Mutterschaft und Prostitution.
Der Haupteinwand, welcher gegen die bisherige Darstellung wird erhoben
werden, bezieht sich auf die Allgemeingültigkeit des Gesagten für
_alle_ Frauen. Bei einigen, bei vielen möge das zutreffen; aber es gebe
doch auch andere ...
Es lag ursprünglich nicht in meiner Absicht, auf spezielle Formen
der Weiblichkeit einzugehen. Die Frauen lassen sich nach mehreren
Gesichtspunkten einteilen, und gewiß muß man sich hüten, das, was von
einem extremen Typus gilt, der zwar überall nachweisbar ist, aber
oft durch das Vorwalten gerade des entgegengesetzten Typus bis zur
Unmerklichkeit zurückgedrängt wird, von der Allgemeinheit der Frauen
in gleicher Weise zu behaupten. Es sind _mehrere_ Einteilungen der
Frauen möglich, und es gibt _verschiedene_ Frauencharaktere; wenn
auch das Wort Charakter hier nur im empirischen Verstande angewendet
werden darf. Alle Charaktereigenschaften des Mannes finden merkwürdige,
zu Amphibolien oft genug Anlaß bietende Analoga beim Weibe (einen
interessanten Vergleich dieser Art zieht später dieses Kapitel);
doch ist beim Manne der Charakter stets _auch_ in die Sphäre des
Intelligiblen getaucht, und dort mächtig verankert; hieraus wird
denn die früher (S. 104) gerügte Vermischung der Seelenlehre mit der
Charakterologie, und die Gemeinsamkeit im Schicksale beider, wieder
eher begreiflich. Die charakterologischen Unterschiede unter den
Frauen senden ihre Wurzeln nie so tief in den Urboden hinab, daß sie
in die Entwicklung einer Individualität einzugehen vermöchten; und es
gibt vielleicht gar keine weibliche Eigenschaft, die nicht im Laufe
des Lebens, unter dem Einfluß des männlichen Willens, in der Frau
modifiziert, zurückgedrängt, ja vernichtet werden könnte.
Was es unter ganz _gleich männlichen_ oder ganz _gleich weiblichen_
Individuen _noch_ für Unterschiede geben möge, diese Frage hatte
ich bisher mit Bedacht aus dem Spiele gelassen. Keineswegs, weil
mit der Zurückführung psychologischer Differenzen auf das Prinzip
der sexuellen Zwischenformen mehr gewonnen gewesen war als _ein_
Leitfaden unter tausenden auf diesem verschlungensten aller Gebiete:
sondern aus dem einfachen Grunde, weil jede Kreuzung mit einem anderen
Prinzipe, jede Erweiterung der linearen Betrachtungen ins Flächenhafte,
störend gewirkt hätte bei diesem ersten Versuche einer gründlichen
charakterologischen Orientierung, der weiter kommen wollte als bis zur
Ermittelung von Temperamenten oder Sinnestypen.
Die spezielle weibliche Charakterologie soll einer besonderen
Darstellung vorbehalten bleiben; aber schon diese Schrift ist nicht
ohne Hinblick auf individuelle Differenzen unter den Frauen abgefaßt,
und ich glaube so den Fehler falscher Verallgemeinerung vermieden, und
bisher nur solches behauptet zu haben, was unterschiedslos von allen
gleich weiblichen Frauen in gleicher Weise und gleicher Stärke gilt.
Nur auf W ganz allgemein ist es bisher angekommen. Da man aber meinen
Darlegungen vornehmlich _einen_ Typus unter den Frauen entgegenhalten
wird, ergibt sich die Notwendigkeit, bereits hier _ein_ Gegensatzpaar
aus der Fülle herauszugreifen.
Allem Schlechten und Garstigen, das ich den Frauen nachgesagt habe,
wird das Weib als Mutter gegenübergestellt werden. Dieses erfordert
also eine Besprechung. Seine Ergründung kann aber niemand in Angriff
nehmen, ohne zugleich den Gegenpol der Mutter, welcher die für das Weib
diametral konträre Möglichkeit verwirklicht zeigt, heranzuziehen; weil
nur hiedurch der Muttertypus eine deutliche Abgrenzung erfährt, nur
so die Eigenschaften der Mutter von allem Fremden scharf sich abheben
können.
_Jener der Mutter polar entgegengesetzte Typus ist die Dirne._ Die
Notwendigkeit gerade dieser Gegenüberstellung läßt sich ebensowenig
_deduzieren_, wie daß Mann und Weib einander entgegengesetzt sind;
wie man dies nur _sieht_ und nicht beweist, so muß man auch jenes
_erschaut_ haben, oder es in der Wirklichkeit wiederzufinden trachten,
um sich zu überzeugen, ob diese dem Schema sich bequem einordnet. Auf
jene Restriktionen, die vorzunehmen sind, komme ich noch zu sprechen;
einstweilen seien die Frauen betrachtet als stets von zwei Typen,
einmal mehr vom einen, ein andermal mehr vom anderen etwas in sich
tragend: _diese Typen sind die Mutter und die Dirne_.
Man würde diese Dichotomie mißverstehen, wenn man sie von einer
populären Entgegensetzung nicht unterschiede. Man hat oft gesagt,
das Weib sei sowohl _Mutter_ als _Geliebte_. Den Sinn und Nutzen
dieser Distinktion kann ich nicht recht einsehen. Soll mit der
Qualität der Geliebten das Stadium bezeichnet werden, welches der
Mutterschaft notwendig vorhergeht? Dann kann es keinerlei dauernde
charakterologische Eigentümlichkeit bezeichnen. Und was sagt denn der
Begriff »Geliebte« über die Frau selbst aus, als daß sie geliebt wird?
Fügt er ihr wirklich eine wesentliche, oder nicht vielmehr eine ganz
äußerliche Bestimmung zu? Geliebt werden mag sowohl die Mutter als
die Dirne. Höchstens könnte man mit der »Geliebten« eine Gruppe von
Frauen haben umschreiben wollen, die ungefähr in der Mitte zwischen
den hier bezeichneten Polen sich aufhielte, eine Zwischenform von
Mutter und Dirne; oder man hält es einer ausdrücklichen Feststellung
für bedürftig, daß eine Mutter zum Vater ihrer Kinder in einem anderen
Verhältnis stehe als zu ihren Kindern selbst, und Geliebte eben sei,
insoferne sie sich lieben läßt, d. h. dem Liebenden sich hingibt. Aber
damit ist nichts gewonnen, weil dies beide, Mutter wie Prostituierte,
gegebenenfalls in formal gleicher Weise tun können. Der Begriff der
Geliebten sagt gar nichts über die Qualitäten des Wesens aus, das
geliebt wird; wie natürlich, denn er soll nur das erste zeitliche
Stadium im Leben _einer_ und _derselben_ Frau andeuten, an welches sich
später als zweites die Mutterschaft schließt. Da also der Zustand der
Geliebten doch nur ein accidentielles Merkmal ihrer Person ist, wird
jene Gegenüberstellung ganz unlogisch, indem die Mutterschaft auch
etwas Innerliches ist und nicht bloß die Tatsache anzeigt, daß eine
Frau geboren hat. Worin dieses tiefere Wesen der Mutterschaft besteht,
wird eben Aufgabe der jetzigen Untersuchung.
Daß Mutterschaft und Prostitution einander polar entgegengesetzt
sind, ergibt sich mit großer Wahrscheinlichkeit allein schon aus der
größeren Kinderzahl der guten Hausmütter, indes die Kokotte immer
nur wenige Kinder hat, und die Gassendirne in der Mehrzahl der Fälle
überhaupt steril ist. Es ist wohl zu beachten, daß nicht das käufliche
Mädchen allein dem Dirnentypus angehört, sondern sehr viele unter den
sogenannten anständigen Mädchen und verheirateten Frauen, ja selbst
solche, die gar nie die Ehe brechen, nicht, weil die Gelegenheit nicht
günstig genug ist, sondern weil sie selbst es nicht bis dahin kommen
lassen. Man stoße sich also nicht an der Verwendung des Begriffes der
Dirne, der ja erst noch zu analysieren ist, in einem viel weiteren
Umfange als einem, der bloß auf feile Weiber sich erstreckt. Überdies
könnte der Dirnentypus auch dann zum Ausdruck kommen, wenn bloß ein
Mann und ein Weib auf der Welt wären, denn er äußert sich bereits in
dem spezifisch verschiedenen Verhalten zum einzelnen Manne.
Schon die Tatsache der geringeren Fruchtbarkeit enthöbe mich der
Pflicht einer Auseinandersetzung mit der allgemeinen Ansicht, welche
ein, notwendigerweise tief im Wesen eines Menschen gegründetes
Phänomen, wie die Prostitution, ableiten will aus sozialen Mißständen,
aus der Erwerbslosigkeit vieler Frauen, und daraufhin spezielle
Anklagen gegen die heutige Gesellschaft erhebt, deren männliche
Machthaber in ihrem ökonomischen Egoismus den unverheirateten Frauen
die Möglichkeit eines rechtschaffenen Lebens so erschwerten; oder auf
das Junggesellentum rekurriert, das ebenfalls angeblich nur materielle
Gründe habe, und zu seiner notwendigen Ergänzung nach der Prostitution
verlange. Oder soll doch angeführt werden: daß die Prostitution nicht
bloß bei ärmlichen Gassendirnen zu suchen ist; daß wohlhabende Mädchen
zuweilen sich aller Vorteile ihres Rufes begeben, und ein offenes
Flanieren auf der Straße versteckten Liebschaften vorziehen -- denn
zur _richtigen_ Prostitution _gehört_ die _Gasse_ --; daß viele
Stellen in Geschäftsläden, in der Buchhaltung, im Post-, Telegraphen-
und Telephondienste, wo immer eine rein schablonenmäßige Tätigkeit
beansprucht wird, mit Vorliebe an Frauen vergeben werden, weil W viel
weniger differenziert und eben darum bedürfnisloser ist als M, der
Kapitalismus aber lange vor der Wissenschaft das weggehabt hat, daß
man die Frauen ihrer niedrigeren Lebenshaltung wegen auch schlechter
bezahlen dürfe. Übrigens findet selbst die junge Dirne, weil sie
teueren Mietzins zu zahlen, eine nicht gewöhnliche Kleidung zu tragen
und den Souteneur auszuhalten hat, meist nur sehr schwer ihr Auskommen.
