Ich-Problem und Genialität.
»Im Anfang war diese Welt
allein der Âtman, in
Gestalt eines Menschen.
Der blickte um sich: da
sah er nichts anderes als
sich selbst. Da rief er
zu Anfang aus: ‚Das bin
ich!’ Daraus entstand
der Name Ich. -- Daher
auch heutzutage, wenn
einer angerufen wird, so
sagt er zuerst: ‚Das bin
ich’ und dann erst nennt
er den anderen Namen,
welchen er trägt.«
(Bṛihadâraṇyaka-Upanishad.)
Viele Prinzipienstreitigkeiten in der Psychologie beruhen auf
den individuellen charakterologischen Differenzen zwischen den
Dissentierenden. Der Charakterologie könnte damit, wie bereits erwähnt,
eine wichtige Rolle zufallen: während der eine dies, der andere jenes
in sich vorzufinden behauptet, hätte sie zu lehren, _warum_ die
Selbstbeobachtung des einen anders ausfällt als die des zweiten; oder
wenigstens zu zeigen, durch was alles die in Rede stehenden Personen
_noch_ sich unterscheiden. In der Tat sehe ich keinen anderen Weg,
gerade in den umstrittensten psychologischen Dingen ins Reine zu
kommen. Die Psychologie ist eine Erfahrungswissenschaft, und darum
geht nicht wie in den überindividuellen Normwissenschaften der Logik
und Ethik das Allgemeine dem Besonderen in ihr vorher, sondern es muß
umgekehrt vom individuellen Einzelmenschen ausgegangen werden. Es gibt
keine empirische Allgemeinpsychologie; und es war ein Fehler, eine
solche ohne _gleichzeitigen_ Betrieb differentieller Psychologie in
Angriff zu nehmen.
Schuld an dem Jammer ist die Doppelstellung der Psychologie
zwischen Philosophie und Empfindungsanalyse. Von welcher der beiden
die Psychologen kamen, stets traten sie mit dem Anspruch auf
Allgemeingültigkeit der Ergebnisse auf. Aber vielleicht sind nicht
einmal so fundamentale Fragen, wie diese, ob es einen tätigen _Akt_
der Wahrnehmung, eine _Spontaneität_ des Bewußtseins schon in der
Empfindung gebe oder nicht, ohne charakterologische Unterscheidungen
gänzlich ins Reine zu bringen.
Einen kleinen Teil solcher Amphibolien durch Charakterologie
aufzulösen ist, in Hinsicht auf die Psychologie der Geschlechter,
eine Hauptaufgabe dieser Arbeit. Die verschiedenen Behandlungen des
Ich-Problems hingegen resultieren nicht sowohl aus den psychologischen
Differenzen der Geschlechter, sondern zunächst, wenn auch nicht
ausschließlich[29], aus den individuellen Unterschieden in der
_Begabung_.
Gerade die Entscheidung zwischen _Hume_ und _Kant_ ist auch
_charakterologisch_ möglich, insoferne etwa, als ich zwischen zwei
Menschen entscheiden kann, von denen dem einen die Werke des _Makart_
und _Gounod_, dem anderen die _Rembrandts_ und _Beethovens_ das Höchste
sind. Ich werde solche Menschen nämlich zunächst _unter_scheiden nach
ihrer Begabung. Und so ist es auch in diesem Falle statthaft, ja
notwendig, die Urteile über das Ich, wenn sie von zwei sehr verschieden
hoch veranlagten Menschen ausgehen, nicht ganz gleich zu werten. _Es
gibt keinen wahrhaft bedeutenden Menschen, der nicht von der Existenz
des Ich überzeugt wäre_; ein Mensch, der das Ich leugnet, kann nie ein
bedeutender Mensch sein.[30]
Diese These wird sich im Laufe des nun Folgenden als eine Behauptung
von zwingender Notwendigkeit herausstellen, und auch für die in ihr
gelegene Höherwertung der Urteile des Genius eine Begründung gesucht
und gefunden werden.
Es gibt nämlich keinen bedeutenden Menschen und kann keinen geben, für
den nicht im Laufe seines Lebens, im allgemeinen je bedeutender er
ist, desto früher (vgl. Kapitel 5), ein Moment käme, in welchem er die
völlige Sicherheit gewinnt, ein Ich im höheren Sinne zu besitzen.[31]
Man vergleiche folgende Äußerungen dreier sehr verschiedener Menschen
und überaus genialer Naturen.
_Jean Paul_ erzählt in seiner autobiographischen Skizze »Wahrheit aus
meinem Leben«:
»Nie vergess' ich die noch keinem Menschen erzählte Erscheinung in
mir, wo ich bei der Geburt meines Selbstbewußtseins stand, von der ich
Ort und Zeit anzugeben weiß. An einem Vormittag stand ich als ein sehr
junges Kind unter der Haustüre und sah links nach der Holzlege, als
auf einmal das innere Gesicht: ich bin ein Ich! wie ein Blitzstrahl
vom Himmel vor mich fuhr und seitdem leuchtend stehen blieb -- da
hatte mein Ich zum ersten Male sich selber gesehen und auf ewig.
Täuschungen des Erinnerns sind hier schwerlich gedenkbar, da kein
fremdes Erzählen sich in eine bloß im verhangenen Allerheiligsten des
Menschen vorgefallene Begebenheit, deren Neuheit allein so alltäglichen
Nebenumständen das Bleiben gegeben, mit Zusätzen mengen konnte.«
Und offenbar meint ganz das nämliche Erlebnis _Novalis_, der in seinen
»Fragmenten vermischten Inhalts« bemerkt:
»Darthun läßt sich dieses Factum nicht, jeder muß es selbst erfahren.
Es ist ein Factum höherer Art, _das nur der höhere Mensch antreffen
wird_; die Menschen aber sollen streben, es in sich zu veranlassen.
Philosophieren ist eine Selbstbesprechung obiger Art, eine eigentliche
Selbstoffenbarung, Erregung des wirklichen Ich durch das idealische
Ich. Philosophieren ist der Grund aller anderen Offenbarungen; der
Entschluß zu philosophieren ist eine Aufforderung an das wirkliche
Ich, daß es sich besinnen, erwachen und Geyst sein solle.«
_Schelling_ bespricht im achten seiner »Philosophischen Briefe über
Dogmatismus und Kritizismus«, einem wenig bekannten Jugendwerk,
_dasselbe_ Phänomen mit folgenden tiefen und schönen Worten: »Uns
allen ... wohnt ein geheimes, wunderbares Vermögen bei, uns aus dem
Wechsel der Zeit in unser Innerstes, von allem, was von außenher
hinzukam, entkleidetes Selbst zurückzuziehen und da unter der Form der
Unwandelbarkeit das Ewige in uns anzuschauen. _Diese Anschauung ist
die innerste, eigenste Erfahrung, von welcher alles, alles abhängt,
was wir von einer übersinnlichen Welt wissen und glauben. Diese
Anschauung zuerst überzeugt uns, daß irgend etwas im eigentlichen Sinne
$ist$, während alles übrige nur $erscheint$, worauf wir jenes Wort
übertragen._ Sie unterscheidet sich von jeder sinnlichen Anschauung
dadurch, daß sie nur durch _Freiheit_ hervorgebracht und jedem anderen
fremd und unbekannt ist, dessen Freiheit, von der hervordringenden
Macht der Objekte überwältigt, kaum zur Hervorbringung des Bewußtseins
hinreicht. Doch gibt es auch für diejenigen, die diese Freiheit
der Selbstanschauung nicht besitzen, wenigstens Annäherung zu ihr,
mittelbare Erfahrungen, durch welche sie ihr Dasein ahnen läßt. Es gibt
einen gewissen Tiefsinn, dessen man sich selbst nicht bewußt ist, den
man vergebens sich zu entwickeln strebt. _Jakobi_ hat ihn beschrieben
..... Diese intellektuale Anschauung tritt dann ein, wo wir für uns
selbst aufhören, _Objekt_ zu sein, wo, in sich selbst zurückgezogen,
das anschauende Selbst mit dem angeschauten identisch ist. _In diesem
Moment der Anschauung schwindet für uns Zeit und Dauer dahin: nicht
$wir$ sind in der Zeit, sondern die Zeit -- oder vielmehr nicht sie,
sondern die reine absolute Ewigkeit ist $in uns$._ Nicht wir sind
in der Anschauung der objektiven Welt, sondern sie ist in unserer
Anschauung verloren.«
Es wird der Immanente, der Positivist, vielleicht nur lächeln über
den betrogenen Betrüger, den Philosophen, der solche Erlebnisse zu
haben vorgibt. Nun, dagegen läßt sich nicht leicht etwas tun. Ist auch
überflüssig. Doch bin ich keineswegs der Meinung, daß jenes »Faktum
hoher Art« sich bei _allen_ genialen Menschen in jener mystischen
Form eines Eins-Werdens von Subjekt und Objekt, eines einheitlichen
Erlebens abspiele, wie _Schelling_ dies beschreibt. Ob es ungeteilte
Erlebnisse gibt, in denen der Dualismus schon _während des Lebens_
überwunden wird, wie dies von _Plotin_ und den indischen _Mahatmas_
bezeugt ist, oder ob dies nur höchste Intensifikationen des Erlebens
sind, prinzipiell aber gleichartig mit allem anderen -- dies soll uns
hier nicht beschäftigen, das Zusammenfallen von Subjekt und Objekt,
von Zeit und Ewigkeit, das Schauen Gottes durch den lebenden Menschen
weder als möglich behauptet noch als unmöglich in Abrede gestellt
werden. Erkenntnistheoretisch ist mit einem _Erleben_ des eigenen Ich
nichts anzufangen, und noch niemand hat es je für eine _systematische_
Philosophie zu verwerten gesucht. Ich will daher jenes Faktum
»höherer Art«, das sich bei einem Menschen so, beim anderen anders
vollzieht, nicht _Erlebnis_ des eigenen Ich nennen, sondern nur als das
_Ich-Ereignis_ bezeichnen.
