_nicht_, daß A _sey_. Der Satz: _A ist A_ ist gar nicht gleichbedeutend
dem: _A ist_, oder: _es ist ein A_. (_Seyn_, ohne Prädikat gesetzt,
drückt etwas ganz anderes aus, als seyn mit einem Prädikate .......)
Man nehme an, A bedeute einen in zwei gerade Linien eingeschlossenen
Raum, so bleibt jener Satz immer richtig; obgleich der Satz: _A ist_,
offenbar falsch wäre. Sondern
man setzt: _wenn_ A sey, _so_ sey A. Mithin ist davon, _ob_ überhaupt
A sey oder nicht, gar nicht die Frage. Es ist nicht die Frage vom
_Gehalte_ des Satzes, sondern bloß von seiner _Form_; nicht von dem,
_wovon_ man etwas weiß, sondern von dem, _was_ man weiß, von irgend
einem Gegenstande, welcher es auch seyn möge.
Mithin wird durch die Behauptung, daß der obige Satz schlechthin gewiß
sey, _das_ festgesetzt, daß zwischen jenem _Wenn_ und diesem _So_
ein nothwendiger Zusammenhang sey; und der _nothwendige Zusammenhang
zwischen beiden_ ist es, der schlechthin und _ohne allen Grund_ gesetzt
wird. Ich nenne diesen notwendigen Zusammenhang vorläufig = X.
3. In Rücksicht auf A selbst aber, _ob_ es sey oder nicht, ist dadurch
noch nichts gesetzt. Es entsteht also die Frage: unter welcher
Bedingung _ist_ denn A?
~a~) X wenigstens ist _im_ Ich und _durch_ das Ich gesetzt -- denn
das Ich ist es, welches im obigen Satze urtheilt, und zwar nach X
als einem Gesetze urtheilt, welches mithin dem Ich gegeben, und da es
schlechthin und ohne allen weiteren Grund aufgestellt wird, dem Ich
durch das Ich selbst gegeben seyn muß.
~b~) _Ob_ und _wie_ A überhaupt gesetzt sey, wissen wir nicht; aber
da X einen Zusammenhang zwischen einem unbekannten Setzen des A, und
einem unter der Bedingung jenes Setzens absoluten Setzen desselben
A bezeichnen soll, so ist, _wenigstens insofern jener_ Zusammenhang
gesetzt wird, A $in$ dem Ich und _durch_ das Ich gesetzt, so wie X;
X ist nur in Beziehung auf ein A möglich; nun ist X im Ich wirklich
gesetzt; mithin muß auch A im Ich gesetzt sein, insofern X darauf
bezogen wird.
~c~) X bezieht sich auf dasjenige A, welches im obigen Satze die
logische Stelle einnimmt, ebenso wie auf dasjenige, welches für das des
Prädikats steht; denn beide werden durch X vereinigt. Beide also sind,
insofern sie gesetzt sind, im Ich gesetzt; und der obige Satz läßt sich
demnach auch so ausdrücken: Wenn A _im_ Ich gesetzt ist, so _ist es
gesetzt_; oder -- so _ist_ es.
4. Es wird demnach durch das X vermittelst X gesetzt: _A sey für das
urteilende Ich schlechthin und lediglich kraft seines Gesetztseyns im
Ich überhaupt_; das heißt: es wird gesetzt, daß im Ich -- es sey nun
insbesondere setzend oder urtheilend oder was es auch sey -- etwas
sey, das sich stets gleich, stets Ein und ebendasselbe sey; und das
schlechthin gesetzte Ich läßt sich auch so ausdrücken: _Ich = Ich_; Ich
bin Ich.
5. Durch diese Operation sind wir schon unvermerkt zu dem Satze: _Ich
bin_ (zwar nicht als Ausdruck einer _Thathandlung_, aber doch einer
_Thatsache_) angekommen. Denn
X ist schlechthin gesetzt; das ist Thatsache des empirischen
Bewußtseyns. Nun ist X gleich dem Satze: Ich bin Ich; mithin ist auch
dieser schlechthin gesetzt.
Aber der Satz: Ich bin Ich, hat eine ganz andere Bedeutung als der Satz
A = A. -- Nämlich der letztere hat nur unter einer gewissen Bedingung
einen Gehalt. Wenn A gesetzt ist, so ist es freilich _als_ A, mit
dem Prädicate A gesetzt. Es ist aber durch jenen Satz noch gar nicht
ausgemacht, _ob_ es überhaupt gesetzt, mithin, ob es mit irgend einem
Prädicate gesetzt sey. Der Satz: Ich bin Ich, aber gilt unbedingt und
schlechthin, denn er ist gleich dem Satze X: er gilt nicht nur der
Form, er gilt auch seinem Gehalte nach. In ihm ist das Ich, nicht unter
Bedingung, sondern schlechthin, mit dem Prädicate der Gleichheit mit
sich selbst gesetzt; es ist also gesetzt; und der Satz läßt sich auch
ausdrücken: _Ich bin._«
Dieser Fichtesche Beweis ist verfehlt; denn er findet, obwohl er es
anfänglich in Abrede stellt, im Satze selbst das Sein desselben A,
von dem A = A behauptet wird, schon enthalten. Der Beweis, den ich
selbst im Texte versucht habe, ist auch ungenügend und beruht auf
einer unzulässigen Äquivokation, die in der Anmerkung S. 204 berichtigt
ist. Meine Anschauungen hierüber haben sich während der Drucklegung
des Buches geändert. Ich glaube jetzt, daß es aussichtslos ist, mit
_Fichte_ und _Schelling_ aus dem Satze das Ich herauszulesen; was aber
sehr wohl in ihm zum Ausdruck kommt, ist das _Sein_, das absolute,
hyperempirische, gar nicht im geringsten mehr zufällige, sondern das an
sich seiende _Sein_. Der Beweis gestaltet sich dann kurz so: es _ist_
etwas (nämlich das Gleichheitszeichen, das X _Fichtes_), gleichgültig,
ob sonst etwas ist oder nicht. Es besteht und gilt mindestens das Sein
A = A, unabhängig von jedem besonderen A, und ob ein solches A selbst
nun sei oder nicht. Und insofern die Frau diesen Satz nicht anerkannt,
insofern _ist_ sie nicht. Auch in dieser Form bleibt der Satz von der
größten Tragweite für das zwölfte Kapitel, wo die Seelenlosigkeit der
Frau in einen weiteren Zusammenhang aufgenommen wird (S. 378 ff.).
($S. 206, Z. 15.$) Über die Reue vgl. _Kant_, Kritik der praktischen
Vernunft, S. 218 ff. (ed. Kehrbach).
($S. 207, Z. 18.$) Kritik der praktischen Vernunft, S. 105, Kehrbach.
($S. 208, Z. 10.$) _Ibsens_ _Brand_ antwortet den Fragenden (fünfter
Aufzug):
»_Wie lang das Streiten währen wird?_
Es währt bis an des Lebens Ende,
Bis alle Opfer ihr gebracht,
Bis ihr vom Pakt euch frei gemacht,
Bis ihr es wollt, wollt unbeirrt;
Bis jeder Zweifel schwindet, nichts
Euch trennt vom: alles oder nichts.
_Und eure Opfer?_ -- Alle Götzen,
Die euch den ew'gen Gott ersetzen;
Die blanken gold'nen Sklavenketten,
Samt eurer schlaffen Trägheit Betten. --
_Der Siegespreis?_ -- Des Willens Einheit,
Des Glaubens Schwung, der Seelen Reinheit;
Die Freudigkeit, die euch durchschauert,
Die alles opfert, überdauert;
Um eure Stirn die Dornenkrone:
Seht, das erhaltet ihr zum Lohne.«
($S. 208, Z. 12 f.$) Friedrich _Hebbels_ sämtliche Werke, herausgegeben
von Hermann _Krumm_, Bd. I, S. 214.
($S. 209, Z. 7 f.$) _Kant_, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht,
§ 87 (S. 216, ed. Kirchmann): »Der Mensch, der sich eines Charakters
in seiner Denkungsart bewußt ist, hat ihn nicht von der Natur, sondern
muß ihn jederzeit _erworben_ haben. Man kann auch annehmen, daß
die Gründung desselben gleich einer Art Wiedergeburt, eine gewisse
Feierlichkeit der Angelobung, die er sich selbst tut, sie und den
Zeitpunkt, da diese Umwandlung in ihm vorging, gleich einer neuen
Epoche ihm unvergeßlich mache.«
($S. 209, Z. 16 ff.$) _Kant_, Kritik der praktischen Vernunft,
S. 193 f., Kehrbach.
($S. 210, Z. 20 ff.$) Vgl. _Kant_, Grundlegung zur Metaphysik der
Sitten, dritter Abschnitt, wo die so einfachen und doch so tiefen
Worte stehen (S. 75, ed. Kirchmann): »Die Naturnotwendigkeit war eine
Heteronomie der wirkenden Ursachen; denn jede Wirkung war nur nach dem
Gesetze möglich, daß etwas anderes die wirkende Ursache zur Kausalität
bestimmte; was kann denn wohl die Freiheit des Willens sonst sein
als Autonomie, d. i. die Eigenschaft des Willens, sich selbst ein
Gesetz zu sein? Der Satz aber: der Wille ist in allen Handlungen sich
selbst ein Gesetz, bezeichnet nur das Prinzip, nach keiner anderen
Maxime zu handeln, als die sich selbst auch als ein allgemeines Gesetz
zum Gegenstande haben kann. Dies ist aber gerade die Formel des
kategorischen Imperativs und das Prinzip der Sittlichkeit; also ist ein
freier Wille und ein Wille unter sittlichen Gesetzen einerlei.«
Zu Teil II, Kapitel 8.
($S. 212, Z. 3 ff.$) Die Stelle aus der »Großen Wald-Upanishad« (1,
4, 1) nach Paul _Deussens_ Übersetzung (Sechzig Upanishads des Veda,
Leipzig 1897, S. 392 f.).
($S. 214, Z. 10 ff.$) Die folgenden Citate aus _Jean Pauls_ Werken,
Hempelsche Ausgabe, XLVIII. Teil, S. 328. -- _Novalis_ Schriften, von
Schlegel und Tieck, II. Teil, Wien 1820, S. 143 f. -- _Schellings_
Werke, I/1, S. 318 f.
($S. 220, Z. 13 v. u. ff.$) Durch diese Bemerkung hoffe ich zur
Verdeutlichung dessen beizutragen, was Wilhelm _Dilthey_, ohne
recht verstanden worden zu sein, als den Grundunterschied zwischen
psychischem und physischem Geschehen aufgedeckt hat (z. B. Beiträge zum
Studium der Individualität, Berliner Sitzungsberichte, 1896, S. 296):
»Darin, daß der Zusammenhang im Seelenleben primär gegeben ist, besteht
der Grundunterschied der psychologischen Erkenntnis vom Naturerkennen,
und da liegt also auch die erste und fundamentale Eigentümlichkeit der
Geisteswissenschaften. Da im Gebiete der äußeren Erscheinungen nur
Neben- und Nacheinander in die Erfahrung fällt, könnte der Gedanke
von Zusammenhang nicht entstehen, wäre er nicht in der eigenen
zusammenhängenden Einheitlichkeit gegeben.«
($S. 222, Z. 18.$) Der bewußte Zusammenhang mit dem All, die Bewußtheit
des Mikrokosmus, die den genialen Menschen konstituiert, reicht
vielleicht auch zur Erklärung der Tatsache aus, daß wenn nicht alle,
so doch gewiß die meisten Genies telepathische Erlebnisse und Visionen
kennen und erfahren. _Die geniale Individualität hat etwas vom
Hellseher._ Im Text wollte ich diese Dinge hier nicht berühren, weil
heute, wer die Telepathie für möglich hält, einem Obskuranten gleich
geachtet wird. Auch die Offenbarungen Sterbender reihen sich diesem
Zusammenhange wohl ein: der Sterbende gewinnt eine tiefere Vereinigung
mit dem All, als es dem Lebenden möglich war, und kann deshalb den
Fernstehenden in der Todesstunde erscheinen, auf ihr Denken und Träumen
einen Einfluß gewinnen.
($S. 222, Z. 19 v. u. ff.$) Der Gedanke des Mikrokosmus liegt natürlich
auch der Schöpfungsgeschichte der Genesis zu Grunde, als welche den
Menschen das Ebenbild Gottes sein läßt.
Naturgemäß findet sich dieselbe Konzeption auch bei den _Indern_.
Bṛihadâraṇyaka-Upanishad 4, 4, 5 (_Deussen_, Sechzig Upanishaden des
Veda, Leipzig 1897, S. 476): »Wahrlich, dieses Selbst ist das Brahman,
bestehend aus Erkenntnis, aus Leben, aus Auge, aus Ohr, bestehend aus
Erde, aus Wasser, aus Wind, aus Äther; bestehend aus Feuer und nicht
aus Feuer, aus Lust und nicht aus Lust, aus Zorn und nicht aus Zorn,
aus Gerechtigkeit und nicht aus Gerechtigkeit, _bestehend aus allem_.«
Chândogya-Upanishad 3, 14, 2 f. (a. a. O., S. 109): »Geist ist sein
[des Menschen] Stoff, Leben sein Leib, Licht seine Gestalt; sein
Ratschluß ist Wahrheit, _sein Selbst die Unendlichkeit_. Allwirkend
ist er, allwünschend, allriechend, allschmeckend, das All umfassend,
schweigend, unbekümmert; --
dieser ist meine Seele im inneren Herzen, kleiner als ein Reiskorn oder
Gerstenkorn oder Senfkorn oder Hirsekorn oder eines Hirsekornes Kern; --
dieser ist meine Seele im inneren Herzen, größer als die Erde, größer
als der Luftraum, größer als der Himmel, größer als diese Welten.
Der Allwirkende, Allwünschende, Allriechende, Allschmeckende, das
All Umfassende, Schweigende, Unbekümmerte, dieser ist meine Seele im
inneren Herzen, dieser ist das Brahman, zu ihm werde ich, von hier
abscheidend, eingehen. -- Wem dieses ward, fürwahr, der zweifelt nicht!«
_Plato_ lehrt zuerst im Menon (81 c): »ἁτε οὖν ἡ ψυχὴ ἀθάνατός τε οὖσα
καὶ πολλάκις γεγονυῖα καὶ ἑωρακυῖα καὶ τὰ ἐνθάδε _καὶ πάντα χρήματα_,
οὐκ ἔστιν ὅ τι οὐ μεμάθηκεν ... ἁτε γὰρ _τῆς φύσεως ἁπάσης συγγενοῦς
οὔσης καὶ μεμαθηκυίας τῆς ψυχῆς ἅπαντα_ οὐδὲν κωλύει ... πάντα ...
