Mensch, aus dem der jenseitige
Geist kommt [beim Tode] ...., bleibt unter _allen_ Einwirkungen, die
ihm begegnen mögen, ein Individuelles.«
($S. 427, Z. 16 f.$) _Schopenhauer_, Die Welt als Wille und
Vorstellung, Zweiter Band, erstes Buch, Kapitel 8: Zur Theorie des
Lächerlichen. -- _Jean Paul_, Vorschule der Ästhetik, § 26-55.
($S. 429, Z. 2 f.$) Im »fliegenden Holländer«, im »Lohengrin«, im
»Parsifal« ist das Problem des Judentums offen formuliert; aber
Siegfried, der »dumme Knab'«, ist nicht minder als Parsifal, der »reine
Tor«, von _Wagner_ in einem Gegensatze zu allem Jüdischen gedacht
worden.
($S. 434, Z. 10-12.$) Die Selbstsetzung des Ich bleibt der tiefste
Gedanke der _Fichte_schen Philosophie. Vgl. Grundlage der gesamten
Wissenschaftslehre, Sämtliche Werke herausgegeben von J. H. Fichte,
I/1, Berlin 1845, S. 95 f. (vgl. zu S. 205, Z. 18):
»~a)~ Durch den Satz A = A wird _geurtheilt_. Alles Urtheilen aber
ist laut des empirischen Bewußtseyns ein Handeln des menschlichen
Geistes; denn es hat alle Bedingungen der Handlung im empirischen
Selbstbewußtseyn, welche zum Behuf der Reflexion, als bekannt und
ausgemacht, vorausgesetzt werden müssen.
~b)~ Diesem Handeln nun liegt etwas auf nichts höheres gegründetes,
nemlich X = Ich bin, zum Grunde.
~c)~ Demnach ist das _schlechthin gesetzte_ und _auf sich
selbst gegründete_ -- Grund _eines gewissen_ (durch die ganze
Wissenschaftslehre wird sich ergeben, _alles_) Handelns des
menschlichen Geistes, mithin sein reiner Charakter; der reine
Charakter der Thätigkeit an sich; abgesehen von den besonderen
empirischen Bedingungen derselben.
Also das Setzen des Ich durch sich selbst ist die reine Thätigkeit
desselben. -- Das Ich _setzt sich selbst_, und es _ist_, vermöge dieses
bloßen Setzens durch sich selbst; und umgekehrt, das Ich _ist_, und es
setzt sein Seyn, vermöge seines bloßen Seyns. -- Es ist zugleich das
Handelnde und das Produkt der Handlung; das Thätige, und das, was durch
die Thätigkeit hervorgebracht wird; Handlung und That sind Eins und
ebendasselbe; und daher ist das: _Ich bin_, Ausdruck einer Thathandlung
.....
8. Ist das Ich nur, insofern es sich setzt, so ist es auch nur _für_
das setzende und setzt nur für das seyende. -- _Das Ich ist für das
Ich_, -- setzt es aber sich selbst, schlechthin so wie es ist, so setzt
es sich nothwendig und ist nothwendig für das Ich. _Ich bin nur für
Mich; aber für mich bin ich nothwendig_ (indem ich sage _für Mich_,
setze ich schon mein Seyn).
9. _Sich selbst setzen_ und _Seyn_ sind, vom Ich gebraucht, völlig
gleich. Der Satz: Ich bin, weil ich mich selbst gesetzt habe, kann
demnach auch so ausgedrückt werden: _Ich bin schlechthin, weil ich bin._
Ferner, das sich setzende Ich und das seyende Ich sind völlig gleich,
Ein und ebendasselbe. Das Ich ist dasjenige, als _was_ es sich
setzt; und es setzt sich als _dasjenige_, was es ist. Also: _Ich bin
schlechthin, was ich bin._
10. Der unmittelbare Ausdruck der jetzt entwickelten Thathandlung wäre
folgende Formel: _Ich bin schlechthin, das ist ich bin schlechthin,
weil ich bin, und bin schlechthin, was ich bin; beides für das Ich._
Denkt man sich die Erzählung von dieser Thathandlung an die Spitze
einer Wissenschaftslehre, so müßte sie etwa folgendermaßen ausgedrückt
werden: _Das Ich setzt ursprünglich sein eigenes Seyn._«
($S. 434, Z. 15 f.$) Vgl. H. S. _Chamberlain_ a. a. O., S. 397 f.
