Das Wesen des Weibes und sein Sinn im Universum.
»Erst Mann und Weib
zusammen machen den
Menschen aus.«
_Kant._
Immer tiefer ist die Analyse in der Schätzung des Weibes bis jetzt
heruntergegangen, immer mehr Hohes und Edles, Großes und Schönes mußte
sie ihm absprechen. Wenn sie nun in diesem Kapitel noch einen, den
entscheidenden, äußersten Schritt in derselben Richtung zu tun sich
anschickt, so möchte ich, zur Verhütung eines Mißverständnisses, schon
hier bemerken, worauf ich noch zurückkomme: daß mir wahrhaftig nichts
ferner liegt, als dem asiatischen Standpunkt in der Behandlung des
Weibes das Wort zu reden. Wer den vorausgehenden Darlegungen über das
Unrecht aufmerksamer gefolgt ist, das alle Sexualität, ja noch die
Erotik an der Frau begeht, dem wird bereits zum Bewußtsein gekommen
sein, daß dieses Buch kein Plaidoyer für den Harem ist, und daß es sich
hütet, die Härte des Urteils zu entwerten durch die Forderung einer so
problematischen Strafe.
Aber die _rechtliche_ Gleich_stellung_ von Mann und Weib kann man sehr
wohl verlangen, ohne darum an die _moralische_ und _intellektuelle_
Gleich_heit_ zu glauben. Vielmehr kann ohne Widerspruch zu gleicher
Zeit jede Barbarei des männlichen wider das weibliche Geschlecht
verdammt, und braucht doch der ungeheuerste, kosmische Gegensatz und
Wesensunterschied hier nicht verkannt zu werden. $Der tiefststehende
Mann steht noch unendlich hoch über dem höchststehenden Weibe$; und
doch hat niemand das Recht, selbst das tiefststehende Weib irgendwie
zu schmälern oder zu unterdrücken. Durch die völlige _Berechtigung_ des
Anspruches auf Gleichheit vor jedem Gesetze wird kein gründlicherer
Menschenkenner in der Überzeugung sich beirren lassen, daß zwischen
den Geschlechtern die denkbar polarste Gegensätzlichkeit besteht. Was
für seichte Psychologen (um von dem menschenkundigen Tiefblick der
sozialistischen Theoretiker zu schweigen) die Materialisten, Empiristen
und Positivisten sind, kann man abermals hieraus entnehmen, daß gerade
aus ihren Kreisen vorzugsweise die Männer gekommen sind und auch jetzt
noch aus ihnen sich rekrutieren, welche für die ursprünglich _angeborne
psychologische Gleichheit_ zwischen Mann und Weib eintreten.
Aber auch vor der Verwechslung meines Standpunktes in der Beurteilung
des Weibes mit den hausbackenen, und nur als tapfere Reaktion gegen
die Massenströmung erfreulichen Ansichten von P. J. _Moebius_ bin ich
hoffentlich gefeit. Das Weib ist nicht »physiologisch schwachsinnig«;
und ich kann auch die Auffassung nicht teilen, welche in Frauen mit
hervorragenderen Leistungen Entartungserscheinungen erblickt. Von einem
_moralischen_ Aussichtspunkte kann man diese Frauen, da sie stets
männlicher sind als die anderen, nur freudig begrüßen, und müßte bei
ihnen eher das Gegenteil einer Entartung, nämlich einen Fortschritt
und eine Überwindung, zugeben; in _biologischer_ Hinsicht sind sie
ebensowenig oder ebensosehr ein Degenerationsphänomen als der weibliche
Mann ein solches darstellt (wenn man ihn nicht ethisch wertet). Die
sexuellen Zwischenformen sind aber in der ganzen Reihe der Organismen
durchaus die normale und nicht eine pathologische Erscheinung, und ihr
Auftreten also noch kein Beweis körperlicher Décadence.
Das Weib ist weder tiefsinnig noch hochsinnig, weder scharfsinnig noch
geradsinnig, es ist vielmehr von alledem das gerade Gegenteil; es
ist, so weit wir bisher sehen, überhaupt nicht »sinnig«: es ist als
Ganzes _Un_-sinn, _un_-sinnig. Aber das ist noch nicht _schwach_sinnig,
nach dem Begriffe, den man in deutscher Sprache damit verbindet: dem
Begriffe des Mangels an der einfachsten praktischen Orientierung im
gewöhnlichen Leben. Gerade Schlauheit, _Berechnung_, »_Gescheitheit_«
besitzt W viel regelmäßiger und konstanter als M, sobald es auf die
Erreichung naheliegender egoistischer Zwecke ankommt. Ein Weib ist nie
so dumm, wie es der Mann zuweilen sein kann.
Hat nun das Weib gar keine Bedeutung? Verfolgt es wirklich keinen
allgemeineren Zweck? Hat es nicht doch eine Bestimmung, und liegt ihm
nicht, trotz all seiner Unsinnigkeit und Nichtigkeit, eine bestimmte
Absicht im Weltganzen zu Grunde? _Dient es einer Mission, oder ist sein
Dasein ein Zufall und eine Lächerlichkeit?_
Um hinter diesen Sinn zu kommen, muß von einem Phänomen ausgegangen
werden, das, so alt und so bekannt es ist, noch nirgends und niemals
einer Beachtung oder gar Würdigung wert befunden wurde. _Es ist kein
anderes als das Phänomen der $Kuppelei$, welches den eigentlichen, den
tiefsten Einblick in die Natur des Weibes gestattet._
Seine Analyse ergibt zunächst das Moment der _Herbeiführung_ und
_Begünstigung_ des Sichfindens zweier Menschen, die eine sexuelle
Vereinigung, sei es in Form der Heirat oder nicht, einzugehen in der
Lage sind. Dieses Bestreben, zwischen zwei Menschen etwas zustande zu
bringen, _hat jede Frau ausnahmslos schon in frühester Kindheit_: ganz
kleine Mädchen leisten bereits, und zwar selbst dem Liebhaber ihrer
älteren Schwestern, Mittlerdienste. Und wenn der Trieb zu kuppeln auch
erst dann deutlicher zum Vorschein kommen kann, wenn das weibliche
Einzelindividuum sich selbst untergebracht hat, d. h. nach seiner
eigenen Versorgung durch die Heirat: so ist er doch die ganze Zeit
über zwischen der Pubertät und der Hochzeit ebenso vorhanden; nur
wirken ihm der _Neid_ auf die Konkurrentinnen, und die _Angst_ vor den
größeren Chancen derselben im Kampf um den Mann so lang entgegen, bis
die Frau selbst ihren Gemahl sich glücklich erobert, oder ihr Geld,
die Beziehungen, in welche er nun zu ihrer Familie tritt u. s. w., ihn
gekirrt und geködert haben. Dies ist der einzige Grund, aus welchem
die Frauen erst in der Ehe mit vollem Eifer daran gehen, die Töchter
und Söhne ihrer Bekannten unter die Haube zu bringen. Und wie sehr
nun erst das alte Weib kuppelt, bei dem die Sorge für die eigene
sexuelle Befriedigung gänzlich in Wegfall gekommen ist, das ist so
allgemein bekannt, daß man, sehr mit Unrecht, das alte Weib _allein_
zur eigentlichen Kupplerin gestempelt hat.
Nicht nur Frauen, auch Männer werden sehr gerne in den Ehestand zu
bringen gesucht, auch von ihren eigenen Müttern, ja gerade von diesen
mit besonderer Lebhaftigkeit und Zähigkeit. Ganz ohne Rücksicht auf
die individuelle Eigenart des Sohnes ist es der Wunsch und die Sucht
jeder Mutter, ihren Sohn verheiratet zu sehen: ein Bedürfnis, in dem
man geblendet genug war, etwas Höheres, wieder jene Mutterliebe zu
erblicken, von welcher das vorige Kapitel nur eine so geringe Meinung
gewinnen konnte. Es ist möglich, daß viele Mütter, sei der Sohn auch
gar nicht für die Ehe geschaffen, von vornherein überzeugt sind, ihm
durch sie erst zum bleibenden Glück zu verhelfen; aber sicher fehlt
sehr vielen selbst dieser Glaube, und jedenfalls spielt allerwärts
und immer als _stärkstes_ Motiv der Kuppel_trieb_, die gefühlsmäßige
Abneigung gegen das Junggesellentum des Mannes, mit.
Man sieht bereits hier, daß die Frauen _einem rein instinktiven Drange,
der in sie gelegt ist, folgen_, auch wenn sie _ihre Töchter_ zu
verheiraten suchen. Nicht aus logischen, und nur zum kleinsten Teile
aus materiellen Erwägungen entspringen die unendlichen Bemühungen,
welche die Mütter zu diesem Zwecke unternehmen, sie geschehen nicht
aus Entgegenkommen gegen geäußerte oder unausgesprochene Wünsche
der Tochter (denen sie in der speziellen Wahl des Mannes sogar oft
zuwiderlaufen); und es kann, da die Kuppelei ganz allgemein auf alle
Menschen sich erstreckt und nie auf die eigene Tochter sich beschränkt,
hier am wenigsten von einer »altruistischen«, »moralischen« Handlung
der _mütterlichen_ Liebe die Rede sein; obwohl sicherlich die meisten
Frauen, wenn jemand ihr kupplerisches Gebaren ihnen vorhielte, zur
Antwort geben würden: es sei ihre Pflicht, beizeiten an die Zukunft
ihres teueren Kindes zu denken.
