Homosexualität und Päderastie.
In dem besprochenen Gesetze der sexuellen Anziehung ist zugleich die
-- langgesuchte -- Theorie der konträren Sexualempfindung, d. i.
der sexuellen Hinneigung zum eigenen (nicht oder nicht nur zum
anderen) Geschlechte enthalten. Von einer Distinktion abgesehen, die
später zu treffen sein wird, läßt sich kühnlich behaupten, daß jeder
Konträrsexuelle auch anatomisch die Charaktere des anderen Geschlechtes
aufweist. Einen rein »psychosexuellen Hermaphroditismus« gibt es nicht;
Männer, die sich sexuell von Männern angezogen fühlen, sind auch ihrem
äußeren Habitus nach weibliche Männer, und ebenso zeigen jene Frauen
körperlich männliche Charaktere, die andere Frauen sinnlich begehren.
Diese Anschauung ist vom Standpunkte eines strengen Parallelismus
zwischen Physischem und Psychischem _selbstverständlich_; ihre
Durchführung fordert jedoch Beachtung der im zweiten Kapitel erwähnten
Tatsache, daß nicht alle Teile _desselben_ Organismus die gleiche
Stellung zwischen M und W einnehmen, sondern verschiedene Organe
verschieden männlich oder verschieden stark weiblich sein können. _Es
fehlt also beim sexuell Invertierten nie eine anatomische Annäherung an
das andere Geschlecht._
Schon dies würde genügen, um die Meinung derer zu widerlegen, welche
den konträren Sexualtrieb als eine Eigenschaft betrachten, die von
den betreffenden Individuen im Laufe des Lebens erworben wird und
das normale Geschlechtsgefühl überdeckt. An eine solche Erwerbung
durch äußere Anlässe im Laufe des individuellen Lebens glauben
angesehene Forscher, _Schrenck-Notzing_, _Kraepelin_, _Féré_; als
solche Anlässe betrachten sie Abstinenz vom »normalen« Verkehr und
besonders »Verführung«. Was ist es aber dann mit dem ersten Verführer?
Wurde dieser vom Gotte Hermaphroditos unterwiesen? Mir ist diese ganze
Meinung nie anders vorgekommen, als wenn jemand die »normale« sexuelle
Hinneigung des typischen Mannes zur typischen Frau als künstlich
erworben ansehen wollte, und sich zur Behauptung verstiege, diese gehe
stets auf Belehrung älterer Genossen zurück, die _zufällig_ einmal die
Annehmlichkeit des Geschlechtsverkehres entdeckt hätten. So wie der
»Normale« ganz von selbst darauf kommt, »was ein Weib ist«, so stellt
sich wohl auch beim »Konträren« die sexuelle Anziehung, welche Personen
des eigenen Geschlechtes auf ihn ausüben, im Laufe seiner individuellen
Entwicklung durch Vermittlung jener ontogenetischen Prozesse, die über
die Geburt hinaus das ganze Leben hindurch fortdauern, von selbst
ein. Natürlich wird eine _Gelegenheit_ hinzukommen müssen, welche die
Begierde nach der Ausübung homosexueller Akte hervortreten läßt, _aber
diese kann nur aktuell machen_, was in den Individuen in größerem oder
geringerem Grade bereits längst vorhanden ist und nur der Auslösung
harrt. _Daß bei sexueller Abstinenz_ (um den zweiten angeblichen Grund
konträrer Sexualempfindung nicht zu übergehen) _eben noch zu etwas
anderem gegriffen werden kann als zur Masturbation, das ist es, was
die Erwerbungstheoretiker erklären müßten_; aber daß _homosexuelle_
Akte angestrebt und ausgeführt werden, muß in der Naturanlage bereits
begründet sein. Auch die heterosexuelle Anziehung könnte man ja
»erworben« nennen, wenn man es einer ausdrücklichen Konstatierung
bedürftig fände, daß z. B. der heterosexuelle Mann irgend einmal ein
Weib oder zumindest ein weibliches Bildnis gesehen haben muß, um sich
zu verlieben. Aber wer das konträre Geschlechtsgefühl acquiriert sein
läßt, gleicht gar einem Manne, der hierauf ausschließlich reflektierte
und die ganze Anlage des Individuums, in Bezug auf die allein doch ein
bestimmter Anlaß seine bestimmte Wirkung entfalten kann, ausschaltete,
um ein an sich nebensächliches Ereignis des äußeren Lebens, eine letzte
»Komplementärbedingung« oder »Teilursache« zum alleinigen Faktor des
ganzen Resultates zu machen.