-- Die Dualität von Religion und Glaube, die Chamberlain S. 405 f.
behauptet, dürfte kaum haltbar sein.
($S. 435, Z. 6 v. u.$) Vgl. H. S. _Chamberlain_, Die Grundlagen des
XIX. Jahrhunderts, 4. Aufl., München 1903, S. 244, 401.
($S. 436, Z. 2 v. u.$) Man sieht, wie schwierig es ist, das Judentum
zu definieren. Dem Juden fehlt die Härte, aber auch die Sanftmut --
eher ist er zähe und weich; er ist weder roh noch fein, weder grob noch
höflich. Er ist nicht König, nicht Führer, aber auch nicht Lehnsmann,
nicht Vasall. Was er nicht kennt, ist Erschütterung; doch es mangelt
ihm ebensosehr der Gleichmut. Ihm ist nie etwas selbstverständlich,
aber ebenso fremd ist ihm alles wahre Staunen. Er hat nichts vom
_Lohengrin_, aber beinahe noch weniger vom _Telramund_ (der mit
seiner Ehre steht und fällt). Er ist lächerlich als Korpsstudent; und
gibt doch keinen guten Philister ab. Er ist nie schwerblütig, aber
auch nie vom Herzen leichtsinnig. Weil er nichts glaubt, flüchtet er
ins Materielle; nur daher stammt seine Geldgier: er sucht hier eine
Realität und will durchs »Geschäft« von einem Seienden überzeugt
werden -- der einzige Wert, den er als tatsächlich anerkennt, wird
so das »verdiente« Geld. Aber dennoch ist er nicht einmal eigentlich
Geschäftsmann: denn das »Unreelle«, »Unsolide« im Gebaren des jüdischen
Händlers ist nur die konkrete Erscheinung des der _inneren Identität_
baren jüdischen Wesens auch auf diesem Gebiete. _»$Jüdisch$« ist also
eine $Kategorie$_ und psychologisch nicht weiter zurückzuführen und zu
bestimmen; metaphysisch mag man es als _Zustand vor dem Sein_ fassen;
introspektiv kommt man nicht weiter als bis zur inneren Vieldeutigkeit,
dem Mangel an Überzeugungen, der Unfähigkeit zu irgend welcher Liebe,
das ist ungeteilten Hingabe, und zum Opfer.
Die Erotik des Juden ist sentimental, sein Humor Satire; jeder
Satiriker aber ist sentimental, wie jeder Humorist nur ein umgekehrter
Erotiker. In der Satire und in der Sentimentalität ist jene Duplizität,
die das Jüdische eigentlich ausmacht (denn die Satire verschweigt
zu wenig und fälscht darum den Humor); und jenes Lächeln ist beiden
gemeinsam, welches das jüdische Gesicht kennzeichnet: kein seliges,
kein schmerzvolles, kein stolzes, kein verzerrtes Lächeln, sondern
jener unbestimmte Gesichtsausdruck, welcher _Bereitschaft_ verrät, _auf
alles einzugehen_, und alle Ehrfurcht des Menschen vor sich selbst
vermissen läßt; jene Ehrfurcht, die allein alle andere »~verecundia~«
erst begründet.
($S. 437, Z. 6.$) _Chamberlain_: a. a. O., S. 329 f.
($S. 437, Z. 5 v. u. f.$) Über das »epileptische Genie« vgl. besonders
_Lombroso_, Der geniale Mensch, Hamburg 1890, an vielen Orten. Über
Napoleons Epilepsie orientiert Louis _Proal_, Napoléon I. était-il
épileptique? Archives d'Anthropologie criminelle, 1902, p. 261-266 (mit
den Zeugnissen von Constant und Talleyrand).