ἀνευρεῖν.« Anklänge finden sich auch im Philebos (29 a ff.), z. B.:
»Τρέφεται καὶ γιγνεται καὶ ἄρχεται τό τοῦ παντὸς πὑρ ὑπὸ τοῦ παρ' ἡμων
πυρός, ή τούναντίον ύπ' έκείνου τό τ' ἐμόν καὶ τό σόν καὶ τό τών άλλων
ζώων ἅπαντ ἴσχει ταῦτα.« Deutlicher _Aristoteles_, De anima III,
8, 431 b 21: »ἡ ψυχὴ τὰ ὄντα πώς ἐστι πάντα.« Vgl. Ludwig _Stein_,
Die Psychologie der Stoa, Bd. I: Metaphysisch-anthropologischer
Teil (Berliner Studien für klassische Philologie und Archäologie,
Bd. III, 1. Heft, Berlin 1886), S. 206: »Bei Aristoteles hat man es
bereits mit einem deutlichen Hinweis auf den Mikrokosmus zu tun. Ja
man wird nicht fehl gehen, wenn man selbst diesen Terminus auf den
Stagiriten zurückführt« (Aristot. Physika, VIII^2, 252 b 24: »εἰ
δ'ἐν ζώω τοΰτο δυνατὸν γενέσθαι, τί κωλύει τὸ αὐτὸ συμβῆναι καὶ κατὰ
τὸ πᾶν; εἰ γὰρ ἐν _μικρῷ κόσμῳ_ γίνεται, καὶ ἐν _μεγάλῳ_ ...), wenn
auch der Begriff älter sein mag.« S. 214: »In der Stoa tritt uns zum
ersten Male ein klar ausgesprochener, scharf gezeichneter und kühn
ausgebauter Mikrokosmos entgegen.« Weiteres über die Geschichte des
Mikrokosmusgedankens (z. B. bei _Philo_) bei Stein a. a. O. Auch
bei _Augustinus_ findet er sich nach _Überweg-Heinze_, Grundriß der
Geschichte der Philosophie, II^8, 128. _Pico de Mirandolas_ Anschauung
ist von mir ausführlich wiedergegeben S. 237 f. Vgl. auch Rudolf
_Eisler_, Wörterbuch der philosophischen Begriffe und Ausdrücke, Berlin
1901 sub verbo und Rudolf _Eucken_, Die Grundbegriffe der Gegenwart,
historisch und kritisch entwickelt. 2. Aufl., Leipzig 1893, S. 188 f.
($S. 223, Z. 14 v. u. ff.$) _Empedokles_ bei Aristoteles Metaphysik,
1000 b, 6. -- _Plotinus_ Enneades I, 6, 9. -- Übrigens steht auch bei
_Plato_ Rep. 508 b: »ἀλλ' [ὄμμα] ἡλιοειδέστατόν γε, οἶμαι, τῶν περὶ τὰς
αἰσθήσεως ὀργάνων.«
($S. 223, Z. 17.$) In _Kantens_ Ethik wird wohl nichts so wenig
verstanden wie die Forderung, nach einer allgemeinsten Maxime zu
handeln. Man glaubt noch immer, hierin etwas Soziales erblicken zu
müssen, die _Büchner_sche Ethik (»Was Du nicht willst, daß man Dir tu«
u. s. w.), eine Anleitung für ein Strafgesetzbuch. Die Allgemeinheit
des kategorischen Imperatives drückt nur die Metaphysik transcendental
aus, welche nach _Cicero_ (De natura deorum II, 14, 37) der große
Stoiker _Chrysippos_ gelehrt hat: »... Cetera omnia aliorum causa esse
generata, ut eos fruges atque fructus quos terra gignat, animantium
causa, animantes autem hominum, ut equum vehendi causa, arandi bovem,
venandi et custodiendi canem. Ipse autem homo ortus est ad mundum
contemplandum _et imitandum_ ...«
($S. 224, Z. 13 v. u.$) Vielleicht sind die drei Probleme, an denen am
schnellsten offenbar wird, wie weit die Tiefe eines Menschen reicht,
das Problem der Religion, das Problem der Kunst und das Problem der
Freiheit -- alle drei im Grunde doch das eine Problem des Seins.
Die Form aber, in welcher dieses eine Problem von den wenigsten
verstanden wird, ist das Problem der Freiheit. Den niedrigsten Menschen
ist der »Indeterminismus«, den mittelmäßigen der »Determinismus«
selbstverständlich; daß hier der Dualismus am intensivsten sich
offenbart, wie selten wird das begriffen!
Die tiefsten Denker der Menschheit haben sicherlich alle
indeterministisch gedacht. _Goethe_, Dichtung und Wahrheit, IV. Teil,
16. Buch (Bd. XXIV, S. 177, ed. Hesse): »Wo sich in den Thieren
etwas Vernunftähnliches hervorthut, so können wir uns von unserer
Verwunderung nicht erholen, denn ob sie uns gleich so nahe stehen,
so scheinen sie doch durch eine unendliche Kluft von uns getrennt
und in das Reich der Nothwendigkeit verwiesen.« Durch dieselbe Kluft
aber scheidet sich Goethe von der »modernen Weltanschauung« und der
»Entwicklungslehre«.
So auch _Dante_, Paradiso, Canto V, V. 19-24:
»Lo maggior don, che Dio per sua larghezza
Fesse creando, ed alla sua bontate
Più conformato, e quel ch'ei più apprezza
Fu della volontà la libertate,
Di che le creature intelligenti
E tutte e sole fûro e son dotate.«
So läßt schon _Platon_, die _Schelling-Schopenhauer_sche Lehre von der
Willensfreiheit antizipierend (wie es überhaupt keinen philosophischen
Gedanken gibt, der sich bei ihm nicht fände) in seinem »Staat« (X,
617, D E) die Parze Lachesis sagen: »Ψυχαὶ ἐφήμεροι ... οὐχ ὑμᾶς
δαίμων λήξεται, ἀλλ' ὑμεῖς δαιμονα αἱρήσεσθε ... αιτια ἑλομενου · θεὸς
ἀναίτιος.« Und so alle Größten, _Kant_, _Augustinus_, Richard _Wagner_
(»Siegfried«, III. Akt: Wotan und Erda).
($S. 226, Z. 2 v. u.$) _Carlyle_: On Heroes etc., an mehreren Orten,
besonders S. 116 (ed. Chapman and Hall, London). Ganze und lautere
Wahrheit ist, was er sagt: »_The merit of originality is not novelty;
it is sincerity._«
($S. 232. Z. 1 f.$) Pensées de Blaise _Pascal_, Paris 1841, S. 184
(Partie I, Article X, 1).
($S. 234, Z. 10 v. u.$) Ich vermöchte für das, was ich über das
eigenartige Verhalten begabterer Menschen in Gesellschaft anderer
bemerkt habe, kein besseres Zeugnis anzuführen als das hochinteressante
Bekenntnis des auf dem Kontinent verhältnismäßig wenig gewürdigten
englischen Dichters John _Keats_. Obwohl es mit besonderer Rücksicht
auf den Dichter ausgesprochen ist, gilt es mit einigen leicht
wahrzunehmenden Modifikationen vom Künstler, ja vom Genius überhaupt.
Keats schreibt an seinen Freund Richard _Woodhouse_ am 27. Oktober 1818
(The poetical works and other writings of John Keats, edited by Harry
Buxton Forman, Vol. III, London 1883, p. 233 f.): »As to the poetical
character itself (I mean that sort, of which, if I am anything, I am a
member; that sort distinguished from the Wordsworthian or egotistical
sublime, which is a thing per se, and stands alone), it is not itself
-- it has no self -- it is everything and nothing -- it has no
character -- it enjoys light and shade -- it lives in gusto, be it foul
or fair, high or low, rich or poor, mean or elevated -- it has as much
delight in conceiving a Jago or an Imogen. What shocks the virtuous
philosopher delights the cameleon poet. It does no harm from its relish
of the dark side of things, any more than from its taste for the
bright one, because they both end in speculation. _A poet is the most
unpoetical of anything in existence_, because he has no identity: he is
continually in for, and filling, some other body. The sun, the moon,
the sea and men and women, who are creatures of impulse, are poetical
and have about them an unchangeable attribute; the poet has none. He
is certainly the most unpoetical of all God's creatures. If then, he
has no self[105], and if I am a poet, where is the wonder that I should
say I would write no more? Might I not that very instant have been
cogitating on the character of Saturn and Ops? It is a wretched thing
to confess, but it is a very fact, that not one word I ever utter can
be taken for granted as an opinion growing out of my identical nature.
How can it, when I have no nature? When I am in a room with people,
if I ever am free from speculating on creations of my brain, then not
myself goes home to myself, _but the identity of everyone in the room
begins to press upon me, so that I am in a very little time annihilated
-- not only among men; it would be the same in a nursery of children_
...«
($S. 233, Z. 4 v. u. f.$) _Mach_, Die Analyse der Empfindungen
u. s. w., 3. Aufl. 1902, S. 19.
($S. 235, Z. 2 v. u.$) Gesammelte Schriften und Dichtungen von Richard
_Wagner_, Leipzig 1898, Bd. VI, S. 249.
($S. 236, Z. 1 ff.$) So sagt J. B. _Meyer_, Genie und Talent, Eine
psychologische Betrachtung, Zeitschrift für Völkerpsychologie und
Sprachwissenschaft, 1880, XI, S. 289: »Cesare Borgia, Ludwig XI. von
Frankreich, Richard III. waren geniale Bösewichter, und in der Reihe
der Schwindler findet sich manches Genie« -- und gibt damit durchaus
der populären Meinung Ausdruck.
($S. 237, Z. 20 v. u.$) _Sophokles_ Aias Vers 553.
($S. 237, Z. 14 v. u. ff.$) _Joannis Pici Mirandulae Concordiaeque
Comitis_ ... Opera quae extant omnia Basileae Per Sebastianum
Henricepetri, 1601, Vol. I, p. 207-219: »De hominis dignitate oratio.«
Die citierte Stelle p. 208. -- Mirandola lebte nur von 1463-1494. --
»Supremi spiritus« sind die Engel und die Teufel, die (»paulo mox«)
gefallenen Engel. -- Als denjenigen Menschen, der mit dem Lose keines
Einzelgeschöpfes sich begnügt, hat man eben den Genius anzusehen; wenn
das Genie das Göttliche im Menschen ist, so wird der Mensch, der ganz
Genius wird, Gott gleich.
Zu Teil II, Kapitel 9.
($S. 240, Z. 10 f.$) Theodor _Waitz_, Anthropologie der Naturvölker,
Erster Teil. Leipzig 1859, S. 380: »Haben ältere christliche
Autoritäten an der Ehe nur die sinnliche Seite gesehen und ernstlich
bezweifelt, ob auch die Weiber eine Seele besitzen, so können wir uns
nicht darüber wundern, daß ihnen von Chinesen, Indern, Muhammedanern
eine solche geradezu abgesprochen wird. Wird der Chinese nach seinen
Kindern gefragt, so zählt er nur die Knaben als solche; hat er nur
Mädchen, so sagt er, er habe keine Kinder (_Duhaut-Cilly_, Voyage
autour du monde, 1834, II, 369).«
($S. 240, Z. 19.$) _Aristoteles_: De gener. animalium I, 2, 716 a 4:
τῆς γενέσεως ἀρχὰς ἄν τις οὐχ ἥκιστα θείη τὸ θῆλυ καὶ τὸ ἄρρεν, τὸ μὲν
ἄρρεν ὡς τῆς κινήσεως καὶ τῆς γενέσεως ἔχον τὴν ἀρχήν, τὸ δὲ θῆλυ ὡς
ὕλης. I 20, 729 a 9: τὸ μὲν ἄρρεν παρέχεται τό τε εἶδος καὶ τὴν ἀρχὴν
τῆς κινήσεως, τὸ δὲ θῆλυ τὸ σῶμα καὶ τὴν ὕλην. 729 a 29: τὸ ἄρρεν ἐστὶν
ὡς κινοῦν, τὸ δὲ θῆλυ, ᾗ θῆλυ, ὡς παθητικόν. II, 1, 732 a 3: βέλτιον
γὰρ καὶ θειότερον ἡ ἀρχὴ τῆς κινήσεως, ᾗ ἄρρεν ὑπάρχει τοῖς γινομένοις.
ὕλη δὲ τὸ θῆλυ.. II, 4, 738 b 25: ἀεὶ δὲ παρέχει τὸ μὲν θῆλυ τῆν ὕλην,
τὸ δὲ ἄρρεν τὸ δημιουργοῦν. ἔστι τὸ μὲν σῶμα ὲκ τοῦ θήλεος, ἡ δὲ ψυχὴ
ἐκ τοῦ ἄρρενος. Vgl. noch I, 21, 729 b 1 und 730 a 25. II, 3, 737, a
29. 740 b 12-25. Metaphysik, V, 28, 1024 a 34. IX, 1057 a 31 f. I,
6, 988 a 2 f. erläutert er nach demselben Prinzipe, warum der Mann
mehr Kinder zeugen könne als die Frau: ὁἱ μὲν γὰρ ἐκ τῆς ὕλης πολλὰ
ποιοῦσιν, τὸ δ' εἶδος ἅπαξ γεννᾷ μόνον, φαίνεται δ' ἐκ μιᾶς ὕλης μία
τράπεζα, ὁ δὲ τὸ εἶδος ἐπιφέρων εἷς ὢν πολλὰς ποιεῖ. ὁμοίως δ' ἔχει
καὶ τὸ ἄρρεν πρὸς τὸ θῆλυ· τὸ μὲν γὰρ ὑπὸ μιᾶς πληροῦται ὀχείας, τὸ δ'
ἄρρεν πολλὰ πληροῖ· καίτοι ταῦτα μιμήματα τῶν ἀρχῶν ἐκείνων ἐστίν.
Vergleiche über diese Lehre des Aristoteles: J. B. _Meyer_, Aristoteles
Tierkunde, Berlin 1855, S. 454 f.; Hermann _Siebeck_, Aristoteles,
Stuttgart 1899 (Frommanns Klassiker der Philosophie, Bd. VIII), S. 69;
Eduard _Zeller_, Die Philosophie der Griechen in ihrer geschichtlichen
Entwicklung, II/2. Leipzig 1879, 3. Aufl., S. 325 und 525 f.;
_Überweg-Heinze_, Grundriß der Geschichte der Philosophie, I^9, Berlin
1903, S. 259; J. J. _Bachofen_, Das Mutterrecht, Eine Untersuchung der
Gynaikokratie der alten Welt, Stuttgart 1861, S. 164-168. -- Speziell
über die aristotelische Zeugungstheorie, ihr Verhältnis zu den früheren
und den modernen Ansichten handelt Wilhelm _His_, Die Theorien der
geschlechtlichen Zeugung, Archiv für Anthropologie, Bd. IV, 1870,
S. 202 bis 208.
($S. 241, Z. 3 f.$) Jean _Wier_, Opera omnia, Amstelodami 1660, Liber
IV, Caput 24. Aus der späteren Literatur wüßte ich nur noch _Oken_ zu
nennen (Lehrbuch der Naturphilosophie, 3. Aufl., Zürich 1843, S. 387,
Nr. 2958): »In der Paarung sind die männlichen Theile das Sinnesorgan,
das weibliche nur der empfangende Mund. Eigentlich sind beide
Sinnesorgane, aber jene das handelnde, diese das leidende« (ibid. Nr.
