I. Kapitel.

Mann und Weib.

»All that a man does is physiognomical of him.«

_Carlyle._

Freie Bahn für die Erforschung alles wirklichen Geschlechtsgegensatzes

ist durch die Erkenntnis geschaffen, daß Mann und Weib nur als

Typen zu erfassen sind und die verwirrende Wirklichkeit, welche den

bekannten Kontroversen immer neue Nahrung bieten wird, allein durch

ein Mischungsverhältnis aus jenen zwei Typen sich nachbilden läßt.

Die einzig realen sexuellen Zwischenformen hat der erste Teil dieser

Untersuchung behandelt, und zwar, wie nun hervorgehoben werden muß,

nach einem etwas schematisierenden Verfahren. Die Rücksichtnahme

auf die allgemein biologische Geltung der entwickelten Prinzipien

führte das dort mit sich. Jetzt, da, noch viel ausschließlicher als

bisher, _der Mensch_ das Objekt der Betrachtung werden soll und die

psychophysiologischen Zuordnungen der introspektiven Analyse zu weichen

sich anschicken, bedarf der universelle Anspruch des Prinzipes der

sexuellen Zwischenstufen einer gewichtigen Restriktion.

Bei Pflanzen und Tieren ist das Vorkommen des echten Hermaphroditismus

eine gegen jeden Zweifel erhärtete Tatsache. Aber selbst bei den Tieren

scheint oft das Zwittertum mehr eine Juxtaposition der männlichen und

weiblichen Keimdrüse in einem Individuum als ein Ausgeglichensein

beider Geschlechter in demselben, eher ein Zusammensein beider Extreme

denn einen gänzlich neutralen Zustand in der Mitte zwischen denselben

zu bedeuten. Vom _Menschen_ jedoch läßt sich _psychologisch_ mit

vollster Bestimmtheit behaupten, daß er, zunächst wenigstens in einer

und derselben Zeit, _notwendig $entweder$ Mann $oder$ Weib sein muß_.

Damit steht nicht nur im Einklang, daß fast alles, was sich für ein

Masculinum oder Femininum schlechtweg hält, auch sein Komplement für

»_das_ Weib« oder »_den_ Mann« schlechthin ansieht.[12] Es wird jene

Unisexualität am stärksten erwiesen durch die in ihrer theoretischen

Wichtigkeit _kaum zu überschätzende_ Tatsache, daß auch im Verhältnisse

zweier homosexueller Menschen zueinander immer der eine die körperliche

und psychische Rolle des Mannes übernimmt, im Falle längeren Verkehres

auch seinen männlichen Vornamen behält oder einen solchen annimmt,

während der andere die des Weibes spielt, seinen weiblichen Vornamen

entweder bewahrt oder einen solchen sich gibt oder noch öfter -- dies

ist bezeichnend genug -- ihn vom anderen erhält.

Also es füllt in den sexuellen Relationen zweier Lesbierinnen oder

zweier Urninge immer die eine Person die männliche, die zweite die

weibliche Funktion aus, und dies ist von größter Bedeutung. Das

Verhältnis Mann-Weib erweist sich hier als _fundamental_ an der

_entscheidenden_ Stelle, als etwas, worüber nicht hinauszukommen ist.

_Trotz allen sexuellen Zwischenformen $ist$ der Mensch am Ende doch

$eines$ von beiden, $entweder$ Mann $oder$ Weib._ Auch in dieser

ältesten empirischen Dualität steckt (nicht bloß anatomisch und

keineswegs im konkreten Falle in regelmäßiger genauer Übereinstimmung

mit dem morphologischen Befunde) eine tiefe Wahrheit, die sich nicht

ungestraft vernachlässigen läßt.

Hiemit scheint nun ein Schritt gemacht, der von der größten Tragweite

ist, und allem Ferneren so segensreich wie verhängnisvoll werden

kann. Es ist mit einer solchen Anschauung ein _Sein_ statuiert.

Die _Bedeutung_ dieses _Seins_ zu erforschen ist freilich eben die

Aufgabe, welche der ganzen folgenden Untersuchung anheimfällt. Da

aber mit diesem problematischen _Sein_ an die Hauptschwierigkeit der

Charakterologie unmittelbar gerührt ist, wird es gut sein, ehe daß eine

solche Arbeit in naiver Kühnheit begonnen werde, über dieses heikelste

Problem, an dessen Schwelle aller Wagemut bereits stockt, eine kurze

Orientierung zu versuchen.