_Eine Mutter verheiratet ihre eigene Tochter nicht anders, als sie
jedem anderen Mädchen zum Manne gern verhilft_, wenn nur jene Aufgabe
innerhalb der Familie zuvor gelöst ist: _es ist ganz dasselbe, Kuppelei
hier wie dort, die Verkuppelung der eigenen Tochter unterscheidet sich
psychologisch in nichts von der Verkuppelung der fremden_.
Wie schon öfter das Verhalten des einen Geschlechtes zu gewissen Zügen
des anderen als ein brauchbares Kriterium dafür verwendet werden
konnte, welche Eigentümlichkeiten des Charakters ausschließlich auf
eines beschränkt sind und welche auch dem anderen zukommen[60], so
kann, während bisher stets das Weib Zeuge sein mußte, daß gewisse,
ihm von vielen so gerne zugesprochene Eigenschaften ausschließlich
dem Manne angehören, hier einmal durch sein Verhalten der Mann
dokumentieren, wie die Kuppelei echt weiblich und ausschließlich
weiblich ist: die Ausnahmen betreffen entweder _sehr_ weibliche Männer
oder einen Fall, der noch ausführlich wird besprochen werden[61].
Jeder wahre Mann nämlich wendet sich vom heiratsvermittelnden Treiben
der Frauen, selbst wenn es sich um seine eigene Tochter handelt, und
er diese gerne versorgt sehen möchte, mit Widerwillen und Verachtung
ab und überläßt die Kuppelsorgen überhaupt dem Weibe als sein Fach.
Zugleich sieht man hier am klarsten, wie auf den _Mann_ gar nicht die
_wahren psychischen_ Sexualcharaktere des Weibes attraktiv wirken, wie
sie ihn vielmehr abstoßen, wo sie ihm bewußt werden: indes die rein
männlichen Eigenschaften _an sich_, und wie sie wirklich sind, das
_Weib_ anzuziehen _genügen_, muß der Mann das Weib erst umformen, ehe
er es lieben kann.
Die Kuppelei reicht aber bedeutend tiefer und durchdringt das Wesen
des Weibes in viel weiterer Ausdehnung, als jemand nach diesen
Beispielen, die nur den Umfang des Sprachgebrauches erschöpfen,
glauben könnte. Ich will zunächst darauf hinweisen, wie die Frauen
im Theater sitzen: stets mit der Erwartung, _ob_ die zwei, _wie_ die
zwei Liebesleute »sich kriegen« werden. _Auch dies ist nichts anderes
als Kuppelei_, und um kein Haar von ihr psychologisch verschieden:
_es ist das Herbeiwünschen des Zusammenkommens von Mann und Weib, wo
auch immer_. Aber das geht noch weiter: _auch die Lektüre sinnlicher
oder obscöner Dichtungen oder Romane, die ungeheuere Spannung auf
den Moment des Koitus, mit welcher die Frauen lesen, ist nichts, gar
nichts als Verkuppelung der beiden Personen des Buches_, tonische
Excitation durch den Gedanken der Kopulation und positive Wertung
der sexuellen Vereinigung. Man halte das nicht für eine logische und
formale Analogisierung, man versuche nachzufühlen, wie für die Frau
psychologisch beides _dasselbe $ist$_. Die Erregung der Mutter am
Hochzeitstage der Tochter ist keine andere als die der Leserin von
_Prévost_, oder von _Sudermanns_ »Katzensteg«. Es kommt zwar auch
vor, daß Männer solche Romane zu Detumeszenzzwecken gerne lesen,
aber das ist etwas prinzipiell von der weiblichen Art der Lektüre
_Verschiedenes_, es geht auf die lebhaftere Imagination des Sexualaktes
und verfolgt nicht krampfhaft von Anbeginn jede Verringerung der
Entfernung zwischen den beiden Menschen, um die es sich gerade handelt,
und wächst nicht, wie bei der Frau, kontinuierlich, in Proportion mit
einer sehr hohen Potenz vom reziproken Werte des Abstandes der Personen
voneinander. Die atemlose Begünstigung jeder Verringerung der Distanz
von dem Ziele, die deprimierte Enttäuschung bei jeder Vereitelung der
sexuellen Befriedigung ist durchaus weiblich und unmännlich; aber sie
tritt in der Frau ganz unterschiedslos bei jeder Bewegung auf, die
ihrer Richtung nach zum Geschlechtsakte führen kann, betreffe sie nun
Personen des Lebens oder der Phantasie.
Hat man denn nie darüber nachgedacht, $warum$ die Frauen so gerne, so
»selbstlos« andere Frauen mit Männern zusammenbringen? Das Vergnügen,
welches ihnen hiedurch bereitet wird, _beruht auf einer eigentümlichen
Erregung durch den Gedanken auch des fremden Koitus_.
Aber die volle Breite der Kuppelei ist auch mit der Ausdehnung auf den
Hauptgesichtspunkt aller weiblichen Lektüre noch nicht ausgemessen.
Wo an Sommerabenden in dunklen Gärten, auf den Bänken oder an den
Mauern Liebespaare eine Zuflucht suchen, dort wird eine Frau, die
vorübergeht, stets _neugierig_, sie _sieht hin_, indes der Mann,
der jenen Weg zu gehen gezwungen ist, sich unwillig abwendet, weil
er die Schamhaftigkeit verletzt fühlt. Desgleichen wenden sich die
Frauen fast nach jedem Liebespaare, dem sie auf der Gasse begegnen,
_um_ und verfolgen es mit ihren Blicken. Dieses _Hin_schauen, dieses
_Sichumdrehen_ ist nicht minder Kuppelei als das bisher unter den
Begriff Subsumierte. Was man ungern sieht und nicht wünscht, von dem
wendet man sich weg, und sperrt nicht die Augen nach ihm auf; die
Frauen sehen darum ein Liebespaar so gern, und überraschen es deshalb
am liebsten bei Küssen und weitergehenden Liebesbezeigungen, _weil sie
den Koitus $überhaupt$ (nicht nur für sich) wollen_. _Man beachtet
nur_, wie schon längst gezeigt wurde, _was irgendwie positiv gewertet
wird_. Die Frau, die zwei Liebende miteinander sieht, wartet stets auf
das, was kommen werde, d. h. sie erwartet es, nimmt es voraus, hofft
es, wünscht es. Ich habe eine längst verheiratete Hausfrau gekannt, die
ihr Dienstmädchen, das den Liebhaber eingelassen hatte, zuerst lang
in großer Anteilnahme vor der Tür behorchte, ehe sie hineinging, um
ihm seine Stellung zu kündigen. Die Frau hatte also den ganzen Vorgang
_innerlich bejaht_, um dann das Mädchen, in passiver Befolgung der ihr
überkommenen Schicklichkeitsbegriffe, wenn nicht gar nur aus unbewußter
Mißgunst, hinauszuwerfen. Ich glaube freilich, daß auch das letztere
Motiv häufig mitspielt, und zur Verdammung der Betroffenen der Neid,
der ihr jene Stunden doch nicht allein gönnt, seinen Teil beisteuert.
Der Gedanke des Koitus wird von der Frau stets und in jeder Form,
in der er sich vollziehen mag, (selbst wenn ihn Tiere ausführen),
lebhaft ergriffen, und nie zurückgewiesen[62]; sie verneint ihn nicht,
empfindet keinen Ekel vor dem Ekelhaften des Vorganges, sucht nicht
sofort lieber an etwas anderes zu denken: sondern die Vorstellung
ergreift völlig von ihr Besitz und beschäftigt sie unausgesetzt
weiter, bis sie von anderen Vorstellungen ebenso sexuellen Charakters
abgelöst wird. Hiemit ist ein großer Teil des vielen so rätselhaft
scheinenden psychischen Lebens der Frauen sicherlich beschrieben. _Das
Bedürfnis, selbst koitiert zu werden, ist zwar das heftigste Bedürfnis
der Frau, aber es ist nur ein $Spezialfall$ ihres tiefsten, $ihres
einzigen vitalen Interesses, das nach dem Koitus überhaupt geht$; des
Wunsches, daß möglichst viel, von wem immer, wo immer, wann immer,
koitiert werde._
_Dieses_ allgemeinere Bedürfnis richtet sich entweder mehr auf den Akt
selbst, oder mehr auf das Kind; im ersten Falle ist die Frau Dirne und
Kupplerin um der bloßen Vorstellung vom Akte willen; im zweiten ist sie
Mutter, aber nicht nur mit dem Wunsche selbst Mutter zu werden; sondern
an _jeder_ Ehe, die sie kennt oder zustande bringt, ist, je mehr sie
der absoluten Mutter sich nähert, desto ausschließlicher ihr Interesse
auf die Hervorbringung des Kindes gerichtet: die echte Mutter ist auch
die echte Großmutter (selbst wenn sie Jungfrau geblieben ist; man
vergleiche Johann _Tesmans_ unübertreffliche »_Tante Jule_« in _Ibsens_
»_Hedda Gabler_«). Jede ganze _Mutter_ wirkt für die Gattung insgesamt,
sie ist Mutter der ganzen Menschheit: _jede_ Schwangerschaft wird von
ihr begrüßt. Die _Dirne_ will die anderen Weiber nicht schwanger,
sondern bloß _prostituiert_ sehen wie sich selbst.