Ebensowenig als die konträre Sexualempfindung erworben ist, ebensowenig
ist sie von den Eltern oder Großeltern _ererbt_. Dies hat man wohl auch
kaum behauptet -- denn dem widerspräche alle Erfahrung auf den ersten
Blick --, sondern nur eine durchaus neuropathische Konstitution als
ihre Bedingung hinstellen wollen, eine allgemeine hereditäre Belastung,
die sich im Nachkommen eben auch durch Verkehrung der geschlechtlichen
Instinkte äußere. Man rechnete die ganze Erscheinung zum Gebiete der
Psychopathologie, betrachtete sie als ein Symptom der Degeneration,
die von ihr Betroffenen als Kranke. Obwohl diese Auffassung nun viel
weniger Anhänger zählt als noch vor etlichen Jahren, seitdem ihr
früherer Hauptvertreter _v. Krafft-Ebing_ in den späteren Auflagen
seiner »Psychopathia sexualis« sie selbst stillschweigend hat fallen
lassen, so ist doch noch immer die Bemerkung nicht unangebracht, daß
die Menschen mit sexueller Inversion in allem übrigen ganz gesund sein
können und sich, accessorische soziale Momente abgerechnet, nicht
weniger wohl fühlen wie alle anderen gesunden Menschen. Fragt man sie,
ob sie sich überhaupt wünschen, in dieser Beziehung anders zu sein, als
sie sind, so erhält man gar oft eine verneinende Antwort.
Daß man die Homosexualität gänzlich isolierte und nicht in Verbindung
mit anderen Tatsachen zu bringen suchte, ist schuld an all diesen
verfehlten Erklärungsversuchen. Wer die »sexuellen Inversionen« als
etwas Pathologisches oder als eine scheußlich-monströse geistige
Bildungsanomalie betrachtet (die letztere ist die vom Philister
sanktionierte Anschauungsweise) oder sie gar als ein angewöhntes
Laster, als das Resultat einer fluchwürdigen Verführung auffaßt, der
bedenke doch, _daß unendlich viele Übergänge führen vom männlichsten
Masculinum über den weiblichen Mann und schließlich über den
Konträrsexuellen hinweg zum Hermaphroditismus spurius und genuinus und
von da über die Tribade, weiter über die Virago hinweg zur weiblichen
Virgo. Die Konträrsexuellen_ (»beiderlei Geschlechtes«) _sind im
Sinne der hier vertretenen Anschauung als Individuen zu definieren,
bei denen der Bruch α um 0·5 herum schwankt_, also sich von α' (vgl.