Das Ich-Ereignis kennt jeder bedeutende Mensch. Ob er nun in der
Liebe zu einem Weibe erst sein Ich finde und sich seines Selbst
bewußt werde[32] -- denn der bedeutende Mensch liebt intensiver als
der unbedeutende -- oder ob er durch ein Schuldbewußtsein, wieder
vermöge eines Kontrastes, zum Gefühle seines höheren echten Wesens
gelange, dem er in der bereuten Handlung untreu wurde -- denn auch
das Schuldbewußtsein ist im bedeutenden Menschen heftiger und
differenzierter als im unbedeutenden; ob ihn das Ich-Ereignis zum
Eins-Werden mit dem All, zum Schauen aller Dinge in Gott führe,
oder ihm vielmehr den furchtbaren Dualismus zwischen Natur und
Geist im Weltall offenbare, und in ihm das Erlösungsbedürfnis, das
Bedürfnis nach dem _inneren_ Wunder, wachrufe: immer und ewig ist
mit dem Ich-Ereignis zugleich der Kern einer _Weltanschauung_, ganz
von selbst, ohne Zutun des denkenden Menschen, bereits _gegeben_.
Weltanschauung ist nicht die große Synthese, die am jüngsten Tage der
Wissenschaft von irgend einem besonders fleißigen Mann, der durch alle
Fächer der Reihe nach sich hindurchgearbeitet hat, vor dem Schreibtisch
inmitten einer großen Bibliothek vollzogen wird, Weltanschauung
ist etwas Erlebtes, und sie kann _als Ganzes klar und unzweideutig
sein_, wenn auch im einzelnen noch so vieles vorderhand in Dunkelheit
und Widerspruch verharrt. Das Ich-Ereignis aber ist Wurzel aller
Weltanschauung, d. h. aller _Anschauung_ der _Welt_ als _ganzer_, und
zwar für den Künstler nicht minder als für den Philosophen. Und so
radikal sonst die Weltanschauungen voneinander differieren, eines wohnt
ihnen allen, soweit sie den Namen einer Weltanschauung verdienen[33],
gemeinsam inne; es ist eben das, was durchs Ich-Ereignis vermittelt
wird, der Glaube, _den jeder bedeutende Mensch besitzt: die Überzeugung
von der Existenz eines Ich oder einer Seele_, die im Weltall einsam
ist, dem ganzen Weltall gegenübersteht, die ganze _Welt anschaut_.
Vom Ich-Ereignis an gerechnet wird der bedeutende Mensch im allgemeinen
-- Unterbrechungen, vom fürchterlichsten der Gefühle, vom Gefühle des
_Gestorbenseins_, ausgefüllt, mögen wohl häufig vorkommen -- _mit
Seele_ leben.
Aus diesem Grunde, und nicht allein aus hochgestimmtem Hinblick auf
eben Geschaffenes schreibt es, wie ich an dieser Stelle beifügen
will, sich her, daß bedeutende Menschen immer, in jedem Sinne, auch
das größte Selbstbewußtsein haben werden. Nichts ist so gefehlt, als
von der »Bescheidenheit« großer Männer zu reden, die gar nicht gewußt
hätten, was in ihnen stecke. Es gibt keinen bedeutenden Menschen,
der nicht wüßte, wie sehr er sich von den anderen unterscheidet (mit
Ausnahme der Depressionsperioden, welchen gegenüber sogar der in
besseren Zeiten gefaßte Vorsatz, von nun ab etwas von sich zu halten,
fruchtlos bleiben mag), keinen, der sich nicht für einen bedeutenden
Menschen hielte, sobald er einmal etwas _geschaffen_ hat -- allerdings
auch keinen, dessen Eitelkeit oder Ruhmsucht so gering wäre, daß er
sich nicht noch stets überschätzte. _Schopenhauer_ hat sich für viel
größer gehalten als _Kant_. Wenn _Nietzsche_ seinen Zarathustra für
das tiefste Buch der Welt erklärt, so spielt außerdem wohl noch die
Enttäuschung durch die schweigenden Zeitungsschreiber und das Bedürfnis
diese zu reizen mit -- allerdings auch keine sehr vornehmen Motive.
Aber eines ist allerdings richtig an der Lehre von der Bescheidenheit
bedeutender Menschen: bedeutende Menschen sind nie anmaßend. Anmaßung
und Selbstbewußtsein sind wohl die zwei entgegengesetztesten Dinge,
die es geben kann, und sollten nicht, wie es meistens geschieht,
eins für das andere gesetzt werden. Ein Mensch hat immer so viel
Arroganz, als ihm Selbstbewußtsein fehlt. Anmaßung ist sicherlich
nur ein Mittel, durch künstliche Erniedrigung des Nebenmenschen das
Selbstbewußtsein gewaltsam zu steigern, ja so erst zum Bewußtsein eines
Selbst zu kommen. Natürlich gilt das von der unbewußten, sozusagen
physiologischen Arroganz; zu beabsichtigter Grobheit verächtlichen
Subjekten gegenüber mag wohl auch ein hochstehender Mensch der eigenen
Würde halber hie und da sich verhalten müssen.
Die feste, vollkommene, des _Beweises_ für ihre Person nicht eigentlich
bedürftige Überzeugung, daß sie eine Seele besitzen, ist also allen
genialen Menschen gemeinsam. Man sollte die lächerliche Besorgnis
doch endlich ablegen, welche hinter jedem, der von der Seele als
einer hyperempirischen Realität redet, gleich den werbenden Theologen
wittert. Der Glaube an die Seele ist alles eher denn ein Aberglaube,
und kein bloßes Verführungsmittel aller Geistlichkeit. Auch die
Künstler sprechen von ihrer Seele, ohne Philosophie und Theologie
studiert zu haben, selbst die atheistischesten, wie _Shelley_, und
glauben zu wissen, was sie damit meinen. Oder denkt man, daß »Seele«
für sie ein bloßes, leeres, schönes Wort sei, welches sie anderen
nachsprechen, ohne zu fühlen? Daß der große Künstler Bezeichnungen
anwende, ohne über ein Bezeichnetes, in diesem Falle von denkbar
höchster Realität, sich klar zu sein? Der immanente Empirist, der
Nur-Physiolog muß aber all das für nichtssagendes Geschwätz halten,
oder _Lucrez_ für den einzigen großen Dichter. So viel Mißbrauch
sicherlich mit dem Worte getrieben wird: wenn _bedeutende_ Künstler von
ihrer Seele zeugen, so wissen sie wohl, was sie tun. Es gibt für sie
wie für die großen Philosophen ein gewisses _Grenzgefühl_ der höchsten
Wirklichkeit; _Hume_ hat dieses Gefühl sicherlich nicht gekannt.