Wie sogar die Sexualität der Frauen ihrer Kuppelei noch _unter_geordnet
ist, und eigentlich nur als ein besonderer Fall der ersteren aufgefaßt
werden darf, das geht sehr deutlich aus ihrem Verhältnis zu den
verheirateten Männern hervor. Nichts ist den Frauen, da sie sämtlich
Kupplerinnen sind, so wie der ledige Stand des Mannes zuwider, und
darum suchen alle ihn zu verheiraten; _ist_ er aber schon Ehemann, so
verliert er für sie auch dann sehr viel an Interesse, wenn er früher
ihnen selbst ganz ausnehmend gefallen hat. _Auch_ wenn sie selber
bereits verheiratet sind, also nicht mehr jeder Mann zunächst unter
dem Gesichtspunkte der _eigenen_ Versorgung in Betracht kommt, und
nun, wie man denken sollte, der Ehemann darum nicht mehr geringere
Beachtung finden müßte als der andere, Ledige, selbst dann, als
ungetreue Ehefrauen, kokettieren die Weiber kaum mit dem Gatten einer
anderen; außer wenn sie über diese einen Triumph feiern wollen,
dadurch, daß sie ihn ihr abspenstig machen. Hiedurch erst ist ganz
bestätigt, daß es den Frauen nur auf die Verkuppelung ankommt; mit
_Verheirateten_ wird _darum_ so selten der Ehebruch begangen, _weil
diese der Idee, welche in der Kuppelei liegt, bereits genügen_. Die
Kuppelei ist die allgemeinste Eigenschaft des menschlichen Weibes: der
Wille zur Schwiegermutter -- ich meine den Willen, Schwiegermutter
zu werden -- ist noch viel durchgängiger vorhanden als der Wille zur
Mutterschaft, dessen Intensität und Umfang man gewöhnlich über Gebühr
hoch veranschlagt.
Man wird den Nachdruck, der hier gerade auf die _Kuppelei_ des Weibes
gelegt wird, vielleicht doch noch nicht ganz verstehen, die Bedeutung,
die ihr zugemessen werde, übertrieben, das Pathos der Argumentation
unmotiviert finden. Man begreife aber, worum es sich handelt. Die
Kuppelei ist dasjenige Phänomen, welches das Wesen des Weibes am
weitesten aufschließt, und man muß nicht, wie dies immer geschieht,
sie nur zur Kenntnis nehmen und gleich zu etwas anderem übergehen,
sondern sie zu analysieren und zu ergründen trachten. Gewiß ist es
eine den meisten Menschen geläufige Tatsache, daß »jedes Weib gern
ein bißchen kuppelt«. _Aber daß gerade hierin und nirgendwo anders
die Wesenheit des Weibes liegt, darauf kommt es an._ Es läßt sich
-- nach reiflicher Betrachtung der verschiedensten Frauentypen und
Berücksichtigung noch weiterer spezieller Einteilungen, außer der hier
bereits durchgeführten, bin ich zu diesem Schlusse gekommen -- _absolut
nichts anderes als positive allgemein-weibliche Eigenschaft prädizieren
als die Kuppelei, das ist die Tätigkeit im Dienste der Idee des Koitus
$überhaupt$_. Jede Begriffsbestimmung der Weiblichkeit, welche deren
Wesen bloß im Wunsche, selbst koitiert zu werden, suchte, die im echten
Weibe nichts für echt hielte, als das Bedürfnis vergewaltigt zu werden,
wäre zu _eng_; jede Definition, die da sagen würde, der Inhalt des
Weibes sei das Kind oder sei der Mann oder sei beides, bereits zu
_weit_. Das allgemeinste und eigentlichste Wesen der Frau ist mit der
_Kuppelei_, d. h. $mit der Mission im Dienste der Idee körperlicher
Gemeinschaft$, _vollständig_ und _erschöpfend_ bezeichnet. _Jedes Weib
kuppelt_; und diese Eigenschaft des Weibes, _$Gesandte, Mandatarin des
Koitusgedankens$ zu sein_, ist auch die _einzige_, welche in _allen_
Lebensaltern da ist _und selbst das Klimakterium überdauert_: das alte
Weib verkuppelt weiter, nicht mehr sich, sondern die anderen. Wenn man
das alte Weib mit Vorliebe als _die_ Kupplerin sich vorgestellt hat, so
wurde ein Grund hiefür schon angeführt. Der Beruf der greisen Kupplerin
ist nicht etwas, das _hinzu_kommt, sondern eben dies, was jetzt allein
_heraustritt_ und _übrig bleibt_ aus den früheren Komplikationen durch
das eigene Bedürfnis: das reine Wirken im Dienste der unreinen Idee.
Es sei gestattet, hier kurz zu rekapitulieren, was die Untersuchung
nach und nach an positiven Resultaten über die Sexualität des Weibes
zutage gefördert hat. Es erwies sich zuerst als ausschließlich, und
nicht nur in Pausen, sondern kontinuierlich sexuell interessiert; es
war körperlich und psychisch in seinem ganzen _Wesen_ nichts als eben
die Sexualität selbst. Es wurde dabei überrascht, daß es sich überall,
am ganzen Körper und ohne Unterlaß, von allen Dingen ausnahmslos
_koitiert_ fühlt. Und wie der ganze _Körper_ des Weibes eine Dépendance
seines _Geschlechtsteiles_ war, so offenbart sich nun die zentrale
Stellung _der Koitus-Idee_ in seinem _Denken_. _Der Koitus ist das
einzige, allerwärts und immer, von der Frau ausschließlich $positiv$
Bewertete; die Frau ist die Trägerin des Gemeinschaftsgedankens
überhaupt._ Die weibliche Höchstwertung des Koitus ist nicht auf
ein Individuum, auch nicht auf das wertende Individuum, beschränkt,
sie bezieht sich auf Wesen _überhaupt_, sie ist nicht individuell,
sondern _inter_individuell, _über_individuell, sie ist sozusagen --
man sehe mir die Entweihung des Wortes einstweilen nach -- _$die
transcendentale$ Funktion des Weibes_. _Denn wenn Weiblichkeit
Kuppelei ist, so ist Weiblichkeit $universelle Sexualität$. Der Koitus
ist der höchste Wert der Frau, ihn sucht sie immer und überall zu
verwirklichen. $Ihre eigene Sexualität bildet von diesem unbegrenzten
Wollen nur einen begrenzten Teil.$_ --
Der männlichen Höchststellung der Schuldlosigkeit und Reinheit aber,
deren Erscheinung jene höhere Virginität wäre, welche der Mann
aus erotischem Bedürfnis von der Frau wünscht und fordert, diesem
nur _männlichen_ Ideale der Keuschheit ist jenes Streben der Frau
nach Realisierung der Gemeinschaft so polar entgegengesetzt, daß
es unbedingt als ihre eigentliche Natur sogar durch den dichtesten
Weihrauch der erotischen Illusion hindurch vom Mann hätte erkannt
werden müssen, wenn nicht _noch_ ein Faktor durch sein Dazwischentreten
diese Klärung regelmäßig verhindert hätte. Diesen Umstand, der
sich immer wieder einschiebt, um der Einsicht des Mannes in das
allgemeine und eigentliche Wesen der Weiblichkeit entgegenzuwirken,
dieses komplizierteste Problem des Weibes, seine abgründlich tiefe
_Verlogenheit_, gilt es nun aufzuhellen. So schwierig und so gewagt das
Unternehmen ist, es muß schließlich zu jener letzten Wurzel führen,
_aus der wir sowohl die Kuppelei_ (im weitesten Sinne, in dem die
eigene Geschlechtlichkeit nur ihr hervorstechendster Spezialfall ist)
_als auch diese Verlogenheit_, welche die Begierde nach dem Sexualakt
immerfort -- vor den Blicken des Weibes selbst! -- _verhüllt_, _beide_
unter dem Lichte _eines_ letzten Prinzipes klar werden emporsprießen
sehen.
* * * * *
Alles nämlich, was vielleicht schon wie ein sicherer Gewinn erschienen
ist, findet sich nun nochmals in Frage gestellt. Den Frauen wurde keine
Selbstbeobachtung eingeräumt: es gibt aber sicherlich Weiber, die sehr
scharf vieles beobachten, was in ihnen vorgeht. Die Wahrheitsliebe
wurde ihnen abgesprochen; und doch kennt man Frauen, die es auf das
peinlichste vermeiden, eine Unwahrheit zu sagen. Das Schuldbewußtsein
sei ihnen fremd, wurde behauptet, obwohl Frauen existieren, die sich
selbst wegen geringfügiger Dinge die heftigsten Vorwürfe zu machen
pflegen, obwohl man von Büßerinnen und ihren Körper kasteienden
Weibern sichere Nachricht hat. Das Schamgefühl wurde nur dem Manne
belassen: aber muß nicht das Wort von der weiblichen Schamhaftigkeit,
von jener Scham, die nach _Hamerling_ sogar _nur_ das Weib kennt,
in der Erfahrung irgend eine Grundlage haben, die es ermöglichte,
ja begünstigte, daß die Dinge so gedeutet würden? Und weiter:
Religiosität könnte dem Weibe fehlen trotz allen »religieuses«? Strenge
Sittenreinheit bei ihm ausgeschlossen sein, aller tugendhaften Frauen
ungeachtet, von denen Lied und Geschichte melden? Bloß sexuell sollte
das Weib sein, die Sexualität allein bei ihm Anwert finden, wo es doch
mannigfach bekannt ist, daß Frauen wegen der geringsten Anspielung
auf sexuelle Dinge empört sein können, sich, statt zu kuppeln, oft
erbittert und angeekelt wegwenden von jedem Orte der Unzucht, ja nicht
selten den Koitus auch für ihre Person verabscheuen und ihm viel
gleichgültiger gegenüberstehen als irgend ein Mann?