S. 10) nicht weit unterscheidet, die also ungefähr ebensoviel vom
Manne als vom Weibe haben, ja öfters mehr vom Weibe, obwohl sie als
Männer, und vielleicht auch mehr vom Manne, obwohl sie als Weiber
gelten. Entsprechend der nicht immer gleichmäßigen Verteilung der
sexuellen Charakteristik über den ganzen Körper ist es nämlich sicher,
daß häufig genug Individuen bloß auf Grund eines primären männlichen
Geschlechtscharakters, auch wenn der Descensus testiculorum erst später
erfolgt, oder Epi- oder Hypospadie da ist, oder später Azoospermie
sich einstellt, oder auch wenn (beim weiblichen Geschlechte) Atresia
vaginae bemerkt wird, unbedenklich in das eine Geschlecht eingereiht
werden, welches jener Charakter angibt, z. B. eine männliche Erziehung
genießen, zum Militärdienst u. s. w. herangezogen werden, _obwohl
bei ihnen α < 0·5, α' > 0·5_ ist. Das sexuelle Komplement solcher
Individuen wird demgemäß scheinbar auf der diesseitigen Hälfte
sich befinden, auf der nämlichen, auf der sie selbst sich jedoch
nur aufzuhalten _scheinen_, indes sie tatsächlich bereits auf der
jenseitigen stehen. Übrigens -- dies kommt meiner Auffassung zu
Hilfe und wird anderseits erst durch sie erklärt -- es gibt keinen
Invertierten, der _bloß_ konträrsexuell wäre. Alle sind von Anfang
an nur _bisexuell_, d. h. es ist ihnen sowohl der Geschlechtsverkehr
mit Männern als mit Frauen möglich. Es kann aber sein, daß sie
selbst später aktiv ihre einseitige Ausbildung zu einem Geschlechte
begünstigen, einen Einfluß auf sich in der Richtung der Unisexualität
nehmen, und so schließlich die Hetero- oder die Homosexualität in sich
zum Überwiegen bringen oder durch äußere Einwirkungen in einem solchen
Sinne sich beeinflussen lassen; obwohl die Bisexualität hiedurch nie
erlischt, vielmehr immer wieder ihr nur zeitweilig zurückgedrängtes
Dasein zu erkennen gibt.
Daß ein Zusammenhang der homosexuellen Erscheinungen mit der
bisexuellen Anlage jedes tierischen und pflanzlichen Embryo besteht,
hat man mehrfach, und in jüngster Zeit mit steigender Häufigkeit
eingesehen. Das Neue in _dieser_ Darstellung ist, daß für sie
die Homosexualität nicht einen Rückschlag oder eine unvollendete
Entwicklung, eine mangelhafte Differenzierung des Geschlechtes bedeutet
wie für jene Untersuchungen, daß ihr die Homosexualität überhaupt keine
Anomalie mehr ist, die nur vereinzelt dastünde und als Rest einer
früheren Undifferenziertheit in die sonst völlig vollzogene Sonderung
der Geschlechter hereinragte. _Sie reiht vielmehr die Homosexualität
als die Geschlechtlichkeit der sexuellen Mittelstufen ein in den
kontinuierlichen Zusammenhang der sexuellen Zwischenformen_, die ihr
als einzig real gelten, indes die Extreme ihr nur Idealfälle sind.
Ebenso wie nach ihr alle Wesen auch _heterosexuell_ sind, so sind ihr
darum _alle auch homosexuell_.
Daß in _jedem_ menschlichen Wesen, entsprechend dem _mehr_ oder
_minder_ rudimentär gewordenen _anderen_ Geschlecht, auch die Anlage
zur Homosexualität, wenn auch noch schwach, vorhanden ist, wird
besonders klar erwiesen durch die Tatsache, daß im Alter _vor_ der
Pubertät, wo noch eine verhältnismäßige Undifferenziertheit herrscht,
wo noch nicht die innere Sekretion der Keimdrüsen vollends über den
Grad der einseitigen sexuellen Ausprägung entschieden hat, jene
schwärmerischen »Jugendfreundschaften« die Regel sind, die nie eines
sinnlichen Charakters ganz entbehren, und zwar sowohl beim männlichen
wie beim weiblichen Geschlecht.
