XI. Kapitel.

Erotik und Ästhetik.

Die Argumente, mit welchen die Hochwertung der Frau immer wieder zu

begründen versucht wird, sind nun, bis auf wenige, noch nachzuholende

Dinge, einer Prüfung unterzogen, und vom Standpunkte der kritischen

Philosophie, auf welchen die Untersuchung, nicht ohne diese Wahl zu

begründen, sich gestellt hat, auch widerlegt. Freilich ist wenig Grund

zur Hoffnung, daß man sich in einer Diskussion auf diesen harten Boden

begeben werde. Das Schicksal _Schopenhauers_ gibt zu denken, dessen

niedrige Meinung »Über die Weiber« noch immer darauf zurückgeführt zu

werden pflegt, daß ein venetianisches Mädchen, mit dem er ging, sich

in den vorübergaloppierenden, körperlich schöneren _Byron_ vergaffte:

als ob die schlechteste Meinung von den Frauen der bekäme, der am

wenigsten, und nicht vielmehr jener, der am meisten Glück bei ihnen

gehabt hat. Die Methode, statt Gründe mit Gründen zu widerlegen, jemand

einfach als Misogynen zu bezeichnen, hat in der Tat viel für sich. Der

Haß ist nie über sein Objekt hinaus, und so bringt die Bezeichnung

eines Menschen als eines Hassers dessen, worüber er aburteilt,

ihn stets mit Leichtigkeit in den Verdacht der Unaufrichtigkeit,

Unreinheit, Unsicherheit, die durch das Pathos der Abwehr zu ersetzen

suche, was ihr an innerer Berechtigung gebricht. So verfehlt diese

Art der Antwort nie ihren _Zweck_, von allem Eingehen auf die Frage

zu entheben. Sie ist die geschickteste und treffsicherste Waffe jener

ungeheuren Mehrzahl unter den Männern, die sich über das Weib _nie

klar werden $will$_. Es ist nun allerdings eine Unsitte, in einer

theoretischen Kontroverse auf die psychologischen Motive des Gegners

zu rekurrieren und diesen Rekurs statt der Beweise zu brauchen. Ich

will auch niemand theoretisch darüber belehren, daß in einem sachlichen

Streite die Gegner beide unter die überpersönliche Idee der Wahrheit

sich zu stellen haben und ein Ergebnis unabhängig davon sollen zu

erreichen suchen, ob und wie sie beide als konkrete Einzelpersonen

existieren. Wenn aber von der einen Seite das logische Schlußverfahren

folgerichtig bis zu einem gewissen Abschluß gebracht wurde, ohne daß

die andere auf den Beweisprozeß an sich eingeht, sondern nur gegen die

Konklusionen heftig sich sträubt: dann darf in gewissen Fällen der

erste wohl sich erlauben, den zweiten für die Unanständigkeit seines,

zum Eingehen auf strenge Deduktion nicht zu bewegenden Benehmens zu

strafen, indem er ihm die Motive seiner Halsstarrigkeit recht vor die

Augen rückt. Denn wären dem anderen diese Gründe bewußt, so würde er

sie auch sachlich abwägen gegen die Wirklichkeit, die seinen Wünschen

so widerstreitet. Nur weil sie ihm unbewußt waren, darum konnte er,

sich selbst gegenüber, nicht zu einer objektiven Stellung gelangen.

Deshalb soll jetzt, nach den strengen logischen und sachlichen

Ableitungen, der Spieß umgekehrt, und einmal der Frauenverteidiger

darauf untersucht werden, aus welchem Gefühle das Pathos seiner

Parteinahme stammt, inwiefern es seine Wurzeln in lauterer, und wie

weit es sie in fragwürdiger Gesinnung hat.

Alle Einwände, welche dem Verächter der Weiblichkeit gemacht werden,

gehen gefühlsmäßig samt und sonders aus dem _erotischen_ Verhältnisse

hervor, in welchem der Mann zu der Frau steht. Dieses Verhältnis ist

von dem nur _sexuellen_, mit welchem bei den Tieren die Beziehungen

der Geschlechter erschöpft sind, und das auch unter den Menschen dem

Umfang nach die weitaus größere Rolle spielt, _ein prinzipiell durchaus

Verschiedenes_. Es ist vollkommen verfehlt, daß Sexualität und Erotik,

Geschlechtstrieb und Liebe, im Grunde nur ein und dasselbe seien,

die zweite eine Verbrämung, Verfeinerung, Umnebelung, »Sublimation«

des ersten; obwohl hierauf wohl alle Mediziner schwören, ja selbst

Geister wie _Kant_ und _Schopenhauer_ nichts anderes geglaubt haben.

Ehe ich auf die Begründung dieser schroffen Trennung eingehe, will

ich, was diese beiden Männer betrifft, folgendes zu bemerken nicht

unterlassen. _Kantens_ Meinung kann aus dem Grunde nicht maßgebend

sein, weil er sowohl die Liebe als den Geschlechtstrieb nur in so

geringem Maße gekannt haben muß, wie überhaupt nie ein Mensch außer

ihm. Er war so wenig erotisch, daß er nicht einmal das Bedürfnis hatte

zu _reisen_. Er steht also zu hoch und zu rein da, um in dieser Frage

als Autorität mitzusprechen: die einzige Geliebte, an der _er_ sich

gerächt hat, war die Metaphysik. Und was _Schopenhauer_ anlangt, so hat

dieser eben wenig Verständnis für höhere Erotik, sondern nur eines für

sinnliche Sexualität besessen. Dies läßt sich auf folgendem Wege ohne

Schwierigkeit ableiten. _Schopenhauers_ Gesicht zeigt wenig Güte und

viel Grausamkeit (unter der er allerdings am fürchterlichsten selbst

gelitten haben muß: man stellt keine Mitleidsethik auf, wenn man selbst

sehr mitleidig ist. Die mitleidigsten Menschen sind die, welche sich

ihr Mitleiden am meisten verübeln: _Kant_ und _Nietzsche_). Aber _nur_

zum _Mitleiden_ stark veranlagte Menschen sind, worauf schon hier

hingewiesen werden darf, einer heftigen _Erotik_ fähig; solche, die

»an nichts keinen Anteil nehmen«, sind der Liebe unfähig. Es müssen

dies nicht satanische Naturen sein, im Gegenteil, sie können sittlich

sehr hoch stehen, ohne doch recht zu bemerken, was ihr Nebenmensch

gerade denkt oder was in ihm vorgeht; und ohne ein Verständnis für ein

übersexuelles Verhältnis zum Weibe zu besitzen. So ist es auch bei

_Schopenhauer_. Er war ein extrem unter dem Geschlechtstriebe leidender

Mensch, er hat aber nie geliebt; wäre doch sonst auch die Einseitigkeit

seiner berühmten »Metaphysik der Geschlechtsliebe« unerklärlich, deren

wichtigste Lehre es ist, daß der unbewußte Endzweck auch aller _Liebe_

nichts weiter sei als »die Zusammensetzung der nächsten Generation«.

Diese Ansicht ist, wie ich zeigen zu können glaube, _falsch_. Zwar eine

Liebe, die ganz frei von Sinnlichkeit ist, gibt es _in der Erfahrung_

nicht. Der Mensch, mag er noch so hoch stehen, ist eben immer _auch_

Sinnenwesen. Worauf es ankommt und was unwiderstehlich die gegnerische

Ansicht zu Boden schlägt, ist, daß jede Liebe selbst, an und für sich

-- nicht erst durchs Hinzutreten asketischer Grundsätze -- _feindlich_

gegen alle jene Elemente des Verhältnisses sich stellt, die zum Koitus

drängen, _ja sie als ihre eigene Negation selbst empfindet_. Liebe und

Begehren sind zwei so verschiedene, einander so völlig ausschließende,

ja entgegengesetzte Zustände, daß, in den Momenten, wo ein Mensch

wirklich _liebt_, ihm der Gedanke der körperlichen Vereinigung mit dem

geliebten Wesen ein völlig undenkbarer ist. Daß es keine Hoffnung gibt,

die von Furcht ganz frei wäre, ändert nichts daran, daß Hoffnung und

Furcht einander gerade entgegengesetzt sind. Nicht anders verhält es

sich zwischen dem Geschlechtstrieb und der Liebe. Je erotischer ein

Mensch ist, desto weniger wird er von seiner Sexualität belästigt, und

umgekehrt. Wenn es keine Anbetung gibt, die von Begierde gänzlich frei

wäre, so darf man darum beide Dinge nicht identifizieren, die höchstens

_entgegengesetzte_ Phasen sein mögen, in welche ein reicherer Mensch

successive eintreten kann. Der lügt oder hat nie gewußt, was Liebe ist,

der behauptet, eine Frau noch zu lieben, die er begehrt: so verschieden

sind Liebe und Geschlechtstrieb. Darum wird es auch fast immer als eine

Heuchelei empfunden, wenn einer von Liebe in der Ehe spricht.

