Männliche und weibliche Psychologie.
»De subjecto vetustissimo ....«
_Galilei._
Es ist an der Zeit, zu der eigentlichen Aufgabe der Untersuchung
zurückzukehren, um zu sehen, wie weit deren Lösung durch die längeren
Einschiebungen gefördert worden ist, die oft ziemlich weit von ihr
abzuführen schienen.
Die Konsequenzen der entwickelten Grundsätze sind für eine Psychologie
der Geschlechter so radikale, daß, auch wer zu den bisherigen
Ableitungen seine Zustimmung gegeben hat, vor _diesen_ Folgerungen
zurückscheuen dürfte. Es ist noch nicht der Ort, die Gründe dieser
Scheu zu analysieren; aber um die nun aufzustellende These gegen
alle Einwände, die aus ihr fließen werden, zu schützen, soll sie in
diesem Abschnitt noch in ausgiebigster Weise durch zwingende Argumente
vollständig gesichert werden.
Worum es sich handelt, ist in Kürze dies. Es wurde gefunden, daß das
logische und das ethische Phänomen, beide im Begriffe der Wahrheit zum
höchsten Werte sich zusammenschließend, zur Annahme eines intelligiblen
Ich oder einer Seele, als eines Seienden von höchster, hyperempirischer
Realität, zwingen. _Bei einem Wesen, dem, wie $W$, das logische und
das ethische Phänomen mangeln, entfällt auch der Grund, jene Annahme
zu machen._ Das vollkommen weibliche Wesen kennt weder den logischen
noch den moralischen Imperativ, und das Wort Gesetz, das Wort Pflicht,
Pflicht gegen sich selbst, ist das Wort, das ihm am fremdesten
klingt. Also ist der Schluß vollkommen berechtigt, daß ihm auch die
übersinnliche Persönlichkeit fehlt.
$Das absolute Weib hat kein Ich.$
Dies ist, in gewisser Beziehung, ein Abschluß der Betrachtung, ein
Letztes, wozu alle Analyse des Weibes führt. Und wenn auch diese
Erkenntnis, so kurz und bündig ausgesprochen, hart und unduldsam,
paradox und von allzu schroffer Neuheit scheint: es ist, in einer
solchen Sache, von vornherein kaum wahrscheinlich, daß der Verfasser
der erste sei, welcher zu dieser Anschauung gelangt ist; wenn er auch
selbständig wieder zu ihr den Weg finden mußte, um das Treffende der
früheren ähnlichen Aussagen zu begreifen. Die _Chinesen_ sprechen seit
ältester Zeit dem Weibe eine eigene Seele ab. Fragt man einen Chinesen
nach der Zahl seiner Kinder, so zählt er nur die Knaben, und hat er
bloß Töchter, so erklärt er, kinderlos zu sein.[35] Aus einem ähnlichen
Grunde hat wohl _Mohammed_ die Frauen vom Paradiese ausgeschlossen, und
die unwürdige Stellung, welche das weibliche Geschlecht in den Ländern
islamitischer Religion einnimmt, hiedurch mitverschuldet.
Von den Philosophen ist hier vor allem _Aristoteles_ zu nennen. Für
ihn ist das männliche Prinzip bei der Zeugung das formende, aktive,
der Logos, das weibliche vertritt die passive Materie. Erwägt man
nun, wie für _Aristoteles_ Seele mit Form, Entelechie, Urbewegendem
zusammenfällt, so ist klar, wie sehr er sich der hier ausgesprochenen
Ansicht nähert, obwohl seine Anschauung nur dort zutage tritt, wo
er vom Akte der Befruchtung redet; während ihm sonst mit fast allen
Griechen außer _Euripides_ es gemeinsam zu sein scheint, daß er über
die Frauen selbst nicht nachdenkt, und deshalb nirgends ein Standpunkt
in Bezug auf die Eigenschaften des Weibes überhaupt (nicht nur in
Ansehung seiner Rolle beim Begattungsakte) von ihm eingenommen wird.
Unter den Kirchenvätern scheinen besonders _Tertullian_ und _Origenes_
sehr niedrig vom Weibe gedacht zu haben; indes _Augustinus_ schon
durch das innige Verhältnis zu seiner Mutter davon hat abgehalten
werden müssen, die Ansichten jener zu teilen. In der _Renaissance_
ist die Aristotelische Ansicht wieder mehrfach aufgenommen worden,
z. B. von Jean _Wier_ (1518-1588). Damals scheint man diese überhaupt,
gefühlsmäßig und intuitiv, besser verstanden und nicht bloß als
Kuriosum betrachtet zu haben, wie das in der heutigen Wissenschaft
üblich ist, die freilich noch zu anderen Verbeugungen vor der
Aristotelischen Anthropologie sich einmal gewiß wird bequemen müssen.
In den letzten Jahrzehnten haben dieselbe Erkenntnis Henrik _Ibsen_
(mit den Gestalten der _Anitra_, _Rita_ und _Irene_) und August
_Strindberg_ (»Gläubiger«) ausgesprochen. Am populärsten aber ist
der Gedanke von der Seelenlosigkeit des Weibes durch das wundervolle
Märchen _Fouqués_ geworden, dessen Stoff dieser Romantiker aus dem, von
ihm eifrig studierten, _Paracelsus_ geschöpft hat, und durch E. T. A.
_Hoffmann_, _Girschner_ und Albert _Lortzing_, welche es in Musik
gesetzt haben. _Undine, die seelenlose Undine, ist die platonische
Idee des Weibes._ Trotz aller Bisexualität kommt ihr die Wirklichkeit
meist sehr nahe. Die verbreitete Rede: »das Weib hat keinen Charakter«
meint im Grunde auch nichts anderes. Persönlichkeit und Individualität,
(intelligibles) Ich und Seele, Wille und (intelligibler) Charakter --
dies alles bezeichnet ein und dasselbe, das im Bereiche des Menschen
nur M zukommt und W fehlt.
Da aber die Seele des Menschen der Mikrokosmus ist, und bedeutende
Menschen solche, welche durchaus _mit_ Seele leben, d. h. in denen
die _ganze Welt lebendig_ ist, _so muß W absolut $un$genial veranlagt
sein_. _Der Mann_ hat _alles_ in sich, und mag nur, nach den Worten
_Picos von Mirandola_, dies oder jenes in sich besonders begünstigen.
Er kann zur höchsten Höhe hinaufgelangen und aufs tiefste entarten, er
kann zum Tiere, zur Pflanze, _er kann auch zum Weibe werden, und darum
gibt es weibliche, weibische Männer_.
$Aber die Frau kann nie zum Manne werden.$ Hier ist also die wichtigste
Einschränkung an den Aufstellungen des ersten Teiles dieser Schrift
vorzunehmen. _Während mir eine große Anzahl von Männern bekannt sind,
die psychisch fast vollständig, und nicht etwa zur Hälfte nur, Weib
sind, habe ich zwar schon sehr viele Frauen gesehen mit männlichen
Zügen, aber noch nie auch nur eine einzige Frau, die nicht doch im
Grunde Weib gewesen wäre_, wenn auch diese Weiblichkeit unter einer
Menge verkleidender Hüllen vor dem Blicke der Person selbst, nicht
nur der anderen, oft genug sich verbarg. Man _ist_ (vgl. Kapitel 1
des zweiten Teiles) _entweder_ Mann _oder_ Weib, so viel man auch von
beiden Geschlechtern Eigentümlichkeiten haben mag, und dieses _Sein_,
das Problem der Untersuchung von Anfang an, bestimmt sich jetzt nach
dem Verhältnis eines Menschen zur Ethik und zur Logik; aber während es
anatomische Männer gibt, die psychologisch Weiber _sind_, gibt es keine
Personen, die körperlich Weiber und doch psychisch Männer _sind_; wenn
sie auch in noch so vielen äußerlichen Beziehungen einen männlichen
Aspekt gewähren, und einen unweiblichen Eindruck hervorbringen.
Darum aber läßt sich mit Sicherheit nun folgende _abschließende_
Antwort auf die Frage nach der Begabung der Geschlechter geben: _es
gibt wohl Weiber mit genialen Zügen, aber es gibt kein weibliches
Genie, hat nie ein solches gegeben und kann nie ein solches geben_. Wer
prinzipiell in solchen Dingen der Laxheit huldigen und den Begriff der
Genialität so auftun und erweitern wollte, daß die Frauen unter ihm
auch nur ein Fleckchen Raumes fänden, der würde diesen Begriff damit
bereits _zerstört_ haben. Wenn überhaupt ein Begriff von Genialität in
Strenge und Einheitlichkeit gewonnen und gewahrt werden soll und kann,
so sind, wie ich glaube, keine anderen Definitionen von ihm möglich
als die hier entwickelten. Wie könnte nach diesen ein seelenloses
Wesen Genie haben? Genialität ist identisch mit _Tiefe_; und man
versuche nur, tief und Weib wie Attribut und Substantiv miteinander
zu verbinden: ein jeder hört den Widerspruch. _Ein weiblicher Genius
ist demnach eine contradictio in adjecto_; denn Genialität war ja nur
gesteigerte, voll entfaltete, höhere, allgemein bewußte Männlichkeit.
Der geniale Mensch hat, wie alles, auch das Weib völlig in sich; aber
das Weib selbst ist nur ein Teil im Weltall, und der Teil kann nicht
das Ganze, Weiblichkeit also nicht Genialität in sich schließen. Die
_Genielosigkeit_ des Weibes folgt unabwendbar daraus, daß das Weib
keine Monade und somit kein Spiegel des Universums ist.
Zum Nachweise der _Seelenlosigkeit_ des Weibes aber vereinigt sich
der größte Teil alles dessen, was etwa in den vorigen Kapiteln zu
ermitteln sollte gelungen sein. Das dritte Kapitel zunächst hat
gezeigt, daß die Frau in Heniden, der Mann in gegliederten Inhalten
lebt, daß das weibliche Geschlecht ein weniger _bewußtes_ Leben führt
als das männliche. Bewußtsein ist aber _ein_ erkenntnistheoretischer
und zugleich _der_ psychologische Fundamentalbegriff.
Erkenntnistheoretisches Bewußtsein und Besitz eines kontinuierlichen
Ich, transcendentales Subjekt und Seele sind vertauschbare
Wechselbegriffe. Jedes Ich _ist_ nur in der Weise, daß es sich selbst
fühlt, sich seiner in seinen Denkinhalten bewußt wird; alles Sein ist
Bewußtsein. Aber es ist jetzt zu jener Theorie von den Heniden eine
wichtige Erläuterung hinzuzufügen. Die artikulierten Denkinhalte des
Mannes sind nicht einfach die auseinandergefalteten und geformten
weiblichen, sie sind nicht bloß aktuell, was jene potentiell waren;
sondern es steckt in ihnen von allem Anfang an noch ein _qualitativ
anderes_. Die psychischen Inhalte des Mannes sind, selbst schon im
ersten Henidenstadium, das sie stets zu überwinden trachten, bereits
zur _Begrifflichkeit_ angelegt, und vielleicht tendiert selbst _alle
Empfindung_ des Mannes von einem sehr frühen Stadium an _zum Begriffe_.
Das Weib selbst ist durchaus unbegrifflich veranlagt, in seinem
Wahrnehmen wie in seinem Denken.
Das Prinzip aller Begrifflichkeit sind die logischen Axiome,
und diese fehlen den Frauen; ihnen ist nicht das Prinzip der
Identität Richtschnur, welches allein dem Begriff seine eindeutige
Bestimmtheit verleihen kann, und sie machen sich nicht das principium
contradictionis zur Norm, das einzig ihn, als völlig selbständigen,
gegen alle anderen möglichen und wirklichen Dinge abgrenzt. Dieser
Mangel an begrifflicher Bestimmtheit alles weiblichen Denkens
ermöglicht jene »Sensitivität« der Frauen, die vagen Associationen
ein schrankenloses Recht einräumt, und so häufig ganz fernliegende
Dinge zum Vergleich heranzieht. Auch die Frauen mit dem besten und
am wenigsten begrenzten Gedächtnis kommen über diese Manier der
_Synästhesien_ nie hinaus. Gesetzt z. B., durch irgend ein Wort
fühlten sie sich an eine bestimmte Farbe, durch einen Menschen an
eine bestimmte Speise erinnert -- wie das wirklich bei Frauen oft
genug vorkommt: in solchem Falle geben sie sich mit ihrer subjektiven
Association vollständig _zufrieden_, sie suchen weder zu ergründen,
warum ihnen gerade dieser Vergleich eingefallen, inwiefern er wirklich
durch die tatsächlichen Verhältnisse nahegelegt sei, noch trachten sie
weiter und eifriger über ihren Eindruck von dem Worte, von dem Menschen
ins Klare zu kommen. Diese Genügsamkeit und Selbstzufriedenheit hängt
mit dem zusammen, was früher als intellektuelle Gewissenlosigkeit des
Weibes bezeichnet wurde, und gleich weiter unten nochmals zur Sprache
kommen und in seinem Konnex mit dem Mangel an Begrifflichkeit erläutert
werden soll. Jenes Schwelgen in rein gefühlsmäßigen Anklängen,
jener Verzicht auf Begrifflichkeit und auf Begreiflichkeit, jenes
_Sichwiegen_ ohne _Streben_ nach irgend einer Tiefe charakterisiert
den schillernden Stil so vieler moderner Schriftsteller und Maler als
einen eminent _weiblichen_. Männliches Denken scheidet sich von allem
weiblichen grundsätzlich durch das Bedürfnis nach sicheren Formen,
und so ist auch jede »Stimmungskunst« immer notwendig eine _formlose_
»Kunst«.
