($S. 61, Z. 10 v. u.$) _Moll_, Untersuchungen über die Libido sexualis,

Bd. I, Berlin 1898, S. 484.

($S. 62, Z. 3 v. u.$) Männer wie _Michel-Angelo_ oder _Winckelmann_,

jener sicherlich einer der männlichsten Künstler, sind also nach

dieser Nomenklatur nicht als Homosexuelle, sondern als Päderasten zu

bezeichnen.

Zu Teil I, Kapitel 5.

($S. 63, Z. 15 f.$) Wenn Theodor _Gomperz_, Griechische Denker,

Leipzig 1896, Bd. I, S. 149, mit der Interpretation recht hätte,

welche er einigen in lateinischer Übersetzung erhaltenen Versen des

_Parmenides_ gibt (vgl. _Parmenides' Lehrgedicht_, griechisch und

deutsch von Hermann _Diels_, Berlin 1897, Fragment 18, und Diels'

Bemerkungen hiezu, S. 113 ff.), so hätte ich den großen Denker hier

als meinen Vorgänger zu nennen. Gomperz sagt: »In .... dieser Theorie

tritt auch die den pythagoreisch und somit mathematisch Gebildeten

kennzeichnende Tendenz hervor, ... qualitative Verschiedenheiten aus

quantitativen Unterschieden abzuleiten. Das Größenverhältnis nämlich,

in welchem der von ihm (ebenso wie schon von Alkmäon) vorausgesetzte

weibliche Bildungsstoff zu dem männlichen steht, wurde zur Erklärung

der Charaktereigentümlichkeiten und insbesondere der Art der

Geschlechtsneigung des Erzeugten verwendet. Und dieselbe Richtung

offenbart sich in dem Bestreben, die individuelle Verschiedenheit

der Individuen gleichwie ihrer jedesmaligen Geisteszustände auf den

größeren oder geringeren Anteil zurückzuführen, den ihr Körper an den

beiden Grundstoffen hat.« Wenn Gomperz kein anderes Fragment meinen

sollte als das oben bezeichnete, so gäbe diese Auslegung dem Parmenides

etwas, das Gomperz gebührt. Vgl. auch _Zeller_, Die Philosophie der

Griechen, I/1, 5. Aufl., Leipzig 1892, S. 578 f., Anm. 4.

($S. 64, Z. 12.$) Hier ist angespielt auf die programmatische Schrift

von L. William _Stern_, Psychologie der individuellen Differenzen

(Ideen zu einer »differentiellen Psychologie«), Schriften der

Gesellschaft für psychologische Forschung, Heft 12, Leipzig 1900.

($S. 65, Z. 11 f.$) Über die Periodizität im menschlichen, und zwar

auch im männlichen Leben, sowie in allen biologischen Dingen findet

sich das Interessanteste und Anregendste in einem Buche, dessen auch

sonst ungeschickt gewählter Titel über diesen Inhalt nichts vermuten

läßt, bei Wilhelm _Fließ_, Die Beziehungen zwischen Nase und weiblichen

Geschlechtsorganen in ihrer biologischen Bedeutung dargestellt, Leipzig

und Wien 1897, einer ungemein originellen Schrift, der eine historische

Berühmtheit gerade dann sicher sein dürfte, wenn die Forschung einmal

weit über sie hinausgelangen sollte. Einstweilen sind die höchst

merkwürdigen Dinge, die Fließ entdeckt hat, noch bezeichnend wenig

beachtet worden (vgl Fließ, S. 117 ff., 174, 237).

($S. 70, Z. 9 v. u. f.$) Über diese angebliche »Monotonie« der

Frauen sind Äußerungen verschiedener Autoren zu finden in dem

großen Sammelwerk von C. _Lombroso_ und G. _Ferrero_, Das Weib als

Verbrecherin und Prostituierte, Anthropologische Studien, gegründet

auf eine Darstellung der Biologie und Psychologie des normalen Weibes,

übersetzt von H. _Kurella_, Hamburg 1894, S. 172 f.

($S. 70, Z. 3 v. u. f.$) Größere Variabilität der Männchen: _Darwin_,

Die Abstammung des Menschen etc., übersetzt von Haek, Kap. 8,

S. 334 ff.; Kap. 14, S. 132 ff., besonders 136; Kap. 19, S. 338 ff. --

C. B. _Davenport_ und C. _Bullard_, Studies in Morphogenesis, VI: A

Contribution to the quantitative Study of correlated variation and the

comparative Variability of the Sexes, Proceedings of the Amer. Phil.

Soc. 32, 85-97. Referat Année Biologique, 1895, p. 273 f.

($S. 71, Z. 19 v. u. f.$) Die »Aktualitätstheorie« des Psychischen

ist die Theorie Wilhelm _Wundts_ (Grundriß der Psychologie, 4. Aufl.,

Leipzig 1901, S. 387); sie lehnt alles substantielle und zeitlose

Sein in der Psychologie ab und erblickt hierin ihren wesentlichen

Unterschied gegenüber der Naturwissenschaft, welche über den Begriff

der Materie nie hinauskommen könne (vgl. auch _Wundts_ Logik, Bd. II,

Methodenlehre, 2. Aufl., Leipzig 1895).

($S. 72, Z. 9 ff.$) Die im folgenden dargetane prinzipielle

Berechtigung der Physiognomik, die trotz _Lichtenbergs_ übler

Prophezeiung nicht »im eigenen Fett erstickt«, vielmehr an der

Auszehrung gestorben ist, liegt eigentlich bereits in den Worten des

_Aristoteles_ enthalten (περὶ Ψυχής A 3, 407 b, 13 f.): »Εκεινο δὲ

ἄτοπον συμβαίνει καὶ τούτῳ τῷ λόγῳ καὶ τοῖς πλείστοις τῶν περὶ ψυχῆς·

συνάπτουσι γὰρ καὶ τιθέασιν εἰς σῶμα τὴν ψυχήν, οὐθὲν προσδιορίσαντες

διὰ τίν' αἰτίαν καὶ πῶς ἔχοντος τοῦ σώματος. καίτοι δόξειεν ἂν τοῦτ'

ἀναγκαῖον εἶναι· διὰ γὰρ τὴν κοινωνίαν τὸ μὲν ποιεῖ τὸ δὲ πάσχει καὶ

τὸ μὲν κινεῖται τὸ δὲ κινεῖ, τούτων δ' οὐδὲν ὑπαρχει πρὸς ἄλληλα τοῖς

τυχοῦσιν. Ὁἱ δὲ μόνον ἐπιχειροῦσι λέγειν ποῖόν τι ἡ ψυχή, περὶ δὲ τοῦ

δεξομένου σώματος οὐθὲν ἔτι προσδιορίζουσιν, ὥσπερ ἐνδεχόμενον κατὰ

τοὺς Πυθαγορικοὺς μύθους _τὴν τυχοῦσαν ψυχὴν εἰς τὸ τυχὸν ἐνδύεσθαι

σῶμα_· δοκεῖ γὰρ ἕκαστον ἴδιον ἔχειν εἶδος καὶ μορφήν. Παραπλήσιον δὲ

λέγουσιν ὥσπερ εἴ τις φαίη τὴν τεκτονικὴν εἰς αὐλοὺς ἐνδύεσθαι· δεῖ γὰρ

τὴν μὲν τέχνην χρῆσθαι τοῖς ὀργάνοις, τὴν δὲ ψυχὴν τῷ σώματι.«

($S. 72, Z. 22.$) P. J. _Moebius_, Über die Anlage zur Mathematik,

Leipzig 1900.

($S. 74, Z. 19 v. u.$) _Hume_ schweigt über den Unterschied, _Mach_

leugnet ihn (vgl. Die Prinzipien der Wärmelehre, historisch-kritisch

entwickelt, 2. Aufl. Leipzig 1900, S. 432 ff.).

($S. 74, Z. 8 v. u. f.$) Die hier zurückgewiesene Ansicht über das

Zeitproblem ist die von Ernst _Mach_, Die Mechanik in ihrer Entwicklung

historisch-kritisch dargestellt, 4. Aufl., Leipzig 1901, S. 233.

Unendlich flach ist, was J. B. _Stallo_ zu dieser Frage bemerkt, The

Concepts and Theories of modern physics, 3. ed., London 1890, p. 204.

($S. 75, Z. 19.$) Über _Aristoteles_ als Begründer der

Korrelationslehre vgl. Jürgen Bona _Meyer_, Aristoteles' Tierkunde,

Berlin 1855, S. 468.

($S. 75, Z. 17 v. u. ff.$) Über die merkwürdige Korrelation bei Katzen

sowie über »Correlated Variability« überhaupt vgl. _Darwin_, Das

Variieren der Tiere und Pflanzen, Stuttgart 1873, Kap. 25 (Bd. II^2,

S. 375). Vgl. Entstehung der Arten, S. 36 f., 194 f. der Haekschen

Übersetzung (Universal-Bibliothek).

($S. 76, Z. 7 v. u.$) Ernst _Mach_, Die Mechanik u. s. w., 4. Aufl.,

S. 235.

($S. 77, Z. 14 f.$) Hier berührt sich die Darstellung mit Wilhelm

_Dilthey_, Beiträge zum Studium der Individualität, Sitzungsberichte

der kgl. preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, 1896

(S. 295-335), S. 303: »In einem ... Typus sind mehrere Merkmale, Teile

oder Funktionen regelmäßig miteinander verbunden. Diese Züge, deren

Verbindung den Typus ausmacht, stehen in einer solchen gegenseitigen

Relation zueinander, daß die Anwesenheit des einen Zuges auf die des

anderen schließen läßt, die Variationen im einen auf die im anderen.

Und zwar nimmt diese typische Verbindung von Merkmalen im Universum

in einer aufsteigenden Reihe von Lebensformen zu und erreicht im

organischen und dann im psychischen Leben ihren Höhepunkt. Dieses

Prinzip des Typus kann als das zweite, welches die Individuen

beherrscht, angesehen werden. Dieses Gesetz ermöglichte es dem großen

_Cuvier_, aus versteinerten Resten eines tierischen Körpers diesen zu

rekonstruieren, und dasselbe Gesetz in der geistig-geschichtlichen Welt

hat Fr. A. _Wolf_ und _Niebuhr_ ihre Schlüsse ermöglicht.«

($S. 77, Z. 8 v. u.$) Gemeint sind die künstlich des

Oberschlundganglions beraubten Nereiden. »Hat man mehrere so operierte

Würmer in einem Gefäß zusammen, so ... geraten sie in eine Ecke und

suchen hier durch die Wand zu rennen. Die Würmer blieben viele Stunden

so und gingen schließlich infolge ihres unsinnigen Bestrebens, vorwärts

zu kommen, zu Grunde.« Jacques _Loeb_, Einleitung in die vergleichende

Gehirnphysiologie und vergleichende Psychologie mit besonderer

Berücksichtigung der wirbellosen Tiere, Leipzig 1899, S. 63 (wo nach

S. S. _Maxwell_, Pflügers Archiv für die gesamte Physiologie, 67,

1897, eine Zeichnung von diesem Vorgange gegeben ist).

($S. 78, Z. 4 v. o.$) Der Ausdruck »Aufpasser« u. s. w. bei

_Schopenhauer_, Parerga II, § 350 bis.

($S. 78, Z. 1 v. u.$) Konrad _Rieger_ sagt (Die Kastration, Jena

1900, Vorwort, S. XXV): »Auch ich teile vollkommen mit _Gall_,

_Comte_, _Moebius_ die Überzeugung: daß es der größte Fortschritt

wäre, sowohl in der reinen Wissenschaft als in praktisch sozialer und

politischer Hinsicht, wenn eine Methode gefunden würde, mittels deren

es möglich wäre, Moral, Intelligenz, Charakter, Wille eines Menschen

[physiognomisch] exakt zu bestimmen.« Ich kann mich dieser Auffassung

nicht anschließen und halte sie für ein wenig übertrieben; doch ich

führe sie an, weil sie immerhin die Wichtigkeit der Sache ins Licht

setzen hilft.

Zu Teil I, Kapitel 6.

($S. 79, Z. 6.$) Am nächsten kommt der in diesem Kapitel entwickelten

Auffassung der Frauenfrage _Arduin_, Die Frauenfrage und die sexuellen

Zwischenstufen, Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen, Bd. II, 1900,

S. 211-223. Jedoch bin ich von diesem Autor gänzlich unabhängig.

($S. 81, Z. 6 v. u.$) Vgl. _Welcker_, Sappho von einem herrschenden

Vorurteil befreit, Göttingen 1816, wieder abgedruckt in seinen »Kleinen

Schriften«, II. Teil, Bonn 1845, S. 80-144. Auch Q. _Horatius_ Flaccus,

erklärt von Hermann _Schütz_, III. Teil, Episteln (Berlin 1883),

Kommentar zu Epistel I, 19, 28, und dazu _Welcker_, Kleine Schriften,

Bd. V, S. 239 f.

