VII. Kapitel.

Logik, Ethik und das Ich.

Bekanntlich hat David _Hume_ den Ich-Begriff einer Kritik unterzogen,

die in ihm nur ein »Bündel« verschiedener, in fortwährendem Flusse und

Bewegung befindlicher »Perzeptionen« entdeckte. So sehr auch _Hume_ das

Ich hiedurch kompromittiert fand, er trägt seine Anschauung relativ

bescheiden vor, und salviert sich dem Wortlaute nach tadellos. Von

einigen Metaphysikern nämlich, erklärt er, müsse man absehen, die sich

eines anderen Ichs zu erfreuen meinten; er selbst sei ganz gewiß,

keines zu haben, und glaube annehmen zu dürfen, daß es auch von den

übrigen Menschen (von jenen paar Käuzen natürlich werde er sich wohl

hüten, zu reden) gelte, daß sie nichts seien als Bündel. So drückt

sich der Weltmann aus. Im nächsten Kapitel wird sich zeigen, wie seine

Ironie auf ihn selbst zurückfällt. Daß sie so berühmt wurde, liegt an

der allgemeinen Überschätzung Humes, an der _Kant_ die Schuld trägt.

Hume war ein ausgezeichneter empirischer Psychologe, aber er ist

keineswegs ein Genie zu nennen, wie das meistens geschieht; es gehört

zwar nicht eben viel dazu, der größte englische Philosoph zu sein, aber

Hume hat auch auf diese Bezeichnung nicht den ersten Anspruch. Und wenn

Kant (trotz den »Paralogismen«) den _Spinozismus_ a limine deswegen

zurückgewiesen hat, weil nach diesem die Menschen nicht Substanzen,

sondern bloße Accidenzen sind, und ihn mit jener seiner »ungereimten«

Grundidee schon für erledigt ansah -- so möchte ich wenigstens nicht

dafür einstehen, ob er sein Lob des Engländers nicht beträchtlich

gedämpft hätte, wäre ihm auch der »Treatise« desselben bekannt gewesen

und nicht bloß der spätere »Inquiry«, in welchen, wie man weiß, Hume

seine Kritik des Ichs nicht aufgenommen hat.

_Lichtenberg_, der nach Hume gegen das Ich zu Felde zog, war schon

kühner als dieser. Er ist der Philosoph der Unpersönlichkeit

und korrigiert nüchtern das _sprachliche_ »Ich denke« durch ein

sachliches »es denkt«; so ist ihm das Ich eigentlich eine Erfindung

der _Grammatiker_. Hierin war ihm übrigens Hume doch insofern

vorangegangen, als auch er am Schlusse seiner Auseinandersetzungen

allen Hader um die Identität der Person für einen bloßen Wortstreit

erklärt hatte.

In jüngster Zeit hat E. _Mach_ das Weltall als eine zusammenhängende

Masse aufgefaßt und die Ichs als Punkte, in denen die zusammenhängende

Masse stärkere Konsistenz habe. Das einzig Reale seien die

Empfindungen, die im einen Individuum untereinander stark, mit jenen

eines anderen aber, welches man _darum_ vom ersten unterscheide,

schwächer zusammenhingen. Der Inhalt sei die Hauptsache und bleibe

stets auch in anderen erhalten bis auf die wertlosen (!) persönlichen

Erinnerungen. Das Ich sei keine reale, nur eine praktische Einheit,

_unrettbar_, darum könne man auf individuelle Unsterblichkeit (gerne)

verzichten; doch sei es nichts Tadelnswertes, hie und da, besonders zu

Zwecken des _Darwin_schen Kampfes ums Dasein, sich so zu benehmen, als

ob man ein Ich besäße.

Es ist wunderlich, wie ein Forscher, der nicht nur als Historiker

seiner Spezialwissenschaft und Kritiker ihrer Begriffe so

Ungewöhnliches geleistet hat wie _Mach_, sondern auch in biologischen

Dingen überaus kenntnisreich ist und auf die Lehre von diesen vielfach,

direkt und indirekt, anregend gewirkt hat, gar nicht auf die Tatsache

Rücksicht nimmt, daß alle organischen Wesen zunächst _unteilbar_, also

doch irgendwie Atome, Monaden sind (vgl. Teil I, Kap. 3, S. 48). Das

ist ja doch der erste Unterschied zwischen Belebtem und Unbelebtem,

daß jenes _immer_ differenziert ist zu ungleichartigen, aufeinander

angewiesenen Teilen, während selbst der geformte Kristall durchaus

gleichgeartet ist. Darum sollte man doch, wenigstens als Eventualität,

die Möglichkeit in Betracht ziehen, ob nicht allein aus der

Individuation, der Tatsache, daß die organischen Wesen im allgemeinen

nicht zusammenhängen wie die siamesischen Zwillinge, auch etwas für

das Psychische sich ergibt, _mehr_ Psychisches zu erwarten ist als das

_Mach_sche Ich, dieser bloße _Wartesaal_ für Empfindungen.