Der Wissenschaftler nämlich steht, wie schon hervorgehoben wurde,
und nun bald bewiesen werden soll, _unter_ dem Philosophen und
_unter_ dem Künstler. Diese verdienen das Prädikat des Genies, der
bloße Wissenschaftler niemals. Es heißt jedoch dem Genius vor der
Wissenschaft noch einen weiteren, bisher noch immer unbegründeten
Vorzug einräumen, wenn, wie dies hier geschehen ist, seiner Anschauung
über ein bestimmtes Problem, bloß weil es seine Anschauung ist, mehr
Gewicht beigelegt wird als der Ansicht des Wissenschaftlers. Besteht zu
dieser Bevorzugung ein Recht? Kann der Genius Dinge erkunden, die dem
Mann der Wissenschaft als solchem versagt sind, kann er in eine Tiefe
blicken, welche jener vielleicht nicht einmal bemerkt?
Genialität schließt, wie sich zeigte, ihrer Idee nach Universalität
ein. Für den ganz und gar genialen Menschen, der eine notwendige
Fiktion ist, gäbe es gar nichts, wozu er nicht ein gleich lebendiges,
unendlich inniges, schicksalsvolles Verhältnis hätte. Genialität war
universale Apperzeption, und hiemit vollkommenes Gedächtnis, absolute
Zeitlosigkeit. Man muß aber, um etwas apperzipieren zu können, ein ihm
Verwandtes bereits in sich haben. Man bemerkt, versteht und ergreift
nur das, womit man irgend eine Ähnlichkeit hat (S. 139 f.). Der
Genius war zuletzt, aller Kompliziertheit wie zum Trotze, der Mensch
mit dem intensivsten, lebendigsten, bewußtesten, kontinuierlichsten,
einheitlichsten Ich. Das Ich jedoch ist das punktuelle Zentrum, die
Einheit der Apperzeption, die »Synthesis« alles Mannigfaltigen.
Das Ich des Genies muß demnach selbst die universale Apperzeption sein,
der Punkt schon den unendlichen Raum in sich schließen: _der bedeutende
Mensch hat die $ganze$ Welt $in sich, der Genius ist der lebendige
Mikrokosmus$_. Er ist nicht eine sehr zusammengesetzte Mosaik, keine
aus einer, doch immer _endlichen_, _Viel_zahl von Elementen aufgebaute
chemische Verbindung, und nicht das war der Sinn der Darlegungen des
vierten Kapitels über sein innigeres Verwandtsein mit mehr Menschen
und Dingen: _sondern er ist alles_. Wie im Ich und durch das Ich alle
psychischen Erscheinungen zusammenhängen, wie dieser Zusammenhang
unmittelbar erlebt und ins Seelenleben nicht mühsam erst hineingetragen
wird durch eine Wissenschaft (die bei allen äußeren Dingen freilich
hiezu verhalten ist)[34], wie hier das Ganze durchaus vor den Teilen
besteht; so blickt der Genius, in dem das Ich wie das All, als das All
_lebt_, auch in die Natur und ins Getriebe aller Wesen als ein Ganzes,
er _schaut_ hier die _Verbindungen_ und konstruiert nicht einen Bau
aus Bruchstücken. Darum kann ein bedeutender Mensch zunächst schon
bloßer empirischer Psychologe nicht sein, für den es nur Einzelheiten
gibt, die er im Schweiße seines Angesichtes, durch Associationen,
Leitungsbahnen u. s. w. zu verkitten trachtet; ebensowenig aber bloßer
Physiker, dem die Welt aus Atomen und Molekülen _zusammengesetzt_ ist.
_Aus der Idee des Ganzen heraus, in welcher der Genius fortwährend
lebt, erkennt er den $Sinn$ der Teile. Er $wertet$ darum $alles$_,
alles in sich, alles _außerhalb_ seiner, wertet es nach dieser Idee;
und _nur darum_ ist es für ihn nicht Funktion der Zeit, sondern
repräsentiert ihm stets einen großen und ewigen Gedanken. So ist der
_geniale_ Mensch zugleich der _tiefe_ Mensch, und nur er tief, nur
der Tiefe genial. Darum gilt denn auch wirklich seine Meinung mehr
als die der anderen. Weil er aus dem Ganzen seines das Universum
enthaltenden Ich schafft, während die anderen Menschen nie ganz zum
Bewußtsein dieses ihres wahren Selbst kommen, werden ihm die Dinge
sinnvoll, _bedeuten_ sie ihm alle etwas, sieht er in ihnen stets
_Symbole_. Für ihn ist der Atem mehr als ein Gasaustausch durch
die feinsten Wandungen der Blutkapillaren, das Blau des Himmels
mehr als teilweise polarisiertes, an den Trübungen der Atmosphäre
diffus reflektiertes Sonnenlicht, die Schlangen mehr als fußlose
Reptilien ohne Schultergürtel und Extremitäten. Wenn man selbst alle
wissenschaftlichen Entdeckungen, die je gemacht wurden, zusammentäte
und von einem einzigen Menschen gefunden sein ließe; wenn alles,
was _Archimedes_ und _Lagrange_, _Johannes Müller_ und _Karl Ernst
von Baer_, _Newton_ und _Laplace_, _Konrad Sprengel_ und _Cuvier_,
_Thukydides_ und _Niebuhr_, _Friedrich August Wolf_ und _Franz Bopp_,
was noch so viele andere für die Wissenschaft Hervorragendstes
geleistet haben, _selbst wenn all dies $ein$ einziger Mensch im Laufe
$eines$ kurzen Menschenlebens geleistet hätte, er verdiente darum doch
nicht das Prädikat des Genius_.
Denn damit ist noch nirgends in Tiefen gedrungen. Der Wissenschaftler
nimmt die Erscheinungen wie sie sinnfällig _sind_, der bedeutende
Mensch oder Genius für das, was sie _bedeuten_. Ihm sind Meer und
Gebirge, Licht und Finsternis, Frühling und Herbst, Cypresse und Palme,
Taube und Schwan _Symbole_, er ahnt nicht nur, er erkennt in ihnen ein
Tieferes. Nicht auf Luftdruckverschiebungen geht der Walkürenritt, und
nicht auf Oxydationsprozesse bezieht sich der Feuerzauber. Und dies
alles ist jenem nur möglich, weil die _äußere_ Welt _in_ ihm reich und
stark zusammenhängt wie die _innere_, ja das Außenleben nur wie ein
Spezialfall seines Innenlebens sich ausnimmt, Welt und Ich in ihm eins
geworden sind, und er nicht Stück für Stück der Erfahrung nach Gesetz
und Regel erst aneinanderheften muß. Auch die größte Polyhistorie
dagegen addiert nur Fächer zu Fächern und bildet noch keine Gesamtheit.
Deshalb also tritt der große Wissenschaftler hinter den großen Künstler
oder Philosophen.
Der Unendlichkeit des Weltalls entspricht beim Genius eine wahre
Unendlichkeit in der eigenen Brust, er hält Chaos und Kosmos, alle
Besonderheit und alle Totalität, alle Vielheit und alle Einheit
in seinem Innern. Ist mit diesen Bestimmungen auch mehr über die
Genialität als über das Wesen des genialen _Schaffens_ ausgesagt,
bleiben der Zustand der künstlerischen Ekstase, der philosophischen
Konzeption, der religiösen Erleuchtung gleich rätselhaft wie zuvor,
sind also damit gewiß nur die _Bedingungen_, nicht der _Vorgang_ eines
wahrhaft _bedeutenden_ Produzierens klarer geworden, so sei dennoch
hier als endgültige Definition des Genies diese gegeben:
$Genial ist ein Mensch dann zu nennen, wenn er in bewußtem
Zusammenhange mit dem Weltganzen lebt. Erst das Geniale ist somit das
eigentlich Göttliche im Menschen.$
Die große Idee von der Seele des Menschen als dem Mikrokosmus, die
tiefste Schöpfung der Philosophen der Renaissance -- wiewohl ihre
ersten Spuren schon bei _Plato_ und _Aristoteles_ sich finden --
scheint dem neueren Denken seit _Leibniz_ens Tode ganz abhanden
gekommen. Sie wurde hier bis jetzt als bloß für das Genie gültig, von
jenen Meistern aber vom Menschen überhaupt als das eigentliche Wesen
desselben behauptet.