($S. 82, Z. 4 v. u.$) _Mérimée_: nach Adele _Gerhardt_ und Helene

_Simon_, Mutterschaft und geistige Arbeit, eine psychologische und

soziologische Studie auf Grundlage einer internationalen Erhebung mit

Berücksichtigung der geschichtlichen Entwicklung, Berlin 1901, S. 162.

Die Erzählung über George _Sand_ und _Chopin_ ebenda S. 166. Dieser

fleißigen Arbeit verdanke ich auch sonst eine Anzahl von Belegen und

den Hinweis auf einige Quellen.

($S. 82, Z. 6.$) Die Angabe über Laura _Bridgman_ rührt von Albert

_Moll_ her, Untersuchungen über die Libido sexualis, Berlin 1897/98,

Bd. I, S. 144. Die Stellen bei Wilhelm _Jerusalem_, Laura Bridgman,

Erziehung einer Taubstumm-Blinden, eine psychologische Studie, Wien

1890, S. 60, sprechen freilich eher für das Gegenteil. Über die

George _Sand_: Moll ibid., S. 698 f., Anm. 4; über _Katharina_ II.:

_Moll_, Die konträre Sexualempfindung, 3. Aufl., Berlin 1899, S. 516;

über _Christine_: Adele _Gerhardt_ und Helene _Simon_, Mutterschaft

und geistige Arbeit, Berlin 1901, S. 209 (»jedenfalls eine durch

sexuell-pathologische Erscheinungen gefährdete Persönlichkeit«).

($S. 83, Z. 6.$) Man vergleiche »Briefe Ludwigs II. von Bayern an

Richard Wagner«, veröffentlicht in der Wage, Wiener Wochenschrift,

1. Jänner bis 5. Februar 1899.

($S. 83, Z. 15 v. u. ff.$) Über George _Eliot_: _Gerhardt_ und _Simon_

a. a. O., S. 155. Über Lavinia _Fontana_ ibid., S. 98. Über die

_Droste-Hülshoff_, S. 137. Über die Rachel _Ruysch_: Ernst _Guhl_, Die

Frauen in der Kunstgeschichte, Berlin 1858, S. 122.

($S. 84, Z. 3 f.$) Über Rosa _Bonheur_ vgl. _Gerhardt-Simon_,

S. 107 f. Dort ist nach dem Biographen der Malerin René _Peyrol_ (Rosa

Bonheur, Her Life and Work, London) citiert: »The masculine vigour

of her character, as also her hair, which she was in the habit of

wearing short, contributed to perfect her disguise.« Wenn R. B. in

Männerkleidern ging, schöpfte niemand den geringsten Verdacht.

($S. 84, Z. 4 v. u.$) Da Frauen weniger produzieren als Männer, haben

ihre Werke von vornherein einen Seltenheitswert und gelten eher als

Kuriosität. Vgl. _Guhl_, Die Frauen in der Kunstgeschichte, S. 260 f.:

»Es genügte, daß ein Werk von weiblicher Hand herrührte, um schon um

deswillen gepriesen zu werden.«

($S. 86, Z. 4 f.$) Vgl. P. J. _Moebius_, Über die Vererbung

künstlerischer Talente, in der »Umschau«, IV, Nr. 38, S. 742-745 (15.

September 1900). Jürgen Bona _Meyer_, Zeitschrift für Völkerpsychologie

und Sprachwissenschaft, 1880, S. 295-298. Karl _Joel_, Die Frauen in

der Philosophie. Sammlung gemeinverständlicher Vorträge, herausgegeben

von Virchow und Holtzendorff, Heft 246, Hamburg 1896, S. 32 und 63.

($S. 86, Z. 8 f.$) _Guhl_ a. a. O., S. 8.

($S. 86, Z. 15.$) Ich hätte hier noch als sehr männlich Dorothea

_Mendelssohn_ erwähnen sollen; über sie wie über ihren so weiblichen

Gatten Friedrich _Schlegel_ vgl. Joh. _Schubert_, Frauengestalten

aus der Zeit der deutschen Romantik, Hamburg 1898 (Sammlung

gemeinverständlicher wissenschaftlicher Vorträge, herausgegeben von

Virchow, Heft 285), S. 8 f. Auch die hochbegabte homosexuelle Gräfin

_Sarolta_ V. aus _Krafft-Ebings_ Psychopathia sexualis (8. Aufl., 1893,

S. 311-317) wäre anzuführen gewesen.

($S. 86, Z. 18.$) _Guhl_ a. a. O., S. 5.

($S. 86, Z. 3 v. u.$) Wer eifriger sammelt, als ich dies getan habe,

mit größeren Kenntnissen in der Literatur-, Kunst-, Wissenschafts- und

politischen Geschichte, und reichlichere Quellen besser aufzufinden

weiß, als ich dies hier vermochte, der wird gewiß zu diesem Punkte noch

viele merkwürdige Bestätigungen entdecken.

($S. 88, Z. 9 f.$) Die Stelle über die berühmten Frauen, _Darwin_,

Abstammung des Menschen, übersetzt von Haek, Bd. II, S. 344 f.

($S. 88, Z. 2 v. u.$) Mit dieser Angabe über _Burns_, die ich

_Carlyle_, On Heroes etc., London, Chapman & Hall, p. 175 entnommen

habe, steht im Widerspruch, was das »Memoir of Robert Burns«, welches

der Ausgabe der Poetical Works, London, Warne, 1896, vorgedruckt ist,

p. 16 f. über dessen Bildungsgang erzählt.

($S. 89, Z. 14 v. u.$) Das Citat aus _Burckhardt_, Die Kultur der

Renaissance in Italien, 4. Aufl., besorgt von Ludwig Geiger, Leipzig

1885, Bd. II, S. 125.

($S. 89, Z. 6 v. u.$) _Gerhardt_ und _Simon_ a. a. O., S. 46 f.

($S. 90, Z. 8 ff.$) Hier bin ich durch Ottokar _Lorenz_ angeregt.

Dieser sagt (Lehrbuch der gesamten wissenschaftlichen Genealogie,

Stammbaum und Ahnentafel in ihrer geschichtlichen, soziologischen

und naturwissenschaftlichen Bedeutung, Berlin 1898, S. 54 f.): »Die

Erscheinungen, die man heute mit dem Namen der Frauenemanzipation

nicht eben sehr treffend bezeichnet, vermöchte wohl kein Kenner

vergangener Kulturzustände als eine in allen einzelnen Teilen neue

Sache zu betrachten. Namentlich ist der Antrieb der Frauen, sich

der gelehrten Bildung ihrer Zeit zu bemächtigen, im XVI. und im

X. Jahrhundert ganz ebenso groß gewesen wie im XIX. Auch der heutige

soziale Gedanke, den Frauen eine auf sich gestellte Wirksamkeit zu

sichern, hat im kirchlichen und Klosterleben vergangener Zeiten seine

vollen Analogien. Wenn man nun die Ursachen dieser im Wechsel der

Zeiten sich ganz regelmäßig wiederholenden Erscheinungen erforscht, so

ist doch unzweifelhaft, daß mindestens einen mächtigen Anteil daran

jene Antriebe, jene Bewegungen haben müssen, die in den persönlichen

Eigenschaften eben der nach der sogenannten Emanzipation in ihren

verschiedenen Formen und Zeiten strebenden Frauen selbst begründet

waren. Indem also die Frauenfrage im Wechsel der Zeiten bald mehr,

bald weniger hervortritt, beweist sie für die aufeinanderfolgenden

Geschlechter eine gewisse Wiederkehr frauenhafter Eigenschaften, die in

gewissen Epochen unzweifelhaft weit mehr von männischer Art sind als in

anderen, wo in denselben Zügen etwas geradezu Häßliches erblickt worden

ist.«

($S. 90, Z. 22.$) _Darwin_, Das Variieren etc., II^2, 58: »Es ist

bekannt, daß eine große Anzahl weiblicher Vögel ...., wenn sie alt oder

krank sind, .... zum Teil die sekundären männlichen Charaktere ihrer

Spezies annehmen. In Bezug auf die Fasanenhennen hat man beobachtet,

daß dies während gewisser Jahre viel häufiger eintritt als während

anderer.« Darwin beruft sich hiefür auf William _Yarrell_, On the

change in the plumage of some Hen-Pheasants, Philosophical Transactions

of the Royal Society of London, 1827 (p. 270).

($S. 91, Z. 13 v. u.$) Werner _Sombart_ (Die Frauenfrage, in der

Wiener Wochenschrift »Die Zeit«, 1. März 1902, S. 134) spricht über

die Ansicht, daß die Maschinenarbeit an der Frauenarbeit die Schuld

trage, weil sie Muskelkraft entbehrlich gemacht habe, und sagt: »Gewiß

gilt das für zahlreiche Gewerbe, z. B. für die wichtige Weberei. Aber

schon nicht für die Spinnerei, die vor Erfindung der mechanischen

Spinnstühle viel ausschließlicher Frauenarbeit war als heute. Hier

hat die Maschinentechnik die Möglichkeit gerade der Männerarbeit erst

geschaffen, wie denn bekanntlich in den mechanischen Spinnereien

zahlreiche männliche Spinner beschäftigt sind. _Es gilt aber auch für

die meisten anderen Gewerbe mit starker Arbeit nicht; man denke an

Putzmacherei, Stickerei, Strickerei, Tabakindustrie und andere, in

denen die Maschinen die Frauen eher verdrängt als sie herangezogen

haben._ Es gilt auch für das Hauptgebiet moderner Frauenarbeit, für

die Konfektionsindustrie, nicht. Denn die Handnäherei ist doch der

Frau nicht weniger zugänglich als die Maschinennäherei. Was vielmehr

entscheidend für die Entwicklung der Frauenarbeit gewesen ist,

was auf der Seite der Produktionsvorgänge die Differenzierung der

ursprünglich-komplexen (und darum immer gelernten) Arbeitsverrichtung

bedingte, war aber gar nicht einmal in erster Linie dieser

Vorgang in der Produktionssphäre, sondern sind vielmehr bestimmte

Gestaltungen der Bevölkerungsverhältnisse gewesen: die Entstehung von

weiblicher Überschußbevölkerung auf dem Lande und in den Städten,

die auf tieferliegende, hier nicht näher zu erörternde Ursachen

zurückzuführen ist. Beliebt man ein Schlagwort, so kann man sagen:

die moderne Frauenarbeit in der Industrie (und den übrigen nicht zur

Landwirtschaft gehörigen Sphären des Wirtschaftslebens), verdankt ihre

Entstehung nicht unmittelbar den Veränderungen in der Technik, sondern

Umgestaltungen der Siedelungsverhältnisse.«

($S. 92, Z. 7 f.$) _Krafft-Ebing_, Psychopathia sexualis, S. 220: »Die

Tendenz der Natur auf heutiger Entwicklungsstufe ist die Hervorbringung

von monosexualen Individuen.«

($S. 92, Z. 15.$) Über die Gephyreen _Weismann_, Keimplasma, S. 477 f.:

»Es gibt in verschiedenen Gruppen des Tierreichs _Arten, deren Männchen

sich beinahe in allen Charakteren von den Weibchen unterscheiden_.

Schon bei vielen Rädertieren sind die Männchen winzig klein gegenüber

den Weibchen, haben eine in allen Teilen verschiedene Körpergestalt und

entbehren des gesamten Nahrungskanals; und bei Bonellia viridis, einem

Meereswurm aus der Gruppe der Gephyreen, weicht das Männchen so sehr

vom Weibchen ab, daß man versucht sein könnte, es einer ganz anderen

Klasse von Würmern, den Strudelwürmern, zuzuteilen. Zugleich ist hier

der Unterschied in der Körpergröße zwischen beiden Geschlechtern

noch weit bedeutender; das Männchen hat eine Länge von 1-2 ~mm~,

das Weibchen von 150 ~mm~, und das erstere schmarotzt im Innern des

letzteren« etc. Vgl. _Claus_, Lehrbuch der Zoologie, 6. Aufl., Marburg

1897, S. 403. Auch manche Asseln (Bopyriden) sind sexuell weiter

differenziert als der Mensch, vgl. Claus a. a. O., S. 482.

Zu Teil II, Kapitel 1.

($S. 97, Z. 3.$) Thomas _Carlyle_, On Heroes, Hero-Worship and the

Heroic in History, London, Chapman & Hall, p. 99.

($S. 97, Z. 7 v. u. f.$) Vgl. Franz L. _Neugebauer_, 37 Fälle von

Verdoppelungen der äußeren Geschlechtsteile, Monatsschrift für

Geburtshilfe und Gynäkologie, VII, 1898, S. 550-564, 645-659,

besonders S. 554 f., wo ein Fall von »Juxtapositio organorum sexualium

externorum utriusque sexus« beschrieben ist. Von dem bloß auf

Entwicklungshemmungen beruhenden Scheinzwittertum sehe ich hier ab.