Die psychischen Inhalte des Mannes können aus diesen Gründen nie
einfach Heniden des Weibes in bloßer Weiterentwicklung in »expliciter«
Form sein. Das Denken des Weibes ist ein Gleiten und ein Huschen
zwischen den Dingen hindurch, ein Nippen von ihren obersten Flächen,
denen der Mann, der »in der Wesen Tiefe trachtet«, oft gar keine
Beachtung schenkt, es ist ein Kosten und ein Schmecken, ein _Tasten_,
kein _Ergreifen_ des Richtigen. Darum, weil das Denken des Weibes
vornehmlich eine Art _Schmecken_ ist, bleibt auch _Geschmack_,
im _weitesten_ Sinne, die vornehmste weibliche Eigenschaft, das
Höchste, was eine Frau selbständig erreichen, und worin sie es bis
zu einer gewissen Vollendung bringen kann. Geschmack erfordert
eine Beschränkung des Interesses auf Oberflächen, er geht auf den
Zusammenklang des Ganzen, und verweilt nie bei scharf herausgehobenen
Teilen. Wenn eine Frau einen Mann »versteht« -- über Möglichkeit und
Unmöglichkeit solchen Verstehens wird noch zu handeln sein -- so
_schmeckt_ sie sozusagen -- so geschmacklos gerade dieser Ausdruck
sein mag -- _nach_, was er ihr _$vorgedacht$_ hat. Da es auf ihrer
Seite hiebei eben nicht zu scharfer Unterscheidung kommen kann, so ist
klar, daß an ein Verständnis von ihr selbst oft wird geglaubt werden,
wo nur höchst vage Analogien in der Empfindung vorhanden sind. Als
maßgebend für die _In_kongruenzen ist hiebei vor allem anzusehen, daß
die Denkinhalte des Mannes nicht auf derselben Linie, und nicht etwa
nur auf ihr weiter vorgerückt liegen als die des Weibes, sondern daß es
_zwei_ Reihen sind, welche auf die gleichen Objekte sich erstrecken,
eine begriffliche männliche und eine unbegriffliche weibliche, und
eine im Verstehen ausgesagte Identifikation demnach _nicht nur_
zwischen einem entwickelten, differenzierten, späteren, und einem noch
chaotischen, ungegliederten, früheren Inhalt _derselben_ Reihe erfolgen
kann (wie im Falle des Ausdrucks, S. 154); sondern daß gerade im
Verstehen zwischen Mann und Weib ein _begrifflicher_ Gedanke der einen
Reihe einem _unbegrifflichen_ »Gefühle«, einer »Henide«, in der anderen
gleichgesetzt wird.
Die unbegriffliche Natur des Weibes ist aber, nicht minder als seine
geringere Bewußtheit, ein Beweis dafür, daß es kein Ich besitzt. Denn
erst der Begriff schafft den bloßen Empfindungskomplex zum _Objekt_
um, er macht ihn unabhängig davon, ob ich ihn empfinde oder nicht.
Das Dasein des Empfindungskomplexes ist immer vom Willen des Menschen
abhängig: dieser schließt das Auge, er verstopft das Ohr und sieht
und hört schon nicht mehr, er berauscht sich oder sucht den Schlaf,
und vergißt. Erst der _Begriff_ emanzipiert von der ewig subjektiven,
ewig psychologisch-relativen Tatsache des _Empfindens_, er schafft die
_Dinge_. Durch seine begriffliche Funktion stellt sich der Intellekt
selbsttätig ein Objekt _gegenüber_; und umgekehrt kann nur, wo eine
begriffliche Funktion da ist, von Subjekt und Objekt gesprochen werden,
nur dort sind beide voneinander unterscheidbar; in jedem anderen Falle
ist nur ein Haufe ähnlicher und unähnlicher Bilder vorhanden, die
ineinander ohne jede Regel und Ordnung verschwimmen und übergehen. Der
Begriff schafft also die frei in der Luft schwebenden _Impressionen
zu Gegenständen_ um, er zeugt aus der Empfindung ein Objekt, dem das
Subjekt gegenübertritt, einen Feind, an dem es seine Kräfte mißt.
So ist der Begriff konstitutiv für alle Realität; nicht als ob der
Gegenstand selbst nur so weit Realität besäße, als er Anteil hätte
an einer jenseits der Erfahrung in einem τόπος νοητός liegenden Idee
und nur eine unvollkommene Projektion, ein stets mißlungenes Abbild
dieser darstellte: sondern umgekehrt, _insofern sich auf irgend etwas
die begriffliche Funktion unseres Intellektes erstreckt, insofern
und nur insofern wird es zum realen Ding_. Der _Begriff_ ist das
»_transcendentale Objekt_« der _Kant_schen Vernunftkritik, als welches
aber stets nur einem _transcendentalen Subjekte_ korrespondiert. Denn
nur aus dem Subjekte stammt jene rätselhafte objektivierende Funktion,
die jenen _Kant_schen »Gegenstand X«, auf den alle _Erkenntnis_ sich
erst _richtet_, selbst _hervorbringt_, und die ja als identisch mit
den logischen Axiomen erkannt wurde, in welchen wieder nur das Dasein
des Subjektes zum Ausdruck gelangt. Das principium contradictionis
nämlich grenzt den Begriff ab gegen alles, was nicht er selbst ist; das
principium identitatis ermöglicht seine Betrachtung, als ob er allein
auf der Welt wäre. Ich kann nie von einem rohen Empfindungskomplexe
sagen, daß er sich selbst gleich sei; in dem Augenblick, wo ich das
Urteil der Identität auf ihn anwende, ist er bereits begrifflich
geworden. So verleiht erst der Begriff allem Wahrnehmungsgebilde und
allem Gedankengespinst seine _Würde_ und seine _Strenge_: _der Begriff
$befreit$ jeden Inhalt, indem er ihn $bindet$_. Und hier wird abermals
offenbar, wie alle Freiheit Selbstbindung ist, in der Logik wie in der
Ethik. Frei wird der Mensch allein, indem er selbst das Gesetz wird:
nur so entgeht er der Heteronomie, der Bestimmung durch anderes und
durch andere, die unausbleiblich an jede Willkür geknüpft ist. Deshalb
ist auch die begriffliche Funktion eine _Selbstehrung_ des Menschen;
er ehrt _sich_, indem er seinem Objekte die Freiheit gibt und es
verselbständigt, als den allgemeingültigen _Gegenstand der Erkenntnis_,
auf den rekurriert wird, wo immer zwei Männer über eine Sache streiten
mögen. -- Nur die Frau steht nie Dingen _gegenüber_, sie springt mit
ihnen und in ihnen mit sich nach Belieben um: sie kann dem Objekte
keine Freiheit schenken, da sie selbst keine hat.
Die Verselbständigung der Empfindung im Begriffe ist aber nicht
sowohl eine Loslösung vom _Subjekte_, als eine Loslösung von der
_Subjektivität_. Der Begriff ist vielmehr eben das, worüber _ich_
denke, schreibe und spreche. Darin liegt der Glaube, daß ich
nichtsdestoweniger noch in einer Beziehung zu ihm stehe, und _dieser_
Glaube ist das Wesen des $Urteils$. Wenn die immanenten Psychologisten,
_Hume_, _Huxley_, _Mach_, _Avenarius_, sich mit dem _Begriff_ noch
so abzufinden suchten, daß sie ihn mit der Allgemeinvorstellung
identifizierten, und zwischen logischem und psychologischem Begriff
keine Unterscheidung mehr trafen: so ist es hingegen sehr bezeichnend,
daß sie das _Urteil_ einfach ignorieren, ja, tun müssen, als ob es
nicht da wäre. Sie können, von ihrem Standpunkt aus, für _das allem
Empfindungsmonismus Fremde_, das im Urteils_akte_ enthalten ist,
keinerlei Verständnis sich gestatten. Im Urteil liegt Anerkennung
oder Verwerfung, Billigung oder Mißbilligung bestimmter Dinge, und
der Maßstab dieser Billigung -- _die Idee der Wahrheit_ -- kann nicht
selbst in den Wahrnehmungskomplexen gelegen sein, die beurteilt werden.
Für wen es nichts als Empfindungen gibt, für den sind notwendig
alle Empfindungen _gleichwertig_, die Aussichten der einen nicht
größer als die der anderen, Baustein einer realen Welt zu werden. So
vernichtet gerade der _Empirismus_ die Wirklichkeit der _Erfahrung_,
und entpuppt sich der _Positivismus_ trotz des »solid« und »reell«
klingenden Titels seiner Firma als der wahre _Nihilismus_ -- wie
so manches der Ehrbarkeit volle geschäftliche Unternehmen als ein
schwindelhafter Luftbau. Der Gedanke eines _Maßes_ der Erfahrung, der
_Wahrheitsgedanke_, kann nicht schon in der _Erfahrung_ gelegen sein.
_In jedem Urteil aber liegt gerade dieser Anspruch auf Wahrheit_,
es erhebt implicite, auch wenn es mit noch so vielen, subjektiv
einschränkenden, Zusätzen versehen wird, die Forderung seiner
objektiven Gültigkeit eben in der restringierten Form, die ihm sein
Urheber gab. Wer etwas in der Weise eines Urteils ausspricht, wird so
behandelt, als verlangte er die allgemeine Anerkennung für das, was
er sagt; und erklärt er, daß ihm diese Hoffnung fern gelegen sei, so
wird er mit Recht zu hören bekommen, daß er sich eines Mißbrauches der
Urteilsform schuldig gemacht habe. Demnach ist es richtig, daß in der
urteilenden Funktion der Anspruch auf _Erkenntnis_, das heißt _auf die
Wahrheit des Geurteilten_, gelegen sei.
Dieser Anspruch auf Erkenntnis besagt nicht mehr und nicht weniger,
als daß das Subjekt über das Objekt zu _urteilen_, über es _Richtiges_
auszusagen _vermöge_. Die Objekte, über die geurteilt wird, sind
_Begriffe_: der Begriff ist der Gegenstand der Erkenntnis. Der Begriff
stellte dem Subjekt ein Objekt _gegenüber_; _durch das Urteil wird
wiederum die Möglichkeit einer Verbindung_ und Verwandtschaft _zwischen
ihnen behauptet_. Denn die Wahrheitsforderung heißt so viel, daß das
Subjekt über das Objekt auch richtig urteilen _könne_; _und so liegt
in der Urteilsfunktion der $Beweis$ eines Zusammenhanges zwischen
dem Ich und dem All_, ja der Möglichkeit ihrer vollen Einheit; diese
Einheit, und nichts anderes, nicht die _Übereinstimmung_, sondern die
_Identität_ von Sein und Denken ist _Wahrheit_; nie eine dem Menschen
als Menschen je erreichbare _Tatsache_[36], immer nur eine ewige
_Forderung_. So ist das Urteilsvermögen, in der Voraussetzung, die ihm
am allgemeinsten zu Grunde liegt, nur der trockene _logische Ausdruck
der Theorie von der Seele des Menschen als des Mikrokosmus_. Und die
viel verhandelte Frage, was vorhergehe, Begriff oder Urteil, wird wohl
dahin entschieden werden müssen, daß keinem von beiden eine Priorität
vor dem anderen zukomme, vielmehr beide einander notwendig bedingen.
Denn alle Erkenntnis geht auf einen Gegenstand, Erkennen aber
vollzieht sich in der Form des Urteilens und sein Gegenstand ist der
Begriff. Die begriffliche Funktion hat Subjekt und Objekt gespalten,
und jenes einsam gemacht: wie alle Liebe, so sucht damit sogleich auch
die Sehnsucht des Erkenntnistriebes das Entzweite wieder zu einen.