Die Hemmnisse, mit denen jedes charakterologische Unternehmen zu

kämpfen hat, sind allein schon wegen der Kompliziertheit des Stoffes

enorme. Oft und oft ereignet es sich, daß der Weg, den man durch

das Waldesdickicht bereits gefunden zu haben glaubt, sich verliert

im undurchdringlichen Gestrüppe, der Faden nicht mehr herauszulösen

ist aus der unendlichen Verfilzung. Das schlimmste aber ist, daß

betreffs der Methode einer systematischen Darstellung des wirklich

entwundenen Stoffes, anläßlich der prinzipiellen Deutung auch

erfolgreicher Anfänge, sich wieder und wieder die ernstesten Bedenken

erheben und gerade der Typisierung sich entgegentürmen. In dem Falle

des Geschlechtsgegensatzes z. B. erwies sich bis jetzt die Annahme

einer Art Polarität der Extreme und unzähliger Abstufungen zwischen

denselben als die einzig brauchbare. Es scheint so auch in den meisten

übrigen charakterologischen Dingen -- auf einige komme ich selbst

noch zu sprechen -- etwas wie Polarität zu geben (was schon der

Pythagoreer _Alkmaion von Kroton_ geahnt hat); und vielleicht wird auf

diesem Gebiete die _Schelling_sche Naturphilosophie noch ganz andere

Genugtuungen erleben als die Auferstehung, welche ein physikalischer

Chemiker unserer Tage ihr bereitet zu haben vermeint.

Aber ist die Hoffnung berechtigt, durch die Festlegung des Individuums

auf einem bestimmten Punkte in den Verbindungslinien je zweier

Extreme, ja durch unendliche Häufung dieser Verbindungslinien,

durch ein unendlich viele Dimensionen zählendes Koordinatensystem

das Individuum selbst je zu erschöpfen? Verfallen wir nicht,

nur auf einem konkreteren Gebiet, bereits in die dogmatische

Skepsis der _Mach_-_Hume_schen Ich-Analyse zurück, wenn wir die

vollständige Beschreibung des menschlichen Individuums in Form eines

_Rezeptes_ erwarten? Und führt uns da nicht eine Art _Weismann_scher

Determinanten-Atomistik zu einer Mosaik-Psychognomik, nachdem wir uns

von der »Mosaik-Psychologie« eben erst zu erholen beginnen?

In neuer Fassung stehen wir hier vor dem alten und, wie sich zeigt,

noch immer lebendig zähen Grundproblem: Gibt es ein einheitliches und

einfaches Sein im Menschen, und wie verhält es sich zu der zweifellos

neben ihm bestehenden Vielheit? Gibt es eine Psyche? Und wie verhält

sich die Psyche zu den psychischen Erscheinungen? Man begreift

nun, warum es noch immer keine Charakterologie gibt: Das Objekt

dieser Wissenschaft, der Charakter, ist seiner Existenz nach selbst

problematisch. Das Problem aller Metaphysik und Erkenntnistheorie,

die höchste Prinzipienfrage der Psychologie, ist auch das Problem

der Charakterologie, das Problem »vor aller Charakterologie,

die als Wissenschaft wird auftreten können«. Wenigstens aller

erkenntniskritisch über ihre Voraussetzungen, Ansprüche und Ziele

unterrichteten und aller über Unterschiede im _Wesen_ der Menschen

Belehrung erstrebenden Charakterologie.

Diese, sei's drum, unbescheidene Charakterologie will mehr sein als

jene »Psychologie der individuellen Differenzen«, deren erneute

Aufstellung als eines Zieles der psychologischen Wissenschaft durch

L. William _Stern_ darum doch eine sehr verdienstvolle Tat war; sie

will mehr bieten als ein Nationale der motorischen und sensorischen

Reaktionen eines Individuums, und darum soll sie nicht gleich zu dem

Tiefstand der übrigen modernen psychologischen Experimentalforschung

herabsinken, als welche sie ja nur eine sonderbare Kombination von

statistischem Seminar und physikalischem Praktikum vorstellt. So

hofft sie mit der reichen seelischen Wirklichkeit, aus deren völligem

Vergessen das Selbstbewußtsein der Hebel- und Schraubenpsychologie

einzig erklärt werden kann, in einem herzlichen Kontakte zu bleiben

und fürchtet nicht, die Erwartungen des nach Aufklärung über sich

selbst dürstenden Studenten der Psychologie durch Untersuchungen über

das Lernen einsilbiger Worte und den Einfluß kleiner Kaffeedosen auf

das Addieren befriedigen zu müssen. So traurig es als Zeichen der

übrigens allgemein dumpf empfundenen prinzipiellen Unzulänglichkeit der

modernen psychologischen Arbeit ist, so begreiflich ist es doch, wenn

angesehene Gelehrte, die sich unter einer Psychologie mehr vorgestellt

haben als eine Empfindungs- und Assoziationslehre, vor der herrschenden

Öde zu der Überzeugung gelangen, Probleme wie das Heldentum oder

die Selbstaufopferung, den Wahnsinn oder das Verbrechen müsse die

reflektierende Wissenschaft auf ewig der Kunst, als dem einzigen Organe

ihres Verständnisses, überlassen und jede Hoffnung aufgeben, nicht sie

besser zu verstehen als jene (das wäre anmaßend einem _Shakespeare_

oder _Dostojewskij_ gegenüber), wohl aber, sie ihrerseits auch nur

systematisch zu begreifen.