Es ist wohl offenbar, daß es sich in all diesen Antinomien um eine
und dieselbe Frage handelt, von deren Beantwortung die letzte und
endgültige Entscheidung über das Weib abhängt. Es ist klar, daß, wenn
auch nur _ein einziges_ sehr weibliches Wesen _innerlich asexuell_
wäre, oder in einem wahrhaften Verhältnis zur Idee sittlichen
Eigenwertes stünde, $alles$, was hier von den Frauen gesagt wurde,
seine Allgemeingültigkeit als psychisches Charakteristikum ihres
Geschlechtes sofort unrettbar verlieren müßte, und somit die _ganze_
Position des Buches mit einem Schlage vollkommen hinfällig würde. _Jene
scheinbar widersprechenden Erscheinungen müssen befriedigend erklärt,
und es muß von ihnen gezeigt werden, daß, was ihnen wirklich zu Grunde
liegt und so leicht zu Äquivokationen verführt, $derselben$ weiblichen
Natur entspricht, die bisher überall nachgewiesen werden konnte._
Man muß zunächst an die ungeheuere _Beeinflußbarkeit_, besser, nur
schlechter zu sprechen, _Beeindruckbarkeit_ der Frauen sich erinnern,
um zum Verständnis jener trügerischen Widersprüche zu gelangen. Diese
außerordentliche Zugänglichkeit für Fremdes und die leichte Annahme der
Ansichten anderer ist in diesem Buche bis jetzt noch nicht genügend
gewürdigt worden. Ganz allgemein schmiegt sich W an M vollständig an,
wie ein Etui an die Kleinodien in ihm, _seine_ Anschauungen werden
die _ihren_, seine Lieblingsneigungen teilen sich ihr mit wie seine
ganz individuellen Antipathien, jedes Wort von ihm ist für sie ein
_Ereignis_, und zwar um so stärker, je mehr er sexuell auf sie wirkt.
Diesen Einfluß des Mannes empfindet die Frau nicht als eine Ablenkung
von der Linie ihrer eigenen Entwicklung, sie erwehrt sich seiner
nicht als einer fremdartigen Störung, sie sucht sich nicht von ihm zu
befreien als von einem Eingriff in ihr inneres Leben, _sie schämt sich
nicht, rezeptiv zu sein_: im Gegenteil, sie fühlt sich nur _glücklich_,
wenn sie es sein kann, _verlangt_ vom Manne, daß er sie, auch geistig,
zu rezipieren _zwinge_. Sie schließt sich immer nur gerne an, _und
ihr Warten auf den Mann ist nur das Warten auf den Augenblick, wo sie
$vollkommen passiv$ sein könne_.
Aber nicht nur vom »richtigen« Manne (wenn schon von ihm am liebsten),
auch von Vater und Mutter, Onkeln und Tanten, Brüdern und Schwestern,
nahen Verwandten und fernen Bekannten _übernehmen_ die Frauen, was
sie glauben und denken, und sind es froh, wenn in ihnen eine Meinung
_geschaffen_ wird. Noch die erwachsenen und verheirateten Frauen, nicht
nur die unreifen Kinder, ahmen einander in allem und jedem, _als ob
das natürlich wäre_, nach, von einer geschmackvolleren Toilette oder
Frisur, einer Aufsehen erregenden Körperhaltung angefangen bis auf
die Geschäfte, in denen sie einkaufen, und die Rezepte, nach welchen
sie kochen. Auch dieses gegenseitige Kopieren geschieht _ohne_ das
Gefühl, sich hiedurch etwas zu _vergeben_, wie es wohl sein müßte,
besäßen sie eine Individualität, die nur rein ihrem eigenen Gesetze zu
folgen strebt. So setzt sich der theoretische Bestand des weiblichen
Denkens und Handelns der Hauptsache nach aus Überkommenem und wahllos
Übernommenem zusammen, das von den Frauen um so eifriger ergriffen und
um so dogmatischer festgehalten wird, als ein Weib eine Überzeugung
nie selbsttätig aus objektiver Anschauung der Dinge gewinnt, und also
auch nie nach geändertem Aspekte frei aufgibt, nie selbst noch über
seinen Gedanken steht, vielmehr immer nur will, daß ihm eine Meinung
beigebracht werde, die es dann zähe festhalten könne. Darum sind die
Frauen am unduldsamsten, wo ein Verstoß gegen sanktionierte Sitten und
Gebräuche sich ereignet, mögen diese Institutionen welchen Inhaltes
immer sein. Einen angesichts der Frauenbewegung besonders ergötzlichen
Fall dieser Art will ich nach Herbert _Spencer_ mitteilen. Wie bei
vielen Indianerstämmen Nord- und Südamerikas, so gehen auch bei den
_Dakotas_ die Männer bloß der Jagd und dem Kriege nach und haben alle
niedrigen und mühevollen Beschäftigungen auf ihre Weiber gewälzt. Von
der Natürlichkeit und Rechtmäßigkeit dieses Vorgehens sind die Frauen,
statt irgend sich unterdrückt zu fühlen, allmählich so durchdrungen
worden, daß ein Dakota-Weib dem anderen keinen größeren Schimpf antun
und keine ärgere Kränkung bereiten kann, als diese: »Schändliche Frau
.... ich habe Deinen Mann Holz in seine Wohnung tragen sehen zum
Feueranzünden. Wo war seine Frau, daß er genötigt war, sich selbst zum
Weibe zu machen?«
Diese außerordentliche Bestimmbarkeit des Weibes durch außer ihm
Liegendes ist im Grunde wesensgleich mit seiner Suggestibilität, die
weit größer und ausnahmsloser ist als die des Mannes: beides kommt
damit überein, daß das Weib im Sexualakte und seinen Vorstadien nur
die passive, nie die aktive Rolle zu spielen wünscht.[63] _Es ist
die $allgemeine$ Passivität der weiblichen Natur, welche die Frauen
am Ende auch die männlichen Wertungen, zu welchen sie gar kein
ursprüngliches Verhältnis haben, acceptieren und übernehmen läßt._
Diese _Imprägnierbarkeit_ durch die männlichen Anschauungen, diese
_Durchdringung_ des eigenen Gedankenlebens der Frau mit dem fremden
Element, diese _verlogene_ Anerkennung der Sittlichkeit, die man gar
nicht Heuchelei nennen kann, weil nichts _Anti_moralisches durch sie
verdeckt werden soll, diese Aufnahme und Anwendung eines an und für
sich ihr ganz _hetero_nomen Gebotes wird, soweit die Frau selbst nicht
wertet, im allgemeinen leicht und glatt von statten gehen _und den
täuschendsten Schein höherer Sittlichkeit leicht hervorbringen_.
Komplikationen können sich erst einstellen, wenn es zur Kollision
kommt mit der _einzigen eingeborenen_, echten und allgemein-weiblichen
Wertung, der _Höchstwertung des Koitus_.
Die Bejahung der Gemeinschaft als des höchsten Wertes ist bei der Frau
eine ganz unbewußte. Denn dieser Bejahung steht nicht wie beim Manne
ihre Verneinung als die andere Möglichkeit gegenüber, es fehlt hier
die Zweiheit, die zum Bemerken führen könnte. Kein Weib weiß, oder
hat noch gewußt, oder auch nur wissen können, was es tut, wenn es
kuppelt. _Die Weiblichkeit selbst ist ja identisch mit der Kuppelei_,
und ein Weib müßte aus sich heraustreten können, um zu bemerken, zu
verstehen, daß es kuppelt. So bleibt das tiefste Wollen des Weibes,
das, was sein Dasein eigentlich bedeutet, von ihm stets unerkannt.
Nichts hindert also, daß die männliche negative Wertung der Sexualität
die positive weibliche vollständig im Bewußtsein des Weibes überdecke.
_Die Rezeptivität des Weibes geht so weit, daß es das, was es ist --
das $einzige$, was es wirklich positiv $ist$! -- daß es selbst dies
verleugnen kann._
Aber die Lüge, die es begeht, wenn es sich das männliche
gesellschaftliche Urteil über die Sexualität, über Schamlosigkeit, ja
über die Lüge selbst, _einverleiben_ läßt und den männlichen Maßstab
aller Handlungen zu dem seinigen macht, diese Lüge ist eine solche,
die ihm nie bewußt wird, _es erhält eine zweite Natur, ohne auch nur
zu ahnen, daß es seine echte nicht ist_, es nimmt sich ernst, glaubt
etwas zu sein und zu glauben, ist überzeugt von der Aufrichtigkeit und
Ursprünglichkeit seines moralischen Gebarens und Urteilens: _so tief
sitzt die Lüge, $die organische$_, ich möchte, wenn es gestattet wäre,
am liebsten sagen: _$die ontologische$ Verlogenheit des Weibes_.