Wer freilich über jenes Alter _hinaus_ noch sehr von »Freundschaft«
mit dem eigenen Geschlecht übermäßig schwärmt, hat schon einen
starken Einschlag vom anderen in sich; eine noch weit vorgerücktere
Zwischenstufe markieren aber jene, die von Kollegialität zwischen den
»beiden Geschlechtern« begeistert sind, mit dem anderen Geschlecht,
das ja doch nur das ihrige ist, ohne über die eigenen Gefühle wachen
zu müssen, kameradschaftlich verkehren können, von ihm zu Vertrauten
gemacht werden, und ein derartiges »ideales«, »reines« Verhältnis
auch anderen aufdrängen wollen, die es weniger leicht haben, rein zu
bleiben.
Es gibt auch keine Freundschaft zwischen Männern, die ganz eines
Elementes von Sexualität entbehrte, so wenig damit das Wesen der
Freundschaft bezeichnet, so _peinlich_ sie vielmehr gerade dem Gedanken
an die Freundschaft, so _entgegensetzt_ sie der _Idee_ der Freundschaft
ist. Schon daß keine Freundschaft zwischen Männern werden kann, wenn
die äußere Erscheinung gar keine Sympathie zwischen beiden geweckt
hat, weil sie dann eben einander nie näher treten werden, ist Beweis
genug für die Richtigkeit des Gesagten. Sehr viel »Beliebtheit«,
Protektion, Nepotismus zwischen Männern geht auf solche oft unbewußt
geschlechtliche Verhältnisse zurück.
Der sexuellen Jugendfreundschaft entspricht vielleicht ein analoges
Phänomen bei älteren Männern: dann nämlich, wenn mit einer
greisenhaften Rückbildung der im Mannesalter einseitig entwickelten
Geschlechtscharaktere die latente Amphisexualität wieder zu Tage
tritt. Daß so viele Männer von 50 Jahren aufwärts wegen verübter
»Unsittlichkeitsdelikte« gerichtlich belangt werden, hat möglicherweise
dies zur Ursache.
Endlich sind homosexuelle Akte in nicht geringer Zahl auch bei Tieren
beobachtet worden. Die Fälle (nicht alle) hat aus der Literatur in
verdienstvoller Weise F. _Karsch_ zusammengestellt. Leider geben
die Beobachter kaum je etwas über die Grade der »Maskulität« und
»Muliebrität« bei diesen Tieren an. Dennoch kann kein Zweifel sein,
daß wir es hier mit einem Beweise der Gültigkeit unseres Gesetzes auch
für die _Tierwelt_ zu tun haben. Wenn man Stiere längere Zeit in einem
Raume eingesperrt hält, ohne sie zu einer Kuh zuzulassen, so kann
man mit der Zeit konträrsexuelle Akte zwischen ihnen wahrnehmen; die
einen, die weiblicheren, verfallen früher, die anderen später darauf,
manche vielleicht auch nie. (Gerade beim Rinde ist die große Zahl
sexueller Zwischenstufen bereits festgestellt.) Dies beweist, daß eben
die Anlage in ihnen vorhanden ist, sie nur vorher ihr Bedürfnis besser
befriedigen konnten. Die gefangen gehaltenen Stiere benehmen sich
eben nicht anders, als es so oft in den Gefängnissen der Menschen, in
Internaten und Konvikten, hergeht. Daß die Tiere ebenfalls nicht nur
die Onanie (die bei ihnen so wie beim Menschen vorkommt), sondern auch
die Homosexualität kennen, darin erblicke ich, nachdem es auch unter
ihnen sexuelle Zwischenformen gibt, eine der stärksten Bestätigungen
des aufgestellten Gesetzes der sexuellen Anziehung.
_Das konträre Geschlechtsgefühl wird so für diese Theorie keine
Ausnahme von dem Naturgesetze, sondern nur ein Spezialfall desselben._
Ein Individuum, das ungefähr zur Hälfte Mann, zur Hälfte Weib ist,
verlangt eben nach dem Gesetze zu seiner Ergänzung ein anderes,
das ebenfalls von beiden Geschlechtern etwa gleiche Anteile hat.