2962). »Wenn auch männlicher Same wirklich zur Frucht miterstarrt, so
ist es doch nicht seine Masse, die in der Frucht zur Betrachtung kommt,
sondern nur seine polarisierende Kraft.«
Die Absicht der Auseinandersetzungen des Textes geht nicht auf eine
naturphilosophische Theorie der Zeugung, wie die von Aristoteles und
Oken. Aber die Spekulation dieser Männer ging gedanklich ohne Zweifel
von den geistigen Unterschieden der Geschlechter aus, und dehnte diese
auch auf das Verhältnis der beiden Keime in der Befruchtung aus;
deshalb darf ich sie hier wohl anführen.
($S. 241, Z. 13 f.$) Vgl. Ausgewählte Werke von Friedrich Baron _de la
Motte-Fouqué_, Ausgabe letzter Hand, Bd. XII, Halle 1841, S. 136 ff.
($S. 243, Z. 12 f.$) Kantianer, die von dem Philosophen nur den
Buchstaben fassen, werden das sicherlich in Abrede stellen; und es
würde ihnen die Kantische Terminologie hiezu eine gewisse Handhabe
bieten, nach welcher das transcendentale Subjekt das Subjekt des
_Verstandes_, und der intelligible Charakter das Subjekt der
_Vernunft_, die letztere aber, als das praktische Vermögen im
Menschen, dem ersteren, als einem bloß theoretischen, übergeordnet
ist. Doch kann ich mich auf Stellen berufen, wie in der Vorrede zur
»Grundlegung zur Metaphysik der Sitten« (S. 8, ed. Kirchmann): »Teils
erfordere ich zur Kritik einer reinen praktischen Vernunft, daß, wenn
sie vollendet sein soll, _ihre Einheit mit der spekulativen in einem
gemeinschaftlichen Prinzip_ zugleich müsse dargestellt werden können,
_weil es doch am Ende nur eine und dieselbe Vernunft sein kann_, die
bloß in der Anwendung unterschieden sein muß.« Ähnlich in der »Kritik
der praktischen Vernunft«, S. 110, 118, 145 (ed. Kehrbach). Übrigens
war es eben diese »Einheit des ganzen reinen Vernunftvermögens (des
theoretischen sowohl als praktischen)«, welche _Kant_ens geplantes und
nicht zustande gekommenes Hauptwerk »Der Transcendentalphilosophie
höchster Standpunkt im System der Ideen: Gott, die Welt und der Mensch,
oder System der reinen Philosophie in ihrem Zusammenhange« (vgl. Hans
_Vaihinger_, Archiv für Geschichte der Philosophie, IV, S. 734 f.)
darzustellen bestimmt war.
An diesem Orte möchte ich noch folgendes bemerken:
In der großen Literatur, welche sich mit dem Verhältnisse _Goethes_ zu
_Kant_ beschäftigt, finde ich merkwürdigerweise die allerkantischeste
Stelle im ganzen Goethe nicht erwähnt. Sie ist allerdings geschrieben,
bevor Goethe noch irgend etwas von Kant gelesen hat, und ist auch
weniger für sein Verhältnis zu dem konkreten Menschen Kant und zu
dessen Büchern, als für Goethes Beziehung zur Kantischen Gedankenwelt
charakteristisch. Sie findet sich in den noch in Frankfurt abgefaßten
»Physiognomischen Fragmenten« (Erster Versuch, Drittes Fragment: Bd.
XIV, S. 242 der Hesseschen Ausgabe) und lautet: »Die gütige Vorsehung
hat jedem einen gewissen Trieb gegeben, so oder anders zu handeln,
der denn auch einem jeden durch die Welt hilft. Eben dieser innere
Trieb kombiniert auch mehr oder weniger die Erfahrungen, die der
Mensch macht, ohne daß er sich dessen selbst bewußt ist.« Hierin ist
deutlich die Identität des intelligiblen Wesens ausgesprochen, von dem
einerseits die synthetische Einheit der Apperzeption ausgeht, und das
anderseits das _frei_ wollende Noumenon ist.
($S. 245, Z. 5 v. u. f.$) Eine der einfachsten und klarsten
Auseinandersetzungen über diesen Sachverhalt rührt von Franz
_Staudinger_ her, Identität und Apriori, Vierteljahrsschrift für
wissenschaftliche Philosophie, XIII, 1889, S. 66 f.: »..... nicht bloß
die heutige Wahrnehmung von der Sonne ist eine andere als die gestrige,
die heutige Sonne selbst ist nicht mehr die, welche gestern leuchtete.
Dennoch aber sage ich: die gestrige Sonne ist mit der heutigen eins.
Das heißt aber nichts anderes, als daß ich einen fortlaufenden
Zusammenhang des Gegenstandes selbst, auf den meine zeitlich durchaus
getrennten Vorstellungen gehen, voraussetzen muß. Es ist eine objektive
Existenz des Gegenstandes selber gedacht, die ganz unabhängig von der
Zerstücktheit unseres Wahrnehmens bestehen soll. Diese Feststellung
der Dauer des Gegenstandes selbst ist das wesentliche Moment, welches
unsere Substanzvorstellung konstituiert. Das Rätsel, welches hierin
liegt, daß wir von ganz getrennten Vorstellungen, die doch jedesmal,
streng genommen, nur gegenwärtige Gegenstände bezeichnen, zu der
Vorstellung des Zusammenhanges eines einzigen dauernden Gegenstandes
übergehen, wird, obwohl es von _Kant_ klar erkannt worden ist, noch
allzuwenig der Aufmerksamkeit gewürdigt. Ob es Kant gelöst hat, und wie
es zu lösen sein mag, ist freilich eine Frage, welche den Ursprungsort
der Erkenntniselemente betrifft ..... Wir müssen uns hier mit der
Tatsache begnügen, daß wir gezwungen sind, solche Vorstellungen, die
wir Wahrnehmungen nennen, auf einheitliche, mindestens von der ersten
Wahrnehmung bis zur jetzigen dauernde Gegenstände zu beziehen.«
Auch diese Schwierigkeit scheint vor der im Texte dargelegten
Auffassung zu verschwinden oder wenigstens ihre Identität mit einer
anderen, allerdings nicht minder großen, zu erweisen. A = A, das
Prinzip der Begrifflichkeit und Gegenständlichkeit, ist psychologisch
eine Negation der Zeit (wenn auch im rein logischen _Sinne_ des Satzes
diese Beziehung auf die Zeit nicht liegt) und vermittelt insofern die
Kontinuität des Objektes. Soweit aber in ihm das Sein des Subjektes
zum Ausdrucke kommt, _setzt_ er die gleiche Kontinuität für das innere
Leben, trotz der Vereinzelung der psychischen Erlebnisse, trotz
der Bewußtseinsenge. Es ist also nur _ein_ Rätsel, die Frage nach
der Kontinuität des Objektes dieselbe wie nach der Kontinuität des
Subjektes.
($S. 246, Z. 18 v. u.$) _Kant_, Kritik der reinen Vernunft, 1. Aufl.,
Von der Synthesis der Rekognition im Begriffe (S. 119, Kehrbach).
($S. 247, Z. 15.$) Vgl. besonders _Huxley_, Hume (English Men of
Letters, edited by John Morley, No. 5, London 1881), p. 94 f.:
»When several complex impressions which are more or less different from
one another -- let us say that out of ten impressions in each, six
are the same in all, and four are different from all the rest -- are
successively presented to the mind, it is easy to see what must be the
nature of the result. The repetition of the six similar impressions
will strengthen the six corresponding elements of the complex idea,
which will therefore acquire greater vividness: while the four
differing impressions of each will not only acquire no greater strength
than they had at first, but, in accordance with the law of association,
they will all tend to appear at once, and will thus neutralise one
another.
This mental operation may be rendered comprehensible by considering
what takes place in the formation of compound photographs -- when the
images of the faces of six sitters, for example, are each received
on the same photographic plate, for a sixth of the time requisite
to take one portrait. The final result is that all those points in
which the six faces agree are brought out strongly, while all those
in which they differ are left vague; and thus what may be termed a
_generic_ portrait of the six, in contradistinction to a _specific_
portrait of any one, is produced.« -- Eine ähnliche Anschauung von der
Entstehung des Begriffes durch Übereinanderlagerung, wobei Verstärkung
des Gleichartigen, Auslöschen des Ungleichartigen stattfindet, kennt
auch schon _Herbart_ (Psychologie als Wissenschaft, II, § 122), der
freilich den Unterschied zwischen logischem und psychologischem
Begriff ausgezeichnet verstanden und klargelegt hat (a. a. O., §
119). -- _Avenarius_: Kritik der reinen Erfahrung, Bd. II, Leipzig
1890, S. 298 ff. -- _Mach_, Die ökonomische Natur der physikalischen
Forschung, Populär-wissenschaftliche Vorlesungen, Leipzig 1896,
S. 217 ff. Tiefer gräbt _Mach_ in den »Prinzipien der Wärmelehre,
historisch-kritisch entwickelt«, 2. Aufl., Leipzig 1900, S. 415 f.,
419 f.
($S. 248, Z. 7 v. u.$) Das Urteil existiert; als Voraussetzung dessen,
daß es existiert, immaniert ihm die Annahme eines Zusammenhanges
zwischen dem Menschen und dem All, erkenntniskritisch ausgedrückt,
einer Beziehung des _Denkens_ zum _Sein_. Diesen Zusammenhang, diese
Beziehung zu ergründen ist das Hauptproblem aller theoretischen
Philosophie, wie es das Hauptproblem aller praktischen Philosophie ist,
das Verhältnis des _Sollens_ zum Sein festzustellen. Insofern also das
Urteil _ist_, ist der Mensch der Mikrokosmus.
($S. 249, Z. 15.$) Der Ausdruck »_innere Urteilsform_« bei
Wilhelm _Jerusalem_, Die Urteilsfunktion, eine psychologische und
erkenntniskritische Untersuchung, Wien und Leipzig, 1895, S. 80.
($S. 251, Z. 19.$) _Leibniz_: Monadologie No. 31 (Opera philosophica,
ed. Erdmann, p. 707): »Nos raisonnements sont fondés sur deux grands
principes, _celui de la contradiction_, en vertu duquel nous jugeons
faux ce qui en enveloppe, et vrai ce qui est opposé ou contradictoire
au faux; [no. 32] _et celui de la raison suffisante_, en vertu duquel
nous considérons, qu'aucun fait ne serait se trouver vrai ou existant,
aucune énonciation véritable, sans qu'il y ait une raison suffisante,
pourquoi il en soit ainsi et non pas autrement, quoique ces raisons le
plus souvent ne puissent point nous êtres connues.«
($S. 253, Z. 2.$) Über die geringere Kriminalität der Frauen vergleiche
z. B. den Artikel des Dr. G. _Morache_, Die Verantwortlichkeit des
Weibes vor Gericht in der »Wage« vom 14. März 1903, S. 372-376. Es
heißt dort: »Die Zahl der Frauen übersteigt die der Männer ganz
erheblich; in Frankreich weniger als anderswo, aber auch hier ist der
Unterschied ein merklicher; wäre nun die weibliche Kriminalität der
des Mannes gleich, so müßten die Zahlen, die sie zum Ausdruck bringen,
ebenfalls ziemlich gleich sein.
Greifen wir nun drei beliebige Zahlen heraus; wenn man will, 1889,
1890, 1891. Während dieser Zeit sind 2970 Männer wegen schwerer
Verbrechen (Mord, Kindesmord, Verbrechen gegen die Sittlichkeit) vor
Gericht gestellt worden, während man 745 Frauen in dem nämlichen
Zeitraum derselben Verbrechen anklagte. Die Kriminalität des Weibes
wird also durch eine Zahl ausgedrückt, die ein Viertel der männlichen
beträgt, oder mit anderen Worten, es werden von vier Verbrechen
drei von Männern begangen und eines von Frauen. Selbst wenn wir das
Verbrechen des Kindesmordes beiseite lassen, für das eigentlich nur der
Mann verantwortlich ist, denn er ist ja der Autor, so findet man, daß
bei den wegen gemeiner Verbrechen Angeklagten nur 211 Frauen auf 2954
Männer kommen; das Weib ist also 14mal weniger verbrecherisch als der
Mann.
An Auslegungen dieser unleugbaren Tatsachen -- denn sie zu bestreiten
wäre unmöglich -- fehlt es nicht. Man sagt, die Körperkonstitution
des Weibes eigne sich nicht zur Gewalttat, die die Mehrzahl der
verbrecherischen Handlungen aufzuweisen haben; sie sei für die
Verbrechen mit bewaffneter Hand, für den Einbruch nicht geschaffen.
Man behauptet, wenn sie das Verbrechen auch nicht materiell begeht, so
suggeriere sie es doch und habe ihren Nutzen davon; moralisch sei sie
der Urheber und um so schuldiger, weil sie im Dunklen handelt und mit
der Hand eines anderen schlägt. So kommt man auf das alte Wort zurück:
Cherchez la femme ... Die italienische Schule hat recht wohl erkannt,
daß das Weib vom materiellen Standpunkt weniger verbrecherisch ist als
der Mann, doch sie gibt für diese Tatsache eine interessante Erklärung;
der Verbrecher stiehlt und mordet, um sich ohne Arbeit das Geld zu
verschaffen, das Müßiggang und Vergnügen gewährt. Das Weib besitzt, um
zu demselben Zweck zu gelangen, ein weit einfacheres Mittel. Sie treibt
Handel mit ihrem Körper, sie verkauft sich. Addiert man die Zahl der
Verbrecherinnen zu der der käuflichen Frauen, so kommt man zur Zahl der
männlichen Kriminalität.
