III. Kapitel.

Männliches und weibliches Bewußtsein.

Bevor auf einen Hauptunterschied des psychischen Lebens der

Geschlechter, soweit dieses die Dinge der Welt zu seinen Inhalten

macht, näher eingegangen werden kann, müssen einige psychologische

Sondierungen vorgenommen und einige Begriffe festgelegt werden. Da die

Anschauungen und Prinzipien der herrschenden Psychologie ohne Rücksicht

auf dieses spezielle Thema sich entwickelt haben, so wäre es ja nur zu

verwundern, wenn ihre Theorien ohne weiteres auf dessen Gebiet sich

anwenden ließen. Zudem gibt es heute noch keine _Psychologie_, sondern

bis jetzt nur _Psychologien_; und der Anschluß an eine bestimmte

Schule, um, nur unter Zugrundelegung ihrer Lehrmeinungen, das ganze

Thema zu behandeln, trüge wohl viel mehr den Charakter der Willkür an

sich als das hier einzuschlagende Verfahren, welches, in möglichstem

Anschluß an bisherige Errungenschaften, doch die Dinge, soweit als

nötig, von neuem in Selbständigkeit ergründen will.

Die Bestrebungen nach einer vereinheitlichenden Betrachtung des ganzen

Seelenlebens, nach seiner Zurückführung auf einen einzigen Grundprozeß

haben in der empirischen Psychologie vor allem in dem Verhältnis sich

geoffenbart, das von den einzelnen Forschern zwischen _Empfindungen_

und _Gefühlen_ angenommen wurde. _Herbart_ hat die Gefühle aus den

Vorstellungen abgeleitet, _Horwicz_ hingegen aus den Gefühlen erst

die Empfindungen sich entwickeln lassen. Die führenden modernen

Psychologen haben die Aussichtslosigkeit dieser monistischen Bemühungen

hervorgehoben. Dennoch lag diesen ein Wahres zu Grunde.

Man muß, um dieses Wahre zu finden, eine Unterscheidung zu treffen

nicht unterlassen, welche, so nahe sie zu liegen scheint, in der

heutigen Psychologie merkwürdigerweise gänzlich vermißt wird. Man muß

das erstmalige Empfinden einer Empfindung, das erste Denken eines

Gedankens, das erste Fühlen eines Gefühles selbst auseinanderhalten von

den späteren Wiederholungen desselben Vorganges, bei welchen schon ein

Wiedererkennen erfolgen kann. Für eine Anzahl von Problemen scheint

diese Distinktion, obgleich sie in der heutigen Psychologie leider

nicht gemacht wird, von bedeutender Wichtigkeit.

Jeder deutlichen, klaren, plastischen _Empfindung_ läuft ursprünglich,

ebenso jedem scharfen, distinkten Gedanken, bevor er _zum ersten Male_

in Worte gefaßt wird, ein, freilich oft äußerst _kurzes, Stadium

der Unklarheit voran_. Desgleichen geht jeder noch nicht geläufigen

_Assoziation_ eine mehr oder minder verkürzte Spanne Zeit vorher,

wo bloß ein dunkles Richtungsgefühl nach dem zu Assoziierenden hin,

eine allgemeine Assoziationsahnung, eine Empfindung von Zugehörigkeit

zu etwas anderem vorhanden ist. Verwandte Vorgänge haben besonders

_Leibniz_ sicherlich beschäftigt und gaben, mehr oder weniger gut

beschrieben, Anlaß zu den erwähnten Theorien von Herbart und Horwicz.

Da man als einfache Grundformen der _Gefühle_ insgemein nur Lust und

Unlust, eventuell noch mit _Wundt_ Lösung und Spannung, Beruhigung

und Erregung ansieht, ist die Einteilung der psychischen Phänomene

in Empfindungen und Gefühle für die Erscheinungen, die in das Gebiet

jener Vorstadien der Klarheit fallen, wie sich bald deutlicher zeigen

wird, zu eng und darum zu ihrer Beschreibung nicht verwendbar. Ich will

daher, um hier scharf zu umgrenzen, die allgemeinste Klassifikation der

psychischen Phänomene benützen, die wohl getroffen werden konnte: es

ist die von _Avenarius_ in »Elemente« und »Charaktere« (der »Charakter«

hat in dieser Bedeutung nichts mit dem _Objekte der Charakterologie_

gemein).

