V. Kapitel.

Anwendung auf die Charakterologie.

Vermöge der Tatsache, daß zwischen Physischem und Psychischem eine

wie immer geartete Korrespondenz besteht, ist von vornherein zu

erwarten, daß dem weiten Umfange, in welchem unter morphologischen

und physiologischen Verhältnissen das Prinzip der sexuellen

Zwischenstufen sich nachweisen ließ, psychologisch eine mindestens

ebenso reiche Ausbeute entsprechen werde. Sicherlich gibt es auch

einen psychischen Typus des Weibes und des Mannes (wenigstens

stellen die bisherigen Ergebnisse die Aufsuchung solcher Typen zur

Aufgabe), Typen, die von der Wirklichkeit nie erreicht werden, da

diese von der reichen Folge der sexuellen Zwischenformen im Geistigen

ebenso erfüllt ist wie im Körperlichen. Das Prinzip hat also die

größte Aussicht, sich den _geistigen_ Eigenschaften gegenüber zu

bewähren und das verworrene Dunkel etwas zu lichten, in welches die

psychologischen Unterschiede _zwischen den einzelnen Menschen_ für

die Wissenschaft noch immer gehüllt sind. Denn es ist hiemit ein

Schritt vorwärts gemacht im Sinne einer differenzierten Auffassung

auch des geistigen Habitus jedes Menschen, man wird auch von dem

_Charakter_ einer Person wissenschaftlich nicht mehr sagen, er sei

_männlich_ oder er sei _weiblich schlechthin_, sondern darauf achten

und danach fragen: _wieviel Mann_, _wieviel Weib_ ist in einem

Menschen. Hat _er_ oder hat _sie_ in dem betreffenden Individuum

dies oder jenes getan, gesagt, gedacht? Eine _individualisierende_

Beschreibung aller Menschen und alles Menschlichen ist hiedurch

erleichtert, und so liegt die neue Methode in der eingangs

dargelegten Entwicklungsrichtung aller Forschung: alle Erkenntnis

hat seit jeher, von Begriffen mittlerer Allgemeinheit ausgehend,

nach zwei divergierenden Richtungen auseinandergestrebt, dem allem

Einzelnen gemeinschaftlichen Allgemeinsten nicht allein entgegen,

sondern ebenso der allereinzelnsten, individuellsten Erscheinung zu.

Darum ist die Hoffnung wohl begründet, welche von dem Prinzip der

sexuellen Zwischenformen die stärkste Förderung für die noch ungelöste

wissenschaftliche Aufgabe einer Charakterologie erwartet, und der

Versuch berechtigt, es methodisch zu dem Range eines _heuristischen

Grundsatzes_ in der »Psychologie der individuellen Differenzen« oder

»differentiellen Psychologie« zu erheben. Und seine Anwendung auf das

Unternehmen einer Charakterologie, dieses bisher fast ausschließlich

von Literaten bepflügten, wissenschaftlich noch recht verwahrlosten

Feldes, ist vielleicht um so freudiger zu begrüßen, als es unmittelbar

aller quantitativen Abstufungen fähig ist, indem man sozusagen

den Prozentgehalt an M und W, den ein Individuum besitzt, auch im

Psychischen aufzusuchen sich nicht wird scheuen dürfen. Daß diese

Aufgabe mit einer _anatomischen_ Beantwortung der Frage nach der

sexuellen Stellung eines Organismus zwischen Mann und Weib noch nicht

gelöst ist, sondern _im allgemeinen_ noch eine besondere Behandlung

erfordert, selbst wenn _im speziellen_ hier viel öfter Kongruenz als

Inkongruenz sich nachweisen ließe, ist bereits mit den Ausführungen

des zweiten Kapitels über die Ungleichmäßigkeiten gegeben, welche

selbst zwischen den einzelnen _körperlichen_ Teilen und Qualitäten

des nämlichen Individuums untereinander betreffs des _Grades_ ihrer

Männlichkeit oder Weiblichkeit bestehen.

Das Nebeneinander von Männlichem und Weiblichem im gleichen Menschen

ist hiebei nicht als völlige oder annähernde _Simultaneität_ zu

verstehen. Die wichtige neue Hinzufügung, welche an dieser Stelle

notwendig wird, ist nicht nur eine erläuternde Anweisung zur

richtigen psychologischen Verwertung des Prinzipes, sondern auch eine

bedeutungsvolle Ergänzung der früheren Ausführungen. _Es schwankt oder

oszilliert nämlich jeder Mensch zwischen dem Manne und dem Weibe in

ihm hin und her_; wenn auch diese Oszillationen bei dem einen abnorm

groß, bei dem anderen klein bis zur Unmerklichkeit sein können, _sie

sind immer da_ und offenbaren sich, wenn sie von einiger Erheblichkeit

sind, auch durch ein wechselndes körperliches Aussehen der von ihnen

Betroffenen. Diese _Schwankungen der sexuellen Charakteristik_

zerfallen, den Schwankungen des Erdmagnetismus vergleichbar, in

regelmäßige und unregelmäßige. Die regelmäßigen sind entweder kleine

Oszillationen: z. B. fühlen manche Menschen am Abend männlicher als

am Morgen; oder sie gehören in das Reich der größeren und großen

_Perioden_ des organischen Lebens, auf die man kaum erst aufmerksam

zu werden begonnen hat, und deren Erforschung Licht auf eine noch

gar nicht absehbare Menge von Phänomenen werfen zu sollen scheint.