_Wolfram von Eschenbach_ erzählt von seinem Helden:
»... So keusch und rein
Ruht' er bei seiner Königin,
Daß kein Genügen fänd' darin
So manches Weib beim lieben Mann.
Daß doch so manche in Gedanken
Zur Üppigkeit will überschwanken,
Die sonst sich spröde zeigen kann!
Vor Fremden züchtig sie erscheinen,
_Doch ist des Herzens tiefstes Meinen
Das Widerspiel vom äußern Schein_.«
Was das tiefste Meinen des weiblichen Herzens ist, das hat _Wolfram_
klar genug angedeutet. Aber er sagt nicht alles. Nicht nur die Fremden,
_auch sich selbst_ belügen die Frauen in diesem Punkte. Man kann aber
seine Natur, sei es auch die physische, nicht unterdrücken ohne Folgen.
Die hygienische Züchtigung für die Verleugnung der eigentlichen Natur
des Weibes ist die _Hysterie_.
Von allen Neurosen und Psychosen stellen die _hysterischen_
Erscheinungen dem Psychologen beinahe die reizvollste Aufgabe; eine
weit schwierigere und darum verlockendere als eine verhältnismäßig
leicht nachzulebende _Melancholie_, oder eine simple _Paranoia_.
Zwar haben gegen psychologische Analysen fast alle Psychiater ein
nicht zu beseitigendes Mißtrauen; jede Erklärung durch pathologisch
veränderte Gewebe oder durch Intoxikationen auf nutritivem Wege ist
ihnen a limine glaubhaft, nur dem Psychischen mögen sie keine primäre
Wirksamkeit zuerkennen. Da aber nie noch ein Beweis dafür erbracht
worden ist, daß dem Psychischen eher als dem Physischen die sekundäre
Rolle zufallen müsse -- alle Hinweise auf die »Erhaltung der Energie«
sind von den berufensten Physikern selbst desavouiert worden -- so
kann man billig über dieses Vorurteil hinweggehen. Auf die Bloßlegung
des »psychischen Mechanismus« der Hysterie kann unendlich viel, ja --
nichts spricht dagegen[64] -- möglicherweise _alles_ ankommen. Daß
höchstwahrscheinlich dieser Weg der richtige ist, darauf weist auch
hin, daß die wenigen bisherigen wahren Aufschlüsse über die Hysterie
nicht anders gewonnen wurden: ich meine die mit den Namen _Pierre
Janet_ und _Oskar Vogt_, und besonders J. _Breuer_ und S. _Freud_
verknüpften Forschungen. Jede weitere Aufklärung über die Hysterie ist
in der Richtung zu suchen, welche diese Männer eingeschlagen haben: in
der Richtung auf die Rekonstruktion des _psychologischen_ Prozesses,
welcher zur Krankheit geführt hat.
Schematisch hat man sich, wie ich glaube, die Entstehung derselben,
unter Annahme eines _sexuellen_ »traumatischen« Erlebnisses als des
häufigsten (nach _Freud alleinigen_) Anlasses zur Erkrankung, so
vorzustellen: eine Frau, die irgend eine sexuelle Wahrnehmung oder
Vorstellung gehabt, diese durch ursprüngliche oder Rückbeziehung
auf sich selbst _verstanden_ hat, und diese nun, vermöge der
ihr aufgedrungenen und von ihr gänzlich übernommenen, _in sie
über_gegangenen und ihr _waches Bewußtsein_ allein beherrschenden
männlichen Wertung _als ganze zurückweist, über sie empört, unglücklich
ist -- und sie gleichzeitig vermöge ihrer Beschaffenheit als Weib
positiv wertet, bejaht, wünscht in ihrem tiefsten Unbewußten_; in
der dann dieser Konflikt weiter schwärt, gärt und zu Zeiten in einem
Anfall aufbraust: eine solche Frau gewährt das mehr oder minder typisch
gewordene Krankheitsbild der Hysterie. So erklärt sich die Empfindung
des von der Person, wie sie _glaubt_, verabscheuten, tatsächlich aber
doch von etwas in ihr, von der ursprünglichen Natur, _gewollten_
Sexualaktes als eines »_Fremdkörpers im Bewußtsein_«. _Die kolossale
Intensität des durch jeden Versuch zu seiner Unterdrückung nur
gesteigerten Wunsches, die um so heftigere, beleidigtere Zurückweisung
des Gedankens_ -- dies ist das Wechselspiel, das sich in der Hysterika
vollzieht. Denn die _chronische_ Verlogenheit des Weibes wird _akut_,
wenn sie auf den _Hauptpunkt_ sich erstreckt, wenn die Frau sich
auch die ethisch-negative Bewertung der Sexualität vom Manne noch
hat einverleiben lassen. Und daß die Hysterischen die _stärkste
Suggestibilität_ dem Manne gegenüber offenbaren, ist ja bekannt.
$Hysterie ist die organische Krisis der organischen Verlogenheit des
Weibes.$ Ich leugne nicht, daß es auch, wenngleich _relativ_ nur recht
_selten_, hysterische _Männer_ gibt: denn _eine_ unter den unendlich
vielen Möglichkeiten, die psychisch im Manne liegen, ist es, zum
Weibe und damit, gegebenenfalls, auch _hysterisch_ zu werden. Es gibt
freilich auch verlogene _Männer_; aber da verläuft die Krisis anders
(wie auch ihre Verlogenheit stets eine andere, nie eine so völlig
_hoffnungslose_ ist): sie führt zur, obschon oft nur vorübergehenden,
_Läuterung_.
Diese Einsicht in die organische Verlogenheit des Weibes, in seine
Unfähigkeit zur Wahrheit über sich selbst, die allein ermöglicht, daß
es in einer Weise denke, die ihm gar nicht entspricht, scheint mir
eine im Prinzip befriedigende Auflösung jener Schwierigkeiten, welche
die Ätiologie der Hysterie darbietet. Wäre die Tugend des Weibes echt,
so könnte es durch sie nicht leiden; es büßt nur die _Lüge_ gegen die
eigene, in Wirklichkeit ungeschwächte Konstitution. Im einzelnen bedarf
nun noch manches der Erläuterung und der Belege.
Die Hysterie zeigt, daß die Verlogenheit, so tief sie hinabreicht, doch
nicht so fest sitzt, um _alles_ zu verdrängen. Das Weib hat ein ganzes
System von ihm fremden Vorstellungen und Wertungen durch Erziehung
oder Verkehr sich zu eigen gemacht, oder vielmehr: ihnen gehorsam alle
Einflußnahme auf sich gestattet; und es bedarf eines ganz gewaltigen
Anstoßes, um diesen großen, fest in sie eingewachsenen psychischen
Komplex aus dem Sattel zu heben, und so das Weib in jenen Zustand
intellektueller Hilflosigkeit, jener »Abulie« zu versetzen, welche für
die Hysterie so kennzeichnend ist. Ein außerordentlicher _Schreck_ etwa
vermag den künstlichen Bau umzuwerfen und die Frau nun zum Schauplatz
des Kampfes einer ihr unbewußten, verdrängten _Natur_ mit einem zwar
bewußten, aber ihr unnatürlichen _Geiste_ zu machen. Das Hin- und
Hergeworfenwerden zwischen beiden, welches nun anhebt, erklärt die
außergewöhnliche psychische Diskontinuität während des hysterischen
Leidens, das fortwährende Wechseln verschiedener Stimmungen, von denen
keine durch einen, ihnen allen noch übergeordneten Bewußtseinskern
ergriffen und festgehalten, beobachtet und beschrieben, erkannt
und bekämpft werden kann. Auch hängt hiemit das überleichte
Zusammenschrecken der Hysterischen zusammen. Doch läßt sich vermuten,
daß viele Anlässe, auch wenn sie dem geschlechtlichen Gebiete
_objektiv_ noch so fern liegen, von ihnen sexuell mögen apperzipiert
werden; wer aber vermöchte dann zu sagen, _womit_ das schreckhafte
äußere Erlebnis von scheinbar ganz _a_sexueller Natur _in ihnen_ sich
wieder verknüpft hat?
Höchst wunderbar ist immer das Zusammensein so vieler Widersprüche in
den Hysterischen erschienen. Sie sind einerseits von eminent kritischem
Verstande und großer Urteilssicherheit, sträuben sich gegen die Hypnose
u. s. w., u. s. w., anderseits durch die geringfügigsten Anlässe am
stärksten excitierbar, und die tiefsten Grade hypnotischen Schlafes bei
ihnen erreichbar. Sie sind, von da gesehen, abnorm keusch, von dort aus
betrachtet, enorm sinnlich.