_Avenarius_ hat den Gebrauch seiner Theorien weniger durch seine,

bekanntlich vollständig neue, Terminologie erschwert (die sogar viel

Vorzügliches enthält und für gewisse Dinge, die er zuerst bemerkt und

bezeichnet hat, kaum entbehrlich ist); was der Annahme mancher seiner

Ergebnisse am meisten im Wege steht, ist seine unglückliche Sucht, die

Psychologie aus einem gehirnphysiologischen Systeme abzuleiten, _das

er selbst nur aus den psychologischen Tatsachen der inneren Erfahrung_

(unter äußerlicher Zuziehung der allgemeinsten biologischen Kenntnisse

über das Gleichgewicht zwischen Ernährung und Arbeit) _gewonnen

hatte_. Der psychologische zweite Teil seiner »Kritik der reinen

Erfahrung« war die Basis, auf der sich in ihm selbst die Hypothesen

des physiologischen ersten Teiles aufgebaut hatten; in der Darstellung

kehrte sich das Verhältnis um, und so mutet dieser erste Teil den Leser

an wie eine Reisebeschreibung von Atlantis. Um dieser Schwierigkeiten

willen muß ich den Sinn der Avenariusschen Einteilung, die für meinen

Zweck sich am geeignetsten erwiesen hat, hier kurz darlegen.

»_Element_« ist für Avenarius das, was in der Schulpsychologie

»Empfindung«, »Empfindungsinhalt« oder »Inhalt« schlechtweg heißt (und

zwar sowohl bei der »Perzeption« als bei der »Reproduktion«), bei

Schopenhauer »Vorstellung«, bei den Engländern sowohl die »impression«

als die »idea«, im gewöhnlichen Leben »Ding, Sache, Gegenstand«:

_gleichviel, ob äußere Erregung eines Sinnesorganes vorhanden ist oder

nicht, was sehr wichtig und neu war_. Dabei ist es, für seine wie für

unsere Zwecke, recht nebensächlich, wo man mit der sogenannten Analyse

Halt macht, ob man den _ganzen_ Baum als »Empfindung« betrachtet oder

nur das einzelne Blatt, den einzelnen Stengel, oder (wobei meistens

stehen geblieben wird) gar nur deren Farbe, Größe, Konsistenz, Geruch,

Temperatur als wirklich »Einfaches« gelten lassen will. Denn man könnte

ja auf diesem Wege noch weiter gehen, sagen, das Grün des Blattes sei

schon Komplex, nämlich Resultante aus seiner Qualität, Intensität,

Helligkeit, Sättigung und Ausdehnung, und brauchte erst diese als

Elemente gelten zu lassen; ähnlich wie es den Atomen oft geht: schon

einmal mußten sie den »Ameren« weichen, jetzt wieder den »Elektronen«.

Seien also »grün«, »blau«, »kalt«, »warm«, »hart«, »weich«, »süß«,

»sauer« _Elemente_, so ist _Charakter_ nach Avenarius jederlei

»Färbung«, »_Gefühlston_«, mit dem jene auftreten; _und zwar $nicht

nur$_ »angenehm«, »schön«, »wohltuend« und ihre Gegenteile, sondern

auch, was Avenarius zuerst als psychologisch hieher gehörend erkannt

hat, »befremdend«, »zuverlässig«, »unheimlich«, »beständig«, »anders«,

»sicher«, »bekannt«, »tatsächlich«, »zweifelhaft« etc. etc. _Was_ ich

z. B. vermute, glaube, weiß, ist »_Element_«; _daß_ es just _vermutet_

wird, nicht _geglaubt_, nicht _gewußt_, ist _psychologisch_ (nicht

logisch) ein »_Charakter_«, _in_ welchem das »Element« gesetzt ist.

Nun gibt es aber ein Stadium im Seelenleben, auf welchem auch diese

umfassendste Einteilung der psychischen Phänomene _noch nicht_

durchführbar ist, _zu früh kommt_. _Es erscheinen nämlich in ihren

Anfängen alle »Elemente« wie in einem verschwommenen Hintergrunde_, als

eine »rudis indigestaque moles«, _während Charakterisierung (ungefähr

also = Gefühlsbetonung) zu dieser Zeit das Ganze lebhaft umwogt_.