Die Theorie scheint befriedigend, ist aber paradox. Außerdem ist sie
grundfalsch: denn wenn man auch die Zahl der unter Anklage gestellten
Verbrecherinnen kennt, so kann man doch nicht einmal annähernd die Zahl
der Frauen abschätzen, die unter irgend einer Maske und unter ganz
verschiedenen Modalitäten aus ihren Reizen Nutzen ziehen.«
Soweit Morache. Abgesehen von der Oberflächlichkeit der Meinung,
die das Verbrechen des Gewinnes halber geschehen läßt, wäre noch
zu bemerken, daß es genug Frauen vom Prostituiertentypus gibt, die
sich gar nicht des Geldes oder Schmuckes wegen prostituieren, sich
jedem Kutscher, der ihre Begierde erregt, hingeben, nicht also um
noch höheren Luxus treiben zu können, Frauen aus den höchsten und
reichsten Kreisen. -- Vergleiche ferner _Ellis_, Mann und Weib,
S. 364 ff. und die dort citierte reiche Literatur. _Lombroso-Ferrero_,
Das Weib als Verbrecherin und Prostituierte, Hamburg 1894, zweiter
Teil: Kriminologie des Weibes, S. 193 ff. und besonders Paul
_Näcke_, Verbrechen und Wahnsinn beim Weibe, mit Ausblicken auf die
Kriminal-Anthropologie überhaupt, Wien und Leipzig 1894, mit sehr
vollständigem Literaturverzeichnis auf S. 240 bis 255.
($S. 254, Z. 19 f.$) Darum ist die Frau auch nicht _häßlich_, während
der Verbrecher häßlich ist.
($S. 255, Z. 16.$) Von diesem Gesichtspunkt aus behandeln die
Krankenpflege des Weibes E. _Leyden_, Weibliche Krankenpflege und
weibliche Heilkunst, Deutsche Rundschau, XIX, 1879, S. 126-148,
Franz _König_, Die Schwesternpflege der Kranken, Ein Stück moderner
Kulturarbeit der Frau, a. a. O. LXXI, 1892, S. 141-146, Julius _Duboc_,
Fünfzig Jahre Frauenfrage in Deutschland, Geschichte und Kritik,
Leipzig 1896, S. 18 f. -- Über den _hysterischen_ Charakter mancher
Krankenpflege (der nach Kapitel XII wohl begreiflich wird) vgl.
_Freuds_ Bemerkungen in _Breuer_ und _Freuds_ Studien über Hysterie,
Leipzig und Wien 1895, S. 141.
($S. 259, Z. 8 f.$) _Mach_, Die Analyse der Empfindungen, 3. Aufl.,
1902, S. 14.
($S. 259, Z. 16.$) Sie ist z. B. abgedruckt bei Karl _Pearson_, The
Grammar of Science, London 1892, p. 78.
($S. 259, Z. 14 v. u.$) _Kant_: in der »Grundlegung zur Metaphysik der
Sitten«, S. 60, ed. Kirchmann.
($S. 260, Z. 5 v. u.$) Das Wort »Eigenwert« stammt nicht von mir,
sondern ist, wie ich glaube, zuerst gebraucht von August _Döring_,
Philosophische Güterlehre 1888, S. 56, 319 ff.
($S. 262, Z. 4 f.$) _Kant_, Anthropologie, S. 234, ed. Kirchmann:
»Der Mann ist eifersüchtig, _wenn_ er _liebt_; die Frau auch ohne daß
sie liebt; weil so viele Liebhaber, als von anderen Frauen gewonnen
wurden, doch ihrem Kreise der Anbeter verloren sind.«
($S. 262, Z. 8.$) Beweis: es gibt wohl Kameradschaft zu mehren,
Freundschaft aber nur zu zweien.
($S. 263, Z. 13 v. u.$) Das Phänomen der Galanterie hoffe ich anderswo
zu analysieren. Auch _Kant_ spricht (Fragmente aus dem Nachlaß, ed.
Kirchmann, Bd. VIII, S. 307) von der »Beleidigung der Weiber, in der
Gewohnheit, ihnen zu schmeicheln.«
($S. 264, Z. 14 v. u.$) Vgl. Auguste _Comte_, Cours de Philosophie
positive, 2^{ième} éd., par E. Littré, Vol. III, Paris 1864, p.
538 f. Er spricht vom »vain principe fondamental de _l'observation
intérieure_« und der »profonde absurdité que présente la seule
supposition, si évidemment contradictoire, de l'homme se regardant
penser.«
($S. 264, Z. 7 v. u.$) Friedrich _Jodl_, Lehrbuch der Psychologie, 2.
Aufl., Bd. II, Stuttgart und Berlin 1903, S. 103.
($S. 265, Z. 4.$) _Mill_: in seinem Buche gegen _Hamilton_ (nach
Pierre _Janet_, L'Automatisme psychologique, 3^{ième} éd., Paris 1899,
p. 39 f., wo zum Ich-Problem manches in Deutschland weniger Bekannte
angeführt wird). _Mach_: Die Analyse der Empfindungen, 3. Aufl. 1902,
S. 3, 18 f. -- Übrigens sagt bereits _Hume_ (Treatise I, 4, 6, p. 454
der ersten Ausgabe, Vol. I, London 1739): »Memory is to be considered
as the source of personal identity.«
($S. 266, Z. 2.$) Heinrich _Schurtz_, Altersklassen und Männerbünde,
Eine Darstellung der Grundformen der Gesellschaft, Berlin 1902.
($S. 266, Z. 6.$) _Pascal_: Pensées I, 7, 1 »Misère de l'homme«.
($S. 266, Z. 16.$) Über die Kleptomanie der Weiber vgl. Albert _Moll_,
Das nervöse Weib, Berlin 1898, S. 167 f. Paul _Dubuisson_, Les voleuses
des grands magasins, Archives d'Anthropologie criminelle, XVI, 1901,
p. 1-20, 341-370.
($S. 266, Z. 8 v. u.$) Eduard von _Hartmann_, Phänomenologie des
sittlichen Bewußtseins, Prolegomena zu jeder künftigen Ethik, Berlin
1879, S. 522 f. macht die zutreffende Bemerkung:
»Fast alle Weiber sind geborne Defraudantinnen aus Passion. Wenige
nur werden sich entschließen, zu viel erhaltene Ware oder zu viel
herausbekommenes Geld zurückzuliefern; sie trösten sich damit, der
Kaufmann habe ja doch genug an ihnen verdient, und es könne ihnen ja
nicht bewiesen werden, daß sie sich ihrer Unterschlagung bewußt gewesen
seien.«
($S. 267, Z. 20.$) Über die Buschmänner, _Klemm_, Allgemeine
Kulturgeschichte der Menschheit, Leipzig 1844, Bd. I, S. 336.
($S. 268, Z. 4 v. u. ff.$) Hier darf ich _Kant_ selbst für meine
Anschauung von der Seelenlosigkeit des Weibes in Anspruch nehmen. Er
sagt (Anthropologie, S. 234, ed. Kirchmann): »‚Was die Welt sagt,
ist _wahr_, und was sie _thut_, gut’ ist ein weiblicher Grundsatz,
der sich schwer mit einem _Charakter_, in der engen Bedeutung des
Wortes, vereinigen läßt.« Er fügt allerdings hinzu: »Es gab aber
doch wackere Weiber, die, in Beziehung auf ihr Hauswesen, einen
dieser ihrer Bestimmung angemessenen Charakter mit Ruhm behaupteten.«
Jedenfalls wird niemand mit Ruhm behaupten, daß diese Einschränkung
den »intelligiblen Charakter« des Weibes retten könne, der nach der
Kantischen Hauptlehre Zweck an sich selbst ist. -- Wenn übrigens ein
Kantianer, der nur am Wortlaut des Meisters kleben würde, der ganzen
Darlegung entgegenhielte, daß nach Kant der intelligible Charakter
_allen_ vernünftigen Wesen zukomme, so ist zu erwidern, daß das
Weib eben keine Vernunft im Kantischen Sinne hat. Da das Weib keine
Beziehung zu den Werten hat, so ist der Schluß auf das Fehlen des
wertenden Gesetzgebers gerechtfertigt.
($S. 269, Z. 14.$) Der abgrundtiefe Unterschied zwischen dem
psychischen Leben des Mannes und der Frau wird noch immer, vielleicht
selbst in diesem Buche, seiner Bedeutung und Tragweite nach
unterschätzt. Nur selten finden sich hievon Ahnungen, wie bei Heinrich
_Spitta_, Die Schlaf- und Traumzustände der menschlichen Seele mit
besonderer Berücksichtigung ihres Verhältnisses zu den psychischen
Alienationen, 2. Aufl., Tübingen 1882, S. 301: »Ein entscheidender,
durchgreifender Einfluß auf das gesamte seelische Leben liegt zunächst
in dem Geschlechtsunterschied begründet; dieser Teilungsstrich, den die
Natur hiemit durch die ganze Menschenwelt gezogen hat, dokumentiert
sich auf allen Gebieten des psychischen Lebens. Alles Fühlen, Wollen,
Begehren, mit einem Worte die ganze Vorstellungsweise, alles Dichten
und Trachten erhält durch den Unterschied der beiden Geschlechter
einen eigenartigen Typus, welcher im Verlauf der einzelnen Lebensalter
sich immer mehr ausprägt und damit gleichsam die Form bildet, unter
welcher und in welcher ein jeder das Ganze seiner eigenen Geisteswelt
in der ihm eigentümlichen Weise erfaßt. Der Unterschied im Seelenleben
zwischen Mann und Weib ist ein ungeheuerer, ein bis in die kleinsten
Details hinein sich erstreckender ....«
($S. 269, Z. 5 v. u.$) Friedrich Albert _Lange_, Geschichte des
Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart, Buch II, 5.
Aufl., Leipzig 1896, S. 381.
($S. 273, Z. 1 ff.$) Vgl. hiemit Theodor _Lipps_, Suggestion und
Hypnose, Sitzungsberichte der philosophisch-historischen Klasse der
königlichen Akademie der Wissenschaften zu München, 1897/II, S. 520:
»Psychologisch ist das Ganze jederzeit mehr und in gewissem Sinne
jederzeit eher als der Teil.« Und besonders Wilhelm _Diltheys_ mehrfach
erwähnte charakterologische Abhandlungen.
($S. 274, Z. 4 ff.$) Vgl. _Kant_, Kritik der reinen Vernunft, S. 289,
ed. Kehrbach.
($S. 274, Z. 17.$) Eine mit meiner Darstellung in gewissen Punkten sich
berührende, sehr interessante Abhandlung ist die von Oskar _Ewald_, Die
sogenannte empirische Psychologie und der Transcendentalismus Kants,
Die Gnosis, Halbmonatsschrift, Wien, 5. März 1903, S. 87-91. Ewalds
Absicht läuft auf eine psychologische Kategorienlehre hinaus, als auf
eine Tafel jener Verstandesbegriffe (»Wille, Kraft und psychische
Aktivität«), die psychologische Erfahrung erst möglich machen sollen.
Kant habe nur die eine Hälfte der Arbeit, den naturwissenschaftlichen
Teil, geleistet, den anderen noch zu tun gelassen. Ich kann mich dieser
Auffassung nicht anschließen, weil es nach ihr zweierlei Erfahrung,
eine äußere und eine ihr _beigeordnete_ innere, geben müßte, und weil
der Zusammenhang des psychischen Lebens ein unmittelbar erlebter ist,
und aus seiner Beobachtung Erfahrungssätze von höherer als komparativer
Allgemeinheit geschöpft werden können (vgl. S. 220). Aber mit diesen
Einwendungen möchte ich das von _Ewald_ angeregte Problem keineswegs
erledigt haben. Es ist dieses Problem, weit genug verfolgt, vielleicht
das tiefste philosophische Problem überhaupt, oder identisch mit
diesem; denn das Verhältnis von Begriff und Anschauung, von Freiheit
und Notwendigkeit spielt hier herein. Und schließlich hängt diese
ganze Frage aufs innigste mit dem Postulate der Unabhängigkeit der
Erkenntnistheorie von der Psychologie zusammen. Ich kann hierauf nicht
näher eingehen, und möchte auf jenen bedeutungsvollen, bloß an etwas
okkultem Orte publizierten Gedanken hier nur hingewiesen haben.
($S. 275, Z. 3.$) E. _Mach_, Die Analyse der Empfindungen und das
Verhältnis des Physischen zum Psychischen, 3. Aufl., Jena 1902,
S. 60 f.
($S. 275, Z. 6 v. u. ff.$) Die französischen Verse aus Edmond
_Rostand_, Cyrano de Bergerac, Acte I, Scène IV (Paris 1898, p. 43).
($S. 276, Z. 4 ff.$) Die hier bekämpften Anschauungen sind die von
_Mach_, Die Mechanik, 4. Aufl., Leipzig 1901, S. 478 ff.
($S. 276, Z. 8 v. u.$) Wilhelm _Windelband_, Geschichte und
Naturwissenschaft, Rektoratsrede, Straßburg 1894.
($S. 277, Z. 5.$) v. _Schrenck-Notzing_, Über Spaltung der
Persönlichkeit (sogenanntes Doppel-Ich), Wien 1896, erwähnt auf S. 6
nach _Proust_ einen Fall (den einzigen mir aus der Literatur bekannt
gewordenen) eines männlichen Hysterikers mit »condition prime« und
»condition seconde«. Es sind gewiß noch einige Fälle mehr beobachtet
worden; aber jedenfalls verschwinden sie an Zahl vor der Menge der
Frauen mit derartigem psychischen Zustandswechsel. Daß es Männer mit
»mehrfachem Ich« gibt, beweist nichts gegen die Thesen des Textes; denn
der Mann kann eben auch jene eine Möglichkeit von den unzähligen in ihm
verwirklichen, er kann auch Weib werden (vgl. S. 241, 359, 398 f.).
($S. 277, Z. 19.$) So sagt Heinrich _Heine_ in einem sehr schlechten
Gedichte (Letzte Gedichte, zum »Lazarus« 12):
Die Gestalt der wahren Sphinx
Weicht nicht ab von der des Weibes.
Faselei ist jener Zusatz
Des betatzten Löwenleibes.
Todesdunkel ist das Rätsel
Dieser wahren Sphinx. Es hatte
Kein so schweres zu erraten
Frau Jokastens Sohn und Gatte.
Zu Teil II, Kapitel 10.
($S. 283, Z. 8-10$) Nur 34% der eigentlichen Prostituierten bringen
Kinder zur Welt (nach C. _Lombroso_ und G. _Ferrero_, Das Weib als
Verbrecherin und Prostituierte, übersetzt von H. Kurella, Hamburg 1894,
S. 540).
($S. 283, Z. 16 v. u. f.$) Die hier abgewiesene Meinung ist vor allem
eine bekannte Lehre sozialdemokratischer Theoretiker, insbesondere
August _Bebels_ (Die Frau in der Vergangenheit, Gegenwart und
Zukunft, 9. Aufl., Stuttgart 1891, S. 140 ff.): »Die Prostitution
eine nothwendige soziale Institution der bürgerlichen Welt.« »So wird
die Prostitution zu einer nothwendigen sozialen Institution für die
bürgerliche Gesellschaft, ganz wie Polizei, stehendes Heer, Kirche,
Unternehmerschaft u. s. w.«
($S. 284, Z. 18 f.$) Vgl. über diese der Prostitution gezollten
Ehrungen Heinrich _Schurtz_, Altersklassen und Männerbünde, Eine
Darstellung der Grundformen der Gesellschaft, Berlin 1902, S. 198 f.