Doch ist die Inkongruenz nur scheinbar. Alle Menschen sind genial, und
kein Mensch ist genial. Genialität ist eine _Idee_, welcher dieser
näher kommt, während jener in großer Ferne von ihr bleibt, welcher der
eine rasch sich naht, der andere vielleicht erst am Ende seines Lebens.
Der Mensch, dem wir bereits den Besitz der Genialität zuschreiben, ist
nur der, welcher bereits angefangen hat zu sehen, und den anderen die
Augen öffnet. Daß sie sodann mit seinem Auge sehen können, beweist,
wie sie nur vor dem Tore standen. Auch der mittelmäßige Mensch kann,
selbst als solcher, _mittelbar_ zu allem in Beziehung treten; seine
Idee des Ganzen ist aber nur ahnungsvoll, es gelingt ihm nicht, sich
mit ihr zu identifizieren. Aber er ist darum nicht ohne Möglichkeit,
diese Identifikation anderen nachzuleben und so ein Gesamtbild zu
gewinnen. Durch Weltanschauung kann er dem Universum, durch Bildung
allem einzelnsten sich verbinden; nichts ist ihm gänzlich fremd, und
an alle Dinge der Welt knüpft auch ihn ein Band der Sympathie. Nicht
so das Tier oder die Pflanze. Sie sind begrenzt, sie kennen nicht
alle, sondern nur ein Element, sie bevölkern nicht die ganze Erde, und
wo sie eine allgemeine Verbreitung gefunden haben, ist es im Dienste
des Menschen, der ihnen eine überall gleichmäßige Funktion angewiesen
hat. Sie mögen eine Beziehung zur Sonne oder zum Monde haben, aber
sicherlich fehlt ihnen »der gestirnte Himmel« und »das moralische
Gesetz«. Dieses aber stammt von der Seele des Menschen her, in der alle
Totalität geborgen ist, _die alles betrachten kann, weil sie selbst
alles $ist$_: der gestirnte Himmel und das moralische Gesetz, auch sie
sind im Grunde eines und dasselbe. Der Universalismus des kategorischen
Imperatives ist der Universalismus des Universums, die Unendlichkeit
des Weltalls nur das Sinnbild der Unendlichkeit des sittlichen Wollens.
So hat dies, den Mikrokosmus im Menschen, schon _Empedokles_, der
gewaltige Magus von Agrigent, gelehrt:
Γαιη μεν γαρ γαιαν οπωπαμεν, ὑδατι δ'ὑδωρ,
Αιθερι δ'αιθερα διον, αταρ πυρι πυρ αιδηλον,
Στοργη δε στοργην, νεικος δε τε νεικει λυγρω.
Und _Plotinus_: Ου γαρ αν πωποτε ειδεν οφθαλμος ἡλιον ἡλιοειδης μη
γεγενημενος, dem es _Goethe_ in den berühmten Versen nachgedichtet hat:
»Wär' nicht das Auge sonnenhaft,
Die Sonne könnt' es nie erblicken;
Läg' nicht in uns des Gottes eig'ne Kraft,
Wie könnt' uns Göttliches entzücken?«
_Der Mensch ist das einzige Wesen, er ist $dasjenige$ Wesen in der
Natur, das zu $allen$ Dingen in derselben ein Verhältnis hat._
In wem dieses Verhältnis nicht bloß zu einzelnen, vielen oder wenigen,
sondern zu allen Dingen Klarheit und intensivste Bewußtheit erlangt,
wer über alles selbständig gedacht hat, den nennt man ein Genie; in wem
es nur der Möglichkeit nach vorhanden, in wem wohl für alles irgend
ein Interesse wachzurufen ist, aber nur zu wenigem ein lebhafteres von
selbst besteht, den nennt man einfach einen Menschen. _Leibnizens_
wohl selten recht verstandene Lehre, daß auch die niedere Monade ein
Spiegel der Welt sei, ohne aber sich dieser ihrer Tätigkeit bewußt
zu werden, drückt nur dieselbe Tatsache aus. Der geniale Mensch lebt
im Zustande allgemeiner Bewußtheit, die Bewußtheit des Allgemeinen
ist; auch im gewöhnlichen Menschen ist das Weltganze, aber nicht bis
zu schöpferischem Bewußtsein gebracht. Der eine lebt in bewußtem
tätigen, der andere in unbewußtem virtuellen Zusammenhang mit dem All;
_der geniale Mensch ist der aktuelle, der ungeniale der potentielle
Mikrokosmus_. Erst der geniale Mensch ist ganz Mensch; was als
Mensch-Sein, als Menschheit (im Kantischen Sinne) in jedem Menschen,
δυνάμει, der Möglichkeit nach ist, das lebt im genialen Menschen,
ενεργεια, in voller Entfaltung.
Der Mensch ist das All und darum nicht, wie ein bloßer Teil desselben,
abhängig vom anderen Teile, nicht an einer bestimmten Stelle
_eingeschaltet_ in die Naturgesetzlichkeit, _sondern selbst der
Inbegriff aller Gesetze, und $eben darum frei$_, wie das Weltganze
als das All selbst nicht noch bedingt, sondern unabhängig ist. Der
bedeutende Mensch nun, der _nichts_ vergißt, weil er _sich_ nicht
vergißt, weil Vergessen funktionelle Beeinflussung durch die Zeit,
daher unfrei und unethisch ist; der nicht von einer geschichtlichen
Bewegung, als ihr Kind, emporgeworfen, nicht von der nächsten wieder
verschlungen wird, weil _alles, alle Vergangenheit und alle Zukunft_,
in der _Ewigkeit_ seines geistigen Blickes bereits sich birgt; dessen
Unsterblichkeitsbewußtsein am stärksten ist, weil ihn auch der Gedanke
an den _Tod_ nicht feige macht; der in das leidenschaftlichste
Verhältnis zu den Symbolen oder Werten tritt, indem er nicht nur alles
in sich, sondern auch alles außer sich einschätzt und damit deutet:
er ist zugleich der _freieste_ und der _weiseste_, $er$ ist der
_sittlichste_ Mensch; und nur _darum_ leidet gerade $er$ am schwersten
unter allem, was auch in ihm noch unbewußt, noch Chaos, noch _Fatum_
ist. --
Wie steht es nun mit der Sittlichkeit großer Menschen den anderen
Menschen gegenüber? Ist dies doch die einzige Form, in welcher,
nach der populären Meinung, die Unsittlichkeit nicht anders als in
Verbindung mit dem Strafgesetzbuch zu denken weiß, Moralität sich
offenbaren kann! Und haben nicht gerade hier die berühmten Männer die
bedenklichsten Charaktereigenschaften verraten? Mußten sie nicht oft
schnöden Undanks, grausamer Härte, schlimmer Verführertücken sich
zeihen lassen?
Weil Künstler und Denker, je größer sie sind, desto rücksichtsloser
sich selbst die Treue wahren und hiebei die Erwartungen manch eines
täuschen, mit dem sie vorübergehende Gemeinschaft geistiger Interessen
verknüpfte, und die, ihrem höheren Fluge zu folgen später nicht mehr
imstande, den Adler selbst an die Erde binden wollen (_Lavater_ und
_Goethe_) -- darum hat man sie als unmoralisch verschrieen. Das
Schicksal der _Friederike aus Sesenheim_ ist _Goethe_, obwohl ihn das
keineswegs entschuldigt, sicherlich viel näher gegangen als dieser, und
wenn er auch glücklicherweise so unendlich viel _verschwiegen_ hat,
daß die Modernen, die ihn als den leichtlebigen Olympier _ganz_ zu
besitzen glauben, tatsächlich nur jene Flocken von ihm in den Händen
halten, die Faustens unsterbliches Teil umgeben -- man darf gewiß
sein, daß er selbst am genauesten prüfte, wieviel Schuld ihn traf,
und diese in ihrem ganzen Ausmaß bereut hat. Und wenn scheelsüchtige
Nörgler, die _Schopenhauers_ Erlösungslehre und den Sinn des Nirwâna
nie erfaßt haben, es diesem Philosophen zum Vorwurf machen, daß er auf
seinem _Rechte_ auf sein Eigentum, bis zum Äußersten, bestanden hat, so
verdient dies, als ein hündisches Gekläffe, gar keine Antwort.
