II. Kapitel.

Männliche und weibliche Sexualität.

»Die Frau verrät ihr Geheimnis nicht.«

_Kant._

»Mulier taceat de muliere.«

_Nietzsche._

Unter Psychologie überhaupt ist gewöhnlich die Psychologie der

Psychologen zu verstehen, und die Psychologen sind ausschließlich

Männer: noch hat man, seit Menschen Geschichte aufzeichnen, nicht von

einem _weiblichen_ Psychologen gehört. Aus diesem Grunde bildet die

Psychologie des Weibes ein Kapitel, welches der Allgemeinpsychologie

nicht anders angehängt wird als die Psychologie des Kindes. Und da

die Psychologie von Männern in regelmäßiger, aber wohl kaum bewußter

ausschließlicher Berücksichtigung des Mannes geschrieben wird, ist die

Allgemeinpsychologie Psychologie der »Männer« geworden, und wird das

Problem einer Psychologie der Geschlechter immer dann erst aufgeworfen,

wenn der Gedanke an eine Psychologie des Weibes auftaucht. So sagt

_Kant_: »In der Anthropologie ist die weibliche Eigentümlichkeit mehr

als die männliche ein Studium für den Philosophen.« Die Psychologie der

Geschlechter wird sich immer decken mit der Psychologie von W.

Die Psychologie von W jedoch wird ebenfalls nur von Männern

geschrieben. Man kann also mit Leichtigkeit sich auf den Standpunkt

stellen, daß sie wirklich zu schreiben ein Ding der Unmöglichkeit sei,

da sie Behauptungen über fremde Menschen aufstellen müsse, die keine

Verifikation durch deren eigene Beobachtung ihrer selbst erhalten

haben. Gesetzt, W könnte sich selbst je mit der erforderlichen Schärfe

beschreiben, so ist damit noch nicht ausgemacht, ob sie den Dingen, die

uns hauptsächlich interessieren, _dasselbe_ Interesse entgegenbrächte;

ja, und wenn sie selbst noch so genau sich erkennen könnte und wollte

-- setzen wir den Fall -- so fragt sich's noch immer, ob sie je

_über_ sich zu reden zu bringen sein würde. Es wird sich im Laufe der

Untersuchung herausstellen, daß diese drei Unwahrscheinlichkeiten auf

eine gemeinsame Quelle in der Natur des Weibes zurückweisen.

Diese Untersuchung kann nur in dem Anspruch unternommen werden, daß

jemand, ohne selbst Weib zu sein, über das Weib richtige Aussagen zu

machen imstande sei. Es bleibt also jener erste Einwand einstweilen

bestehen, und da seine Widerlegung erst viel später erfolgen kann,

hilft es nichts, wir müssen uns über ihn hinwegsetzen. Nur so viel

will ich bemerken. Noch hat nie -- ist auch dies nur eine Folge der

Unterdrückung durch den Mann? -- beispielsweise eine schwangere Frau

ihre Empfindungen und Gefühle irgendwie, sei es in einem Gedichte,

sei es in Memoiren, sei es in einer gynäkologischen Abhandlung, zum

Ausdruck gebracht; und Folge einer übergroßen Schamhaftigkeit kann das

nicht sein, denn -- _Schopenhauer_ hat hierauf mit Recht hingewiesen --

es gibt nichts, was einer schwangeren Frau so fern läge wie die Scham

über ihren Zustand. Außerdem bestünde ja an sich die Möglichkeit, nach

dem Ende der Schwangerschaft aus der Erinnerung über das psychische

Leben zu jener Zeit zu beichten; wenn dennoch das Schamgefühl damals

von Mitteilung zurückgehalten hätte, so entfiele ja nachher dieses

Motiv, und das Interesse, das solchen Eröffnungen von vielen Seiten

entgegengebracht würde, wäre für viele wohl sonst Grund genug, das

Schweigen zu brechen. Aber nichts von alledem! Wie wir sonst nur

Männern wirklich wertvolle Enthüllungen über die psychischen Vorgänge

im Weibe danken, so haben auch hier bloß Männer die Empfindungen der

schwangeren Frau geschildert. Wie vermochten sie das?