Dem stumpfen Blicke, der dem gegenüber noch immer, wie aus

grundsätzlichem Cynismus, an der Identität beider festhält, sei

folgendes zu schauen gegeben: die sexuelle Anziehung wächst mit der

körperlichen Nähe, die Liebe ist am stärksten in der Abwesenheit der

geliebten Person, sie bedarf der Trennung, einer gewissen Distanz,

um am Leben zu bleiben. Ja, was alle Reisen in ferne Länder nicht

erreichen konnten, daß wahre Liebe sterbe, wo aller Zeitverlauf dem

_Vergessen_ nichts fruchtete, da kann eine zufällige, unbeabsichtigte

körperliche Berührung mit der Geliebten den Geschlechtstrieb wachrufen

und es vermögen, die Liebe auf der Stelle zu töten. Und für den höher

differenzierten, den bedeutenden Menschen haben das Mädchen, das er

begehrt, und das Mädchen, das er nur lieben, aber nie begehren könnte,

sicherlich immer eine ganz verschiedene Gestalt, einen verschiedenen

Gang, eine verschiedene Charakteranlage: _es sind zwei gänzlich

verschiedene Wesen_.

Es gibt also »platonische« Liebe, wenn auch die Professoren der

Psychiatrie nichts davon halten. Ich möchte sogar sagen: _es gibt

nur »platonische« $Liebe$_. Denn was sonst noch Liebe genannt wird,

gehört in das Reich der Säue. Es gibt nur eine Liebe: es ist die Liebe

zur Beatrice, die Anbetung der Madonna. Für den Koitus ist ja die

babylonische Hure da.

_Kantens_ Aufzählung der transcendentalen Ideen bedürfte, sollte dies

haltbar bleiben, einer Erweiterung. Auch die reine hohe, begehrungslose

Liebe, die Liebe _Platons_ und _Brunos_, wäre eine _transcendentale

Idee_, deren Bedeutung als _Idee_ dadurch nicht berührt würde, daß

keine Erfahrung jemals sie völlig verwirklicht aufwiese.

Es ist das Problem des »_Tannhäuser_«. Hie Tannhäuser, hie Wolfram; hie

Venus, hie Maria. Die Tatsache, daß ein Liebespaar, das sich wirklich

auf ewig gefunden hat -- Tristan und Isolde -- in den Tod geht statt

ins Brautbett, ist ein ebenso absoluter Beweis eines Höheren, sei's

drum, Metaphysischen _im_ Menschen, wie das Märtyrertum eines _Giordano

Bruno_.

»Dir, hohe Liebe, töne

Begeistert mein Gesang,

Die mir in Engelschöne

Tief in die Seele drang!

Du nahst als Gottgesandte:

Ich folg' aus holder Fern', --

So führst du in die Lande,

Wo ewig strahlt dein Stern.«

* * * * *

Wer ist der Gegenstand solcher Liebe? Dasselbe Weib, das hier

geschildert wurde, das Weib ohne alle Qualitäten, die einem Wesen

Wert verleihen können, das Weib ohne den Willen nach einem eigenen

Werte? Wohl kaum: es ist das überschöne, das engelreine Weib, das mit

dieser Liebe geliebt wird. Woher jenem Weibe seine Schönheit und seine

Keuschheit kommt, das ist nun die Frage.

Es ist häufig darüber gestritten worden, ob wirklich das weibliche

Geschlecht das schönere sei, und noch mehr wurde seine Bezeichnung als

_das schöne_ schlechthin angefochten. Es wird sich empfehlen, zunächst

im einzelnen zu fragen, von wem und inwiefern das Weib schön gefunden

wird.

Bekannt ist, daß das Weib nicht in seiner Nacktheit am schönsten ist.

Allerdings, in der Reproduktion durch das Kunstwerk, als Statue oder

als Bild, mag das unbekleidete Weib schön sein. Aber das lebende nackte

Weib kann schon aus dem Grunde von niemand schön gefunden werden, weil

der Geschlechtstrieb jene bedürfnislose Betrachtung unmöglich macht,

welche für alles Schönfinden unumgängliche Voraussetzung bleibt. Aber

auch abgesehen hievon erzeugt das völlig nackte lebendige Weib den

Eindruck von etwas Unfertigem, noch nach etwas _außer_ sich Strebenden,

und dieser ist mit der Schönheit unverträglich. Das nackte Weib ist

im einzelnen schöner denn als Ganzes; als solches nämlich erweckt es

unvermeidlich das Gefühl, daß es etwas suche, und bereitet darum dem

Beschauer eher Unlust als Lust. Am stärksten tritt dieses Moment des

Insichzwecklosen, des einen Zweck _außer sich_ habenden, am aufrecht

_stehenden_ nackten Weibe hervor; durch die liegende Position wird es

naturgemäß gemildert. Die künstlerische Darstellung des nackten Weibes

hat dies wohl empfunden; und wenn das nackte Weib aufrecht stehend oder

schwebend gebildet ward, so zeigte sie das Weib nie allein, sondern

stets mit Rücksicht auf eine Umgebung, vor welcher es dann seine Blöße

mit der Hand zu bedecken suchen konnte.

Aber das Weib ist auch im einzelnen nicht durchaus schön, selbst wenn

es möglichst vollkommen und ganz untadelig den körperlichen Typus

seines Geschlechtes repräsentiert. Was hier theoretisch am meisten in

Betracht kommt, ist das weibliche Genitale. Wenn die Meinung Recht

hätte, daß alle Liebe des Mannes zum Weibe nur zum Hirn gestiegener

Detumescenztrieb ist, wenn _Schopenhauers_ Behauptung haltbar wäre:

»Das niedrig gewachsene, schmalschultrige, breithüftige und kurzbeinige

Geschlecht das schöne nennen konnte nur der vom Geschlechtstrieb

umnebelte männliche Intellekt: _in diesem Triebe nämlich steckt seine

ganze Schönheit_« -- -- so müßte das weibliche Genitale am heftigsten

geliebt sein und vom ganzen Körper des Weibes am schönsten gefunden

werden. Aber, von einigen widerlichen Lärmmachern der letzten Jahre

zu schweigen, welche durch die Aufdringlichkeit ihrer Reklame für

die Schönheit des weiblichen Genitales sowohl beweisen, daß erst

eine Agitation nötig ist, um hieran glauben zu machen, als auch die

Unaufrichtigkeit jener Reden erkennen lassen, von deren Inhalt sie

überzeugt zu sein vorgeben: von diesen abgesehen läßt sich behaupten,

daß kein Mann speziell das weibliche _Genitale_ schön, vielmehr ein

jeder es _häßlich_ findet; es mögen gemeine Naturen durch diesen

Körperteil des Weibes besonders zu sinnlicher Begierde gereizt werden,

jedoch gerade solche werden ihn vielleicht sehr _angenehm_, nie aber

_schön_ finden. Die Schönheit des Weibes kann also kein bloßer Effekt

des Sexualtriebes sein; sie ist ihm vielmehr geradezu entgegengesetzt.

Männer, die ganz unter der Gewalt des Geschlechtsbedürfnisses stehen,

haben für Schönheit am Weibe gar keinen Sinn; Beweis hiefür ist, daß

sie ganz wahllos jede Frau begehren, die sie erblicken, bloß nach den

vagen Formen ihrer Körperlichkeit.

Der Grund für die angeführten Phänomene, die Häßlichkeit des weiblichen

Genitales und die Unschönheit seines lebenden Körpers als _ganzen_,

kann nirgend anders gefunden werden als darin, daß sie das Schamgefühl

im Manne verletzen. Die kanonische Flachköpfigkeit unserer Tage hat

es auch möglich werden lassen, daß das Schamgefühl aus der Tatsache

der Kleidung abgeleitet und hinter dem Widerstreben gegen weibliche

Nacktheit nur Unnatur und versteckte Unzüchtigkeit vermutet wurde.

Aber ein Mann, der unzüchtig geworden ist, wehrt sich gar nicht mehr

gegen die Nacktheit, weil sie ihm als solche nicht mehr auffällt. Er

begehrt bloß, er liebt nicht mehr. Alle wahre Liebe ist schamhaft,

ebenso wie alles wahre Mitleid. Es gibt nur eine Schamlosigkeit: die

Liebeserklärung, von deren Aufrichtigkeit ein Mensch im selben Momente

überzeugt wäre, in dem er sie machte. Diese würde das objektive

Maximum an Schamlosigkeit repräsentieren, welches denkbar ist; es wäre

etwa so, wie wenn jemand sagen würde: ich bin sehnsüchtig. Jenes wäre

die _Idee_ der schamlosen Handlung, dies die Idee der schamlosen Rede.