Fehlt einem Wesen, wie dem echten Weibe, die begriffliche, so mangelt
ihm deshalb notgedrungen gleichzeitig die urteilende Tätigkeit. Man
wird diese Behauptung eine lächerliche Paradoxie nennen, weil ja doch
die Frauen genug _sprechen_ (wenigstens hat sich niemand über das
Gegenteil beklagt), und alles Sprechen Ausdruck von Urteilen sei. Aber
eben dieses letztere ist nicht richtig. Der _Lügner_ z. B., den man
gegen die tiefere Bedeutung des Urteilsphänomens gewöhnlich ins Feld
führt, _urteilt gar nicht_ (es gibt eine »innere Urteilsform«[37]
wie eine »innere Sprachform«), indem er eben, lügend, an das, was er
sagt, gar nicht den Maßstab der Wahrheit anlegt; und, wenn er für die
Lüge auch noch so allgemeine Anerkennung erzwingen will, eben seine
eigene Person hievon ausnimmt und damit die objektive Gültigkeit dahin
ist. Wer sich hingegen selbst belügt, fragt vor dem inneren Forum
seine Gedanken nicht nach ihren Rechtsgründen, würde sich aber wohl
hüten, sie vor einem äußeren zu vertreten. Es kann also jemand die
äußere sprachliche Form des Urteils sehr wohl wahren, ohne seiner
inneren Bedingung gerecht geworden zu sein. Diese innere Bedingung ist
aufrichtige Anerkennung der Idee der Wahrheit als obersten Richters
über alle Aussagen, und herzliches Begehren, vor diesem Richter mit
jedem Ausspruche, den man tue, bestehen zu können. Man steht aber zur
Idee der Wahrheit in einem Verhältnis überhaupt und ein für alle Male,
und nur aus einem solchen kann Wahrhaftigkeit sowohl den Menschen,
als den Dingen, als auch sich selbst gegenüber fließen. Darum ist
die eben getroffene Einteilung in Lüge vor sich und Lüge vor anderen
falsch, und wer _subjektiv verlogen_ ist, wie das von der Frau bereits
hervorgehoben wurde und noch sehr ausführlich auseinandergesetzt
werden wird, der kann auch kein Interesse an der _objektiven_ Wahrheit
besitzen. Das Weib hat keinen Eifer für die Wahrheit -- darum ist es
nicht _ernst_ -- darum nimmt es auch keinen Anteil an _Gedanken_. Es
gibt eine Menge weiblicher Schriftstellerinnen, aber _Gedanken_ vermißt
man in allem, was weibliche Künstler je geschaffen haben, und so gering
ist diese Liebe zur (objektiven) Wahrheit, daß sie Gedanken meist nicht
einmal zu _borgen_ der Mühe wert finden.
Kein Weib hat wirkliches Interesse für die Wissenschaft, sie mag
es sich selbst und noch so vielen braven Männern, aber schlechten
Psychologen, vorlügen. Man kann sicher sein, daß, wo immer eine Frau
irgend etwas nicht _ganz_ Unerhebliches in wissenschaftlichen Dingen
selbständig geleistet hat (Sophie _Germain_, Mary _Somerville_ etc.),
dahinter stets ein Mann sich verbirgt, dem sie auf diese Weise näher zu
kommen trachtete; und viel allgemeiner als für den Mann das »Cherchez
la femme« gilt für die Frauen ein »Cherchez l'homme«.
Bedeutendere Leistungen hat es aber selbst auf dem Gebiete der
Wissenschaft von weiblicher Seite nie gegeben. Denn die Fähigkeit zur
Wahrheit stammt nur aus dem Willen zur Wahrheit, und ist stets diesem
in ihrer Stärke angemessen.
Darum ist auch der Wirklichkeitssinn der Frauen, so oft auch das
Gegenteil behauptet worden ist, viel geringer als jener der Männer.
Ihnen ordnet sich die Erkenntnis stets einem fremden Zwecke unter, und
wenn die Absicht auf diesen intensiv genug ist, dann mögen die Frauen
sehr scharf und unbeirrt blicken; was Wahrheit an sich und um ihrer
selbst willen für einen Wert haben solle, wird eine Frau nie und nimmer
einzusehen imstande sein. Wo also Täuschung seinen (oft unbewußten)
Wünschen _entgegenkommt_, dort wird das Weib gänzlich unkritisch,
und verliert jede Kontrolle über die Realität. Daraus erklärt sich
der feste Glaube so mancher Frauen, von sexuellen Attacken bedroht
worden zu sein, daraus die ungemeine Häufigkeit der Halluzinationen
des Tastsinnes beim weiblichen Geschlechte, von deren intensivem
Realitätscharakter der Mann nicht leicht eine Vorstellung sich bilden
mag; denn die Phantasie des Weibes ist Irrtum und Lüge, die Phantasie
des Mannes hingegen, als Künstlers oder Philosophen, erst höhere
Wahrheit.
Der Wahrheitsgedanke aber liegt allem, was den Namen _Urteil_
verdient, zu Grunde. Urteilen ist die Form alles Erkennens, und Denken
selbst heißt nichts anderes als urteilen. Die Norm des Urteils ist
der Satz vom Grunde, gleichwie die Sätze vom Widerspruch und von
der Identität den Begriff (als die Norm der Essenz) konstituieren.
Daß die Frau den Satz vom Grunde _nicht_ anerkennt, darauf wurde
schon hingewiesen. Alles Denken ist Ordnen des Mannigfaltigen zur
Einheit; im Satz vom Grunde, der die Berechtigung jedes Urteils
von einem logischen Erkenntnisgrunde abhängig macht, liegt der
Gedanke der _Einheitsfunktion_ unseres Denkens _mit Bezug_ auf die
Mannigfaltigkeit, und _trotz_ derselben; indes die drei anderen
logischen Axiome nur ein Ausdruck des _Seins_ der Einheit selbst ohne
Beziehung auf eine Mannigfaltigkeit sind. Beide sind darum nicht
aufeinander zurückzuführen, _vielmehr ist darin, daß sie zweierlei
sind, der formal-logische Ausdruck des Dualismus in der Welt, der
Existenz einer Vielheit neben der Einheit zu erblicken_. Jedenfalls
hatte _Leibniz_ recht, als er beide unterschied, und jede Theorie, die
dem Weibe die Logik abspricht, muß nicht nur vom Satz des Widerspruchs
(und der Identität), der sich auf den Begriff bezieht, sondern
ebenso vom Satz des Grundes, dessen Gewalt das Urteil untersteht,
nachweisen, daß es ihn nicht begreife und ihm sich nicht beuge. In der
intellektuellen Gewissenlosigkeit der Frau liegt dieser Nachweis. Hat
einmal ein Weib einen theoretischen Einfall, so verfolgt es ihn nicht
weiter, es bringt ihn nicht in Beziehung zu anderem, _es denkt nicht
$nach$_. Deshalb kann es am wenigsten einen weiblichen Philosophen
geben; es fehlt die Ausdauer, die Zähigkeit, die Beharrlichkeit des
Denkens und alle Motive zu diesem, und daß eine Frau an _Problemen
litte_, davon kann zu allerletzt die Rede sein. Man schweige nur von
den Weibern, denen nicht zu helfen ist. Der problematische Mann will
erkennen, das problematische Weib will doch nur erkannt werden.
Ein _psychologischer_ Beweis für die _Männlichkeit der Urteilsfunktion_
ist dieser, _daß das Urteilen vom Weibe als männlich empfunden wird,
und wie ein (tertiärer) Sexualcharakter anziehend auf es_ wirkt.
Die Frau _verlangt_ vom Manne stets bestimmte Überzeugungen, die sie
übernehme; für den _Zweifler_ im Manne geht ihr jegliches Verständnis,
welcher Art immer, ab. Auch erwartet sie stets, daß der Mann _rede_,
und die Rede des Mannes ist ihr ein Zeichen von Männlichkeit. Den
Frauen ist zwar die Gabe der Sprache, aber nicht so die der Rede
verliehen; eine Frau konversiert (kokettiert) oder schnattert, aber sie
redet nicht. Am gefährlichsten aber ist sie, wenn sie stumm ist: denn
der Mann ist nur allzugeneigt, Stummheit für Schweigen zu nehmen.
So ist nicht nur von den logischen Normen, sondern auch von den
Funktionen, welche durch diese Grundsätze geregelt werden, von der
begrifflichen und der urteilenden Tätigkeit, bewiesen, daß W ihrer
entbehrt. Da aber die Begrifflichkeit ihrem Wesen nach darin besteht,
einem _Subjekt_ sein Objekt gegenüberzustellen, und im Urteilen die
Urverwandtschaft und tiefste Wesenseinheit des Subjektes mit seinem
Objekte zum Ausdruck kommt, so muß der Frau abermals der Besitz eines
Subjektes aberkannt werden.
An den Nachweis der Alogizität des absoluten Weibes hat sich der
Nachweis seiner Amoralität im einzelnen zu schließen. Die tiefe
Verlogenheit des Weibes, welche aus dem Mangel eines Verhältnisses
zur Idee der Wahrheit, wie zu den Werten überhaupt, freilich schon
hier sich ergibt, muß noch so eingehend Gegenstand der Besprechung
werden, daß hier zunächst andere Momente sollen hervorgekehrt sein.
Es gilt dabei unausgesetzt einen besonderen Scharfsinn und eine große
Vorsicht; denn es gibt so unendlich viele Imitationen des Ethischen, ja
so täuschende Kopien der Moral, daß die Sittlichkeit der Frauen wohl
von vielen stets höher als die der Männer wird gewertet werden. Ich
habe schon die Notwendigkeit der Distinktion zwischen _a_moralischem
und _anti_moralischem Verhalten betont, und wiederhole, daß nur von
ersterem, welches eben gar keinen Sinn für die Moral, und gar keine
Richtung mit Bezug auf dieselbe involviert, beim echten Weibe die Rede
sein kann. Es ist eine aus der Kriminalstatistik wie aus dem täglichen
Leben wohl bekannte Tatsache, daß von Frauen unvergleichlich weniger
Verbrechen begangen werden als von Männern. Auf diese Tatsache berufen
sich denn auch immer die geschäftigen Apologeten der Sittenreinheit des
Weibes.
Aber bei der Entscheidung der Frage nach der weiblichen Sittlichkeit
kommt es nicht darauf an, ob jemand objektiv gegen die Idee gesündigt
hat; sondern nur darauf, ob er einen subjektiven Wesenskern hat,
der in ein Verhältnis zur Idee treten konnte, und dessen Wert er in
Frage stellte, als er fehlte. Gewiß wird der Verbrecher mit seinen
verbrecherischen Trieben geboren, aber nichtsdestoweniger fühlt er
selbst, trotz aller Theorien von der »moral insanity«, daß er durch
seine Tat seinen Wert und sein Recht auf das Leben verwirkt hat;
denn es gibt nur feige Verbrecher, und keinen, dessen Stolz und
Selbstbewußtsein durch die böse Tat erhöht und nicht vermindert worden
wäre, keinen, der es übernähme, sie zu rechtfertigen.
Der männliche Verbrecher hat ebenso von Geburt an ein Verhältnis zur
Idee des Wertes wie jener andere Mann, dem die verbrecherischen Triebe,
die den ersten beherrschen, fast völlig mangeln. Das Weib hingegen
behauptet oft im vollen Rechte zu sein, wenn es die denkbar größte
Gemeinheit begangen hat; während der echte Verbrecher stumpfsinnig auf
alle Vorwürfe _schweigt_, kann eine Frau empört ihrer Verwunderung
und Entrüstung darüber Ausdruck geben, daß man ihr gutes Recht, so
oder so zu handeln, in Zweifel ziehe. Frauen sind überzeugt _von_
ihrem »Rechte«, ohne je _über_ sich zu Gericht gesessen zu sein. Der
Verbrecher geht zwar auch nie in sich, aber er behauptet auch nie
sein Recht; er geht vielmehr dem Gedanken des Rechtes hastig aus dem
Wege, weil es ihn an seine Schuld erinnern könnte: und hier liegt
auch der Beweis, daß er ein Verhältnis zur Idee _hatte_, und nur an
seine Untreue gegen sein besseres Selbst nicht erinnert werden will.