Wie tief der Hang zu ihrem Leben in ihnen wurzelt, das bezeugt die
häufige Erscheinung, daß Prostituierte, wenn sie geehelicht werden,
wieder zu ihrem früheren Gewerbe zurückkehren. Die Prostituierten
sind ferner vermöge unbekannter, aber offenbar in einer angeborenen
Konstitution liegender Ursachen gegen manche Infektionen oft _immun_,
denen »rechtschaffene Frauen« meist unterliegen. Schließlich hat die
Prostitution _immer_ bestanden und ist mit den Errungenschaften der
kapitalistischen Ära keineswegs relativ gewachsen, ja, sie gehörte
sogar zu den _religiösen_ Institutionen gewisser Völker des Altertums,
z. B. der Phönizier.
Die Prostitution kann also keineswegs als etwas betrachtet werden,
wohin erst der Mann die Frau gedrängt hat. Oft genug wird sicherlich
ein Mann die Schuld tragen, wenn ein Mädchen ihren Dienst verlassen
mußte und sich brotlos fand. Daß aber in solchem Falle zu etwas
gegriffen werden kann, wie es die Prostitution ist, muß in der Natur
des menschlichen Weibes selbst liegen. Was nicht ist, kann auch nicht
werden. Dem echten Manne, den materiell noch öfter ein widriges
Schicksal trifft, und welcher Armut intensiver empfindet als das Weib,
ist gleichwohl die Prostitution fremd, und männliche Prostituierte
(unter Kellnern, Friseurgehilfen etc.) sind immer vorgerückte sexuelle
Zwischenformen. Demnach ist die Eignung und der Hang zum Dirnentum
ebenso wie die Anlage zur Mutterschaft in einem Weibe organisch, von
der Geburt an vorhanden.
Damit soll aber nicht gesagt sein, jedes Weib, das zur Dirne wird, sei
mit ausschließlich innerer Notwendigkeit dazu geworden. Es stecken
vielleicht in den meisten Frauen _beide_ Möglichkeiten, sowohl die
Mutter als die Dirne; nur die Jungfrau -- man entschuldige; ich weiß,
es ist rücksichtslos gegen die _Männer_ -- nur die Jungfrau, die gibt
es nicht. Worauf es in solchen Schwebefällen ankommt, das kann nur der
Mann sein, der ein Weib zur Mutter zu machen auf jeden Fall durch seine
Person imstande ist; nicht erst durch den Koitus, sondern durch ein
einmaliges _Anblicken_. _Schopenhauer_ bemerkt, der Mensch müsse sein
Dasein streng genommen von dem Augenblick datieren, da sein Vater und
seine Mutter sich ineinander verliebt hätten. Das ist nicht richtig.
Die Geburt eines Menschen müßte, im idealen Falle, in den Augenblick
verlegt werden, wo _eine Frau $ihn$_, den Vater ihres Kindes, _zum
ersten Male erblickt oder auch nur seine Stimme hört_. Die biologische
und medizinische Wissenschaft, die Züchtungslehre und die Gynäkologie
verhalten sich freilich, seit über sechzig Jahren, unter dem Einflusse
von _Johannes Müller_, Th. _Bischoff_ und Ch. _Darwin_, der Frage des
»Versehens« oder »Verschauens« gegenüber beinahe durchaus ablehnend.
Es wird im weiteren eine Theorie des Versehens zu entwickeln versucht
werden; hier möchte ich nur soviel bemerken, daß die Sache denn doch
vielleicht nicht so steht, daß es kein Versehen geben dürfe, weil
es mit der Ansicht sich nicht vertrage, daß bloß Samenzelle und Ei
das neue Individuum bilden helfen; sondern es gibt ein Versehen,
und die Wissenschaft soll trachten, es zu erklären, statt es als
schlechterdings unmöglich in Abrede zu stellen, und zu tun, als ob
sie in erfahrungswissenschaftlichen Dingen je über so viel Erfahrung
verfügen könnte, um eine solche Behauptung aufstellen zu dürfen. In
einer apriorischen Disziplin, wie der Mathematik, darf ich es ganz
ausgeschlossen nennen, daß auf dem Planeten Jupiter 2 × 2 = 5 sei; die
Biologie kennt nur Sätze von »komparativer Allgemeinheit« (_Kant_).
Wenn ich hier _für_ das Versehen eintreten und in seiner Leugnung
eine Beschränktheit erblicken muß, will ich doch keineswegs behauptet
haben, daß alle sogenannten Mißbildungen, oder auch nur ein sehr
großer Teil derselben in ihm ihren Grund haben. Es kommt vorläufig nur
auf die Möglichkeit einer Beeinflussung der Nachkommenschaft ohne den
Koitus mit der Mutter an. Und da möchte ich zu sagen wagen[46]: so
wie sicherlich, wenn _Schopenhauer_ und _Goethe_ in der Farbenlehre
_einer_ Meinung sind, sie schon darum _a priori_ gegen alle Physiker
der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft recht haben dürften,
ebenso wird etwas, das für _Ibsen_ (»Frau vom Meer«) und _Goethe_
(»Wahlverwandtschaften«) _Wahrheit_ ist, noch nicht _falsch_ durch das
Gutachten sämtlicher medizinischer Fakultäten der Welt.
Der Mann übrigens, von dem eine so starke Wirkung auf die Frau erwartet
werden könnte, daß ihr Kind auch dann ihm ähnlich würde, wenn es nicht
aus seinem Samen sich entwickelt hat, dieser Mann müßte die Frau
sexuell in äußerst vollkommener Weise ergänzen. Wenn demnach solche
Fälle nur sehr _selten_ sind, so liegt dies an der Unwahrscheinlichkeit
eines Zusammentreffens so vollständiger Komplemente, und darf keinen
Einwand gegen die _prinzipielle Möglichkeit_ solcher Tatsachen bilden,
wie sie _Goethe_ und _Ibsen_ dargestellt haben.
_Ob_ aber eine Frau jenen Mann trifft, der sie durch seine bloße
Gegenwart zur Mutter seines Kindes macht, das ist Zufallssache.
_Insofern_ ist für _viele_ Mütter und Prostituierte wohl die
_Denkbarkeit_ zuzugeben, daß sich ihre Lose umgekehrt hätten gestalten
können. Aber anderseits gibt es nicht nur zahllose Beispiele, in
welchen auch ohne diesen Mann die Frau im Mutter-Typus verbleibt,
sondern es kommen ebenso zweifellos Fälle vor, wo dieser eine Mann
_auftritt_, und doch auch _sein_ Erscheinen die schließliche,
endgültige Wendung zur Prostitution nicht zu hindern vermag.
Es bleibt demnach nichts übrig, als _zwei_ angeborene, entgegengesetzte
Veranlagungen anzunehmen, die sich auf die verschiedenen Frauen in
verschiedenem Verhältnis verteilen: die absolute Mutter und die
absolute Dirne. _Zwischen_ beiden liegt die Wirklichkeit: es gibt
sicherlich kein Weib ohne alle Dirneninstinkte (viele werden das
leugnen und fragen, woran denn das Dirnenhafte in vielen Frauen
erkennbar sei, die nichts weniger als Kokotten zu sein scheinen; ich
verweise diesbezüglich einstweilen nur auf den Grad der Bereitschaft
und Willigkeit, sich von irgendwelchem Fremden unzüchtig berühren und
diesen an sich anstreifen zu lassen; legt man diesen Maßstab an, so
wird man finden, daß es keine absolute Mutter gibt). Ebensowenig aber
existiert ein Weib, das aller mütterlichen Regungen bar wäre; obgleich
ich gestehen muß, außerordentliche Annäherungen an die absolute Dirne
viel öfter gefunden zu haben als solche Grade von Mütterlichkeit,
hinter denen alles Dirnenhafte zurücktritt.
Das Wesen der Mutterschaft besteht, wie schon die erste und
oberflächlichste Analyse des Begriffes ergibt, darin, daß die
Erreichung des _Kindes_ der Hauptzweck des Lebens der _Mutter_ ist,
indessen bei der absoluten _Dirne_ dieser Zweck für die Begattung
gänzlich in Wegfall gekommen scheint. Eine eingehendere Untersuchung
wird also vor allem _zwei_ Dinge in Betracht ziehen und sehen müssen,
wie sich Dirne und Mutter zu beiden verhalten: die Beziehung einer
jeden zum Kinde, und ihre Beziehung zum Koitus.
Zunächst scheiden sich beide, Mutter und Dirne, durch der ersteren
Verhältnis zum Kinde. Der absoluten Dirne liegt nur am Manne, der
absoluten Mutter kann nur am Kinde gelegen sein. Prüfstein ist am
sichersten das Verhältnis zur Tochter: nur wenn sie diese gar nie
beneidet wegen größerer Jugend oder Schönheit, ihr nie die Bewunderung
im geringsten mißgönnt, die sie bei den Männern findet, _sondern sich
vollständig mit ihr identifiziert_ und des Verehrers ihrer Tochter sich
so freut, als wäre er ihr eigener Anbeter, nur dann ist sie Mutter zu
nennen.
Die absolute Mutter, der es allein auf das Kind ankommt, wird Mutter
durch jeden Mann. Man wird finden, daß Frauen, die in ihrer Kindheit
eifriger als die anderen mit Puppen spielten, bereits als Mädchen
Kinder sehr liebten und gerne warteten, dem Manne gegenüber wenig
wählerisch sind, sondern bereitwillig den ersten besten Gatten nehmen,
der sie halbwegs zu versorgen imstande und ihren Eltern und Verwandten
genehm ist. Wenn ein solches Mädchen aber, gleichgültig durch wen,
Mutter geworden ist, so bekümmert es sich, im Idealfalle, um keinen
anderen Mann mehr. Der absoluten Dirne hingegen sind, schon als Kind,
Kinder ein Greuel; später benützt sie das Kind höchstens als Mittel, um
durch Vortäuschung eines, auf Rührung des Mannes berechneten, Idylles
zwischen Mutter und Kind, diesen an sich zu locken. Sie ist das Weib,
das _allen_ Männern zu gefallen das Bedürfnis hat, und da es keine
absolute Mutter gibt, wird man in jeder Frau mindestens noch die _Spur_
dieser allgemeinen Gefallsucht entdecken können, welche nie auch nur
auf einen Mann der Welt verzichtet.