Daß der bedeutende Mensch gegen sich selbst am sittlichsten ist, steht
also wohl fest: er wird nicht eine fremde Anschauung sich aufzwingen
lassen und hiedurch sein Ich unterdrücken; er wird die Meinung des
anderen -- das fremde Ich und dessen Ansicht bleiben für ihn etwas
vom Eigenen gänzlich Unterschiedenes -- nicht passiv acceptieren,
und ist er einmal rezeptiv gewesen, so wird ihm der Gedanke hieran
schmerzvoll und fürchterlich sein. Eine bewußte Lüge, die er einmal
getan hat, wird er sein ganzes Leben lang _mitschleppen_, und nicht in
»dionysischer« Weise leichthin _abschütteln_ können. Am stärksten aber
werden geniale Menschen leiden, wenn sie sich selbst erst hinterdrein
auf eine Lüge kommen, um die sie gar nicht wußten, als sie sie anderen
gegenüber sprachen, oder mit der sie sich selbst belogen haben. Die
anderen Menschen, die nicht dieses Bedürfnis nach Wahrheit haben wie
er, bleiben eben darum immer viel tiefer in Lüge und Irrtum verstrickt,
und dies ist der Grund, warum sie die eigentliche Meinung und die
Heftigkeit des Kampfes großer Persönlichkeiten gegen die »_Lebenslüge_«
so wenig verstehen.
Der hochstehende Mensch, das ist jener, in dem das zeitlose Ich die
Macht gewonnen hat, sucht seinen Wert vor seinem intelligiblen Ich, vor
seinem moralischen und intellektuellen Gewissen zu steigern. Auch seine
Eitelkeit ist zunächst die vor sich selbst: _es entsteht in ihm das
Bedürfnis, sich selbst zu imponieren_ (mit seinem Denken, Handeln und
Schaffen). Diese Eitelkeit ist die eigentliche Eitelkeit des Genies,
das seinen Wert und seinen Lohn in sich selbst hat, und dem es nicht
auf die Meinung anderer von ihm darum ankommt, damit es selbst auf
diesem Umweg von sich eine höhere gewinne. Sie ist jedoch keineswegs
etwas löbliches, und asketisch angelegte Naturen (_Pascal_) werden auch
unter dieser Eitelkeit schwer leiden können, ohne doch je über sie
hinauszukommen. Zur inneren Eitelkeit wird sich Eitelkeit vor anderen
stets gesellen; _aber die beiden liegen miteinander im Kampfe_.
Wird nun nicht durch diese starke Betonung der Pflicht gegen
sich selbst die Pflichterfüllung den anderen Menschen gegenüber
beeinträchtigt? Stehen die beiden nicht in einem solchen
Wechselverhältnis, daß, wer sich selbst die Treue wahrt, sie notwendig
anderen brechen muß?
Keineswegs. Wie die Wahrheit nur eine ist, so gibt es auch nur ein
_Bedürfnis_ nach Wahrheit -- _Carlyles_ »Sincerity« -- das man
_sowohl_ sich selbst als auch der Welt gegenüber hat oder nicht hat,
aber nie getrennt, nie eines von beiden, nicht Weltbeobachtung ohne
Selbstbeobachtung, und nicht Selbstbeobachtung ohne Weltbeobachtung: so
gibt es überhaupt nur eine einzige Pflicht, nur einerlei Sittlichkeit.
Man handelt moralisch oder unmoralisch _überhaupt_, und wer sich selbst
gegenüber sittlich ist, der ist es auch den anderen gegenüber.
Über nichts sind indessen falsche Vorstellungen so verbreitet wie
darüber, was sittliche Pflicht gegen den Nebenmenschen ist, und wodurch
ihr erst genügt wird.
Wenn ich von jenen theoretischen Systemen der Ethik einstweilen
absehe, welche Förderung der menschlichen Gesellschaft als das
Prinzip betrachten, das allem Handeln zu Grunde zu legen sei, und die
immerhin weniger auf die konkreten Gefühle während der Handlung und
auf das empirische im Impulse, als auf das Walten eines generellen
sittlichen Gesichtspunktes gehen und insofern doch hoch über aller
Sympathiemoral stehen: so bleibt nur die populäre Meinung übrig, welche
die Sittlichkeit eines Menschen größtenteils nach dem Grade seiner
Mitleidigkeit, seiner »Güte« bestimmt. Von philosophischer Seite haben
im Mitgefühle _Hutcheson_, _Hume_ und _Smith_ das Wesen und die Quelle
alles ethischen Verhaltens erblickt; eine außerordentliche Vertiefung
hat dann diese Lehre in _Schopenhauers_ Mitleidsmoral erhalten.
Die _Schopenhauer_sche »Preisschrift über die Grundlage der Moral«
verrät indes gleich in ihrem Motto »Moral predigen ist leicht, Moral
begründen schwer« den Grundfehler aller Sympathieethik: als welche sie
nämlich stets verkennt, daß die Ethik keine sachlich-beschreibende,
sondern eine das Handeln normierende Wissenschaft ist. Wer sich über
die Versuche lustig macht, genau zu erhorchen, was die innere Stimme
im Menschen wirklich spricht, mit Sicherheit zu ergründen, was der
Mensch _soll_, der verzichtet auf jede Ethik, die ihrem Begriffe nach
eben eine Lehre von den Forderungen ist, welche der Mensch an sich
und an alle anderen stellt; und nicht von dem erzählt, was er, diesen
Forderungen Raum gebend oder sie übertönend, tatsächlich vollbringt.
Nicht was geschieht, sondern was geschehen _soll_, ist Objekt der
Moralwissenschaft, alles andere gehört in die Psychologie.
Alle Versuche, die Ethik in Psychologie aufzulösen, übersehen, daß jede
psychische Regung im Menschen vom Menschen selbst _gewertet_ wird, und
das Maß zur Bewertung irgend welchen Geschehens nicht selbst Geschehnis
sein kann. Dieser Maßstab kann nur eine _Idee_ oder ein _Wert_ sein,
der nie völlig verwirklicht und aus keiner Erfahrung abzuleiten ist,
weil _er_ bestehen bleibt, wenn auch alle Erfahrung ihm zuwiderliefe.
_Sittliches Handeln kann also nur Handeln nach einer Idee sein._ Es
ist hienach nur zwischen solchen Morallehren zu wählen, welche Ideen,
Maximen des Handelns aufstellen, und da kommt immer nur zweierlei in
Betracht: der ethische Sozialismus oder die »Sozialethik«, die von
_Bentham_ und den _Mill_ begründet, und später von eifrigen Importeuren
auch auf den Kontinent und sogar nach Deutschland und Norwegen gebracht
wurde, und der ethische Individualismus, wie ihn _das Christentum_ und
der _deutsche Idealismus_ lehren.