Es ist zu glauben, daß solch ein psychisches Korrelat schon bei den

Tieren existiert. Alles, was ein Tier fühlt und empfindet, hat wohl bei

jedem Individuum eine verschiedene Note oder Färbung, die nicht nur die

seiner Klasse, Gattung und Art, seiner Rasse und Familie eigentümliche

ist, sondern in jedem einzelnen Wesen sich von der in jedem anderen

unterscheidet. Das Idioplasma ist das physiologische Äquivalent zu

dieser _Spezifität_ aller Empfindungen und Gefühle jedes besonderen

Tieres, und es sind analoge Gründe wie die Gründe der Idioplasmatheorie

(vgl. Teil I, Kap. 2, S. 20 und Teil II, Kap. 1, S. 102 f.), welche

die Vermutung nahe legen, daß es einen _empirischen Charakter_ auch

bei den Tieren gibt. Der Jäger, der mit Hunden, der Züchter, der mit

Pferden, der Wärter, der mit Affen zu tun hat, wird die Singularität

nicht nur, sondern auch die Konstanz im Verhalten jedes einzelnen

Tieres bestätigen. Also jedenfalls ist schon hier ein über das bloße

Rendezvous der »Elemente« Hinausgehendes ungemein _wahrscheinlich_.

Wenn nun auch dieses psychische Korrelat zum Idioplasma existiert,

wenn sicherlich selbst die Tiere eine Eigenart haben, so hat diese

doch immer noch mit dem intelligiblen Charakter nichts zu tun, den

wir bei keinem lebenden Wesen vorauszusetzen einen Grund haben,

als beim Menschen. Es verhält sich der intelligible Charakter des

Menschen, die _Individualität_, zum empirischen Charakter, der bloßen

_Individuation_, wie das Gedächtnis zum einfachen unmittelbaren

Wiedererkennen. Die Gründe aber, aus denen beim Menschen die Existenz

eines solchen noumenalen, transempirischen Subjektes erschlossen werden

darf, müssen nun in Kürze dargelegt werden. Sie ergeben sich aus der

Logik und der Ethik.

In der Logik handelt es sich um die wahre Bedeutung des Prinzipes

der Identität (und des Widerspruches; die vielen Kontroversen über

deren Vorrang vor einander und die richtigste Form ihres Ausdruckes

kommen hier wenig in Betracht). _Der Satz A = A ist unmittelbar gewiß

und evident._ Er ist zugleich das Urmaß der Wahrheit für alle anderen

Sätze; wenn ihm irgendwo einer widerspräche, so oft in einem speziellen

Urteil der Prädikatsbegriff von einem Subjekte etwas aussagte, das dem

Begriffe desselben widerspräche, würden wir es für falsch halten; und

als Gesetz unseres Richtspruches würde sich uns, wenn wir nachsinnen,

zuletzt dieser Satz ergeben. Er ist das Prinzip von wahr und falsch;

und wer ihn für eine Tautologie erachtet, die nichts besage und unser

Denken nicht fördere, wie dies so oft geschehen ist, von _Hegel_

und später von fast allen _Empiristen_ -- es ist dies nicht der

einzige Berührungspunkt zwischen den scheinbar so unversöhnlichen

Gegensätzen -- der hat ganz recht, aber die Natur des Satzes schlecht

verstanden. A = A, das _Prinzip aller_ Wahrheit, kann nicht selbst

eine _spezielle_ Wahrheit sein. Wer den Satz der Identität oder des

Widerspruches inhaltsleer findet, hat es sich selbst zuzuschreiben.