Es gleicht dies dem Prozesse, der vor sich geht, wenn man einem

Umgebungsbestandteil, einem Strauch, einem Holzstoß aus weiter Ferne

sich nähert: den ursprünglichen Eindruck, den man von ihm empfängt,

diesen ersten Augenblick, in dem man noch lange nicht weiß, was

»_es_« eigentlich ist, diesen Moment der ersten stärksten Unklarheit

und Unsicherheit bitte ich zum Verständnis des Folgenden vor allem

festzuhalten.

_In diesem Augenblicke nun sind »Element« und »Charakter« absolut

ununterscheidbar_ (_untrennbar_ sind sie stets, nach der sicherlich zu

befürwortenden Modifikation, die _Petzoldt_ an _Avenarius'_ Darstellung

vorgenommen hat). In einem dichten Menschengedränge nehme ich z. B.

ein Gesicht wahr, dessen Anblick mir durch die dazwischen wogenden

Massen _sofort_ wieder entzogen wird. Ich habe keine Ahnung, wie dieses

Gesicht aussieht, wäre völlig unfähig, es zu beschreiben oder auch nur

_ein_ Kennzeichen desselben anzugeben; und doch hat es mich in die

lebhafteste Aufregung versetzt, und ich frage in angstvoll-gieriger

Unruhe: wo hab' ich dieses Gesicht nur schon gesehen?

Erblickt ein Mensch einen Frauenkopf, der auf ihn einen sehr starken

sinnlichen Eindruck macht, für einen »Augenblick«, so vermag er oft

sich selbst gar nicht zu sagen, was er eigentlich gesehen hat, es kann

vorkommen, daß er nicht einmal an die Haarfarbe genau sich zu erinnern

weiß. Bedingung ist immer, daß die Netzhaut dem Objekte, um mich ganz

photographisch auszudrücken, genügend _kurze_ Zeit, _Bruchteile_ einer

Sekunde lang, _exponiert_ war.

Wenn man sich irgend einem Gegenstande aus weiter Ferne nähert, hat

man stets zuerst nur ganz vage Umrisse von ihm unterschieden; dabei

aber überaus lebhafte Gefühle empfunden, die in dem Maße zurücktreten,

als man eben näher kommt und die Einzelheiten schärfer ausnimmt. (Von

»Erwartungsgefühlen« ist, wie noch ausdrücklich bemerkt werden soll,

hier nicht die Rede.) Man denke an Beispiele, wie an den ersten Anblick

eines aus seinen Nähten gelösten menschlichen Keilbeins; oder an den

mancher Bilder und Gemälde, sowie man einen halben Meter inner- oder

außerhalb der richtigen Distanz Fuß gefaßt hat; ich erinnere mich

speziell an den Eindruck, den mir Passagen mit Zweiunddreißigsteln

aus Beethovenschen Klavierauszügen und eine Abhandlung mit lauter

dreifachen Integralen gemacht haben, ehe ich noch die Noten kannte

und vom Integrieren einen Begriff hatte. Dies eben haben _Avenarius_

und _Petzoldt_ _übersehen_: daß alles _Hervortreten der Elemente_

von _einer gewissen Absonderung der Charakterisierung_ (der

Gefühlsbetonung) _begleitet ist_.

Auch einige von der experimentellen Psychologie festgestellte

Tatsachen kann man zu diesen Ergebnissen der Selbstbeobachtung in

Beziehung bringen. Läßt man im Dunkelzimmer auf ein im Zustande der

Dunkeladaptation befindliches Auge einen momentanen oder äußerst

kurze Zeit währenden _farbigen_ Reiz einwirken, so hat der Beobachter

nur den Eindruck schlechtweg der Erhellung, ohne daß er die nähere

Farbenqualität des Lichtreizes anzugeben vermag; es wird ein »Etwas«

empfunden ohne irgend welche genauere Bestimmtheit, ein »Lichteindruck

überhaupt« ausgesagt; und die präzise Angabe der Farbenqualität ist

selbst noch dann nicht leicht möglich, wenn die Dauer des Reizes

(natürlich nicht über ein gewisses Maß) verlängert wird.