($S. 438, Z. 11.$) _Kant_, Die Religion innerhalb der Grenzen der
bloßen Vernunft, S. 46-47, ed. Kehrbach. Vgl. S. 49 f.: »Wenn der
Mensch aber im Grunde seiner Maximen verderbt ist, wie ist es möglich,
daß er durch eigene Kräfte diese Revolution [einen Übergang zur Maxime
der Heiligkeit der Gesinnung] zustande bringe und von selbst ein
guter Mensch werde? Und doch gebietet die Pflicht, es zu sein, sie
gebietet uns aber nichts, als was uns tunlich ist. Dieses ist nicht
anders zu vereinigen, als daß die Revolution für die Denkungsart, die
allmähliche Reform aber für die Sinnesart (welche jener Hindernisse
entgegenstellt), notwendig und daher auch dem Menschen möglich sein
muß. Das ist: wenn er den obersten Grund seiner Maximen, wodurch er ein
böser Mensch war, durch eine einzige unwandelbare Entschließung umkehrt
(und hiemit einen neuen Menschen anzieht); so ist er sofern dem Prinzip
und der Denkungsart nach ein fürs Gute empfängliches Subjekt u. s. w.«
--
Das andere Genie erfährt die Gnade noch vor der Geburt; der
Religionsstifter im Laufe seines Lebens. In ihm stirbt ein älteres
Wesen am vollständigsten und tritt vor einem gänzlich neuen zurück.
Je größer ein Mensch werden will, desto mehr ist in ihm, dessen
Tod er beschließen muß. Ich glaube, daß auch _Sokrates_ hier den
Religionsstiftern (als der einzige unter allen Griechen[106]) sich
nähert; vielleicht hat er den entscheidenden Kampf mit dem Bösen an
jenem Tage gekämpft, da er bei Potidaea vierundzwanzig Stunden allein
an einem und demselben Orte aufrecht stand.
_Kant_ (Religionsphilosophie; vgl. im Texte S. 209), _Goethe_ (Citat
auf S. 438), _Jakob Böhme_ (De regeneratione) und Richard _Wagner_
(Wotan bei Erda, Siegfried, III. Akt) sind ebenfalls diesem Ereignis
einer buchstäblichen _Neugeburt_ des _ganzen_ Menschen weniger fern
gewesen als die meisten anderen großen Männer.
Zu Teil II, Kapitel 14.
($S. 443, Z. 7 v. u.$) »Alle höhere Kultur ist nicht auf das Prinzip
der _Sexualität_, sondern im Gegenteil auf das Prinzip der _Askese_
gegründet« das ist (wenn man Askese nicht zu eng, nicht im Sinne einer
Jesuiten-Schulung faßt) das wahrste Wort aus dem trefflichen Aufsatze
von O. _Friedländer_ (vgl. zu S. 446, Z. 1 v. u.).
($S. 443, Z. 15-21.$) Auf das Überwiegen des dirnenhaften Elementes
im heutigen Weibe dürfte die zunehmende Unlust und Unfähigkeit der
Mütter, ihre Kinder zu stillen, viel eher zurückweisen als auf den seit
Jahrhunderten unverändert großen Alkoholgenuß (vgl. S. 291, Z. 14 v.
u. f.)
($S. 444, Z. 15.$) Sogar in die Wissenschaft ist diese Wertung des
Mannes nach seiner geschlechtlichen Fähigkeit eingedrungen. »Il ne peut
être douteux que les testicules donnent à l'homme ses plus nobles et
ses plus utiles qualités.« (_Brown-Séquard_, Archives de Physiologie
normale et pathologie, 1889, p. 652.)
Es ist sehr verdienstlich von _Rieger_, diesen so populären
Anschauungen derart kräftig entgegengetreten zu sein, wie er es in
seinem Buche über »Die Kastration« (Jena 1900) getan hat.