_Kein Verbrecher hat noch wirklich geglaubt, daß ihm Unrecht geschehen
sei durch die Strafe_[38]; die Frau hingegen ist überzeugt von
der Böswilligkeit ihrer Ankläger; und, wenn _sie nicht will_, kann
ihr niemand beweisen, daß sie Unrecht getan habe. Wenn ihr jemand
zuredet, so kommt es freilich oft vor, daß sie in Tränen ausbricht,
um Verzeihung bittet und »ihr Unrecht einsieht«, ja wirklich glaubt,
dieses Unrecht aufrichtig zu fühlen; aber immer nur, wenn sie dazu die
Lust empfunden hat; denn diese Auflösung im Weinen bereitet ihr stets
ein gewisses wollüstiges Vergnügen. Der Verbrecher ist verstockt, er
läßt sich nicht im Nu umdrehen, wie der scheinbare Trotz einer Frau
in ein ebenso scheinbares Schuldgefühl sich verkehren läßt, wenn der
Ankläger sie entsprechend zu behandeln versteht. Die einsame Pein der
Schuld, die am Bette weinend sitzt und vergehen möchte vor Scham über
den Makel, mit dem sie sich beladen hat, die kennt kein Weib, und eine
scheinbare Ausnahme (die Büßerin, die den Leib kasteiende Betschwester)
wird später ebenfalls zeigen, daß _eine Frau stets nur zu zweien sich
sündhaft fühlt_.
Ich behaupte also nicht, daß die Frau böse, antimoralisch ist; ich
behaupte, _daß sie vielmehr böse gar nie sein kann_; sie ist nur
amoralisch, _gemein_.
Das weibliche Mitleid und die weibliche Schamhaftigkeit sind die
beiden anderen Phänomene, auf welche der Schätzer weiblicher Tugend
insgemein sich beruft. Speziell die weibliche Güte, das weibliche
Mitgefühl haben zu der schönen Sage von der Psyche des Weibes den
meisten Anlaß gegeben, und das letzte Argument alles Glaubens an die
höhere Sittlichkeit der Frau ist die Frau als Krankenpflegerin, als
barmherzige Schwester. Ich erwähne diesen Punkt ungern und hätte ihn
nicht berührt, bin aber durch einen Einwand, der mir mündlich gemacht
wurde und dem voraussichtlich weitere folgen werden, hiezu gezwungen.
Es ist kurzsichtig, wenn man die Krankenpflege der Frauen für einen
Beweis ihres Mitleids hält, indem vielmehr gerade das Gegenteil
aus ihr folgt. Denn der Mann könnte die Schmerzen des Kranken nie
mitansehen, er müßte unter ihnen so leiden, daß er völlig aufgerieben
würde, und wartende Pflege des Patienten wäre ihm ganz unmöglich. Wer
Krankenschwestern beobachtet, nimmt mit Erstaunen wahr, daß diese
gleichmütig und »sanft« bleiben, selbst unter den furchtbarsten
Krämpfen eines Sterbenden; und so ist es gut; denn der Mann, der
Qualen und Tod nicht mitmachen kann, wäre dem Kranken ein schlechter
Pfleger. Der Mann würde die Qualen lindern, den Tod aufhalten, mit
einem Worte, er würde _helfen_ wollen; wo nicht zu helfen ist, da ist
kein Platz für ihn, da kann allein die Pflege in ihr Recht treten, und
für diese eignet sich nur das Weib. Man ist aber völlig im Unrecht,
wenn man die Tätigkeit der Frauen auf diesem Ressort anders als vom
utilitaristischen Standpunkt schätzen zu können glaubt.
Dazu tritt noch, daß für die Frau das _Problem_ von Einsamkeit und
Gesellschaft gar nicht existiert. Sie schickt sich gerade deshalb
besonders gut zur Gesellschafterin (Vorleserin, Krankenpflegerin),
weil sie nie aus einer Einsamkeit heraustritt in eine Mehrsamkeit.
_Dem Manne wird Einsamkeit und Mehrsamkeit immer irgendwie Problem,
wenn auch oft nur eine von beiden zur Möglichkeit_. Die Frau verläßt
keine Einsamkeit, um den Kranken zu pflegen, wie sie es tun müßte,
auf daß ihre Tat wirklich sittlich könnte genannt werden; _denn eine
Frau ist $nie$ einsam_, sie kennt nicht die Liebe zur Einsamkeit und
nicht die Furcht vor ihr. _Die Frau lebt stets, auch wenn sie allein
ist, in einem Zustande der $Verschmolzenheit$ mit allen Menschen, die
sie kennt_: ein Beweis, daß sie keine Monade ist, denn alle Monaden
haben _Grenzen_. Die Frauen sind ihrer Natur nach unbegrenzt, aber
nicht unbegrenzt wie der Genius, dessen Grenzen mit denen der Welt
zusammenfallen; sondern sie _trennt_ nie etwas Wirkliches von der Natur
oder von den Menschen.[39]
Dieses Verschmolzensein ist etwas durchaus _Sexuelles_, und
dementsprechend äußert sich alles weibliche Mitleid in _körperlicher
Annäherung_ an das bemitleidete Wesen, es ist tierische Zärtlichkeit,
es muß streicheln und trösten. Wieder nur ein Beweis für das Fehlen
jenes harten Striches, der stets zwischen Persönlichkeit und
Persönlichkeit gezogen ist! Die Frau ehrt nicht den Schmerz des
Nebenmenschen durch Schweigen, sie glaubt ihn durch Zureden aufheben
zu können: so sehr fühlt sie sich mit ihm verbunden, als natürliches,
nicht als geistiges Wesen. Und wo die Sexualität erloschen ist, dort
fehlt auch jedes Mitleid: im alten Weib ist nie auch nur ein Funken
jener angeblichen Güte mehr, und so liefert das Greisenalter der Frau
den indirekten Beweis, wie all ihr Mitleid nur eine Form sexueller
Verschmolzenheit war, _selbst_ wenn es auf ein gleichgeschlechtliches
Wesen sich bezog.
Das _verschmolzene_ Leben, eine der wichtigsten und am tiefsten
führenden Tatsachen des weiblichen Daseins, ist auch der Grund der
Rührseligkeit aller Frauen, jener gemeinen Willigkeit und Leichtigkeit
und Schamlosigkeit des Tränenergusses. Nicht umsonst kennt man nur
Klageweiber, und achtet einen in Gesellschaft weinenden Mann nicht sehr
hoch. Wenn jemand weint, so weint die Frau mit, wie sie stets mitlacht,
wenn ein anderer, außer über sie selbst, lacht: und damit ist ein guter
Teil des weiblichen Mitleidens auch bereits erschöpft.
Nur das Weib jammert so recht andere Menschen _an_, weint sie _an_
und _verlangt_ ihr Mitleid. Hierin liegt einer der stärksten Beweise
der psychischen Schamlosigkeit des Weibes. Die Frau provoziert das
Mitleid der Fremden, um _mit diesen_ weinen und sich selbst so noch
mehr bedauern zu können, als sie es bereits tat. Ja, es ist nicht
zu viel behauptet, daß das Weib, auch wenn es allein weint, stets
_mit_weine mit anderen, denen es in Gedanken sein Leid klagt, wodurch
es selbst sehr heftig gerührt wird. »Mitleid mit sich selbst« ist eine
eminent weibliche Eigenschaft: die Frau stellt sich zuerst in eine
Reihe mit den anderen, _macht sich zum Objekt des Mitleidens anderer_,
und beginnt nun, tief ergriffen, _mit_ ihnen über sich, »die Arme«,
mitzuweinen. Aus diesem Grunde schämt sich der Mann vielleicht keiner
anderen Regung so sehr, als wenn er sich auf einem Impuls zu diesem
sogenannten »Mitleid mit sich selbst« ertappt, _in dem das Subjekt
tatsächlich Objekt wird_.
Das weibliche Mitleid, an das selbst _Schopenhauer_ geglaubt hat, ist
ein Schluchzen und Heulen überhaupt, beim geringsten Anlaß, ohne die
schwächste Bemühung, aus Scham die Regung zu unterdrücken; denn wie
alles wahre Leiden, so müßte auch wahres Mitleiden, sofern es eben
wirklich Leiden wäre, schamhaft sein; ja kein Leid kann so schamhaft
sein wie das Mitleid und die Liebe, weil diese beiden am stärksten
die unübersteigbaren _Grenzen_ jeder Individualität zum _Bewußtsein_
bringen. Von der Liebe und ihrer Schamhaftigkeit kann erst später
gehandelt werden; im _Mitleid_ aber, im echten männlichen Mitleiden,
liegt immer Beschämung, Schuldbewußtsein, weil es mir nicht so schlecht
geht wie diesem, weil ich nicht er, sondern ein von ihm, auch durch
äußerliche Umstände, _getrenntes_ Wesen bin. _Das männliche Mitleid ist
das über sich selbst errötende principium individuationis; darum ist
alles weibliche Mitleid zudringlich, das männliche versteckt sich._
Was es mit der Schamhaftigkeit der Frauen für eine Bewandtnis habe, das
ist hierin zum Teil schon ausgesprochen; zum Teil kann es ebenfalls
erst später, mit dem Thema der Hysterie zusammen, abgehandelt werden.
Wie man angesichts des naiven Eifers, mit dem alle Frauen, wo die
gesellschaftliche Konvention es nur gestattet, ihre Decolletage
betreiben, noch an einer angeborenen inneren Schamhaftigkeit als
der Tugend des weiblichen Geschlechtes festhalten könne, ist nicht
einzusehen: man _ist_ entweder schamhaft oder man _ist_ es nicht,
und das ist keine Schamhaftigkeit, die man in gewissen Augenblicken
regelmäßig spazieren schickt.
Der absolute Beweis für die Schamlosigkeit der Frauen (und ein Hinweis
darauf, _woher_ die Forderung der Schamhaftigkeit wohl eigentlich
stammen mag, welcher die Frauen äußerlich oft so peinlich nachkommen)
liegt jedoch darin, daß Frauen untereinander sich immer ungescheut
völlig entblößen, während Männer voreinander stets ihre Nacktheit zu
bedecken suchen. Wenn Frauen allein sind, werden eifrige Vergleiche
zwischen den körperlichen Reizen der einzelnen angestellt, und oft alle
Anwesenden einer genauen und eingehenden Visitierung unterzogen, die
nicht ohne Lüsternheit erfolgt, weil stets der Wert, den der Mann auf
diesen oder jenen Vorzug legen werde, unbewußt der Hauptgesichtspunkt
bleibt. Der einzelne Mann hat kein Interesse für die Nacktheit des
zweiten Mannes, während jede Frau auch die andere Frau in Gedanken
stets entkleidet, und eben hiedurch die allgemeine interindividuelle
Schamlosigkeit des Geschlechtes beweist. Dem Manne ist es peinlich und
unangenehm, sich die Sexualität seines Nebenmannes zu vergegenwärtigen;
die Frau sucht sofort in Gedanken die geschlechtlichen Beziehungen
auf, in denen eine zweite Frau stehen mag, sobald sie diese nur
kennen lernt; ja sie wertet die andere immer ausschließlich nach dem
»Verhältnis«.
Ich komme hierauf noch sehr ausführlich zurück; indessen trifft die
Darstellung nun zum ersten Male mit jenem Punkte wieder zusammen, der
im zweiten Kapitel dieses Teiles besprochen wurde. Wessen man sich
schämt, dessen muß man sich _bewußt_ sein, und wie zur Bewußtheit,
so ist auch zum Schamgefühl stets Differenzierung vonnöten. Die
Frau, die nur sexuell ist, kann _asexuell zu sein scheinen, weil sie
die Sexualität selbst ist_, und hier nicht die Geschlechtlichkeit
körperlich und psychisch, räumlich und zeitlich sich _abhebt_ wie
beim Manne; die Frau, die stets schamlos ist, kann den Eindruck der
Schamhaftigkeit machen, _weil es bei ihr keine Scham zu verletzen
gibt_. Und so ist die Frau auch nie nackt oder stets nackt, wie man es
haben will: nie nackt, weil sie nie zum echten Gefühle einer Nacktheit
wirklich gelangt; stets nackt, weil ihr eben das andere fehlt, das
vorhanden sein müßte, um ihr je zum _Bewußtsein_ zu bringen, daß sie
(objektiv) nackt ist, und so ein innerer Impuls zur Bedeckung werden
könnte. Daß man auch unter Kleidern nackt sein kann, ist freilich
etwas, das blödem Blicke nicht einleuchtet, aber es wäre ein schlimmes
Zeugnis, das ein Psychologe sich ausstellte, wenn er aus der Tatsache
des Gewandes schon auf den geringsten Mangel an Nacktheit schließen
wollte. Und eine Frau ist objektiv stets nackt, selbst unter der
Krinoline und dem Mieder.[40]
Dies alles hängt damit zusammen, was das Wort Ich für die Frau denn
eigentlich immer bedeutet. Wenn man eine Frau fragt, was sie unter
ihrem Ich verstehe, so vermag sie nichts anderes sich darunter
vorzustellen als ihren Körper. Ihr _Äußeres_, das ist das Ich der
Frauen. _Machs_ »Zeichnung des Ich« in seinen »Antimetaphysischen
Vorbemerkungen« stellt also ganz richtig das Ich des vollkommenen
Weibes dar. Wenn E. _Krause_ sagt, die Selbstanschauung Ich sei
ohne weiteres ausführbar, so ist das nicht so ganz lächerlich, wie
_Mach_ unter der Zustimmung vieler anderer glaubt, denen gerade diese
»scherzhafte Illustration des philosophischen ‚Viel Lärm um nichts’« in
den Büchern _Machs_ am besten gefallen zu haben scheint.