Ebenso geht aber jeder wissenschaftlichen Entdeckung, jeder technischen

Erfindung, jeder künstlerischen Schöpfung ein verwandtes Stadium der

Dunkelheit voran, einer Dunkelheit wie jener, aus welcher _Zarathustra_

seine Wiederkunftslehre an das Licht ruft: »Herauf, abgründlicher

Gedanke, aus meiner Tiefe! Ich bin dein Hahn und Morgengrauen,

verschlafener Wurm: auf, auf! meine Stimme soll dich schon wachkrähen!«

-- Der Prozeß in seiner Gänze, von der völligen Wirrnis bis zur

strahlenden Helle, ist in seinem Verlaufe vergleichbar mit der Folge

der Bilder, die man passiv empfängt, wenn von irgend einer plastischen

Gruppe, einem Relief die feuchten Tücher, die es in großer Anzahl

eingehüllt haben, eines nach dem anderen weggenommen werden; bei einer

Denkmalsenthüllung erlebt der Zuschauer ähnliches. Aber auch, wenn ich

mich an etwas erinnere, z. B. an irgend eine einmal gehörte Melodie,

wird dieser Prozeß _wieder_ durchgemacht; freilich oft in äußerst

verkürzter Gestalt und darum schwer zu bemerken. _Jedem_ neuen Gedanken

geht ein solches Stadium des »_Vorgedankens_«, wie ich es nennen

möchte, vorher, wo fließende geometrische Gebilde, visuelle Phantasmen,

Nebelbilder auftauchen und zergehen, »schwankende Gestalten«,

verschleierte Bilder, geheimnisvoll lockende Masken sich zeigen; Anfang

und Ende des ganzen Herganges, den ich in seiner Vollständigkeit kurz

den Prozeß der »_Klärung_« nenne, verhalten sich in gewisser Beziehung

wie die Eindrücke, die ein stark Kurzsichtiger von weit entfernten

Gegenständen erhält mit und ohne die korrigierenden Linsen.

Und wie im Leben des einzelnen (der vielleicht stirbt, ehe er den

ganzen Prozeß durchlaufen hat), so gehen auch in der Geschichte der

Forschung die »_Ahnungen_« stets den klaren Erkenntnissen voran.

Es ist derselbe Prozeß der Klärung, _auf Generationen verteilt_.

Man denke z. B. an die zahlreichen griechischen und neuzeitlichen

Antizipationen der _Lamarck_schen und _Darwin_schen Theorien,

derentwegen die »Vorläufer« heute bis zum Überdruß belobt werden, an

die vielen Vorgänger von _Robert Mayer_ und _Helmholtz_, an all die

Punkte, wo _Goethe_ und _Lionardo da Vinci_, freilich vielleicht die

vielseitigsten Menschen, den späteren Fortschritt der Wissenschaft

vorweggenommen haben u. s. w., u. s. w. Um solche Vorstadien handelt

es sich regelmäßig, wenn entdeckt wird, dieser oder jener Gedanke

sei gar nicht neu, er stehe ja schon bei dem und dem. -- Auch

bei allen Kunststilen, in der Malerei wie in der Musik, ist ein

ähnlicher Entwicklungsprozeß zu beobachten: vom unsicheren Tasten

und vorsichtigen Balancieren bis zu großen Siegen. -- Ebenso beruht

der gedankliche Fortschritt der Menschheit auch in der Wissenschaft

fast allein auf einer besseren und immer besseren Beschreibung und

Erkenntnis _derselben_ Dinge, es ist der Prozeß der _Klärung, über die

ganze menschliche Geschichte ausgedehnt_. Was wir neues bemerken, es

kommt _daneben_ nicht eigentlich sehr in Betracht.

Wie viele Grade der Deutlichkeit und Differenziertheit ein

Vorstellungsinhalt durchlaufen kann bis zum völlig distinkten, von

keinerlei Nebel in den Konturen mehr getrübten Gedanken, das kann

man stets beobachten, wenn man einen schwierigen neuen Gegenstand,

z. B. die Theorie der elliptischen Funktionen, durch das Studium

sich anzueignen sucht. Wie viele _Grade des Verstehens_ macht man da

nicht an sich selbst durch (insbesondere in Mathematik und Mechanik),

bis alles vor einem daliegt, in schöner Ordnung, in vollständiger

Disposition, in ungestörter und vollkommener Harmonie der Teile zum

Ganzen, offen dem mühelosen Ergreifen durch die Aufmerksamkeit! Diese

Grade entsprechen den einzelnen Etappen auf dem Wege der Klärung.