($S. 446, Z. 1 v. u.$) Auf einem anderen Wege und weniger durch
eine Analyse der Weiblichkeit als der Männlichkeit kommt Oskar
_Friedländer_ (»Eine für Viele«, eine Studie, Die Gesellschaft,
Münchener Halbmonatsschrift, 1902, Heft 15/16) zu _demselben_ Ergebnis
(S. 181 f.): »Die Geschlechter bilden und beeinflussen einander in
der Richtung nach dem physischen und moralischen Ideale, das sie als
Maßstab ihrer wechselseitigen Wertschätzung zu Grunde legen, und von
dessen mehr oder minder vollkommener Erfüllung die Bevorzugung der
einen vor den anderen bei der Liebeswahl abhängig zu denken ist. Wenn
echte Weiblichkeit mit dem Attribute der Keuschheit unzertrennlich
verbunden ist, so ist demnach der Grund dafür nicht in der Natur des
Weibes, sondern in der moralischen Disposition des Mannes zu suchen.
Ihm ist die Keuschheit, im weiteren Sinne: die Fähigkeit, die Schranken
des sinnlichen Einzeldaseins zu übersteigen, der höchste sittliche
Wert und wird es trotz aller beklagenswerten Aberrationen, an denen
unser, einem durchaus unberechtigten Optimismus huldigendes Zeitalter
so reich ist, immer bleiben; darum überträgt er ihn in der Form eines
moralischen Imperatives auf das andere Geschlecht. Der Frau ist,
weniger im ethischen als im sexuellen Interesse, alles an der Erfüllung
dieser Forderung gelegen. Deshalb hält sie so unerbittlich zähe daran
fest, zähe besonders am Scheine der Keuschheit, an den Regeln der
Konvenienz.
Die Anwendung auf den entgegengesetzten Fall wird man mir erlassen.
Es heißt dem Scharfsinn meiner Leser nicht allzuviel zumuten, wenn
ich ihnen die Entscheidung anheimstelle, wo das Ideal der männlichen
Unkeuschheit seinen Ursprung genommen haben mag.«
($S. 447, Z. 1.$) Doch ist auch der Wert, der auf Jungfräulichkeit
gelegt wird, wie bekannt, ein sehr verschiedener bei den verschiedenen
Menschenrassen. Vgl. Heinrich _Schurtz_, Altersklassen und Männerbünde,
Berlin 1902, S. 93.
($S 447, Z. 1 v. u.$) Der Mensch, der sich straft durch
Fleischeskreuzigung und Abtötung des Leibes, will den Sieg ohne Kampf;
er räumt den Leib aus dem Wege, weil er zu schwach ist, dessen Triebe
zu überwinden. Er ist ebenso feig wie der Selbstmörder, der sich
erschösse, weil er am Siege über sich verzweifelte. Und die Buße ist
der Reue geradezu entgegengesetzt; denn sie beweist, daß der Mensch
gar nicht _über_ seiner Missetat steht, sondern noch in ihr befangen
ist, sonst würde er sich nicht züchtigen; er würde trotz der Zurechnung
einen Unterschied machen zwischen dem Moment der Tat und dem Moment
der Reue, wofern Reue da wäre. Denn Bedingung der Reue ist nunmehrige
Unfähigkeit zur Tat, und diese Unfähigkeit zum Bösen kann kein Mensch
in sich strafen wollen. Auch _Kant_ hat die Askese durchschaut
(Metaphysische Anfangsgründe der Tugendlehre, § 53).
($S. 448, Z. 4 v. u.$) Richard _Wagner_, Parsifal, ein
Bühnenweihfestspiel. Zweiter Aufzug. (Gesammelte Schriften und
Dichtungen, 3. Aufl., Leipzig 1898, Bd. X, S. 360 f.)