Beide sind nie verwirklicht, weil alle Wahrheit schamhaft ist. Es gibt

keine Liebeserklärung, die nicht eine Lüge wäre; und wie dumm die

Frauen doch eigentlich sind, kann man daraus ersehen, wie oft sie an

Liebesbeteuerungen glauben.

_In der Liebe des Mannes, die stets schamhaft ist, liegt nach alldem

der Maßstab für das, was am Weibe schön, und das, was an ihm häßlich

gefunden wird._ Es ist hier _nicht_ wie in der _Logik_: das Wahre

der Maßstab des Denkens, der Wahrheitswert sein Schöpfer; _nicht_

wie in der _Ethik_: das Gute das Kriterium für das Sollen, der Wert

des Guten ausgestattet mit dem _Anspruch_, den Willen zum Guten zu

lenken; _sondern hier, in der Ästhetik, wird die Schönheit erst

von der Liebe geschaffen_; es besteht keinerlei innerer Normzwang,

das zu lieben, was schön ist, und das Schöne tritt nicht an den

Menschen mit dem Anspruch heran, geliebt zu werden. (Nur _darum_ gibt

es keinen überindividuellen, allein »richtigen« Geschmack.) _Alle

Schönheit ist vielmehr selbst erst eine Projektion, eine Emanation des

Liebesbedürfnisses_; und so ist auch die Schönheit des Weibes nicht ein

von der Liebe Verschiedenes, nicht ein Gegenstand, auf den sie sich

richtet, sondern _die Schönheit des Weibes $ist$ die Liebe des Mannes_,

beide sind nicht _zweierlei_, sondern _eine und dieselbe Tatsache_.

Wie Häßlichkeit von Hassen, so kommt Schönheit von Lieben. Und auch

darin, daß Schönheit so wenig wie Liebe mit dem sinnlichen Trieb zu

tun hat, daß jene wie diese ihm fremd ist, drückt sich nur diese selbe

Tatsache aus. Die Schönheit ist ein Unberührbares, Unantastbares,

mit anderem Unvermengbares; nur aus völliger Weite kann sie wie nahe

geschaut werden, und vor jeder Annäherung entfernt sie sich. Der

Geschlechtstrieb, der die Vereinigung mit dem Weibe sucht, vernichtet

dessen Schönheit; das betastete, das besessene Weib wird von niemand

mehr der Schönheit wegen angebetet.

Dies leitet nun auch über zur Beantwortung der _zweiten_ Frage: Was ist

die Unschuld, was die Moralität des Weibes?

Von einigen Tatsachen, welche den Beginn jeder Liebe begleiten, wird

hier am besten ausgegangen. Reinheit des Leibes ist, wie schon einmal

angedeutet, beim Manne im allgemeinen ein Zeichen von Sittlichkeit und

Aufrichtigkeit; wenigstens sind körperlich schmutzige Menschen kaum je

von sehr lauterer Gesinnung. Nun kann man beobachten, wie Menschen, die

sonst durchaus nicht sehr auf die Reinlichkeit ihres Leibes achten,

in den Zeiten, da sie zu größerer Anständigkeit des Charakters sich

aufraffen, auch stets häufiger und ausgiebiger sich waschen. Ebenso

werden nun auch Menschen, die nie sauber gewesen sind, für die Dauer

einer Liebe plötzlich aus innerem Triebe reinlichkeitsbedürftig, und

diese kurze Spanne Zeit ist oft die einzige ihres Lebens, wo sie unter

ihrem Hemde nicht unflätig aussehen. Schreiten wir zum Geistigen

vor, so sehen wir, wie bei vielen Menschen Liebe mit Selbstanklagen,

Kasteiungs- und Sühnungsversuchen beginnt. Eine moralische Einkehr

fängt an, von der Geliebten scheint auch eine innere Läuterung

auszugehen, auch wenn der Liebende nie mit ihr gesprochen, ja sie

nur wenige Male aus der Ferne gesehen hat. _Dieser_ Prozeß kann also

unmöglich in dem geliebten Wesen selbst seinen Grund haben: die

Geliebte ist nur zu oft ein Backfisch, nur zu oft eine Kuh, nur zu

oft eine lüsterne Kokette, und niemand nimmt für gewöhnlich an ihr

überirdische Eigenschaften wahr als eben derjenige, der sie liebt. Ist

es also zu glauben, daß diese konkrete Person geliebt werde in der

Liebe, oder dient sie nicht vielmehr einer unvergleichlich größeren

Bewegung nur als _Ausgangspunkt_?

In aller Liebe liebt der Mann nur sich selbst. Nicht seine

Subjektivität, nicht das, was er, als ein von aller Schwäche und

Gemeinheit, von aller Schwere und Kleinlichkeit behaftetes Wesen

wirklich vorstellt; sondern das, was er ganz sein will und ganz

sein soll, sein eigenstes, tiefstes, intelligibles Wesen, frei von

allen Fetzen der Notwendigkeit, von allen Klumpen der Erdenheit. In

seiner zeitlich-räumlichen Wirksamkeit ist dieses Wesen vermengt mit

den Schlacken sinnlicher Beschränktheit, es ist nicht als reines,

strahlendes Urbild vorhanden; wie tief er auch in sich gehen mag,

er findet sich getrübt und befleckt, und sieht nirgends das, was er

sucht, in weißer, makelloser Reinheit. Und doch bedarf er nichts so

dringend, ersehnt er nichts so heiß als ganz und gar _er selbst_ und

nichts anderes zu sein. Das eine aber, wonach er strebt, das Ziel,

erblickt er nicht in hellem Glanze und unverrückter Festigkeit auf dem

Grunde des eigenen Wesens, _und darum muß er es draußen denken_, um

so ihm leichter nacheifern zu können. _Er projiziert sein Ideal eines

absolut wertvollen Wesens_ auf ein anderes menschliches Wesen, und

das und nichts anderes bedeutet es, wenn er dieses Wesen _liebt_. Nur

wer selbst schuldig geworden ist, und seine Schuld fühlt, ist dieses

Aktes fähig: darum kann das Kind noch nicht lieben. Nur weil die Liebe

das höchste, stets unerreichte Ziel aller Sehnsucht so darstellt, als

wäre es irgendwo in der Erfahrung verwirklicht und nicht bloß in der

Idee vorhanden; nur indem sie es im Nebenmenschen lokalisiert, und

so gleichzeitig eben der Tatsache Ausdruck gibt, daß im Liebenden

selbst das Ideal der Erfüllung noch so ferne ist: nur darum kann mit

der Liebe zugleich das _Streben_ nach Läuterung neu erwachen, ein

Hinwollen zu einem Ziele, das von höchster geistiger Natur ist und

somit keine körperliche Verunreinigung durch _räumliche_ Annäherung an

die Geliebte duldet; darum ist Liebe die höchste und stärkste Äußerung

des Willens zum Werte, darum kommt in ihr wie in nichts auf der Welt

das eigentliche Wesen des _Menschen_ zum Vorschein, das zwischen Geist

und Körper, zwischen Sinnlichkeit und Sittlichkeit gebannt ist, an

der Gottheit wie am Tiere Anteil hat. _Der Mensch ist in jeder Weise

erst dann ganz er selbst, wenn er liebt._[56] So erklärt sich's,

daß viele Menschen erst als Liebende an das eigene Ich und an das

fremde Du zu glauben beginnen, die, wie sich längst zeigte, nicht nur

grammatikalische, sondern auch ethische Wechselbegriffe sind; so ist

die große Rolle verständlich, welche in jedem Liebesverhältnis die

_Namen_ der beiden Menschen spielen. So wird deutlich, warum viele

Menschen zuerst in der Liebe von ihrer eigenen Existenz Kenntnis

erhalten, und nicht früher von der Überzeugung durchdrungen werden, daß

sie eine Seele besitzen.[57] So, daß der Liebende zwar die Geliebte um

keinen Preis durch seine Nähe verunreinigen möchte, aber sie doch aus

der Ferne oft zu sehen trachtet, um sich ihrer -- seiner -- Existenz

zu vergewissern. So, daß gar mancher unerweichliche Empirist, nun,

da er liebt, zum schwärmerischen Mystiker wird, wofür der Vater des

Positivismus, Auguste _Comte_, selbst das Beispiel gegeben hat, durch

die Umwälzung seines ganzen Denkens, als er _Clotilde de Vaux_ kennen

lernte. Nicht nur für den Künstler, für den Menschen überhaupt gibt es

psychologisch ein Amo ergo sum.