Wenn auch in jüngster Zeit die Aussagen von Dreiviertel- und

Halbweibern über ihr psychisches Leben sich mehren, so erzählen diese

doch mehr von dem Manne als von dem eigentlichen Weibe in ihnen. Wir

bleiben demnach nur auf eines angewiesen: _auf das, was in den Männern

selbst Weibliches ist_. Das Prinzip der sexuellen Zwischenformen

erweist sich hier in gewissem Sinne als die Voraussetzung jedes

wahren Urteils eines Mannes über die Frau. Doch wird sich später die

Notwendigkeit einer Beschränkung und Ergänzung dieser Bedeutung des

Prinzipes ergeben. Denn es ohne weiteres anwenden, müßte dazu führen,

daß der weiblichste Mann das Weib am besten zu beschreiben in der Lage

sei, und konsequent würde daraus weiter folgen, daß das echte Weib

sich selbst am besten durchschauen könne, was ja eben sehr in Zweifel

gezogen wurde. Wir werden also schon hier darauf aufmerksam, daß ein

Mann Weibliches in bestimmtem Maße in sich haben kann, ohne darum in

gleichem Grade schon eine sexuelle Zwischenform darzustellen. Umso

merkwürdiger erscheint es, daß der Mann gültige Feststellungen über

die Natur des Weibes solle machen können; ja, da wir diese Fähigkeit,

bei der außerordentlichen Männlichkeit vieler offenbar ausgezeichneter

Beurteiler der Frauen, selbst M nicht absprechen zu können scheinen,

bleibt das Recht des Mannes, über die Frau[13] mitzusprechen, ein

desto merkwürdigeres Problem, und wir werden uns der Auflösung des

prinzipiellen methodischen Zweifels an diesem Rechte später um so

weniger entziehen können. Einstweilen betrachten wir jedoch, wie

gesagt, den Einwurf als nicht gemacht und schreiten an die Untersuchung

der Sache selbst. _Worin liegt der wesentliche psychologische

Unterschied zwischen Mann und Weib?_ so fragen wir drauf los.

Man hat in der größeren Intensität des Geschlechtstriebes beim Manne

diesen Urunterschied zwischen den Geschlechtern erblicken wollen,

aus dem sich alle anderen ableiten ließen. Ganz abgesehen, ob die

Behauptung richtig, ob mit dem Worte »Geschlechtstrieb« ein Eindeutiges

und wirklich Meßbares bezeichnet ist, so steht doch die prinzipielle

Berechtigung einer solchen Ableitung wohl noch sehr in Frage. Zwar

dürfte an allen jenen antiken und mittelalterlichen Theorien über den

Einfluß der »unbefriedigten Gebärmutter« beim Weibe und des »semen

retentum« beim Manne ein Wahres sein, und es hat da nicht erst der

heute so beliebten Phrase bedurft, daß »alles« nur »sublimierter

Geschlechtstrieb« sei. Aber auf die Ahnung so vager Zusammenhänge läßt

sich keine systematische Darstellung gründen. Daß mit größerer oder

geringerer Stärke des Geschlechtstriebes andere Qualitäten ihrem Grade

nach bestimmt sind, ist in keiner Weise sicherzustellen versucht worden.

Indessen die Behauptung, daß die Intensität des Geschlechtstriebes bei

M größer sei als bei W, ist _an sich falsch_. Man hat ja auch wirklich

das Gegenteil ebenso behauptet: es ist _ebenso falsch_. In Wahrheit

bleibt die Stärke des Bedürfnisses nach dem Sexualakt unter Männern

selbst gleich starker Männlichkeit noch immer verschieden, ebenso,

wenigstens dem Anscheine nach, unter Frauen mit dem gleichen Gehalte an

W. Hier spielen gerade unter den Männern ganz andere Einteilungsgründe

mit, die es mir zum Teil gelungen ist aufzufinden und über die

vielleicht eine andere Publikation ausführlich handeln wird.