($S. 99, Z. 12 v. u.$) _Aristoteles_, Metaphysik, A 5, 986a, 31:

Αλκμαίων ὁ Κροτωνιάτης φησι εἶναι δύο τὰ πολλά τῶν ανθρωπίνων.

($S. 99, Z. 10 v. u.$) Vgl. _Schelling_, Von der Weltseele, Werke,

Stuttgart und Augsburg, 1857, Abt. I, Bd. II, S. 489: »So ist wohl das

Gesetz der Polarität ein allgemeines Weltgesetz.«

($S. 101, Z. 4 ff.$) Gemeint sind hier die mit großem Recht sehr

bekannt gewordenen hervorragenden Aufsätze von Wilhelm _Dilthey_, Ideen

über eine beschreibende und zergliedernde Psychologie, Sitzungsberichte

der kgl. preußischen Akademie der Wissenschaften, 1894, S. 1309-1407.

Beiträge zum Studium der Individualität, ibid. 1896, S. 295-335. Im

ersten Aufsatz heißt es z. B. (S. 1322): »In den Werken der Dichter,

in den Reflexionen über das Leben, wie große Schriftsteller sie

ausgesprochen haben, ist ein Verständnis des Menschen enthalten,

hinter welchem alle, erklärende Psychologie weit zurückbleibt.« Im

zweiten Aufsatz (S. 299, Anm.): »Ich erwarte eine .... überzeugende

Zergliederung .... auch der heroischen Willenshandlung, welche sich zu

opfern und das sinnliche Dasein wegzuwerfen vermag.«

($S. 104, Z. 16 v. u.$) Vgl. Heinrich _Rickert_, Die Grenzen der

naturwissenschaftlichen Begriffsbildung, Freiburg im Breisgau

1902, S. 545: »Die atomisierende Individual-Psychologie sieht alle

_Individuen_ als gleich an und _muß es als allgemeinste Theorie vom

Seelenleben tun_, die individualistische _Geschichtsschreibung_ richtet

ihr Interesse auf individuelle Differenzen.«

($S. 104, Z. 11 v. u.$) Man vergleiche die Kontroversen zwischen

G. v. _Below_ und Karl _Lamprecht_ über die historische Methode und das

Verhältnis der soziologischen Geschichtsschreibung zur Individualität

aus den Jahren 1898 und 1899.

($S. 104, Z. 7 v. u.$) »Kein wissenschaftlicher Kopf kann je

erschöpfen, kein Fortschritt der Wissenschaft kann erreichen, was der

Künstler über den Inhalt des Lebens zu sagen hat. Die Kunst ist das

Organ des Lebensverständnisses.« _Dilthey_, Beiträge zum Studium der

Individualität, Berliner Sitzungsberichte, 1896, p. 306.

Zu Teil II, Kapitel 2.

($S. 106, Z. 3 f.$) Die Motti aus _Kant_, Anthropologie in

pragmatischer Hinsicht, Zweiter Teil B. (S. 229 ed. Kirchmann);

_Nietzsche_, Jenseits von Gut und Böse, Aphorismus 232.

($S. 106, Z. 19.$) _Kant_ a. a. O. (S. 228).

($S. 107, Z. 22.$) »... die beachtenswerte Erscheinung, daß, während

jedes Weib, wenn beim Generationsakte überrascht, vor Scham vergehen

möchte, sie hingegen ihre Schwangerschaft, ohne eine Spur von

Scham, ja mit einer Art Stolz, zur Schau trägt; da doch überall ein

unfehlbar sicheres Zeichen als gleichbedeutend mit der bezeichneten

Sache selbst genommen wird, daher denn auch jedes andere Zeichen des

vollzogenen Koitus das Weib im höchsten Grade beschämt; nur allein die

Schwangerschaft nicht.« _Schopenhauer_, Parerga, II, § 166.

($S. 107, Z. 9.$) Ich glaube es rechtfertigen zu können, daß ich

zwei Psychologinnen, die mir durch Arbeiten bekannt waren, im Texte

übergangen habe; denn die eine ist eine amerikanische Experimentatorin,

die andere die russische Verfasserin einer schlechten Geschichte des

Apperzeptionsbegriffes.

($S. 107, Z. 5 v. u.$) Das Beste über das schwangere Weib und das, was

in ihm vorgeht, ist in einem leider bis jetzt ungedruckten Gedichte

eines noch unbekannten _männlichen_ Dichters gesagt, dessen Wiedergabe

an dieser Stelle mir gestattet wurde; wofür ich hier um so mehr

meinen Dank sage, als ich selbst auf das psychologische Problem der

Schwangerschaft auch im zehnten Kapitel nicht näher eingegangen bin.

»Geheimnisvolle Kräfte schlingen

Um mich ein nie gekanntes Walten.

Ich hör' ein liebend zartes Klingen,

Und alles will sich neu entfalten.

Mir ist, als ob Natur sich neige

In Ehrfurcht, wo ich leise gehe,

_Als ob der Baum dem Baum mich zeige_,

Daß er mich staunend schreiten sehe.

Ich fühle mich so hoch erhoben,

Ein jedes Wesen ist mir nah,

Mir hat sich die Natur verwoben,

Seit mir so hohes Glück geschah.

Es schläft in mir, was nie noch lebte,

Ein Wunder, das ein Traum gebar:

Natur so ahnungsvoll erbebte,

Weil hier ein neues Wesen war.«

($S. 108, Z. 8 v. u. f.$) So unter anderen Guglielmo _Ferrero_, Woman's

Sphere in Art, New Review, November 1893 (citiert nach Havelock

_Ellis_).

($S. 108, Z. 5 v. u. f.$) Die Forscher scheinen eher der Meinung

von der geringeren Intensität des »Geschlechtstriebes« beim Weibe

zu huldigen (z. B. _Hegar_, Der Geschlechtstrieb, 1894, S. 6), die

praktischen »Frauenkenner« sind fast alle in großer Entschiedenheit der

entgegengesetzten Ansicht.

($S. 109, Z. 4 v. u.$) Daß beim Weibe die Wollust nicht wie beim Manne

durch irgend eine Ejakulation vermittelt sein kann, führt _Moll_

aus (Untersuchungen, I, S. 8 ff.). Vgl. auch _Chrobak-Rosthorn_,

Die Erkrankungen der weiblichen Geschlechtsorgane, Wien 1900 (aus

Nothnagels Spezieller Pathologie und Therapie), Bd. I, S. 423 f.:

»Wir müssen mit _Moll_ einen Detumeszenz- (Entleerungs-), vielleicht

richtiger Depletionstrieb, und einen Kontrektations- (Berührungs-)trieb

... annehmen. Viel schwieriger steht die Frage dem Weibe gegenüber,

bei welchem wir ... insofern keine Analogie mit dem Vorgang beim

Manne finden können, als eine _Ejakulation_ von _Keimzellen_ nicht

stattfindet ... Es kommt allerdings auch bei Frauen unter der

Kohabitation häufig ein Flüssigkeitserguß aus den Bartholinschen Drüsen

unter Bewegungen der Musculi ischio-et bulbo-cavernosi zustande, es

findet auch eine Abschwellung der ebenfalls durch Muskelbewegungen

strotzend gefüllten und dadurch vielleicht ein Unlustgefühl erzeugenden

Gefäße (an den Schwellkörpern der Klitoris) statt, doch betrifft diese

Entleerung einesteils nicht die keimbereitenden Organe, anderseits

scheint sich diese sogenannte Ejakulation oft genug nicht einzustellen,

_ohne daß hiedurch das Gefühl der sexuellen Befriedigung verhindert_

würde.«

($S. 109, Z. 10.$) Die _Moll_sche Unterscheidung in dessen Büchern: Die

konträre Sexualempfindung, 3. Aufl., Berlin 1899, S. 2. Untersuchungen

über die Libido sexualis, 1897, Bd. I, S. 10.

($S. 112, Z. 7.$) Daraus, daß W selbst durchaus und überall Sexualität

ist, wird leicht erklärlich, daß man beim Weibchen in der ganzen

Zoologie gar nicht eigentlich von »sekundären Geschlechtscharakteren«

im selben Sinne reden kann wie beim Manne. Weibchen »bieten selten

merkwürdige sexuelle Charaktere« (_Darwin_, Entstehung der Arten,

S. 201, ed. Haek).

($S. 115, Z. 15 v. u. f.$) Auch unter den Tieren bildet bei den

Männchen die Brunstzeit einen viel stärkeren Gegensatz zu ihrem

sonstigen Leben als bei den Weibchen. Man vergleiche, um ein Beispiel

statt vieler anzuführen, wie Friedrich _Miescher_ den Rheinlachs

vor und während der Laichzeit schildert (Die histochemischen und

physiologischen Arbeiten von F. M., Leipzig 1897, Bd. II, S. 123):

»Wenn man etwa im Dezember einen männlichen Salm, sogenannten

Wintersalm sieht, mit klarem, bläulich schimmerndem Schuppenkleid,

der schönen Rundung des Leibes, mit der kurzen Schnauze ... ohne jede

Spur von Hakenbildung ... und man daneben den bekannten Hakenlachs

erblickt, mit einer Nase von doppelter Länge, einer überhaupt ganz

veränderten Physiognomie des Vorderkopfes, mit der tigerartig rot und

schwarz gefleckten, von Epithelwucherung trüben, dicken Hautschwarte,

dem abgeplatteten Körper und den dünnen schlotternden Bauchwänden,

so hat man immer wieder Mühe, sich zu überreden, daß dies Exemplare

einer und derselben Spezies seien. Etwas geringer ist der Gegensatz

beim weiblichen Exemplar. Die Länge und Form der Schnauze ist nicht

wesentlich verschieden; die roten Flecken an Kopf und Leib, beim

Winterlachs gänzlich fehlend, sind beim weiblichen Laichlachs schwächer

entwickelt als beim Männchen; die Haut ist getrübt und wie unrein, doch

nicht so stark verdickt.«

($S. 115, Z. 10 v. u.$) Ein sehr hervorragender, aber merkwürdig wenig

beachteter Aufsatz von Oskar _Friedländer_ (»Eine für Viele«, eine

psychologische Studie, »Die Gesellschaft«, Münchener Halbmonatsschrift,

XVIII. Jahrgang, 1902, Heft 15/16, S. 166) nähert sich in diesem

Punkte meiner Auffassung so weit, daß ich ihn hier, wie noch mehrfach,

citieren muß: »Sicherlich, der Geschlechtstrieb tritt beim Manne

heftiger und ungestümer auf als beim Weibe. Es liegt dies wohl weniger

an dem verschiedenen Grade der Intensität als daran, daß im männlichen

Geiste die heterogensten Elemente aus allen psychischen Gebieten

zusammenkommen, die um die Vorherrschaft kämpfen und die sexuellen

Instinkte zu verdrängen suchen, und diese durch die Kontrastwirkung

desto stärker empfunden werden, während ihre gleichmäßige Verteilung

über _die ganze Seele_ des Weibes ... sie nicht mit besonderer Schärfe

zur Abhebung kommen läßt.«

Zu Teil II, Kapitel 3.

($S. 117, Z. 6 v. u.$) »Begierde und Gefühl sind nur Arten, wie unsere

Vorstellungen sich im Bewußtsein befinden.« Joh. Friedr. _Herbart_,

Psychologie als Wissenschaft, neu gegründet auf Erfahrung, Metaphysik

und Mathematik, II. (analytischer) Teil, § 104 (Werke VI, S. 60, ed.

Kehrbach, Langensalza 1887).

($S. 117, Z. 5 v. u.$) A. _Horwicz_, Psychologische Analysen auf

physiologischer Grundlage, Ein Versuch zur Neubegründung der

Seelenlehre, II/1, Die Analyse des Denkens, Halle 1875, S. 177 f.:

»Das Gefühl ist unserer Auffassung gemäß das früheste, elementarste

Gebilde des Seelenlebens, es ist der früheste und einzige Inhalt

des Bewußtseins, die Triebfeder der ganzen seelischen Entwicklung.

Wie verhält sich nun hiezu das Denken?... Das Denken ist eine

Folgeerscheinung des Gefühls, wie es auch die Bewegung ist, es ist die

ureigenste Dialektik der Triebe ... der stärker geübte, von anderen

unterschiedene Trieb gibt durchdachte, geordnete, aus einer Anzahl von

geläufigen Bewegungen ausgewählte Bewegungen, das ist durchdachtes

Denken.« II/2, Die Analyse der qualitativen Gefühle, Magdeburg 1878,

S. 59: »Es [das Gefühl] ist die allgemeinste elementarste Form des

Bewußtseins, in dieser allereinfachsten Gestalt [bei Tieren und

Pflanzen] freilich nur ein ganz schwaches, dunkles Bewußtsein, mehr

ein brütendes Ahnen als ein Erkennen und Wissen. Aber es bedarf, um

deutliches und klares Bewußtsein zu werden, keiner weiteren fraglichen

Zutaten, sondern nur der Vervielfachung und intensiven Gradsteigerung.«

Vgl. Wilhelm _Wundt_, Über das Verhältnis der Gefühle zu den

Vorstellungen, Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie,

III, 1879, S. 129-151, und Horwicz' Antwort: »Über das Verhältnis

der Gefühle zu den Vorstellungen und die Frage nach dem psychischen

Grundprozesse«, a. a. O., S. 308-341.