($S. 451, Z. 9 v. u.$) _Schopenhauer_: »Die Mormonen haben Recht.«
(Parerga und Paralipomena, Bd. II, § 370 Ende.) _Demosthenes_ 59, 122
(Κατὰ Νεαίρας): »Tὰς μὲν γὰρ ἑταίρας ἡ δονῆς ἕνεκ' ἔχομεν, τὰς δὲ
παλλακὰς τῆς καθ' ἡμέραν θεραπείας τοῦ σώματος, τὰς δἐ γυναῖκας τοῦ
παιδοποιεῖσθαι γνησίως καὶ τῶν ἔνδον φύλακα πιστὴν ἔχειν.«
($S. 451, Z. 8 v. u. f.$) _Goethe_, Zweite Epistel. -- _Molière_, Les
Femmes Savantes, Acte II, Scène VII. -- Selbst _Kant_ dürfte, wäre er
nach einer Schrift aus dem Jahre 1764 zu beurteilen, keineswegs von
diesem Vorwurfe ausgenommen werden. Denn in den »Beobachtungen über das
Gefühl des Schönen und Erhabenen« (III. Abschnitt, Bd. VIII, S. 32,
ed. Kirchmann) steht: »[Die Frauenzimmer] tun etwas nur darum, weil es
ihnen so beliebt, _und die Kunst besteht darin, zu machen, daß ihnen
nur dasjenige beliebt, was gut ist_. Ich glaube schwerlich, daß das
schöne Geschlecht der Grundsätze fähig sei, und ich hoffe dadurch nicht
zu beleidigen, denn diese sind auch äußerst selten beim männlichen.«
($S. 452, Z. 17.$) _Kant_, Die Religion innerhalb der Grenzen der
bloßen Vernunft, ed. Kehrbach, S. 47.
($S. 452, Z. 6 v. u.$) W. H. _Riehl_, Die Familie, Stuttgart 1861,
S. 7, sagt: »Man muß ... den tollen Mut der Sozialisten bewundern,
welche den beiden Geschlechtern trotz aller leiblichen und seelischen
Ungleichartigkeit doch die gleiche politische und soziale Berufung
zusprechen und ganz resolut ein Gesetz der Natur entthronen wollen,
um ein Gesetz der Schule und des Systems an seine Stelle zu setzen.
Périsse la nature plutôt que les principes!«
Dieser Standpunkt, den Riehl toll nennt, ist der meinige. Ich kann
nicht einsehen, wie ein anderer gewählt werden könnte, wofern man nicht
utilitaristisch, sondern ethisch zu denken gewillt ist. Sicherlich wird
der alte Mißbrauch, der mit den Worten der Natur, des Natürlichen und
Naturgemäßen getrieben wird, sich erneuern, sobald es diese Forderung
zu bekämpfen gelten wird. Das Verhältnis des Menschen zur Natur wird
aber, um es ganz unzweideutig zu sagen, nicht zerstört, _sondern erst
$geschaffen$ dadurch, daß der Mensch sich über sie $erhebt$_, _mehr_
wird als ein bloßes Glied, ein bloßer Teil von ihr. Denn Natur ist
immer das _Ganze_ der sinnlichen Welt, und dieses kann nicht von einem
seiner Teile aus übersehen werden.
($S. 453, Z. 16 f.$) Je tiefer das Weib steht, desto notwendiger muß es
emanzipiert werden. Gewöhnlich schließt man umgekehrt.
($S. 453, Z. 22-24.$) Ich meine hier die »Vera«-Literatur, welche im
Jahre 1902 ziemlich viel Staub aufgewirbelt hat. Das einzige Gute, was
über die ganze Streitfrage geschrieben worden ist, findet man in dem
mehrfach citierten Aufsatze von Oskar _Friedländer_, Eine für Viele,
eine Studie (vgl. besonders zu S. 446, Z. 1 v. u.).
($S. 454, Z. 4 f.$) Friedrich _Nietzsche_, Jenseits von Gut und Böse,
Aphorismus 238.
($S. 455, Z. 7.$) »_Pythagoras_ erscheint als der Vertreter des
Frauengeschlechtes, als der Verteidiger seiner Rechte, seiner
Unverletzlichkeit, seines hohen Berufes in der Familie und im Staate.
Den Männern stellt er die Unterdrückung des Weibes als Sünde dar.
Nicht unterworfen, sondern mit voller Gleichberechtigung dem Gatten
beigeordnet soll das Weib sein.« (J. J. _Bachofen_, Das Mutterrecht,
Eine Untersuchung über die Gynaikokratie der alten Welt nach ihrer
religiösen und rechtlichen Natur, Stuttgart 1861, S. 381.)