Das Ich der Frauen begründet auch die spezifische Eitelkeit der Frauen.
Männliche Eitelkeit ist eine Emanation des _Willens zum Wert_, und
ihre _objektive_ Äußerungsform, _Empfindlichkeit_, das Bedürfnis, die
Erreichbarkeit des Wertes von niemand in Frage gestellt zu sehen.
Was dem Manne Wert und Zeitlosigkeit gibt, ist einzig und allein
_Persönlichkeit_. Dieser höchste _Wert_, der nicht ein _Preis_ ist,
weil an seine Stelle, nach den Worten _Kant_ens, nicht »auch etwas
anderes als _Äquivalent_ gesetzt werden« kann, sondern der »über
allen Preis erhaben ist, mithin kein Äquivalent verstattet«, ist die
_Würde_ des Mannes. Die Frauen haben, trotz _Schiller_, keine Würde
-- die _Dame_ wurde ja nur erfunden, um diesen Mangel auszufüllen --
und ihre Eitelkeit wird sich danach richten, was ihnen ihr höchster
Wert ist; das heißt, sie wird auf die Festhaltung, Steigerung und
Anerkennung körperlicher Schönheit gehen. Die Eitelkeit von W
ist somit einerseits ein gewisses, nur ihr eigenes, selbst dem
(männlich) schönsten Manne[41] _fremdes_ Behagen am eigenen Leibe:
eine Freude, die sich, selbst beim häßlichsten Mädchen, sowohl bei der
Selbstbetastung, als bei der Selbstbetrachtung im Spiegel, als auch
bei vielen Organempfindungen einzustellen scheint; aber schon hier
macht sich mit voller Stärke und mit dem erregendsten Vorgefühl der
Gedanke an den Mann geltend, dem diese Reize einst gehören sollen,
und beweist wiederum, wie das Weib zwar allein, aber nie einsam sein
kann. Anderseits also ist die weibliche Eitelkeit Bedürfnis, den Körper
bewundert oder vielmehr _begehrt, vom sexuell erregten Manne begehrt_
zu fühlen.
Dieses Bedürfnis ist so stark, daß es wirklich viele Weiber gibt, denen
diese Bewunderung, begehrlich von seiten des Mannes, neiderfüllt von
seiten der Geschlechtsgenossinnen, zum Leben vollkommen genügt; sie
kommen damit aus, andere Bedürfnisse haben sie kaum.
Die weibliche Eitelkeit ist also stete Rücksicht auf andere,
_die Frauen leben nur im Gedanken an die anderen_. Und auch die
Empfindlichkeit des Weibes bezieht sich auf diesen nämlichen Punkt.
Nie wird eine Frau vergessen, daß ein anderer sie häßlich gefunden
hat; allein nämlich findet ein Weib sich _nie_ häßlich, sondern stets
nur _minderwertig_, und auch das nur, indem es an die Triumphe denkt,
welche andere Frauen bei den Männern über sie davon getragen haben. Es
gibt kein Weib, das sich nicht noch schön und begehrenswert fände, wenn
es sich im Spiegel betrachtet; der Frau wird nie, gleich dem Manne,
eigene Häßlichkeit zur schmerzvollen Realität, sondern sie sucht bis
ans Ende sich und die anderen darüber hinwegzutäuschen.
Woher kann nun die weibliche Art der Eitelkeit einzig stammen? Sie
fällt zusammen mit dem Mangel des intelligiblen Ich, _des stets und
absolut positiv Bewerteten_, sie erklärt sich aus dem Fehlen eines
_Eigenwertes_. Da sie keinen _Eigenwert_ für sich selbst und vor sich
selbst haben, trachten sie Objekt der Wertung anderer zu werden, durch
Begehrung und Bewunderung von deren Seite, einen Wert für Fremde, vor
Fremden zu gewinnen. Das einzige, was absoluten, unendlichen Wert auf
der Welt hat, ist Seele. »Ihr seid besser denn viele Sperlinge« hat
darum Christus die Menschen wieder gelehrt. Die Frau indessen wertet
sich nicht danach, wie weit sie ihrer Persönlichkeit treu, wie weit
sie frei gewesen ist; jedes Wesen aber, das ein Ich besitzt, kann sich
nur so und nicht anders werten. Wenn also die echte Frau, wie dies
ganz ohne Zweifel wirklich zutrifft, sich selbst immer und ausnahmslos
stets nur so hoch einschätzt, wie den Mann, der sie gewählt hat; wenn
sie nur durch den Gatten oder Geliebten Wert erhält und eben darum
nicht nur sozial und materiell, sondern ihrer tiefsten Wesenheit
nach auf die Ehe gestellt ist: _so kann sie eben keinen Wert an sich
selbst besitzen_, es _fehlt_ ihr _der Eigenwert der menschlichen
Persönlichkeit_. Die Frauen leiten ihren Wert immer von anderen Dingen
ab, von ihrem Geld und Gut, der Zahl und Pracht ihrer Kleider, dem Rang
ihrer Loge im Theater, von ihren Kindern, vor allem aber von ihrem
Bewunderer, von ihrem Manne; und worauf sich eine Frau im Streit mit
der anderen immer zuletzt beruft, und womit sie die andere wirklich am
tiefsten zu treffen und am sichersten zu demütigen weiß, das ist die
soziale Stellung, der Reichtum, das Ansehen und die Titel, aber auch
die Jugendfrische und die vielen Verehrerinnen ihres Mannes; während
es einem Manne, und zwar in erster Linie von ihm selbst, zur höchsten
Schande angerechnet wird, wenn er sich auf irgend ein Fremdes beruft,
und nicht _seinen Wert $an sich$ verteidigt_ gegen alle Angriffe auf
denselben.
Dafür, daß W keine Seele hat, ist Folgendes ein weiterer Beweis.
Während (ganz nach _Goethes_ bekanntem Rezept) W durch Nichtbeachtung
von seiten des Mannes ungemein gereizt wird, auch auf ihn Eindruck zu
machen -- liegt doch der ganze Sinn und Wert ihres Lebens nur in dieser
Fähigkeit -- wird für M das Weib, das ihn unfreundlich und unhöflich
behandelt, eo ipso schon antipathisch. Nichts macht M so glücklich,
als wenn ihn ein Mädchen liebt; selbst wenn sie ihn nicht von Anbeginn
gefesselt hat, ist dann die Gefahr, Feuer zu fangen, für ihn sehr
groß. Für W ist die Liebe eines Mannes, der ihr nicht gefällt, nur eine
Befriedigung ihrer Eitelkeit, oder eine Beunruhigung und Aufscheuchung
schlummernder Wünsche. Die Frau erhebt stets gleichmäßig einen Anspruch
auf alle Männer, die es auf der Welt gibt. Ähnliches gilt auch von
freundschaftlicher Zuneigung innerhalb desselben Geschlechtes, in der
ja doch immer etwas Sexualität steckt.
Das Verhalten der empirisch allein gegebenen Zwischenstufen ist in
solchem Falle nach ihrer Stellung zwischen M und W besonders zu
bestimmen. Also, um auch in diesem Teile ein Beispiel für eine solche
Anwendung zu geben: während _jedes Lächeln_ auf dem Munde eines
Mädchens M leicht entzückt und entflammt, beachten weibliche Männer
wirklich oft nur solche Weiber und Männer, die sich um sie nicht
kümmern, fast ganz wie W einen Bewunderer, dessen sie sicher zu sein
glaubt, der ihren Eigenwert also nicht mehr steigern kann, sofort
stehen läßt. Weshalb ja die Frauen auch nur der Mann anzieht und sie
auch nur dem Manne in der Ehe treu bleiben, der noch bei anderen Frauen
Glück hat als bei ihnen: denn _sie_ können _ihm_ keinen neuen Wert
geben und ihr Urteil dem aller anderen _entgegen_setzen. Beim echten
Manne verhält es sich gerade verkehrt.
Die Schamlosigkeit wie die Herzlosigkeit des Weibes kommt darin zum
Ausdruck, _daß_ es, und _wie_ es davon sprechen kann, daß es geliebt
wird. Der Mann fühlt sich beschämt, wenn er geliebt wird, weil er
damit beschenkt, passiv, gefesselt, statt Geber, aktiv, frei ist, und
weil er weiß, daß er als Ganzes Liebe nie vollständig verdient; und
über nichts wird er denn so tief schweigen wie hierüber, auch wenn
er zu dem Mädchen selbst nicht in ein intimeres Verhältnis getreten
ist, so daß er fürchten müßte, sie durch hierauf bezügliche Äußerungen
bloßzustellen. Das Weib _rühmt_ sich dessen, daß es geliebt wird, es
prahlt damit vor anderen Frauen, um von diesen beneidet zu werden.
Die Frau empfindet die Neigung eines Menschen zu ihr nicht, wie der
Mann, als eine Schätzung ihres _wirklichen_ Wertes, als ein tieferes
_Verständnis_ für ihr Wesen; sondern sie empfindet diese Neigung als
die _Verleihung_ eines Wertes, den sie sonst nicht hätte, als die Gabe
einer Existenz und einer Essenz, _die ihr hiemit erst_ wird, und mit
welcher sie vor anderen sich legitimiert.
_Daraus_ erklärt sich auch das unglaubliche, einem früheren Abschnitt
Problem gewordene _Gedächtnis_ der Frauen für _Komplimente_, selbst
wenn ihnen diese in frühester Jugend gemacht wurden. Durch Komplimente
nämlich _erhalten_ sie erst _Wert_, und _darum verlangen_ die Frauen
vom Manne, daß er »_galant_« sei. Die Galanterie ist die billigste Form
der Veräußerung von Wert an die Frau, und so wenig sie den Mann kostet,
so schwer wiegt sie für das Weib, das eine Huldigung _nie_ vergißt,
und bis ins späteste Alter von den fadesten Schmeicheleien zehrt. Man
erinnert sich nur an das, was für den Menschen einen Wert besitzt;
und wenn dem so ist, mag man erwägen, _was_ es besagt, daß die Frauen
gerade für Komplimente das ausgesuchteste Gedächtnis besitzen. Sie sind
etwas, das den Frauen Wert nur darum verleihen kann, weil diese keinen
urwüchsigen Maßstab des Wertes kennen, keinen absoluten Wert in sich
fühlen, der alles verschmäht außer sich selbst. Und so liefert selbst
das Phänomen der Courtoisie, der »Ritterlichkeit«, den Beweis, daß
die Frauen keine Seele besitzen, ja, daß der Mann gerade dann, wenn
er gegen das Weib galant ist, ihm am wenigsten Seele, am wenigsten
_Eigenwert_ zuschreibt, und es am tiefsten _gerade dort mißachtet und
herabwürdigt_, wo es selbst _am höchsten sich gehoben_ fühlt. -- --
Wie amoralisch das Weib ist, kann man daraus ersehen, daß ihm sofort
entschwindet, was es Unsittliches getan hat; und daß es vom Manne, wenn
dieser die Erziehung des Weibes sich angelegen sein läßt, immer wieder
daran erinnert werden muß: dann allerdings kann es momentan vermöge
der eigentümlichen Art der weiblichen Verlogenheit wirklich einzusehen
glauben, daß es ein Unrecht begangen habe, und so sich und den Mann
täuschen. Der Mann dagegen hat für nichts ein so tiefes Gedächtnis, wie
für die Punkte, in denen er schuldig geworden ist. Hier offenbart sich
das Gedächtnis wiederum als ein eminent moralisches Phänomen. Vergeben
und Vergessen, nicht Vergeben und Verstehen, sind eines. _Wer sich
der Lüge erinnert, wirft sie sich auch vor._ Daß das Weib sich seine
Gemeinheit nicht verübelt, kommt damit überein, daß es sich ihrer _nie
wirklich bewußt wird_ -- hat es doch kein Verhältnis zur sittlichen
Idee -- und sie _vergißt_. Darum ist es ganz begreiflich, wenn es sie
_leugnet_. Man hält die Frauen, weil bei ihnen das Ethische gar nicht
_problematisch_ wird, törichterweise für _unschuldig_, ja man hält sie
für sittlicher als den Mann: es kommt das aber nur daher, daß sie noch
gar nicht wissen, was unsittlich ist. Denn auch die Unschuld des Kindes
kann kein Verdienst sein, nur die Unschuld des Greises wäre eines --
und die gibt es nicht.