($S. 118, Z. 18.$) Über solche »Feelings of tendency« vgl. William

_James_, The Principles of Psychology, New-York 1890, Vol. I, p. 254.

($S. 118, Z. 18 v. u.$) Vgl. besonders _Leibnitii_ Meditationes de

cognitione, veritate et ideis Acta eruditorum, Lips., November 1684,

p. 537 f. (p. 79 f. ed. Erdmann).

($S. 118, Z. 14 v. u.$) Wilhelm _Wundt_, Grundzüge der physiologischen

Psychologie, 5. Aufl., Leipzig 1902, Bd. II, S. 286 ff.

($S. 118, Z. 6 v. u.$) Richard _Avenarius_, Kritik der reinen

Erfahrung, Bd. I, Leipzig 1888, S. 16. Der menschliche Weltbegriff,

Leipzig 1891, S. 1 f. Vgl. Joseph _Petzoldt_, Einführung in die

Philosophie der reinen Erfahrung, Bd. I, Die Bestimmtheit der Seele,

Leipzig 1900, S. 112 ff.

($S. 118, Z. 5 v. u.$) Über die verschiedenen Bedeutungen des Wortes

»Charakter« (welches auch in dieser Schrift in dreifach verschiedener

Anwendung, doch unter Vermeidung aller Äquivokationen gebraucht

werden mußte) vgl. Rudolf _Eucken_, Die Grundbegriffe der Gegenwart,

historisch und kritisch entwickelt, 1893, S. 273 ff.

($S. 119, Z. 14.$) Die _Avenarius_sche Zusammenstellung von

Wahrnehmungs- und Gedächtnisbild hat unter den späteren Psychologen

bloß Oswald _Külpe_ acceptiert, welcher in seinem »Grundriß der

Psychologie, auf experimenteller Grundlage dargestellt« (Leipzig 1893),

S. 174 ff., in terminologisch freilich durchaus nicht einwandfreier

Weise die Lehre vom Gedächtnis als die Lehre von den »zentral erregten

Empfindungen« abhandelt.

($S. 120, Z. 8 v. u.$) _Petzoldt_ a. a. O., S. 138 ff.

($S. 121, Z. 7 v. u. f.$) Vgl. A. _Kunkel_, Über die Abhängigkeit der

Farbenempfindung von der Zeit, Archiv für die gesamte Physiologie der

Menschen und der Tiere, IX, 1874, S. 215. Hiezu weiter _Fechner_,

Elemente der Psychophysik, 1. Aufl., Leipzig 1860, Bd. I, S. 249 f.;

Oswald _Külpe_, Grundriß der Psychologie, S. 131, 210; Hermann

_Ebbinghaus_, Grundzüge der Psychologie, Leipzig 1902, S. 230.

($S. 122, Z. 4 v. u.$) Johann Gottlieb _Fichte_, Über den Begriff der

Wissenschaftslehre (Werke I/1, Berlin 1845, S. 73) »Der menschliche

Geist macht mancherlei Versuche: er kommt durch blindes Herumtappen

zur Dämmerung, und geht erst aus dieser zum hellen Tag über. Er wird

anfangs durch dunkle Gefühle ... geleitet ...«. _Schopenhauer_,

Parerga, I, § 14 (Werke IV, S. 159 f., ed. Grisebach): »Im allgemeinen

... ist über diesen Punkt zu sagen, daß von jeder großen Wahrheit

sich, ehe sie gefunden wird, ein Vorgefühl kundgibt, eine Ahndung,

ein undeutliches Bild, wie im Nebel, und ein vergebliches Haschen,

sie zu ergreifen; weil eben die Fortschritte der Zeit sie vorbereitet

haben. Demgemäß präludieren dann vereinzelte Aussprüche. Allein,

nur wer eine Wahrheit aus ihren Gründen erkannt und in ihren Folgen

durchdacht, ihren ganzen Inhalt entwickelt, den Umfang ihres Bereiches

übersehen und sie sonach mit vollem Bewußtsein ihres Wertes und ihrer

Wichtigkeit, deutlich und zusammenhängend, dargelegt hat, der ist ihr

Urheber. Daß sie hingegen, in alter und neuer Zeit, irgend einmal mit

halbem Bewußtsein und fast wie ein Reden im Schlaf ausgesprochen worden

und demnach sich daselbst finden läßt, wenn man hinterher danach sucht,

bedeutet, wenn sie auch totidem verbis dasteht, nicht viel mehr, als

wäre es totidem litteris; gleichwie der Finder einer Sache nur der ist,

welcher sie, ihren Wert erkennend, aufhob und bewahrte; nicht aber der,

welcher sie zufällig einmal in die Hand nahm und wieder fallen ließ;

oder wie Kolumbus der Entdecker Amerikas ist, nicht aber der erste

Schiffbrüchige, den die Wellen dort einmal abwarfen. Dies eben ist

der Sinn des Donatischen pereant qui ante nos nostra dixerunt.« Noch

treffender sagt _Kant_: »Dergleichen allgemeine und dennoch bestimmte

Prinzipien lernt man nicht leicht von anderen, denen sie nur dunkel

vorgeschwebt haben. Man muß durch eigenes Nachdenken zuvor selbst

darauf gekommen sein, danach findet man sie auch anderwärts, wo man

sie gewiß nicht zuerst würde angetroffen haben, weil die Verfasser

selbst nicht einmal wußten, daß ihren Bemerkungen eine solche Idee

zum Grunde liege. _Die so niemals selbst denken, besitzen dennoch

die Scharfsichtigkeit, alles, nachdem es ihnen gezeigt worden, in

demjenigen, was sonst schon gesagt worden, aufzufinden, wo es doch

vorher niemand entdecken konnte._« (Prolegomena zu jeder künftigen

Metaphysik, § 3, gegen Ende.)

($S. 122, Z. 8 f.$) Das Citat aus _Nietzsche_, Also sprach Zarathustra,

III. Buch, Kap.: Der Genesende.

($S. 124, Z. 11 v. u.$) S. _Exner_, Entwurf zu einer physiologischen

Erklärung der psychischen Erscheinungen, I. Teil, Leipzig und Wien

1894, S. 76 ff. Vgl. H. _Höffding_, Vierteljahrschr. f. wiss. Philos.

13, 1889, S. 431.

($S. 125, Z. 3 v. o.$) _Avenarius_, Kritik der reinen Erfahrung,

Bd. I, Leipzig 1888, S. 77; Bd. II, Leipzig 1890, S. 57. Übrigens

schlägt den gleichen Ausdruck in ähnlichem Falle Wilhelm _Dilthey_ vor,

Ideen über eine beschreibende und zergliedernde Psychologie, Berliner

Sitzungsberichte, 1894, S. 1387.

($S. 126, Z. 14.$) Wahrscheinlicher jedoch als die _Exner_sche

Theorie dünkt mich jetzt folgende Vermutung. Der Parallelismus

zwischen Phylo- und Ontogenese, das »biogenetische Grundgesetz«

wird gewöhnlich konstatiert, ohne daß man weiter darüber nachdenkt,

_warum_ die Entwicklung des Individuums immer die Geschichte der

Gattung wiederhole; so eilig hat man es eben, die Tatsache für die

Deszendenzlehre und besonders für ihre ungeteilte Anwendung auf den

Menschen auszubeuten. Vielleicht liegt aber in der Entwicklung von

der Henide zum differenzierten Inhalt ein Parallelprozeß zu jener

Erscheinung vor, der ihre bisherige Isoliertheit und Rätselhaftigkeit

aufheben könnte.

($S. 128, Z. 13 f.$) Über die falsche populäre Annahme einer

allgemeinen größeren Sinnesempfindlichkeit beim Weibe, eine Annahme,

die Sensibilität mit Emotivität und Irritabilität verwechselt, vgl.

Havelock _Ellis_, Mann und Weib, S. 153 f.

($S. 129, Z. 9 v. o.$) Vgl. Ernst _Mach_, Die Mechanik in ihrer

Entwicklung, historisch-kritisch dargestellt, 4. Aufl., Leipzig 1901,

S. 1 f., 28 f. Die Prinzipien der Wärmelehre, historisch-kritisch

entwickelt, 2. Aufl., Leipzig 1900, S. 151.

Zu Teil II, Kapitel 4.

($S. 131, Z. 1 f.$) Die Bestimmungen, zu welchen dieses Kapitel über

das Wesen der Genialität gelangt, sind ganz provisorisch und können

erst nach der Lektüre des achten Kapitels verstanden werden, das sie

wieder aufnimmt, aber in einem weit größeren Ganzen zeigt und darum

erst eigentlich begründet.

($S. 134, Z. 12 v. u.$) Über das _Verstehen_ der Menschen und

menschlicher Äußerungen ist in der wissenschaftlich-psychologischen

Literatur bezeichnend wenig zu finden. Nur Wilhelm _Dilthey_ bemerkt

(Beiträge zum Studium der Individualität, Berliner Sitzungsberichte,

1896, S. 309 ff.): »Wir können zunächst das Verstehen eines fremden

Zustandes als einen Analogieschluß auffassen, der von einem _äußeren

physischen_ Vorgang vermittels seiner _Ähnlichkeit_ mit _solchen_

Vorgängen, die wir mit bestimmten _inneren_ Zuständen verbunden

finden, auf einen diesen _ähnlichen inneren_ Zustand hingeht ..... Die

Glieder des Nachbildungsvorganges sind gar nicht bloß durch logische

Operationen, etwa durch einen Analogieschluß, miteinander verbunden.

Nachbilden ist eben ein Nacherleben. Ein rätselhafter Tatbestand!

Wir können dies etwa, wie ein Urphänomen, darauf zurückführen, daß

wir fremde Zustände in einem gewissen Grade wie die eigenen fühlen,

uns mitfreuen und mittrauern können, zunächst je nach dem Grade

der Sympathie, Liebe oder Verwandtschaft mit anderen Personen. Die

Verwandtschaft dieser Tatsache mit dem nachbildenden Verstehen ergibt

sich aus mehreren Umständen. Auch das Verstehen ist von dem Maße der

Sympathie abhängig, und ganz unsympathische Menschen verstehen wir

überhaupt nicht mehr. Ferner offenbart sich die Verwandtschaft des

Mitgefühls mit dem nachbildenden Verstehen sehr deutlich, wenn wir

vor der Bühne sitzen!« ..... »Gemäß diesen Verhältnissen hat auch die

_wissenschaftliche Auslegung oder Interpretation_ als das kunstmäßig

nachbildende Verstehen immer etwas Genialisches, das heißt, sie

erlangt erst durch innere Verwandtschaft und Sympathie einen hohen

Grad von Vollendung. So wurden die Werke der Alten erst im Zeitalter

der Renaissance ganz wiederverstanden, als ähnliche Verhältnisse eine

Verwandtschaft der Menschen zur Folge hatten ..... Es gibt keinen

wissenschaftlichen Prozeß, welcher dieses lebendige Nachbilden als

untergeordnetes Moment hinter sich zu lassen vermöchte. Hier ist der

mütterliche Boden, aus dem auch die abstraktesten Operationen der

Geisteswissenschaften immer wieder ihre Kraft ziehen müssen. _Nie

kann hier Verstehen in rationales Begreifen aufgehoben werden. Es ist

umsonst, aus Umständen aller Art den Helden oder den Genius begreiflich

machen zu wollen. Der eigenste Zugang zu ihm ist der subjektive._«

..... (S. 314 f.): »Die älteren Maler strebten, die bleibenden Züge

der Physiognomie in einem idealen Moment, der für dieselben am meisten

prägnant und bezeichnend ist, zu sammeln. Möchte nun eine neue Schule

den momentanen Eindruck festhalten, um so den Eindruck des Lebens zu

steigern: so gibt sie die Personen an die Zufälligkeit des Momentes

hin. Und auch in diesem findet ja eine Auffassung des Inbegriffs von

Eindrücken eines gegebenen Momentes unter der Einwirkung des erworbenen

seelischen Zusammenhanges statt; eben in dieser Apperzeption entspringt

die Verbindung der Züge von einem gefühlten Eindruckspunkt aus, welche

Auslassungen und Betonungen bedingt: so entsteht ein Momentbild

ebenso der Apperzeptionsweise des Malers als des Gegenstandes,

und jede Bemühung zu sehen ohne zu apperzipieren, so gleichsam das

sinnliche Bild in Farben auf einer Platte aufzulösen, muß mißlingen.