Also in der größeren Heftigkeit des Begattungstriebes liegt,

entgegen vielen populären Meinungen, _kein_ Unterschied der

Geschlechter. Dagegen werden wir einen solchen gewahr, wenn wir

jene zwei analytischen Momente, die Albert _Moll_ aus dem Begriffe

des Geschlechtstriebes herausgehoben hat, einzeln auf Mann und Weib

anwenden: den _Detumescenz-_ und den _Kontrektationstrieb_. Der erste

resultiert aus den Unlustgefühlen durch in größerer Menge angesammelte

reife Keimzellen, der zweite ist das Bedürfnis nach körperlicher

Berührung eines zu sexueller Ergänzung in Anspruch genommenen

Individuums. Während nämlich M beides besitzt, Detumescenz- wie

Kontrektationstrieb, ist bei W ein eigentlicher Detumescenztrieb gar

nicht vorhanden. Dies ist schon damit gegeben, daß im Sexualakte nicht

W an M, sondern nur M an W etwas abgibt: W _behält_ die männlichen wie

die weiblichen Sekrete. Im anatomischen Bau kommt dies ebenfalls zum

Ausdruck in der Prominenz der männlichen Genitalien, die dem Körper des

Mannes den Charakter eines Gefäßes so völlig nimmt. Wenigstens kann

man die Männlichkeit des Detumescenztriebes in dieser morphologischen

Tatsache angedeutet finden, ohne daran sofort eine naturphilosophische

Folgerung zu knüpfen. Daß W der Detumescenztrieb fehlt, wird auch

durch die Tatsache bewiesen, daß die meisten Menschen, die über ⅔

M enthalten, ohne Ausnahme in der Jugend der Onanie auf längere

oder kürzere Zeit verfallen, einem Laster, dem unter den Frauen nur

die mannähnlichsten huldigen. W selbst ist die Masturbation fremd.

Ich weiß, daß ich hiemit eine Behauptung aufstelle, der schroffe

gegenteilige Versicherungen gegenüberstehen. Doch werden sich die

scheinbar widersprechenden Erfahrungen sofort befriedigend erklären.

Zuvor jedoch harrt noch der Kontrektationstrieb von W der Besprechung.