Die unregelmäßigen Schwankungen werden wahrscheinlich durch äußere

Anlässe, vor allem durch den sexuellen Charakter des Nebenmenschen,

hervorgerufen. Sie bedingen gewiß zum Teile jene merkwürdigen

Phänomene der _Einstellung_, welche in der Psychologie einer _Menge_

die größte Rolle spielen, wenn sie auch bis jetzt kaum die gebührende

Beachtung gefunden haben. Kurz, die _Bisexualität_ wird sich nicht

in einem einzigen Augenblicke, sondern kann sich psychologisch nur

im _Nacheinander_ offenbaren, ob nun diese Differenz der sexuellen

Charakteristik in der Zeit dem Gesetze einer Periodizität gehorche oder

nicht, ob die Schwingung nach der Seite des einen Geschlechtes hin eine

andere Amplitude habe als die Schwingung nach dem anderen Geschlechte

hin, oder ob der männliche dem weiblichen Schwingungsbauche gleich sei

(was durchaus nicht der Fall zu sein braucht, im Gegenteile nur ein

Fall unter unzähligen gleich möglichen ist).

Man dürfte also wohl bereits prinzipiell, noch vor der Erprobung durch

den ausgeführten Versuch, zuzugeben geneigt sein, daß das Prinzip der

sexuellen Zwischenformen eine bessere charakterologische Beschreibung

der Individuen ermöglicht, indem es das Mischungsverhältnis zu suchen

auffordert, in dem Männliches und Weibliches in jedem einzelnen

zusammentreten, und die Elongation der Oszillationen zu bestimmen

gebietet, deren ein Individuum nach beiden Seiten hin fähig ist. Wir

geraten aber nun vor eine Frage, bezüglich welcher die Darstellung

sich _hier_ entscheiden muß, indem von ihrer Beantwortung der Gang

der weiteren Untersuchung fast ausschließlich abhängt. Es handelt

sich darum, ob diese zuerst das unendlich reiche Gebiet der sexuellen

Zwischenstufen, _die sexuelle Mannigfaltigkeit im Geistigen_,

durchmessen und an besonders geeigneten Punkten zu möglichst getreuen

Aufnahmen der Verhältnisse zu gelangen suchen soll, oder ob sie damit

zu beginnen hat, _die sexuellen Typen_ festzulegen, die psychologische

Konstruktion des »idealen Mannes« und des »idealen Weibes« vorzunehmen

und zu vollenden, bevor sie die verschiedenen Möglichkeiten ihrer

empirischen Vereinigung in concreto untersucht und prüft, wie weit die

auf deduktivem Wege gewonnenen Bilder sich mit der Wirklichkeit decken.

Der erste Weg entspricht der Entwicklung, welche die Gedanken nach der

allgemeinen Anschauung psychologisch immer nehmen, indem die Ideen

aus der Wirklichkeit, die sexuellen Typen nur aus der allein realen

sexuellen Mannigfaltigkeit geschöpft werden können: er wäre induktiv

und analytisch. Der zweite würde vor dem ersten den Vorzug der formal

logischen Strenge haben: er wäre deduktiv-synthetisch.

Diesen anderen Weg habe ich aus dem Grunde nicht einschlagen wollen,

weil die Anwendung zweier bereits wohl definierter Typen auf die

konkrete Wirklichkeit jedermann leicht in voller Selbständigkeit

machen kann, indem sie nur die (für jeden Fall ohnedies stets neu

und besonders zu gewinnende) Kenntnis des _Mischungsverhältnisses_

beider voraussetzt, um schon die Möglichkeit zu gestatten, Theorie

und Praxis zur Deckung zu bringen; sodann weil (gesetzt auch, es

würde die außerhalb der Kompetenz des Verfassers liegende Form

historisch-biographischer Untersuchung gewählt) Gesagtes immerfort zu

wiederholen wäre, und dem Interesse an den Einzelpersonen aller, der

Theorie kein Gewinn mehr aus dieser Verzweigung ins Detail erwüchse.

Der erste, der induktive Weg ist darum nicht gangbar, weil in diesem

Falle die Menge der Wiederholungen auf den Teil entfiele, welcher

die Tafel der Gegensätze der sexuellen Typen entrollen würde, und

zudem das vorhergehende Studium der sexuellen Zwischenstufen und die

es begleitende Präparation der Typen langwierig, zeitraubend und ohne

Nutzen für den Leser wäre.

Eine andere Erwägung mußte also die Einteilung bestimmen.