Was noch tiefer führt, der Eindruckspunkt ist schließlich durch das

Verhältnis irgend einer Lebendigkeit zu der meinigen bedingt, ich

finde mich in meinem Lebenszusammenhang von etwas Wirkendem in einer

Natur innerlich berührt; ich verstehe von diesem Lebenspunkt aus die

dorthin konvergierenden Züge. So entsteht ein Typus. Ein Individuum

war das Original: ein Typus ist jedes echte Porträt, geschweige denn

in einem Figurengemälde. Auch die Poesie kann nicht abschreiben,

was vor sich geht u. s. w.« Sonst ist nur die sehr interessante und

originelle Arbeit von Hermann _Swoboda_, Verstehen und Begreifen,

Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, XXVII, 1903,

Heft 2, zu nennen. _Swoboda_ hält wie Dilthey die Gleichheit respektive

Verwandtschaft für das _einzige_ Erfordernis des Verständnisses; hierin

weiche ich von beiden ab.

($S. 139, Z. 17.$) Richard _Wagner_, Gesammelte Schriften und

Dichtungen, 3. Aufl., Leipzig 1898, Bd. VI, S. 128.

($S. 142, Z. 7 v. o.$) Es gibt nur Universalgenies: »ὃν γὰρ ἀπέστειλεν

ὁ θεός, τὰ ῥήματα του θεου λαλει· οὐ γὰρ ἐκ μέτρου δίδωσιν τὸ πνεῦμα.«

(_Evang. Joh._ 3, 34.)

($S. 142, Z. 16 v. u.$) Die hier gerügte Verwechslung kommt besonders

deutlich zum Vorschein bei Franz _Brentano_, Das Genie, ein Vortrag,

Leipzig 1892, S. 11: »Jedes Genie hat sein eigentümliches Gebiet; nicht

bloß gibt es kein Universalgenie im vollen Sinne des Wortes, sondern

meist hat die Genialität auch in der einzelnen Kunstgattung engere

Grenzen. So war z. B. Pindar ein genialer Lyriker und nichts weiter.«

Wäre diese populäre Ansicht haltbar, so müßte man den Dichter und Maler

Rossetti über den »bloßen« Dichter Dante stellen, Novalis höher halten

als Kant und Lionardo da Vinci für den größten Menschen ansehen.

($S. 143, Z. 10 v. u.$) Hiemit stimmt _Schopenhauers_ Überzeugung

überein (Welt als Wille und Vorstellung, Bd. II, Kap. 31, S. 447, ed.

Frauenstädt): »Weiber können bedeutendes Talent, aber kein Genie haben.«

($S. 144, Z. 11 v. o.$) Über das Verhältnis der anderen Menschen zum

Helden Thomas _Carlyle_, On Heroes, Hero-Worship and the Heroic in

History, London, Chapman and Hall, p. 10 ff.

Zu Teil II, Kapitel 5.

($S. 145, Z. 5 v. u.$) Anderthalb Jahre nach Niederschrift dieser

Partien fand ich in _Schopenhauers_ Nachlaß (Neue Paralipomena,

§ 143) eine Stelle, die einzige mir in der gesamten Literatur bekannt

gewordene, in der eine Ahnung des Zusammenhanges zwischen Genialität

und Gedächtnis sich äußert. Sie lautet: »Ob nicht alles Genie seine

Wurzel hat in der Vollkommenheit und Lebhaftigkeit der Rückerinnerung

des eigenen Lebenslaufes? Denn nur vermöge dieser, die eigentlich unser

Leben zu einem großen Ganzen verbindet, erlangen wir ein umfassenderes

und tieferes Verständnis desselben, als die übrigen haben.«

($S. 146, Z. 5 f.$) David _Hume_ fragt einmal (A Treatise of Human

Nature, 1. Ausgabe, London 1738, Vol. I, p. 455): »Who can tell me, for

instance, what were his thoughts and actions on the first of January

1715, the 11. of March 1719 and the 3. of August 1733?« Das vollkommene

Genie müßte dies von allen Tagen seines Lebens mit Sicherheit wissen.

($S. 150, Z. 4 ff.$) Vgl. _Goethe_, Dichtung und Wahrheit, III. Teil

XIV. Buch (Bd. XXIV, S. 141 der Hesseschen Ausgabe): »Ein Gefühl aber,

das bei mir gewaltig überhand nahm und sich nicht wundersam genug

äußern konnte, war die Empfindung der Vergangenheit und Gegenwart in

eins: eine Anschauung, die etwas Gespenstermäßiges in die Gegenwart

brachte. Sie ist in vielen meiner größeren und kleineren Arbeiten

ausgedrückt und wirkt im Gedicht immer wohltätig, ob sie gleich im

Augenblicke, wo sie sich unmittelbar am Leben und im Leben selbst

ausdrückte, jedermann seltsam, unerklärlich, vielleicht unerfreulich

scheinen mußte.«

($S. 152, Z. 5 v. u. f.$) »Der Erfolg der Sängerinnen hatte im

Laufe des XVII. Jahrhunderts der Frau jede Gelegenheit auch der

theoretisch-musikalischen Ausbildung eröffnet. Unzulängliche Vorbildung

kann also in der Komposition als Grund für die minderwertige weibliche

Leistung nicht gelten.« So Adele _Gerhardt_ und Helene _Simon_,

Mutterschaft und geistige Arbeit, S. 74; ich citiere diese Stelle auch,

um _Mills_ geistreichen Syllogismus anzuführen: »Man unterrichtet

die Frauen in der Musik, aber nicht damit sie komponieren, sondern

nur damit sie ausüben können, und _folglich_ sind in der Musik die

Männer den Frauen als Komponisten überlegen.« (Die Hörigkeit der Frau,

übersetzt von Jenny Hirsch, Berlin 1869, S. 126.)

($S. 152, Z. 2 v. u. f.$) Die Angabe über die Malerinnen etc. nach

_Guhl_, Die Frauen in der Kunstgeschichte, Berlin 1858, S. 150.

($S. 153, Z. 10 v. u.$) »A mesure qu'on a plus d'esprit, on trouve

qu'il y a plus d'hommes originaux. Les gens du commun ne trouvent pas

de différence entre les hommes.« (_Pascal_, Pensées, I, 10, 1.)

($S. 154, Z. 5 v. u.$) Hiemit stimmt überein, was _Helvetius_ (nach

J. B. _Meyer_, Genie und Talent, Eine prinzipielle Betrachtung,

Zeitschrift für Völkerpsychologie, Bd. XI, 1880, S. 298) und

_Schopenhauer_ (Parerga und Paralipomena II, § 53) über den nur

dem Grade nach bestehenden Unterschied zwischen dem Genie und den

Normalköpfen lehren. Vgl. auch _Jean Paul_, Vorschule der Ästhetik,

§ 8: »Wie könnte denn ein Genie nur einen Monat, geschweige

Jahrtausende lang von der ungleichartigen Menge erduldet oder gar

erhoben werden ohne irgend eine ausgemachte Familienähnlichkeit mit

ihr?«

($S. 155, Z. 9 ff.$) Man vergleiche die Autobiographie der bedeutenden

Menschen mit denen minder hervorragender Männer. Jene reichen stets

weiter zurück (_Goethe_, _Hebbel_, _Grillparzer_, Richard _Wagner_,

_Jean Paul_ u. s. w.). _Rousseau_, Confessions, Nouvelle édition, Paris

1875, p. 4: »J'ignore ce que je fis jusqu'à cinq ou six ans. Je ne

sais comment j'appris à lire; je ne me souviens que de mes premières

lectures et de leur effet sur moi: _c'est le temps d'où je date sans

interruption la conscience de moi-même_.« -- Natürlich ist nicht jeder

Biograph seines eigenen Lebens ein großer Genius (J. St. _Mill_,

_Darwin_, Benvenuto _Cellini_).

($S. 157, Z. 19 v. u.$) Richard _Wagner_, »Die Meistersinger von

Nürnberg,« III. Akt (Gesammelte Schriften und Dichtungen, Bd. VII,

Leipzig 1898, S. 246).

($S. 157, Z. 12 v. u.$) So bemerkt bereits _Aristoteles_ (während

_Platon_ bis auf Timaeus 37 D ff. die Zeit im engeren Sinne nicht

Problem geworden zu sein scheint), Physika VI, 9, 239 b, 8: Οὐ γὰρ

σύγκειται ὁ χρόνος ἐκ τῶν νῦν ἀδιαιρέτων.

($S. 158, Z. 1 v. u.$) Wie wenig tief im Wesen der Frau das

Gedächtnis gegründet ist, geht daraus hervor, daß man in einer Frau

das Erinnerungsvermögen für bestimmte Dinge töten kann, indem man

ihr in der Hypnose verbietet, je wieder derselben zu gedenken. Einen

solchen Fall entnehme ich einer Erzählung _Freuds_ in seinen mit

_Breuer_ gemeinsam herausgegebenen »Studien über Hysterie«, Leipzig

und Wien 1895 (S. 49): »Ich unterbreche sie hier .... und nehme ihr

die Möglichkeit, alle diese traurigen Dinge wieder zu sehen, indem

ich nicht nur die plastische Erinnerung verlösche, sondern die ganze

Reminiszenz aus ihrem Gedächtnisse löse, als ob sie nie darin gewesen

wäre.« Und in einer Anmerkung zu dieser Stelle fügt _Freud_ hinzu: »Ich

bin diesmal in meiner Energie wohl zu weit gegangen. Noch 1½ Jahre

später, als ich Frau Emmy in relativ hohem Wohlbefinden wiedersah,

klagte sie mir, _es sei merkwürdig, daß sie sich an gewisse, sehr

wichtige Momente ihres Lebens nur höchst ungenau erinnern könne_. Sie

sah darin einen Beweis für die Abnahme ihres Gedächtnisses, während

ich mich hüten mußte, ihr die Erklärung für diese spezielle Amnesie zu

geben« (um einen Rückfall in die Krankheit zu verhindern).

($S. 159, Z. 9 v. u.$) _Lotze_: im »Mikrokosmus«, 1. Aufl., 1858,

Bd. II, S. 369.

($S. 162, Z. 17 f.$) Diese Ableitung aus dem Schein der Bekanntheit

neuer Situationen bei _Rhys Davids_, Der Buddhismus, Leipzig,

Universalbibliothek, S. 107.

($S. 162, Z. 23.$) Edward B. _Tylor_, Die Anfänge der Kultur,

Untersuchungen über die Entwicklung der Mythologie, Philosophie,

Religion, Kunst und Sitte, übersetzt von J. W. Spengel und Fr. Poske,

Leipzig 1873, Bd. II, S. 1: Es »kann ... nicht nachdrücklich genug

hervorgehoben werden, daß die Lehre von einem zukünftigen Leben, wie

wir sie selbst bei den niedrigsten Rassen vorfinden, eine durchaus

notwendige Folge des rohen Animismus ist.« -- Herbert _Spencer_, Die

Prinzipien der Soziologie, Bd. I, Stuttg. 1877, § 100 (S. 225). Richard

_Avenarius_, Der menschliche Weltbegriff, Leipzig 1891, S. 35 ff.

($S. 163, Z. 11 f.$) Über dieses plötzliche Auftauchen aller

Erinnerungen vor dem Tode oder in Todesgefahr und Todesnähe vgl.

_Fechner_, Zend-Avesta, 2. Aufl., Bd. II, S. 203 ff.

($S. 164, Z. 8 f.$) Über die »Euthanasie der Atheisten« vergleiche man,

was F. A. _Lange_ erzählt (Geschichte des Materialismus, 5. Aufl.,

1896, Bd. I, S. 358).

($S. 166, Z. 5 v. u. f.$) Aus den angeführten Gründen sind mir die

indischen Lehren vom Leben nach dem Tode, die griechische Anschauung

vom Lethe-Trunk und die Verkündung von _Wagners_ Tristan: »...

im weiten Reich der Welten-Nacht. Nur ein Wissen dort uns eigen:

göttlich ew'ges _Ur-Vergessen_«, ungleich weniger verständlich

als die Anschauung Gustav Theodor _Fechners_, dem das zukünftige

Leben ein volles und ganzes Erinnerungsleben ist (Zend-Avesta oder

über die Dinge des Himmels und des Jenseits vom Standpunkte der

Naturbetrachtung, 2. Aufl., besorgt von Kurd Laßwitz, Hamburg und

Leipzig 1901, Bd. II, S. 190 ff.), z. B. S. 196: »Ein volles Erinnern

an das alte Leben wird beginnen, wenn das ganze alte Leben hinten

liegt, und alles Erinnern innerhalb des alten Lebens selber ist bloß

ein kleiner Vorbegriff davon.«. Die Annahme ist _unethisch_, welche

die Erinnerungen aus dem Erdenleben mit dem Tode völlig ausgelöscht

sein läßt: sie entwertet Wertvolles; da Wertloses ohnehin vergessen

wird. Und dann: in der Erinnerung ist der Mensch bereits aktiv, das

Gedächtnis ist eine Willenserscheinung; von einem Leben in voller

Aktivität ist zu denken, daß es alle Elemente der Aktivität in sich

aufgenommen habe, es ist ewig, weil es zeitlos ist und also Vergangenes

und Zukünftiges nebeneinander sieht. Sehr schön sagt Fechner (ibid.