Der _zweite_ Fehler aller Ethik des Mitgefühls ist eben der, daß sie
Moral begründen, _ableiten_ will, Moral, die ihrem Begriffe nach den
letzten Grund des menschlichen Handelns bilden soll, und darum nicht
selbst noch erklärbar, deduzierbar sein darf, die Zweck an sich selbst
ist und nicht mit irgend etwas außer ihr, wie Mittel und Zweck, in
Verbindung gebracht werden darf. Soferne aber dieser Anspruch der
Sympathiemoral mit dem Prinzipe jeder bloß deskriptiven und danach
notwendig relativistischen Ethik übereinkommt, sind beide Fehler
im Grunde eins, und muß diesem Unterfangen immer entgegengehalten
werden, daß niemand, liefe er auch das ganze Gebiet aller Ursachen und
Wirkungen ab, irgendwo den Gedanken eines höchsten _Zweckes_ in ihm
entdecken würde, der allein für alle moralischen Handlungen wesentlich
ist. Der Zweckgedanke kann nicht aus Grund und Folge erklärt werden,
das Verhältnis von Grund und Folge schließt ihn vielmehr aus. Der
Zweck tritt auf mit dem Anspruch, das Handeln zu schaffen, an ihm wird
der Erfolg und Ausgang aller Tat gemessen, und auch dann noch immer
ungenügend gefunden, wenn selbst alle Faktoren, die sie bestimmten,
wohl bekannt sind und noch so schwer ihr Gewicht im Bewußtsein geltend
machen. Neben dem Reich der Ursachen gibt es ein Reich der Zwecke, und
dieses Reich ist das Reich des Menschen. Vollendete Wissenschaft vom
Sein ist eine Gesamtheit der Ursachen, die bis zur obersten Ursache
aufsteigen will, vollendete Wissenschaft vom Sollen ein Ganzes der
Zwecke, das in einem letzten höchsten Zwecke kulminiert.
Wer also das Mitleid ethisch positiv wertet, hat etwas, das gar nicht
Handlung war, sondern nur Gefühl, nicht eine Tat, sondern nur ein
Affekt (der seiner Natur nach nicht unter den Zweck-Gesichtspunkt
fällt), moralisch beurteilt. Das Mitleid mag ein ethisches _Phänomen_,
eine Äußerungsweise von etwas Ethischem sein, es ist aber so wenig ein
ethischer _Akt_ wie das Schamgefühl oder der Stolz; _man hat zwischen
ethischem Akt und ethischem Phänomen wohl zu unterscheiden_. Unter
dem ersteren darf nichts verstanden werden als _bewußte Bejahung der
Idee durch die Handlung: ethische Phänomene sind unbeabsichtigte,
unwillkürliche Anzeichen einer andauernden Richtung des Gemütes auf
die Idee._ Nur in den Motivenkampf greift die Idee immer wieder ein
und sucht ihn zu beeinflussen und zu entscheiden; in den empirischen
Mischungen ethischer mit unethischen Gefühlen, des Mitleids mit der
Schadenfreude, des Selbstgefühles mit dem Übermut, liegt noch nichts
von einem _Entschlusse_. _Das Mitleid ist vielleicht der sicherste
Anzeiger der Gesinnung, aber kein Zweck irgend eines Handelns._ Nur
_Wissen_ des Zweckes, _Bewußtsein_ des Wertes gegenüber allem Unwerte
konstituiert die Sittlichkeit; hierin hat _Sokrates_ gegenüber allen
Philosophen, die nach ihm gekommen sind (nur _Plato_ und _Kant_ haben
ihm sich angeschlossen), recht. Ein alogisches Gefühl, wie das Mitleid
immer ist, hat keinen Anspruch auf _Achtung_, sondern erweckt höchstens
_Sympathie_.
Die Frage ist demnach erst zu beantworten, inwiefern ein Mensch sich
sittlich verhalten könne gegen andere Menschen.
Nicht durch unerbetene Hilfe, die in die fremde Einsamkeit _dringt_
und die Grenzen durchbricht, welche der Nebenmensch um sich zieht,
sondern durch die Ehrerbietung, mit der man diese Grenzen _wahrt_;
nicht durch _Mitleid_, nur durch _Achtung_. _Achtung_, dies hat _Kant_
zuerst ausgesprochen, bringen wir keinem Wesen auf der Welt entgegen
als dem Menschen. Es ist seine ungeheuere Entdeckung, daß kein Mensch
sich selbst, sein intelligibles Ich, die Menschheit (das ist nicht
die menschliche Gesellschaft von 1500 Millionen, sondern die _Idee_
der _Menschenseele_) in seiner Person oder in der Person des anderen
als Mittel zum Zweck gebrauchen kann. »In der ganzen Schöpfung kann
alles, was man will, und worüber man etwas vermag, auch _bloß als
Mittel_ gebraucht werden; nur der Mensch, und mit ihm jedes vernünftige
Geschöpf, ist _Zweck an sich selbst_.«
Womit aber erweise ich einem Menschen Verachtung, und wie bezeige
ich ihm meine Achtung? Das erste, indem ich ihn _ignoriere_, das
zweite, indem ich mich mit ihm _beschäftige_. Wie benütze ich ihn
als Mittel zum Zweck, und wie ehre ich in ihm etwas, das Selbstzweck
ist? Das eine, indem ich ihn nur als Glied in der Kette der Umstände
betrachte, mit denen meine Handlungen zu rechnen haben, das andere,
indem ich ihn zu _erkennen_ suche. Erst so, indem man sich für ihn,
ohne es ihm gerade zu zeigen, interessiert, an ihn denkt, sein Handeln
zu begreifen, sein Schicksal mitzufühlen, ihn selbst zu _verstehen_
sucht, erst dadurch, _nur_ dadurch kann man seinen Mitmenschen _ehren_.
Nur wer, durchs eigene Ungemach nicht selbstsüchtig geworden, allen
kleinlichen Hader mit dem Mitmenschen vergessend, den Zorn gegen
ihn unterdrückend, ihn zu _verstehen_ trachtet, der ist wahrhaft
uneigennützig gegen seinen Nächsten; und er handelt sittlich, denn er
_siegt_ gerade dann über den _stärksten_ Feind, der das Verständnis des
Nebenmenschen am längsten erschwert: über die _Eigenliebe_.
Wie verhält sich nun in dieser Hinsicht der hervorragende Mensch?
Er, der die meisten Menschen versteht, weil er am universellsten
veranlagt ist, der zum Weltganzen in der innigsten Beziehung lebt, es
am leidenschaftlichsten objektiv zu erkennen trachtet, er wird auch
wie kein zweiter an seinem Nebenmenschen sittlich handeln. In der
Tat, niemand denkt so viel und so intensiv wie er über die anderen
Menschen (ja über viele auch, wenn er sie nur ein einziges Mal flüchtig
erblickt hat), und niemand sucht so lebhaft wie er zur Klarheit über
sie zu kommen, wenn er sie noch nicht mit genügender Deutlichkeit und
Intensität in sich hat. Wie er selbst eine kontinuierlich von seinem
Ich erfüllte Vergangenheit hinter sich hat, so wird er auch darüber
sich Gedanken machen, welches das Schicksal der anderen in der Zeit
gewesen ist, ehe da er sie noch kennen lernte. Er folgt dem stärksten
Zuge des inneren Wesens, wenn er über sie denkt, denn er sucht ja in
ihnen nur über sich zur Klarheit, zur Wahrheit zu gelangen. Hier zeigt
sich eben, daß die Menschen alle Glieder einer intelligiblen Welt
sind, in der es keinen beschränkten Egoismus oder Altruismus gibt. Nur
so ist es zu erklären, daß große Männer, wie zu den Menschen _neben_
ihnen, so auch zu allen Persönlichkeiten der Geschichte, die zeitlich
_vor_ ihnen gelebt haben, in ein lebendigeres, verständnisvolleres
Verhältnis treten, nur _dies_ der Grund, warum der große Künstler
auch die geschichtliche Individualität so viel besser und intensiver
erfaßt als der bloß wissenschaftliche Historiker. Es gibt keinen großen
Mann, der nicht zu _Napoleon_, zu _Plato_, zu _Mohammed_ in einem
persönlichen Verhältnisse stünde. _So nämlich erweist er auch denen
seine Achtung und wahre Pietät, die vor ihm gelebt haben._ Und wenn so
mancher, der mit Künstlern verkehrt hat, sich peinlich berührt fühlte,
als er sich später in einer ihrer Schöpfungen wiedererkannte; wenn
deshalb so oft über den Dichter die Beschwerde laut wird, daß ihm alles
zum Modell werde, so ist das unangenehme Gefühl in solcher Situation
nur zu begreiflich; aber der Künstler, der mit der Kleinlichkeit der
Menschen nicht rechnet, hat darum kein Verbrechen begangen: er hat, in
seiner Weise der unreflektierten Darstellung und Neuerzeugung der Welt,
den _schöpferischen Akt des Verständnisses vollzogen; und es gibt kein
Verhältnis zwischen Menschen, das reiner wäre als dieses_.