Aber auch die Selbstbeobachtung ist ein durchaus Männliches -- auf
eine scheinbare Ausnahme, die hysterische Selbstbeobachtung mancher
Frauen, kann hier noch nicht eingegangen werden -- ebenso wie das
Schuldbewußtsein, die Reue; die Kasteiungen, die Frauen an sich
vornehmen, diese merkwürdigen Imitationen eines echten Schuldgefühles,
werden am gleichen Orte wie die weibliche Form der Selbstbeobachtung
zur Sprache kommen. _Das Subjekt der Selbstbeobachtung nämlich ist
identisch mit dem moralisierenden: es faßt die psychischen Phänomene
nur auf, indem es sie einschätzt._
Es ist ganz in der Ordnung und liegt nur auf der Linie des
Positivismus, wenn _Auguste Comte_ die Selbstbeobachtung für in sich
widerspruchsvoll erklärt und sie eine »abgründliche Absurdität«
nennt. Es ist ja klar, folgt aus der Enge des Bewußtseins und bedarf
kaum einer besonderen Hervorhebung, daß nicht zu _gleicher_ Zeit ein
psychisches Geschehnis und noch eine besondere Wahrnehmung desselben
dasein könne: erst an das »primäre« Erinnerungsbild (_Jodl_) knüpft
sich die Beobachtung und Wertung; es ist ein Urteil über eine Art
Nachbild, das vollzogen wird. Aber innerhalb lauter _gleichwertiger
Phänomene_ könnte nie eines zum Objekte gemacht und bejaht oder
verneint werden, wie dies in aller Selbstbeobachtung geschieht. Was
hier alle Inhalte betrachtet, beurteilt und wertet, kann nicht in den
Inhalten selbst, als ein Inhalt unter anderen, gelegen sein. Es ist
das zeitlose Ich, das die Vergangenheit zurechnet wie die Gegenwart,
das jene »Einheit des Selbstbewußtseins«, jenes kontinuierliche
Gedächtnis erst schafft, welches der Frau abgeht. Denn nicht das
Gedächtnis, wie _Mill_, oder die Kontinuität, wie _Mach_ vermutet,
bringen den Glauben an ein Ich hervor, das außer diesen keine Existenz
habe, sondern gerade umgekehrt wird Gedächtnis und Kontinuität, wie
Pietät und Unsterblichkeitsbedürfnis, aus dem Werte des Ich heraus
erzeugt, von dessen Inhalten nichts Funktion der Zeit sein, nichts der
Vernichtung soll anheimgegeben werden dürfen.[42]
Hätte das Weib Eigenwert und den Willen, einen solchen gegen alle
Anfechtung zu behaupten, hätte es auch nur das _Bedürfnis_ nach
_Selbstachtung_, so könnte es nicht _neidisch_ sein. Wahrscheinlich
sind alle Frauen neidisch; der Neid aber ist eine Eigenschaft, welche
nur dort sein kann, wo jene Voraussetzungen fehlen. Auch der Neid der
Mütter, wenn die Töchter anderer Frauen eher heiraten als ihre eigenen,
ist ein Symptom echter Gemeinheit, und setzt, wie übrigens aller Neid,
einen völligen Mangel an Gerechtigkeitsgefühl voraus. In der Idee der
_Gerechtigkeit_, welche in der Anwendung der Idee der Wahrheit auf das
Praktische besteht, berühren sich Logik und Ethik ebenso eng wie im
theoretischen Wahrheitswerte selbst.
Ohne Gerechtigkeit keine Gesellschaft; der Neid hingegen ist _die_
absolut unsoziale Eigenschaft. Das Weib ist wirklich auch vollkommen
_unsozial_; und wenn früher mit Recht alle Gesellschaftsbildung an den
Besitz einer Individualität geknüpft wurde, so liegt hier die Probe
darauf vor. Für den Staat, für Politik, für gesellige Gemütlichkeit
hat die Frau keinen Sinn, und weibliche Vereine, in welche Männer
keinen Zutritt erhalten, pflegen nach kurzer Zeit sich aufzulösen.
Die Familie endlich ist geradezu _das_ unsoziale, und keineswegs
ein soziales Gebilde; Männer, die heiraten, ziehen sich damit schon
auch aus den Gesellschaften, denen sie bis dahin als Mitglieder und
Teilnehmer angehörten, zurück. Dies hatte ich geschrieben, bevor
die wertvollen ethnologischen Forschungen von _Heinrich Schurtz_
veröffentlicht wurden, die an der Hand eines reichen Materiales dartun,
daß in den _Männerbünden_ und nicht in der Familie die Anfänge der
Gesellschaftsbildung zu suchen seien.
_Pascal_ hat wunderbar ausgeführt, wie Gesellschaft vom Menschen nur
gesucht wird, weil dieser die Einsamkeit nicht ertragen, sondern sich
selbst vergessen will: auch hier sieht man die vollkommene Kongruenz
zwischen der früheren Position, durch welche der Frau die Fähigkeit
zur Einsamkeit abgesprochen wurde, und der jetzigen, welche ihre
Ungeselligkeit behauptet.
Hätte die Frau ein Ich, so hätte sie auch einen Sinn für das Eigentum,
bei sich wie bei anderen. Der Stehltrieb ist aber bei den Frauen viel
entwickelter als bei den Männern: die sogenannten Kleptomanen (Diebe
_ohne Not_) sind beinahe ausschließlich Frauen. Denn das Weib hat wohl
Verständnis für Macht und für Reichtum, aber nicht für das Eigentum.
Auch pflegen die kleptomanen Frauen, wenn sie ihrer Diebstähle
überführt werden, sich damit zu verantworten, daß sie angeben, es sei
ihnen vorgekommen, als hätte ihnen alles gehört. In Leihbibliotheken
sieht man hauptsächlich Frauen aus- und eingehen, und zwar auch solche,
die begütert genug wären, mehrere Büchereien zu kaufen; aber es fehlt
ihnen eine größere Innigkeit des Verhältnisses zu allem, was ihnen
gehört, als zu allem, das sie nur entlehnt haben. Auch hier sieht
man den Zusammenhang zwischen Individualität und Sozialität deutlich
hervorleuchten: wie man selbst Persönlichkeit haben muß, um fremde
Persönlichkeit aufzufassen, so muß der Sinn auf Erwerbung eigenen
Besitzes gerichtet sein, wenn fremde Habe nicht berührt werden soll.
Inniger noch als das Eigentum ist der _Name_ und ein herzliches
_Verhältnis_ zu ihrem Namen mit jeder _Persönlichkeit_ notwendig
gegeben. Und hier sprechen die Tatsachen so laut, daß man sich wundern
muß, wie wenig diese Sprache im allgemeinen vernommen wird. Die
Frauen sind nämlich durch _gar kein_ Band mit ihrem Namen verknüpft.
_Beweisend_ hiefür ist allein schon, daß sie ihren Namen aufgeben
und den des Mannes annehmen, den sie heiraten, ja diesen Schritt der
Namensänderung an sich nie als bedeutsam empfinden, um den alten Namen
nicht eine Sekunde trauern, sondern leichten Sinnes den des Mannes
annehmen; wie an den Mann nicht ohne tiefen in der Natur des Weibes
gelegenen Grund (bis vor kurzem wenigstens) meist auch das Eigentum
der Frau übergegangen ist. Es ist auch nichts davon zu merken, daß
speziell jene Trennung sie einen Kampf kostete; im Gegenteil, schon
vom Liebhaber und Kurmacher lassen sie sich den Namen geben, der _ihm_
gefällt. Und selbst wenn sie einem ungeliebten Mann und diesem nur mit
großem Widerstreben in die Ehe folgen, es hat noch nie eine Frau gerade
darüber sich beklagt, daß sie von ihrem Namen habe Abschied nehmen
müssen, es läßt ihn jede und scheidet von ihm, ohne die geringste
Pietät dafür zu verraten, daß _sie_ ehemals so hieß. Im allgemeinen
wird vielmehr die eigene Neubenennung bereits vom Liebenden ebenso
_gefordert_, wie der neue Familienname des Ehegatten ungeduldig, schon
der Neuheit wegen, _erwartet_. Der Name aber ist gedacht als ein Symbol
der Individualität; nur bei den allertiefst stehenden Rassen der Erde,
wie bei den Buschmännern Südafrikas, soll es keine Personennamen geben,
weil das natürliche Unterscheidungsbedürfnis der Menschen voneinander
nicht so weit reicht. Das Weib, das im Grund _namenlos_ ist[43], ist
dies, weil es, seiner Idee nach, keine _Persönlichkeit_ besitzt.
Damit hängt endlich noch die wichtige Beobachtung zusammen, welche zu
machen man nie verfehlen wird, sobald man einmal aufmerksam geworden
ist. Wenn in einen Raum, in dem ein Weib sich befindet, ein Mann tritt
und sie ihn erblickt, seinen Schritt hört oder seine Anwesenheit auch
nur ahnt, _so wird sie sofort eine ganz andere_. Ihre Miene, ihre
Bewegungen ändern sich mit unglaublicher Plötzlichkeit. Sie »richtet
ihre Frisur«, zieht ihre Röcke zusammen und hebt sie, oder macht sich
an ihrem Kleide zu schaffen, in ihr ganzes Wesen kommt eine halb
schamlose, halb ängstliche Erwartung. Man kann im Einzelfalle oft nur
darüber noch im Zweifel sein, ob sie mehr errötet über ihr schamloses
Lächeln, oder mehr schamlos lächelt über ihr Erröten.
Seele, Persönlichkeit, Charakter ist aber -- hierin liegt eine
unendlich tiefe, bleibende Einsicht _Schopenhauers_ -- identisch mit
dem freien _Willen_ oder es deckt sich wenigstens der Wille mit dem Ich
insofern, als dieses in Relation zum Absoluten gedacht ist. Und fehlt
den Frauen das Ich, so können sie auch keinen Willen besitzen. Nur wer
keinen eigenen Willen, keinen Charakter in höherem Sinne hat, bleibt,
schon durch die bloße Gegenwart eines zweiten Menschen, so leicht
_beeinflußbar_, wie das Weib es ist, in funktioneller _Abhängigkeit_
von dieser, statt in freier _Auffassung_ derselben. _Sie_ ist das
beste Medium, $M$ ihr bester Hypnotiseur. Aus diesem Grunde allein ist
unerfindlich, warum die Frauen gerade als Ärztinnen besonders viel
taugen sollen; da doch einsichtigere Mediziner selbst zugeben, daß der
Hauptteil dessen, was sie bis heute -- und so wird es wohl bleiben --
zu leisten vermögen, in der suggestiven Einwirkung auf den Kranken
besteht.
Schon in der ganzen Tierreihe ist W stets leichter hypnotisierbar als
M. Und wie die hypnotischen Phänomene doch mit den alltäglichsten in
einer nahen Verwandtschaft stehen, erhellt aus dem Folgenden: Wie
leicht wird nicht (ich habe schon gelegentlich der Frage des weiblichen
Mitleids darauf hingewiesen) W durch Lachen oder Weinen »angesteckt«!
Wie imponiert ihr nicht alles, was in der Zeitung steht, wie leicht
fällt sie nicht dem dümmsten Aberglauben zum Opfer, wie probiert sie
nicht sofort jedes Wundermittel, das ihr eine Nachbarin empfohlen hat!
Wem ein Charakter fehlt, dem gebricht es auch an Überzeugungen.
Darum ist W leichtgläubig, unkritisch, ganz ohne Verständnis für den
Protestantismus. Dennoch hat man, so sicher ein jeder Christ schon als
Katholik _oder_ als Protestant vor der Taufe _auf die Welt kommt_,
kein Recht, den Katholizismus darum als weiblich anzusehen, weil er den
Frauen noch immer eher zugänglich ist, als der Protestantismus. Hier
wäre ein anderer charakterologischer Einteilungsgrund in Betracht zu
ziehen, dessen Erörterung nicht Sache dieser Schrift sein kann. -- --
So ist denn ein ganz umfassender Nachweis geführt, daß W seelenlos
ist, daß es kein Ich und keine Individualität, keine Persönlichkeit
und keine Freiheit, keinen Charakter und keinen Willen hat. _Dieses
Resultat ist aber für alle Psychologie von kaum zu überschätzender
Wichtigkeit._ Es besagt nicht weniger, als _daß die Psychologie von M
und die Psychologie von W getrennt zu behandeln sind. Für W scheint
eine rein empirische Darstellung des psychischen Lebens möglich, für M
muß jede Psychologie nach dem Ich als dem obersten Giebel des Gebäudes
in der Weise tendieren, wie Kant dies als notwendig eingesehen hatte._
Die _Hume_sche (und _Mach_sche) Ansicht, nach welcher es nur
»~impressions~« und »~thoughts~« (A B C .... und α β γ ...) gibt, und
die heute allgemein zur Verbannung der Psyche aus der Psychologie
geführt hat, erklärt nicht nur, daß die ganze Welt ausschließlich
unter dem Bilde eines Winkelspiegels, als ein Kaleidoskop zu verstehen
sei; sie macht nicht nur alles zu einem Tanz der »Elemente«, sinnlos,
grundlos; sie vernichtet nicht nur die Möglichkeit, einen festen
Standpunkt für das Denken zu gewinnen, sie zerstört nicht nur den
Wahrheitsbegriff und damit eben die Wirklichkeit, deren Philosophie sie
einzig zu sein beansprucht: sie trägt auch die Hauptschuld an dem Elend
der heutigen Psychologie.