Keine Wissenschaft muß, wenn sie unphilosophisch wird, so schnell

verflachen wie die Psychologie. Die Emanzipation von der Philosophie

ist der wahre Grund des Verfalles der Psychologie. Gewiß nicht in ihren

Voraussetzungen, aber in ihren Endabsichten hätte die Psychologie

philosophisch bleiben sollen. Sie wäre dann zunächst zu der Einsicht

gelangt, _daß die Lehre von den Sinnesempfindungen mit der Psychologie

direkt überhaupt nichts zu tun hat_. Die empirischen Psychologien von

heutzutage gehen von den Tast- und Gemeinempfindungen aus, um mit der

»Entwicklung eines sittlichen Charakters« zu endigen. Die Analyse der

Empfindungen gehört aber zur Physiologie der Sinne, jeder Versuch, ihre

Spezialprobleme in eine tiefere Beziehung zu dem übrigen Inhalte der

Psychologie zu bringen, muß mißlingen.

Es ist das Unglück der wissenschaftlichen Psychologie gewesen,

daß sie von zwei Physikern, von _Fechner_ und von _Helmholtz_, am

nachhaltigsten sich hat beeinflussen lassen und so verkennen konnte,

_daß sich zwar die äußere, aber nicht so auch die innere Welt aus

baren Empfindungen zusammensetzt_. Die zwei feinsinnigsten unter

den empirischen Psychologen der letzten Jahrzehnte, William _James_

und Richard _Avenarius_, sind denn auch die beiden einzigen, die

wenigstens instinktiv gefühlt haben, daß man die Psychologie nicht

mit dem Hautsinn und Muskelsinn anfangen dürfe, während alle übrige

moderne Psychologie mehr oder minder Empfindungskleister ist. _Hier_

liegt der von _Dilthey_ nicht scharf genug bezeichnete Grund dafür,

daß die heutige Psychologie zu den Problemen, die man als eminent

psychologische sonst zu bezeichnen gewohnt ist, zur Analyse des Mordes,

der Freundschaft, der Einsamkeit u. s. w., _gar nicht gelangt_, ja

-- hier verfängt nicht die alte Berufung auf ihre große Jugend -- zu

ihnen gar nicht gelangen _kann_, da sie in einer ganz anderen Richtung

sich bewegt, als in einer, die sie am Ende doch dahin führen könnte.

Darum hat die Losung des Kampfes um eine _psychologische Psychologie_

in erster Linie zu sein: _Hinaus mit der Empfindungslehre aus der

Psychologie!_

Das Unternehmen einer Charakterologie in dem oben bezeichneten weiteren

und tieferen Sinne involviert vor allem den Begriff des _Charakters_

selbst, als den Begriff eines konstanten einheitlichen Seins. Wie

die schon im 5. Kapitel des I. Teiles zum Vergleich herangezogene

Morphologie die bei allem physiologischen Wechsel gleich bleibende

_Form_ des Organischen behandelt, so setzt die Charakterologie als

ihren Gegenstand ein Gleichbleibendes im psychischen Leben voraus, das

in jeder seelischen Lebensäußerung in analoger Weise nachweisbar sein

muß, und ist so vor allem jener »Aktualitätstheorie« vom Psychischen

entgegengesetzt, die ein Bleibendes schon darum nicht anerkennen mag,

weil sie auf jener empfindungsatomistischen Grundanschauung beruht.

Der Charakter ist danach nicht etwas hinter dem Denken und Fühlen des

Individuums Thronendes, _sondern etwas, das sich in $jedem$ Gedanken

und $jedem$ Gefühle desselben offenbart_. »Alles, was ein Mensch tut,

ist physiognomisch für ihn.« Wie _jede_ Zelle die Eigenschaften des

_ganzen_ Individuums in sich birgt, so enthält _jede_ psychische Regung

eines Menschen, nicht bloß einzelne wenige »Charakterzüge«, _sein

ganzes Wesen_, von dem nur im einen Momente diese, im anderen jene

Eigentümlichkeit mehr hervortritt.