($S. 456, Z. 11.$) Über die _»Parsifal«-Dichtung_ _Wagners_ ist mir
eine einzige verständnisvolle Abhandlung bekannt geworden: Zur Symbolik
in Wagners Parsifal, von Emil _Lucka_, Wiener Rundschau, V, 16,
S. 313 f. (15. August 1901). Leider ist in diesem sehr vorzüglichen
Aufsatz das Thema allzu knapp behandelt. Eine Auffassung der Dichtung,
welche von jenem Autor in vielen Punkten beträchtlich abweicht,
ausführlich darzulegen, hoffe ich selbst Gelegenheit zu finden.
($S. 457, Z. 6 f.$) _Clemens Alexandrinus_, Stromata, III 6, vol. I,
p. 532, ed. Potter (Oxford 1715) = p. 1149 ed. Migne (Patrologiae
Graecae, Tomus VIII, Paris 1857): Τῇ Σαλώμῃ ὁ Κύριος πυνθανομένῃ
_μέχρι πότε θάνατος ἰσχύσει_ οὐχ ὡς κακοῦ τοῦ βίου ὄντος καὶ τῆς
κτίσεως πονηρᾶς »_Μέχρις ἄν, εἶπεν, ὑμεῖς αἱ γυναῖκες τίκτετε_« ἀλλ'
ὡς τὴν ἀκολουθίαν τὴν φυσικὴν διδάσκων· γεννήσει γὰρ πάντως ἕπεται καὶ
φθορά. -- Ibid. III, 13 (I, 553 Potter, p. 1192 Migne) wird aus dem
»Evangelium der Ägypter« nach dem Zeugnis des _Cassianus_ (dessen Werk
Περὶ ἐγκρατείας oder περὶ εὐνουχίας) folgendes Wort Jesu berichtet:
»Πυνθανομένης τῆς Σαλώμης πότε γνωσθήσεται τὰ περὶ ὧν ἤρετο, ἔφη ὁ
Κύριος, _Ὅταν τὸ τῆς αἰσχύνης ἔνδυμα πατήσητε, καὶ ὅταν γένηται τὰ
δύο ἕν, καὶ τὸ ἄρρεν μετὰ τῆς θηλείας οὔτε ἄρρεν οὔτε θῆλυ_.« --
Schließlich ibid. III, 9 (I, 540 Potter, p. 1165 Migne): »_ἤλθον
καταλῦσαι τὰ ἔργα τῆς θηλείας_· θηλείας μὲν, τῆς ἐπιθυμίας· ἔργα δέ,
γέννησιν καὶ φθοράν.«
Es ist dieser Ausspruch so ohne alle Vorgänger im Griechentum, daß wohl
seine Echtheit angenommen und es ein hohes Glück genannt werden darf,
daß er nicht verloren ging, wie die herrlichsten Aussprüche Christi
sicherlich verloren gegangen sind, weil die synoptischen Evangelisten
sie nicht verstehen und also nicht behalten konnten.
Daß das Begehren nach dem Weibe immer unsittlich ist, liegt übrigens
bereits im Worte: »_πᾶς ὁ βλέπων γυναῖκα πρὸς τὸ ἐπιθυμῆσαι ἤδη
ἐμοίχευσεν αὐτὴν τῇ καρδίᾳ αὔτοῦ_« (Evang. Matth. 5, 28).
($S. 457, Z. 15 v. u.$) _Augustinus_, De bono viduitatis, Cap. XXIII
(Patrologiae Latinae Tom. XL, p. 449 f., ed. Migne, Paris 1845): »Non
vos ... frangat querela vanorum, qui dicunt: Quomodo subsistet genus
humanum, si omnes fuerint continentes? Quasi propter aliud retardetur
hoc saeculum, nisi ut impleatur praedestinatus numerus ille sanctorum,
quo citius impleto, profecto nec terminus saeculi differetur.« De
bono conjugali, Cap. X (ibid. p. 381): »Sed novi qui murmurent. Quid
si, inquiunt, omnes homines velint ab omni concubitu continere:
unde subsistet genus humanum? Utinam omnes hoc vellent, dumtaxat in
charitate de corde puro et conscientia bona et fide non ficta (1. Tim,
1, 5): multo citius Dei civitas compleretur, et acceleraretur terminus
saeculi.« Ich verdanke diese Nachweise _Schopenhauers_ »Welt als Wille
und Vorstellung«, Bd. II, Kap. 48.