S. 197 f.): »So denke dir also, daß nach dem letzten Augenschluß, der

gänzlichen Abtötung aller diesseitigen Anschauung und Sinnesempfindung

überhaupt, die der höhere Geist bisher durch dich gewonnen, nicht

bloß die Erinnerungen an den letzten Tag erwachen, sondern teils

die Erinnerungen, teils die Fähigkeit zu Erinnerungen an dein ganzes

Leben, lebendiger, zusammenhängender, umfassender, heller, klarer,

überschaulicher, als je Erinnerungen erwachten, da du immer noch halb

in Sinnesbanden gefangen lagst; denn so sehr dein eigener Leib das

Mittel war, diesseitige Sinnesanschauungen zu schöpfen und irdisch

zu verarbeiten, so sehr war er das Mittel, dich an dies Geschäft zu

binden. Nun ist aus das Schöpfen, Sammeln, Umbilden im Sinne des

Diesseits; der heimgetragene Eimer öffnet sich, du gewinnst, und in

dir tut's der höhere Geist, auf einmal allen Reichtum, den du nach und

nach hineingetan. Ein geistiger Zusammenhang und Abklang alles dessen,

was du je getan, gesehen, gedacht, errungen in deinem ganzen irdischen

Leben, wird nun in dir wach und helle; wohl dir, wenn du dich dessen

freuen kannst. Mit solchem Lichtwerden deines ganzen Geistesbaues

wirst du geboren ins neue Leben, um mit hellerem Bewußtsein fortan zu

arbeiten an dem höheren Geistesleben ...«

»Manche sind, die glauben wohl an ein künftig Leben, nur gerade, daß

die Erinnerung des jetzigen hinüberreichen werde, wollen sie nicht

glauben. Der Mensch werde neu gemacht und finde sich ein anderer im

neuen Leben, der wisse nichts mehr von dem früheren Menschen. Sie

brechen damit selbst die Brücke ab, die zwischen Diesseits und Jenseits

überleitet und werfen eine dunkle Wolke zwischen. Statt daß nach uns

der Mensch mit dem Tode sich ganz und vollständig wieder gewinnen soll,

ja so vollständig, als er sich niemals im Leben hatte, lassen sie ihn

sich ganz verlieren; der Hauch, der aus dem Wasser steigt, statt den

künftigen Zustand des ganzen Wassers vorzubedeuten, verschwindet ihnen

mit dem Wasser zugleich. Nun soll es plötzlich als neues Wasser in

einer neuen Welt da sein. Allein wie ward es so? Wie kam's dahin? Die

Antwort bleiben sie uns schuldig. So bleibt man auch gar leicht den

Glauben daran schuldig.

Was ist der Grund von solcher Ansicht? Weil keine Erinnerungen aus

einem früheren Leben ins jetzige hinüberreichen, sei auch nicht zu

erwarten, daß solche aus dem jetzigen ins folgende hinüberreichen. Aber

hören wir doch auf, Gleiches aus Ungleichem zu folgern. Das Leben vor

der Geburt hatte noch keine Erinnerungen, ja kein Erinnerungsvermögen

in sich, wie sollten Erinnerungen davon in das jetzige Leben reichen;

das jetzige hat Erinnerungen und ein Erinnerungsvermögen in sich

entwickelt, wie sollten Erinnerungen nicht in das künftige Leben

reichen, ja sich nicht steigern, wenn wir doch im künftigen Leben eine

Steigerung dessen zu erwarten haben, was sich im Übergange vom vorigen

zum jetzigen Leben gesteigert hat. Wohl wird der Tod als zweite Geburt

in ein neues Leben zu fassen sein; ... aber kann darum alles gleich

sein zwischen Geburt und Tod? Nichts ist doch sonst ganz gleich

zwischen zwei Dingen. Der Tod ist eine _zweite_ Geburt, indes die

Geburt eine _erste_. Und soll uns die zweite zurückwerfen auf den Punkt

der ersten, nicht vielmehr von neuem Anlauf auf uns weiter führen? Und

muß der Abschnitt zwischen zwei Leben notwendig ein Schnitt sein? Kann

er nicht auch darin bestehen, daß das Enge sich plötzlich ausdehnt in

das Weite?« (S. 199 f.).

($S. 169, Z. 4.$) In den werttheoretischen Büchern von _Döring_,

_Meinong_, _Ehrenfels_, _Kreibig_ habe ich vergebens nach irgend

einer Bestimmung des Verhältnisses von Wert und Zeit gesucht. Was

bei Alexius v. _Meinong_, Psychologisch-ethische Untersuchungen

zur Werttheorie, Graz 1894, S. 46 und 58 ff., bei Josef Clemens

_Kreibig_, Psychologische Grundlegung eines Systems der Werttheorie,

Wien 1902, S. 53 ff., zu finden ist, steht in keiner Beziehung zu

dem hier in Betracht kommenden prinzipiellen Zwecke. Gerade was

Kreibig ausführt, S. 54: »Das stets gleichbleibende lang andauernde

Tönen einer Dampfpfeife oder eines Nebelhornes, das Einerlei eines

gleichförmig grauen Himmels, das endlose Plappern eines witzelnden

Gesellschafters wirkt auf die Dauer unlusterregend, auch wenn diese

Inhalte ursprünglich angenehm empfunden wurden. Goethe sagt treffend,

nichts sei schwerer zu ertragen als eine Reihe von schönen (!)

Tagen. Auf allen höheren Gebieten finden wir ähnliche Tatbestände;

der immer süße Mendelssohn, der leiernde Hexameter Vossens, das Lob

der Speichellecker wird schließlich peinvoll. Der Sozialist Fourier

beweist Beobachtungsgabe, indem er in seinem Phalansterium der

»Schmetterlingsleidenschaft« der Menschen durch entsprechenden Wechsel

der pflichtmäßigen Beschäftigung jedes einzelnen Rechnung trägt. Daß

anderseits eine zu rasche Abfolge differenter Inhalte ermüdend und

damit negativ wertbeeinflussend wirkt, braucht nicht ausführlich belegt

zu werden« -- gerade diese Auseinandersetzung zeigt, wie heillos die

_Brentano_sche Schule »Wertgefühl« und Lust konfundiert hat. Die Lust

mag durch Dauer geschwächt werden, ein Wertvolles kann durch sie nie an

Wert verlieren.

Nur an zwei Orten finde ich Meinungen, die an die Darlegungen

des Textes erinnern könnten. Harald _Höffding_ stellt in seiner

»Religionsphilosophie« (übersetzt von F. Bendixen, Leipzig 1901,

S. 105, 193 ff.) eine These von der »Erhaltung des Wertes« auf,

durch welche man sich entfernt an den Satz von der Zeitlosigkeit des

Wertes gemahnt fühlen könnte. Viel näher und deutlicher erkennbar ist

meine Übereinstimmung mit Rudolf _Eucken_, Der Wahrheitsgehalt der

Religion, Leipzig 1901, S. 219 f.: »... Wohl heißt es, daß der Mensch

der bloßen Zeit angehört, aber er tut das nur für eine gewisse Fläche

seines Daseins; alles geistige Leben ist eine Erhebung über die Zeit,

eine Überwindung der Zeit. Was immer an geistigen Inhalten entfaltet

wird, das trägt in sich den Anspruch, ohne alle Beziehung zur Zeit

und unberührt von ihrem Wandel, d. h. also in einer ewigen Ordnung

der Dinge zu gelten; nicht nur die Wissenschaft gibt ihre Wahrheit

»unter der Form der Ewigkeit«, was immer wertvoll und wesenhaft sein

will, das verschmäht ein Dahinschwimmen mit dem Flusse der Zeit, eine

Unterwerfung unter den Wandel ihrer Mode und Laune, das will umgekehrt

von sich aus die Zeiten messen und ihren Wert bestimmen.

Dieses Verlangen nach Ewigkeit begnügt sich nicht damit, eine

Zuflucht aus den Wirren der Zeit zu suchen, es nimmt auf dem eigenen

Boden der Zeit den Kampf mit ihr auf; dieser Zusammenstoß von Zeit

und Ewigkeit ist es vornehmlich, woraus Geschichte im menschlichen

Sinne entsteht und besteht. In der Zeit selbst erwächst ein Streben

über alles Zeitliche hinaus zu etwas Unwandelbarem: so fixiert

das Kulturleben von den Leistungen der Vergangenheit gewisse als

klassisch und möchte sie nicht nur dauernd im Bewußtsein erhalten,

sondern in ihnen ein untrügliches Maß des Strebens finden ... nicht

dadurch entsteht Geschichte im menschlichen und geistigen Sinne, daß

Erscheinungen einander folgen und sich anhäufen, sondern dadurch, daß

diese Folge irgend gedacht und erlebt wird. Nun aber wäre nicht einmal

ein Überschauen und die Vereinigung der Mannigfaltigkeit in einen

Gesamtanblick möglich ohne ein Heraustreten des Beobachters aus dem

rastlosen Strom der Zeit. Und die Betrachtung allein vermag keineswegs

eine historische Gestaltung der Kultur hervorzubringen, diese kommt nur

zustande, indem in der Geschichte Wesentliches und Nebensächliches,

Bleibendes und Vergängliches auseinandertritt; sie ist nicht möglich

ohne ein energisches Sondern und Sichten der chaotischen Fülle, die uns

zuströmt. Der echte Bestand, der allein für die eigene Lebensführung

Wert hat, ist aus der Erscheinung immer erst herauszuarbeiten. Wer

anders aber sollte jenes Sondern und Sichten vollziehen als ein der

Zeit überlegener, nach inneren Notwendigkeiten messender Lebensprozeß

und wie anders sollte er es tun, als indem er das echt Befundene aus

allem Wandel der Zeit heraushebt und ihr gegenüber festlegt?...«

S. 221 f.: »... ein anderes ist es, die anthropomorphe Unsterblichkeit

abzulehnen, ein anderes, dem Geisteswesen des Menschen alle Teilnahme

an der Ewigkeit zu versagen. Denn dies heißt nicht sowohl Aussichten

in die Zukunft abschneiden als alles Geistesleben der bloßen Zeit

überantworten, damit aber es herabdrücken, zerstreuen, innerlich

vernichten. Auch das zeitliche Leben wird zu bloßem Schatten und

Schein, wenn ihm kein Streben zur Ewigkeit innewohnt; müßte doch bei

voller Gebundenheit an die Zeit alles menschliche Erlebnis, alle

menschliche Wirklichkeit nach dem Aufleuchten des bloßen Augenblicks

sofort in den Abgrund des Nichts zurücksinken.«

Wollte ich noch weiteres anführen, so könnte ich nur auf den schönen

Traum verweisen, den Knut _Hamsun_ in seinem Roman »Neue Erde«

(übersetzt von M. v. Borch, München 1894, S. 169 ff.) schildert, oder

müßte schon hier auf die ewigen Ideen _Platons_ zurückgreifen, die

unberührt von der Zeit an einem Orte »jenseits des Himmels« thronen.

Die _Ideen_ Platons in ihrer späteren restringierten Fassung sind die

_Werte_ der modernen, von _Kant_ begründeten Philosophie. Aber in der

rein psychologischen Auseinandersetzung dieses Kapitels kommt das noch

nicht in Betracht.

($S. 174, Z. 19 f.$) _Carlyle_, On Heroes etc., p. 11 f. »He was the

‚creature of the Time’, they say; the Time called him forth, the Time

did everything, he nothing .... The Time call forth? Alas, we have

known Times _call_ loudly enough for their great man; but not find him

when they called! He was not there; Providence has not sent him; the

Time, _calling_ its loudest, had to go down to confusion and wreck

because he would not come when called.

For if we will think of it, no time need have gone to ruin, could it

have _found_ a man great enough, a man wise and good enough: wisdom

to discern truly what the Time wanted, valour to lead it on the right

road thither; these are the salvation of any Time. But I liken common

languid Times, with their unbelief, distress, perplexity, with their

languid doubting characters and embarrassed circumstances, impotently

crumbling-down into ever worse distress towards final ruin; -- all this

I liken to dry dead fuel, waiting for the lightning but of Heaven that

shall kindle it. The great man, with his free force direct out of God's

own hand, is the lightning. His word is the wise healing word which all

can believe in. All blazes round him now, when he has once struck on

it, into fire like his own. The dry mouldering sticks are thought to

have called him forth. They did want him greatly; but as to calling him

forth --! -- Those are critics of small vision, I think, who cry: ‚See,

is it not the stick that made the fire?’ _No sadder proof can be given

by a man of his own littleness than disbelief in great men._«

($S. 176, Z. 4 v. u.$) _Baco_ als Sprachkritiker: Novum Organum I, 43.