Der Prozeß der Klärung kann auch _retrograd_ verlaufen: von der

völligen Distinktheit bis zur größten Verschwommenheit. Diese

_Umkehrung_ des Klärungsverlaufes ist nichts anderes als der

Prozeß des _Vergessens_, der nur in der Regel über eine längere

Zeit ausgedehnt ist und meist bloß durch Zufall auf dem einen oder

anderen Punkte seines Fortschreitens bemerkt wird. Es verfallen

gleichsam ehedem wohlgebahnte Straßen, für deren Pflege nichts durch

»Reproduktion« geschehen ist; wie aus dem jugendlichen »Vorgedanken«

der in größter Intensität aufblitzende »Gedanke«, so wird aus dem

»Gedanken« der altersschwache »Nachgedanke«: und wie auf einem lange

nicht begangenen Waldweg von rechts und links Gräser, Kräuter,

Stauden hereinzuwuchern beginnen, so verwischt sich Tag für Tag die

deutliche Prägung des Gedankens, der nicht mehr gedacht wird. Hieraus

wird auch eine praktische Regel verständlich, die ein Freund[14]

sehr oft bestätigt gefunden hat: wer irgend etwas _erlernen_ will,

sei es ein Musikstück oder ein Abschnitt aus der Geschichte der

Philosophie, wird im allgemeinen nicht ohne Unterbrechung sich dieser

Aneignungsarbeit widmen können, und jede einzelne Partie des Stoffes

wiederholt durchnehmen müssen. Da fragt es sich nun, wie groß sind am

zweckmäßigsten die Pausen, zwischen dem einen Male und dem nächsten

zu wählen? Es hat sich nun herausgestellt -- und es dürfte allgemein

so sein -- daß mit einer Wiederholung begonnen werden muß, solange

man sich _noch nicht wieder_ für die Arbeit _interessiert_, so lange

man sein Pensum noch halbwegs _zu beherrschen glaubt_. Sowie es

einem nämlich genugsam entschwunden ist, um wieder zu interessieren,

neugierig oder wißbegierig zu machen, sind die Resultate der ersten

Einübung schon zurückgegangen und kann die zweite die erste nicht

gleich verstärken, sondern muß einen guten Teil der Klärungsarbeit von

frischem auf sich nehmen.

Vielleicht ist im Sinne der Siegmund _Exner_schen Lehre von der

»Bahnung« einer sehr populären Anschauung gemäß, wirklich als der

physiologische Parallelprozeß der Klärung, anzunehmen, daß die

Nervenfasern, eventuell ihre Fibrillen, erst durch (entweder länger

anhaltende oder häufig wiederholte) Affektion für die Reizleitung

_wegsam_ gemacht werden müssen. Ebenso würde natürlich im Falle

des Vergessens das Resultat dieser »Bahnung« rückgängig gemacht,

die durch sie herausgebildeten morphologischen Strukturelemente

im einzelnen Neuron infolge mangelnden Geübtwerdens atrophieren.

Die _Avenarius_sche Theorie den obigen verwandter Erscheinungen --

_Avenarius_ würde Unterschiede der »Artikulation« oder »Gliederung« in

den Gehirnprozessen (den »unabhängigen Schwankungen des Systems C«)

zur Erklärung dieser Dinge angenommen haben -- überträgt denn doch

wohl zu einfach und wörtlich Eigenschaften der »abhängigen Reihe«

(d. i. des Psychischen) auf die »unabhängige« (physische), als daß

sie speziell der Frage der psychophysischen Zuordnung irgendwie für

förderlich gelten könnte. Dagegen erscheint der Ausdruck »artikuliert«,

»gegliedert« zur Beschreibung des Grades der Distinktheit, mit welchem

die einzelnen psychischen Data gegeben sind, wohl geeignet, und sei

hiemit seine spätere Verwendung für diesen Zweck vorbehalten.