Er glaubte in ihnen besondere Gedanken zu finden, was er hoffte, war

eine Bereicherung seines Fonds an positiven Kenntnissen. Aber jene

Sätze sind nicht selbst Erkenntnisse, besondere Denkakte, sondern das

_Maß, das an alle Denkakte angelegt wird. Dieses kann nicht selbst ein

Denkakt sein, der mit den anderen sich irgend vergleichen ließe. Die

Norm des Denkens kann nicht im Denken selbst gelegen sein._ Der Satz

von der Identität fügt unserem Wissen nichts hinzu, er vermehrt nicht

einen Reichtum, den er vielmehr gänzlich erst _begründet_. _Der Satz

von der Identität ist entweder nichts, oder er ist alles._

Worauf bezieht sich der Satz der Identität und der Satz des

Widerspruches? Man meint gewöhnlich: auf Urteile. _Sigwart_ z. B., der

gar den letzteren nur so formuliert: »Die beiden Urteile, A ist B,

und A ist nicht B, können nicht zugleich wahr sein«, behauptet, das

Urteil: »Ein ungelehrter Mensch ist gelehrt« involviere deshalb einen

Widerspruch, »weil das Prädikat gelehrt einem Subjekte zugesprochen

wird, von welchem durch das Urteil, das implicite in seiner Bezeichnung

mit dem Subjektsworte ‚ungelehrter Mensch’ liegt, behauptet war, es

sei nicht gelehrt; es läßt sich also zurückführen auf die zwei Urteile

X ist gelehrt und X ist nicht gelehrt« etc. Der Psychologismus dieser

Beweisführung springt ins Auge. Sie rekurriert auf ein _zeitlich_ der

Bildung des Begriffes von einem ungelehrten Menschen vorhergehendes

Urteil. Der obige Satz aber, A ist nicht non-A, beansprucht Gültigkeit,

ganz einerlei, ob es überhaupt andere Urteile gibt, gegeben hat

oder geben wird. Er bezieht sich auf den _Begriff_ des ungelehrten

Menschen. Diesen Begriff _sichert_ er durch Ausschließung aller ihm

widersprechenden Merkmale.

_Hierin_ liegt die wahre Funktion der Sätze vom Widerspruch und von der

Identität. _Sie sind konstitutiv für die Begrifflichkeit._

Freilich geht diese Funktion bloß auf den logischen Begriff, nicht

auf das, was man den »psychologischen Begriff« genannt hat. Zwar

ist der Begriff _psychologisch_ stets durch eine anschauliche

Allgemeinvorstellung vertreten; dieser Vorstellung immaniert jedoch in

einer gewissen Weise das Moment der Begrifflichkeit. Die psychologisch

den Begriff repräsentierende Allgemeinvorstellung, an der sich das

begriffliche Denken beim Menschen vollzieht, ist nicht dasselbe wie

der Begriff. Sie kann z. B. reicher sein (im Falle ich ein Triangel

denke); oder sie kann auch ärmer sein (im Begriffe des Löwen ist

mehr enthalten, als in meiner Anschauung desselben, während es beim

Dreieck umgekehrt ergeht). Der logische Begriff ist die Richtschnur,

welcher die Aufmerksamkeit folgt, wenn sie aus der einen Begriff beim

Individuum repräsentierenden _Vorstellung_ nur gewisse Momente, _eben

die durch den Begriff angezeigten_, heraushebt er ist das Ziel und

der Wunsch des psychologischen Begriffes, der Polarstern, zu dem die

Aufmerksamkeit emporblickt, wenn sie sein konkretes Surrogat erzeugt:

_er ist das Gesetz ihrer Wahl_.

Gewiß gibt es kein Denken, das nur rein logisch und nicht psychologisch

vor sich ginge: _denn das wäre ja $das$ Wunder_. Rein logisch denkt

ihrem Begriffe nach die Gottheit, der Mensch muß immer zugleich

psychologisch denken, da er nicht nur Vernunft, sondern auch

Sinnlichkeit besitzt, und sein Denken wohl auf logische, d. h.