Dieser spielt beim Weibe die größte, weil eine alleinige Rolle. Aber

auch von ihm läßt sich nicht behaupten, daß er beim einen Geschlechte

größer sei als beim anderen. Im Begriffe des Kontrektationstriebes

liegt ja nicht die Aktivität in der Berührung, sondern nur das

Bedürfnis nach dem körperlichen Kontakte mit dem Nebenmenschen

überhaupt, ohne daß schon etwas darüber ausgesagt wäre, wer der

berührende und wer der berührte Teil ist. Die Konfusion in diesen

Dingen, indem immer _Intensität des Wunsches_ mit dem _Wunsch nach

Aktivität_ zusammengeworfen wird, rührt von der Tatsache her, daß

M in der ganzen Tierwelt W gegenüber, ebenso mikrokosmisch jeder

tierische und pflanzliche Samenfaden der Eizelle gegenüber stets der

_aufsuchende_ und _aggressive_ Teil ist, und der Irrtum nahe liegt,

ein _unternehmendes Verhalten_ behufs Erreichung eines Zweckes und

den _Wunsch_ nach dessen Erreichung aus einander regelmäßig und in

einer konstanten Proportion folgen zu lassen, und auf eine Abwesenheit

des Bedürfnisses zu schließen, wo sich keine deutlichen motorischen

Bestrebungen zeigen, dieses zu befriedigen. So ist man dazu gekommen,

den Kontrektationstrieb für speziell männlich anzusehen und gerade ihn

dem Weibe abzusprechen. Man versteht aber, daß hier noch sehr wohl

_innerhalb_ des Kontrektationstriebes eine Unterscheidung getroffen

werden muß. Es wird sich fernerhin noch ergeben, daß M in sexueller

Beziehung das Bedürfnis hat, _anzugreifen_ (im wörtlichen _und_ im

übertragenen Sinne), W das Bedürfnis, _angegriffen zu werden_, und es

ist klar, daß das weibliche Bedürfnis, bloß weil es nach Passivität

geht, darum kein geringeres zu sein braucht als das männliche nach der

Aktivität. Diese Distinktionen täten den häufigen Debatten not, welche

immer wieder die Frage aufwerfen, bei welchem Geschlechte der Trieb

nach dem anderen wohl größer sein möge.

Was man bei der Frau als Masturbation bezeichnet hat, entspringt

aus einer anderen Ursache als aus dem Detumescenztriebe. W ist, und

damit kommen wir auf einen wirklichen Unterschied zum ersten Male zu

sprechen, _sexuell viel erregbarer als der Mann_; seine _physiologische

Irritabilität_ (nicht Sensibilität) ist, was die Sexualsphäre anlangt,

eine viel stärkere. Die Tatsache dieser leichten sexuellen Erregbarkeit

kann sich bei der Frau entweder im _Wunsche_ nach der sexuellen

Erregung offenbaren oder in einer eigentümlichen, sehr reizbaren,

ihrer selbst, wie es scheint, keineswegs sicheren und darum unruhigen

und heftigen _Scheu_ vor der Erregung durch Berührung. Der Wunsch

nach der sexuellen Excitation ist insoferne ein wirkliches Zeichen

der leichten Erregbarkeit, als dieser Wunsch nicht etwa einer jener

Wünsche ist, welchen das in der Natur eines Menschen selbst gegründete

_Schicksal_ nie Erfüllung gewähren kann, sondern im Gegenteile die hohe

Leichtigkeit und Willigkeit der Gesamtanlage bedeutet, in den Zustand

der sexuellen Erregtheit überzugehen, der vom Weibe möglichst intensiv

und möglichst perpetuierlich ersehnt wird und nicht, wie beim Manne,

mit der in der Kontrektation erreichten Detumescenz ein natürliches

Ende findet. Was man für Onanie des Weibes ausgegeben hat, sind nicht

wie beim Manne Akte mit der immanierenden Tendenz, den Zustand der

sexuellen Erregtheit aufzuheben; es sind vielmehr lauter Versuche, ihn

herbeizuführen, zu steigern und zu prolongieren. -- Aus der Scheu vor

der sexuellen Erregung, einer Scheu, deren Analyse einer Psychologie

der Frau eine keineswegs leichte, vielleicht sogar die schwierigste

Aufgabe stellt, läßt sich desgleichen mit Sicherheit auf eine große

Schwäche in dieser Beziehung schließen.

Der Zustand der sexuellen Erregtheit bedeutet für die Frau nur die

höchste Steigerung ihres Gesamtdaseins. _Dieses ist immer und durchaus

sexuell. W geht im Geschlechtsleben, in der Sphäre der Begattung

und Fortpflanzung, d. i. im Verhältnisse zum Manne und zum Kinde,

vollständig auf_, sie wird von diesen Dingen in ihrer Existenz

vollkommen ausgefüllt, während M _nicht nur_ sexuell ist. Hier liegt

also in Wirklichkeit jener Unterschied, den man in der verschiedenen

_Intensität_ des Sexualtriebes zu finden suchte. Man hüte sich also

vor einer Verwechslung der _Heftigkeit_ des sexuellen Begehrens

und der Stärke der sexuellen Affekte mit der _Breite_, in welcher

geschlechtliche Wünsche und Besorgnisse den männlichen oder weiblichen

Menschen ausfüllen. _Bloß die größere Ausdehnung der Sexualsphäre über

den ganzen Menschen bei W_ bildet einen spezifischen Unterschied von

der schwersten Bedeutung zwischen den geschlechtlichen Extremen.