Hier nimmt man übrigens eine _formale Ähnlichkeit_ zwischen der
absoluten Mutter und der absoluten Kokotte wahr. _Beide_ sind
eigentlich in Bezug auf die _Individualität_ des sexuellen Komplementes
_anspruchslos_. Die eine nimmt jeden beliebigen Mann, der ihr zum
Kinde dienlich ist, und bedarf keines weiteren Mannes, sobald sie das
Kind hat: _nur aus diesem Grunde ist sie »monogam« zu nennen_. Die
andere gibt sich jedem beliebigen Mann, der ihr zum erotischen Genusse
verhilft: dieser ist für sie Selbstzweck. Hier berühren sich also die
beiden Extreme, wir mögen somit hoffen, einen Durchblick auf das Wesen
des Weibes _überhaupt_ von da aus gewinnen zu können.
In der Tat muß ich die allgemeine Ansicht, welche ich lange geteilt
habe, völlig verfehlt nennen, die Ansicht, daß das _Weib_ monogam
und der _Mann_ polygam sei. _Das Umgekehrte_ ist der Fall. Man darf
sich nicht dadurch beirren lassen, daß die Frauen oft lange den Mann
abwarten und, wenn möglich, wählen, der ihnen am meisten Wert zu
schenken in der Lage ist -- den Herrlichsten, Berühmtesten, den »Ersten
unter Allen«. Dieses Bedürfnis scheidet das Weib vom Tiere, welches
Wert überhaupt nicht, weder vor sich selbst, durch sich selbst (wie
der Mann), noch durch einen anderen, vor einem anderen (wie das Weib)
zu gewinnen trachtet. Aber nur von Dummköpfen konnte es im rühmenden
Sinne hervorgehoben werden, da es doch am sichersten zeigt, wie die
Frau alles _Eigenwertes_ entbehrt. Dieses Bedürfnis nun verlangt
allerdings nach Befriedigung; es liegt aber in ihm durchaus nicht der
sittliche _Gedanke_ der Monogamie. Der Mann ist in der Lage, Wert zu
spenden, Wert zu übertragen an die Frau, er _kann schenken_, er _will_
auch schenken; nie kann er seinen Wert, wie das Weib, als Beschenkter
finden. Die Frau sucht also zwar sich möglichst viel Wert zu
verschaffen, indem sie ihre Erwählung durch jenen einen Mann betreibt,
der ihr den _meisten_ Wert geben kann; der Ehe aber liegen, beim Manne,
ganz andere Motive zu Grunde. Sie ist jedenfalls ursprünglich als die
Vollendung der idealen Liebe, als eine Erfüllung gedacht, auch wenn
es sehr fraglich ist, ob sie so viel je wirklich leisten kann. Sie
ist ferner durchdrungen von dem ganz und gar männlichen Gedanken der
_Treue_ (die Kontinuität, ein intelligibles _Ich_ voraussetzt). Man
wird zwar oft das Weib treuer nennen hören als den Mann; die Treue des
Mannes ist nämlich für ihn ein _Zwang_, den er sich, allerdings im
_freien_ Willen und mit vollem _Bewußtsein_, auferlegt hat. Er wird an
diese Selbstbindung oft sich nicht kehren, aber dies stets als sein
Unrecht betrachten oder irgendwie fühlen. Wenn er die Ehe bricht, so
hat er sein intelligibles Wesen nicht zum Worte kommen lassen. Für die
Frau ist der Ehebruch ein kitzelndes Spiel, in welchem der Gedanke
der Sittlichkeit gar nicht, sondern nur die Motive der Sicherheit und
des Rufes mitsprechen. Es gibt kein Weib, das in Gedanken ihrem Manne
nie untreu geworden wäre, _ohne_ daß es aber darum dies auch schon
sich vorwürfe. Denn das Weib geht die Ehe zitternd und voll unbewußter
Begier ein und bricht sie, da es kein der Zeitlichkeit entrücktes
Ich hat, so erwartungsvoll, so gedankenlos, wie es sie geschlossen
hat. Jenes Motiv, das einem _Vertrage_ Treue wahren heißt, kann nur
beim Manne sich finden; für die bindende Kraft eines gegebenen Wortes
fehlt der Frau das Verständnis. Was man als Beispiele weiblicher Treue
anführt, beweist hiegegen wenig. Sie ist entweder die lange Nachwirkung
eines intensiven Verhältnisses sexueller Folgsamkeit (_Penelope_)
oder dieses Hörigkeitsverhältnis selbst, hündisch, nachlaufend, voll
instinktiver zäher Anhänglichkeit, vergleichbar der körperlichen
Nähe als Bedingung alles weiblichen Mitleidens (_Das Käthchen von
Heilbronn_).
Die Ein-Ehe hat also der Mann geschaffen. Sie hat ihren Ursprung im
Gedanken der männlichen Individualität, die im Wandel der Zeiten
unverändert fortdauert; und demnach zu ihrer vollen Ergänzung stets
nur eines und desselben Wesens bedürfen kann. Insoweit liegt in dem
Plane der _Ein-Ehe_ unleugbar etwas Höheres und findet die Aufnahme
derselben unter die Sakramente der katholischen Kirche eine gewisse
Rechtfertigung. Dennoch soll hiemit in der Frage »Ehe oder freie Liebe«
nicht Partei ergriffen sein. Auf dem Boden irgendwelcher Abweichungen
vom strengsten Sittengesetz -- und eine solche Abweichung liegt in
jeder empirischen Ehe -- sind _völlig_ befriedigende Problemlösungen
nie mehr möglich: _zugleich_ mit der Ehe ist der Ehe_bruch_ auf die
Welt gekommen.
_Trotzdem_ kann die Ehe nur vom Manne eingesetzt sein. Es gibt kein
Rechtsinstitut weiblichen Ursprungs, alles _Recht_ rührt vom Manne, und
nur viele _Sitte_ vom Weibe her (schon darum wäre es ganz verfehlt,
das Recht aus der Sitte, oder umgekehrt die Sitte aus dem Recht
hervorgehen zu lassen. Beide sind ganz heterogene Dinge). _Ordnung_ in
wirre sexuelle Verhältnisse zu bringen, dazu kann, wie nach Ordnung,
nach _Regel_, nach Gesetz überhaupt (im praktischen wie theoretischen)
nur der Mann -- donna è mobile -- das Bedürfnis und die Kraft besessen
haben. Und es scheint ja wirklich für viele Völker eine Zeit gegeben
zu haben, da die Frauen auf die soziale Gestaltung großen Einfluß
nehmen durften; aber damals gab es nichts weniger als Ehe: die Zeit des
_Matriarchats_ ist die Zeit der _Vielmännerei_. --
Das ungleiche Verhältnis der Mutter und der Dirne zum Kinde ist
reich an weiteren Aufschlüssen. Ein Weib, das vorwiegend Dirne ist,
wird auch in ihrem Sohne zunächst dessen Mannheit wahrnehmen und
stets in einem sexuellen Verhältnis zu ihm stehen. Da aber kein Weib
ganz mütterlich ist, läßt es sich nicht verkennen, daß ein letzter
Rest sexueller Wirkung von jedem Sohne auf seine Mutter ausgeht.
Darum bezeichnete ich früher das Verhältnis zur Tochter als den
zuverlässigsten Maßstab der Mutterliebe. Sicherlich steht anderseits
auch jeder Sohn zu seiner Mutter in einer, wenn auch vor den Blicken
beider noch so verschleierten, sexuellen Beziehung. In der ersten
Zeit der Pubertät kommt dies bei den meisten Männern, bei manchen
selbst noch später hin und wieder, aus seiner Zurückdrängung im wachen
Bewußtsein, durch sexuelle Phantasien während des Schlafes, deren
Objekt die Mutter bildet, zum Vorschein (»Ödipus-Traum«). Daß aber
auch im eigentlichsten Verhältnis der echten Mutter zum Kinde noch ein
tiefes, sexuelles Verschmolzenheitselement steckt, darauf scheinen
die Wollustgefühle hinzudeuten, welche die Frau bei der Laktation so
unzweifelhaft empfindet, wie die anatomische Tatsache feststeht, daß
sich unter der weiblichen Brustwarze erektiles Gewebe befindet und von
den Physiologen ermittelt ist, daß durch Reizung von diesem Punkte aus
Zusammenziehungen der Gebärmuttermuskulatur ausgelöst werden können.
Sowohl die Passivität, welche für das Weib aus dem aktiven Saugen des
Kindes resultiert, als auch der Zustand inniger, körperlicher Berührung
während der Spende der Muttermilch stellen eine sehr vollkommene
Analogie zum Verhalten des Weibes im Koitus her; sie lassen es
begreiflich erscheinen, daß die monatlichen Blutungen auch während der
Laktation pausieren, und geben der unklaren, aber tiefen Eifersucht des
Mannes schon auf den Säugling ein gewisses Recht. Das Nähren des Kindes
ist aber eine durchaus mütterliche Beschäftigung; je mehr eine Frau
Dirne ist, desto weniger wird sie ihr Kind selbst stillen wollen, desto
schlechter wird sie es können. Es läßt sich also nicht leugnen, daß das
Verhältnis Mutter--Kind an sich bereits ein dem Verhältnis Weib--Mann
verwandtes ist.
Die Mütterlichkeit ist ferner gleich allgemein wie die Sexualität und
den verschiedenen Wesen gegenüber so abgestuft wie diese. Wenn eine
Frau mütterlich ist, muß ihre Mütterlichkeit nicht nur dem leiblichen
Kinde gegenüber sich offenbaren, sondern auch schon vorher und jedem
Menschen gegenüber zum Ausdruck kommen; wenngleich das Interesse für
das eigene Kind später alles andere absorbiert und die Mutter im
Falle eines Konfliktes durchaus engherzig, blind und ungerecht macht.