Der Prozeß der Klärung mußte hier in seinem ganzen Verlauf verfolgt

werden, um Umfang und Inhalt des neuen Begriffes kennen zu lernen; doch

ist für das jetzt Folgende nur das Initialstadium, der Ausgangspunkt

der Klärung, von Wichtigkeit. An den Inhalten, die weiterhin den Prozeß

der Klärung durchmachen, ist, so hieß es, im allerersten Momente, in

dem sie sich präsentieren, auch die _Avenarius_sche Unterscheidung

von »Element« und »Charakter« _noch nicht durchführbar_. Es wird also

derjenige, welcher diese Einteilung für alle Data der _entwickelten_

Psyche acceptiert, für die Inhalte in jenem Stadium, _wo eine solche

Zweiheit an ihnen noch nicht unterscheidbar ist_, einen eigenen Namen

einzuführen haben. Es sei, ohne alle über den Rahmen dieser Arbeit

hinausgehenden Ansprüche, für psychische Data auf jenem primitivsten

Zustande ihrer Kindheit das Wort »_Henide_« vorgeschlagen (von ἕν, weil

sie noch nicht Empfindung und Gefühl als _zwei_ für die Abstraktion

isolierbare analytische Momente, noch keinerlei Zweiheit erkennen

lassen).

_Die absolute Henide ist hiebei nur als ein Grenzbegriff zu

betrachten._ Wie oft _wirkliche_ psychische Erlebnisse im _erwachsenen_

Alter des Menschen einen Grad von Undifferenziertheit erreichen, der

ihnen diesen Namen mit Recht eintrüge, läßt sich so rasch nicht mit

Sicherheit ausmachen; aber die Theorie an sich wird hiedurch nicht

berührt. Eine Henide wird es im allgemeinen genannt werden dürfen,

was, bei verschiedenen Menschen verschieden häufig, im Gespräche zu

passieren pflegt: man hat ein ganz bestimmtes Gefühl, wollte eben

etwas ganz Bestimmtes _sagen_; da bemerkt z. B. der andere etwas, und

»es« ist nun weg, nicht mehr zu erhaschen. Später wird aber durch eine

Assoziation plötzlich etwas reproduziert, von dem man sofort ganz

genau weiß, daß es _dasselbe_ ist, was man früher nicht beim Zipfel

fassen konnte: ein Beweis, daß es _derselbe_ Inhalt war, nur in anderer

_Form_, _auf einem anderen Stadium der Entwicklung_. Die Klärung

erfolgt also nicht nur im Laufe des ganzen individuellen Lebens nach

dieser Richtung hin, sie muß auch für jeden Inhalt wieder von neuem

durchgemacht werden.

Ich besorge, daß jemand eine nähere Beschreibung dessen verlangen

möchte, was ich mit der Henide eigentlich meine. Wie sehe eine

Henide aus? Das wäre ein völliges Mißverständnis. Es liegt im

Begriffe der Henide, daß sie sich nicht näher beschreiben läßt, als

ein dumpfes Eines; _daß später die Identifikation mit dem völlig

artikulierten Inhalte erfolgt, ist ebenso sicher, wie daß die Henide

dieser artikulierte Inhalt selbst noch nicht ganz ist_, sich von

ihm irgendwie, durch den Grad der Bewußtheit, durch den Mangel an

Reliefierung, durch das Verschmolzensein von Folie und Hauptsache,

durch den Mangel eines »Blickpunktes« im »Blickfelde« unterscheidet.

Also einzelne Heniden kann man nicht beobachten und nicht beschreiben:

_man kann nur Kenntnis nehmen von ihrem Dagewesensein_.

Es läßt sich übrigens _prinzipiell_ in Heniden genau so gut denken,

leben wie in Elementen und Charakteren; jede Henide ist ein Individuum

und unterscheidet sich sehr wohl von jeder anderen. Aus später zu

erörternden Gründen ist anzunehmen, daß die Erlebnisse der ersten

Kindheit (und zwar dürfte dies für die ersten 14 Monate ausnahmslos

für das Leben _aller_ Menschen zutreffen) Heniden sind, wenn auch

vielleicht nicht in der absoluten Bedeutung. Doch rücken die

psychischen Geschehnisse der ersten Kindheit wenigstens nie weit aus

der Nähe des Henidenstadiums heraus; für den Erwachsenen indessen

gibt es stets eine Entwicklung vieler Inhalte über jene Stufe empor.