($S. 457, Z. 2 v. u.$) Hier liegt also das eigentliche Motiv jener
Furcht, nach welchem Leo _Tolstoi_ (Über die sexuelle Frage, Leipzig
1901, S. 16 ff., 87 f.) gesucht hat, ohne es zu finden.
($S. 458, Z. 14.$) Man mag es krankhaft nennen, daß der Mann die
schwangere Frau abstoßend häßlich findet (wenn sie auch manches Mal
ihn sinnlich erregt), aber es ist dies eben das, was ihn vor dem Tiere
auszeichnet, und wer es ihm ausreden will, der will ihn der Menschheit
entkleiden. Das Phänomen liegt tief; es zeigt wieder, wie alle Ästhetik
nur ein Ausdruck der Ethik ist. -- »Toutes les _hideurs_ de la
fécondité« sagt einmal Charles _Baudelaire_ (Les fleurs du mal, Paris
1857, 5. Gedicht, p. 21).
($S. 459, Z. 15.$) Die Idee der Menschheit im Kantischen Sinne ist auch
von _Platon_ an einer berühmten Stelle der Politeia ausgesprochen (IX,
589 A B), in der zugleich die Anschauung vom Menschen als dem mit allen
Möglichkeiten ausgestatteten Wesen liegt: »..... ὁ τὰ δίκαια λέγων
λυσιτελεῖν φαίη ἂν δεῖν ταῦτα πράττειν καὶ ταῦτα λέγειν, ὅθεν _τοῦ
ἀνθρώπου ὁ έντὸς ἄνθρωπος_ ἔσται ἐγκρατέστατος .....«
($S. 459, Z. 11-8 v. u.$) Die ganze Entwicklung, welche Herbert
_Spencer_, Die Prinzipien der Ethik, Stuttgart 1892, Bd. II, S. 181 f.
beschreibt, die Entwicklung vom »Fidschi-Insulaner, der sein Weib
töten und aufessen konnte«, von den alten Germanen, bei denen der Mann
das Weib »wieder verkaufen und sogar töten durfte«, von den alten
englischen Zeiten, wo die Braut gekauft wurde und ihr eigener Wille
beim Handel nicht in Frage kam, bis auf den heutigen Tag, da die Frau
wenigstens von Rechts wegen selbständiges Eigentum besitzen darf --
diese ganze Entwicklung ist keineswegs durch irgend welche Bewegungen
von Seiten der Frauen hervorgerufen, sondern allmählich durch
Vervollkommnung der gesetzlichen Fortschritte vom Manne herbeigeführt
worden.
Ich möchte hier noch Oskar _Friedländer_ anführen, welcher a. a. O.
S. 182 f. (Die Gesellschaft, 1902, Heft 15/16) sagt: »Die spärlichen
moralischen Elemente, die in der Emanzipationsbewegung enthalten sind,
haben übrigens, und das kennzeichnet am besten die innere Bedeutung
des ganzen Rummels, ebensowenig als das Keuschheitsideal ihren
Ursprung im erhitzten Hirne der für die Emanzipation des Fleisches
besonders begeisterten Vorkämpferinnen genommen. Es waren _Männer_,
die jene Elemente zur Geltung brachten, um der unwürdigen »Hörigkeit
der Frau« ein Ende zu bereiten, und die Frauen erschienen erst auf
dem Kampfplatze, als der Frontangriff zu ihren Gunsten entschieden
war und sie nicht länger mit Ehren fern bleiben konnten. Es spricht
wohl deutlich genug, daß gerade in ihren Reihen die erbittertsten
Gegner der neuen Richtung erstanden. Die scheinbare Bereitwilligkeit,
den veränderten Verhältnissen Rechnung zu tragen, die aggressive
Haltung mancher Frauen darf einen nicht über die wahre Sachlage
hinwegtäuschen. Das Hochschulstudium nimmt in diesen Kreisen keinen
höheren Rang ein als der Radfahrsport oder das Lawntennisspiel: das
erforderliche Minimalquantum wissenschaftlicher Bildung zählt heute
mit zu den sekundären Geschlechtscharakteren. Den ethischen Kern der
Emanzipationstendenz, die Erhebung auf das moralische Niveau des
Mannes, haben die Frauen immer als einen lästigen Zwang empfunden,
dessen sie sich auch sicherlich entledigen werden, wenn es nur mit
Anstand, ohne die gute Meinung ihrer Anwälte allzu offenkundig zu
desavouieren, geschehen kann.«
Verbesserungen sinnstörender Fehler.