Da die morphologische und physiologische Erforschung der sexuellen

Extreme nicht meine Sache war, wurde nur das Prinzip der

Zwischenformen, dieses aber nach allen Seiten hin, denen es Aufklärung

bringen zu können schien, also auch vom biologischen Standpunkte aus

behandelt. So bekam das Ganze der vorliegenden Arbeit seine Gestalt.

Die eben erwähnte Betrachtung der Zwischenstufen bildet ihren ersten

Teil, während der zweite die rein _psychologische Analyse von M und

W_ in Angriff nehmen und so weit und tief als möglich fortzuführen

trachten wird. Die konkreten Fälle wird sich, in Anwendung der

eventuell daselbst zu gewinnenden Erkenntnisse, ein jeder selbsttätig

immer zusammensetzen und sie mit den dort zu gewinnenden Anschauungen

und Begriffen leicht abbilden können. Dieser zweite Teil wird sich auf

die bekannten und gangbaren Meinungen über die geistigen Unterschiede

zwischen den Geschlechtern nur sehr wenig stützen können. Hier jedoch

will ich, bloß der Vollständigkeit halber und ohne der Sache eine

besondere Wichtigkeit beizumessen, die sexuellen Zwischenstufen des

psychischen Lebens in aller Kürze an einigen Punkten auftreten lassen,

Punkten, die nur ein paar insgemein bekannte Eigentümlichkeiten, welche

hier noch keiner näheren Analyse unterzogen werden sollen, in einigen

Modifikationen sichtbar werden lassen.

Weibliche Männer haben oft ein ungemein starkes Bedürfnis zu heiraten,

mögen sie (was ich erwähne, um Mißverständnissen vorzubeugen) materiell

noch so glänzend gestellt sein. Sie sind es auch, die, wenn sie können,

fast immer sehr jung in die Ehe treten. Es wird ihnen oft besonders

schmeicheln, eine berühmte Frau, eine Dichterin oder Malerin, die aber

auch eine Sängerin oder Schauspielerin sein kann, zur Gattin zu haben.

Weibliche Männer sind ihrer Weiblichkeit gemäß auch körperlich eitler

als die anderen unter den Männern. Es gibt auch »Männer«, die auf

die Promenade gehen, um ihr Gesicht, welches, als Weibergesicht, die

Absicht seines Trägers meist hinreichend verrät, bewundert zu fühlen

und dann befriedigt nach Hause zu gehen. Das Urbild des Narciß ist

ein solcher »Mann« gewesen. Dieselben Personen sind natürlich auch,

was Frisur, Kleidung, Schuhwerk, Wäsche anlangt, ungemein sorgfältig,

ihrer momentanen Körperhaltung und ihres Aussehens an jedem bestimmten

Tage, der kleinsten Einzelheiten ihrer Toilette, des vorübergehendsten

Blickes, der von anderer Menschen Augen auf sie fällt, sich fast

ebenso bewußt, wie W es stets ist, ja in Gang und Geberde oft geradezu

kokett. Bei den Viragines hingegen nimmt man oft grobe Vernachlässigung

der Toilette und Mangel an Körperpflege wahr; sie sind mit dem

Ankleiden oft viel schneller fertig als mancher weibliche Mann. Das

ganze »Gecken«- oder »Gigerl«tum geht, ebenso wie zum Teile die

Frauenemanzipation, auf die jetzige Vermehrung dieser Zwittergeschöpfe

zurück; das ist alles mehr als »bloße Mode«. Es fragt sich eben immer,

_warum_ etwas zur Mode werden kann, und es gibt wohl überhaupt weniger

»bloße Mode«, als der oberflächlich _kritisierende_ Zuschauer wähnt.

Je mehr von W eine Frau hat, desto weniger wird sie den Mann

_verstehen_, umso stärker jedoch wird er _in seiner geschlechtlichen

Eigentümlichkeit_ auf sie _wirken_, um so mehr Eindruck als Mann auf

sie machen. Dies ist nicht nur aus dem bereits erläuterten Gesetze der

sexuellen Anziehung zu verstehen, sondern geht darauf zurück, daß eine

Frau um so eher ihr Gegenteil aufzufassen in der Lage sein wird, je

reiner weiblich sie ist. Umgekehrt wird einer, je mehr von M er hat,

desto weniger W zu _verstehen_ in der Lage sein, desto _eindringlicher_

jedoch werden die Frauen ihrem ganzen _äußeren_ Wesen nach, in ihrer

Weiblichkeit, sich ihm _darstellen_. Die sogenannten »Frauenkenner«,

d. h. solche, die nichts mehr sind als nur »Frauenkenner«, sind darum

alle zum guten Teile selbst Weiber. Die weiblicheren Männer wissen

denn auch oft die Frauen viel besser zu behandeln als Vollmänner, die

das erst nach langen Erfahrungen und, von ganz bestimmten Ausnahmen

abgesehen, wohl überhaupt nie völlig erlernen.