All das ist hienach nicht schwer mehr zu erklären. Die gründliche
Rechtschaffenheit, die peinliche Wahrheitsliebe, das strenge Meiden
alles Sexuellen, das besonnene Urteil und die Willensstärke -- _all
dies ist nur ein Teil jener Pseudopersönlichkeit_, welche die Frau
_in ihrer Passivität vor sich und aller Welt zu spielen übernommen
hat_. Alles, was ihrer _ursprünglichen_ Beschaffenheit angehört und in
deren Sinn liegt, bildet jene »abgespaltene Person«, jene »unbewußte
Psyche«, die _gleichzeitig_ in Obscönitäten sich ergehen kann und
der suggestiven Beeinflussung so zugänglich ist. Man hat in den als
»duplex« und »multiplex personality«, als »double conscience«, als
»Doppel-Ich« benannten Tatsachen eines der stärksten Argumente gegen
die Annahme der _einen_ Seele erblicken wollen. In Wirklichkeit
sind gerade diese Phänomene der bedeutsamste Fingerzeig dafür,
_daß_ und _wo_ man von einer Seele reden darf. _Die »Spaltungen der
Persönlichkeit« sind eben nur dort möglich, wo von Anfang an keine
Persönlichkeit da ist, wie beim Weibe._ _All_ jene berühmten Fälle,
die _Janet_ in seinem Buche »L'Automatisme psychologique« beschrieben
hat, _beziehen sich auf Frauen_, kein einziger auf einen Mann. Nur die
Frau, die, ohne Seele, ohne ein intelligibles Ich, nicht Kraft hat,
alles in ihr Enthaltene bewußt zu machen, das Licht der Wahrheit über
ihrem Innern zu entzünden, kann durch die völlig passive _Durchflößung_
mit einem fremden Bewußtsein, wie durch die im Sinne ihrer eigenen
Natur gelegenen Regungen so übertölpelt werden, wie es Voraussetzung
der von _Janet_ beschriebenen hysterischen Zustände ist, nur bei ihr
kann es zu derartig dichten Verkleidungen, zum Auftreten der _Hoffnung_
auf den Koitus als _Angst vor_ dem Akte, zur _inneren Maskierung
vor sich selbst_ und Einspinnung des wirklichen Wollens wie in eine
undurchdringliche Kokonhülle kommen. Die Hysterie selbst ist der
Bankerott des aufgeprägten oberflächlichen Schein-Ich; deshalb macht
sie das Weib zeitweilig innerlich beinahe zur »tabula rasa«: indem auch
jeder eigene Trieb wie aus ihr hinweggeräumt scheint (»Anorexie«);
bis dann jene Versuche der wirklichen Weiblichkeit folgen, gegen
ihre verlogene Verleugnung sich nun endlich durchzusetzen. Wenn
jener »nervöse Choc«, jenes »psychische Trauma« je wirklich ein
asexuelles Schrecknis ist, so hat eben dieses die innere Schwäche
und Unhaltbarkeit des angenommenen Ich dargetan, es verscheucht,
davongejagt und so die Gelegenheit für den Ausbruch der echten Natur
geschaffen.
Das _Heraufkommen dieser_ ist jener »Gegenwille« _Freuds_, der wie ein
fremder empfunden und durch die Zuflucht bei dem alten, nun aber morsch
und brüchig gewordenen Schein-Ich abgewehrt wird. Denn der »Gegenwille«
wird zurückzudrängen versucht: früher hat jener äußere _Zwang_, den
die Hysterika wie eine _Pflicht_ empfand, die eigene Natur unter die
Bewußtseinsschwelle verwiesen, sie verdammt und in Fesseln gelegt;
nun sucht sie nochmals vor den befreiten, emporwollenden Gewalten in
jenes System von Grundsätzen sich zu flüchten und mit seiner Hilfe die
ungewohnten Anfechtungen abzuschütteln und niederzuschlagen; aber jenes
hat zumindest seine Alleinherrschaft nun eingebüßt.
_Der »Fremdkörper im Bewußtsein«, das »schlimme Ich« ist in
Wirklichkeit ihre eigenste weibliche Natur, während, was $sie$ für ihr
wahres Ich hält, gerade die Person ist, die sie durch das Einströmen
alles $Fremden$ wurde._ Der »Fremdkörper« ist die _Sexualität_, die
sie nicht _anerkennt_, deren Zugehörigkeit zu sich sie nicht zugibt;
die sie aber doch nicht mehr zu _bannen_ vermag wie ehedem, da ihre
Triebe vor der einwandernden Sittlichkeit sich geräuschlos und wie für
immer zurückzogen. Zwar mögen sich auch jetzt noch die mit äußerster
Anspannung unterdrückten Sexualvorstellungen »_konvertieren_« in alle
möglichen Zustände und so jenen proteusartigen Charakter des Leidens
hervorbringen, jenes Überspringen von Glied zu Glied, jene alles
nachahmende und niemals konstante Gestalt, welche die Definition der
Hysterie nach ihrem Symptomenbilde stets so sehr erschwert hat; aber in
keiner »Konversion« von allen geht nunmehr der Trieb auf, er verlangt
nach oben, in keiner Verwandlung findet er mehr seine _Erschöpfung_.
Das _Unvermögen der Frauen zur Wahrheit_ -- für mich, der ich auf dem
Boden des Kantischen Indeterminismus stehe, folgt es aus ihrem Mangel
an einem _freien Willen zur Wahrheit_ -- bedingt ihre _Verlogenheit_.
Wer mit Frauen Umgang hatte, der weiß, wie oft sie, _unter dem
momentanen Zwang auf eine Frage zu antworten_, ganz beliebig falsche
Gründe für das, was sie gesagt oder getan haben, aus dem Stegreif
angeben. Nun ist es richtig, daß gerade die Hysterischen peinlichst
(aber nie ohne eine gewisse, demonstrative, Absichtlichkeit vor
Fremden) jeder Unwahrheit aus dem Wege gehen: _aber gerade hierin
liegt, so paradox es klingt, ihre Verlogenheit_. Denn sie wissen
nicht, daß ihnen die ganze Wahrheitsforderung von außen gekommen
und allmählich eingepflanzt worden ist. Sie haben das Postulat der
Sittlichkeit knechtisch acceptiert und geben darum, dem braven
Sklaven gleich, bei jeder Gelegenheit zu erkennen, wie getreu sie es
befolgen. Es ist immer auffällig, wenn man über jemand oft hervorheben
hört, was für ein ausnehmend anständiger Mensch er sei: er hat dann
sicherlich dafür gesorgt, daß man es wisse, und man kann wetten, daß er
insgeheim ein Spitzbube ist. Es kann das Vertrauen zu der Echtheit der
Moralität der Hysterischen nicht fördern, wenn die Ärzte (natürlich in
gutem Glauben) so oft betonen, wie hoch ihre Patienten in sittlicher
Beziehung stünden.
Ich wiederhole: die Hysterischen simulieren nicht bewußt; nur unter dem
Einfluß der Suggestion kann ihnen klar werden, _daß_ sie tatsächlich
simuliert haben, und nur so sind alle »Geständnisse« der Verstellung zu
erklären. _$Sonst$ aber glauben sie an ihre eigene Aufrichtigkeit und
Moralität_: Auch die Beschwerden, von denen sie gepeinigt werden, sind
keine eingebildeten; vielmehr liegt darin, _daß_ sie diese wirklich
fühlen, und daß die Symptome erst mit der _Breuer_schen »Katharsis«
verschwinden, welche ihnen die wahren Ursachen der Krankheit in
der Hypnose successive _zum Bewußtsein_ bringt, der _Beweis_ des
_Organischen_ ihrer Verlogenheit.
Auch die Selbstanklagen, welche die Hysterischen so laut zu erheben
pflegen, sind nichts als unbewußte Gleisnerei. Ein Schuldgefühl
kann nicht echt sein, das sich auf kleinste wie auf größte Dinge
_gleichmäßig_ erstreckt; hätten die hysterischen Selbstquäler das Maß
der Sittlichkeit in sich und aus sich selbst, so würden sie nicht so
wahllos in ihren Selbstanklagen sein und nicht die geringfügigste
Unterlassung schon _gleich_ schwer sich anrechnen wie den größten Fehl.
Das entscheidende Zeichen für die unbewußte _Verlogenheit_ ihrer
Selbstvorwürfe ist die Art, in der sie anderen zu sagen pflegen, wie
schlecht sie seien, was für Sünden sie begangen hätten, und jene
fragen, ob sie selbst (die Hysterischen) nicht ganz und gar verworfene
Geschöpfe seien. Wessen Gewissensbisse ihn wirklich zu Boden drücken,
der kann nicht so reden. Es ist eine _Täuschung_, der besonders
_Breuer_ und _Freud_ zum Opfer gefallen sind, wenn sie gerade die
Hysteriker als eminent sittliche Menschen hinstellen. Denn diese haben
nur ein ihnen ursprünglich Fremdes, die Moral, vollständiger von außen
in sich übergehen lassen als die anderen. Diesem Kodex unterstehen sie
nun sklavisch, sie prüfen nichts mehr selbsttätig, wägen im einzelnen
nichts mehr ab. Das kann sehr leicht den Eindruck des sittenstrengsten
Rigorismus hervorrufen, und ist doch so unsittlich als möglich, denn es
ist das Höchste, was an _Heteronomie_ überhaupt geleistet werden kann.