zeitlose Ergebnisse abzweckt, aber psychologisch _in_ der Zeit vor

sich geht. Die Logizität ist aber der erhabene Maßstab, der an die

psychologischen Denkakte des Individuums von ihm selbst wie von anderen

angelegt wird. Wenn zwei Menschen über etwas diskutieren, so sprechen

sie vom Begriffe, nicht von den bei jedem verschiedenen individuellen

Vorstellungen, die ihn hier und dort vertreten: _der Begriff ist

so ein Wert, an dem die Individualvorstellung gemessen wird_. Wie

_psychologisch_ die Allgemeinvorstellung entsteht, hat darum mit

der Natur des Begriffes _gar nichts_ zu tun, und ist für diese von

keinerlei Bedeutung. Den Charakter der Logizität, der dem Begriff seine

_Würde_ und seine _Strenge_ verleiht, hat er nicht aus der Erfahrung,

welche stets nur schwankende Gestalten zeigt, und höchstens vage

Gesamtvorstellungen erzeugen könnte. _Absolute Konstanz_ und _absolute

Eindeutigkeit_, die nicht aus der Erfahrung entstammen _können_, sind

das Wesen der _Begrifflichkeit_, jener »verborgenen Kunst in den Tiefen

der menschlichen Seele, deren wahre Handgriffe wir der Natur schwerlich

jemals abraten und sie unverdeckt vor Augen legen werden«, wie die

»Kritik der reinen Vernunft« sich ausdrückt. Jene absolute Konstanz und

Eindeutigkeit bezieht sich nicht auf metaphysische Entitäten: die Dinge

sind nicht so weit real, als sie am Begriffe Anteil haben, sondern ihre

Qualitäten sind logisch nur so weit ihre Qualitäten, als sie im Inhalte

des Begriffes liegen. _Der Begriff ist die Norm der Essenz, nicht der

Existenz._

Daß ich von einem kreisförmigen Dinge aussagen könne, es sei gekrümmt,

hiezu liegt meine logische Berechtigung im Begriffe des Kreises,

welcher die Krümmung als Merkmal enthält. Den Begriff aber als die

Essenz selbst, als das »Wesen« zu definieren, ist schlecht: »Wesen« ist

hier entweder ein psychologisches Abgehobensein oder ein metaphysisches

Ding. Und den Begriff mit seiner Definition gleichzusetzen, verbietet

die Natur der Definition, die stets nur auf den Inhalt, nicht auf

den Umfang des Begriffes sich bezieht, d. h. nur den _Wortlaut_,

nicht den _Kompetenzkreis_ jener _Norm_ angibt, welche das Wesen der

Begrifflichkeit ausmacht. Der Begriff als Norm, als Norm der Essenz

kann auch nicht selbst Essenz sein; die Norm muß etwas anderes sein,

und da sie nicht Essenz ist, so kann sie -- ein drittes gibt es nicht

-- nur _Existenz_ sein, und zwar nicht eine Existenz, die das Sein

von Objekten, sondern eine Existenz, die das _Sein_ einer _Funktion_

enthüllt.

Nun ist aber bei jeder gedanklichen Streitfrage zwischen Menschen,

wenn schließlich in letzter Instanz an die Definition appelliert wird,

dann eben nichts anderes die _Norm der Essenz_ als die Sätze A = A

oder A ≠ non-A. Die Begrifflichkeit, _Konstanz_ wie _Eindeutigkeit_,

wird dem Begriffe durch den Satz A = A und durch nichts anderes. Und

zwar verteilen sich die Rollen der logischen Axiome hier derart, daß

durch das principium identitatis die dauernde Unverrückbarkeit und

Insichgeschlossenheit des Begriffes _selbst_ verbürgt wird, indes das

principium contradictionis ihn eindeutig gegen alle _anderen_ möglichen

Begriffe abgrenzt. _Hiemit ist, zum ersten Male, erwiesen, daß die

begriffliche Funktion ausgedrückt werden kann durch die beiden obersten

logischen Axiome, und selbst nichts anderes ist als diese._ Der Satz

A = A (und A ≠ non-A) ermöglicht also erst jedweden Begriff, er ist der

_Nerv_ der begrifflichen Natur oder Begrifflichkeit des Begriffes.