An diese paar Illustrationen, welche die Verwendbarkeit des

Prinzipes an Beispielen veranschaulichen sollen, die absichtlich der

_trivialsten_ Sphäre der tertiären Geschlechtscharaktere entnommen

wurden, möchte ich die naheliegenden Anwendungen schließen, die sich

mir aus ihm für die Pädagogik zu ergeben scheinen. _Eine_ Wirkung

nämlich erhoffe ich vor allem von einer allgemeinen Anerkennung des

Gemeinschaftlichen, das diesen und den früheren Tatsachen wie so

vielen anderen noch zu Grunde liegt: _eine mehr individualisierende

Erziehung_. Jeder Schuster, der den Füßen das Maß nimmt, muß das

Individualisieren besser verstehen als die heutigen Erzieher in Schule

und Haus, die nicht zum lebendigen Bewußtsein einer solchen moralischen

Verpflichtung zu bringen sind! Denn bis jetzt erzieht man die sexuellen

Zwischenformen (insbesondere unter den Frauen) im Sinne einer möglichst

extremen Annäherung an ein Mannes- oder Frauenideal von konventioneller

Geltung, man übt eine geistige Orthopädie in der vollsten Bedeutung

einer Tortur. Dadurch schafft man nicht nur sehr viel Abwechslung

aus der Welt, sondern unterdrückt vieles, was keimhaft da ist und

Wurzel fassen könnte, verrenkt anderes zu unnatürlicher Lage, züchtet

Künstlichkeit und Verstellung.

Die längste Zeit hat unsere Erziehung uniformierend gewirkt auf

alles, was mit einer männlichen, und auf alles, was mit einer

weiblichen Geschlechtsregion zur Welt kommt. Gar bald werden

»Knaben« und »Mädchen« in verschiedene Gewänder gesteckt, lernen

verschiedene Spiele spielen, schon der Elementarunterricht ist gänzlich

getrennt, die »Mädchen« lernen unterschiedslos Handarbeiten etc.

etc. _Die Zwischenstufen kommen da alle zu kurz._ Wie mächtig aber

die Instinkte, die »Determinanten« ihrer Naturanlage, in derartig

mißhandelten Menschen sein können, das zeigt sich oft schon _vor_

der Pubertät: Buben, die am liebsten mit Puppen spielen, sich von

ihrem Schwesterlein häkeln und stricken lehren lassen, mit Vorliebe

Mädchenkleidung anlegen und sich sehr gerne mit weiblichem Vornamen

rufen hören; Mädchen, die sich unter die Knaben mischen, an deren

wilderen Spielen teilnehmen wollen und oft auch von diesen ganz als

ihresgleichen, »kollegial« behandelt werden. Immer aber kommt eine

durch Erziehung von außen unterdrückte Natur _nach_ der Pubertät zum

Vorschein: männliche Weiber scheren sich die Haare kurz, bevorzugen

frackartige Gewänder, studieren, trinken, rauchen, klettern auf die

Berge, werden passionierte Jägerinnen; weibliche Männer lassen das

Haupthaar lang wachsen, sie tragen Mieder, zeigen viel Verständnis für

die Toilettesorgen der Weiber, mit denen sie vom gleichen Interesse

getragene kameradschaftliche Gespräche zu führen imstande sind; ja

sie schwärmen denn auch oft aufrichtig von freundschaftlichem Verkehr

zwischen den beiden Geschlechtern, weibische Studenten z. B. von

»kollegialem Verhältnis« zu den Studentinnen u. s. w.

Unter der schraubstockartigen Pressung in eine gleichmachende Erziehung

haben Mädchen und Knaben gleich viel, die letzteren später mehr unter

ihrer Subsumtion unter das gleiche _Gesetz_, die ersteren mehr unter

der Schablonisierung durch die gleiche _Sitte_ zu leiden. Die hier

erhobene Forderung wird darum, fürchte ich, was die Mädchen betrifft,

mehr passivem Widerstand in den _Köpfen_ begegnen als für die Knaben.

Hier gilt es vor allem, sich von der gänzlichen Falschheit der weit

verbreiteten, von Autoritäten des Tages weitergegebenen und immer

wiederholten Meinung von der _Gleichheit aller »Weiber«_ (»es gibt

keine Unterschiede, keine Individuen unter den Weibern; wer eine

kennt, kennt alle«) gründlich zu überzeugen. _Es gibt unter denjenigen

Individuen, die W näher stehen als M_ (den »Frauen«), _zwar bei weitem

nicht so viele Unterschiede und Möglichkeiten wie unter den übrigen_ --

die größere Variabilität der »Männchen« ist nicht nur für den Menschen,

sondern im Bereiche der ganzen Zoologie eine allgemeine Tatsache, die

insbesondere von _Darwin_ eingehend gewürdigt worden ist -- _aber

noch immer Differenzen genug_. Die psychologische Genese jener so

weit verbreiteten irrigen Meinung ist zum großen Teile die, daß (vgl.