Dem sittlichen Ziele einer _sozialen_ Ethik, für welche die Lüge kaum
ein Vergehen sein kann, wenn sie der Gesellschaft oder der Entwicklung
der Gattung nützt, diesem idealen Menschen einer solchen _hetero_nomen
Moral kommen die Hysterischen vielleicht näher als irgend ein anderes
Wesen. _Das hysterische Frauenzimmer ist die Probiermamsell der
Erfolgs- und der Sozialethik_: sowohl genetisch, denn die sittlichen
Vorschriften sind ihr wirklich von außen gekommen; als auch praktisch,
denn sie wird am leichtesten altruistisch zu handeln scheinen: für sie
sind die Pflichten gegen andere nicht ein Sonderfall der Pflicht gegen
sich selbst.
Je getreuer die Hysterischen an die Wahrheit sich zu halten glauben,
desto tiefer sitzt ihre Verlogenheit. Ihre völlige Unfähigkeit zur
eigenen Wahrheit, zur Wahrheit über sich -- die Hysterischen denken nie
über sich nach und wollen nur, daß der andere über sie nachdenke, sie
wollen ihn _interessieren_ -- geht daraus hervor, daß die Hysterischen
die besten Medien für alle Hypnose abgeben. Wer aber sich hypnotisieren
läßt, der begeht die unsittlichste Handlung, die denkbar ist. Er begibt
sich in die vollendetste Sklaverei: er verzichtet auf seinen Willen,
auf sein Bewußtsein, über ihn gewinnt der andere Gewalt und erzeugt in
ihm das Bewußtsein, das ihm hervorzubringen gutdünkt. So liefert die
Hypnose den Beweis, wie alle _Möglichkeit_ der Wahrheit vom _Wollen_
der Wahrheit, d. h. aber vom Wollen seiner selbst, abhängt: wem in
der Hypnose etwas aufgetragen wird, der führt es im Wachen aus, und
ersinnt, um seine Gründe gefragt, auf der Stelle ein beliebiges Motiv
dafür; ja, nicht nur vor anderen, auch vor sich selbst rechtfertigt
er mit einer ganz aus der Luft gegriffenen Erklärung, weshalb er nun
so handle. Man hat hier sozusagen eine experimentelle Bestätigung der
Kantischen Ethik. Wäre der Hypnotisierte bloß ohne Erinnerung, so müßte
er darüber erschrecken, daß er nicht _wisse_, warum er etwas tue. Aber
er erfindet sich ohne weiteres ein neues Motiv, das mit dem wahren
Grunde, aus dem er die Handlung ausführt, gar nichts zu tun hat. Er hat
eben auf sein Wollen verzichtet, und damit keine Fähigkeit zur Wahrheit
mehr.
_Alle Frauen nun sind zu hypnotisieren und wollen gerne hypnotisiert
werden_; am leichtesten, am stärksten die Hysterischen. Selbst das
Gedächtnis für bestimmte Dinge aus ihrem Leben kann man -- denn das
Ich, der Wille, _schafft_ das Gedächtnis -- bei Frauen durch die
einfache Suggestion, daß sie von ihnen nichts mehr wüßten, auslöschen,
vernichten.
Jenes _Breuer_sche »Abreagieren« der psychischen Konflikte durch
den hypnotisierten Kranken liefert den zwingenden Beweis, daß sein
Schuldbewußtsein kein ursprüngliches war. Wer sich einmal aufrichtig
schuldig gefühlt hat, ist von diesem Gefühle nie so völlig zu befreien,
wie es die Hysterischen sind, unter dem bloßen Einfluß des fremden
Wortes.
Aber selbst diese Scheinzurechnung, welche die Frauen von hysterischer
Konstitution an sich vollziehen, wird hinfällig im Augenblicke, wo
die Natur, das sexuelle Begehren, sich durchzusetzen droht gegen die
scheinbare Bändigung. Im hysterischen Paroxysmus geht nichts anderes im
Weibe vor, als daß es sich, ohne es mehr sich selbst, wie früher, ganz
zu glauben, fort und fort versichert: das will _ich_ ja gar nicht, das
will _man_, das will jemand _Fremder_ _von mir_, aber _ich_ will es
_nicht_. Jede Regung anderer wird nun zu jenem Ansinnen in Beziehung
gebracht, das an sie, wie sie glaubt, von außen gestellt wurde, aber
in Wahrheit ihrer eigenen Natur entstammt und deren tiefsten Wünschen
vollauf entspricht; nur darum sind die Hysterischen im Anfall so
leicht durch das Geringste aufzubringen. Es handelt sich da immer um
die letzte verlogene Abwehr der in ungeheuerer Stärke frei werdenden
Konstitution; die »~Attitudes passionnelles~« der Hysterischen sind
nichts als diese demonstrative Abweisung des Sexualaktes, die darum so
laut sein muß, weil sie eben doch unecht ist, und so viel lärmender
als früher, weil nun die Gefahr größer ist.[65] Daß so oft sexuelle
Erlebnisse aus der Zeit vor der Pubertät in der akuten Hysterie die
größte Rolle spielen, ist danach leicht zu verstehen. Auf das Kind
war der Einfluß der fremden moralischen Anschauungen verhältnismäßig
leicht auszuüben, ohne einen erheblichen Widerstand in den noch fast
gänzlich schlummernden sexuellen Wünschen überwinden zu müssen. Nun
aber greift die bloß zurückgedrängte, nicht überwundene Natur das
alte, schon damals von ihr, nur ohne die Kraft es bis zum wachen
Bewußtsein emporzuheben und gegen dieses durchzusetzen, _positiv_
gewertete Erlebnis _auf_, und stellt es nun erst gänzlich verführerisch
dar. Jetzt ist das wahre Bedürfnis nicht mehr so leicht vom wachen
Bewußtsein fernzuhalten wie ehedem, und so ergibt sich die Krise. Daß
der hysterische Anfall selbst so viele verschiedene Formen zeigen und
sich fortwährend in ein neues Symptomenbild transmutieren kann, liegt
vielleicht nur daran, daß der Ursprung des Leidens nicht _erkannt_,
daß die Tatsache, ein sexuelles Begehren sei da, vom Individuum nicht
_zugegeben_, nicht als von _ihm_ ausgegangen _ins Auge gefaßt_, sondern
einem zweiten Ich zugerechnet wird.
Dies aber ist auch der Grundfehler aller ärztlichen Beobachter der
Hysterie, daß sie sich von den Hysterischen hierin immer ebenso haben
belügen lassen, wie diese sich allerdings auch selber aufsitzen[66]:
_nicht das abwehrende Ich, sondern das abgewehrte ist die eigene,
wahre und ursprüngliche Natur der Hysterischen_, so eifrig diese
auch sich selbst und anderen vormachen, daß es ein Fremdes sei. Wäre
das abwehrende Ich wirklich ihr eigenes, so könnten sie der Regung,
als einer ihnen fremden, _gegenübertreten_, sie _bewußt werten_ und
klar entschieden _abweisen_, sie gedanklich _festlegen_ und _wieder
erkennen_. So aber findet eine Maskierung statt, weil das abwehrende
Ich nur geborgt ist, und darum der Mut fehlt, dem eigenen Wunsche ins
Auge zu schauen, von dem man eben doch dumpf irgendwie fühlt, daß er
der echtgeborene, der allein mächtige ist. Darum kann jenes Begehren
auch nicht identisch bleiben, wo es an einem identischen Subjekte
fehlt; und da es unterdrückt werden soll, springt es sozusagen über
von einem Körperteil auf den anderen. Denn die Lüge ist vielgestaltig,
sie nimmt immer neue Formen an. Man wird diesen Erklärungsversuch
vielleicht mythologisch finden; aber wenigstens scheint sicher, daß es
immer nur ein und dasselbe ist, was jetzt als Kontraktur, dann wieder
plötzlich als Hemianästhesie, und nun gar als Lähmung erscheint. Dieses
eine ist das, was die Hysterika nicht als zu sich gehörig anerkennen
will, und unter dessen Gewalt sie _eben damit_ gerät: denn würde sie
es sich zurechnen und es beurteilen, wie sie alle geringfügigsten
Dinge sonst sich zugerechnet hat, so würde sie zugleich irgendwie
außerhalb und oberhalb ihres Erlebnisses stehen. Gerade das Rasen und
Wüten der Hysterikerinnen gegen etwas, _das sie als fremdes Wollen
empfinden, obwohl es ihr eigenstes ist_, zeigt, daß sie tatsächlich
ganz so sklavisch unter der Herrschaft der Sexualität stehen wie
die nichthysterischen Frauen, genau so von ihrem Schicksal besessen
sind und nichts haben, was über demselben steht: kein zeitloses,
intelligibles, _freies_ Ich.
Man wird nun mit Recht noch die Frage aufwerfen, warum nicht alle
Frauen hysterisch, da doch alle verlogen seien. Es ist dies keine
andere Frage als die nach der hysterischen Konstitution. Wenn die hier
entwickelte Theorie das Richtige getroffen hat, so muß sie auch hierauf
eine Antwort geben können, die mit der Wirklichkeit übereinstimmt.