Wenn ich endlich den Satz selbst, A = A, ausspreche, so ist offenbar

der Sinn dieses Satzes nicht, daß ein _spezielles_ A, das _ist_, ja

nicht einmal, daß _jedes_ besondere A _wirklicher_ Erfahrung oder

_wirklichen_ Denkens sich selbst gleich sei. Das Urteil der Identität

ist _unabhängig_ davon, _ob überhaupt ein A existiert_, d. h. natürlich

wieder keineswegs, daß der Satz nicht von jemand Existierendem müsse

gedacht werden; _aber er ist unabhängig davon $gedacht$, $ob$ etwas,

$ob$ jemand existiert_. Er bedeutet: wenn es ein A gibt (es mag eines

geben oder nicht, _auch_ wenn es vielleicht gar keines gibt), so gilt

jedenfalls A = A. Hiemit ist nun unwiderruflich eine Position gegeben,

ein _Sein_ gesetzt, nämlich das Sein A = A, trotzdem es hypothetisch

bleibt, ob A selbst überhaupt _ist_. Der Satz A = A behauptet also,

daß etwas _existiert_, und diese Existenz ist eben jene gesuchte

Norm der Essenz. Aus der Empirie, aus wenigen oder noch so vielen

_Erlebnissen_ kann er nicht stammen, wie _Mill_ glaubte; denn er ist

eben ganz unabhängig von der Erfahrung, er gilt sicher, ob diese ein A

ihm zeigen werde oder nicht. Er ist von keinem Menschen noch geleugnet

worden und könnte es auch nicht werden, da die Leugnung ihn selbst

wieder voraussetzte, wenn sie _etwas_, ein _Bestimmtes_ leugnen wollte.

_Da nun der Satz ein Sein behauptet, ohne von der Existenz von Objekten

sich abhängig zu machen, oder über solche Existenz etwas auszusagen,

so kann er nur ein von allem Sein wirklicher und möglicher Objekte

verschiedenes Sein, das ist also das $Sein$ dessen ausdrücken, was

seinem Begriffe nach nie Objekt werden kann[27]; er wird durch seine

Evidenz also die Existenz des Subjektes offenbaren; und zwar liegt

dieses im Satz der Identität ausgesprochene Sein nicht im ersten und

nicht im zweiten A, sondern im identischen Gleichheitszeichen A ≡ A.

Dieser Satz also ist identisch mit dem Satze: ich bin._

Psychologisch läßt sich diese schwierige Deduktion leichter vermitteln,

wenn auch nicht ersparen. Es ist klar, daß, um A = A sagen, um die

Unveränderlichkeit des Begriffes normierend festsetzen zu können und

sie den stets wechselnden Einzeldingen der Erfahrung gegenüber aufrecht

zu erhalten, ein Unveränderliches bestehen muß, und dies kann nur das

Subjekt sein; wäre ich eingeschaltet in den Kreis der Veränderung, so

könnte ich nicht erkennen, daß ein A sich selbst gleich geblieben ist;

würde ich mich fortwährend ändern und nicht ein Identisches bleiben,

wäre mein Selbst funktionell an die Veränderung geknüpft, so gäbe es

keine Möglichkeit, dieser gegenüberzutreten und sie zu erkennen; es

fehlte das absolute geistige Koordinatensystem, in Beziehung auf das

allein und einzig ein Identisches bestimmt und als solches festgehalten

werden könnte.

Die Existenz des Subjektes läßt sich nicht _ableiten_, hierin behält

_Kant_ens Kritik der rationalen Psychologie vollkommen recht. Aber es

läßt sich dartun, wo diese Existenz strenge und unzweideutig auch in

der Logik zum Ausdruck gelangt; und man braucht nicht das intelligible

Sein als bloße logische Denk_möglichkeit_ hinzustellen, die uns allein

das moralische Gesetz später völlig zur Gewißheit zu machen geeignet

sei, wie _Kant_ dies tat. _Fichte_ hatte recht, als er in der reinen

Logik ebenfalls die Existenz des Ich verbürgt fand, soweit das Ich mit

dem intelligiblen _Sein_ zusammenfällt.

Das Prinzip aller Wahrheit sind die logischen Axiome, diese statuieren

ein _Sein_, und nach diesem richtet sich, nach ihm strebt das Erkennen.

Die _Logik_ ist ein Gesetz, dem gehorcht werden soll, und _der Mensch

$ist$ erst dann ganz er selbst, wenn er $ganz$ logisch ist_; ja er

_ist_ nicht, ehe denn er überall und durchaus nur Logik ist. _In der

Erkenntnis findet er sich selbst._

Aller Irrtum wird als Schuld empfunden. Daraus ergibt sich, daß der

Mensch nicht irren _mußte_. Er _soll_ die Wahrheit finden; darum _kann_

er sie finden. Aus der Pflicht zur Erkenntnis folgt ihre Möglichkeit,

folgt die _Freiheit_ des Denkens und die Siegeshoffnung des Erkennens.

In der _Normativität_ der Logik liegt der Beweis, _daß das Denken des

Menschen $frei$ ist_ und sein Ziel erreichen _kann_.