Kapitel III) jeder Mann in seinem Leben nur _eine_ ganz bestimmte

Gruppe von Frauen _intimer_ kennen lernt, die _naturgesetzlich_ alle

untereinander viel Gemeinsames haben. Man hört ja auch von Weibern

öfters, aus der gleichen Ursache und mit noch weniger Grund: »die

Männer sind einer wie der andere«. So erklären sich auch manche,

gelinde gesagt, _gewagte_ Behauptungen vieler Frauenrechtlerinnen über

den Mann und die angeblich unwahre Überlegenheit desselben: daraus

nämlich, _was für_ Männer gerade _sie_ in der Regel näher kennen lernen.

_In dem verschieden-abgestuften Beisammensein von M und W_, in dem wir

ein _Hauptprinzip aller wissenschaftlichen Charakterologie_ erkannt

haben, sehen wir somit auch eine von der speziellen Pädagogik zu

beherzigende Tatsache vor uns.

Die Charakterologie verhält sich zu jener Psychologie, welche eine

»Aktualitätstheorie« des Psychischen eigentlich allein gelten lassen

dürfte, wie Anatomie zur Physiologie. Da sie stets ein theoretisches

und praktisches Bedürfnis bleiben wird, ist es notwendig, unabhängig

von ihrer erkenntnistheoretischen Grundlegung und Abgrenzung

gegenüber dem Gegenstande der allgemeinen Psychologie, Psychologie

der individuellen Differenzen treiben zu dürfen. Wer der Theorie vom

psychophysischen Parallelismus huldigt, wird mit den prinzipiellen

Gesichtspunkten der bisherigen Behandlung insoferne einverstanden

sein, als für ihn, ebenso wie ihm Psychologie im engeren Sinne und

Physiologie (des Zentralnervensystems) Parallelwissenschaften sind,

_Charakterologie zur Schwester die Morphologie haben muß_. In der

Tat, von der Verbindung von Anatomie und Charakterologie und der

wechselseitigen Anregung, die sie voneinander empfangen können, ist für

die Zukunft noch Großes zu hoffen. Zugleich würde durch ein solches

Bündnis der _psychologischen Diagnostik_, welche Voraussetzung jeder

_individualisierenden Pädagogik_ ist, ein unschätzbares Hilfsmittel an

die Hand gegeben. Das Prinzip der sexuellen Zwischenformen, und mehr

noch die Methode des _morphologisch-charakterologischen Parallelismus_

in ihrer _weiteren_ Anwendung gewähren uns nämlich den Ausblick auf

eine Zeit, wo jene Aufgabe, welche die hervorragendsten Geister stets

so mächtig angezogen und immer wieder zurückgeworfen hat, wo die

_Physiognomik_ zu den Ehren einer wissenschaftlichen Disziplin endlich

gelangen könnte.

Das Problem der Physiognomik ist das Problem einer konstanten Zuordnung

des _ruhenden_ Psychischen zum _ruhenden_ Körperlichen, wie das Problem

der physiologischen Psychologie das einer gesetzmäßigen Zuordnung

des _bewegten_ Psychischen zum _bewegten_ Körperlichen (womit keiner

speziellen _Mechanik_ der Nervenprozesse das Wort geredet ist). Das

eine ist gewissermaßen _statisch_, das andere eher rein _dynamisch_;

prinzipielle Berechtigung aber hat das eine Unternehmen ebensoviel

oder ebensowenig wie das andere. Es ist also methodisch wie sachlich

ein großes Unrecht, die Beschäftigung mit der Physiognomik, ihrer

enormen Schwierigkeiten halber, für etwas so _Unsolides_ zu halten,

wie das heute, mehr unbewußt als bewußt, in den wissenschaftlichen

Kreisen der Fall ist und gelegentlich, z. B. gegenüber den von

_Moebius_ erneuerten Versuchen _Galls_, die Physiognomie des geborenen

Mathematikers aufzufinden, zu Tage tritt. Wenn es möglich ist, nach dem

Äußeren eines Menschen, den man nie gekannt hat, sehr viel Richtiges

über seinen Charakter aus einer unmittelbaren Empfindung heraus,

nicht auf Grund eines Schatzes bewußter oder unbewußter Erfahrungen,

zu sagen -- und es gibt Menschen, die diese Fähigkeit in hohem Maße

besitzen -- so kann es auch kein Ding der Unmöglichkeit sein, zu einem

wissenschaftlichen System dieser Dinge zu gelangen. Es handelt sich nur

um die begriffliche Klärung gewisser starker Gefühle, um die Legung des

Kabels nach dem Sprachzentrum (um mich sehr grob auszudrücken): eine

Aufgabe, die allerdings oft ungemein schwierig ist.

Im übrigen: es wird noch lange dauern, bis die offizielle Wissenschaft

die Beschäftigung mit der Physiognomik nicht mehr als etwas höchst

_Unmoralisches_ betrachten wird. Man wird auf den psychophysischen

Parallelismus genau so eingeschworen bleiben wie bisher und doch

zu gleicher Zeit die Physiognomiker als Verlorene betrachten,

als Charlatane, wie bis vor kurzem die Forscher auf hypnotischem

Gebiete; trotzdem es keinen Menschen gibt, der nicht unbewußt, keinen

hervorragenden Menschen, der nicht bewußt Physiognomiker wäre. Der

Redensart: »Das sieht man ihm an der Nase an« bedienen sich auch Leute,

die von der Physiognomik als einer Wissenschaft nichts halten, und das

Bild eines bedeutenden Menschen wie das eines Raubmörders interessiert

gar sehr auch alle jene, die gar nie das Wort »Physiognomik« gehört

haben.