So ist die Liebe ein _Projektionsphänomen_ gleich dem Haß, kein

_Äquationsphänomen_ gleich der Freundschaft. Voraussetzung dieser ist

gleiche Geltung beider Individuen; Liebe ist stets ein _Setzen der

Ungleichheit, der Ungleichwertigkeit_. Alles, was man selbst sein

möchte und nie ganz sein kann, auf ein Individuum häufen, es zum Träger

aller Werte machen, das heißt lieben. Sinnbildlich für diese höchste

Vollendung ist die Schönheit. Darum wundert, ja entsetzt es so oft den

Liebenden, wenn er sich überzeugt, daß im schönen Weibe nicht auch

Sittlichkeit wohne, und er beschuldigt die Natur des Betruges, weil

in einem »so schönen Körper« »so viel Verworfenheit« sein könne; er

bedenkt nicht, daß er das Weib nur deshalb noch schön findet, weil

er es noch liebt: denn sonst würde ihn auch die Inkongruenz zwischen

Innerem und Äußerem nicht mehr schmerzen. Die gewöhnliche _Gassendirne_

scheint deshalb _nie_ schön, weil es hier von vornherein unmöglich

ist, eine Projektion von Wert zu vollziehen; sie kann nur des ganz

gemeinen Menschen Geschmack befriedigen, sie ist die Geliebte des

unsittlichsten Mannes, des Zuhälters. Hier liegt eine dem Moralischen

_entgegengesetzte Beziehung offensichtlich_ zutage; das Weib im

allgemeinen ist aber nur indifferent gegen alles Ethische, es ist

amoralisch, und kann darum, anders als der antimoralische Verbrecher,

den instinktiv niemand liebt, oder der Teufel, den jedermann sich

häßlich vorstellt, für den Akt der Wertübertragung eine Grundlage

abgeben; da es weder gut tut noch sündigt, _sträubt_ sich nichts in

ihm und an ihm gegen diese Kollokation des Ideals in seine Person. Die

Schönheit des Weibes ist nur sichtbar gewordene Sittlichkeit, _aber

diese Sittlichkeit ist selbst die des Mannes_, die er, in höchster

Steigerung und Vollendung, auf das Weib transponiert hat.

Weil alle Schönheit immer nur einen abermals erneuten

_Verkörperungsversuch des höchsten Wertes_ darstellt, darum ist vor

allem Schönen ein Gefühl des Gefundenhabens, dem gegenüber jede

Begierde, jedes selbstische Interesse schweigt. Alle Formen, die der

Mensch schön findet, sind vermöge seiner ästhetischen Funktion, die

Sittliches und Gedankliches in Sinnlichkeit umsetzt, ebensoviele

Versuche von seiner Seite, das Höchste sichtbar zu realisieren.

_Schönheit ist das Symbol des Vollkommenen in der Erscheinung._

Darum ist Schönheit unverletzlich, darum ist sie statisch und nicht

dynamisch, darum hebt jede _Änderung_ im Verhalten zu ihr sie schon

auf und vernichtet ihren Begriff. Die Liebe zum eigenen Werte, die

Sehnsucht nach Vollkommenheit zeugt in der Materie die Schönheit.

So wird die Schönheit der Natur geboren, die der Verbrecher nimmer

wahrnimmt, weil eben _die Ethik erst die Natur schafft_. So erklärt

sich's, daß die Natur immer und überall, in der größten und kleinsten

ihrer Bildungen, den Eindruck des Vollendeten hervorruft. So ist auch

das Naturgesetz nur ein sinnliches Symbol des Sittengesetzes, wie die

Naturschönheit der sinnenfällig gewordene Adel der Seele; so die Logik

die verwirklichte Ethik. Wie die Liebe ein neues Weib für den Mann

schafft statt des realen Weibes, so schafft die Kunst, die Erotik des

Alls, aus dem Chaos die Formenfülle im Universum; und wie es keine

Naturschönheit gibt ohne Form, ohne Naturgesetz, so auch keine Kunst

ohne Form, keine Kunstschönheit, die nicht ihren Regeln gehorcht. Denn

die Naturschönheit zeigt die Kunstschönheit nicht anders verwirklicht

als das Naturgesetz das Sittengesetz, als die Naturzweckmäßigkeit jene

Harmonie, deren Urbild über dem Geiste des Menschen thront. Ja, die

Natur, die der Künstler seine ewige Lehrmeisterin nennt, _sie ist

nur die von ihm selbst geschaffene Norm seines Schaffens_, nicht in

begrifflicher Konzentration, sondern in anschaulicher Unendlichkeit.

So sind, um eines als Beispiel zu nennen, die Sätze der Mathematik

die _verwirklichte_ Musik (und nicht umgekehrt), Mathematik selbst

die _konforme Abbildung_ der Musik aus dem Reiche der Freiheit auf

das Reich der Notwendigkeit, und darum das _Sollen_ aller Musiker ein

mathematisches. _Die Kunst schafft also die Natur, und nicht die Natur

die Kunst._

Von diesen Andeutungen, welche, wenigstens teilweise, eine Ausführung

und Weiterbildung der tiefen Gedanken _Kant_ens und _Schellings_ (und

des von ihnen beeinflußten _Schiller_) über die Kunst sind, kehre ich

zum Thema zurück. Als Resultat für dessen Zwecke steht nun fest, daß

der Glaube an die Sittlichkeit des Weibes, die »_Introjektion_« der

_Seele_ des _Mannes_ in das _Weib_, und die schöne äußere Erscheinung

des Weibes _eine und dieselbe Tatsache_ sind, die letztere nur der

sinnenfällige Ausdruck des ersteren. Begreiflich, aber eine Umkehrung

des wahren Verhältnisses ist es also, wenn man von einer »schönen

Seele« im moralischen Sinne spricht, oder nach _Shaftesbury_ und

_Herbart_ die Ethik der Ästhetik unterordnet: man mag mit _Sokrates_

und _Antisthenes_ τὸ καλόν und τἀγαθόν für identisch halten, aber man

darf nicht vergessen, daß Schönheit nur ein körperliches Bild ist,

in dem die Sittlichkeit sich selbst verwirklicht vorstellt, daß alle

Ästhetik doch ein _Geschöpf_ der Ethik bleibt. Jeder _einzelne_ und

zeitlich _begrenzte_ dieser Inkarnationsversuche ist seiner Natur nach

illusorisch, denn er täuscht die erreichte Vollkommenheit nur vor.

Darum ist alle Einzelschönheit vergänglich, und muß auch die Liebe zum

Weibe es sich gefallen lassen, durch das alte Weib widerlegt zu werden.

Die Idee der Schönheit ist die Idee der Natur, sie ist unvergänglich,

wenn auch alles Einzelschöne, alles Natürliche vergeht. Nur eine

Illusion kann im Begrenzten und Konkreten, nur eine Irrung im geliebten

Weibe die Vollkommenheit selbst erblicken. Die Liebe zur Schönheit soll

sich nicht verlieren an das Weib, um den geschlechtlichen Trieb nach

ihm zu überbauen. Wenn alle Liebe zu Personen auf jener Verwechslung

beruht, so _kann_ es keine andere denn unglückliche Liebe geben. Aber

alle Liebe _klammert_ sich an diesen Irrtum; sie ist der heroischeste

Versuch, dort Werte zu behaupten, wo es keine Werte gibt. Die Liebe zum

unendlichen Wert, das ist zum Absoluten oder zu Gott, sei es auch in

Form der Liebe zur unendlichen sinnenfälligen Schönheit des Naturganzen

(Pantheismus), könnte allein die transcendentale Idee der Liebe heißen,

wenn es eine solche gibt; die Liebe zu allem Einzelding, und auch zum

Weibe, ist schon ein Abfall von der Idee, eine _Schuld_.

_Warum_ der Mensch diese Schuld auf sich lädt, ist im Früheren schon

enthalten. So wie aller _Haß_ nur üble Eigenschaften, die man selbst

besitzt, auf den Nebenmenschen projiziert, um sie dort in einer desto

abschreckenderen Vereinigung zu zeigen; wie der Teufel nur erfunden

wurde, um die bösen Triebe _im_ Menschen _außer_ ihm darzustellen, und

ihm den Stolz und die Kraft des Kämpfers zu leihen: so hat auch die

Liebe nur den Zweck, dem Menschen den Kampf um das Gute zu erleichtern,

das er als Gedanken _in_ sich allein zu ergreifen noch zu kraftlos

ist. Beides, Haß und Liebe, ist darum eine Feigheit. Im Hasse spiegelt

man sich vor, daß man von jemand anderem bedroht sei, um sich selbst

hiedurch bereits als die angegriffene Reinheit zu fingieren, statt es

sich zu gestehen, daß man das Böse aus sich selbst auszujäten habe,

und daß es nirgend anders als im eigenen Herzen niste. Man konstruiert

_den_ Bösen, um sich die Genugtuung zu bereiten, ihm ein Tintenfaß an

den Kopf geworfen zu haben. Nur darum ist der Teufelsglaube unsittlich:

weil er eine unstatthafte Erleichterung des Kampfes darstellt und

eine Abwälzung der Schuld. Durch die Liebe versetzt man, wie im Haß

die Idee des eigenen Unwertes, die Idee des eigenen _Wertes_ in ein

Wesen, das zu ihrer Aufnahme geeignet scheint: der Satan wird häßlich,

die Geliebte schön. So entbrennt man in beiden Fällen, durch eine

Gegenüberstellung, durch die Verteilung von Gut und Böse auf _zwei_

Personen, _leichter_ für die moralischen Werte. Ist aber alle Liebe zu

Einzelwesen statt zur Idee eine sittliche Schwäche, so muß dies auch

in den Gefühlen des Liebenden zum Vorschein kommen. Niemand begeht

ein Verbrechen, ohne daß ihm dies durch ein Schuldgefühl angezeigt

würde. Nicht ohne Grund ist die Liebe das schamhafteste Gefühl: sie hat

Ursache sich zu schämen, weit mehr noch als das Mitleid. Der Mensch,

den ich bemitleide, bekommt von mir etwas, im Akte des Mitleidens

selbst gebe ich ihm aus meinem eingebildeten oder wesentlichen

Reichtum; die Hilfe ist so nur ein Sichtbarwerden dessen, was bereits

im Mitleiden lag. Der Mensch, den ich liebe, von dem will _ich_ etwas,

ich will zum mindesten, daß er mich nicht durch unschöne Geberden

oder gemeine Züge in meiner Liebe zu ihm störe. Denn durch die Liebe

will ich mich irgendwo gefunden haben, statt weiter zu suchen und zu

streben, ich will aus der Hand eines Nebenmenschen nichts weniger,

nichts anderes empfangen, als mich selbst, ich will von _ihm_ -- _mich_!

Das Mitleid ist schamhaft, weil es den anderen tiefer gestellt zeigt

als mich, weil es _ihn_ erniedrigt. Die Liebe ist schamhaft, weil ich

_mich_ durch sie tiefer stelle als den anderen; in ihr wird aller Stolz

des Individuums am weitesten vergessen, und das ist ihre Schwäche,

darum schämt sie sich. So ist das Mitleid der Liebe verwandt, und

hieraus erklärt sich, daß nur, wer das Mitleid kennt, auch die Liebe

kennt. Und doch schließen sich beide aus: man kann nie lieben, wen man

bemitleidet, und nie bemitleiden, wen man liebt. Denn im Mitleid bin

ich selbst der feste Pol, in der Liebe ist es der andere; die Richtung

beider Affekte, ihr Vorzeichen ist das Entgegengesetzte. Im Mitleid bin

ich Geber, in der Liebe Bettler. Die Liebe ist die schamhafteste von

allen Bitten, _weil sie um das Meiste, um das Höchste bettelt_. Darum

schlägt sie in den jähesten, rachsüchtigsten Stolz so rasch über, wenn

ihr durch den anderen unvorsichtig oder rücksichtslos zum Bewußtsein

gebracht wird, um was sie eigentlich gefleht hat.

Alle Erotik ist voll von Schuldbewußtsein. In der Eifersucht tritt

zutage, auf welch unsicheren Grund die Liebe gebaut ist. Eifersucht ist

die Kehrseite jeder Liebe, und offenbart deren ganze Unsittlichkeit.

Durch Eifersucht wird über den freien Willen des Nebenmenschen eine

Gewalt angemaßt. So begreiflich sie gerade der hier entwickelten

Theorie ist, indem durch Liebe _das reine Selbst_ des Liebenden in der

Geliebten lokalisiert wird, und auf sein Selbst der Mensch, durch einen

erklärlichen Fehlschluß, einen Anspruch leicht stets und an jedem Orte

zu haben glaubt: so verrät sie doch, schon weil sie voll Furcht ist,

und Furcht wie das verwandte Schamgefühl[58] sich stets auf eine in der

_Vergangenheit_ verübte Schuld bezieht, daß man durch die Liebe etwas

erlangen wollte, was man auf diesem Wege nicht verlangen durfte.

Die Schuld, mit welcher in der Liebe der Mensch sich belastet, ist der

Wunsch, von jenem Schuldbewußtsein, das ich früher die Voraussetzung

und Bedingung aller Liebe nannte, _frei zu werden_. Statt alle

begangene Schuld auf sich zu nehmen und ihre Sühnung durch das weitere

Leben zu erreichen, ist die Liebe ein Versuch, von der eigenen Schuld

loszukommen und an sie zu vergessen, ein Versuch, glücklich zu werden.

Statt die Idee der Vollkommenheit selbsttätig zu verwirklichen, will

die Liebe die Idee schon als verwirklicht zeigen, sie spiegelt das

Wunder als geschehen vor, im anderen Menschen zwar -- darum ist sie

die feinste List -- aber es ist doch nur die eigene Befreiung vom

Übel, die man so _ohne Kampf_ zu erreichen hofft. _Hieraus_ erklärt

sich der tiefe Zusammenhang aller Liebe mit dem Erlösungsbedürfnis

(_Dante_, _Goethe_, _Wagner_, _Ibsen_). Alle Liebe ist _selbst_ nur

Erlösungsbedürfnis, und alles Erlösungsbedürfnis noch unsittlich

(Kapitel 7, Schluß). Die Liebe überspringt die Zeit und setzt sich

über die Kausalität hinweg, ohne eigenes Zutun will sie Reinheit

plötzlich und unvermittelt gewinnen. Darum ist sie, als ein Wunder von

außen statt von innen, in sich unmöglich, und kann ihren Zweck nie

erfüllen, am wenigsten bei jenen Menschen, welche allein eigentlich in

ganz unermeßlicher Weise ihrer fähig wären. Sie ist der gefährlichste

Selbstbetrug, gerade weil sie den Kampf um das Gute am stärksten

zu fördern scheint. Mittelmäßige Menschen mögen durch sie erst ihre

Veredlung erfahren; wer ein subtileres Gewissen hat, wird sich hüten,

ihrer Täuschung zu erliegen.

Der Liebende sucht im geliebten Wesen seine eigene Seele. Insofern

ist die Liebe _frei_, und nicht jenen Gesetzen der bloß sexuellen

Anziehung unterworfen, von denen der erste Teil gehandelt hat. Denn

das psychische Leben der Frau gewinnt einen Einfluß, es begünstigt die

Liebe, wo es der Idealisierung sich ausnehmend leicht fügt, auch bei

geringeren körperlichen Vorzügen und mangelhafter sexueller Ergänzung,

und vernichtet ihre Möglichkeit, wenn es gegen jene »Einlegung« zu

sichtbar absticht. Dennoch ist, trotz aller Gegensätzlichkeit zwischen

Sexualität und Erotik, eine Analogie zwischen ihnen unverkennbar. Die

Sexualität benützt das Weib als Mittel, um zur Lust und zum leiblichen

Kinde zu gelangen; die Erotik als Mittel, um zum Werte und -- zum

geistigen Kinde, zur Produktion zu kommen. Es ist ein unendlich tiefes,

wenn auch, wie es scheint, wenig verstandenes Wort der platonischen

_Diotima_, daß die Liebe nicht dem Schönen, sondern der Erzeugung und

Ausgeburt im Schönen gelte, der Unsterblichkeit im Geistigen, wie der

niedere Geschlechtstrieb dem Fortleben in der Gattung. Im Kinde sucht

jeder Vater, der leibliche wie der geistige, nur sich selbst zu finden:

die konkrete Verwirklichung der Idee seiner selbst, wie sie das Wesen

der Liebe ausmacht, ist eben das _Kind_. Darum sucht der Künstler so

oft das Weib, um das Kunstwerk schaffen zu können. »Und jeder sollte

lieber solche Kinder haben wollen, wenn er auf _Homer_ und _Hesiod_

und die anderen trefflichen Dichter sieht, nicht ohne Neid, was für

Geburten sie zurücklassen, die ihnen unsterblichen Ruhm und Angedenken

sichern, indem sie selbst unsterblich sind .... Geehrt ist bei euch

auch _Solon_, weil er Gesetze gezeugt, und viele andere anderwärts

unter Hellenen und Barbaren, die viele und schöne Werke dargestellt

haben und vielfältig Tugendhaftes gezeugt: denen auch schon viele

Heiligtümer errichtet wurden um solcher Kinder willen, menschlicher

Kinder wegen aber noch keinem.«

Es ist nicht eine bloß formale Analogie, nicht Überschätzung einer

etwa nur zufälligen sprachlichen Übereinstimmung, wenn von geistiger

Fruchtbarkeit, geistiger Produktion, oder, wie in diesen Worten

_Platons_, von geistigen Kindern in tieferem Sinne zu reden versucht

wird. Wie die leibliche Sexualität der Versuch eines organischen Wesens

ist, die eigene Form dauernd zu begründen, so ist auch jede Liebe im

Grunde nur das Streben, seelische Form, Individualität, endgültig zu

realisieren. _Hier liegt die Brücke_, welche allen _Willen zur eigenen

Verewigung_ (wie man das Gemeinsame der Sexualität und der Erotik

nennen könnte) _mit dem Kinde verbindet_. Geschlechtstrieb und Liebe

sind beide Versuche zur Realisierung seiner selbst, der erste sucht das

_Individuum_ durch ein körperliches Abbild, die zweite _Individualität_

durch ihr geistiges Ebenbild zu verewigen. Nur der geniale Mensch aber

kennt die ganz und gar unsinnliche Liebe, und nur er sucht zeitlose

Kinder zu zeugen, in denen sein tiefstes geistiges Wesen zum Ausdruck

kommt.