Dagegen ist in der Henide offenbar die Form des Empfindungslebens der

niedersten Bionten, und vielleicht sehr vieler Pflanzen und Tiere zu

sehen. Von der Henide ist _dem Menschen_ die Entwicklung nach einem

vollständig differenzierten, plastischen Empfinden und Denken hin

möglich, wenn auch dieses nur ein nie ganz ihm erreichbares Ideal

darstellt. Während die absolute Henide die Sprache überhaupt noch nicht

gestattet, indem die Gliederung der Rede nur aus der des Gedankens

folgt, gibt es auch auf der höchsten dem Menschen möglichen Stufe des

Intellektes noch Unklares und darum Unaussprechliches.

Im ganzen also will die Henidentheorie den zwischen Empfindung und

Gefühl um die Würde des höheren Alters geführten Streit schlichten

helfen, und an Stelle der von _Avenarius_ und _Petzoldt_ aus der

Mitte des Klärungsverlaufes herausgegriffenen Notionen »Element«

und »Charakter« eine _entwicklungsgeschichtliche_ Beschreibung des

Sachverhaltes versuchen: auf Grund der fundamentalen Beobachtung, daß

erst mit dem Heraustreten der »Elemente« diese von den »Charakteren«

unterscheidbar werden. Darum ist man zu »Stimmungen« und zu allen

»Sentimentalitäten« nur disponiert, wenn die Dinge sich nicht in

scharfen Konturen darstellen, und ihnen eher ausgesetzt in der Nacht

als am Tage. Wenn die Nacht dem Lichte weicht, wird auch die Denkart

der Menschen eine andere.

In welcher Beziehung steht nun aber diese Untersuchung zur Psychologie

der Geschlechter? Wie unterscheiden sich -- denn offenbar wurde

zu solchem Zwecke diese längere Grundlegung gewagt -- M und W mit

Rücksicht auf die verschiedenen Stadien der Klärung?

Darauf ist folgende Antwort zu geben:

_Der Mann hat die gleichen psychischen Inhalte wie das Weib in

artikulierterer Form; wo sie mehr oder minder in Heniden denkt, dort

denkt er bereits in klaren, distinkten Vorstellungen, an die sich

ausgesprochene und stets die Absonderung von den Dingen gestattende

Gefühle knüpfen. Bei W sind »Denken« und »Fühlen« eins, ungeschieden,

für M sind sie auseinanderzuhalten. W hat also viele Erlebnisse noch

in Henidenform, wenn bei M längst Klärung eingetreten ist._[15] Darum

ist W sentimental, und kennt das Weib nur die Rührung, nicht die

Erschütterung.

Der größeren Artikulation der psychischen Data im Manne entspricht

auch die größere Schärfe seines Körperbaues und seiner Gesichtszüge

gegenüber der Weichheit, Rundung, Unentschiedenheit in der echten

weiblichen Gestalt und Physiognomie. Ferner stimmen mit dieser

Anschauung die Ergebnisse der die Geschlechter vergleichenden

Sensibilitätsmessungen überein, die, entgegen der populären Meinung,

bei den _Männern_ eine durchgängig größere Sinnesempfindlichkeit schon

am _Durchschnitt_ ergeben haben und solche Differenzen sicherlich in

noch viel höherem Maße hätten hervortreten lassen, wenn die _Typen_

in Betracht gezogen worden wären. Die einzige Ausnahme bildet der

Tastsinn: die taktile Empfindlichkeit der Frauen ist feiner als

die der Männer. Das Faktum ist interessant genug, um zur Auslegung

aufzufordern, und eine solche wird auch später versucht werden. Zu

bemerken ist hier noch, daß hingegen die Schmerzsensibilität des

Mannes eine unvergleichlich größere ist als die der Frau, was für

die physiologischen Untersuchungen über den »Schmerzsinn« und seine

Scheidung vom »Hautsinn« von Wichtigkeit ist.