In dieser Zeit der hochflutenden Literatur über das Verhältnis des

Physischen zum Psychischen, da der Ruf: »Hie Wechselwirkung!« von

einer kleinen, aber mutigen und sich mehrenden Schar dem anderen

Ruf einer kompakten Majorität: »Hie psychologischer Parallelismus!«

entgegengesetzt wird, wäre es von Nutzen gewesen, auf diese

Verhältnisse zu reflektieren. Man hätte sich dann freilich die Frage

vorlegen müssen, _ob nicht die Setzung einer wie immer gearteten

Korrespondenz zwischen Physischem und Psychischem eine bisher

übersehene, apriorische, synthetische Funktion unseres Denkens ist_,

was mir wenigstens dadurch sicher verbürgt scheint, daß eben jeder

Mensch die Physiognomik _anerkennt_, insoferne jeder, _unabhängig_

von der _Erfahrung_, Physiognomik _treibt_. So wenig _Kant_ diese

Tatsache bemerkt hat, so gibt sie doch seiner Auffassung recht, daß

über das Verhältnis des Körperlichen zum Geistigen sich _weiter_

wissenschaftlich nichts beweisen noch ausmachen läßt. Das Prinzip

einer gesetzmäßigen Relation zwischen Psychischem und Materiellem _muß

daher als Forschungsgrundsatz heuristisch acceptiert werden_, und es

bleibt der Metaphysik und Religion vorbehalten, über die Art dieses

Zusammenhanges, _dessen Tatsächlichkeit a priori für jeden Menschen

feststeht_, noch nähere Bestimmungen zu treffen.

Ob nun Charakterologie in einer Verbindung mit Morphologie gehalten

werde oder nicht, für sie allein wie für das Resultat des

koordinierten Betriebes beider, für die Physiognomik, dürfte es Geltung

haben, daß die beinahe gänzliche Erfolglosigkeit der bisherigen

Versuche zur Begründung solcher Wissenschaften zwar auch sonst tief

genug in der Natur des schwierigen Unternehmens wurzelt, daß aber

immerhin dem Mangel an einer adäquaten Methode nicht zum geringsten

Teile dieses Mißlingen zugeschrieben werden muß. Dem Vorschlag, den

ich im folgenden an Stelle einer solchen entwickle, verdanke ich die

sichere Leitung durch manches Labyrinth; ich glaube daher nicht zögern

zu sollen, ihn einer allgemeinen Beurteilung zu unterbreiten.

Die einen unter den Menschen haben die Hunde gern und können die Katzen

nicht ausstehen, die anderen sehen nur gerne dem Spiel der Kätzchen zu,

und der Hund ist ihnen ein widerliches Tier. Man ist in solchen Fällen,

und mit vielem Rechte, stets sehr stolz darauf gewesen, zu fragen:

_Warum_ zieht der eine die Katze vor, der andere den Hund? Warum? Warum?

Diese Fragestellung scheint jedoch gerade hier nicht sehr fruchtbar.

Ich glaube nicht, daß _Hume_, und besonders _Mach_ recht haben,

wenn sie keinen besonderen Unterschied zwischen _simultaner_ und

_succedaner_ Kausalität machen. Gewisse zweifellose formale Analogien

werden da recht gewaltsam übertrieben, um den schwanken Bau des

Systems zu stützen. Das Verhältnis zweier Erscheinungen, die in

der Zeit regelmäßig aufeinander_folgen_, mit einer regelmäßigen

Funktionalbeziehung verschiedener _gleichzeitiger_ Elemente zu

identifizieren, geht nicht an: Nichts berechtigt in Wirklichkeit, von

Zeit_empfindungen_ zu sprechen, und gar nichts, einen den anderen

Sinnen koordinierten Zeitsinn anzunehmen; und wer wirklich das

Zeitproblem erledigt glaubt, wenn er die Zeit und den Stundenwinkel

der Erde nur eine und dieselbe Tatsache sein läßt, der übersieht

zum wenigsten dies, daß, sogar im Falle als die Erde plötzlich mit

ungleichförmiger Geschwindigkeit um ihre Achse sich zu drehen anfinge,

wir doch nach wie vor die eben apriorische Voraussetzung eines

gleichförmigen Zeitablaufes machen würden. Die Unterscheidung der

Zeit von den materialen Erlebnissen, auf welcher die Trennung der

succedanen von der simultanen Abhängigkeit beruht, und damit die Frage

nach der _Ursache_ von _Veränderungen_, die Frage nach dem _Warum_ sind

wohlberechtigt und fruchtbringend, wo Bedingendes und Bedingtes in

_zeitlicher_ Abfolge _nacheinander_ auftreten. In dem oben als Beispiel

individualpsychologischer Fragestellung angeführten Falle jedoch sollte

man in der empirischen Wissenschaft, welche als solche das regelmäßige

Zusammensein einzelner Züge in einem Komplexe keineswegs durch die

metaphysische Annahme einer _Substanz erklärt_, nicht sowohl nach dem

Warum forschen, sondern zunächst untersuchen: _Wodurch unterscheiden

sich Katzen- und Hundeliebhaber_ noch?