Die Parallele kann noch weiter verfolgt werden. Daß aller

Geschlechtstrieb der Grausamkeit verwandt ist, hat man nach _Novalis_

oft wiederholt. Die »Association« hat einen tiefen Grund. Alles, was

vom Weibe _geboren_ ist, muß auch _sterben_. Zeugung, Geburt und Tod

stehen in einer unauflöslichen Beziehung; vor einem unzeitigen Tode

erwacht in jedem Wesen auf das heftigste der Geschlechtstrieb als

das Bedürfnis, sich noch fortzupflanzen. Und so ist auch der Koitus,

nicht nur psychologisch als Akt, sondern auch vom ethischen und

naturphilosophischen Gesichtspunkte dem Morde verwandt: er verneint das

Weib, aber auch den Mann; er raubt im Idealfall beiden das Bewußtsein,

um dem Kinde das Leben zu geben. Einer ethischen Weltanschauung wird

es begreiflich sein, daß, was so entstanden ist, auch wieder vergehen

muß. Aber auch die höchste Erotik, nicht nur die niederste Sexualität,

benützt das Weib nicht als Zweck an sich selbst, sondern stets nur

als Mittel zum Zweck, um das Ich des Liebenden rein darzustellen: die

Werke eines Künstlers sind immer nur sein auf verschiedenen Etappen

festgehaltenes Ich, das er meist in diesem oder in jenem Weibe, und

sei es selbst ein Weib seiner Einbildungskraft, zuvor lokalisiert hat.

Die reale Psychologie des geliebten Weibes wird aber hiebei immer

_ausgeschaltet_: im Augenblicke, wo der Mann ein Weib _liebt_, kann

er es nicht _durchschauen_. In der Liebe tritt man zum Weibe nicht

in jenes Verhältnis des _Verstehens_, welches das einzig sittliche

Verhältnis zwischen Menschen ist. Man kann keinen Menschen lieben,

den man ganz erkennt, weil man dann doch auch die Unvollkommenheiten

sehen müßte, die ihm als Menschen notwendig anhaften, _Liebe aber nur

auf Vollkommenes geht_. Liebe zu einem Weibe ist daher nur möglich,

wenn sich diese Liebe um die wirklichen Eigenschaften, die eigenen

Wünsche und Interessen der Geliebten, soweit sie der Lokalisation

höherer Werte in ihrer Person zuwiderlaufen, nicht bekümmert, sondern

in schrankenloser Willkür an die Stelle der psychischen Realität des

geliebten Wesens _eine ganz andere Realität setzt_. Der Versuch, sich

im Weibe selbst zu finden, statt im Weibe eben nur -- das Weib zu

sehen, setzt notwendig eine Vernachlässigung der empirischen Person

voraus. Dieser Versuch ist also voll _Grausamkeit_ gegen das Weib;

und hier liegt die Wurzel des Egoismus aller Liebe, wie auch der

Eifersucht, welche das Weib gänzlich nur noch als unselbständiges

Besitztum betrachtet, und auf sein inneres Leben gar keine Rücksicht

mehr nimmt.

Hier vollendet sich die Parallele zwischen der Grausamkeit der

Erotik und der Grausamkeit der Sexualität. Liebe ist Mord. Der

Geschlechtstrieb negiert auch das körperliche, die Erotik das

psychische Weib. Die ganz gemeine Sexualität sieht im Weibe einen

Apparat zum Onanieren oder eine Kindergebärerin; man kann gegen das

Weib nicht niedriger sein, als wenn man ihm seine Unfruchtbarkeit

vorhält, und ein erbärmlicheres Zeugnis kann einem Gesetzbuch nicht

ausgestellt werden, als wenn es die Sterilität eines Weibes als legalen

Grund der Ehescheidung anführt. Die höhere Erotik aber verlangt von

der Frau schonungslos, daß sie das männliche Adorationsbedürfnis

befriedige, und sich möglichst anstandslos lieben lasse, damit der

Liebende in ihr sein Ideal von sich verwirklicht sehen, und ein

geistiges Kind mit ihr zeugen könne. So ist die Liebe nicht nur

antilogisch, denn sie setzt sich über die objektive Wahrheit des

Weibes und seine wirkliche Beschaffenheit hinweg, sie will nicht nur

die Denkillusion, und verlangt nicht nur ungestüm nach dem Betruge der

Vernunft: sondern sie ist auch antiethisch gegen das Weib, dem sie die

Verstellung und den Schein, die vollkommene Kongruenz mit einem ihr

fremden Wunsche gebieterisch aufnötigen möchte.

Denn die Erotik braucht die Frau nur, um den Kampf zu ebnen und

abzukürzen, sie will von ihr immer bloß, _daß sie den Ast abgebe, an

dem $er$ sich $leichter$ zur Erlösung emporschwinge_. So gesteht es ja

_Paul Verlaine_:

»Marie Immaculée, amour essentiel,

Logique de la foi cordiale et vivace,

_En vous aimant qu'est-il de bon que je ne fasse_,

En vous aimant du seul amour, Porte du Ciel?«

Und fast noch deutlicher lehrt es _Goethe_ im »Faust«:

»Dir, der Unberührbaren,

Ist es nicht benommen,

Daß die leicht Verführbaren

Traulich zu Dir kommen.

In die Schwachheit hingerafft,

Sind sie schwer zu retten;

_Wer zerreißt aus eigner Kraft

Der Gelüste Ketten?_«

Ferne ist es mir, die heroische Größe zu verkennen, welche in dieser

höchsten Erotik, im _Madonnenkulte_, liegt. Wie könnte ich vor der

Außerordentlichkeit des Phänomens meine Augen verschließen, das den

Namen _Dante_ führt! Es liegt eine so unermeßliche Abtretung von

Wert an das Weib in dem Leben dieses größten Madonnenverehrers, daß

selbst der dionysische Trotz, mit dem diese Schenkung aller weiblichen

Wirklichkeit entgegen vollzogen wird, den Eindruck vollster Erhabenheit

hervorzurufen kaum verfehlt. Es liegt scheinbar eine solche Abnegation

seiner selbst in dieser Verkörperung des Zieles aller Sehnsucht in

_einer_ irdisch-begrenzten Person, in einem Mädchen noch dazu, das

der Künstler _einmal_, als Neunjähriger, zu Gesicht bekommen, das

vielleicht später eine Xanthippe oder eine Fettgans geworden ist; es

liegt darin ein derartiger Akt der Projektion aller, das zeitlich

Eingeengte des Individuums übersteigenden Werte auf ein an sich

gänzlich wertloses Weib, daß man nicht leicht es über sich bringt, die

wahre Natur des Vorganges zu enthüllen, und gegen ihn zu sprechen.

_Aber es bedeutet jede, auch die sublimste Erotik, noch immer eine

dreifache Unsittlichkeit_: einen unduldsamen Egoismus gegen die

wirkliche Frau der Erfahrung, _die nur als Mittel zum Zweck der eigenen

Hinanziehung benützt_, der darum kein selbständiges Leben verstattet

wird; mehr noch: eine Felonie gegen sich selbst, ein Davonlaufen

vor sich selbst, eine Flüchtung des Wertes in fremdes Land, ein

Erlöst-_Sein_-Wollen, und darum eine Feigheit, eine Schwäche, eine

Würdelosigkeit, ja gerade einen absoluten Unheroismus; drittens endlich

eine Scheu vor der Wahrheit, die man nicht brauchen kann, weil sie der

Absicht der Liebe widerstrebt, die man nicht zu ertragen vermag, weil

man dadurch um die Möglichkeit einer bequemen Erlösung käme.