Auch _Lombroso-Ferrero_, Das Weib als Verbrecherin und Prostituierte,
Hamburg 1894, S. 228 ff.; über die Phönicier, S. 230.
($S. 285, Z. 10.$) Der hier berichtigte Gedanke _Schopenhauers_ ist
ausgesprochen in der »Welt als Wille und Vorstellung«, Bd. II, S. 630,
Grisebach.
($S. 285, Z. 20.$) Johannes _Müller_, Handbuch der Physiologie des
Menschen für Vorlesungen, II. Bd., 2. Abt. Coblenz 1838, S. 574 f.:
»Beim Versehen ..... soll etwas Positives gebildet werden, und die
Form des Gebildes soll der Form in der Vorstellung entsprechen.
Diese Wirkung ist schon deswegen unwahrscheinlich, weil sie sich von
einem Organismus auf den anderen erstrecken soll; die Verbindung von
Mutter und Kind ist aber nichts anderes als eine möglichst innige
Juxtaposition zweier an und für sich ganz selbständiger Wesen, welche
sich mit ihren Oberflächen anziehen und wovon das eine die Nahrung und
Wärme abgibt, die sich das andere aneignet. [Dies eben, die Ansicht
von der bloßen Juxtaposition, ist falsch. Vgl. im Texte S. 296.] Aber
abgesehen davon läßt sich diese alte und höchst populäre Superstition
vom Versehen durch viele andere Gründe entkräften. Ich habe
Gelegenheit, die meisten Monstra zu sehen, welche in der preußischen
Monarchie geboren werden. Gleichwohl kann ich behaupten, daß mir
trotz dieser großen Gelegenheit in der Regel nichts Neues in dieser
Weise vorkommt, und daß sich hiebei nur gewisse Formen wiederholen,
welche den großen Reihen der Hemmungsbildungen, Spaltbildungen,
Defekte, Verschmelzungen seitlicher Teile mit Defekt der mittleren
u. s. w. angehören ..... Bedenkt man ferner, daß sich jede Schwangere
während der Zeit ihrer Schwangerschaft gewiß oft erschreckt, und daß
sehr viele sich gewiß wenigstens einmal, wenn nicht mehrere Male
versehen, ohne daß dies irgend eine Folge hat, so wird es, falls eine
Monstrosität irgendwo geboren wird, gewiß nicht an Gelegenheit fehlen,
diese auf eine dem populären Glauben entsprechende Weise zu erklären.
Die vernünftige Lehre vom Versehen reduziert sich daher darauf, daß
jeder heftige leidenschaftliche Zustand der Mutter auf die organische
Wechselwirkung zwischen Mutter und Kind einen ebenso, plötzlichen
Einfluß haben, und demzufolge auch eine Hemmung der Bildungen oder ein
Stehenbleiben der Formationen auf gewissen Stufen der Metamorphose
herbeiführen kann, ohne daß jedoch die Vorstellung der Mutter auf die
Stelle, wo sich dergleichen Retentionen erzeugen, Einfluß haben könne
u. s. w.«
Th. _Bischoff_, Artikel: »Entwicklungsgeschichte mit besonderer
Berücksichtigung der Mißbildungen« in Rudolf Wagners Handwörterbuch
der Physiologie, Bd. I, Braunschweig 1842, S. 885 bis 889. Zunächst
S. 886: »_Meckel_ hat mit Recht zuerst darauf aufmerksam gemacht, daß
in der Frage nach dem Versehen, wie sie gewöhnlich aufgestellt wird,
meistens zwei wesentlich verschiedene eingeschlossen sind, nämlich
erstens die: können Affekte der Mutter auf die Entwicklung des neuen
Organismus einen Einfluß haben? Und zweitens die: können Affekte der
Mutter, die durch einen bestimmten Gegenstand veranlaßt werden, die
Bildung des neuen Organismus dergestalt verändern, daß derselbe jenem
Gegenstande gleich oder ähnlich wird? Wenn nun gleich die Erfahrung oft
zeigt, daß sich der Fötus sehr selbständig, sowohl von den körperlichen
als psychischen Zuständen der Mutter entwickeln kann, und demnach
durchaus keine notwendige Beziehung zwischen beiden sich vorfindet,
so haben doch anderseits tausende von Fällen die Abhängigkeit der
Entwicklung der Frucht von den körperlichen und psychischen Zuständen
der Mutter so entschieden nachgewiesen, daß die erste Frage nur
ganz unbedingt bejahend beantwortet werden kann ..... Es ist in
vielen Fällen wirklich wahr gewesen und ereignet sich noch, daß ein
heftiger Schrecken oder Gemütsbewegung der Mutter eine Mißbildung
veranlaßt hat, ohne daß indessen die Form derselben dem Gegenstande
jenes Schreckens entspräche. Wir sehen aber, wie sich hieraus unter
Beihilfe der Phantasie, die Ähnlichkeiten schafft, wo keine sind, viele
Angaben erklären lassen. Allein auch noch für diese Ähnlichkeiten
sind wir imstande, nähere Erklärungen und Aufschlüsse zu geben .....«
»So ist es erklärlich, wie Furcht und Schrecken, deprimierende und
schwächende Einflüsse Störungen und Hemmungen in der Ausbildung der
Frucht hervorbringen können, welche zufällig und einzelne Male selbst
eine gewisse Ähnlichkeit mit den Objekten des Affektes haben können.«
Er macht im weiteren achterlei Gründe namhaft, »welche man gegen die
Erklärung der Entstehung gewisser Mißbildungen durch Affekte der
Mutter, veranlaßt durch, diesen Mißbildungen ähnliche, Gegenstände
aufwerfen muß«, bekannte Argumente, die ich hier nicht alle wiederholen
kann, und kommt zu dem Schlusse: »Nehmen wir zu diesem allen noch
hinzu, daß wir die meisten Mißbildungen aus den Entwicklungsgesetzen
und anderen naturwissenschaftlich zu analysierenden Ursachen erklären
können, _so wird wohl jedermann zugestehen müssen, daß das Versehen
zum wenigsten nur als eine sehr seltene und beschränkte Ursache der
Mißbildungen angenommen werden kann_.« S. 885: »Schon _Hippokrates_
verteidigte eine Prinzessin, welche in den Verdacht des Ehebruches
gekommen war, weil sie ein schwarzes Kind gebar, dadurch, daß zu den
Füßen ihres Bettes das Bild eines Negers gehangen habe ..... Später
scheint es, daß vorzüglich der unglückliche und verderbliche Wahn, die
Mißbildungen seien Wirkungen des göttlichen Zornes oder dämonischer
und sodomitischer Abstammung, den Glauben an das Versehen vorzüglich
bestärkt haben. Die unglücklichen Mütter solcher Mißbildungen waren
natürlich gerne bereit, den auf sie fallenden schrecklichen Verdacht
und die ihm so oft folgenden grausamen Strafen dadurch von sich
abzuwenden, daß sie die Annahme des Versehens so sehr als möglich
unterstützten. So wurde sie denn die allgemein verbreitetste, und der
Phantasie wurde es nicht schwer, für die Formen der Mißbildungen äußere
Objekte als Ursachen aufzufinden.«
Charles _Darwin_: Das Variieren der Tiere und Pflanzen im Zustande
der Domestikation, übersetzt von J. Viktor Carus, II. Bd., 2. Aufl.
Stuttgart 1873, S. 301 (Kapitel 22).
Ablehnendes Verhalten der Züchtungstheoretiker: Hermann _Settegast_,
Die Tierzucht, 4. Aufl., I. Bd.; Die Züchtungslehre, Breslau 1878,
S. 100 bis 102, 219 bis 222. S. 219: »Der Glaube an die Möglichkeit
des Versehens ist uralt. Schon die Bibel erzählt uns (1. Buch Mose,
Kap. 30, Vers 37 bis 39), daß der Erzvater Jakob es verstand, ein
‚Versehen’ der Mutterschafe künstlich hervorzurufen und auf diese Weise
scheckige Lämmer zu erzeugen. Er tat nämlich Holzstäbe, die durch
stellenweises Abschälen der Rinde ein scheckiges Aussehen gewonnen
hatten, in Tränkrinnen. Es mag dahingestellt bleiben, ob Jakob der
Meinung war, daß das Versehen an diesen bunten Holzstäbchen während des
Bespringens der Mutterschafe, das an den Tränktrögen bewerkstelligt
worden zu sein scheint, vor sich gehen werde, oder daß die _schon
tragenden_ Mutterschafe im Anblick der auffallenden Gegenstände, die
ihnen beim Trinken vor die Augen gerückt wurden, und den bunten Stäben
entsprechend scheckige Lämmer bringen müßten. Seinen gewinnsüchtigen
Zweck hat aber Jakob erreicht und dadurch den Grund zu seiner
Wohlhabenheit gelegt. Bis auf den heutigen Tag finden Schilderungen
ähnlicher Art Gläubige.« In einer Anmerkung hiezu: »Äußert sich doch
noch im Jahre 1874 Dr. J. in einer der gelesensten und geachtetsten
Zeitungen Deutschlands unter anderem wie folgt: ‚Es ist eine
eigentümliche Erfahrung, welche der Züchter macht, daß durch die
Imagination des Muttertieres, zumal wenn es tragend ist, sich die Farbe
der es umgebenden Gegenstände und besonders die Farbe der Tiere von
seiner nächsten Umgebung auf die Nachkommenschaft häufig überträgt. So
ist es sehr oft beobachtet worden, daß der wiederholte und reichliche
Verbrauch von Kalkanstrich den Ställen und Verschlägen, worin sich
eine Rinderzuchtherde befindet, erheblich das Verhältnis der weißen
oder weißscheckigen Kälber vermehrt, die geboren werden.’ Solche und
ähnliche Erzählungen legen Zeugnis von der Leichtfertigkeit ab, womit
kritiklos und aus Sucht, dem Leser Pikanterien zu bieten, unbegründete
Behauptungen mit dem Gewande sogenannter Erfahrungen umkleidet werden.«
»..... Der Umstände und Tatsachen, welche gegen die Möglichkeit des
Versehens sprechen, gibt es so viele, daß es uns fast wie ein Rest von
Aberglauben vorkommen will, wenn man an dieser haltlosen Theorie,
durch die auffallende Formen erklärt werden sollen, ferner festhält.«
Endlich sei als ein Gynäkologe angeführt Max _Runge_, Lehrbuch der
Geburtshilfe, 6. Aufl., Berlin 1901, S. 82 f.: »Die Frage, ob starke
psychische Eindrücke, welche eine Schwangere treffen, Einfluß auf die
Entstehung körperlicher Verbildungen oder geistiger Defekte der Frucht
haben können, spielt bei vielen Laien eine große Rolle (Versehen der
Schwangeren). Von der neueren wissenschaftlichen Medizin ist bis auf
die jüngste Zeit die Frage abgelehnt worden, und insbesondere die
Möglichkeit eines Kausalzusammenhanges zwischen psychischem Eindruck
und einer vorliegenden Mißbildung des Kindes auf das bestimmteste
geleugnet worden. In neuester Zeit hat man die genannte Frage aber doch
einer Diskussion wert erachtet. Mag die Frage also wissenschaftlich
noch diskutabel sein, für die Praxis gilt auch heute noch der Rat, bei
Schwangeren und ihrer Umgebung den Glauben an das sogenannte Versehen
ernstlich zu bekämpfen.«
_Runge_ spielt hier an auf die Abhandlungen von J. _Preuß_,
Vom Versehen der Schwangeren, Berliner Klinik, Heft 51 (1892),
_Ballantyne_, Edinburgh Medical Journal, Vol. XXXVI, 1891 und
die Arbeit Gerhards von _Welsenburg_, Das Versehen der Frauen
in Vergangenheit und Gegenwart und die Anschauungen der Ärzte,
Naturforscher und Philosophen darüber, Leipzig 1899. v. Welsenburgs
ausführliche Zusammenstellung läßt am Schlusse die Frage unentschieden.
Über das Versehen und die sicher übertriebene Sucht, alle Mißbildungen
hierauf als einzige Ursache zurückzuführen vgl. noch _Ploß_, Das Weib
in der Natur- und Völkerkunde, 7. Aufl., 1902, Bd. I, S. 809 bis
811. Benjamin _Bablot_, Dissertation sur le pouvoir de l'imagination
des femmes enceintes. E. v. _Feuchtersleben_, Die Frage über das
Versehen der Schwangeren, zergliedert in den Verhandlungen der k. k.
Gesellschaft der Ärzte zu Wien, 1842, S. 430 f., und andere,
worüber bei von Welsenburg nachgelesen werden kann. Dieser führt auch
zahlreiche Fürsprecher des Versehens an (so _Budge_, _Schönlein_,
_Carus_, _Bechstein_, Prosper _Lucas_, G. H. _Bergmann_, A. von
_Solbrig_, Theodor _Roth_, Karl _Hennig_ [die zwei letzteren in
Virchows Archiv 1883, 1886], _Bichat_ u. a.). Ich möchte nur
noch erwähnen, was ein so hervorragender, klarer und nüchterner
Naturforscher wie Karl Ernst von _Baer_ zu dieser Frage bemerkt
hat (bei dem ebenfalls zu den Anhängern des Versehens zählenden
ausgezeichneten Karl Friedrich _Burdach_, in dessen Physiologie als
Erfahrungswissenschaft, 2. Aufl. Bd. II, Leipzig 1837, S. 127):
»Eine schwangere Frau wurde durch eine in der Ferne sichtbare Flamme
sehr erschreckt und beunruhigt, weil sie dieselbe in der Gegend ihrer
Heimat erblickte. Der Erfolg lehrte, daß sie sich nicht geirrt hatte;
da der Ort aber sieben Meilen entfernt war, so dauerte es lange, bis
man sich hierüber Gewißheit verschaffte, und diese lange Ungewißheit
mag besonders auf die Frau eingewirkt haben, so daß sie lange nachher
versicherte, stets die Flamme vor Augen zu haben. Zwei oder drei
Monate nach dem Brande wurde sie von einer Tochter entbunden, welche
einen roten Fleck auf der Stirn hatte, der nach oben spitz zulief
in Form einer auflodernden Flamme; er wurde erst im siebenten Jahre
unkenntlich. _Ich erzähle diesen Fall, weil ich ihn zu genau kenne,
da er meine eigene Schwester betrifft_, und weil die Klage über die
Flamme vor den Augen _während der Schwangerschaft_ geführt, und nicht,
wie gewöhnlich, nach der Entbindung die Ursache der Abweichung in der
Vergangenheit aufgesucht wurde.«
($S. 286, Z. 9 ff.$) Henrik _Ibsen_, Die Frau vom Meer, Zweiter
Aufzug, Siebenter Auftritt. -- _Goethe_, Die Wahlverwandtschaften,
Zweiter Teil, Dreizehntes Kapitel. -- v. _Welsenburg_ weist auch auf
_Immermanns_, infolge eines bösen Traumes seiner Mutter mit einem
hirschfängerartigen Male unter dem Herzen gebornen Jäger aus dem
»Münchhausen« hin (Buch II, Kap. 7, S. 168-175, ed. Hempel).