Diese heutige Psychologie nennt sich mit Stolz die »_Psychologie ohne
Seele_«, nach dem ersten, der dies Wort ausgesprochen hat, nach dem
vielüberschätzten Friedrich Albert _Lange_. Diese Untersuchung glaubt
gezeigt zu haben, daß ohne die Annahme einer Seele den psychischen
Erscheinungen gegenüber kein Auskommen zu finden ist: sowohl an den
Phänomenen von M, dem eine Seele zuerkannt werden muß, als auch an
den Phänomenen von W, die seelenlos ist. Unsere heutige Psychologie
ist eine eminent weibliche Psychologie, und gerade darum ist die
vergleichende Untersuchung der Geschlechter so besonders lehrreich,
nicht zuletzt darum habe ich sie mit dieser Gründlichkeit ausgeführt;
denn hier am ehesten kann offenbar werden, was zur Annahme des
Ich nötigt, und wie die Konfusion von männlichem und weiblichem
Seelenleben (im weitesten und tiefsten Sinne), bei dem Bestreben, eine
Allgemeinpsychologie zu schaffen, als der Faktor angesehen werden darf,
der am weitesten in die Irre geführt hat, wenn er auch (ja gerade
_weil_ er) gar nicht _bewußt_ zur Geltung gebracht worden ist.
Freilich erhebt sich nun die Frage, _ist von M überhaupt Psychologie
$als Wissenschaft$ möglich? Und hierauf ist vorderhand mit Nein zu
antworten._ Ich muß wohl darauf gefaßt sein, an die Untersuchungen der
Experimentatoren verwiesen zu werden, und auch wer in dem allgemeinen
Experimentalrausch nüchterner geblieben ist, wird vielleicht verwundert
fragen, ob diese denn gar nicht zählten. Aber die experimentelle
Psychologie hat nicht nur keinen einzigen Aufschluß über die tieferen
Gründe des männlichen Seelenlebens gegeben; nicht nur kann niemand
an eine mehr als sporadische Erwähnung, geschweige denn an eine
systematische Verarbeitung dieser ungeheueren Zahl von Versuchsreihen
denken: sondern vor allem ist, wie gezeigt wurde, ihre _Methode_, außen
anzufangen und von da in den Kern hineinzudringen, verfehlt; und darum
hat sie auch nicht _eine_ Aufklärung über den tieferen innerlichen
Zusammenhang der psychischen Phänomene gebracht. Die psychophysische
Maßlehre hat überdies gerade gezeigt, wie das eigentliche Wesen der
psychischen im Gegensatz zu den physischen Phänomenen darin besteht,
daß die Funktionen, durch welche ihr Zusammenhang und ihr Übergehen
ineinander allenfalls darstellbar wäre, auch im besten Falle _unstetig_
und darum _nicht differenzierbar_ geraten müßten. Mit der Stetigkeit
ist aber auch die prinzipielle Möglichkeit der Erreichbarkeit des
unbedingt mathematischen Ideales aller Wissenschaft dahin. Wem übrigens
klar ist, daß Raum und Zeit nur durch die Psyche geschaffen werden, der
wird nicht von Geometrie und Arithmetik erwarten, daß sie je ihren
Schöpfer erschöpfen könnten.
Es gibt keine wissenschaftliche Psychologie vom Manne; denn im Wesen
aller Psychologie liegt es, das Unableitbare ableiten zu wollen, ihr
endliches Ziel müßte, deutlicher gesprochen, dieses sein, _jedem
Menschen seine Existenz und Essenz zu beweisen, zu deduzieren_.
Dann wäre aber jeder Mensch, auch seinem tiefsten Wesen nach, Folge
eines Grundes, determiniert und kein Mensch dem anderen mehr, als
einem Mitgliede eines Reiches der Freiheit und des unendlichen
Wertes, Achtung schuldig: _im Augenblick, wo ich völlig deduziert,
völlig subsumiert werden könnte, hätte ich allen $Wert$ verloren_,
und wäre eben _seelenlos_. Mit der _Freiheit_ des _Wollens_ wie des
_Denkens_ (denn diese muß man zu jener hinzufügen) ist die Annahme der
durchgängigen Bestimmtheit unverträglich, mit welcher alle Psychologie
ihr Geschäft beginnt. Wer darum an ein freies Subjekt glaubte, wie
_Kant_ und _Schopenhauer_, der mußte die Möglichkeit der Psychologie
als Wissenschaft leugnen; wer an die Psychologie glaubte, für den
konnte die Freiheit des Subjektes auch nicht eine Denkmöglichkeit mehr
bleiben: so wenig für _Hume_ als für _Herbart_ (die zwei Begründer der
modernen Psychologie).
Aus diesem Dilemma erklärt sich der traurige Stand der heutigen
Psychologie in allen ihren Prinzipienfragen. Jene Bemühungen, den
_Willen_ aus der Psychologie hinauszuschaffen, jene immer wiederholten
Versuche, ihn aus Empfindung und Gefühl abzuleiten, haben eigentlich
ganz recht darin, daß der Wille kein _empirisches_ Faktum ist. Der
Wille ist in der Erfahrung nirgends aufzutreiben und nachzuweisen, weil
er selbst die Voraussetzung jedes empirisch-psychologischen Datums ist.
Versuche einer, der am Morgen gern lange schläft, sich in dem Momente
zu beobachten, da er den Entschluß faßt, sich vom Bette zu erheben. _Im
Entschlusse liegt_ (wie in der Aufmerksamkeit) _das ganze ungeteilte
Ich_, und darum fehlt die Zweiheit, die notwendig wäre, um den Willen
wahrzunehmen. Ebensowenig wie das Wollen ist das _Denken_ ein Faktum,
das man in den Händen behielte, wenn man wissenschaftliche Psychologie
treibt. Denken ist urteilen, aber was ist das Urteil für die innere
Wahrnehmung? Nichts, es ist ein ganz Fremdes, das zu aller Rezeptivität
hinzukommt, aus den Bausteinen, welche die psychologischen Fasolte und
Fafners herbeigeschleppt haben, nicht abzuleiten: jeder neue Urteilsakt
vernichtet von neuem die mühselige Arbeit der Empfindungsatomisten.
Ebenso ist's mit dem _Begriff_. Kein Mensch denkt Begriffe, und doch
gibt es Begriffe, wie es Urteile gibt. Und am Ende sind auch _Wundts_
Gegner vollständig im Rechte damit, daß die _Apperzeption_ kein
empirisch-psychologisches Faktum, und kein irgendwann wahrnehmbarer
Akt ist. Freilich ist Wundt tiefer als seine Bekämpfer -- nur die
allerflachsten Gesellen können Assoziationspsychologen sein -- und es
ist auch sicherlich begründet, wenn er die Apperzeption mit dem Willen
und der Aufmerksamkeit zusammenbringt. Aber sie ist so wenig eine
Tatsache der Erfahrung wie eben diese, so wenig wie Urteil und Begriff.
Wenn trotzdem alle diese Dinge, wenn Denken und Wollen da sind, nicht
hinauszubringen, und jeder Bemühung einer Analyse spottend, so handelt
es sich nur um die Wahl, ob man etwas annehmen wolle, das alles
psychische Leben erst möglich mache, oder nicht.
Darum sollte man dem Unfug ein Ziel setzen, von einer empirischen
Apperzeption zu reden, und einsehen, wie sehr _Kant_ recht hatte, als
er nur eine _transcendentale Apperzeption_ gelten ließ. Will man aber
hinter die Erfahrung nicht zurückgehen, so bleibt nichts übrig als die
unendlich ausgespreizte, armselig öde Empfindungsatomistik mit ihren
Assoziationsgesetzen; oder die Psychologie wird _methodisch_ zu einem
Annex der Physiologie und Biologie, wie bei _Avenarius_, dessen feiner
Bearbeitung eines, übrigens recht begrenzten, Stückes aus dem ganzen
Seelenleben jedoch nur sehr wenige und recht unglückliche Versuche der
Weiterführung gefolgt sind.
Somit hat sich, ein wirkliches Verständnis des Menschen anzubahnen,
die unphilosophische Seelenkunde als völlig ungeeignet erwiesen,
und keine Vertröstung auf die Zukunft vermag sichere Bürgschaft zu
bieten, daß ihr dies je gelingen könne. Ein je besserer Psychologe
einer ist, desto langweiliger werden ihm diese heutigen Psychologien.
Denn sie steifen sich samt und sonders darauf, die Einheit, die
alles psychische Geschehen erst begründet, bis zum Schluß zu
ignorieren: allwo wir dann regelmäßig noch durch einen letzten
Abschnitt unangenehm überrascht werden, der von der Entwicklung einer
harmonischen Persönlichkeit handelt. Jene _Einheit_, die allein
die wahre _Unendlichkeit_ ist, wollte man aus einer größeren oder
geringeren _Zahl_ von Bestimmungsstücken aufbauen; die »Psychologie
als Erfahrungswissenschaft« sollte die Bedingung aller Erfahrung
_aus_ der Erfahrung gewinnen! Das Unternehmen wird ewig fehlschlagen
und ewig erneuert werden, weil die Geistesrichtung des Positivismus
und Psychologismus so lange bestehen muß, als es mittelmäßige Köpfe
und bequeme, nicht bis zu Ende denkende Naturen gibt. Wer, wie der
Idealismus, die Psyche nicht opfern will, der muß die Psychologie
preisgeben; wer die Psychologie aufrichtet, der tötet die Psyche. Alle
Psychologie will das Ganze aus den Teilen ableiten und als bedingt
hinstellen; alles tiefere Nachdenken erkennt, daß die Teilerscheinungen
hier aus dem Ganzen als letztem Urquell fließen. _So negiert die
Psychologie die Psyche, und die Psyche ihrem Begriff nach jede Lehre
von ihr: die Psyche negiert die Psychologie._
Diese Darstellung hat sich für die _Psyche_ und gegen die lächerliche
und jämmerliche _seelenlose Psychologie_ entschieden. Ja, es bleibt ihr
fraglich, ob Psychologie mit Seele je vereinbar, eine Wissenschaft,
die Kausalgesetze und selbstgesetzte Normen des Denkens und Wollens
aufsuchen will, mit der Freiheit des Denkens und Wollens überhaupt
verträglich sei. Auch die Annahme einer besonderen »psychischen
Kausalität«[44] kann vielleicht nichts daran ändern, daß die
Psychologie, indem sie zuletzt ihre eigene Unmöglichkeit dartut, durch
ein solches Ende den glänzendsten Beweis für das jetzt allgemein
verlachte und verlästerte Recht des Freiheitsbegriffes wird erbringen
müssen.
Hiemit soll aber keineswegs eine neue Ära der rationalen Psychologie
ausgerufen sein. Vielmehr ist die Absicht im Anschluß an _Kant_ die,
daß die transcendentale _Idee_ der Psyche von Anfang an als Führer
beim Aufsteigen in der Reihe der Bedingungen bis zum Unbedingten zu
dienen habe, durchaus nicht hingegen »in Ansehung des Hinabgehens
zum Bedingten«. Nur die Versuche mußten abgelehnt werden, jenes
Unbedingte aus dem Bedingten (am Schlusse eines Buches von 500-1500
Seiten) hervorspringen zu lassen. Seele ist das regulative Prinzip,
das aller wahrhaft psychologischen, und nicht empfindungsanalytischen,
Einzelforschung vorzuschweben und diese zu leiten hat; weil sonst
jede Darstellung des Seelenlebens, auch wenn sie noch so detailliert,
liebevoll und verständnisinnig geschrieben ist, in ihrer Mitte gähnend
ein großes schwarzes Loch aufweist.