Diese letzte Unsittlichkeit ist eben diejenige, welche jede Aufklärung

über das Weib _verhindert_, weil sie sie _meidet_ und so die

Anerkennung der Wertlosigkeit des Weibes an sich wohl stets vereiteln

wird. Die Madonna ist eine Schöpfung des Mannes, nichts entspricht

ihr in der Wirklichkeit. Der Madonnenkult kann nicht moralisch sein,

weil er die Augen vor der Wirklichkeit verschließt, weil mit ihm

der Liebende sich _belügt_. Der Madonnenkult, von dem ich spreche,

der Madonnenkult des großen Künstlers, ist in jeder Beziehung eine

_völlige_ Umschaffung des Weibes, die sich nur vollziehen kann, wenn

von der empirischen Realität der Frauen gänzlich abgesehen wird; die

Einlegung wird bloß dem schönen Körper nach ausgeführt, und sie kann

nichts für ihren Zweck verwenden, was dem schroff entgegenstünde, wofür

diese Schönheit Symbol werden soll.

Der Zweck dieser Neuschöpfung des Weibes oder das Bedürfnis, aus

welchem die Liebe entspringt, ist nun ausführlich genug analysiert

worden. Es ist zugleich der Hauptgrund, warum man vor allen Wahrheiten,

die für das Weib nachteilig klingen, immer wieder die Ohren sich

zuhält. Lieber schwört man auf die weibliche »Schamhaftigkeit«,

entzückt sich am weiblichen »Mitleid«, interpretiert das Senken des

Blickes beim Backfisch als ein eminent sittliches Phänomen, als daß man

_mit_ dieser Lüge die Möglichkeit preisgäbe, das Weib als Mittel zum

Zweck der eigenen höheren Wallungen zu benützen, als daß man darauf

verzichtete, diesen Weg für die eigene Erlösung sich offen zu lassen.

Hierin liegt also die Antwort auf die eingangs gestellte Frage nach

den Motiven, aus welchen an dem Glauben an die weibliche Tugend so

zähe festgehalten wird. Man will davon nicht lassen, es zum Gefäß

der Idee der eigenen Vollkommenheit zu machen, diese in der Frau als

realisiert sich vorzustellen, um mit dem zum Träger des höchsten Wertes

gemachten Weibe leichter sein geistiges Kind und besseres Selbst zu

realisieren. Der Zustand des Liebenden hat nicht umsonst so viel

Ähnlichkeit mit dem des Schaffenden; die ganz besonders große Güte

gegen alles, was lebt, die Verlorenheit für alle kleinen konkreten

Werte sind beiden gemeinsam, als Zustände, die den liebenden gleich

dem produktiven Menschen auszeichnen, und sie dem Philister, für den

gerade die materiellen Nichtigkeiten die einzige Realität bilden, stets

unbegreiflich und lächerlich erscheinen läßt.

Denn jeder große Erotiker ist ein Genie und alles Genie im Grunde

erotisch, auch wenn seine Liebe zum _Wert_, das ist zur _Ewigkeit_,

zum _Weltganzen_, nicht in dem Körper eines Weibes Platz findet. _Das

Verhältnis des Ichs zur Welt, das Verhältnis von Subjekt zu Objekt

ist nämlich selbst gewissermaßen eine Wiederholung des Verhältnisses

von Mann zu Weib in höherer und weiterer Sphäre, oder vielmehr dieses

ein Spezialfall von jenem._ Wie der Empfindungskomplex zum Objekt

umgeschaffen wird, aber nur vom Subjekte und aus diesem heraus, so

wird das Weib der Erfahrung aufgehoben durch das Weib der Erotik.

Wie der Erkenntnistrieb die sehnsüchtige Liebe zu den Dingen ist, in

denen der Mensch immer und ewig nur sich selbst findet, so wird auch

der Gegenstand der Liebe im engeren Sinne vom Liebenden selbst erst

geschaffen, und er entdeckt in ihm stets nur sein eigenes tiefstes

Wesen. So ist die Liebe dem Liebenden eine Parabel: im Brennpunkte

steht allerdings sie; aber konjugiert ist die Unendlichkeit -- --.

Es fragt sich nun noch, _wer_ diese Liebe kennt, ob _nur_ der _Mann_

übersexuell, oder ob auch das _Weib_ der höheren Liebe fähig ist.

Suchen wir hierauf, ganz unabhängig und unbeeinflußt von den bisherigen

Ergebnissen, eine Antwort aus der Erfahrung neu zu gewinnen. Diese

zeigt ganz unzweideutig, daß W, eine _scheinbare_ Ausnahme abgerechnet,

nie mehr als bloß _sexuell_ ist. Die Frauen wollen entweder mehr den

Koitus oder mehr das Kind (jedenfalls aber wollen sie geheiratet

werden). Die »Liebeslyrik« der modernen Frauen ist nicht nur vollkommen

anerotisch, sondern ganz extrem sinnlich; und so kurz die Zeit ist,

seit welcher die Frauen mit solchen Erzeugnissen sich hervorwagen, sie

haben in dieser Beziehung Kühneres geleistet, als alle Männer je vorher

es gewagt haben, und ihre Produkte sind wohl geeignet, die leckersten

Erwartungen, die selbst an »Junggesellen-Lektüre« geknüpft werden

können, zu befriedigen. Hier ist nirgends von einer keuschen und reinen

Neigung die Rede, welche das geliebte Wesen durch die eigene Nähe zu

verunreinigen fürchtet. Es handelt sich nur um den tobendsten Orgiasmus

und die wildeste Wollust, und so wäre diese Literatur recht eigentlich

danach angetan, die Augen über die durchaus nur sexuelle und nicht

erotische Natur des Weibes zu öffnen.

Liebe allein erzeugt Schönheit. Haben die Frauen zur Schönheit ein

Verhältnis? Es ist keine bloße Redensart, wenn man von den Frauen oft

hört: »Ach, wozu braucht denn ein Mann schön zu sein?« Es ist keine

bloße Schmeichelei: für den Mann und nicht allein darauf berechnet,

ihn an seiner Eitelkeit zu fangen, wenn eine Frau ihn um Rat fragt,

welche Farben ihr zu einem Kleide am besten passen; sie versteht diese

selbst nicht so zu wählen, daß sie _ästhetisch_ wirken könnten. Über

eine Anordnung, die Geschmack statt Schönheitssinn verrät, kommt eine

Frau ohne männliche Hilfe selbst in ihrer Toilette nicht hinaus. Wäre

in der Frau an sich irgend welche Schönheit, trüge sie auch nur einen

Maßstab der Schönheit ursprünglich im tieferen Innern, so würde sie

nicht vom Manne immerfort es sich versichern lassen wollen, daß sie

schön _sei_.

Und so finden die Frauen auch den Mann nicht eigentlich _schön_, und

je mehr sie mit dem Worte herumwerfen, desto mehr verraten sie, wie

fern ihnen jedes Verhältnis zur Idee der Schönheit ist. Es ist der

sicherste Maßstab der Schamhaftigkeit eines Menschen, wie oft er das

Wort »schön«, diese Liebeserklärung an die Natur, in den Mund nimmt.

Wären die _Frauen_ sehnsüchtig nach Schönheit, so dürften sie ihren

Namen seltener nennen. Sie haben aber kein Bedürfnis nach Schönheit und

können keines haben, weil nur die sozial anerkannte äußere Erscheinung

in solchem Sinne auf sie wirkt. Schön aber ist nicht, was gefällt;

so oft diese Definition auch aufgestellt wird, so falsch ist sie,

so gerade läuft sie dem Sinn des Wortes zuwider. _Hübsch_ ist, was

gefällt; _schön_ ist, was _der Einzelne liebt_. Hübschsein ist immer

allgemein, Schönheit stets individuell. Darum ist alles wahrhafte

Schön-Finden schamhaft, denn es ist aus der Sehnsucht geboren, und die

Sehnsucht aus der Unvollkommenheit und Bedürftigkeit des Einsamen.

_Eros_ ist der Sohn des _Poros_ und der _Penia_, der Sprößling aus

der Verbindung von Reichtum und Armut. Um etwas schön zu finden,

dazu gehört, als zur Objektivität einer Liebe, Individualität, nicht

nur Individuation; bloßes Hübsch-Sein ist gesellschaftliche Münze.

Das Schöne wird _geliebt_, ins Hübsche pflegen die Leute _sich zu

verlieben_. Liebe ist stets hinauswollend, transcendent, weil sie

der Ungenügsamkeit des an die Subjektivität gefesselten Subjektes

entstammt. Wer bei den Frauen _solches_ Mißvergnügen vorzufinden

meint, ist ein schlechter Deuter und Unterscheider. W ist höchstens

_verliebt_, M _liebt_; und dumm und unwahr ist jene Behauptung

lamentierender Frauen, das Weib sei wahrer Liebe fähiger als der Mann:

im Gegenteil, es ist ihrer _unfähig_. Nicht jenem Bilde von der Parabel

wie die Liebe, sondern dem eines in sich selbst zurücklaufenden

Kreises gleicht alle _Verliebtheit_, und insonderheit die des Weibes.