Seite 3, Zeile 3 v. u.: Lies _alle$m$_ statt _alle$s$_.
» 30, » 10: » _thelyide_ statt _thely$o$ide_.
» 36, » 10: » _ge$a$ichten_ statt _ge$e$ichten_.
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» 62, » 3: » _thelyide_ statt _thely$o$ide_.
» 69, » 9 v. u.: » _eine$r$_ statt _eine$m$_.
» 100, » 7 v. u.: » _welche ja_ statt _welche $sie$ ja_.
» 114, » 11 v. u.: » _Intensi$f$ikationen_ statt
_Intensi$v$ikationen_.
» 134, » 3: » _haben; $oder denke an$_ statt
_haben an_.
» 169, » 19: » _da$ß$ er_ statt _da er_.
» 170, » 6-5 v. u.: Streiche: _den Moment zu verewigen
strebt_.
» 177, » 23: Lies _Schellings_ statt _Schelling$en$s_.
» 180, » 10 v. u.: » _umgehen_ statt _um$zu$gehen_.
» 189, » 4: » _geordnete$n$_ statt _geordnete$m$_.
» 190, » 1 v. u.: » _präsentiert_ statt
_$re$präsentiert_.
» 194, » 3: » _Möglichkeit$,$ zu erkennen_ statt
_Möglichkeit zu erkennen_.
» 216, » 10: » _Intensi$f$ikationen_ statt
_Intensi$v$ikationen_.
» 220, » 11 v. u.: » _$ein erw$ärmter Stab durch_ statt
_$erw durch$ärmter Stab_.
» 227, » 10 v. u.: » _welche nämlich_ statt _welche $sie$
nämlich_.
» 274, » 10 v. u.: » _$zu$ verbringen_ statt
_verbringen_.
» 291, » 7: » _aus $seiner$_ statt _aus $ihrer$_.
» 295, » 18: » _$aber$ auch_ statt _$hieraus$
auch_.
» 301, » 6: » _größer$e$_ statt _größer_.
» 331, » 3 v. u.: » _de$s$ Liebenden_ statt _de$r$
Liebenden_.
» 356, » 8: » _steht nicht $wie$ beim_ statt
_steht nicht beim_.
» 361, » 18: » _$a$sexuelles_ statt _sexuelles_.
» 366, » 12 v. u.: » _fremde$n$_ statt _fremde_.
» 408, » 17: » _Laute$n$_ statt _Laute$m$_,
_Unvornehme$n$_ statt
_Unvornehme$m$_.
» 410, » 10 v. u.: » _ihre$n$_ statt _ihre$r$_.
» 425, » 2: » _$es$ ist_ statt _$sie$ ist_.
» 434, » 3: » _de$r$ Augenblick_ statt _de$n$
Augenblick_.
» 434, » 11: » _sich $die$ Welt_ statt _sich Welt_.
» 448, » 9: » _anst$reb$t_ statt _anst$ell$t_.
» 455, » 15 v. u.: » _Als$o$_ statt _Als_.
» 467, » 14 v. u.: » _Hydatide_ statt _Hydat$r$ide_.
» 476, » 15: » _$Il$ était_ statt _$Je$ était_.
[Illustration: DRUCK VON FRIEDRICH JASPER IN WIEN.]