Es ist unbegreiflich, wie Forscher, die nie einen Versuch gemacht
haben, Phänomene wie Scham und Schuld, Glauben und Hoffnung, Furcht
und Reue, Liebe und Haß, Sehnsucht und Einsamkeit, Eitelkeit
und Empfindlichkeit, Ruhmsucht und Unsterblichkeitsbedürfnis zu
analysieren, den Mut haben, über das Ich kurzerhand abzusprechen, weil
sie es nicht vorfinden wie die Farbe der Orange oder den Geschmack des
Laugenhaften. Oder wie wollen _Mach_ und _Hume_ auch nur die Tatsache
des _Stiles_ erklären, wenn nicht aus der Individualität? Ja, weiter:
die Tiere erschrecken nie, wenn sie sich im Spiegel sehen, aber kein
Mensch vermöchte sein Leben in einem Spiegelzimmer zu verbringen. Oder
ist auch diese Furcht, die Furcht vor dem _Doppelgänger_ (von der
bezeichnenderweise das Weib frei ist[45]) »biologisch«, »darwinistisch«
abzuleiten? Man braucht das Wort Doppelgänger nur zu nennen, um in
den meisten Männern heftiges Herzklopfen hervorzurufen. Hier hört
eben alle rein empirische Psychologie notgedrungen auf, hier ist
_Tiefe_ vonnöten. Denn wie könnte man _diese_ Dinge zurückführen
auf ein früheres Stadium der Wildheit oder Tierheit und des Mangels
an Sicherung durch die Zivilisation, woraus _Mach_ die Furcht der
kleinen Kinder als eine ontogenetische Reminiszenz erklären zu können
glaubt! Ich habe übrigens dies nur als eine Andeutung erwähnt, um die
»Immanenten« und »naiven Realisten« daran zu mahnen, daß es auch in
ihnen Dinge gibt, von denen .....
Warum ist kein Mensch angenehm berührt und völlig damit einverstanden,
wenn man ihn als Nietzscheaner, Herbartianer, Wagnerianer u. s. w.
_einreiht_? Wenn man ihn, mit einem Worte, _subsumiert_? Auch Ernst
_Mach_ ist es doch gewiß schon passiert, daß ihn ein oder der andere
liebe Freund subsumiert hat als Positivisten, Idealisten oder irgendwie
sonst. Glaubt er sich richtig beschrieben, wenn jemand sagen wollte,
das Gefühl, das man bei solchen durch andere vorgenommenen Subsumtionen
habe, gehe bloß auf die fast völlige Gewißheit der _Einzigartigkeit_
des Zusammentreffens der »_Elemente_« in einem Menschen, es sei nur
beleidigte Wahrscheinlichkeitsrechnung? Und doch hat dieses Gefühl,
genau genommen, nichts von einem Nichteinverstandensein, wie sonst
wohl mit irgend einer wissenschaftlichen These. Es ist auch etwas ganz
anderes, und darf damit nicht verwechselt werden, wenn jemand selbst es
sagt, er sei Wagnerianer. Hierin liegt im tiefsten Grunde immer eine
positive Bewertung des Wagnertums, weil man selbst Wagnerianer ist.
Wer aufrichtig ist, wer es sein kann, wird zugeben, daß er mit einer
solchen Aussage _auch_ eine Erhöhung Wagners vornimmt. Vom anderen
Menschen fürchtet man meist, daß er das Gegenteil einer Erhöhung
beabsichtige. Daher die Erscheinung, daß ein Mensch sehr viel von sich
selbst sagen kann, was ihm von anderen zu hören höchst peinlich wäre,
wie _Cyrano von Bergerac_ von den tollsten Sticheleien bekennt:
»Je me les sers moi-même, avec assez de verve,
Mais je ne permets pas qu'un autre me les serve.«
Woher rührt also jenes Gefühl, das selbst tiefstehende Menschen haben?
Von einem, wenn auch noch so dunklen Bewußtsein ihres Ich, ihrer
Individualität, die dabei zu kurz kommt. _Dieses Widerstreben ist das
Urbild aller Empörung._
Es geht endlich auch nicht recht an, einen _Pascal_, einen _Newton_
einerseits höchst geniale Denker und anderseits mit einer Menge
beschränkter Vorurteile behaftet sein zu lassen, über die »_wir_«
längst hinaus seien. Stehen wir denn wirklich auf unsere elektrischen
Bahnen und empirischen Psychologien hin schon ohne weiteres um so viel
höher als jene Zeit? Ist _Kultur_, wenn es Kulturwerte gibt, wirklich
nach dem Stande der Wissenschaft, die immer nur einen _sozialen_, nie
einen _individuellen, nicht-demonstrierbaren_ Charakter hat, nach der
Zahl der Volksbibliotheken und Laboratorien zu messen? Ist Kultur denn
etwas außerhalb des Menschen, ist Kultur nicht vor allem _im_ Menschen?
Und man mag sich noch so erhaben fühlen über einen _Euler_, gewiß
einen der größten Mathematiker aller Zeiten, welcher einmal sagt: was
_er_, im Augenblick, da _er_ einen Brief schreibe, tue, das würde _er_
genau so tun wie wenn _er_ im Körper eines Rhinozeros steckte. Ich
will die Äußerung _Eulers_ auch nicht schlechthin verteidigen, sie ist
vielleicht charakteristisch für den Mathematiker, ein Maler hätte sie
nie getan. Aber dieses Wort gar nicht zu begreifen, nicht einmal die
Mühe zu seinem Verständnisse sich zu nehmen, sich über sie einfach
lustig zu machen und _Euler_ mit der »Beschränktheit seiner Zeit« zu
entschuldigen, das scheint mir keineswegs gerechtfertigt.
Also, es ist, wenigstens für den Mann, auch in der Psychologie _ohne_
den Ich-Begriff nicht dauernd auszukommen; ob _mit_ diesem eine im
_Windelband_schen Sinne nomothetische Psychologie, d. h. psychologische
Gesetze vereinbar sind, scheint sehr fraglich, kann aber an der
Anerkennung jener Notwendigkeit nichts ändern. Vielleicht schlägt die
Psychologie jene Bahn ein, die ihr ein früheres Kapitel vorzeichnen
zu können glaubte, und wird theoretische Biographie. Aber gerade dann
werden ihr die Grenzen aller empirischen Psychologie am ehesten zum
Bewußtsein kommen.
Daß _im Manne_ für alle Psychologie ein Ineffabile, ein Unauflösliches
bleibt, damit stimmt es wunderbar überein, daß _regelrechte Fälle von
»duplex« oder »multiplex personality«, Verdoppelung oder Vervielfachung
des Ich, $nur bei Frauen$ beobachtet worden sind. Das absolute Weib
ist zerlegbar_: der Mann ist in alle Ewigkeit, auch durch die beste
Charakterologie nicht völlig zerlegbar, geschweige denn durchs
Experiment: in ihm ist ein Wesenskern, der keine Zergliederung mehr
zuläßt. W ist ein Aggregat und daher dissoziierbar, spaltbar.
Deswegen ist es ungemein komisch und belustigend, moderne Gymnasiasten
(als platonische Idee) von der Seele des Weibes, von Frauenherzen
und ihren Mysterien, von der Psyche des modernen Weibes etc. reden
zu hören. Es scheint auch zu dem Befähigungsnachweis eines gesuchten
Accoucheurs zu gehören, daß er an die Seele des Weibes glaube.
Wenigstens hören es viele Frauen sehr gerne, wenn man von ihrer
Seele spricht, obwohl sie (in Henidenform) wissen, daß das Ganze ein
Schwindel ist. _Das Weib als die Sphinx! Ein ärgerer Unsinn ist kaum
je gesagt worden. Der Mann ist unendlich rätselhafter, unvergleichlich
komplizierter._ Man braucht nur auf die Gasse zu gehen: es gibt kaum
ein Frauengesicht, dessen Ausdruck einem da nicht bald klar würde. Das
Register des Weibes an Gefühlen, an Stimmungen ist so unendlich arm!
Während gar manches männliche Antlitz lange und schwer zu raten gibt.
Schließlich werden wir hier auch einer Lösung der Frage: Parallelismus
oder Wechselwirkung zwischen Seelischem und Körperlichem? nähergeführt.
Für W trifft der psychophysische Parallelismus, als vollständige
Koordination beider Reihen, zu: mit der senilen Involution der Frau
erlischt auch die Fähigkeit zu geistiger Anspannung, die ja nur im
Gefolge sexueller Zwecke auftritt, und diesen dienstbar gemacht wird.
Der Mann wird nie in dem Sinne völlig alt wie das Weib, und es ist
die geistige Rückbildung hier durchaus nicht notwendig, sondern nur
in einzelnen Fällen mit der körperlichen verknüpft; am allerwenigsten
endlich ist von greisenhafter Schwäche bei jenem Menschen etwas
wahrzunehmen, welcher die Männlichkeit in voller geistiger Entfaltung
zeigt, beim Genie.
Nicht umsonst sind jene Philosophen, welche die strengsten
Parallelisten waren, _Spinoza_ und _Fechner_, auch die strengsten
Deterministen. Bei M, dem freien, intelligiblen Subjekte, das sich
für Gut oder für Böse _nach seinem Willen_ entscheiden kann, ist der
psychophysische Parallelismus, der eine der mechanischen genau analoge
Kausalverkettung auch für alles Geistige fordern würde, auszuschließen.
So weit wäre denn die Frage, welcher prinzipielle Standpunkt in der
Behandlung der Psychologie der Geschlechter einzunehmen ist, erledigt.
Es erwächst dieser Ansicht jedoch wieder eine außerordentliche
Schwierigkeit in einer Reihe merkwürdiger Tatsachen, die zwar für die
faktische Seelenlosigkeit von W noch einmal, und zwar in geradezu
entscheidender Weise in Betracht kommen, die aber anderseits von der
Darstellung auch die Erklärung eines sehr eigentümlichen Verhaltens der
Frau fordern, das seltsamerweise noch kaum jemand ernstlich Problem
geworden zu sein scheint.
Schon längst wurde bemerkt, wie die Klarheit des männlichen Denkens
gegenüber der weiblichen Unbestimmtheit, und später wurde darauf
hingewiesen, wie die Funktion der gesetzten Rede, in welcher feste
logische _Urteile_ zum Ausdruck kommen, auf die Frau wie ein
_Sexualcharakter_ des Mannes wirkt. Was aber W sexuell anreizt, muß
eine Eigenschaft von M sein. Ebenso macht Unbeugsamkeit des männlichen
Charakters auf die Frau sexuellen Eindruck, sie mißachtet den Mann,
der einem anderen nachgibt. Man pflegt in solchen Fällen oft von
sittlichem Einfluß des Weibes auf den Mann zu reden, wo doch sie nur
das sexuelle Komplement in seinen komplementierenden Eigenschaften
voll und ganz sich zu erhalten strebt. Die Frauen verlangen vom Manne
Männlichkeit, und glauben sich zur höchsten Entrüstung und Verachtung
berechtigt, wenn der Mann ihre Erwartungen in diesem Punkt enttäuscht.
So wird eine Frau, auch wenn sie noch so kokett und noch so verlogen
ist, in Erbitterung und Empörung geraten, wenn sie beim Manne Spuren
von Koketterie oder Lügenhaftigkeit wahrnimmt. Sie mag noch so feige
sein: der Mann soll Mut beweisen. Daß dies nur sexueller Egoismus
ist, der sich den ungetrübten Genuß seines Komplementes zu wahren
sucht, wird allzuoft verkannt. Und so ist denn auch aus der Erfahrung
kaum ein zwingenderer Beweis für die Seelenlosigkeit des Weibes
zu führen als daraus, _daß die Frauen vom Manne Seele verlangen_,
und Güte auf sie wirken kann, obwohl sie selbst nicht wirklich gut
sind. Seele ist ein Sexualcharakter, der nicht anders und zu keinem
anderen Zwecke beansprucht wird als große Muskelkraft oder kitzelnde
Schnurrbartspitze. Man mag sich an der Kraßheit des Ausdruckes stoßen,
an der Sache ist nichts zu ändern. -- Die allerstärkste Wirkung endlich
übt auf die Frau der männliche _Wille_. Und sie hat einen merkwürdig
feinen Sinn dafür, ob das »Ich will« des Mannes bloß Anstrengung und
Aufgeblasenheit oder wirkliche Entschlossenheit ist. Im letzteren Falle
ist der Effekt ein ganz ungeheuerer.
_Wie kann nun aber eine Frau, wenn sie an sich seelenlos ist, Seele
beim Manne perzipieren, wie seine Moralität beurteilen, da sie selbst
amoralisch ist, wie seine Charakterstärke auffassen, ohne als Person
Charakter zu haben, wie seinen Willen spüren, obgleich sie doch eigenen
Willen nicht besitzt?_
Hiemit ist das außerordentlich schwierige Problem formuliert, vor dem
die Untersuchung weiterhin noch zu bestehen haben wird.
Bevor aber seine Lösung versucht werde, müssen die errungenen
Positionen nach allen Seiten hin befestigt und gegen Angriffe geschützt
werden, die in den Augen mancher imstande sein könnten, sie zu
erschüttern.