Es ist von Interesse, zu hören, wie zwei Männer der Wissenschaft über
die bekannte Begebenheit aus den »Wahlverwandtschaften« sich äußern.
H. _Settegast_, Die Tierzucht, 4. Aufl., Bd. I: Die Züchtungslehre,
Breslau 1878, spricht S. 101 f. zuerst über die fragliche Beeinflussung
des Embryo durch Eindrücke der Mutter während der Gestation, und fährt
dann fort: »Es wird erzählt, es sei einst ein weißköpfiges Fohlen
geboren worden infolge des Umstandes, daß während des Beschälaktes
im Gesichtskreise der Zeugenden sich ein Knabe befand, der sich den
Kopf mit einem weißen Tuche verhüllt hatte. Ein scheckiges Fohlen ward
geboren, nachdem die zur Beschälstation geführte rossige Stute den
Weg wiederholt in Gesellschaft eines scheckigen Pferdes zurückgelegt
hatte. In einem anderen Falle soll das Scheckenkleid des Fohlens
durch das plötzliche Erscheinen eines scheckigen Jagdhundes während
des Beschälaktes veranlaßt worden sein ... Wollte man einwenden,
daß es zweifelhaft sei, ob das, was _der Mensch_ für eine genug
auffällige Erscheinung halte, die Einbildungskraft des zeugenden
Tieres zu beschäftigen, auch von dem Tiere so angesehen werde, so
könnten aus der Erfahrung zahlreiche Fälle beigebracht werden, in
denen nachweisbar während der Begattung die Einbildungskraft eines der
Zeugenden mit einem sinnlichen Gegenstande beschäftigt sein mußte. So
gehört es z. B. in der Tierzucht zu den nicht ungewöhnlichen Mitteln,
ein männliches Tier zur Begattung mit einem von ihm nicht begehrten
dadurch zu vermögen, daß man eine seiner Favoritinnen in die Nähe der
Verschmähten bringt. Nun wird der Sprung nicht versagt, die durch die
Neigung des männlichen Individuums Begünstigte wird schnell zurück-,
und die Verschmähte zur Kopulation untergeschoben. _Noch niemals
hat man beobachtet, daß das Kind des so Betrogenen dem Gegenstande
seiner Neigung, mit dem seine Phantasie während des Begattungsaktes
beschäftigt sein mußte, gleiche, und daß sich ein Prozeß vollziehe, den
Goethe in seinen Wahlverwandtschaften mit dichterischer Meisterschaft
geschildert hat. In das von ihm beherrschte Gebiet der Phantasie und
Dichtung wird man die Ansicht von dem Einfluß seelischer Eindrücke auf
das Zeugungsprodukt zu verweisen haben._«
Viel bescheidener absprechend sagt Rudolf _Wagner_, Nachtrag
zu Rud. Leuckarts Artikel »Zeugung« in Wagners Handwörterbuch
der Physiologie, Bd. IV, Braunschweig 1853, S. 1013: »Infolge
heftigen Schreckens kann Abortus entstehen. Anhaltender Gram kann
ein Gesamtleiden der Mutter zur Folge haben, welches Zerrüttung
ihrer Konstitution, schlechte Ernährung, Krankheiten des Fötus
veranlassen kann. Aber ein spezifischer Einfluß durch Eindrücke
äußerer Gegenstände auf die Schwangeren darf nicht zugegeben werden,
und niemals kann die Entstehung von Mißbildungen, von Muttermälern
etc. damit in Zusammenhang gebracht werden. _Wer im Sinne von
Goethes Wahlverwandtschaften -- wo diese Ansicht mit der für den
Menschenkenner eigentümlichen Tiefe durchgeführt ist -- einen Einfluß
innerer Gedankenbildung im Momente des Beischlafes auf die physische
und psychische Bildung der Frucht annehmen will, der wird vom
physiologischen Standpunkte weder zu widerlegen sein, noch wird ihm
seine Ansicht bestätigt werden können._ Bis zu solcher Tiefe ist die
Physiologie noch nicht vorgeschritten, und es steht zu bezweifeln,
daß sie je dahin gelangen werde. _Wenn ich mein subjektives Urteil
aussprechen soll, so muß ich jedoch gestehen, daß ich einen solchen
Einfluß der bloßen Vorstellung im Momente des Zeugungsaktes viel eher
zu bezweifeln als anzunehmen geneigt bin._«
Schließlich sei noch erwähnt, daß auch _Kant_ das Versehen bestritten
hat, in der Abhandlung: Über die Bestimmung des Begriffs einer
Menschenrasse (Berliner Monatsschrift, November 1785, Bd. VIII,
S. 131-132, ed. Kirchmann): »Es ist klar, daß, wenn der Zauberkraft
der Einbildung oder der Künstelei der Menschen an tierischen Körpern
ein Vermögen zugestanden würde, die Zeugungskraft selbst abzuändern,
das uranfängliche Modell der Natur umzuformen oder durch Zusätze zu
verunstalten, die gleichwohl nachher beharrlich in den folgenden
Zeugungen aufbehalten würden, man gar nicht mehr wissen würde, von
welchem Originale die Natur ausgegangen sei, oder wie weit es mit
der Abänderung desselben gehen könne, und, da der Menschen Einbildung
keine Grenzen erkennt, in welche Fratzengestalt die Gattungen und
Arten zuletzt noch verwildern dürften. Dieser Erwägung gemäß nehme ich
es mir zum Grundsatze, gar keinen in das Zeugungsgeschäft der Natur
pfuschenden Einfluß der Einbildungskraft gelten zu lassen und kein
Vermögen der Menschen, durch äußere Künstelei Abänderungen in dem
alten Original der Gattungen oder Arten zu bewirken, solche in die
Zeugungskraft zu bringen und erblich zu machen. Denn lasse ich auch nur
einen Fall dieser Art zu, so ist es, als ob ich auch nur eine einzige
Gespenstergeschichte oder Zauberei einräumte u. s. w.«
($S. 287, Z. 14 v. u.$) Daß den Prostituierten alle mütterlichen
Gefühle abgehen, darüber vgl. _Lombroso-Ferrero_, S. 539 f. der
deutschen Ausgabe (Das Weib als Verbrecherin und Prostituierte, Hamburg
1894).
($S. 290, Z. 14.$) Die Argumente, welche als moralische Begründungen
der Ehe angeführt werden, sind bare Sophisterei. Sogar vom Standpunkte
der Kantischen Ethik -- und es gibt keine andere Ethik -- hat man
sie auf folgende Weise aufrechtzuhalten gesucht, wie Theodor G. v.
_Hippel_ (Über die Ehe, 3. Aufl., Berlin 1792, S. 150): »Nie ist der
Mensch _Mittel_, allemal ist er _Zweck_: nie Instrument, sondern
Spielmann; nie kann er genossen werden, sondern er ist Genießer!
In der Ehe verbinden sich zwei Personen, einander gegenseitig zu
genießen: das Weib will eine Sache für den Mann seyn, und auch der
Ehemann macht sich dagegen in bester Form Rechtens verbindlich, sich
dahin zu geben. Da beide sich zu Instrumenten herabsetzen, auf denen
wechselweise gespielt wird, so geht Null mit Null auf: und dieser
einzige Menschengenußkontrakt ist erlaubt, nöthig, göttlich weise.«
Ja _Kant_ selbst führt eine gleiche arithmetische Operation in seinen
»Metaphysischen Anfangsgründen der Rechtslehre« aus (§ 25, S. 88 f.,
ed. Kirchmann): »Der natürliche Gebrauch, den ein Geschlecht von den
Geschlechtsorganen des anderen macht, ist ein _Genuß_, zu dem sich ein
Teil dem anderen hingibt. In diesem Akt macht sich der Mensch selbst
zur Sache, welches dem Rechte der Menschheit an seiner eigenen Person
widerstreitet. Nur unter der einzigen Bedingung ist dieses möglich,
daß, indem die eine Person von der anderen _gleich als Sache_ erworben
wird, diese gegenseitig wiederum jene erwerbe, denn so gewinnt sie
wiederum sich selbst und stellt ihre Persönlichkeit wieder her. Es ist
aber der Erwerb eines Gliedmaßes am Menschen zugleich Erwerbung der
ganzen Person -- weil diese eine absolute Einheit ist -- folglich ist
die Hingebung und Annehmung eines Geschlechtes zum Genuß des anderen
nicht allein unter der Bedingung der Ehe zulässig, sondern auch
_allein_ unter derselben möglich.«
Diese Rechtfertigung berührt sehr eigentümlich. Es hebt sich moralisch
nicht auf, wenn zwei Menschen einander gleich viel stehlen. Zu erklären
ist diese Äußerung wohl nur aus der geringen Rolle, welche die Frauen
in Kantens psychischem Leben spielten, und der geringen Heftigkeit der
erotischen Neigungen, die er zu bekämpfen hatte.
($S. 291, Z. 14 f.$) Vgl. Joseph _Hyrtl_, Topographische Anatomie, 5.
Aufl., 1865, S. 559 f.: »Der Zusammendrückung der Ausführungsgänge der
einzelnen Drüsenlappen wird durch das Hartwerden der Warze vorgebeugt,
welche sich umsomehr steift, je größer der mechanische Reiz ist,
welchen die kindlichen Kiefer auf die Warze ausüben. Die zahlreichen
Tastwärzchen an der Oberfläche der Papille werden die Erfüllung der
Mutterpflicht mit einem wohltuenden Kitzel lohnen, der jedoch zu
wenig wollüstig ist, um jede Mutter für die Leistung der heiligsten
Pflicht zu gewinnen.« [Wohl aber jede Mutter nach dem im Texte
entwickelten Begriffe einer eigentlichen Mutterschaft im Gegensatze
zur Dirnenhaftigkeit.] -- Über die Erection der Warze selbst vgl.
L. _Landois_, Lehrbuch der Physiologie des Menschen, 9. Aufl., Wien und
Leipzig 1896, S. 441: »Bei der Entleerung der Milch wirkt nicht allein
rein mechanisch das _Saugen_, sondern es kommt eine _aktive Tätigkeit
der Brustdrüse_ hinzu. Diese besteht zunächst in der Erection der
Warze, wobei die glatten Muskeln derselben zur Entleerung der Milch
auf die Sinus der Gänge drücken, so daß dieselbe sogar im Strahle
hervorspritzen kann.« -- Über die Uteruskontraktionen Max _Runge_,
Lehrbuch der Geburtshilfe, 4. Aufl., Berlin 1898, S. 180: »Der Reiz der
Warzen durch das Saugen löst Uteruskontraktionen aus.«
($S. 292, Z. 1 v. u.$) Man vergleiche hiemit die folgenden
Betrachtungen J. J. _Bachofens_, die vielleicht tief genannt zu werden
verdienen (Das Mutterrecht, Stuttgart 1861, S. 165 f.): »Der Mann
erscheint als das bewegende Prinzip. Mit der Einwirkung der männlichen
Kraft auf den weiblichen Stoff beginnt die Bewegung des Lebens, der
Kreislauf des ὁρατὸς κόσμος. War zuvor alles in Ruhe, so hebt jetzt mit
der ersten männlichen Tat jener ewige Fluß der Dinge an, der durch die
erste κίνησις hervorgerufen wird, und, nach Heraklits bekanntem Bilde,
in keinem Augenblicke völlig derselbe ist. Durch Peleus' Tat wird aus
Thetis' unsterblichem Mutterschoße das Geschlecht der Sterblichen
geboren. Der Mann bringt den Tod in die Welt. Während die Mutter für
sich der Unsterblichkeit genießt, geht nun, durch den Phallus erweckt,
aus ihrem Leibe ein Geschlecht hervor, das gleich einem Strome immer
dem Tode entgegeneilt, gleich Meleagers Feuerbrand stets sich selbst
verzehrt.« Auch S. 34 f. ist von Bachofen manches Schöne über die im
»demetrisch-tellurischen Prinzipe« gelegene Art der Unsterblichkeit
gesagt.
($S. 293, Z. 4 f.$) _Schopenhauer_, Die Welt als Wille und Vorstellung,
Bd. II, Buch 4, Kapitel 41.
($S. 294, Z. 18.$) _Schopenhauer_, Die Welt als Wille und Vorstellung,
Bd. II, Buch 4, Kapitel 44: »Der Endzweck aller Liebeshändel, sie mögen
auf dem Soccus oder dem Kothurn gespielt werden, ist ... wichtiger als
alle anderen Zwecke im Menschenleben, und daher des tiefen Ernstes,
womit jeder ihn verfolgt, völlig wert. Das nämlich, was dadurch
entschieden wird, ist nichts Geringeres als die _Zusammensetzung der
nächsten Generation_ u. s. w.«
($S. 295, Z. 26.$) Z. B. sagt der freilich auch sonst überaus flache
und unoriginelle Eduard von _Hartmann_, der jetzt von manchen, wie es
scheint, bloß weil er kein Universitätsprofessor ist, schon für einen
großen Denker gehalten wird, in seiner »Phänomenologie des sittlichen
Bewußtseins, Prolegomena zu jeder künftigen Ethik« (Berlin 1879),
S. 268 f.: »Man denke ... an ein vom naivsten aber rücksichtslosesten
und schamlosesten Egoismus beseeltes Weib, das von dem Tage an, wo
es Mutter wird, mit der ganzen Naivität des weiblichen Gefühls ihr
Selbst auf die Personen ihrer Kinder mit ausdehnt, kein Opfer für das
Wohl dieser scheut, aber auch die so erweiterte Mutterselbstsucht
ebenso rücksichtslos und schamlos nach außen übt wie vorher ihren
Egoismus, ja noch ungenierter, weil sie in ihren Mutterpflichten
eine ethische Rechtfertigung ihres Verhaltens zu besitzen glaubt ...