Die Gewöhnung, stets diese Frage nach den korrespondierenden _anderen_

Unterschieden zu stellen, wo zwischen Ruhendem _ein_ Unterschied

bemerkt worden ist, wird nicht nur der Charakterologie, wie ich glaube,

von großem Nutzen sein können, sondern auch der reinen Morphologie

und somit naturgemäß die Methode ihrer Verbindung, der Physiognomik,

werden. _Aristoteles_ ist es bereits aufgefallen, daß viele Merkmale

bei den Tieren nie unabhängig voneinander variieren. Später haben,

zuerst bekanntlich _Cuvier_, sodann _Geoffroy_ St. _Hilaire_ und

_Darwin_ diese Erscheinungen der »Korrelation« zum Gegenstande

eingehenden Studiums gemacht. Das Bestehen konstanter Beziehungen kann

hie und da leicht aus einem einheitlichen Zwecke verstanden werden: so

wird man es teleologisch geradezu erwarten, daß, wo der Verdauungskanal

für Fleischnahrung adaptiert ist, auch Kauapparate und Organe für

das Ergreifen von Beute vorhanden sein müssen. Warum aber alle

Wiederkäuer auch Zweihufer und im männlichen Geschlechte Hörnerträger

sind, warum Immunität gegen gewisse Gifte bei manchen Tieren stets

mit einer bestimmten Haarfarbe einhergeht, warum unter den Tauben

die Spielarten mit kurzem Schnabel kleine, die mit langem Schnabel

große Füße haben, oder gar, warum weiße Katzen mit blauen Augen immer

taub sind, solche Regelmäßigkeiten des Nebeneinander sind weder aus

einem einzigen offenbaren Grunde noch auch unter dem Gesichtspunkte

eines einheitlichen Zweckes zu begreifen. Damit ist natürlich nicht

gesagt, daß die Forschung nun prinzipiell in alle Ewigkeit mit der

bloßen Konstatierung eines steten Beisammenseins sich zu begnügen habe.

Das wäre ja so, als würde jemand zum ersten Male wissenschaftlich

vorzugehen behaupten, indem er sich darauf _beschränke, vorzufinden_:

»Wenn ich in einen Automaten ein Geldstück werfe, so kommt eine

Schachtel Zündhölzer heraus«; was darüber gehe, sei Metaphysik und von

Übel, das Kriterium des echten Forschers sei Resignation. Probleme

der Art, woher es komme, daß langes Kopfhaar und zwei normale Ovarien

sich fast ausnahmslos in denselben Menschen vereinigt finden, sind

von der größten Bedeutung; aber sie fallen eben nicht in den Bereich

der _Morphologie_, sondern in den der _Physiologie_. Vielleicht

ist ein _Ziel_ einer _idealen Morphologie_ mit der Anschauung gut

bezeichnet, daß diese _in einem deduktiv-synthetischen Teile_ nicht

jeder einzeln existierenden Art und Spielart nachkriechen solle

in Erdlöcher und nachtauchen auf den Meeresgrund -- das ist die

Wissenschaftlichkeit des Briefmarkensammlers -- sondern aus einer

_vorgegebenen Anzahl_ qualitativ und quantitativ genau bestimmter

Stücke in der Lage sein werde, den _ganzen_ Organismus zu konstruieren,

nicht auf Grund einer Intuition, wie dies ein _Cuvier_ vermochte,

sondern in strengem Beweisverfahren. Ein Organismus nämlich, von dem

man ihr irgend eine Eigenschaft genau bekanntgegeben hätte, müßte für

diese Wissenschaft der Zukunft bereits noch durch eine andere, nun

nicht mehr willkürliche, sondern damit in ebensolcher Genauigkeit

bereits bestimmbare Eigenschaft beschränkt sein. In der Sprache der

Thermodynamik unserer Tage ließe sich das ebensogut durch die Forderung

ausdrücken, daß für eine solche _deduktive_ Morphologie der Organismus

nur eine endliche Zahl von »Freiheitsgraden« besitzen dürfte. Oder man

könnte, eine lehrreiche Ausführung _Machs_ benützend, verlangen, daß

auch die organische Welt, sofern sie wissenschaftlich begreifbar und

darstellbar, eine solche sei, in der zwischen n Variablen eine Zahl

von Gleichungen bestehe, die kleiner sei als n (und zwar gleich n-1,

wenn sie durch ein wissenschaftliches System _eindeutig_ bestimmbar

sein soll; die Gleichungen würden bei geringerer Zahl zu unbestimmten

Gleichungen werden, und bei einer größeren Zahl könnte der durch eine

Gleichung ausgesagten Abhängigkeit von einer zweiten ohne weiters

widersprochen werden).