Wie es weiter gar keine isolierte Empfindung gibt, sondern stets ein

Blick_feld_ und ein Empfindungsganzes da ist, als das dem Subjekte

gegenüberstehende Objekt, als die _Welt_ des Ichs, von welcher

nur einmal der eine, ein anderes Mal der andere Gegenstand sich

deutlicher abhebt: _so steckt in jedem Augenblicke des psychischen

Lebens der $ganze$ Mensch_, und es fällt nur in jeder Zeiteinheit

der Accent auf einen anderen Punkt seines Wesens. _Dieses überall in

dem psychischen Zustande jedes Augenblickes nachweisbare $Sein$ ist

das Objekt der Charakterologie._ So würde diese erst die notwendige

Ergänzung der bisherigen empirischen Psychologie bilden, die, in

merkwürdigem Gegensatze zu ihrem Namen einer _$Psycho$logie_, bisher

fast ausschließlich den Wechsel im Empfindungsfelde, die Buntheit

der _Welt_, in Betracht gezogen und den Reichtum des Ich ganz

vernachlässigt hat. Damit könnte sie auf die allgemeine Psychologie als

die Lehre von dem Ganzen, das aus der Kompliziertheit des Subjektes

und der Kompliziertheit des Objektes resultiert (die beide aus diesem

Ganzen nur durch eine eigentümliche Abstraktion isoliert werden

konnten), befruchtend und regenerierend wirken. So manche Streitfragen

der Psychologie -- vielleicht sind es gerade die prinzipiellsten

Fragen -- vermag überhaupt nur eine charakterologische Betrachtung zur

Entscheidung zu bringen, indem sie zeigt, _warum_ der eine diese, der

andere jene Meinung verficht, darlegt, weshalb sie differieren, wenn

sie über das gleiche Thema sprechen: daß sie über denselben Vorgang und

denselben psychischen Prozeß aus keinem anderen Grunde verschiedener

Ansicht sind, als weil dieser bei jedem die individuelle Färbung,

die _Note_ seines Charakters erhalten hat. So ermöglicht gerade die

psychologische _Differenzen_lehre erst die _Einigung_ auf dem Gebiete

der _Allgemein_psychologie.

Das formale Ich wäre das letzte Problem der dynamischen, das material

erfüllte Ich das letzte Problem der statischen Psychologie. Indessen

wird ja bezweifelt, daß es überhaupt Charakter gibt; oder wenigstens

sollte das vom konsequenten Positivismus im Sinne von _Hume_, _Mach_,

_Avenarius_ geleugnet werden. Es ist danach leicht begreiflich, warum

es noch keine Charakterologie gibt als Lehre vom bestimmten Charakter.

Die Verquickung der Charakterologie mit der Seelenlehre ist aber ihre

schlimmste Schädigung gewesen. Daß die Charakterologie _historisch_

mit dem Schicksal des Ichbegriffs verknüpft worden ist, gibt allein

noch kein Recht, sie _sachlich_ an dasselbe zu binden. Und nur wer

dogmatisch sich auf den Standpunkt des absoluten Phänomenalismus stellt

und glaubt, dieser allein enthebe aller Beweislasten, die, schon mit

seiner Betretung, von selbst allen anderen Standpunkten aufgebürdet

seien, der wird das _Sein_, das die Charakterologie behauptet, und das

noch durchaus nicht mit einer metaphysischen _Essenz_ identisch ist,

ohne weiteres abweisen.

Die Charakterologie hat sich gegen zwei schlimme Feinde zu halten. Der

eine nimmt den Charakter als gegeben und leugnet, daß, ebenso wie die

künstlerische Darstellung, die Wissenschaft sich seiner bemächtigen

könne. Der andere nimmt die Empfindungen als das allein Wirkliche an,

Realität und Empfindung sind ihm eins geworden, die Empfindung ist

ihm der Baustein der Welt wie des Ich, und für diesen gibt es keinen

Charakter. Was soll nun die Charakterologie, die Wissenschaft vom

Charakter? »De individuo nulla scientia«, »Individuum est ineffabile«,

so tönt es ihr von der einen Seite entgegen, die am Individuum

festhält; von der anderen, die auf der Wissenschaftlichkeit allein

besteht und nicht »die Kunst als Organ des Lebensverständnisses«

sich gerettet hat, muß sie es wieder und wieder vernehmen, daß die

Wissenschaft nichts wisse vom Charakter.

Zwischen solchem Kreuzfeuer hätte die Charakterologie sich zu

behaupten. Wen wandelt da nicht die Furcht an, daß sie das Los ihrer

Schwestern teilen, eine ewig unerfüllte Verheißung bleiben werde wie

die Physiognomik, eine divinatorische Kunst wie die Graphologie?

Auch diese Frage ist eine, welche die späteren Kapitel zu beantworten

werden suchen müssen. Das Sein, welches die Charakterologie behauptet,

ist seiner einfachen oder mehrfachen Bedeutung nach von ihnen zu

untersuchen. Warum diese Frage ganz allgemein gerade mit der Frage nach

dem psychischen Unterschiede der _Geschlechter_ so innig sich berührt,

das wird freilich erst aus ihren letzten Resultaten hervorgehen.

Geschlecht und Charakter: Eine prinzipielle Untersuchung · 第 49 / 70 题