Ist auch eine solche einseitige Liebe, die rücksichtslos zu allem
außerhalb dieses Liebesverhältnisses Liegenden sich verhält, eine
sittlich unvollkommene, so ist sie doch im Prinzip ein unermeßlicher
Fortschritt über den starren Eigennutz und die kahle Eigenliebe
hinaus, und zeigt den grundsätzlichen Bruch mit der Beschränkung des
Willens auf das alleinige Wohl der Individualität. Man kann sagen,
daß in einer solchen Mutter, bei aller Einseitigkeit ihrer Moralität,
doch unendlich viel mehr ethische _Tiefe_ verwirklicht ist als bei
dem Virtuosen der Klugheitsmoral, dem willenlosen Sklaven kirchlicher
Moralformeln und dem Künstler der ästhetischen Moral zusammengenommen,
da jene die _Wurzel alles Bösen_ wenigstens in _einem_ Punkte radikal
und _von Grund aus zerstört hat_, während von diesen die beiden ersten
sich durch außerhalb der Sache liegende Rücksichten, der letztere doch
nur durch oberflächliche und äußerliche Seiten der Sache bestimmen
läßt. Darum wird solche Liebe sittliche Achtung und in ihren höheren
Graden selbst Ehrfurcht und Bewunderung erwecken, selbst da, wo ihre
Einseitigkeit zu unsittlichem Verhalten nach anderen Richtungen
führt.« Alle diese Irrtümer entstehen aus dem trotz _Kant_ überall
verbreiteten, aber ganz unhaltbaren Glauben an eine triebhafte, naive,
unbewußte und auf diese Art vollkommene Sittlichkeit. Man wird es ewig
zu wiederholen haben, daß Moralität und Bewußtheit, Unbewußtheit und
Immoralität einerlei sind. (So spricht von »unbewußter Sittlichkeit«
Hartmann a. a. O., S. 311; es muß hiegegen anerkannt werden, daß er an
anderen Stellen einsichtiger über die Frauen urteilt; z. B. S. 526:
»Der Mangel an Rechtlichkeit und Gerechtigkeit macht das weibliche
Geschlecht als Ganzes zu einem moralischen Parasiten des männlichen.«)
($S. 297, Z. 1.$) Johann _Fischart_, Das Philosophisch Ehezuchtbüchlin.
-- Jean _Richepins_ bekannte Ballade »La Glu« nach dem Bretonischen (in
»La Chanson des Gueux«). Auch H. _Heine_ hätte mehrerer Gedichte wegen
hier angeführt werden dürfen.
($S. 297, Z. 10.$) J. J. _Bachofen_, Das Mutterrecht, Eine Untersuchung
über die Gynaikokratie der alten Welt nach ihrer religiösen und
rechtlichen Natur, Stuttgart 1861, S. 10: »Auf den tiefsten, düstersten
Stufen des menschlichen Daseins bildet die Liebe, welche die Mutter
mit den Geburten ihres Leibes verbindet, den Lichtpunkt des Lebens,
die einzige Erhellung der moralischen Finsternis, die einzige Wonne
inmitten des tiefen Elends.« »Dasjenige Verhältnis, an welchem die
Menschheit zuerst zur Gesittung emporwächst, das der Entwicklung
jeder Tugend, der Ausbildung jeder edleren Seite des Daseins zum
Ausgangspunkte dient, ist der Zauber des Muttertums, der inmitten
eines gewalterfüllten Lebens als das göttliche Prinzip der Liebe, der
Einigung, des Friedens wirksam wird.« Bachofen ist ein viel tieferer
und weiter blickender Mann, von einer universelleren, echteren
philosophischen Bildung als irgend ein Soziolog seit Hegel; und doch
übersieht er hier etwas so Naheliegendes wie den völligen Mangel an
Unterschieden zwischen der Mutterliebe bei den Tieren (Henne, Katze)
und beim Menschen.
Robert _Hamerling_, sonst mehr Rhetor als wahrer Künstler, macht über
die Mutterliebe eine gute Bemerkung, die, ohne daß er dies zu wollen
scheint, klar zeigt, wie von Sittlichkeit hier gar nicht gesprochen
werden kann (Ahasver in Rom, II. Gesang, Werke, Volksausgabe, Bd. I,
S. 59):
»Die Mutterliebe, sieh, das ist der Pflichtteil
Von Liebesglück, den jeder Kreatur
Auswirft die kargende Natur -- der Rest
Ist Schein und Trug. _Wahrhaftig, mich ergötzt es,
Daß es ein Wesen gibt, für das es ewig
Naturnotwendigkeit ist, mich zu lieben._«
($S. 299, Z. 9. v. u.$) An Annäherungen an jenes größere Hetärentum
(Aspasia, Kleopatra) hat es in der Renaissance nicht gefehlt. Vgl.
_Burckhardt_, Die Kultur der Renaissance in Italien, 4. Aufl., bes. von
L. Geiger, Bd. I, S. 127.
($S. 302, Z. 15 v. u.$) Die Erzählung über Napoleon nach _Emerson_,
Repräsentanten des Menschengeschlechtes, übersetzt von Oskar Dähnert,
Leipzig, Universalbibliothek, S. 199.
($S. 306, Z. 18.$) Dieser Auffassung der Mutterschaft kommt am nächsten
die des _Aischylos_ (Eumeniden, V. 658 f.):
»Οὐκ ἔστι μήτηρ ἡ κεκλημένου τέκνου
τοκεύς, τροφὸς δὲ κύματος νεοσπόρου.
τίκτει δ'ὁ θρώσκων, ἡ δ'ἁπερ ξένω ξένη
ἔσωσεν ἔρνος, οίσι μὴ βλάφη θεός.«
($S. 307, Z. 16 v. u.$) Die Illusion der Vaterschaft hat der mächtigen
Tragödie August _Strindbergs_ »Der Vater« den Namen gegeben. (Man vgl.
in dieser außerordentlichen Dichtung [übersetzt von E. Brausewetter,
Universalbibliothek] als speziell auf diesen Punkt sich beziehend
S. 34.)
($S. 307, Z. 14 v. u. ff.$) _Bachofen_, Das Mutterrecht, S. 9: »...
der Name matrimonium selbst ruht auf der Grundidee des Mutterrechtes.
Man sagte matrimonium, nicht patrimonium, wie man zunächst auch nur
von einer materfamilias sprach. Paterfamilias ist ohne Zweifel ein
späteres Wort. Plautus hat materfamilias öfters, Paterfamilias nicht
ein einziges Mal ... Nach dem Mutterrecht gibt es wohl einen Pater,
aber keinen Paterfamilias. _Familia ist ein rein physischer Begriff_,
und darum zunächst nur der Mutter geltend. Die Übertragung auf den
Vater ist ein improprie dictum, das daher zwar im Recht angenommen,
aber in den gewöhnlichen, nicht juristischen Sprachgebrauch später
erst übertragen wurde. Der Vater ist stets eine juristische Fiktion,
die Mutter dagegen eine physische Tatsache. Paulus ad Edictum in Fr.
5 D. de in ius vocando (2, 4), ‚mater semper certa est, etiamsi vulgo
conceperit, pater vero is tantum, quem nuptiae demonstrant’. Tantum
deutet an, daß hier eine juristische Fiktion an die Stelle der stets
fehlenden natürlichen Sicherheit treten muß. Das Mutterrecht ist natura
verum, der Vater bloß iure civili, wie Paulus sich ausdrückt.«
($S. 307, Z. 12 v. u.$) Herbert _Spencer_, Die Unzulänglichkeit der
natürlichen Zuchtwahl, Biologisches Zentralblatt, XIV, 1894, S. 262 f.
bemerkt: »Ich bin einem ausgezeichneten Korrespondenten zu großem
Dank verpflichtet, der meine Aufmerksamkeit auf beglaubigte Tatsachen
gelenkt hat, die über die Nachkommen von Weißen und Negern in den
Vereinigten Staaten berichtet werden. Indem er sich auf einen Bericht,
der ihm mehrere Jahre zuvor gemacht worden war, bezieht, sagt er: ‚Es
ging darauf hinaus, daß die Kinder weißer Frauen von weißen Vätern
_mehrere_ Male Spuren von Negerblut zeigten, wenn die Frau früher
ein Kind von einem Neger gehabt hatte.’ Zu der Zeit, als ich diesen
Bericht erhielt, besuchte mich ein Amerikaner, und darüber befragt,
antwortete er, daß in den Vereinigten Staaten diese Meinung allgemein
anerkannt werde. Um jedoch nicht nach Hörensagen zu urteilen, schrieb
ich sogleich nach Amerika, Umfrage zu halten ... Prof. _Marsh_, der
ausgezeichnete Paläontologe aus Yale, New Haven, der auch Beweise
sammelt, sendet mir einen vorläufigen Bericht, in welchem er sagt:
‚Ich selbst kenne keinen solchen Fall, aber ich habe viele Aussagen
gehört, die mir ihre Existenz wahrscheinlich machen. Ein Beispiel in
Connecticut wurde mir von einem Bekannten so zuverlässig beteuert, daß
ich allen Grund habe, es für authentisch zu halten.’
Daß Fälle dieser Art nicht häufig im Norden gesehen werden, ist
natürlich zu erwarten. Das erste der obenerwähnten Beispiele bezieht
sich auf Vorgänge, die im Süden während der Sklavenzeit beobachtet
wurden; und selbst damals waren die bezüglichen Bedingungen
natürlicherweise sehr selten. Dr. W. J. _Youmans_ in New-York hat in
meinem Interesse mehrere Medizinprofessoren befragt, die, obgleich sie
nicht selbst solche Beispiele gesehen haben, sagen, daß das behauptete,
oben beschriebene Resultat ‚allgemein als eine Tatsache anerkannt
wird’. Aber er sendet mir etwas, das nach meiner Meinung als ein
autoritatives Zeugnis gelten kann. Es ist ein Citat aus dem klassischen
Werk von Prof. _Austin Flint_, das hier folgt:
‚Eine eigentümliche und, wie es scheint, unerklärliche Tatsache ist es,
daß frühere Schwangerschaften einen Einfluß auf die Nachkommenschaft
haben. Das ist den Tierzüchtern wohl bekannt. Wenn Vollblutstuten oder
Hündinnen einmal mit Männchen von weniger reinem Blut belegt worden
waren, so werden bei späteren Befruchtungen die Jungen geneigt sein,
die Art des ersten Männchens anzunehmen, selbst wenn sie von Männchen
mit unzweifelhaftem Stammbaum erzeugt wurden. Wie man diesen Einfluß
der ersten Empfängnis erklären kann, ist unmöglich zu sagen, aber
die Tatsache ist unbestritten. Der gleiche Einfluß ist beim Menschen
beobachtet worden. Eine Frau kann vom zweiten Mann Kinder haben,
die dem ersten ähnlich sind, und diese Beobachtung ist besonders in
Bezug auf Haar und Augen gemacht worden. Eine weiße Frau, die zuerst
Kinder von einem Neger hat, kann später Kinder von einem weißen Vater
gebären, und doch werden diese Kinder unfragliche Eigentümlichkeiten
der Negerrasse an sich tragen.’« (A Text Book of Human Physiology. By
_Austin Flint_ MD. LL. D. _Fourth_ edition, New York, D. Appleton &
Co., 1888, p. 797.)
Dr. _Youmans_ besuchte Prof. _Flint_, der ihm erzählte, daß er ‚den
Gegenstand näher untersucht habe, als er sein größeres Werk schrieb
(das obige Citat ist aus einem Auszug), und er fügte hinzu, daß er
nie gehört habe, daß der Bericht in Frage gestellt sei’. (Vgl. über
dieselbe Frage _Spencer_, Biolog. Zentralblatt XIII, 1893, S. 743-748.)
($S. 307, Z. 8 v. u.$) Vgl. Charles _Darwin_, Über die direkte oder
unmittelbare Einwirkung des männlichen Elementes auf die Mutterform
(Das Variieren der Tiere und Pflanzen im Zustande der Domestikation,
11. Kapitel, Bd. I, 2. Aufl., Stuttgart 1873, S. 445 f.): »Eine andere
merkwürdige Klasse von Tatsachen muß hier noch betrachtet werden, weil
man angenommen hat, daß sie einige Fälle von Knospenvariation erklären.
Ich meine die direkte Einwirkung des männlichen Elementes, nicht in
der gewöhnlichen Weise auf die Ovula, sondern auf gewisse Teile der
weiblichen Pflanzen, oder wie es der Fall bei Tieren ist, auf die
späteren Nachkommen des Weibchens von einem zweiten Männchen. Ich will
vorausschicken, daß bei Pflanzen das Ovarium und die Eihülle offenbar
Teile des Weibchens sind, und es hätte sich nicht voraussehen lassen,
daß diese von dem Pollen einer fremden Varietät oder Spezies affiziert
werden würden, obgleich die Entwicklung des Embryo innerhalb des
Embryosackes, innerhalb des Ovulums, innerhalb des Ovariums natürlich
vom männlichen Element abhängt.
Schon im Jahre 1729 wurde beobachtet (Philosophical Transactions,
Vol. XLIII, 1744/45, p. 525), daß sich weiße und blaue Varietäten
der Erbsen, wenn sie nahe aneinander gepflanzt werden, gegenseitig
kreuzten, ohne Zweifel durch die Tätigkeit der Bienen, und im Herbste
wurden blaue und weiße Erbsen innerhalb derselben Schoten gefunden.
_Wiegmann_ machte eine genau ähnliche Beobachtung im jetzigen
Jahrhundert. Dasselbe Resultat erfolgte mehrere Male, wenn eine
Varietät Erbsen von der einen Färbung künstlich mit einer verschieden
gefärbten Varietät gebaut wurde. (Mr. _Swayne_ in: Transact. Horticult.