Während also W von der Geschlechtlichkeit gänzlich ausgefüllt und

eingenommen ist, kennt M noch ein Dutzend anderer Dinge: Kampf

und Spiel, Geselligkeit und Gelage, Diskussion und Wissenschaft,

Geschäft und Politik, Religion und Kunst. Ich rede nicht davon, ob

es einmal anders war; das soll uns wenig bekümmern; damit ist es wie

mit der Judenfrage: man sagt, die Juden seien erst das geworden, was

sie sind und einmal ganz anders gewesen. Mag sein: doch das wissen

wir hier nicht. Wer der Entwicklung so viel zutraut, mag immerhin

daran glauben; bewiesen ist von jenen Dingen nichts, gegen die eine

historische Überlieferung steht da immer gleich eine andere. Aber

wie heute die Frauen sind, darauf kommt es an. Und stoßen wir auf

Dinge, die unmöglich von außen in ein Wesen können hineinverpflanzt

worden sein, so werden wir getrost annehmen, daß dieses sich von jeher

gleich geblieben ist. Heute nun zumindest ist eines sicher richtig: W

befaßt sich, eine scheinbare Ausnahme (Kapitel 12) abgerechnet, mit

außergeschlechtlichen Dingen nur für den Mann, den sie liebt, oder um

des Mannes willen, von dem sie geliebt sein möchte. Ein Interesse für

diese Dinge _an sich_ fehlt ihr vollständig. Es kommt vor, daß eine

echte Frau die lateinische Sprache lernt; dann ist es aber nur, um etwa

ihren Sohn, der das Gymnasium besucht, auch hierin noch unterstützen

und überwachen zu können. Lust aber an einer Sache und Talent zu

ihr, das Interesse für sie und die Leichtigkeit ihrer Aneignung sind

einander stets proportional. Wer keine Muskeln hat, hat auch keine

Lust zum Hanteln und Stemmen; nur wer Talent zur Mathematik hat, wird

sich ihrem Studium zuwenden. Also scheint selbst das _Talent_ im

echten Weibe seltener oder weniger intensiv zu sein (obwohl hierauf

wenig ankommt: die Geschlechtlichkeit wäre ja auch im gegenteiligen

Falle zu stark, um andere ernstgemeinte Beschäftigung zuzulassen); und

darum mangelt es wohl auch beim Weibe an den Bedingungen zur Bildung

interessanter Kombinationen, die beim Manne eine Individualität wohl

nicht ausmachen, aber modellieren können.

Dem entsprechend sind es ausschließlich weiblichere Männer, die in

einem fort hinter den Frauenzimmern her sind und an nichts Interesse

finden als an Liebschaften und an geschlechtlichem Verkehre. Doch

soll hiemit keineswegs das Don Juan-Problem erledigt, oder auch nur

ernstlich berührt sein.