Damit dürfte denn auch das sehr wahre, schon einmal erwähnte Wort
_Pascals_ an Verständlichkeit gewonnen haben: »A mesure qu'on a plus
d'esprit, on trouve qu'il y a plus d'hommes originaux. Les gens du
commun ne trouvent pas de différence entre les hommes.« -- Es hängt
mit all dem ferner zusammen, daß ein Mensch, je höher er stehen, desto
größere Anforderungen bezüglich des _Verstehens fremder_ Äußerungen
an sich stellen wird; während der Unbegabte bald etwas zu verstehen
glaubt, oft gar nicht einmal fühlt, daß hier etwas ist, das er nicht
versteht, den _fremden_ Geist kaum empfindet, der aus einem Kunstwerk,
aus einer Philosophie zu ihm spricht; und so höchstens ein Verhältnis
zu den Sachen gewinnt, aber nicht zum Nachdenken über den Schöpfer
selbst sich aufschwingt. Der bedeutende Mensch, der die höchste Stufe
der Bewußtheit erklimmt, identifiziert nicht leicht etwas, das er
liest; mit sich und seiner Meinung, während bei geringerer Helligkeit
des Geistes sehr verschiedene Dinge ineinander verschwimmen und sich
gleich ausnehmen können.
Der geniale Mensch ist derjenige, dem sein _Ich_ zum Bewußtsein gelangt
ist. Darum kommt ihm auch das Anderssein der anderen am ehesten zur
Abhebung, _darum empfindet er im anderen Menschen auch dann dessen
Ich, wenn dieses noch gar nicht stark genug war, um jenem selbst zum
Bewußtsein zu kommen. Aber nur wer fühlt, daß der andere Mensch $auch
ein Ich, eine Monade, ein eigenes Zentrum der Welt ist$, mit besonderer
Gefühlsweise und Denkart, und besonderer Vergangenheit, der wird $von
selbst davor gefeit$ sein, den Mitmenschen bloß $als Mittel zum Zweck$
zu benützen_, er wird der _Kant_ischen Ethik gemäß auch im Mitmenschen
die _Persönlichkeit_ (als Teil der _intelligiblen_ Welt) _spüren, ahnen
und darum $ehren$, und nicht bloß an ihm $sich ärgern$. $Psychologische
Grundbedingung alles praktischen Altruismus ist daher theoretischer
Individualismus.$_
_Hier liegt also die Brücke_, welche vom moralischen Verhalten sich
selbst gegenüber zum moralischen Verhalten dem anderen gegenüber führt,
jene Vermittlung, deren Mangel in der _Kant_ischen Philosophie von
_Schopenhauer_ mit Unrecht als ein Fehler derselben angesehen, und ihr
wie ein notwendiges, in ihren wesentlichen Prinzipien begründetes
Unvermögen ausgelegt wurde.
Die Probe darauf ist leicht zu machen. Nur der vertierte Verbrecher
und der Irrsinnige interessieren sich _gar nicht_ auch nur für irgend
einen unter ihren Nebenmenschen, sie leben, als ob sie allein auf der
Welt wären, sie _fühlen_ die _Anwesenheit_ des _Fremden_ gar nicht. Es
gibt also keinen _praktischen Solipsismus_: in wem ein Selbst ist, für
den gibt es auch ein Selbst im Nebenmenschen; und nur wenn ein Mensch
seinen (logischen und ethischen) Wesenskern eingebüßt hat, reagiert er
auch auf den zweiten Menschen nicht mehr so, als ob dieser ein Mensch,
ein Wesen mit durchaus eigener Persönlichkeit wäre. _Ich und Du sind
eben Wechselbegriffe._
Am stärksten gelangt der Mensch zum Bewußtsein seiner selbst, wenn er
mit anderen Menschen beisammen ist. Darum ist der Mensch in Gegenwart
anderer Menschen stolzer, als wenn er allein ist, und bleibt es den
Stunden seiner Einsamkeit aufgespart, seinen Übermut zu dämpfen.
Endlich: wer sich tötet, der tötet gleichzeitig die ganze Welt; und wer
den anderen mordet, begeht eben darum das schwerste Verbrechen, weil er
in ihm sich gemordet hat. So ist denn jener Solipsismus im Praktischen
ein Unding, und sollte lieber _Nihilismus_ genannt werden; wenn kein
Du da ist, dann ist auch sicherlich nie ein Ich vorhanden, es bleibt
hernach überhaupt -- nichts.
Auf die psychologische _Verfassung_ kommt es an, welche es _unmöglich_
macht, den anderen Menschen als Mittel zum Zweck zu gebrauchen. Und
da fand sich: _wer seine Persönlichkeit fühlt, der fühlt sie auch
in anderen_. Für ihn ist das Tat-tvam-asi keine schöne Hypothese,
sondern _Wirklichkeit_. _Der höchste Individualismus $ist$ der höchste
Universalismus._
Schwer irrt also der Leugner des Subjektes, Ernst _Mach_, wenn er
glaubt, nach dem Verzicht auf das eigene Ich sei erst ein ethisches
Verhalten, »welches Mißachtung des fremden Ich und Überschätzung des
eigenen ausschließt,« zu erwarten. Es hat sich eben gezeigt, wohin
der Mangel eines eigenen Ich im Verhalten zum Nebenmenschen führt.
_Das Ich ist Grundbedingung auch aller sozialen Moral._ Gegen eine
bloße _Verknotungsstelle_ von »Elementen« werde ich mich, _rein
psychologisch_, nie ethisch verhalten können. Als Ideal kann man das
_aussprechen_; es ist aber dem praktischen Verhalten ganz entrückt,
kann ihm nie als Norm dienen, _weil es die psychologische Bedingung
aller Verwirklichung der sittlichen Idee $eliminiert$, während die
moralische Forderung eben psychologisch $da ist$_.
_Gerade umgekehrt handelt es sich darum, jedem Menschen bewußt zu
machen, daß er ein höheres Selbst, eine Seele besitzt, und daß auch die
anderen Menschen eine Seele besitzen._ (Dazu wird der größte Teil der
Menschheit aber immer einen _Seelenhirten_ benötigen.) Erst hiemit ist
ein ethisches Verhältnis zum Nebenmenschen _da, wirklich da_.
Dieses Verhältnis aber ist im genialen Menschen in einzigster Weise
verwirklicht. Niemand wird mit den Menschen, und darum an den
Menschen, mit denen er lebt, so _leiden_ wie er. Denn in bestimmtem
Sinne wird sicherlich der Mensch _nur_ »durch Mitleid wissend«.
Ist Mitleid auch nicht selbst klares, abstrakt-begriffliches oder
anschaulich-symbolisches Wissen, so ist es doch der stärkste Impuls,
um zu allem Wissen zu gelangen. Nur durch Leiden _unter_ den Dingen
begreift sie der Genius, nur durch Leiden _mit_ den Menschen versteht
er diese. Und der Genius leidet am meisten, weil er mit allem und in
allem leidet; aber am stärksten leidet er an seinem Mitleiden.
Wurde in einem früheren Kapitel das Geniale zu erweisen gesucht als
jener Faktor, der den Menschen erst eigentlich über das Tier erhebt,
und zugleich damit die Tatsache in Verbindung gebracht, daß nur der
Mensch eine Geschichte hat (diese erkläre sich aus der allen Menschen
innewohnenden und nur graduell verschiedenen Genialität), so muß
hierauf nun noch einmal zurückgegriffen werden. Genialität fällt
zusammen mit lebendiger Tätigkeit des intelligiblen Subjektes. Und
Geschichte offenbart sich nur im Sozialen, im »objektiven Geiste«, die
Individuen an sich bleiben sich ewig gleich und schreiten nicht vor wie
dieser (sie sind _das Ahistorische_). So sehen wir hier, wie unsere
Fäden zusammenlaufen, um ein überraschendes Resultat zu erzeugen. Ist
nämlich -- hierin glaube ich nicht zu irren -- die zeitlose menschliche
Persönlichkeit auch Bedingung jedes wahrhaft ethischen Verhaltens
auch gegen den Nebenmenschen, _Individualität $Voraussetzung$_ einer
_sozialen_ Gesinnung, so wird damit auch klar, warum das »animal
metaphysicum« und das »ζῷον πολιτικόν«, das geniale Geschöpf und
der Träger einer Geschichte _eines_ sind, ein und dasselbe Wesen,
_$nämlich$ der Mensch_. Und so ist auch die alte Streitfrage erledigt,
was _früher_ da sei, _Individuum_ oder _Gemeinschaft_: $beide nämlich
sind zugleich und miteinander da$.