Am interessantesten ist hier das Verhältnis des mütterlichen Mädchens
zum Geliebten. Mütterliche Frauen nämlich sind schon als Mädchen dem
Manne gegenüber, den sie lieben, selbst für jenen Mann, der später
Vater ihres Kindes wird, Mütter; _er $ist$ selbst schon in gewissem
Sinne ihr Kind_. In diesem Mutter und liebender Frau Gemeinsamen[47]
offenbart sich uns das tiefste Wesen _dieses_ Weibestypus: es ist
der fortlaufende Wurzelstock der Gattung, den die Mütter bilden,
das nie endende, mit dem Boden verwachsene Rhizom, von dem sich der
einzelne _Mann_ als Individuum _ab_hebt und dem gegenüber er seiner
Vergänglichkeit inne wird. Dieser Gedanke ist es, mehr oder weniger
bewußt, welcher den Mann selbst das mütterliche Einzelwesen, auch schon
als Mädchen, in einer gewissen Ewigkeit erblicken läßt[48], der das
schwangere Weib zu einer großen Idee macht (_Zola_). Die ungeheuere
_Sicherheit_ der Gattung, aber freilich sonst nichts, liegt in dem
_Schweigen_ dieser Geschöpfe, vor dem sich der Mann für Augenblicke
sogar klein fühlen kann. Ein gewisser Friede, eine große Ruhe mag
in solchen Minuten über ihn kommen, ein Schweigen aller höheren
und tieferen Sehnsucht, und er mag so für Momente wirklich wähnen,
den tiefsten Zusammenhang mit der Welt durch das Weib gefunden zu
haben. Wird er doch beim geliebten Weib dann ebenfalls zum _Kinde_
(_Siegfried_ bei _Brünnhilde_, dritter Akt); zum Kinde, das die Mutter
lächelnd betrachtet, für das sie unendlich viel _weiß_, dem sie Pflege
angedeihen läßt, das sie zähmt und im Zaum hält. Aber nur auf Sekunden
(Siegfried reißt sich von Brünnhilde). Denn was den Mann ausmacht,
ist ja nur, was ihn von der Gattung loslöst, indem es ihn über sie
erhebt. Darum ist die Vaterschaft durchaus nicht die Befriedigung
seines tiefsten Gemütsbedürfnisses, darum ist ihm der Gedanke, in der
Gattung auf-, in ihr unterzugehen, entsetzlich; und das fürchterlichste
Kapitel, in dem trostärmsten unter den großen Büchern der menschlichen
Literatur, in der »Welt als Wille und Vorstellung«, das »Über den Tod
und sein Verhältnis zur Unzerstörbarkeit unseres Wesens an sich«,
wo diese Unendlichkeit des Gattungswillens als die einzig wirkliche
Unsterblichkeit hingestellt ist.
Die Sicherheit der Gattung ist es, welche die Mutter mutig und
unerschrocken macht im Gegensatz zur stets feigen und furchtsamen
Prostituierten. Es ist nicht der Mut der Individualität, der moralische
Mut, der aus der Werthaltung der Wahrheit und der Unbeugsamkeit
des innerlich Freien folgt, sondern der Lebenswille der Gattung,
welche durch die Einzelperson der Mutter das Kind und selbst den
Mann schützt. Wie vom Begriffspaare Mut und Feigheit, so ist auch
vom Gegensatz Hoffnung -- Furcht die Hoffnung der Mutter, die Furcht
der Dirne zugefallen. Die absolute Mutter ist sozusagen stets und in
jeder Beziehung »in der Hoffnung«; da sie in der Gattung unsterblich
ist, kennt sie auch keine Furcht vor dem Tode, vor dem die Dirne
eine entsetzliche Angst hat, ohne im geringsten ein individuelles
Unsterblichkeitsbedürfnis zu hegen -- ein Beweis mehr, wie falsch es
ist, das Begehren nach persönlicher Fortdauer bloß auf die Furcht vor
dem körperlichen Tode und das Wissen um diesen zurückzuführen.
Die Mutter fühlt sich dem Manne stets überlegen, sie weiß sich
als seinen Anker; indes sie selbst in der geschlossenen Kette der
Generationen wohl gesichert, gleichsam den Hafen vorstellt, aus dem
jedes Schiff neu ausläuft, steuert der Mann weit draußen allein auf
hoher See. Die Mutter ist, im höchsten Alter noch, immer bereit, das
Kind zu empfangen und zu bergen; bereits in der Konzeption des Kindes
lag psychisch, wie sich zeigen wird, für die Mutter dieses Moment,
in der Schwangerschaft tritt das andere des Schutzes und der Nahrung
ganz deutlich zu Tage. Dieses Überlegenheitsverhältnis kommt auch
vor dem Geliebten zum Vorschein: die Mutter hat Verständnis für das
Naive und Kindliche, für die _Einfalt_ im Manne, die Hetäre für seine
Feinheiten und sein Raffinement. Die Mutter hat das Bedürfnis, ihr
Kind zu lehren, ihm alles zu geben, sei dieses Kind auch der Geliebte;
die Hetäre brennt darauf, daß ihr der Mann _imponiere_, sie will ihm
selbst erst alles _verdanken_. Die Mutter als Vertreterin des Genus,
das sich in jedem seiner Angehörigen auswirkt, ist freundlich gegen
alle Mitglieder der Gattung (_selbst jede Tochter ist in diesem Sinne
noch die Mutter ihres Vaters_); erst wenn die Interessen der engeren
Kinder auf dem Spiele stehen, wird sie, aber dann auch in einem
außerordentlichen Grade, exklusiv; die Dirne ist nie so liebreich und
nie so engherzig, wie die Mutter es sein kann.
_Die Mutter steht ganz unter dem Gattungszweck; die Prostituierte steht
außerhalb desselben._ Ja die Gattung hat eigentlich nur diesen einen
Anwalt, diese eine Priesterin, die Mutter; der Wille des Genus kommt
nur in ihr rein zum Ausdruck, während bereits die Erscheinung der Dirne
den Beweis dafür liefert, daß _Schopenhauers_ Lehre, es handle sich in
aller Sexualität nur um die Zusammensetzung der künftigen Generation,
unmöglich allgemein zutreffen kann. Daß es der Mutter nur auf das Leben
ihrer Gattung ankommt, wird auch daraus ersichtlich, daß mütterliche
Frauen es sind, die gegen Tiere am meisten Härte beweisen. Man muß
beobachtet haben, mit welcher unerschütterlichen Ruhe, wie durchdrungen
von der Verdienstlichkeit ihres Amtes die gute Hausfrau und Mutter ein
Huhn nach dem anderen schlachtet. Denn die Kehrseite der Mutterschaft
ist die Stiefmutterschaft; jede Mutter ihrer Kinder ist Stiefmutter
aller anderen Geschöpfe.
Noch auffallender als diese Bestätigung fällt für den Zusammenhang
der Mutter mit der Erhaltung der Gattung ihr eigentümlich inniges
Verhältnis zu allem ins Gewicht, was zur _Nahrung_ dient. Sie kann es
nicht ertragen, daß irgend etwas, das hätte gegessen werden können, sei
es auch ein noch so geringfügiger Rest, zu Grunde gehe. Ganz anders die
Dirne, die nach Willkür, ohne rechten Grund jetzt große Quantitäten
an Vorräten zum Essen und Trinken beschafft, um sie dann haufenweise
»stehen« zu lassen. Die Mutter ist überhaupt geizig und kleinlich,
die Prostituierte verschwenderisch, launisch. Denn die _Erhaltung der
Gattung_ ist der Zweck, für den die Mutter lebt; so sorgt sie sich
eifrig darum, daß die von ihr Bemutterten sich satt essen, und durch
nichts ist sie so zu erfreuen, wie durch einen gesegneten Appetit.
Damit hängt ihr Verhältnis zum Brode, zu allem, was Wirtschaft heißt,
zusammen. _Ceres_ ist eine gute Mutter: eine Tatsache, die in ihrem
griechischen Namen _Demeter_ deutlich zum Ausdruck kommt. So pflegt die
Mutter die Physis, nicht aber die Psyche des Kindes[49]. Das Verhältnis
zwischen Mutter und Kind bleibt von seiten der Mutter immer ein
körperliches: vom Küssen und Herzen des Kleinen bis zu der umgebenden
und einwickelnden Sorge für den Erwachsenen. Auch das aller Vernunft
bare Entzücken über jedwede Lebensäußerung des kleinen Säuglings
ist nicht anders zu verstehen, als aus dieser einzigen Aufgabe der
Erhaltung und Hut des irdischen Daseins.
Damit ergibt sich hieraus auch, warum die Mutterliebe nicht wahrhaft
sittlich hochgeschätzt werden kann. Es frage sich jeder aufrichtig, ob
er glaubt, daß ihn seine Mutter nicht ebenso lieben würde, wenn er ganz
anders wäre als er ist, ob ihre Neigung geringer würde, wenn er nicht
er, sondern ein ganz anderer Mensch wäre! _Hier_ liegt der springende
Punkt, und hier sollen die Rede stehen, welche von der moralischen
Hochachtung des Weibes um der Mutterliebe willen nicht lassen wollen.
Die Individualität des Kindes ist der Mutterliebe ganz gleichgültig,
ihr genügt die bloße Tatsache der Kindschaft: _und dies ist eben das
Unsittliche an ihr_. In jeder Liebe von Mann zu Weib, auch in jeder
Liebe innerhalb des gleichen Geschlechtes, kommt es sonst immer auf
ein bestimmtes Wesen mit ganz besonderen körperlichen und psychischen
Eigenschaften an; nur die Mutterliebe erstreckt sich wahllos auf alles,
was die Mutter je in ihrem Schoße getragen hat. Es ist ein grausames
Geständnis, das man sich macht, grausam gegen Mutter und Kind, daß
gerade hierin sich offenbart, wie vollkommen unethisch die Mutterliebe
eigentlich ist, jene Liebe, die ganz gleich fortwährt, ob der Sohn ein
Heiliger oder ein Verbrecher, ein König oder ein Bettler werde, ein
Engel bleibe oder zum Scheusal entarte. Nicht minder gemein freilich
ist der Anspruch, den so oft die Kinder auf die Liebe ihrer Mutter
zu haben glauben, bloß weil sie deren Kinder sind (besonders gilt
dies von den Töchtern; indessen sind auch die Söhne in diesem Punkte
meist fahrlässig). Die Mutterliebe ist darum unmoralisch, weil sie
kein Verhältnis zum fremden _Ich_ ist, sondern ein _Verwachsensein_
von Anfang an darstellt; sie ist, wie alle Unsittlichkeit gegen
andere, eine _Grenzüberschreitung_. Es gibt ein ethisches Verhältnis
nur _von Individualität zu Individualität_. Die Mutterliebe schaltet
die Individualität _aus_, indem sie _wahllos_ und _zudringlich_ ist.
_Das Verhältnis der Mutter zum Kinde ist in alle Ewigkeit ein System
von reflexartigen Verbindungen zwischen diesem und jener._ Schreit
oder weint das Kleine, während die Mutter im Nebenzimmer sitzt,
plötzlich auf, so wird die Mutter wie gestochen emporfahren und zu ihm
hineineilen (eine gute Gelegenheit, um sofort zu erkennen, was eine
Frau mehr ist, Mutter oder Dirne); und auch später teilt sich jeder
Wunsch, jede Klage des Erwachsenen der Mutter augenblicklich mit, sie
werden auf sie gleichsam fortgeleitet, pflanzen sich auf sie über, und
werden unbesehen, unaufgehalten die ihren. _Eine nie unterbrochene
Leitung zwischen der Mutter und allem, was je durch eine Nabelschnur
mit ihr verbunden war_: das ist das Wesen der Mutterschaft, und
ich kann darum in die allgemeine Bewunderung der Mutterliebe nicht
einstimmen, sondern muß gerade das an ihr verwerflich finden, was an
ihr so oft gepriesen wird: ihre Wahllosigkeit. Ich glaube übrigens, daß
von vielen hervorragenderen Denkern und Künstlern dies wohl erkannt
und nur verschwiegen worden ist; die früher so verbreitete große
Überschätzung _Rafaels_ ist gewichen, und sonst stehen die Sänger der
Mutterliebe eben doch nicht höher als _Fischart_ oder als _Richepin_.