_W ist nichts als Sexualität, M ist sexuell und noch etwas

darüber._ Dies zeigt sich besonders deutlich in der so gänzlich

verschiedenen Art, wie Mann und Weib ihren Eintritt in die Periode

der Geschlechts_reife_ erleben. Beim Manne ist die Zeit der Pubertät

immer krisenhaft, er fühlt, daß ein Fremdes in sein Dasein tritt,

etwas, das zu seinem bisherigen Denken und Fühlen hinzukommt, ohne

daß er es _gewollt_ hat. Es ist die physiologische Erektion, über

die der Wille keine Gewalt hat; und die erste Erektion wird darum

von jedem Manne rätselhaft und beunruhigend empfunden, sehr viele

Männer erinnern sich ihrer Umstände ihr ganzes Leben lang mit

größter Genauigkeit. Das Weib aber findet sich nicht nur leicht in

die Pubertät, es fühlt sein Dasein von da ab sozusagen potenziert,

seine eigene Wichtigkeit unendlich erhöht. Der Mann hat als Knabe

gar kein Bedürfnis nach der _sexuellen_ Reife; die Frau erwartet

bereits als ganz junges Mädchen von dieser Zeit _alles_. Der Mann

begleitet die Symptome seiner körperlichen Reife mit unangenehmen,

ja feindlichen und unruhigen Gefühlen, die Frau verfolgt in höchster

Gespanntheit, mit der fieberhaftesten, ungeduldigsten Erwartung ihre

somatische Entwicklung während der Pubertät. Dies beweist, daß die

Geschlechtlichkeit des Mannes nicht auf der geraden Linie seiner

Entwicklung liegt, während bei der Frau nur eine ungeheuere Steigerung

ihrer _bisherigen_ Daseinsart eintritt. Es gibt wenig Knaben dieses

Alters, welche den Gedanken, daß sie sich verlieben oder heiraten

würden (heiraten überhaupt, nicht im Hinblick auf ein bestimmtes

Mädchen), nicht höchst lächerlich finden und indigniert zurückweisen;

indes die kleinsten Mädchen bereits auf die Liebe und die Heirat

überhaupt wie auf die Vollendung ihres Daseins erpicht zu sein

scheinen. Darum wertet die Frau bei sich selbst und bei anderen Frauen

nur die Zeit der Geschlechtsreife positiv; zur Kindheit wie zum Alter

hat sie kein rechtes Verhältnis. Der Gedanke an ihre Kindheit ist ihr

später nur ein Gedanke an ihre Dummheit, der Aspekt, unter dem sich ihr

das eigene Alter im voraus darstellt, ist Angst und Abscheu. Aus der

Kindheit werden durch eine positive Bewertung von ihrem Gedächtnis nur

die sexuellen Momente herausgehoben, und auch diese sind im Nachteile

gegenüber den späteren unvergleichlich höheren Intensifikationen ihres

Lebens -- welches eben ein Sexualleben ist. Die Brautnacht endlich,

der Moment der Defloration, ist der wichtigste, ich möchte sagen, der

Halbierungspunkt des ganzen Lebens der Frau. Im Leben des Mannes spielt

der erste Koitus im Verhältnis zu der Bedeutung, die er beim anderen

Geschlechte besitzt, überhaupt keine Rolle.

Die Frau ist _nur_ sexuell, der Mann ist _auch_ sexuell: sowohl

räumlich wie zeitlich läßt sich diese Differenz noch weiter ausspinnen.

Die Punkte seines Körpers, von denen aus der Mann geschlechtlich erregt

werden kann, sind gering an Zahl und streng lokalisiert. Beim Weibe

ist die Sexualität diffus ausgebreitet über den ganzen Körper, jede

Berührung, an welcher Stelle immer, erregt sie sexuell. Wenn also im

zweiten Kapitel des ersten Teiles die bestimmte sexuelle Charakteristik

des _ganzen_ männlichen wie des _ganzen_ weiblichen Körpers behauptet

wurde, so ist dies nicht so zu verstehen, als bestünde von jedem Punkte

aus die Möglichkeit gleichmäßiger sexueller Reizung beim Manne ebenso

wie beim Weibe. Freilich gibt es auch bei der Frau lokale Unterschiede

in der Erregbarkeit, aber es sind hier nicht wie beim Manne alle

übrigen körperlichen Partien gegen den Genitaltrakt scharf geschieden.

Die morphologische Abhebung der männlichen Genitalien vom Körper des

Mannes könnte abermals als symbolisch für dieses Verhältnis angesehen

werden.