Fritz _Mauthner_, Beiträge zu einer Kritik der Sprache, Bd. I, Sprache

und Psychologie, Stuttgart 1901.

($S. 177, Z. 19 v. u.$) Hermann _Türck_, Der geniale Mensch, 5. Aufl.,

Berlin 1901, S. 275 f. -- Cesare _Lombroso_, Der geniale Mensch,

übersetzt von M. O. Fränkel, Hamburg 1890, passim. -- Zur Erheiterung

sei hier noch Francis _Galton_ (Hereditary Genius, Inquiry into its

Laws and Consequences, London 1892, p. 9, vgl. Preface p. XII) folgende

Auffassung entnommen: »When I speak of an eminent man, I mean one who

has achieved a position that is attained by only 250 persons in each

million of men, or by one person in each 4000.«

($S. 177, Z. 15 v. u.$) _Kant_ über das Genie: Kritik der Urteilskraft,

§ 46-50. Vgl. Otto _Schlapp_, Kants Lehre vom Genie, Göttingen 1902,

besonders S. 305 ff. _Schelling_, System des transscendentalen

Idealismus, Werke I/3, S. 622-624, S. 623 heißt es: »Nur das, was

die Kunst hervorbringt, ist allein und nur durch Genie möglich.« --

Gegen Kantens Ausschluß der Philosophen von der Genialität wenden

sich _Jean Paul_, Das Kampanertal oder über die Unsterblichkeit der

Seele, 503. Station und Johann Gottlieb _Fichte_, Über den Begriff

der Wissenschaftslehre, 1794, § 7. (Sämtliche Werke herausgegeben von

J. H. Fichte, Bd. I/1, S. 73, Anmerkung.)

Zu Teil II, Kapitel 6.

($S. 182, Z. 1 v. u.$) _Für_ den Psychologismus: Karl _Stumpf_,

Psychologie und Erkenntnistheorie, Abhandlungen der philos.-philol. kl.

königlich bayerischen Akad. der Wissensch., Bd. 19, 1892, S. 465-516.

Alois _Höfler_, Logik, Wien 1890, S. 17: »Da die Psychologie

_sämtliche_ psychischen Erscheinungen, die Logik nur die Erscheinungen

des _Denkens_, und zwar die des _richtigen_ Denkens zum unmittelbaren

Gegenstande hat, so bildet die theoretische Bearbeitung des letzteren

nur einen _speziellen Teil_ der _Psychologie_.« Theodor _Lipps_,

Grundzüge der Logik, Hamburg 1893, S. 1 f., S. 149.

_Gegen_ den Psychologismus: Edmund _Husserl_, Logische Untersuchungen,

I. Teil, Halle 1900. Hermann _Cohen_, Kants Theorie der Erfahrung,

2. Aufl., Berlin 1885, S. 69 f., 81 f., und Logik der reinen

Erkenntnis, Berlin 1902 (System der Philosophie, I. Teil), S. 509 f.

Wilhelm _Windelband_, Kritische oder genetische Methode (Präludien,

1. Aufl., 1884, S. 247 ff.). Ferdinand Jakob _Schmidt_, Grundzüge

der konstitutiven Erfahrungsphilosophie als Theorie des immanenten

Erfahrungsmonismus, Berlin 1901, S. 16 f., 59 f., 69 f. Emil

_Lucka_, Erkenntnistheorie, Logik und Psychologie, in der Wiener

Halbmonatsschrift »Die Gnosis« vom 25. März 1903.

($S. 183, Z. 18.$) Wenn _Kant_ bei der Aufstellung seines

Sittengesetzes für »alle möglichen vernünftigen Wesen« an einen

besonderen Träger außer dem Menschen gedacht hat und nicht bloß

das streng formale Prinzip reinhalten wollte von dem Zufälligen

der empirischen Menschheit, so dürften ihm eher jene Bewohner

anderer Gestirne vorgeschwebt haben, von welchen der dritte Teil

der »Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels« handelte,

als das, was _Schopenhauer_ ihm unterschiebt (Preisschrift über

die Grundlage der Moral, § 6): »Man kann sich des Verdachtes nicht

erwehren, daß _Kant_ dabei ein wenig an die lieben Engelein gedacht,

oder doch auf deren Beistand in der Überzeugung des Lesers gezählt

habe.« Für die Engel gälte nämlich die Kantische Ethik gar nicht, da

bei ihnen Sollen und Sein zusammenfiele.

($S. 183, Z. 5 v. u.$) Auch der Aufsatz von A. _Meinong_,

Zur erkenntnistheoretischen Würdigung des Gedächtnisses,

Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, X, 1886,

S. 7-33, liegt gänzlich abseits von den hier behandelten Problemen.

($S. 184, Z. 2 f.$) Charles _Bonnet_, Essai analytique sur les facultés

de l'âme, Copenhague 1760, p. 61: »La souplesse ou la mobilité des

fibres augmente par le retour des mêmes ébranlements. Le sentiment

attaché à cette augmentation de souplesse ou de mobilité constitue la

réminiscence.« (Citiert nach Harald _Höffding_) Vgl. übrigens noch Max

_Offner_, Die Psychologie Charles Bonnets, Eine Studie zur Geschichte

der Psychologie, Schriften der Gesellschaft für psychologische

Forschung, Heft 5, Leipzig 1893, S. 34 ff. -- Ewald _Hering_, Über das

Gedächtnis als eine allgemeine Funktion der organisierten Materie,

Vortrag, 2. Ausgabe, Wien 1876. -- Vgl. E. _Mach_, Die Analyse der

Empfindungen und das Verhältnis des Physischen zum Psychischen,

3. Aufl., Jena 1902, S. 177 ff.

($S. 185, Z. 6 ff.$) Über Erinnerung unter dem Einflusse der Suggestion

vgl. Friedrich _Jodl_, Lehrbuch der Psychologie, 2. Aufl., Stuttgart

und Berlin 1903, Bd. II, S. 159: »Als eine Zwischenstufe zwischen

dem, was .... als passives und aktives Moment der repräsentativen

Aufmerksamkeit unterschieden wird, kann man den Fall ansehen, wo in die

Leitung des Reproduktionsprozesses und die Fixierung der Aufmerksamkeit

nicht der eigene Wille des Subjektes, sondern ein fremder Wille

eingreift, um mit jenem bestimmte Zwecke zu erreichen oder bestimmte

Bewußtseinsphänomene hervorzurufen .... Hier geschieht durch Einwirkung

von außen, was bei der willkürlichen Reproduktion aus dem Willen des

Subjektes heraus erfolgt.«

($S. 185, Z. 19 v. u.$) Richard _Avenarius_, Kritik der reinen

Erfahrung, Bd. II, Leipzig 1890, S. 32, 42 ff. -- H. _Höffding_,

Über Wiedererkennen, Association und psychische Aktivität,

Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, XIII, 1889,

S. 420 f. und XIV, 1890, S. 27 ff. Psychologie in Umrissen, übersetzt

von Bendixen, 2. Aufl., 1893, S. 163 f., Philosophische Studien, VIII,

S. 86 f.

Im ersten Aufsatze sagt Höffding (S. 426 f.): »Was in solchen

Bewußtseinszuständen .... gegeben ist, das ist die unmittelbare

Auffassung des Unterschiedes zwischen Bekanntem und Vertrautem und

etwas Neuem und Fremdem. Dieser Unterschied ist so einfach und

klar, daß er sich ebensowenig näher beschreiben läßt, als z. B.

der Unterschied zwischen Lust und Unlust, oder der Unterschied

zwischen Gelb und Blau. Wir stehen hier einem unmittelbaren

Qualitätsunterschiede gegenüber. Die eigentümliche Qualität, mit

welcher das Bekannte im Gegensatz zum Neuen im Bewußtsein auftritt,

werde ich im folgenden die _Bekanntheitsqualität_ nennen.« [Es] »ist

noch hervorzuheben, daß die Selbstbeobachtung in den angeführten

Fällen _nicht die geringste Spur von anderen Vorstellungen zeigt, die

durch die erkannte Erscheinung erweckt würden_, und von denen man

annehmen könnte, sie spielten eine Rolle beim Wiedererkennen selbst.

Insofern also jemand annehmen wollte, alles Wiedererkennen setze

derartige Vorstellungen voraus, so liegt ihm die Beweispflicht ob; und

läßt sich das unmittelbare Wiedererkennen, sowie es in den angeführten

Fällen auftritt, ohne eine solche Annahme erklären, so wird diese

Erklärung die einzige wissenschaftliche sein.«

Gegen diese Lehre _Höffdings_ haben sich mit durchaus unzureichenden

Gründen Wilhelm _Wundt_, Grundzüge der physiologischen Psychologie, 4.

Aufl., Leipzig 1893, Bd. II, S. 442, Anmerkung 1, und William _James_,

The Principles of Psychology, 1890, Vol. I, p. 674, Anmerkung 1

ausgesprochen. Höffding selbst bemerkt klar genug S. 431: »Diese

Reproduktion braucht nicht dahin zu führen, daß das, was reproduziert

wird, als selbständiges Glied im Bewußtsein auftrete. Und in den

vorliegenden Fällen geschieht dies auch nicht. Deren Eigentümlichkeit

bestand unter anderem gerade in ihrem nicht zusammengesetzten

Charakter. Außer dem erkannten Zug oder den erkannten Zügen findet

sich im Bewußtsein nicht das Mindeste, was mit dem Wiedererkennen

zu schaffen hat. Das Wort »~Les Plans~« klingt bekannt, und diese

Bekanntheitsqualität ist die _ganze Erscheinung_ ....« Es ist dagegen

unzutreffend, wenn _Wundt_ behauptet (a. a. O. II^4, 445): »Es geht

_immer_ der simultane deutlich in einen successiven Associationsvorgang

über, in welchem der zuerst vorhandene Eindruck, die dann hinzutretende

Mittelvorstellung und endlich das Wiedererkennungsgefühl als die

Glieder der Associationsreihe auftreten.«

($S. 186, Z. 1 v. u.$) Nur dieselbe Verwechslung des Wiedererkennens

mit dem Gedächtnis liegt den Beispielen zu Grunde, auf Grund deren

G. John _Romanes_, Die geistige Entwicklung im Tierreich, Leipzig 1885,

S. 127 f. den Tieren ein Gedächtnis zuschreibt.

($S. 190, Z. 12.$) Der Ausdruck connotativ (mitbezeichnend) stammt

von John Stuart _Mill_, System der deduktiven und induktiven Logik,

übersetzt von Gomperz, I^2, Leipzig 1884, S. 30 f. -- Den Ausdruck

»typische Vorstellung« gebraucht Harald _Höffding_, der Terminus

»Repräsentativ-Vorstellung« ist der englischen und französischen

Psychologie geläufig.

($S. 191, Z. 13 v u.$) Wunderbar gibt _Fouqué_ dem _Alogischen_ im

Weibe zusammen mit seinem völligen Mangel an Kontinuität Ausdruck in

der »Undine« (fünftes Kapitel): »Einen Teil des Tages über strich er

mit einer alten Armbrust, die er in einem Winkel der Hütte gefunden

und sich ausgebessert hatte, umher, nach den vorüberfliegenden Vögeln

lauernd und, was er von ihnen treffen konnte, als guten Braten in die

Hütte liefernd. Brachte er nun seine Beute zurück, so unterließ Undine

fast niemals, ihn auszuschelten, daß er den lieben, lustigen Tierchen

oben im blauen Luftmeer so feindlich ihr fröhliches Leben stehle; ja

sie weinte oftmals bitterlich bei dem Anblick des toten Geflügels. Kam

er aber dann ein andermal wieder heim und hatte nichts geschossen,

so schalt sie ihn nicht minder ernstlich darüber aus, daß man nun um

seines Ungeschickes und seiner Nachlässigkeit willen mit Fischen und

Krebsen vorlieb nehmen müsse.«

($S. 191, Z. 10 v. u.$) G. _Simmel_, Zur Psychologie der Frauen,

Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft, XX, 1890,

S. 6-46: »Hier ist der Ort, der vielkritisierten Logik der Frauen

zu gedenken. Zunächst ist die Meinung, die ihnen dieselbe ganz oder

fast ganz absprechen will, einfach abzuweisen; das ist eine von den

trivialen Paradoxen, der gegenüber man sicher behaupten kann, daß

jeder, der nur irgend eingehender mit Frauen zu tun hatte, oft genug

von der Schärfe und Unbarmherzigkeit ihrer Folgerungen überrascht

worden ist.« (S. 9 f.)

($S. 195, Z. 5 v. u.$) _Kant_, Kritik der praktischen Vernunft, S. 105

(Universalbibliothek).