Wo der Mann auf die Frau individuell wirkt, ist es nicht durch

seine Schönheit. Für Schönheit hat, auch wenn sie im Manne sich

offenbart, nur der Mann einen Sinn: fällt es nicht auf, wie auch

von männlicher, nicht nur von weiblicher Schönheit aller Begriff

vom Manne ist geschaffen worden? Oder soll auch dies Folge der

»Unterdrückung« sein? Der einzige Begriff, der, wenn er auch von

Frauen darum nicht herstammen kann, weil diese nie auch nur einen

einzigen Begriff geschaffen haben, dennoch ihnen, in gewissem Sinne,

seine materiale Erfüllung und die Lebhaftigkeit der ihn begleitenden

Associationen verdankt, ist der Begriff das »feschen Kerls«, wie er

in Wien und Süddeutschland, des »forschen Mannes«, wie er in Berlin

und Norddeutschland heißt. Was durch diese Bezeichnung angedeutet

wird, ist die starke und entwickelte Sexualität des Mannes; denn die

Frau empfindet zuletzt doch immer als ihren Feind alles, was den Mann

abzieht von der Sexualität und der Fortpflanzung, seine Bücher und

seine Politik, seine Wissenschaft und seine Kunst.

Nur das Sexuelle, nie das Asexuelle, Transsexuelle im Manne wirkt als

solches auf die Frau, und nicht Schönheit, sondern volles sexuelles

Begehren verlangt sie von ihm. _Es ist nie das Apollinische im Manne,

das auf sie Eindruck macht, aber darum auch nicht das Dionysische,

sondern stets nur, im weitesten Umfang, das Faunische in ihm_; nie der

Mann, sondern immer nur »le mâle«, (das Männchen); es ist vor allem --

darüber kann ein Buch über das wirkliche Weib nicht schweigen -- seine

Sexualität im engsten Sinne, _es ist der Phallus_.[59]

Man hat es entweder nicht sehen oder nicht sagen wollen, man hat sich

aber auch kaum noch eine ganz richtige Vorstellung davon gebildet,

was das Zeugungsglied des Mannes für das Weib, als Frau wie schon

als Jungfrau, bedeutet, wie es das ganze Leben der Frau zu oberst

beherrscht. Ich meine nicht, daß die Frau den Geschlechtsteil des

Mannes schön oder auch nur hübsch findet. Sie empfindet ihn vielmehr

ähnlich wie der Mensch das Medusenhaupt, der Vogel die Schlange; er

übt auf sie eine hypnotisierende, bannende, faszinierende Wirkung.

Sie empfindet ihn als das Gewisse, das Etwas, wofür sie gar keinen

Namen hat: _er ist ihr Schicksal_, er ist das, wovon es für sie kein

Entrinnen gibt. Nur darum scheut sie sich so davor, den Mann nackt zu

sehen, und gibt ihm nie ein Bedürfnis darnach zu erkennen: weil sie

fühlt, daß sie in demselben Augenblicke verloren wäre. _Der Phallus ist

das, was die Frau absolut und endgültig $unfrei$ macht._

Es ist also gerade jener Teil, welcher den Körper des Mannes recht

eigentlich verunziert, welcher allein den nackten Mann häßlich macht

-- weswegen er auch von den Bildhauern so oft mit einem Akanthus- oder

Feigenblatte verdeckt ward --, _derselbe_, der die Frauen am tiefsten

aufregt und am heftigsten erregt, und zwar gerade dann, wenn er wohl

das Unangenehmste überhaupt vorstellt, im erigierten Zustande. Und

hierin liegt der letzte und entscheidendste Beweis dafür, daß die

Frauen von der Liebe nicht die Schönheit wollen, sondern -- etwas

anderes.

Die neue Erfahrung, um welche die Untersuchung damit endgültig

bereichert ist, wäre aus dem Bisherigen vorherzusagen gewesen. Da

Logik und Ethik ausschließlich beim Manne sich geltend machen, so

war von vornherein wahrscheinlich, daß die Frauen mit der Ästhetik

nicht auf besserem Fuße stehen würden, als mit ihren normierenden

Schwesterwissenschaften. Die Verwandtschaft zwischen der Ästhetik und

der Logik kommt in aller Systematik und Architektonik der Philosophien,

ebenso aber in der Forderung strenger Logik für das Kunstwerk, in

höchster Vereinigung in dem Bau der Mathematik und in der musikalischen

Komposition zum Vorschein. Wie schwer es so vielen wird, Ästhetik

und Ethik auseinanderzuhalten, ist schon erwähnt worden. Auch die

ästhetische Funktion, nicht nur die ethische und logische, ist nach

_Kant_ eine solche, die vom Subjekte in Freiheit ausgeübt wird. _Das

Weib aber besitzt keinen freien Willen_, und so kann ihm auch nicht die

Fähigkeit verliehen sein, Schönheit in den Raum zu projizieren.

Damit ist aber auch gesagt, daß die Frau nicht lieben könne. Als

Bedingung der Liebe muß Individualität, und zwar nicht rein und

ungetrübt, jedoch mit dem Willen zur eigenen Befreiung von Staub

und Schmutz, vorhanden sein. Denn ein Mittelding zwischen Haben und

Nichthaben ist Eros; kein Gott, sondern ein Dämon; er allein entspricht

der Stellung des Menschen zwischen Sterblichem und Unsterblichem:

so hat es der größte Denker erkannt, der _göttliche Platon_, wie

_Plotin_ ihn nennt (der einzige Mensch, der ihn wirklich, _innerlich

$verstanden$_ hat; indes viele seiner heutigen Kommentatoren und

Geschichtsschreiber von seiner Lehre nicht viel mehr begreifen als die

Ohrwürmer von den Sternschnuppen). Die Liebe ist also in Wirklichkeit

_keine_ »transscendentale Idee«; denn sie entspricht allein der Idee

eines Wesens, das nicht rein transcendental-apriorisch, sondern auch

sinnlich-empirisch ist: _der Idee der Menschheit_.

Das Weib hingegen, das ganz und gar keine Seele hat, sehnt sich auch

nicht, diese geläutert von allem ihr anhaftenden Fremden irgendwo,

irgendwann endlich ganz zu finden. Es gibt kein Ideal der Frauen vom

Manne, das an die Madonna erinnern würde, nicht der reine, keusche,

sittliche Mann wird von der Frau gewollt, sondern -- ein anderer.

So ist denn bewiesen, daß die Frau nicht die Tugend des Mannes

_wünschen kann_. Hätte sie in sich ein Unterpfand der Idee der

Vollkommenheit, wäre sie irgendwie Ebenbild Gottes, so müßte sie auch

den Mann, wie dieser das Weib, heilig, göttlich wollen. Daß ihr dies

ganz ferne liegt, ist wiederum nur ein Zeichen für ihren völligen

Mangel an Willen zum eigenen Werte, den sie nicht, wie so gerne

der Mann, irgendwo außer sich verkörpert denkt, um leichter zu ihm

emporstreben zu können.

Ein unauflösbares Rätsel bleibt nur dies, warum gerade die Frau

mit dieser vergötternden Liebe geliebt wird, und, mit Ausnahme der

Knabenliebe, in welcher indes der Geliebte ebenfalls zum Weibe wird,

nicht irgend ein anderes Wesen. Ist die Hypothese nicht allzu kühn, die

sich hierüber entwickeln läßt?

Vielleicht hat der Mann bei der Menschwerdung durch einen

metaphysischen _außerzeitlichen_ Akt das Göttliche, die Seele für sich

allein behalten -- aus welchem Motive dies geschehen sein könnte,

vermögen wir freilich noch nicht abzusehen. Dieses sein Unrecht gegen

die Frau _büßt_ er nun in den Leiden der Liebe, _in und mit welcher er

der Frau die ihr geraubte Seele wieder zurückzugeben sucht_, ihr eine

Seele schenken will, weil er sich des Raubes wegen vor ihr schuldig

fühlt. Denn gerade dem _geliebten_ Weibe, ja, eigentlich nur ihm

gegenüber drückt ihn ein rätselhaftes Schuldbewußtsein am stärksten.

Die Aussichtslosigkeit eines solchen Rückgabeversuches, durch den er

seine Schuld zu sühnen würde trachten wollen, könnte wohl erklären,

warum es _glückliche Liebe_ nicht gibt. So wäre dieser Mythos kein

übler Vorwurf für ein dramatisches Mysterium. Aber die Grenzen einer

wissenschaftlichen, auch einer wissenschaftlich-philosophischen

Betrachtung sind mit ihm weit überflogen.

Was die Frau _nicht_ will, wurde im obigen klargestellt; aber was sie

zu tiefst will, und daß dieses ihr innerstes Wollen dem Wollen des

Mannes gerade entgegengerichtet ist, soll jetzt gezeigt werden.

Geschlecht und Charakter: Eine prinzipielle Untersuchung · 第 59 / 70 题