Die Mutterliebe ist instinktiv und triebhaft: auch die Tiere kennen sie
nicht weniger als die Menschen. Damit allein wäre aber schon bewiesen,
daß diese Art der Liebe keine echte Liebe, daß dieser Altruismus
keine wahre Sittlichkeit sein kann; denn alle Moral stammt von jenem
intelligiblen Charakter, dessen die gänzlich unfreien tierischen
Geschöpfe entraten. Dem ethischen Imperative kann nur von einem
vernünftigen Wesen gehorcht werden; es gibt keine triebhafte sondern
nur bewußte Sittlichkeit.
Ihre Stellung außerhalb des Gattungszweckes, der Umstand, daß sie
nicht bloß als Aufenthaltsort und Behälter, gleichsam nur zum ewigen
Durchpassieren für neue Wesen dient und sich nicht darin verzehrt,
diesen Nahrung zu geben, stellt die Hetäre in gewisser Beziehung
_über_ die Mutter; soweit dort von ethisch höherem Standort überhaupt
die Rede sein kann, wo es sich um zwei Weiber handelt. Die Mutter,
die ganz in Pflege und Kleidung von Mann und Kind, in Besorgung oder
Aufsicht von Küche und Haus, Garten und Feld aufgeht, steht fast
immer intellektuell sehr tief. Die geistig höchstentwickelten Frauen,
alles, was dem Manne irgendwie _Muse_ wird, gehört in die Kategorie
der Prostituierten: zu diesem, dem _Aspasien-Typus_, sind die Frauen
der Romantik zu rechnen, vor allem die hervorragendste unter ihnen,
_Karoline Michaelis-Böhmer-Forster-Schlegel-Schelling_.
Es hängt damit zusammen, daß nur solche Männer sexuell von der Mutter
sich angezogen fühlen, die kein Bedürfnis nach geistiger Produktivität
haben. Wessen Vaterschaft sich auf leibliche Kinder beschränkt, von dem
ist es ja auch zu erwarten, daß er die fruchtbare Frau, die Mutter,
erwählen wird vor der anderen. _Bedeutende Menschen haben stets nur
Prostituierte geliebt_[50]; ihre Wahl fällt auf das sterile Weib,
wie sie selbst, wenn überhaupt eine Nachkommenschaft, so stets eine
lebensunfähige, bald aussterbende hervorbringen -- was vielleicht
einen tiefen ethischen Grund hat. Die irdische Vaterschaft nämlich
ist ebenso geringwertig wie die Mutterschaft; sie ist unsittlich, wie
sich später zeigen wird (Kapitel 14); und sie ist unlogisch, denn sie
stellt in jeder Beziehung eine Illusion vor: wie weit er Vater seines
Kindes ist, dessen ist kein Mensch je gewiß. Und auch ihre Dauer ist
doch immer kurz und vergänglich: jedes Geschlecht und jede Rasse der
Menschheit ist schließlich zu Grunde gegangen und erloschen.
Die so verbreitete, so ausschließliche und geradezu ehrfürchtige
Wertschätzung der mütterlichen Frau, die man dann gerne noch für den
alleinigen und einzig echten Typus des Weibes auszugeben pflegt, ist
nach alledem völlig unberechtigt; obwohl von fast allen Männern zähe
an ihr festgehalten, ja gewöhnlich noch behauptet wird, daß jede
Frau erst als Mutter ihre Vollendung finde. Ich gestehe, daß mir
die Prostituierte nicht als Person, sondern als Phänomen weit mehr
imponiert.
Die allgemeine Höherstellung der Mutter hat verschiedene Gründe.
Vor allem scheint sie, da ihr am Manne an sich nichts oder nur so
viel liegt, als er Kind ist, eher geeignet, dem Virginitätsideal
zu entsprechen, das, wie sich zeigen wird, stets erst der Mann aus
einem gewissen Bedürfnis an die Frau heranbringt; welcher Keuschheit
ursprünglich fremd ist, der nach Kindern begehrenden Mutter ganz ebenso
wie der männersüchtigen Dirne.
Jenen Schein großer Sittlichkeit vergilt ihr der Mann durch die,
an und für sich ganz unbegründete, moralische und soziale Erhebung
über die Prostituierte. Diese ist das Weib, das sich den Wertungen
des Mannes und dem von ihm bei der Frau gesuchten Keuschheitsideale
nie gefügt, sondern stets, in verborgenem Sträuben als Weltdame, in
passivem leisen Widerstande als Halbweltlerin, in offener Demonstration
als Gassendirne, _widersetzt_ hat. _Hieraus allein_ erklärt sich die
Sonderposition, die Stellung außer aller sozialen Achtung, ja nahezu
außer Recht und Gesetz, welche die Prostituierte heute fast überall
einnimmt. Die Mutter hatte es leicht, sich dem sittlichen Willen des
Mannes zu unterwerfen, da es ihr nur auf das Kind, auf das Leben der
Gattung ankam.
Ganz anders die Dirne. Sie lebt wenigstens ihr eigenes Leben ganz
und gar[51], wenn sie auch dafür -- im extremen Falle -- mit dem
Ausschluß aus der Gesellschaft bestraft wird. Sie ist zwar nicht mutig
wie die Mutter, vielmehr feige durch und durch, aber sie besitzt
auch das stete Korrelat der Feigheit, die Frechheit, und so hat sie
wenigstens die Unverschämtheit ihrer Schamlosigkeit. Von Natur zur
Vielmännerei veranlagt, und immer mehr Männer anziehend als bloß den
einen Gründer einer Familie, ihren Trieben Lauf lassend und sie wie im
Trotze befriedigend, fühlt sie sich als Herrscherin, und die tiefste
Selbstverständlichkeit ist ihr, daß sie Macht habe. Die Mutter ist
leicht zu kränken oder zu empören, die Prostituierte kann niemand
verletzen, niemand beleidigen; denn die Mutter hat als Hüterin des
Genus, der Familie eine gewisse _Ehre_, die Prostituierte hat auf alle
soziale Ehre verzichtet, und das ist ihr Stolz, darum wirft sie den
Nacken zurück. Den Gedanken aber, daß sie keine Macht habe, vermöchte
sie nicht zu fassen. (»La maîtresse«.) Sie erwartet es und kann es gar
nicht anders glauben, als daß alle Menschen sich mit ihr befassen, nur
an sie denken, _für sie leben_. Und tatsächlich ist sie es auch --
sie, das Weib als Dame -- welche die meiste Macht unter den Menschen
besitzt, den größten, ja den alleinigen Einfluß ausübt in allem
Menschenleben, das nicht durch männliche Verbände (vom Turnverein bis
zum Staat) geregelt ist.
Sie bildet hier das Analogon zum großen Eroberer auf politischem
Gebiet. Wie dieser, wie _Alexander_ und _Napoleon_, wird die ganz
große, ganz bezaubernde Dirne vielleicht nur alle tausend Jahre einmal
geboren, aber dann feiert sie auch, wie dieser, ihren Siegeszug durch
die ganze Welt.
Jeder solche Mann steht immer in einer gewissen Verwandtschaft zur
Prostituierten (jeder Politiker ist irgendwie _Volkstribun_, und
im Tribunat steckt ein Element der Prostitution); wie er ist die
Prostituierte, im Gefühle ihrer Macht, vor dem Manne nie im geringsten
verlegen, während es jeder Mann gerade ihr und ihm gegenüber immer
ist. Wie der große Tribun glaubt sie jeden Menschen, mit dem sie
spricht, zu _beglücken_ -- man beobachte ein solches Weib, wenn es
einen Polizeimann um eine Auskunft bittet, wenn es in ein Geschäft
tritt; gleichgültig ob Männer oder Frauen darin angestellt sind,
gleichgültig, wie klein der Einkauf ist, den sie macht: immer glaubt
sie Gaben _auszuteilen_ nach allen Seiten hin. Man wird in jedem
geborenen Politiker dieselben Elemente entdecken. Und die Menschen,
alle Menschen haben _beiden_ gegenüber -- man denke, sogar der
selbstbewußte _Goethe_ in seinem Verhalten zu _Napoleon_ in Erfurt --
tatsächlich und unwiderstehlich das Gefühl, _beschenkt_ worden zu sein
(_Pandora-Mythus_; _Geburt der Venus_: die aus dem Meer aufsteigt und
bereits darbietend um sich blickt).
Hiemit bin ich, wie ich im fünften Kapitel[52] versprochen habe,
nochmals zu den »Männern der Tat« auf einen Augenblick zurückgekehrt.