Hiemit betrachte ich denn in jeder Beziehung den Nachweis als
geführt, daß Genialität _höhere Sittlichkeit_ überhaupt ist. Der
bedeutende Mensch ist nicht nur der sich selbst treueste, der nichts
von sich vergessende, der, dem Irrtum und Lüge am verhaßtesten, am
unerträglichsten sind; er ist auch der sozialste, der einsamste
zugleich der zweisamste Mensch. _Das Genie ist eine höhere Daseinsform
überhaupt, nicht nur intellektuell, sondern auch moralisch. Der Genius
offenbart ganz eigentlich $die Idee$ des Menschen. Er kündet, was der
Mensch ist: das $Subjekt$, dessen $Objekt$ das $ganze$ Universum, und
stellt das fest für ewige Zeiten._
Man lasse sich nicht irre machen. _Bewußtsein_, und _nur Bewußtsein_,
ist an und für sich moralisch, alles Unbewußte unmoralisch, und alles
Unmoralische unbewußt. Das »unmoralische Genie«, der »große böse
Mensch« ist deshalb ein Fabeltier; von großen Menschen in bestimmten
Augenblicken ihres Lebens als eine Möglichkeit ersonnen, um dann,
sehr gegen den Willen der Schöpfer, für furchtsame und schwächliche
Naturen einen Wauwau abzugeben, mit dem sie sich und andere Kinder
schrecken. Es gibt keinen Verbrecher, der seiner Tat gewachsen wäre,
der da dächte und spräche wie der _Hagen_ der »Götterdämmerung« an
_Siegfrieds_ Leichnam: »Ja denn, ich hab ihn erschlagen, _ich, Hagen_,
schlug ihn zu tot!« _Napoleon_ und _Baco von Verulam_, die man als
Gegeninstanzen anführt, werden intellektuell bei weitem überschätzt
oder falsch gedeutet. Und zu _Nietzsche_ darf man in diesen Dingen --
wenn er von den Borgias zu reden anfängt -- am wenigsten Vertrauen
hegen. Die Konzeption des Diabolischen, des Antichrist, des Ahriman,
des »Radikal-Bösen in der menschlichen Natur« ist überaus gewaltig. Mit
dem Genie aber hat sie nur insoferne zu schaffen, als sie gerade sein
Gegenteil ist. Sie ist eine Fiktion, geboren in den Stunden, da große
Menschen gegen den Verbrecher in sich den entscheidenden Kampf gekämpft
haben.
Universelle Apperzeption, Allgemeinbewußtsein, vollkommene
Zeitlosigkeit ist ein Ideal, auch für die »genialen« Menschen;
_Genialität ist ein innerer Imperativ_, nie bei einem Menschen je
gänzlich vollzogene _Tatsache_. Darum wird zu allerletzt ein »genialer«
Mensch, er am allerwenigsten, von sich so einfach zu sagen imstande
sein: »Ich _bin_ ein Genie.« Denn Genialität ist, ihrem Begriffe nach,
nichts als gänzliche Erfüllung der Idee des Menschen, und darum genial
etwas, das jeder Mensch sein _sollte_ und das zu werden _prinzipiell
jedem Menschen möglich sein muß_. Denn Genialität ist höchste
Sittlichkeit, und darum Pflicht eines jeden. Zum Genie wird der Mensch
durch einen höchsten _Willensakt_, _indem er das ganze Weltall in sich
bejaht_. Genialität ist etwas, das die »genialen Menschen« _auf sich
genommen haben_: es ist die größte Aufgabe und der größte Stolz, das
größte Unglück und das größte Hochgefühl, das einem Menschen möglich
ist. So paradox es klingt: genial ist der Mensch, wenn er es sein
_will_.
Nun wird man freilich sagen: sehr viele Menschen möchten sehr gerne
»Original-Genies« sein, und es hilft ihnen doch aller Wunsch nicht
dazu. Aber wenn diese Menschen, die »es sehr gerne möchten«, eine
lebhaftere Ahnung davon hätten, _was_ das, wonach ihr Wunsch verlangt,
eigentlich _bedeutet_, wenn ihnen aufgegangen wäre, daß Genialität
identisch ist mit _universeller Verantwortlichkeit_ -- und bevor einem
etwas ganz klar ist, kann er es ja nur _wünschen_, nicht _wollen_ --
so ist wahrscheinlich, daß die weitaus größte Zahl der Menschen, genial
zu werden, _ablehnen_ würde.
Aus keinem anderen Grunde auch -- Toren glauben dann an die
Nachwirkungen der Venus oder an die spinale Degeneration des
Neurasthenikers -- verfallen so viele geniale Menschen dem _Irrsinn_.
Es sind diejenigen, denen die Last zu schwer wurde, die ganze Welt
gleich dem Atlas auf ihren Schultern zu tragen, und darum immer
kleinere, minder hervorragende, nie die allergrößten, nie die stärksten
Geister. Das Genie, das zum Irrsinnigen wird, _will nicht mehr Genie
sein_; es will statt der Sittlichkeit -- das _Glück_. Denn aller
Wahnsinn entsteht nur aus der Unerträglichkeit des an alle Bewußtheit
geknüpften Schmerzes; und darum hat _Sophokles_ am tiefsten das Motiv
angedeutet, warum ein Mensch auch seinen _Irrsinn wollen_ kann; indem
er den Aias, dessen Geist denn auch zuletzt der Nacht verfällt, sagen
läßt:
ἐν τῷ φρονεῖν γὰρ μηδὲν ἥδιστος βίος.
Ich beschließe dieses Kapitel mit den tiefen, an die erhabensten
Momente des _Kant_ischen Stiles gemahnenden Worten des _Johann Pico
von Mirandola_, für deren Verständnis ich hier vielleicht einiges
getan habe. Er läßt, in seiner Rede »Über die Würde des Menschen« die
Gottheit zum Menschen also sprechen:
»Nec certam sedem, nec propriam faciem, nec munus ullum peculiare
tibi dedimus, o Adam: ut quam sedem, quam faciem, quae munera tute
optaveris, ea pro voto, pro tua sententia, habeas et possideas.
Definita ceteris natura intra praescriptas a nobis leges coercetur; tu
nullis angustiis coercitus, pro tuo arbitrio, in cuius manu te posui,
tibi illam praefinies. Medium te mundi posui, ut circumspiceres inde
commodius quicquid est in mundo. Nec te caelestem, neque terrenum,
neque mortalem, neque immortalem fecimus, ut tui ipsius quasi
arbitrarius honorariusque plastes et fictor in quam malueris tute
formam effingas. Poteris in inferiora quae sunt bruta degenerare,
poteris in superiora quae sunt divina, ex tui animi sententia
regenerari.
O summam Dei Patris liberalitatem, summam et admirandam hominis
felicitatem: cui datum id habere quod optat, id esse quod velit.
Bruta simul atque nascuntur id secum afferunt e bulga matris, quod
possessura sunt. Supremi spiritus aut ab initio aut paulo mox id
fuerunt, quod sunt futuri in perpetuas aeternitates. _Nascenti homini
omniferaria semina et omnigenae vitae germina indidit Pater_; quae
quisque excoluerit, illa adolescent et fructus suos ferent in illo:
si vegetalia, planta fiet, si sensualia, obbrutescet, si rationalia,
caeleste evadet animal, si intellectualia, angelus erit et Dei
_filius_. _Et si nulla creaturarum sorte contentus in unitatis centrum
suae se receperit, unus cum Deo spiritus factus, in solitaria Patris
caligine qui est super omnia constitutus omnibus antestabit._«