($S. 196, Z. 8 v. u. f.$) Die Stelle über Spinoza bei _Kant_ ist

ungemein charakteristisch (vgl. Kap. 13); man findet sie in der Kritik

der praktischen Vernunft, S. 123, ed. Kehrbach. -- Was Kant an Hume

mit Recht sympathisch ansprechen durfte, war die Sonderstellung,

welche dieser klügste Empirist immerhin der Mathematik einräumte. Das

große Lob Humes aus dem Munde Kantens, welchem Hume sein hohes Ansehen

bei den nachkantischen Philosophen und Historikern der Philosophie

vornehmlich dankt, ist wohl so zu erklären, daß Kant selbst schon,

bevor er Hume kennen gelernt hatte, die Notwendigkeit der Ersetzung des

metaphysischen durch den transcendentalen Standpunkt unklar gefühlt

hatte. Den Angriff Humes empfand er als solchen, den er selbst längst

hätte führen sollen, und machte sich den eigenen Mangel an Rüstigkeit

in der Abrechnung mit allem Unbewiesenen in der Spekulation heftig

zum Vorwurf. So kam es, daß er Humes Skeptizismus dem Dogmatismus

gegenüber, den er in den eigenen Gliedern noch immer spürte,

hochstellen konnte, und an der Flachheit dieses Empirismus, bei dem

er natürlich nicht bleiben konnte, relativ wenig Anstoß nahm. -- Wie

unglaublich seicht Hume übrigens auch als Geschichtsschreiber in seinen

Urteilen über historische Bewegungen und historische Persönlichkeiten

ist, darüber vergleiche man das Büchlein von Julius _Goldstein_, Die

empiristische Geschichtsauffassung David Humes mit Berücksichtigung

moderner methodischer und erkenntnistheoretischer Probleme, eine

philosophische Studie, Leipzig 1903, z. B. die dort S. 19 f. aus

Humes »History of England« citierten Äußerungen über die Religion

und religiöse Menschen, besonders über Luther. Jene Stellen verraten

Borniertheit.

Zu Teil II, Kapitel 7.

($S. 197, Z. 3 ff.$) David _Hume_, A Treatise of Human Nature, being an

Attempt to introduce the experimental Method of Reasoning into Moral

Subjects, Book I. Of the Understanding, Part IV. Of the sceptical and

other systems of philosophy, Sect. VI. Of personal identity, Vol. I,

p. 438 f. (der ersten englischen Ausgabe, London 1739):

»For my part, when I enter most intimately into what I call myself, I

always stumble on some particular perception or other, of heat or cold,

light or shade, love or hatred, pain or pleasure. I never can catch

myself at any time without a perception, and never can observe anything

but the perception. When my perceptions are remov'd for any time, as

by sound sleep; so long am I insensible of _myself_, and may truly be

said not to exist. And were all my perceptions remov'd by death, and

cou'd I neither think, nor feel, nor see, nor love, nor hate after

the dissolution of my body, I thou'd be entirely annihilated, nor do

I conceive what is farther requisite to make me a perfect non-entity.

If any one, upon serious and unprejudiced reflection thinks he has a

different notion (439) of _himself_, I must confess I can reason no

longer with him. All I can allow him is, that he may be in the right as

well as I, and that we are essentially different in this particular. He

may, perhaps, perceive something simple and continu'd, which he calls

_himself_; tho' I am certain there is no such principle in me.

But setting aside some metaphysicians of this kind, I may venture to

affirm of the rest of mankind that they are nothing but a bundle or

collection of different perceptions, which succeed each other with an

inconceivable rapidity, and are in a perpetual flux and movement.«

($S. 198, Z. 3 f.$) Georg Christoph _Lichtenberg_, Ausgewählte

Schriften, herausgegeben von Eugen Reichel, Leipzig,

Universalbibliothek, S. 74 f.: »Wir werden uns gewisser Vorstellungen

bewußt, die nicht von uns abhängen; andere, glauben wir wenigstens,

hingen von uns ab; wo ist die Grenze? Wir kennen nur allein die

Existenz unserer Empfindungen, Vorstellungen und Gedanken. _Es denkt_,

sollte man sagen, so wie man sagt: es blitzt. Zu sagen ~cogito~, ist

schon zu viel, sobald man es durch Ich denke übersetzt. Das _Ich_

anzunehmen, zu postulieren, ist praktisches Bedürfnis.«

($S. 198, Z. 8 f.$) _Hume_ a. a. O., S. 455 f.: »All the nice and

subtile questions concerning personal identity can never possibly

be decided, and are to be regarded rather as grammatical than as

philosophical difficulties ... All the disputes concerning the identity

of connected objects are merely verbal.«

($S. 198, Z. 12 f.$) E. _Mach_, Die Analyse der Empfindungen und

das Verhältnis des Physischen zum Psychischen, 3. Aufl., Jena 1902,

S. 2 ff, 6 f., 10 f., 18 ff., 29 f.

($S. 199, Z. 12 f.$) Das _Idioplasma_ ist also wohl das von Alois

_Höfler_, Psychologie, Wien und Prag 1897, S. 382, vermißte

physiologische Äquivalent des _empirischen_ Ich.

($S. 200, Z. 5 v. u.$) Die beiden Stellen aus _Sigwart_ in dessen

Logik, I^2, Freiburg 1889, S. 182, 190.

($S. 200, Z. 13.$) _Hegel_, Enzyklopädie der philosophischen

Wissenschaften im Grundrisse, § 115 (Werke, vollständige Ausgabe, Bd.

VI, S. 230 f., Berlin 1840): »Dieser Satz, statt ein wahres Denkgesetz

zu sein, ist nichts als das Gesetz des _abstrakten Verstandes_. Die

_Form des Satzes_ widerspricht ihm schon selbst, da ein Satz auch

einen Unterschied zwischen Subjekt und Prädikat verspricht, dieser

aber das nicht leistet, was seine Form fordert ... Wenn man behauptet,

dieser Satz könne nicht bewiesen werden, aber _jedes_ Bewußtsein

verfahre danach, und stimmt ihm nach der Erfahrung sogleich zu, wie

es ihn vernehme, so ist dieser angeblichen Erfahrung der Schule die

allgemeine Erfahrung entgegenzusetzen, daß kein Bewußtseyn nach diesem

Gesetze denkt, noch Vorstellungen hat u. s. f., noch spricht, daß keine

Existenz, welcher Art sie sey, nach demselben existiert. Das Sprechen

nach diesem seynsollenden Gesetze der Wahrheit (ein Planet ist -- ein

Planet, der Magnetismus ist -- der Magnetismus, der Geist ist -- ein

Geist) gilt mit vollem Recht für albern; dies ist wohl allgemeine

Erfahrung.«

($S. 200, Z. 18 f.$) Vgl. hiezu Hermann _Cohen_, System der

Philosophie, I. Teil, Logik der reinen Erkenntnis, Berlin 1902, S. 79:

»Man sagt, diese Identität bedeute nichts als Tautologie. Das Wort,

durch welches der Vorwurf bezeichnet wird, verrät die Unterschlagung

des Prinzipes. Freilich bedeutet die Identität Tautologie: nämlich

dadurch, daß durch Dasselbe (ταὐτό) das Denken zum Logos wird. Und so

erklärt es sich, daß vorzugsweise, _ja ausschließlich die Identität als

Denkgesetz stabiliert wurde._«

($S. 201, Z. 16 f.$) Mit Heinrich _Gomperz_, Zur Psychologie der

logischen Grundtatsachen, Leipzig und Wien 1897, S. 21 f., ist meine

Darstellung an diesem Punkte vollkommen einer Ansicht. Er sagt: »....

die wissenschaftlichen Begriffe bilden überall keinen Gegenstand

der Psychologie, d. h. der psychologischen Erfahrung ...... Wir

gelangen zu solchen Begriffen durch eine eigene Methode, nämlich

durch Synthese, wie wir zu den Naturgesetzen durch die Methode der

Induktion vorschreiten, und verwerten diese Begriffe durch Analyse wie

jene Gesetze durch Deduktion. Und deshalb gibt es eine Psychologie

des wissenschaftlichen Säugetierbegriffes ebensowenig wie eine

Psychologie des wissenschaftlichen Gravitationsgesetzes. Daß wir diese

Gesetzmäßigkeiten durch eigene Worte -- Säugetier und Gravitation --

bezeichnen, kann hieran nichts ändern. Denn diese Worte bezeichnen

lediglich äußere, wenn auch ideelle Dinge. Diese sind Gegenstände,

nicht Elemente oder überhaupt Bestandteile des Denkens.«

($S. 202, Z. 19.$) Die Stelle aus _Kant_: Kritik der reinen Vernunft,

S. 145, Kehrbach. -- Zur Lösung des von Kant bezeichneten Rätsels

glaube ich hier und auf S. 244-251 ein Weniges beigetragen zu haben.

($S. 202, Z. 11 v. u.$) Was ich unter _Essenz_ meine, deckt sich also

ziemlich mit dem aristotelischen τὸ τί ἦν εἶναι. Der Begriff ist auch

für _Aristoteles_ an einer Stelle λόγος τί ἦν εἶναι λέγων (Eth. Nicom.

II, 6, 1107 a 6).

($S. 203, Z. 7 v. u.$). Vgl. _Schelling_, System des transcendentalen

Idealismus, Werke I/3, S. 362: »In dem Urteil A = A wird ganz von dem

Inhalte des Subjektes A abstrahiert. Ob A _Realität_ hat oder nicht,

ist für dieses Wissen ganz gleichgültig.« »Der Satz ist evident und

gewiß, ganz abgesehen davon, ob A etwas wirklich Existierendes oder

bloß Eingebildetes oder selbst unmöglich ist.«

($S. 204, Z. 3 v. o.$) John Stuart _Mill_, System der deduktiven

und induktiven Logik, Eine Darlegung der Grundsätze der Beweislehre

und der Methoden wissenschaftlicher Forschung, Buch II, Kapitel 7,

§ 5, 2. Aufl., übersetzt von Theodor Gomperz, Leipzig 1884, Bd.

I (Gesammelte Werke, Bd. II), S. 326: »Ich erkenne im principium

contradictionis, wie in anderen Axiomen eine unserer frühesten

und naheliegendsten Verallgemeinerungen aus der Erfahrung. Ihre

ursprüngliche Grundlage finde ich darin, daß Glaube und Unglaube zwei

verschiedene Geisteszustände sind, die einander ausschließen. Dies

erkennen wir aus der einfachsten Beobachtung unseres eigenen Geistes.

Und richten wir unsere Beobachtung nach außen, so finden wir auch hier,

daß Licht und Dunkel, Schall und Stille, Bewegung und Ruhe, Gleichheit

und Ungleichheit, Vorangehen und Nachfolgen, Aufeinanderfolge und

Gleichzeitigkeit, kurz jedes positive Phänomen und seine Verneinung

unterschiedene Phänomene sind, im Verhältnis eines zugespitzten

Gegensatzes, und die eine immer dort abwesend, wo die andere anwesend

ist. Ich betrachte das fragliche Axiom als eine Verallgemeinerung aus

all diesen Tatsachen.«

Von der Flachheit dieser Auseinandersetzung will ich schweigen; denn

daß John St. Mill unter den berühmten Flachköpfen des XIX. Jahrhunderts

der flachste ist, das kann wie eine identische Gleichung ausgesprochen

werden. Aber man vermag auch nicht leicht falscher und leichtsinniger

zu argumentieren, als es hier von Mill geschehen ist. Für diesen

Mann ist Kant vergebens auf der Welt erschienen; er hat sich nicht

einmal dies klar gemacht, daß dem Satze A = A nie eine Erfahrung

widersprechen kann, und daß wir dies mit absoluter Sicherheit von

Rechts wegen behaupten dürfen, während alle Induktion nie imstande ist,

Sätze von solchem Gewißheitsgrade zu liefern. -- Außerdem verwechselt

Mill hier den konträren mit dem kontradiktorischen Gegensatz. -- Die

vielen verständnislosen Beschimpfungen des Identitätsprinzipes seien

übergangen.

($S. 205, Z. 18.$) Johann Gottlieb _Fichte_, Grundlage der gesamten

Wissenschaftslehre, Leipzig 1794, S. 5 ff. (sämtliche Werke

herausgegeben von J. H. Fichte, Erste Abteilung, Bd. I, Berlin 1845,

S. 92 ff.):

»1. Den Satz _A ist A_ (soviel als A = A, denn das ist die Bedeutung

der logischen Copula) gibt jeder zu; und zwar ohne sich im geringsten

darüber zu bedenken: man erkennt ihn für völlig gewiß und ausgemacht an.

Wenn aber jemand einen Beweis desselben fordern sollte, so würde man

sich auf einen solchen Beweis gar nicht einlassen, sondern behaupten,

jener Satz sey schlechthin, d. i. _ohne allen weiteren Grund_, gewiß:

und indem man dieses, ohne Zweifel mit allgemeiner Beistimmung, thut,

schreibt man sich das Vermögen zu, _etwas schlechthin zu setzen_.

Geschlecht und Charakter: Eine prinzipielle Untersuchung · 第 67 / 70 题