Selbst ein so tiefer Mensch wie _Carlyle_ hat sie hochgewertet, ja »the
hero as king« zuletzt, zuhöchst unter allen Heroen gesetzt. Es wurde
schon an jener Stelle gezeigt, warum dies nicht zutreffen kann. Ich
darf jetzt weiter darauf hinweisen, wie alle großen Politiker Lüge und
Betrug zu brauchen nicht scheuen, auch die größten nicht, _Caesar_,
_Cromwell_, _Napoleon_, _Bismarck_; wie _Alexander der Große_ sogar zum
Mörder wurde und sich seine Schuld von einem Sophisten nachträglich
bereitwillig ausreden ließ. Verlogenheit aber ist unvereinbar mit
Genialität; _Napoleon_ hat auf St. Helena von Lüge gesättigte, von
Sentimentalität triefende Memoiren geschrieben, und sein letztes Wort
war noch die altruistische Pose, daß er stets nur Frankreich geliebt
habe. _Napoleon_, die größte Erscheinung unter allen, zeigt auch
am deutlichsten, daß die »großen Willensmenschen«, Verbrecher, und
demnach keine Genies sind. Ihn kann man nicht anders verstehen als
aus der _ungeheuren Intensität, mit der er sich selbst floh_: nur
so ist alle Eroberung, im Großen, wie im Kleinen, zu erklären. Über
sich selbst mochte Napoleon nie nachdenken, nicht eine Stunde durfte
er ohne große äußere Dinge bleiben, die ihn ganz ausfüllen sollten:
darum mußte er die Welt erobern. Da er große Anlagen hatte, größere
als jeder Imperator vor ihm, brauchte er mehr, um alle Gegenstimmen in
sich zum Schweigen zu bringen. Übertäubung seines besseren Selbst, das
war das gewaltige Motiv seines Ehrgeizes. Der höhere, der bedeutende
Mensch mag zwar das gemeine Bedürfnis nach Bewunderung oder nach dem
Ruhme teilen, aber nicht den Ehrgeiz als das Bestreben, alle Dinge in
der Welt mit sich als empirischer Person zu verknüpfen, sie von sich
abhängig zu machen, um auf den eigenen Namen alle Dinge der Welt zu
einer unendlichen Pyramide zu _häufen_. Der große Mensch hat _Grenzen_,
denn _er_ ist die Monade der Monaden, und -- dies ist eben jene letzte
Tatsache -- gleichzeitig der bewußte Mikrokosmus, _pantogen_, er hat
die ganze Welt in sich, er sieht, im vollständigsten Falle, bei der
ersten Erfahrung, die er macht, klar ihre Zusammenhänge im All, und er
bedarf darum zwar der _Erlebnisse_, aber keiner _Induktion_; der große
Tribun und die große Hetäre sind _die_ absolut _grenzenlosen_ Menschen,
welche die ganze Welt zur Dekoration und Erhöhung ihres _empirischen_
Ich gebrauchen. Darum sind beide jeder Liebe, Neigung und Freundschaft
unfähig, lieblos, liebeleer.
Man denke an das tiefe Märchen von dem König, der die Sterne erobern
wollte! Es enthüllt strahlend und grell die Idee des Imperators. Der
wahre Genius gibt sich selbst seine Ehre, und am allerwenigsten setzt
er sich in jenes Wechselverhältnis gegenseitiger Abhängigkeit zum
Pöbel, wie dies jeder Tribun tut. Denn im großen Politiker steckt nicht
nur ein Spekulant und Milliardär, sondern auch ein Bänkelsänger; er ist
nicht nur großer Schachspieler, sondern auch großer Schauspieler; er
ist nicht nur ein Despot, sondern auch ein Gunstbuhler; er prostituiert
nicht nur, er ist auch eine große Prostituierte. Es gibt keinen
Politiker, keinen Feldherrn, der nicht »hinabstiege«. Seine Hinabstiege
sind ja berühmt, sie sind seine Sexualakte! _Auch zum richtigen Tribun
gehört die Gasse._ Das Ergänzungsverhältnis zum Pöbel ist geradezu
konstitutiv für den Politiker. Er kann überhaupt nur Pöbel brauchen;
mit den anderen, den Individualitäten, räumt er auf, wenn er unklug
ist, oder heuchelt sie zu schätzen, um sie unschädlich zu machen, wenn
er so gerieben ist wie _Napoleon_. Seine Abhängigkeit vom Pöbel hat
dieser denn auch am feinsten gespürt. Ein Politiker kann durchaus nicht
alles Beliebige unternehmen, auch wenn er ein Napoleon ist, und selbst
wenn er, was er aber als Napoleon nicht wird, _Ideale_ realisieren
wollte: er würde gar bald von dem Pöbel, seinem wahren Herren, eines
Besseren belehrt werden. Alle »Willensersparnis« hat nur für den
_formalen_ Akt der _Initiative_ Geltung; _frei_ ist das Wollen des
Machtgierigen nicht.
Auf diese Gegenseitigkeit, diese Relation zu den Massen fühlt
sich jeder Imperator hingewiesen, _darum_ sind alle ausnahmslos
ganz instinktiv _für_ die Constituante, für die Volks- oder
Heeresversammlung, für das allgemeinste Wahlrecht (_Bismarck_ 1866).
Nicht Marc Aurel und Diokletian, sondern Kleon, Antonius, Mirabeau, das
sind die Gestalten, in denen der echte Politiker erscheint. Ambitio
heißt eigentlich Herumgehen. Das tut der Tribun wie die Prostituierte.
Napoleon hat in Paris nach _Emerson_ »inkognito in den Straßen auf die
Hurras und Lobsprüche des Pöbels gelauscht«. Von _Wallenstein_ heißt es
bei _Schiller_ ganz ähnlich.
Von jeher hat das Phänomen des großen Mannes der Tat, als ein ganz
Einzigartiges, vor allem die Künstler (aber auch philosophische
Schriftsteller) mächtig angezogen. Die überraschende Konformität,
welche hier entrollt wurde, wird es vielleicht erleichtern, der
Erscheinung begrifflich, durch die Analyse, näher zu kommen. _Antonius_
(_Caesar_) und _Kleopatra_ -- die beiden sind einander gar nicht
unähnlich. Den meisten Menschen wird die Parallele wohl zuerst
ganz fiktiv erscheinen, und doch däucht mich das Bestehen einer
engen Analogie über allen Zweifel erhaben, so heterogen beide den
ersten Anblick berühren mögen. Wie der »große Mann der Tat« auf ein
_Innenleben verzichtet_, um sich gänzlich in der Welt, hier paßt das
Wort, _auszuleben_, und zugrundezugehen wie alles _Aus_gelebte, statt
zu bestehen wie alles _Ein_gelebte, wie er seinen ganzen _Wert_ mit
kolossaler Wucht hinter sich wirft und sich ihn _weghält_, so schmeißt
die große Prostituierte der Gesellschaft den Wert ins Antlitz, den sie
als Mutter von ihr beziehen könnte, nicht freilich um in sich zu gehen
und ein beschauliches Leben zu führen, sondern um ihrem sinnlichen
Triebe nun erst vollen Lauf zu lassen. Beide, die große Prostituierte
und der große Tribun, sind wie Brandfackeln, die entzündet weithin
leuchten, Leichen über Leichen auf ihrem Wege lassen und untergehen,
wie Meteore, für menschliche Weisheit sinnlos, zwecklos, ohne ein
Bleibendes zu hinterlassen, ohne alle Ewigkeit -- indessen die Mutter
und der Genius in der Stille die Zukunft wirken. Beide, Dirne und
Tribun, werden darum als »Gottesgeißeln«, als antimoralische Phänomene
empfunden.
Hiegegen erscheint es neuerdings gerechtfertigt, daß seinerzeit vom
Begriffe des genialen Menschen der »große Willensmensch« ausgeschlossen
wurde. Das Genie, und zwar nicht etwa bloß das philosophische, sondern
auch das künstlerische, ist immer ausgezeichnet durch das Vorwalten der
begrifflichen oder darstellenden _Erkenntnis_ über alles _Praktische_.
Das Motiv, welches die Dirne treibt, bedarf indessen noch einer
Untersuchung. Das Wesen der Mutter war relativ leicht zu erkennen:
sie ist in eminenter Weise das Werkzeug zur Erhaltung der Gattung.
Viel rätselhafter und schwieriger ist die Erklärung der Prostitution.
Für jeden, der über diese lange nachgedacht hat, sind sicherlich
Augenblicke gekommen, wo er an ihrer Aufhellung völlig verzweifelt
hat. Worauf es hier aber gewiß vor allem ankommt, ist das verschiedene
Verhältnis beider, der Mutter und der Dirne, zum Koitus. Die Gefahr ist
hoffentlich gering, daß jemand die Beschäftigung hiemit, wie überhaupt
mit dem Thema der Prostitution, für des Philosophen unwürdig erachten
könnte. Es ist der Geist der Behandlung, der vielen Gegenständen
Würde erteilen muß. Auch die Künstler, welche die Dirne zum Vorwurf
gewählt haben -- mir sind _Zolas_ »Confession de Claude«, _Hortense_,
_Renée_ und _Nana_, _Tolstois_ »Auferstehung«, _Ibsens_ _Hedda Gabler_
und _Rita_, schließlich die _Sonja_ eines der größten Geister, des
_Dostojewskij_ bekannt geworden -- wollten nie wirklich singuläre
Fälle, sondern stets Allgemeines darstellen. Vom Allgemeinen aber muß
auch eine Theorie möglich sein.
Für die Mutter ist der Koitus Mittel zum Zweck; die Dirne nimmt
insofern eine Sonderstellung zu ihm ein, _als ihr der Koitus
Selbstzweck wird_. Daß im Naturganzen dem Koitus noch eine andere
Rolle zugefallen ist außer der Fortpflanzung, hierauf sehen wir uns
allerdings auch dadurch hingewiesen, daß bei vielen Lebewesen die
letztere ohne den Koitus erreicht wird (_Parthenogenesis_). Aber
andererseits sehen wir bei den Tieren noch überall die _Begattung_ dem
Ziele der Hervorbringung einer Nachkommenschaft dienen, und nirgends
ist uns der Gedanke nahegelegt, daß die Kopulation _ausschließlich_ der
Lust wegen gesucht werde, indem sie vielmehr nur zu gewissen Zeiten,
den Brunstperioden, vor sich geht; so daß man die Lust geradezu als das
Mittel betrachtet hat, welches die Natur anwende, um _ihren_ Zweck der
Erhaltung der Gattung zu erreichen.
Wenn der Koitus der Dirne Selbstzweck ist, so heißt dies nicht, daß
für die Mutter der Koitus nichts bedeute. Es gibt zwar eine Kategorie
»sexuell-anästhetischer« Frauen, die man als »frigid« bezeichnet,
obwohl solche Fälle viel seltener glaubwürdig sind, als man denkt,
indem sicherlich an der ganzen Kälte oft nur der Mann die Schuld trägt,
der durch seine Person nicht vermochte, das Gegenteil herbeizuführen;
die übrigen Fälle aber sind nicht dem Muttertypus zuzurechnen.
Frigidität kann sowohl bei der Mutter als bei der Dirne auftreten; sie
wird später unter den hysterischen Phänomenen eine Erklärung finden.
Ebensowenig darf man die Prostituierte für sexuell unempfindlich
halten, weil die Straßendirnen (d. i. jenes Kontingent, das im ganzen
und großen nur von der bäuerischen Bevölkerung, den Dienstmädchen
u. s. w. zur Prostitution gestellt wird) hier oft hochgespannte
Erwartungen durch Mangel an Lebendigkeit enttäuscht haben mögen. Weil
das käufliche Mädchen auch die Liebesbezeugungen solcher sich gefallen
lassen muß, die ihm sexuell nichts bieten, darf man es nicht etwa
als zu seinem Wesen gehörig betrachten, beim Koitus überhaupt kalt
zu bleiben. Dieser Schein entsteht nur, weil gerade sie die höchsten
Ansprüche an das sinnliche Vergnügen stellt; und für alle Entbehrungen,
die sie in dieser Hinsicht sonst erduldet, wird sie die Gemeinschaft
mit dem Zuhälter aufs ausgiebigste entschädigen müssen.