* * * * *

Kürzer und anders kann ich mich bezüglich der Ethik fassen, da diese

Untersuchung durchaus auf den Boden der _Kantischen Moralphilosophie_

sich stellt und auch die letzten logischen Deduktionen und Postulate,

wie man gesehen hat, in einer gewissen Analogie zu jener durchgeführt

wurden. Das tiefste, das intelligible Wesen des Menschen ist eben das,

was der Kausalität nicht untersteht, und wählt in Freiheit das Gute

oder das Böse. Dies wird ganz in der gleichen Weise kundgetan, durch

das Schuldbewußtsein, durch die _Reue_. Niemand hat noch vermocht,

diese Tatsachen anders zu erklären; und niemand läßt es sich einreden,

daß er diese oder jene Tat hat begehen _müssen_. Im Sollen liegt

auch hier der Zeuge für das Können. Der kausalen Bestimmungsgründe,

der niederen Motive, die ihn hinabgezogen haben, kann der Mensch

sich vollkommen bewußt sein, und er wird doch, _ja gerade dann am

gewissesten_, die Zurechnung an sein intelligibles Ich als ein freies,

das anders hätte handeln _können_, vollziehen.

_Wahrheit, Reinheit, Treue, Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber_:

das ist die einzig denkbare Ethik. Es gibt nur Pflichten gegen sich,

Pflichten des empirischen gegen das intelligible Ich, welche in der

Form jener zwei Imperative auftreten, an denen aller Psychologismus

immer zu Schanden wird: in der Form der logischen und der moralischen

Gesetzlichkeit. Die normativen Disziplinen, die psychische Tatsache

der inneren Forderung, die viel mehr verlangt, als alle bürgerliche

Gesittung je haben will -- das ist es, was kein Empirismus je wird

ausreichend erklären können. Seinen wahren Gegensatz findet er in einer

kritisch-transscendentalen, nicht in einer metaphysisch-transcendenten

_Methode_, da alle Metaphysik nur hypostasierende Psychologie,

Transcendentalphilosophie aber Logik der Wertungen ist. Aller

Empirismus und Skeptizismus, Positivismus und Relativismus,

aller Psychologismus und alle rein immanente Betrachtungsweise

fühlen instinktiv sehr wohl, daß aus Ethik und Logik ihnen die

Hauptschwierigkeit erwächst. Daher die fortwährend erneuten und immer

vergeblichen Versuche einer empirischen und psychologischen Begründung

dieser Disziplinen; und fast wird nur noch ein Versuch vermißt, das

principium contradictionis experimentell zu prüfen und nachzuweisen.

Logik und Ethik aber sind im Grunde nur eines und dasselbe -- Pflicht

gegen sich selbst. Sie feiern ihre Vereinigung im höchsten Werte der

Wahrheit, dem dort der Irrtum, hier die Lüge gegenübersteht: die

Wahrheit selbst aber ist nur eine. Alle Ethik ist nur nach den Gesetzen

der Logik möglich, alle Logik ist zugleich ethisches Gesetz. _Nicht

nur Tugend, sondern auch Einsicht, nicht nur Heiligkeit, sondern auch

Weisheit ist Pflicht und Aufgabe des Menschen: erst beide zusammen

begründen $Vollkommenheit$._

Aber freilich ist aus der Ethik, deren Sätze Heischesätze sind, nicht

wie aus der Logik ein strenger logischer Beweis für _Existenz_ schon

zu führen. Die Ethik ist nicht im selben Sinne logisches wie die Logik

ethisches Gebot. Die Logik rückt dem Ich seine völlige Verwirklichung

als absolutes Sein vor Augen; die Ethik hingegen gebietet erst diese

Verwirklichung. Die Logik wird von der Ethik aufgenommen und zu ihrem

eigentlichen Inhalte, zu ihrer Forderung gemacht.

An jener berühmten Stelle der »Kritik der praktischen Vernunft«,

da _Kant_ den Menschen als Glied der intelligiblen Welt einführt

(»Pflicht! Du erhabener, großer Name ....«), wird man also mit Recht

fragen, woher denn Kant wisse, daß das moralische Gesetz von der

Persönlichkeit emaniere? Es könne kein anderer, seiner würdiger,

Ursprung gefunden werden, ist das einzige, was Kant hierauf zur Antwort

gibt. Er begründet es nicht weiter, daß der kategorische Imperativ

das vom Noumenon gegebene Gesetz sei, sie gehören ihm offensichtlich

von Anfang an zusammen. Das aber liegt in der Natur der Ethik. Diese

fordert, daß das intelligible Ich von allen Schlacken des empirischen

frei _wirke_, _und so kann durch die Ethik dasselbe Sein erst in

seiner Reinheit gänzlich verwirklicht werden_, welches _die Logik

verheißungsvoll in der Form eines doch irgendwie bereits Gegenwärtigen

uns verkündet_.