Wie die Sexualität des Mannes _örtlich_ gegen Asexuelles in

ihm hervortritt, so findet sich dieselbe Ungleichheit auch in

seinem Verhalten zu verschiedenen _Zeiten_ ausgeprägt. Das Weib

ist _fortwährend_, der Mann nur _intermittierend_ sexuell. Der

Geschlechtstrieb ist beim Weibe immer vorhanden (über jene scheinbaren

Ausnahmen, welche man gegen die Geschlechtlichkeit des Weibes stets ins

Feld führt, wird noch sehr ausführlich zu handeln sein), beim Manne

_ruht_ er immer längere oder kürzere Zeit. Daraus erklärt sich nun auch

der _eruptive_ Charakter des männlichen Geschlechtstriebes, der diesen

so viel auffallender erscheinen läßt als den weiblichen und zu der

Verbreitung des Irrtumes beigetragen hat, daß der Geschlechtstrieb des

Mannes intensiver sei als der des Weibes. Der wahre Unterschied liegt

hier darin, daß für M der Begattungstrieb sozusagen ein pausierendes

Jucken, für W ein unaufhörlicher Kitzel ist.

Die ausschließliche und kontinuierliche Sexualität des Weibes in

körperlicher und psychischer Hinsicht hat nun aber noch weiterreichende

Folgen. Daß die Sexualität nämlich beim Manne nur einen Appendix und

nicht alles ausmacht, ermöglicht dem Manne auch ihre _psychologische_

Abhebung von einem Hintergrunde und somit ihr _Bewußtwerden_. So kann

sich der Mann seiner Sexualität gegenüberstellen und sie losgelöst

von anderem in Betracht ziehen. Beim Weibe kann sich die Sexualität

nicht durch eine zeitliche Begrenzung ihrer Ausbrüche noch durch

_ein_ anatomisches Organ, in dem sie äußerlich sichtbar lokalisiert

ist, _ab_heben von einer _nicht_sexuellen Sphäre. Darum _weiß_ der

Mann um seine Sexualität, während die Frau sich ihrer Sexualität

schon darum gar nicht bewußt werden und sie somit in gutem Glauben in

Abrede stellen kann, _weil sie nichts ist als Sexualität, weil sie

die Sexualität selbst ist_, wie in Antizipation späterer Darlegungen

gleich hinzugefügt werden mag. Es fehlt den _Frauen_, weil sie

_nur_ sexuell sind, die zum _Bemerken_ der Sexualität wie zu allem

Bemerken notwendige _Zweiheit_; indessen sich beim stets mehr als

bloß sexuellen _Manne_ die Sexualität nicht nur anatomisch, sondern

auch _psychologisch_ von allem anderen abhebt. Darum besitzt er die

Fähigkeit, zur Sexualität selbständig in ein Verhältnis zu treten; er

kann sie, wenn er sich mit ihr auseinandersetzt, in Schranken weisen

oder ihr eine größere Ausdehnung einräumen, er kann sie negieren oder

bejahen: zum Don Juan wie zum Heiligen sind die Möglichkeiten in ihm

vorhanden, er kann die eine oder die andere von beiden ergreifen. Grob

ausgedrückt: der Mann hat den Penis, aber die Vagina hat die Frau.

Es ist hiemit als wahrscheinlich deduziert, daß der Mann seiner

Sexualität sich bewußt werde und ihr selbständig gegenübertrete,

während der Frau die Möglichkeit dazu abzugehen scheint; und zwar

beruft sich diese Begründung auf eine größere Differenziertheit im

Manne, in dem Sexuelles _und_ Asexuelles auseinandergetreten sind. Die

Möglichkeit oder Unmöglichkeit, einen bestimmten einzelnen Gegenstand

zu ergreifen, liegt aber nicht in dem Begriffe, den man mit dem

Worte Bewußtsein gewöhnlich verbindet. Dieser scheint vielmehr zu

inkludieren, daß, _wenn_ ein Wesen Bewußtsein hat, es _jedes_ Objekt zu

dessen Inhalt machen könne. Es erhebt sich also hier die Frage nach der

_Natur des weiblichen Bewußtseins überhaupt_, und die Erörterungen über

dieses Thema werden uns erst auf einem langen Umweg zu jenem hier so

flüchtig gestreiften Punkte wieder zurückführen.

Geschlecht und Charakter: Eine prinzipielle Untersuchung · 第 50 / 70 题