Daß für die Dirne der Koitus Selbstzweck ist, wird auch hieraus
ersichtlich, daß sie, und nur sie allein, _kokett_ ist. Die Koketterie
ist nie ohne Beziehung zum Koitus. Ihr Wesen besteht darin, daß sie die
Eroberung der Frau dem Manne als geschehen vorspiegelt, um ihn _durch
den Kontrast_ mit der Realität, welche diese Erfüllung noch keineswegs
zeigt, zur Verwirklichung der Eroberung anzuspornen. So ist sie eine
Herausforderung des Mannes, dem sie eine und dieselbe Aufgabe in ewig
wechselnder Form zeigt und ihm _gleichzeitig_ zu verstehen gibt, daß
er nicht für fähig gehalten werde, diese Aufgabe je zu lösen. Hiebei
leistet das Spiel der Koketterie an sich für die Frau dies, daß es
ihren Zweck, den Koitus, bereits während seines Verlaufes in gewissem
Sinne erfüllt: denn durch das Begehren des Mannes, das sie hervorruft,
fühlt die Dirne schon ein den Sensationen des Koitiert-Werdens
Analoges und verschafft sich so den Reiz der Wollust zu jeder Zeit
und von jedem Manne. Ob sie hierin bis zum äußersten Ende gehen oder
sich zurückziehen werde, wenn die Bewegung einen zu beschleunigten
Fortgang nimmt, hängt wohl nur davon ab, ob die Form des wirklichen
Koitus, den sie zur Zeit ausübt, d. h. ob ihr gegenwärtiger Mann sie
schon so befriedigt, daß sie von dem anderen nicht _mehr_ erwartet.
Und daß gerade die Straßendirne im allgemeinen nicht kokett ist, kommt
vielleicht nur davon her, daß sie die Empfindungen, welche das Ziel
der Koketterie sind, im stärksten Ausmaß und in der massivsten Form
ohnedies unausgesetzt kostet und daher auf die feineren prickelnden
Variationen leicht verzichten kann. Die Koketterie ist also ein Mittel,
den aktiven sexuellen Angriff von Seite des Mannes herbeizuführen,
die Intensität dieses Angriffes nach Belieben zu steigern oder
abzuschwächen und seine Richtung, dem Angreifer selbst unmerkbar,
dorthin zu dirigieren, wo ihn die Frau haben will; ein Mittel, entweder
bloß Blicke und Worte hervorzurufen, durch welche sie sich angenehm
kitzelnd betastet fühlt, oder es bis zur »Vergewaltigung« kommen zu
lassen.[53]
_Die Sensationen des Koitus sind prinzipiell keine anderen Empfindungen
als wie sie das Weib sonst kennt, sie zeigen dieselben nur in
höchster Intensifikation; das $ganze$ Sein des Weibes offenbart sich
im Koitus, aufs höchste $potenziert$._ Darum kommen hier auch die
Unterschiede zwischen Mutter und Dirne am stärksten zur Geltung. Die
Mutter empfindet den Koitus nicht _weniger_, sondern _anders_ als die
Prostituierte. Das Verhalten der Mutter ist mehr annehmend, hinnehmend,
die Dirne fühlt, schlürft bis aufs äußerste den Genuß. Die Mutter
empfindet das Sperma des Mannes gleichsam als _Depositum_: bereits im
Gefühle des Koitus findet sich bei ihr das Moment des Aufnehmens und
Bewahrens; denn sie ist die Hüterin des Lebens. Die Dirne hingegen
will nicht wie die Mutter das Dasein überhaupt erhöht und gesteigert
fühlen, wenn sie vom Koitus sich erhebt; _sie will vielmehr im Koitus
als Realität verschwinden, zermalmt, zernichtet, zu nichts, bewußtlos
werden vor Wollust_. Für die Mutter ist der Koitus der _Anfang $einer
Reihe$_; die Dirne will in ihm ihr _Ende_, sie will _vergehen_ in ihm.
Der Schrei der Mutter ist darum ein kurzer, mit schnellem Schluß; der
der Prostituierten ist langgezogen, denn alles Leben, das sie hat, will
sie in diesen Moment _konzentriert, zusammengedrängt_ wissen. Weil
dies nie gelingen kann, darum wird die Prostituierte in ihrem ganzen
Leben _nie_ befriedigt, von allen Männern der Welt nicht.
Hierin liegt also ein fundamentaler Unterschied im Wesen beider.
Unterschiedslos aber fühlt sich jede Frau, da das Weib nur und durchaus
sexuell ist, da diese Sexualität über den ganzen Körper sich erstreckt
und an einigen Punkten, physikalisch gesprochen, bloß _dichter_ ist als
an anderen, fortwährend und am ganzen Leibe, überall und immer, von
was es auch sei, ausnahmslos _koitiert_. Das, was man gewöhnlich als
Koitus bezeichnet, ist nur ein _Spezialfall_ von höchster Intensität.
Die Dirne will _von allem koitiert werden_ -- darum kokettiert sie
auch, wenn sie _allein_ ist, _und selbst vor leblosen Gegenständen_,
vor jedem Bach, vor jedem Baum -- die Mutter wird von allen Dingen,
fortwährend und am ganzen Leibe, _geschwängert_. _Dies ist die
Erklärung des Versehens._ Alles, was auf eine Mutter je Eindruck
gemacht hat, wirkt fort, je nach der Stärke des Eindruckes -- der zur
Konzeption führende Koitus ist nur das intensivste dieser Erlebnisse
und überwiegt an Einfluß alle anderen -- _all das wird Vater ihres
Kindes_, es wird _Anfang einer Entwicklung_, deren Resultat sich später
am Kinde zeigt.
Darum also ist die Vaterschaft eine armselige Täuschung; denn sie muß
stets mit unendlich vielen Dingen und Menschen geteilt werden, und
das _natürliche, physische_ Recht das _Mutterrecht_. Weiße Frauen,
die einst von einem Neger ein Kind gehabt haben, gebären später oft
einem weißen Manne Nachkommen, die noch unverkennbare Merkmale der
Negerrasse an sich tragen. Blüten, die mit einer Pollenart bestäubt
werden, ergeben oft nach vielen späteren andersartigen Bestäubungen
Früchte, welche noch an die Spezies erinnern, mit deren Pollen sie
ehedem affiziert wurden. Und die Stute des _Lord Morton_ ist ja berühmt
geworden, die, nachdem sie einmal einem Quagga einen Bastard geboren
hatte, noch lange hernach einem arabischen Hengst zwei Füllen warf,
welche deutliche Merkmale des Quaggas an sich trugen.
Man hat an diesen Fällen viel gedeutelt; man hat erklärt, sie müßten
viel häufiger vorkommen, wenn der Vorgang überhaupt möglich wäre. Aber
damit sich diese »_Infektion_«, wie man ihn nennt (_Weismann_ hat
den ausgezeichneten Namen _Telegonie_, d. i. _Zeugung in die Ferne_,
vorgeschlagen, _Focke_ von Gastgeschenken, _Xenien_ gesprochen),
damit sich Fernzeugung deutlich offenbaren könne, ist eine Erfüllung
sämtlicher Gesetze der Sexualanziehung, eine außergewöhnlich hohe
geschlechtliche Affinität zwischen dem ersten Vater und der Mutter
erforderlich. Die Wahrscheinlichkeit ist von vornherein gering,
daß ein Paar sich finde, in welchem jene Affinität derart mächtig
ist, daß sie die mangelnde Rassenverwandtschaft überwindet; und
doch besteht nur, wenn Rassenverschiedenheit vorhanden ist, eine
Aussicht auf augenfällige, allgemein überzeugende Divergenzen;
indessen bei sehr naher Familienverwandtschaft die Möglichkeit fehlt,
unzweideutige Abweichungen vom Vatertypus an jenem Kinde, das noch
unter dem Einflusse der früheren Zeugung stehen soll, mit Sicherheit
festzustellen. Übrigens ist, daß man so heftig gegen die Keiminfektion
sich gewehrt hat, nur daraus zu erklären, daß man die Erscheinungen
nicht in ein System zu bringen wußte.
Nicht besser als der Infektionslehre ist es dem Versehen ergangen.
Hätte man begriffen, daß auch die Fernzeugung ein Versehen ist, nur
eben ein Spezialfall des letzteren von höchster Intensität, hätte man
eingesehen, daß der Urogenitaltrakt nicht der einzige, sondern nur der
wirksamste Weg ist, auf dem eine Frau koitiert werden kann, daß die
Frau durch einen _Blick_, durch ein _Wort_ sich bereits _besessen_
fühlen kann, es wäre der Widerspruch gegen das Versehen wie gegen
die Telegonie so laut nicht geworden. Ein Wesen, das überall und
von allen Dingen _koitiert_ wird, kann auch überall und von allen
Dingen _befruchtet_ werden: _die Mutter ist empfänglich überhaupt. In
ihr gewinnt alles Leben_, denn alles macht auf sie physiologischen
Eindruck und geht in ihr Kind als dessen Bildner ein. Hierin ist sie
wirklich, in ihrer niederen körperlichen Sphäre, nochmals dem Genius
vergleichbar.
Anders die Dirne. Wie sie selbst im Koitus zunichte werden will, so
ist ihr Wirken auch sonst durchaus auf Zerstörung angelegt. Während
die Mutter alles, was dem irdischen Leben und guten Fortkommen des
Menschen förderlich ist, begünstigt, alles Ausschweifende aber von
ihm fernhält, während sie den Fleiß des Sohnes aneifert und die
Arbeitsamkeit des Gatten spornt, sucht die Hetäre die ganze Kraft
und Zeit des Mannes _für sich_ in Anspruch zu nehmen. Aber nicht
nur sie selbst ist gleichsam von Anbeginn dazu bestimmt, den Mann
zu mißbrauchen: auch in jedem Mann verlangt etwas nach dieser Frau,
das an Seite der schlichteren, stets geschäftigen, geschmacklos
gekleideten, aller geistigen Elégance baren Mutter keine Befriedigung
findet. Etwas in ihm _sucht_ den Genuß, und beim _Freudenmädchen_
vergißt er sich am leichtesten. Denn die Dirne vertritt das Prinzip des
leichten Sinnes, sie sorgt nicht vor wie die Mutter, sie und nicht die
Mutter ist die gute Tänzerin, nur sie verlangt nach Unterhaltung und
großer Gesellschaft, nach dem Spaziergang und dem Vergnügungslokal,
nach dem Seebad und dem Kurort, nach Theater und Konzert, nach immer
neuen Toiletten und Edelsteinen; nach Geld, um es mit vollen Händen
hinauszustreuen, nach Luxus statt nach Komfort, nach Lärm statt nach
Ruhe; nicht nach dem Lehnstuhl inmitten von Enkeln und Enkelinnen,
sondern nach dem Triumphzug auf dem Siegeswagen des schönen Körpers
durch die Welt.