Aber was für _Kant_ die _Monaden-_, die _Seelenlehre_ im _Gemüte_

bedeutete, wie er an ihr als einzigem Gute von je festhielt, und mit

seiner Theorie vom »intelligiblen Charakter«, den man so oft als

eine neue Entdeckung oder Erfindung, als ein _Auskunftsmittel_ der

Kantischen Philosophie mißversteht, nur das an ihr wissenschaftlich

Haltbare festlegen wollte: dies ist aus jener Unterlassung deutlich zu

entnehmen.

Es gibt _Pflicht_ nur gegen sich selbst; des muß Kant schon in

frühester Jugend (vielleicht nachdem er einmal den Impuls zur Lüge

verspürt hatte) sicher geworden sein.

Wenn von der _Herakles-Sage_, von einigen Stellen _Nietzsches_ und

eher noch _Stirners_, aus denen man Kant-Verwandtes herauslesen kann,

abgesehen wird, so hat das Prinzip der Kantischen Ethik bloß _Ibsen_

(im »Brand« und »Peer Gynt«) beinahe selbständig gefunden. Gelegentlich

sind Äußerungen, wie _Hebbels_ Epigramm »Lüge und Wahrheit«:

»Was Du teurer bezahlst, die Lüge oder die Wahrheit?

Jene kostet Dein Ich, diese doch höchstens Dein Glück.«

oder _Suleikas_ weltbekannte Worte aus dem »Westöstlichen Diwan«:

»Volk und Knecht und Überwinder,

Sie gesteh'n zu jeder Zeit:

Höchstes Glück der Erdenkinder

Sei nur die Persönlichkeit.

Jedes Leben sei zu führen,

Wenn man sich nicht selbst vermißt;

Alles könne man verlieren,

Wenn man bleibe, was man ist.«

Sicher ist es wahr, daß die meisten Menschen irgendwie Jehovah

brauchen. Die wenigsten -- es sind die genialen Menschen -- leben gar

nicht _heteronom_. Die anderen rechtfertigen ihr Tun und Lassen, ihr

Denken und Sein mindestens in Gedanken auch immer vor jemand _anderem_,

sei es ein persönlicher Judengott, oder ein geliebter, geachteter,

gefürchteter Mensch. Nur _so_ handeln sie in formeller äußerer

Übereinstimmung mit dem Sittengesetz.

_Kant_ war, wie dies aus seiner ganzen, sich selbst gesetzten, bis ins

einzelnste unabhängigen Lebensführung hervorleuchtet, so durchdrungen

von seiner Überzeugung, daß der Mensch nur sich selbst verantwortlich

ist, daß er diesen Punkt seiner Lehre als den selbstverständlichsten,

Anfechtungen am wenigsten ausgesetzten, betrachtete. Und doch hat

gerade hier das Schweigen Kantens dazu beigetragen, daß seine Ethik,

_die einzige gerade introspektiv-psychologisch haltbare_, die einzige,

welche die harte und strenge innere Stimme des Einen nicht durch den

Lärm der Vielen undeutlich zu machen sucht, daß diese Ethik tatsächlich

so wenig _verstanden_ worden ist.

Auch für _Kant_ hat es, darauf läßt eine Stelle in seiner

»Anthropologie« schließen, in seinem irdischen Leben einen Zustand

gegeben, welcher der »Begründung eines Charakters« vorherging. Aber der

Augenblick, in dem es ihm zu furchtbar strahlender Klarheit gelangte:

ich habe nur mir selbst Rechenschaft abzulegen, muß niemand anderem

dienen, kann nicht in Arbeit mich vergessen; ich steh' _allein_, bin

_frei_, bin _mein Herr_: dieser Moment bezeichnet die Geburt der

Kantischen Ethik, des heroischesten Aktes der Weltgeschichte.