Dies ist die logische Bedeutung des Korrelationsprinzipes in der

Biologie: es enthüllt sich als die Anwendung des _Funktionsbegriffes_

auf das Lebendige, und darum liegt in der Möglichkeit _seiner_

Ausbreitung und Vertiefung die Hoffnung auf eine theoretische

Morphologie hauptsächlich begründet. Die kausale Forschung ist damit

nicht ausgeschlossen, sondern erst auf ihr eigenstes Gebiet verwiesen.

Im _Idioplasma_ wird sie wohl die Gründe jener Tatsachen aufzufinden

trachten müssen, die dem Korrelationsprinzipe zu Grunde liegen.

Die Möglichkeit einer _psychologischen_ Anwendung des Prinzipes

der korrelativen Abänderung liegt nun in der »differentiellen

Psychologie«, in der _psychologischen Varietätenlehre_, vor. Und die

eindeutige Zuordnung von anatomischem Habitus und geistigem Charakter

wird zur Aufgabe der _statischen Psychophysik oder Physiognomik_.

Die Forschungsregel aller drei Disziplinen wird aber die Frage

zu sein haben, worin sich zwei Lebewesen, die in einer Beziehung

ein differentes Verhalten gezeigt haben, _noch_ unterscheiden.

Die hier geforderte Art der Fragestellung scheint mir der einzig

denkbare »Methodus inveniendi«, gleichsam die »Ars magna« jener

Wissenschaften, und geeignet, die ganze Technik des Betriebes derselben

zu durchdringen. Man wird nun, um einen charakterologischen Typus zu

ergründen, nicht mehr bloß durch die nur bohrende Frage nach dem Warum,

unter möglichst hermetischer Absperrung, in einem Loche hartes Erdreich

aufzugraben sich mühen, nicht wie jene stereotropischen Würmer _Jacques

Loebs_ an einem Dreikant immer von neuem sich verbluten, nicht durch

Scheuklappen die Aussicht auf das erreichbare Daneben sich versperren,

um geradeaus in der Tiefendimension dem aller nur _empirischen_

Wissenschaft unerforschlichen Grunde nachzuschnaufen. Wenn jedesmal,

ohne irgend welche Nachlässigkeit oder Rücksicht auf Bequemlichkeit,

beim Sichtbarwerden _einer_ Differenz der Vorsatz gefaßt wird, auf die

_anderen_ Differenzen zu achten, die nach dem Prinzipe unausweichlich

_noch_ da sein müssen; wenn jedesmal den unbekannten Eigenschaften,

welche mit der zur Abhebung gelangten in Funktionalzusammenhang stehen,

»ein Aufpasser im Intellekte bestellt« wird, dann ist die Aussicht,

die neuen Korrelationen zu entdecken, bedeutend vermehrt: ist nur

die Frage gestellt, so wird sich die Antwort, je nach der Ausdauer

und Wachsamkeit des Beobachters und der Gunst des ihm zur Prüfung

beschiedenen Materials, früher oder später einstellen.

Jedenfalls wird man, im bewußten Gebrauche dieses Prinzipes, nicht

mehr lediglich darauf angewiesen sein zu warten, bis endlich einem

Menschen durch die glückliche Laune einer gedanklichen Konstellation

das konstante Beisammensein zweier Dinge im selben Individuum

_auffällt_, sondern man wird lernen, immer _sofort_ nach dem ebenfalls

vorhandenen _zweiten_ Ding zu _fragen_. Denn wie sehr ist nicht

bisher alle Entdeckung auf den Zufall einer günstigen Konjunktur der

Vorstellungen in dem Geiste eines Menschen beschränkt gewesen! Welch

große Rolle spielt hier nicht die Willkür der Umstände, die zwei

heterogene Gedankengruppen im geeigneten Moment zu jener gegenseitigen

Kreuzung zu führen vermögen, aus der das Kind, die neue Einsicht und

Anschauung, einzig geboren werden kann! Diese Rolle zu vermindern,

scheint die neue Fragestellung und der Wille, sie in jedem Einzelfalle

zu befolgen, außerordentlich befähigt. Bei der Succession der Wirkung

auf die Ursache ist die psychologische Veranlassung zur Frage aus dem

Grunde eher da, weil jede Verletzung der Stabilität und Kontinuität

in einem vorhandenen psychischen Bestande unmittelbar beunruhigend

wirkt, eine »Vitaldifferenz setzt« (_Avenarius_). _Wo gleichzeitige

Abhängigkeit besteht, fällt aber diese Triebkraft weg._ Darum könnte

diese Methode dem Forscher selbst inmitten seiner Tätigkeit die

größten Dienste leisten, ja den Fortschritt der Wissenschaft insgesamt

beschleunigen; die Erkenntnis von der heuristischen Anwendbarkeit des

Korrelationsprinzipes es wäre eine Einsicht, die fortzeugend immer neue

Einsicht könnte gebären helfen.

Geschlecht und Charakter: Eine prinzipielle Untersuchung · 第 45 / 70 题