Die Prostituierte erscheint denn auch dem Manne unmittelbar als die
Verführerin: in den Gefühlen, die sie in ihm weckt; nur sie, das
unkeusche Weib par excellence, als »Zauberin«. Sie ist der weibliche
»Don Juan«, sie ist jenes Wesen in der Frau, das die Ars amatoria
kennt, lehrt und hütet.
Hiemit hängen aber noch interessantere und tiefer führende Dinge
zusammen. Die Mutter wünscht vom Manne Anständigkeit, nicht um der
Idee willen, _sondern weil sie die Bejaherin des Erdenlebens ist_. Wie
sie selbst arbeitet und nicht faul ist gleich der Dirne, wie sie stets
von Geschäften mit Bezug auf die Zukunft erfüllt scheint, so hat sie
auch beim Manne Sinn für Tätigkeit und sucht ihn nicht von dieser zum
Vergnügen hin abzuziehen. Die Dirne hingegen kitzelt am stärksten der
Gedanke eines rücksichtslosen, gaunerischen, der Arbeit abgewandten
Mannes. Ein Mensch, der einmal eingesperrt war, ist der Mutter ein
Gegenstand des Abscheus, der Dirne eine Attraktion. Es gibt Frauen,
die mit ihrem Sohne wirklich unzufrieden sind, wenn er in der Schule
nicht gut tut, und solche, die an ihm, wenn sie auch das Gegenteil
heucheln, dann um so größeres Wohlgefallen finden. Das »_Solide_« reizt
die Mutter, das »_Unsolide_« die Dirne. Jene verabscheut, diese liebt
den kräftig trinkenden Mann. Und so ließe sich noch vieles andere, in
der gleichen Richtung gelegene anführen. Nur ein Einzelfall dieser
allgemeinen, hoch in die wohlhabendsten Klassen hinauf reichenden
Verschiedenheit ist es, daß die Gassendirne zu jenen Menschen sich am
meisten hingezogen fühlt, die offene Verbrecher sind: der _Zuhälter_
ist immer gewalttätig, kriminell veranlagt, oft Räuber oder Betrüger,
wenn nicht Mörder zugleich.
Dies legt nun, so wenig das Weib selbst _anti_moralisch genannt werden
darf -- es ist immer nur amoralisch -- den Gedanken nahe, daß die
Prostitution in irgend einer tiefen _Beziehung_ zum _Anti_moralischen
stehe, während alle Mutterschaft nie einen solchen Hinweis enthält.
Nicht als ob die Prostituierte selbst das weibliche Äquivalent des
männlichen Verbrechers bildete; obwohl sie so arbeitsscheu ist wie
dieser, darf aus den in den vorigen Kapiteln erörterten Gründen
die Existenz eines verbrecherischen Weibes nicht zugegeben werden:
die Frauen stehen nicht so hoch. Aber _in einer Relation_ zum
Antimoralischen, zum Bösen wird die Prostituierte unleugbar vom Manne
empfunden, selbst wenn dieser nicht in ein sexuelles Verhältnis zu ihr
getreten ist; so daß man nicht sagen kann, nur die Abwehr irgend eines
eigenen Wollustgedankens habe diese projizierende Form angenommen. Der
Mann erlebt die Prostitution von vornherein als ein Dunkles, Nächtiges,
Schauervolles, Unheimliches, ihr Eindruck lastet schwerer, qualvoller
auf seiner Brust als der, welchen die Mutter auf ihn hervorbringt.
Die merkwürdige Analogie der großen Hetäre zum großen Verbrecher,
d. i. eben zum Eroberer; die intime Beziehung der kleinen Dirne zum
moralischen Ausbunde der Menschheit, dem Zuhältertum; jenes Gefühl,
das sie im Manne wachruft, endlich die Absichten, die sie in betreff
seiner hat -- all das vereinigt sich dazu, jene Ansicht zu bekräftigen.
_Wie die Mutter ein lebensfreundliches, so ist die Prostituierte ein
lebensfeindliches Prinzip._ Aber wie die Bejahung der Mutter nicht
auf die Seele, sondern auf den Leib geht, so erstreckt sich auch die
Verneinung der Dirne nicht diabolisch auf die Idee, sondern nur auf
Empirisches. Sie will vernichtet werden und vernichten, sie schadet
und zerstört. _Physisches Leben und physischer Tod, beide im Koitus so
geheimnisvoll tief zusammenhängend_ (vgl. das nächste Kapitel), _sie
verteilen sich auf das Weib als Mutter und als Prostituierte_.
Eine entscheidendere Antwort als diese kann auf die Frage nach
der Bedeutung von Mutterschaft und Prostitution einstweilen kaum
gegeben werden. Es ist ja ein völlig dunkles, von keinem Wanderer
noch betretenes Gebiet, auf dem ich mich hier befinde; der Mythus
in seiner religiösen Phantasie mag es zu erleuchten sich erkühnen,
dem Philosophen sind metaphysische Übergriffe allzufrüh nicht
anzuraten. Dennoch bedarf noch einiges einer besseren Hervorhebung.
Die antimoralische Bedeutung des Phänomens der Prostitution stimmt
damit überein, daß sie ausschließlich auf den Menschen beschränkt
ist. Bei den Tieren ist das Weibchen durchaus der Fortpflanzung
untertan, es gibt dort keine sterile Weiblichkeit. Ja man könnte sogar
daran denken, daß sich bei den Tieren die Männchen prostituieren,
wenn man an den Rad schlagenden Pfau denkt, an das Leuchten des
Glühwurms, die Lockrufe der Singvögel, den balzenden Auerhahn. Aber
diese Schaustellungen sekundärer Geschlechtscharaktere sind bloße
_exhibitionistische_ Akte des Männchens; wie es auch unter den Menschen
vorkommt, daß läufige Männer ihre Genitalien vor Frauen entblößen
als Aufforderung zum Koitus. Nur insofern sind diese tierischen Akte
vorsichtig zu interpretieren, als man sich hüten muß, zu glauben, die
psychische Wirkung, welche durch sie auf das Weibchen hervorgebracht
wird, werde von dem Männchen im voraus in Betracht und Rechnung
gezogen. Es handelt sich viel mehr um einen triebhaften _Ausdruck_
des _eigenen_ sexuellen Verlangens als um ein Mittel, dasselbe beim
Weibe zu steigern, es ist ein Hintreten vor die Frau _mit_ und _in_
der sexuellen Erregung; während bei exhibitionierenden _Menschen_
wohl stets die Vorstellung der Erregung des anderen Geschlechtes
mitspielt[54].
Die Prostitution ist demnach etwas beim Menschen allein Auftretendes;
Tiere und Pflanzen sind ja nur gänzlich amoralisch, nicht irgendwie
dem Antimoralischen verwandt, und kennen darum nur die Mutterschaft.
_Hier liegt also eines der tiefsten Geheimnisse aus Wesen und
Ursprüngen des $Menschen$ verborgen._ Und nun ist insofern an dem
früheren eine Korrektur anzubringen, als mir wenigstens, je länger
ich über sie nachdenke, desto mehr die Prostitution eine _Möglichkeit
für $alle$ Frauen zu sein scheint, ebenso wie die, ja bloß physische,
Mutterschaft_. Sie ist vielleicht etwas, wovon _jedes_ menschliche Weib
durchsetzt, etwas, womit hier die tierische Mutter tingiert ist[55],
ja am Ende eben das, was im menschlichen Weibe jenen Eigenschaften
entspricht, um die der menschliche Mann mehr ist als das tierische
Männchen. Zu der bloßen Mutterschaft des Tieres ist hier, mit dem
Antimoralischen im Manne zu gleicher Zeit und nicht ohne merkwürdige
Beziehungen zu diesem, ein Faktor hinzugekommen, der das menschliche
Weib vom tierischen gänzlich und von Grund aus unterscheidet. Welche
Bedeutung das Weib gerade als _Dirne_ für den Mann in _besonderem_
Maße gewinnen konnte, davon soll erst gegen den Schluß der gesamten
Untersuchung die Rede werden; der Ursprung, die letzte Ursache der
Prostitution, bleibt gleichwohl vielleicht für immer ein tiefes Rätsel
und in völliges Dunkel gehüllt.
Es lag mir bei dieser etwas breiten, aber durchaus nicht
erschöpfenden, durchaus nicht alle Phänomene auch nur streifenden
Betrachtung alles andere näher, als etwa ein Prostituierten-Ideal
aufzustellen, wie es manche begabte Schriftsteller der jüngsten Zeit
kaum verhüllt entwickelt zu haben scheinen. Aber dem anderen, dem
scheinbar unsinnlichen Mädchen _mußte_ ich den Nimbus rauben, mit dem
es jeder Mann so gerne umgeben möchte, durch die Erkenntnis, daß gerade
dieses Geschöpf das mütterlichste ist, und die Virginität ihm, seinem
Begriffe nach, ebenso fremd wie der Dirne. Und selbst die Mutterliebe
konnte vor einer eindringenderen Analyse nicht als ein sittliches
Verdienst sich behaupten. Die Idee der unbefleckten Empfängnis endlich,
der reinen Jungfrau Goethes, Dantes, enthält die Wahrheit, daß die
absolute Mutter den Koitus nie als Selbstzweck, um der Lust willen,
herbeiwünschen würde. Sie darum heiligen konnte nur eine Illusion.
Dagegen ist es wohl begreiflich, daß sowohl der Mutterschaft als der
Prostitution, beiden als Symbolen tiefer und mächtiger Geheimnisse,
religiöse Verehrung gezollt wurde.
Ist damit die Unhaltbarkeit jener Ansicht dargetan, welche einen
besonderen Frauentypus doch noch verteidigen und für die Sittlichkeit
des Weibes in Anspruch nehmen zu können glaubt, so soll jetzt die
Erforschung der Motive in Angriff genommen werden, welche den Mann die
Frau immer und ewig werden verklären lassen.