»Zwey Dinge erfüllen das Gemüth mit immer neuer und zunehmender

Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken

damit beschäftigt: _Der bestirnte Himmel über mir und das moralische

Gesetz in mir._ Beides darf ich nicht als in Dunkelheiten verhüllt

oder im Überschwenglichen, außer meinem Gesichtskreise, suchen und

bloß vermuthen; ich sehe sie _vor_ mir, und verknüpfe sie unmittelbar

mit dem Bewußtsein meiner Existenz. Das erste fängt von dem Platze

an, den ich in der äußeren Sinnenwelt einnehme, und erweitert die

Verknüpfung, darin ich stehe, ins unabsehlich Große mit Welten über

Welten und Systemen von Systemen, überdem noch in grenzenlose Zeiten

ihrer periodischen Bewegung, deren Anfang und Fortdauer. Das zweite

fängt von meinem unsichtbaren Selbst, meiner Persönlichkeit, an, und

stellt mich in einer Welt dar, die wahre Unendlichkeit hat, aber nur

dem Verstande spürbar ist, und mit welcher (dadurch aber auch zugleich

mit allen jenen sichtbaren Welten) ich mich, nicht wie dort, in bloß

zufälliger, sondern allgemeiner und notwendiger Verknüpfung erkenne.

Der erstere Anblick einer zahllosen Weltenmenge vernichtet gleichsam

meine Wichtigkeit, als eines _thierischen Geschöpfs_, das die Materie,

daraus es ward, dem Planeten (einem bloßen Punct im Weltall) wieder

zurückgeben muß, nachdem es eine kurze Zeit (man weiß, nicht wie) mit

Lebenskraft versehen gewesen. Der zweite erhebt dagegen meinen Wert,

als einer _Intelligenz_, unendlich, durch meine Persönlichkeit, in

welcher das moralische Gesetz mir ein von der Thierheit und selbst

von der ganzen Sinnenwelt unabhängiges Leben offenbart, wenigstens

so viel sich aus der zweckmäßigen Bestimmung meines Daseins durch

dieses Gesetz, welche nicht auf Bedingungen und Grenzen dieses Lebens

eingeschränkt ist, sondern ins Unendliche geht, abnehmen läßt.«

So verstehen wir jetzt, nach diesem Beschlusse, diese »Kritik der

praktischen Vernunft«. Der Mensch ist _allein_ im Weltall, in ewiger,

ungeheuerer _Einsamkeit_.

Er hat keinen Zweck außer sich, nichts anderes, wofür er lebt -- weit

ist er fortgeflogen über Sklave-sein-wollen, Sklave-sein-können,

Sklave-sein-müssen: tief unter ihm verschwunden alle menschliche

Gesellschaft, versunken die _Sozial_-Ethik; er ist allein, $allein$.

Aber er ist nun eben erst _einer_ und _alles_; und darum hat er auch

ein _Gesetz_ in sich, darum _ist_ er selbst alles Gesetz, und keine

springende Willkür. Und er verlangt _von sich_, daß er dieses Gesetz

_in_ sich, das Gesetz seines Selbst, befolge, daß er _nur_ Gesetz

sei, ohne Rück-Sicht hinter sich, ohne Vor-Sicht vor sich. Das ist

das Grauenvoll-Große: es hat weiter _keinen Sinn_, daß er der Pflicht

gehorche. Nichts ist ihm, dem Alleinen, _All-Einen_ _über_geordnet.

Doch der unerbittlichen, keine Verhandlung mit sich duldenden, das ist

_kategorischen_ Forderung _in sich_ muß er nachkommen. _Erlösung!_

ruft er[28], Ruhe, nur schon Ruhe vor dem Feind, Frieden, nicht dies

endlose Ringen -- und _erschrickt_: selbst im Erlöst-sein-wollen war

noch Feigheit, im schmachtenden _Schon!_ noch Desertion, als wäre

er zu klein diesem Kampf. _Wozu!_ fragt er, schreit er hinaus ins

Weltall -- und _errötet_; denn gerade wollte er wieder das _Glück_,

die Anerkennung des Kampfes, den, der ihn belohne, den $anderen$.

_Kant_ens einsamster Mensch lacht nicht und tanzt nicht, er brüllt

nicht und jubelt nicht: er hat es nicht not Lärm zu machen, weil der

Weltraum zu tief schweigt. Nicht die Sinnlosigkeit einer Welt »von

ohngefähr« ist ihm Pflicht, sondern _seine_ Pflicht ist ihm _der

Sinn des Weltalls_. _Ja_ sagen zu $dieser$ Einsamkeit, das ist das

»Dionysische« _Kant_ens; das erst ist Sittlichkeit.

Geschlecht und Charakter: Eine prinzipielle Untersuchung · 第 55 / 70 题