Schwache Sensibilität wird das Verbleiben der Inhalte in der Nähe des

Henidenstadiums sicherlich begünstigen; geringere Klärung kann aber

nicht als ihre unbedingte Folge dargetan werden, sondern läßt sich

mit ihr nur in einen sehr wahrscheinlichen Zusammenhang bringen. Ein

zuverlässigerer Beweis für die geringere Artikulation des weiblichen

Vorstellens liegt in der größeren _Entschiedenheit im Urteil_ des

Mannes, ohne daß diese _allein_ aus der geringeren Distinktheit des

Denkens beim Weibe sich schon völlig _ableiten_ ließe (vielleicht

weisen beide auf eine gemeinsame tiefere Wurzel zurück). Doch ist

wenigstens dies eine sicher, daß wir, so lange wir dem Henidenstadium

nahe sind, meist nur genau wissen, wie sich eine Sache _nicht_ verhält,

und das wissen wir immer schon lange, bevor wir wissen, _wie_ sie sich

verhält: hierauf, auf einem Besitzen von Inhalten in Henidenform,

beruht wohl auch das, was _Mach_ »instinktive Erfahrung« nennt. Nahe

dem Henidenstadium reden wir noch immer um die Sache herum, korrigieren

uns bei jedem Versuche sie zu bezeichnen und sagen: »Das ist auch noch

nicht das richtige Wort.« Damit ist naturgemäß Unsicherheit im Urteilen

von selbst gegeben. Erst mit vollendeter Klärung wird auch unser

Urteil bestimmt und sicher; _der Urteilsakt selbst setzt eine gewisse

Entfernung vom Henidenstadium voraus_, selbst wenn durch ihn ein

analytisches Urteil, das den geistigen Besitzstand des Menschen nicht

vermehrt, ausgesprochen werden soll.

Der entscheidende Beweis aber für die Richtigkeit der Anschauung,

welche die Henide W, den differenzierten Inhalt M zuschreibt und

hier einen fundamentalen Gegensatz beider erblickt, liegt darin,

daß, wo immer ein neues Urteil zu fällen und nicht ein schon lange

fertiges einmal mehr in Satzform auszusprechen ist, _daß in solchem

Falle stets W von M die Klärung ihrer dunklen Vorstellungen, $die

Deutung der Heniden erwartet$_. Es wird die in der Rede des Mannes

sichtbar werdende Gliederung seiner Gedanken dort, wo die Frau ohne

helle Bewußtheit vorgestellt hat, _als ein (tertiärer) männlicher

Geschlechtscharakter von ihr geradezu erwartet, gewünscht und

beansprucht, und wirkt auf sie wie ein solcher_. _Hierauf_ bezieht es

sich, wenn so viele Mädchen sagen, sie wünschten nur einen solchen

Mann zu heiraten, oder könnten zumindest nur jenen Mann _lieben_, _der

gescheiter sei als sie_; daß es sie befremden, ja sexuell _abstoßen_

kann, wenn der Mann dem, was sie sagen, einfach recht gibt und es nicht

gleich besser sagt als sie; kurz und gut, warum eine Frau es eben als

_Kriterium der Männlichkeit_ fühlt, daß der Mann ihr auch geistig

überlegen sei, von dem Manne mächtig angezogen wird, dessen Denken ihr

imponiert, und damit, ohne es zu wissen, das entscheidende Votum gegen

alle Gleichheitstheorien abgibt.

_M lebt bewußt, W lebt unbewußt._ Zu diesem Schlusse für die Extreme

sind wir nun berechtigt. _W empfängt ihr Bewußtsein von M_: die

Funktion, das Unbewußte bewußt zu machen, ist die sexuelle Funktion

des typischen Mannes gegenüber dem typischen Weibe, das zu ihm im

Verhältnis idealer Ergänzung steht.

Hiemit ist die Darstellung beim _Problem der Begabung_ angelangt: der

ganze theoretische Streit in der Frauenfrage geht heute fast nur darum,

wer geistig höher veranlagt sei, »die Männer« oder »die Frauen«. Die

populäre Fragestellung erfolgt ohne Typisierung; hier wurden über die

Typen Anschauungen entwickelt, die auf die Beantwortung jener Frage

nicht ohne Einfluß bleiben können. Die Art dieses Zusammenhanges bedarf

jetzt der Erörterung.

Geschlecht und Charakter: Eine prinzipielle Untersuchung · 第 51 / 70 题