Die hysterische Frau ist nach ihr diejenige, welche in passiver
Gefügigkeit den Komplex der männlichen und gesellschaftlichen Wertungen
einfach acceptiert hat, statt ihrer sinnlichen Natur möglichsten Lauf
lassen zu wollen. _Die nicht folgsame Frau wird also das Gegenteil
der Hysterika sein._ Ich will hiebei nicht lange verweilen, weil es
eigentlich in die spezielle weibliche Charakterologie gehört. Das
hysterische Weib wird hysterisch als eine Folge seiner Knechtsamkeit,
es ist identisch mit dem geistigen Typus der _Magd_; ihr Gegenteil, die
absolut unhysterische Frau (welche, als eine Idee, es in der Erfahrung
nicht gibt), wäre die absolute _Megäre_. Denn auch dies ist ein
Einteilungsgrund aller Frauen. Die Magd dient, die Megäre herrscht.[67]
Zum Dienstmädchen kann und muß man geboren sein, und eignet sich sehr
wohl manche Frau, die reich genug ist, um nie den Stand derselben
ergreifen zu müssen. Und Magd und Megäre stehen immer in einem gewissen
Ergänzungsverhältnis.[68]
Die Folgerung aus der Theorie wird nun von der Erfahrung vollauf
bestätigt. Die Xanthippe ist jene Frau, welche in der Tat am wenigsten
Ähnlichkeit mit der Hysterika hat. Sie läßt ihre Wut (die wohl auch
nur auf mangelhafte sexuelle Befriedigung zurückgeht) an anderen, die
hysterische Sklavin an sich selbst aus. Die Megäre »haßt« die anderen,
die Magd »haßt« »sich«. Alles, was die Megäre drückt, bekommt der
Nebenmensch zu spüren; sie weint ebenso leicht wie die Magd, aber
sie weint stets andere an. Die Sklavin schluchzt auch allein, ohne
_freilich je einsam zu sein_ -- Einsamkeit wäre ja mit Sittlichkeit
identisch und Bedingung jeder wahren Zweisamkeit und Mehrsamkeit; die
Megäre verträgt das Alleinsein nicht, sie muß ihren Zorn an jemand
außer sich auslassen, indes die Hysterische sich selbst verfolgt. Die
Megäre lügt offen und frech, aber ohne es zu wissen, weil sie von Natur
_immer_ im Rechte zu sein glaubt; so beschimpft sie noch den anderen,
der ihr widerspricht. Die Magd hält sich gehorsam an die ihr von Natur
ebenso fremde Wahrheitsforderung; die _Verlogenheit_ dieser fügsamen
Ergebung kommt in ihrer Hysterie zum Vorschein: dann nämlich, wenn
der Konflikt mit ihren eigenen sexuellen Wünschen da ist. Um dieser
Rezeption und allgemeinen Empfänglichkeit willen mußte die Hysterie
und das hysterische Frauenzimmer so eingehend besprochen werden:
dieser Typus, nicht die Megäre, ist es, der mir zuletzt noch hätte
entgegengehalten werden können.[69]
Verlogenheit, organische Verlogenheit, charakterisiert aber beide und
somit sämtliche Frauen. Es ist ganz unrichtig, wenn man sagt, daß die
Weiber _lügen_. Das würde voraussetzen, daß sie auch manchesmal die
Wahrheit sagen. Als ob _Aufrichtigkeit_, pro foro interno et externo,
nicht gerade die Tugend wäre, deren die Frauen _absolut unfähig_ sind,
die ihnen _völlig unmöglich_ ist! Es handelt sich darum, daß man
einsehe, _wie eine Frau in ihrem ganzen Leben $nie$ wahr $ist$, selbst,
ja $gerade$ dann nicht, wenn sie, wie die Hysterische, sich sklavisch
an die für sie $hetero$nome Wahrheitsforderung hält und so $äußerlich$
doch die Wahrheit $sagt$_.
Ein Weib kann beliebig lachen, weinen, erröten, ja es kann schlecht
aussehen auf Verlangen: die Megäre, wann sie, irgend einem Zweck
zuliebe, es will; die Magd, wann der äußere Zwang es verlangt, der sie,
ohne daß sie es weiß, beherrscht. Zu solcher Verlogenheit fehlen dem
Manne offenbar auch die organischen, physiologischen Bedingungen.
_Ist so die $Wahrheitsliebe$ dieses Frauentypus $nur als die ihm
eigentümliche Form der Verlogenheit$ entlarvt_, so ist von den
anderen Eigenschaften, die an ihm gerühmt werden, von Anfang an zu
erwarten, daß es nicht besser mit ihnen werde bestellt sein. Seine
Schamhaftigkeit, seine Selbstbeobachtung, seine Religiosität werden
rühmend hervorgehoben. Die weibliche Schamhaftigkeit ist aber nichts
anderes als Prüderie, d. h. eine demonstrative Verleugnung und Abwehr
der _eigenen_ Unkeuschheit. Wo irgend bei einem Weibe das wahrgenommen
wird, was man als Schamhaftigkeit deutet, dort ist auch schon, im genau
entsprechenden Maße, Hysterie vorhanden. Die ganz unhysterische, die
gänzlich unbeeinflußbare Frau, d. i. die absolute Megäre, wird nicht
erröten, auch wenn ihr der Mann etwas noch so Berechtigtes vorwirft;
ein Anfang von Hysterie ist da, wenn das Weib unter dem unmittelbaren
Eindruck des männlichen Tadels errötet; vollkommen hysterisch aber ist
es erst, sobald es auch dann errötet, wenn es allein, und wenn kein
fremder Mensch anwesend ist: denn dann erst ist es vom anderen, von der
männlichen Wertung, _$vollständig$ imprägniert_.
Frauen, die dem nahe kommen, was man sexuelle Anästhesie oder
Frigidität genannt hat, sind, wie ich, in Übereinstimmung mit Paul
_Solliers_ Befunden, hervorheben kann, stets Hysterikerinnen. Die
sexuelle Anästhesie ist eben nur _eine_ von den vielen hysterischen,
d. h. unwahren, verlogenen Anästhesien. Es ist ja, besonders durch die
Experimente von Oskar _Vogt_, bekannt, daß solche Anästhesien keinen
wirklichen Mangel der Empfindung bedeuten, sondern nur einen Zwang,
der gewisse Empfindungen vom Bewußtsein fernhält und ausschließt.
Wenn man den anästhetisch gemachten Arm einer Hypnotisierten beliebig
oft sticht und dem Medium aufgegeben hat, jene Zahl zu nennen, die
ihm gleichzeitig einfalle, so nennt es die Zahl der Stiche, die es
in seinem (dem »somnambulen«) Zustande, offenbar nur unter der Kraft
eines bestimmten Bannes, nicht perzipieren durfte. So ist auch die
sexuelle Frigidität auf ein _Kommando_ entstanden: durch die zwingende
Kraft der Imprägnation mit einer asexuellen, aus der Umgebung auf
das empfängliche Weib übergegangenen Lebensanschauung; aber wie
alle Anästhesie durch ein genügend starkes _Kommando_ auch wieder
_aufzuheben_.
Ebenso wie mit der eigenen körperlichen Unempfindlichkeit gegen den
Geschlechtsakt verhält es sich mit dem Abscheu gegen Geschlechtlichkeit
überhaupt. Ein solcher Abscheu, eine intensive Abneigung gegen alles
Sexuelle, wird von manchen Frauen wirklich empfunden, und man könnte
glauben, hier liege eine Instanz gegen die Allgemeingültigkeit
der Kuppelei und gegen ihre Gleichsetzung mit der Weiblichkeit
vor. Frauen, welche es krank machen kann, wenn sie ein Paar im
Geschlechtsverkehre überraschen, sind aber stets Hysterikerinnen. So
tritt hier vielmehr überzeugend die Richtigkeit der Theorie hervor,
welche die Kuppelei als das Wesen der Frau hinstellte und die eigene
Sexualität derselben nur als einen besonderen Fall unterordnete: eine
Frau kann nicht nur hysterisch werden durch ein sexuelles Attentat,
das auf sie ausgeübt wurde, und gegen das sie _äußerlich_ sich wehrte,
ohne es _innerlich_ zu verneinen, sondern ebenso durch den Anblick
irgend eines koitierenden Paares, indem sie dessen Koitus noch negativ
zu werten glaubt, wo schon die eingeborene Bejahung desselben mächtig
durchbricht durch alles Angenommene und Künstliche, durch die ganze
ihr aufgedrückte und einverleibte Denkweise, in deren Sinn sie sonst
empfindet. Denn sie fühlt auch mit jeder sexuellen Vereinigung anderer
nur sich selbst koitiert.
Ein Ähnliches gilt von dem bereits kritisierten hysterischen
»Schuldbewußtsein«. Die absolute Megäre fühlt sich überhaupt _nie_
schuldig, die leicht hysterische Frau nur in Gegenwart des Mannes, die
ganz hysterische vor jenem Mann, der definitiv in sie übergegangen
ist. Man komme nicht mit den Kasteiungen der Betschwestern und
Büßerinnen, um das Schuldgefühl der Frauen zu beweisen. Gerade die
extremen Formen, welche hier die Selbstzüchtigung annimmt, machen sie
verdächtig. Die Kasteiung beweist wohl in den meisten Fällen nur, daß
ein Mensch nicht _über_ seiner Tat steht, daß er sie nicht schon durch
das Schuldbewußtsein auf sich genommen hat; sie scheint viel eher ein
Versuch zu sein, die Reue, die man doch nicht ganz innerlich empfindet,
von außen sich aufzudrängen und ihr so die Stärke zu geben, die sie an
sich nicht hat.