Soc., Vol. V, p. 234, und _Gärtner_, Bastarderzeugung, 1849, S. 81 und
499). Diese Angaben veranlaßten _Gärtner_, der äußerst skeptisch über
diesen Gegenstand war, eine lange Reihe von Experimenten sorgfältig
anzustellen. Er wählte die konstantesten Varietäten sorgfältig heraus,
und das Resultat zeigte ganz überzeugend, daß die Farbe der Haut
der Erbse modifiziert wird, wenn Pollen einer verschieden gefärbten
Varietät gebraucht wird. Diese Folgerung ist seitdem durch Experimente,
welche J. M. _Berkeley_ angestellt hat, bestätigt worden (_Gardeners_'
Chronicle, 1854, p. 404) ...«
(S. 447): »Wenden wir uns nun zur Gattung _Matthiola_. Der Pollen
der einen Sorte von _Levkoj_ affiziert zuweilen die Farbe der Samen
einer anderen Sorte, die als Mutterpflanze benutzt wird. Ich führe den
folgenden Fall um so lieber an, als _Gärtner_ ähnliche Angaben, die
in Bezug auf den Levkoj von anderen Beobachtern früher gemacht worden
waren, bezweifelte. Ein sehr bekannter Gartenzüchter, Major _Trevor
Clark_ (siehe auch einen Aufsatz, welchen dieser Beobachter vor dem
internationalen Hortikultur- und botanischen Kongreß in London 1866
gelesen hat), teilt mir mit, daß die Samen des großen rotblütigen,
_zweijährigen_ Levkoj (M. annua; »Cocardeau« der Franzosen) hellbraun
sind, und die des purpurnen verzweigten Levkojs »Queen« (M. incana)
violettschwarz sind. Nun fand er, daß, wenn Blüten des roten Levkojs
mit Pollen des purpurnen befruchtet wurden, sie ungefähr 50% schwarzen
Samen ergaben. Er schickte mir vier Schoten von einer rotblühenden
Pflanze, von denen zwei mit ihren eigenen Pollen befruchtet worden
waren, und diese enthielten blaßbraune Samen, und zwei, welche mit
Pollen von der purpurnen Sorte gekreuzt worden waren, und diese
enthielten Samen, die alle tief mit Schwarz gefärbt waren. Diese
letzteren Samen ergaben purpurblühende Pflanzen wie ihr Vater, während
die blaßbraunen Samen normale rotblühende Pflanzen ergaben. Major
_Clarke_ hat beim Aussäen ähnlicher Samen in einem größeren Maßstabe
dasselbe Resultat erhalten. Die Beweise für die direkte Einwirkung des
Pollens einer Spezies auf die Färbung der Samen einer anderen Spezies
scheinen mir in diesem Falle ganz entscheidend zu sein.«
Darwin legt hier besonderen Nachdruck auf die radikale Veränderung in
der Mutterpflanze durch den männlichen Pollen. So im englischen Texte
(2. ed., London 1875, Vol. II, p. 430 f.): »Professor _Hildebrand_
(Botanische Zeitung, Mai 1868, S. 326) ... has fertilised ... a
kind [of maize] bearing yellow grains with the precaution that the
mother-plant was true. A kind bearing yellow grains was fertilised
with pollen of a kind having brown grains, and two ears produced
yellow grains, but one side of the spindle was tinted with a reddish
brown; _so that here we have the important fact of the influence of
the foreign pollen extending to the axis_.« S. 449 (der deutschen
Ausgabe): »Mr. _Sabine_ (Transact. Horticult. Soc., Vol. V, p. 69) gibt
an, daß er gesehen hat, wie die Form der nahezu kugeligen Samenkapseln
von Amaryllis vittata durch die Anwendung des Pollens einer anderen
Spezies, deren Kapseln höckerige Kanten haben, verändert wurden.«
(S. 459): »Ich habe nun nach der Autorität mehrerer ausgezeichneter
Beobachter der Pflanzen, welche zu sehr verschiedenen Ordnungen
gehören, gezeigt, daß der Pollen einer Spezies oder Varietät, wenn er
auf eine distinkte Form gebracht wird, gelegentlich die Modifikation
der Samenhüllen und des Fruchtknotens oder der Frucht verursacht,
was sich in einem Falle bis auf den Kelch und den oberen Teil des
Fruchtstiels der Mutterpflanze erstreckt. Es geschieht zuweilen, daß
das ganze Ovarium oder alle Samen auf diese Weise modifiziert werden;
zuweilen wird nur eine gewisse Anzahl Samen, wie in dem Falle bei der
Erbse, oder nur ein Teil des Ovariums, wie bei der gestreiften Orange,
den gefleckten Trauben und dem gefleckten Mais, so affiziert. Man darf
nicht annehmen, daß irgend eine direkte oder unmittelbare Wirkung der
Anwendung fremden Pollens unabänderlich folgt: dies ist durchaus nicht
der Fall; auch weiß man nicht, von welchen Bedingungen das Resultat
abhängt.«
(S. 451): »Die Beweise für die Wirkung fremden Pollens auf die
Mutterpflanze sind mit beträchtlichem Detail gegeben worden, weil diese
Wirkung ... von der höchsten theoretischen Bedeutung ist und weil sie
an und für sich ein merkwürdiger und scheinbar anormaler Umstand ist.
Daß sie vom physiologischen Standpunkte aus merkwürdig ist, ist klar;
denn das männliche Element affiziert nicht bloß, im Einklang mit seiner
eigentlichen Funktion, den Keim, sondern auch die umgebenden Gewebe der
Mutterpflanze.« (Hier fährt die englische Ausgabe I^2, p. 430, fort):
»... $We thus see, that an ovule is not indispensable for the reception
of the influence of the male element.$«
($S. 307, Z. 5 v. u.$) Ich setze den berühmten Bericht im Original her:
(Philosophical Transactions of the Royal Society of London, 1821, Part
I, p. 20 f.):
_A communication of a singular fact in Natural History. By the Right
Honourable the Earl of $Morton$_, F. R. S., in a Letter addressed to
the President.
Read, November 23, 1820.
My Dear Sir,
I yesterday had an opportunity of observing a singular
fact in Natural History, which you may perhaps deem not
unworthy of being communicated to the Royal Society.
Some years ago, I was desirous of trying the experiment
of domesticating the Quagga, and endeavoured to procure
some individuals of that species. I obtained a male;
but being disappointed of a female, I tried to breed
from the male quagga and a young chestnut mare of
seven-eighths Arabian blood and which had never been
bred from: the result was the production of a female
hybrid, now five years old, and bearing, both in her
form and in her colour, very decided indications of
her mixed origin. I subsequently parted with the
seven-eighth Arabia mare to Sir _Gore Ouseley_, who
has bred from her by a very fine black Arabian horse.
I yesterday morning examined the produce, namely, a
two-years old filly, and a year-old colt. They have
the character of the Arabian breed as decidedly as can
be expected, where fifteen-sixteenths of the blood
are Arabian; and they are fine specimens of that
breed; _but both in their colour, and in the hair of
their manes, they have a striking resemblance to the
quagga_. Their colour is bay, marked more or less like
the quagga in a darker tint. Both are distinguished
by the dark line along the ridge of the back, the
dark stripes across the fore-hand, and the dark bars
across the back-part of the legs. The stripes across
the fore-hand of the colt are confined to the withers,
and to the part of the neck next to them; those on the
filly cover nearly the whole of the neck and the back,
as far as the flanks. The colour of her coat on the
neck adjoining to the mane is pale and approaching to
dun, rendering the stripes there more conspicuous than
those on the colt. The same pale tint appears in a less
degree on the rump: and in this circumstance of the dun
tint also she resembles the quagga -- -- -- -- -- --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- [p. 22] These
circumstances may appear singular; but I think you
will agree with me that they are trifles compared with
the extraordinary fact of so many striking features,
which do not belong to the dam, being in two successive
instances communicated through her to the progeny, not
only of another sire, who also has them not, but of a
sire belonging probably to another species; for such we
have very strong reason for supposing the quagga to be.
I am, my dear Sir
Your faithful humble servant
$Morton$.
($S. 308, Z. 1 f.$) Besonders ausführlich H. _Settegast_, Die
Tierzucht, 4. Aufl., Bd. I: Die Züchtungslehre, Breslau 1878, S. 223
bis 234: Infektion (Superfötation). Er verweist alles in das Gebiet des
Aberglaubens und der Phantastik. »So kommen wir denn zu dem Schluß,
daß die vermeintliche Infektion der Mutter auf einer Täuschung beruht,
und daß es unzulässig ist, durch sie die Fälle erklären zu wollen, in
welchen das Kind in Farbe und Abzeichen, in Form und Eigenschaften
der Übereinstimmung mit den Eltern ermangelt. Aus unseren bisherigen
Untersuchungen über Abweichungen von elterlicher Verwandtschaft ist zu
ersehen, daß die vereinzelten Fälle, welche die Infektionstheorie zu
ihren Gunsten auslegt, und die zugleich als verbürgt angesehen werden
dürfen, auf Rechnung der Neubildung der Natur zu schreiben sind.
Durch unsere Ausführungen glauben wir die Infektionstheorie widerlegt
zu haben: daß es uns gelungen sein sollte, sie für immer zu bannen,
dürfen wir kaum hoffen. Die Infektionstheorie ist die Seeschlange der
Vererbungslehre.«
($S. 308, Z. 3.$) F. C. _Mahnke_, Die Infektionstheorie, Stettin 1864.
Vgl. zu der Frage auch Rudolf _Wagner_, Nachtrag zu R. Leuckarts
Artikel »Zeugung«, in Wagners Handwörterbuch der Physiologie, Bd. IV,
1853, S. 1011 f. Oscar _Hertwig_, Die Zelle und die Gewebe, Bd. II,
Jena 1898, S. 137 f.
($S. 308, Z. 4.$) August _Weismann_, Das Keimplasma, Eine Theorie
der Vererbung, Jena 1892, S. 503 f. Die Allmacht der Naturzüchtung,
Jena 1893, S. 81-84, 87-91. Weismann verhält sich, wie er (seiner
Überzeugung von der völligen Unbeeinflußbarkeit des Keimplasmas
gemäß) es wohl muß, ablehnend, und beruft sich hiebei vor allem auf
die eingehenden Erörterungen _Settegasts_. Ähnlich Hugo _de Vries_,
Intracellulare Pangenesis, Jena 1889, S. 206-207.
Dagegen ist _Darwin_ von der »direkten Wirkung des männlichen Elementes
auf das Weibchen« (nicht bloß auf eine einzige Keimzelle desselben)
überzeugt, Das Variieren der Tiere und Pflanzen im Zustande der
Domestikation, Kap. 27 (Bd. II^2, S. 414, Stuttgart 1873); wie es wohl
ein jeder sein muß, der sich die ungeheuere Veränderung, welche in den
Frauen sofort mit Beginn der Ehe eintritt, und ihre außerordentliche
Anähnlichung an den Mann während derselben vor Augen hält. Vgl. im
Texte S. 376, 396.
Darwin sagt a. a. O., S. 414: »Wir sehen hier, daß das männliche
Element nicht den Teil affiziert und hybridisiert, welchen zu
affizieren es eigentlich bestimmt ist, nämlich das Eichen, sondern die
besonders entwickelten Gewebe eines distinkten Individuums.«
Ausführlicher spricht Darwin über die Telegonie im 11. Kapitel dieses
selben Werkes, wo er aus der Literatur eine große Zahl von Fällen
anführt, welche für ihr Vorkommen beweisend sind (Bd. I^2, S. 453-455):
»In Bezug auf die Varietäten unserer domestizierten Tiere sind viele
ähnliche und sicher beglaubigte Tatsachen veröffentlicht worden, andere
sind mir noch mitgeteilt worden; alle beweisen den Einfluß des ersten
Männchens auf die später von derselben Mutter mit anderen Männchen
erzeugten Nachkommen. Es wird hinreichen, noch einen einzigen Fall
mitzuteilen, der in einem auf den des Lord _Morton_ folgenden Aufsatz
in den »Philosophical Transactions« enthalten ist: Mr. _Giles_ brachte
eine Sau von Lord _Westerns_ schwarzer und weißer Essexrasse zu einem
wilden Eber von einer tiefkastanienbraunen Färbung; die produzierten
Schweine trugen in ihrer äußeren Erscheinung Merkmale sowohl des Ebers
als der Sau, bei einigen herrschte aber die braune Färbung des Ebers
bedeutend vor. Nachdem der Eber schon längere Zeit tot war, ward die
Sau zu einem Eber ihrer eigenen schwarzen und weißen Rasse getan (einer
Rasse, von welcher man sehr wohl weiß, daß sie sehr rein züchtet und
niemals irgend eine braune Färbung zeigt); und doch produzierte die
Sau nach dieser Verbindung einige junge Schweine, welche deutlich
dieselbe kastanienbraune Färbung besaßen, wie die aus dem ersten Wurfe.
_Ähnliche Fälle sind so oft vorgekommen, daß sorgfältige Züchter es
vermeiden, ein geringeres Männchen zu einem ausgezeichneten Weibchen zu
lassen wegen der Beeinträchtigung der späteren Nachkommen, welche sich
hienach erwarten läßt._
Einige Physiologen haben diese merkwürdigen Folgen einer ersten
Befruchtung aus der innigen Verbindung und der freien Kommunikation
zwischen den Blutgefäßen des modifizierten Embryo und der Mutter
zu erklären versucht. Es ist indes eine äußerst unwahrscheinliche
Hypothese, daß das bloße Blut des einen Individuums die
Reproduktionsorgane eines anderen Individuums in einer solchen Weise
affizieren könne, daß die späteren Nachkommen dadurch modifiziert
würden. Die Analogie mit der direkten Einwirkung fremden Pollens auf
den Fruchtknoten und die Samenhüllen der Mutterpflanze bietet der
Annahme eine kräftige Unterstützung, daß das männliche Element, so
wunderbar diese Wirkung auch ist, direkt auf die Reproduktionsorgane
des Weibchen wirkt, und nicht erst durch die Intervention des
gekreuzten Embryo.«
Wilhelm Olbers _Focke_, Die Pflanzen-Mischlinge, Ein Beitrag zur
Biologie der Gewächse, Berlin 1881, S. 510-518: »Ich schlage ...
vor, solche Abweichungen von der normalen Gestalt oder Färbung,
welche in irgendwelchen Teilen einer Pflanze durch die Einwirkung vom
fremden Blütenstaube hervorgebracht werden, als Xenien zu bezeichnen,
gleichsam als Gastgeschenke der Pollen spendenden Pflanze an die Pollen
empfangende.« (S. 511.)
($S. 308, Z. 16 v. u.$) Zum »Versehen« vgl. die Anmerkungen zu S. 285 f.
($S. 308, Z. 8 v. u.$) Wie für das Versehen auf _Goethe_ und auf
_Ibsen_, so hätte ich, wenn ich nicht erst nach Abschluß dieses
Kapitels hierauf wäre aufmerksam gemacht worden, auch für die Realität
der Telegonie auf das Werk eines großen Künstlers mich berufen
können: ich meine Madeleine _Férat_, den wenig gelesenen, aber wohl
sehr großartigen Roman des jugendlichen _Zola_. Was Zola über die
Frauen gedacht hat, muß, nach diesem, wie nach anderen Werken, meinen
Anschauungen sehr nahe gestanden sein. Vgl. Madeleine Férat, Nouvelle
édition, Paris, Bibliothèque-Charpentier 1898, S. 173 f., besonders
S. 181 ff. und 251 f., Stellen, die ich ihrer großen Länge wegen nicht
hiehersetzen kann.
($S. 310, Z. 17.$) Über die Zuhälter vgl. _Lombroso-Ferrero_, Das
Weib als Verbrecherin und Prostituierte, Hamburg 1894, S. 560 ff.
der deutschen Ausgabe, über ihre Identität mit den eigentlichen
Verbrechern, ibid. S. 563-564.