Dies ist der Grund der ja ebenfalls eine Erklärung verlangenden
Erscheinung, daß die »Konträren« fast immer nur _untereinander_ ihre
Art von Sexualität ausüben, und nur höchst selten jemand in ihren
Kreis gerät, der nicht die gleiche Form der Befriedigung sucht wie
sie -- die sexuelle Anziehung ist wechselseitig -- und _sie_ ist
der mächtige Faktor, der es bewirkt, daß die Homosexuellen einander
immer sofort erkennen. So kommt es aber auch, daß die »Normalen« im
allgemeinen von der ungeheueren Verbreitung der Homosexualität keine
Ahnung haben, und, wenn er plötzlich von einem solchen Akte hört, der
ärgste »normalgeschlechtliche« Wüstling zur Verurteilung »solcher
Ungeheuerlichkeiten« ein volles Recht zu besitzen glaubt. Ein Professor
der Psychiatrie an einer deutschen Universität hat noch im Jahre 1900
ernstlich vorgeschlagen, man möge die Homosexuellen einfach kastrieren.
Das therapeutische Verfahren, mit welchem man heute die sexuelle
Inversion zu bekämpfen sucht (wo man überhaupt einen solchen Versuch
unternimmt), ist zwar minder radikal als jener Rat, aber es offenbart
auf dem Wege der Praxis die völlige Unzulänglichkeit so mancher
theoretischer Vorstellungen über die Natur der Homosexualität.
Heute behandelt man nämlich -- wie begreiflich, geschieht dies
hauptsächlich von Seite der Erwerbungstheoretiker -- die betreffenden
Menschen hypnotisch: man sucht ihnen die Vorstellung des Weibes
und des »normalen« aktiven Koitus mit demselben auf suggestivem
Wege beizubringen und sie daran zu gewöhnen. Der Erfolg ist
eingestandenermaßen ein minimaler.
Das ist von unserem Standpunkt aus auch selbstverständlich. Der
Hypnotiseur entwirft dem zu Behandelnden das _typische_ (!!) Bild
des Weibes, das diesem seiner ganzen, angeborenen, gerade seiner
unbewußten, durch Suggestion schwer angreifbaren Natur nach ein
Greuel ist. Denn nicht W ist sein Komplement, und nicht zum ersten
besten Freimädchen, das ihm nur um Geld zu Gefallen ist, darf ihn
der Arzt schicken, um so diese Kur, welche den Abscheu vor dem
»normalen« Koitus im Behandelten im allgemeinen noch vermehrt haben
wird, angemessen zu krönen. Fragen wir unsere Formel nach dem
Komplemente des Konträrsexuellen, so erhalten wir vielmehr gerade
das allermännlichste Weib, die Lesbierin, die Tribade. _Tatsächlich
ist diese auch nahezu das einzige Weib, welches den Konträrsexuellen
anzieht, das einzige, dem er gefällt._ Wenn also eine »Therapie« der
konträren Sexualempfindung unbedingt sein muß und auf ihre Ausarbeitung
nicht verzichtet werden kann, so ergibt diese Theorie den Vorschlag,
den Konträren an die Konträre, den Homosexuellen an die Tribade zu
weisen. Der Sinn dieser Empfehlung kann aber nur der sein, _beiden_
die Befolgung der (in England, Deutschland, Österreich) noch in Kraft
stehenden Gesetze gegen homosexuelle Akte, die eine Lächerlichkeit
sind und zu deren Abschaffung diese Zeilen ebenfalls beitragen wollen,
möglichst leicht zu machen. Der zweite Teil dieser Arbeit wird es
verständlich werden lassen, _warum_ die aktive Prostituierung eines
Mannes durch einen mit ihm vollzogenen Sexualakt wie die passive
Selbsthingabe des anderen Mannes zu einem solchen so viel intensiver
als eine Schmach empfunden wird, als der sexuelle Verkehr des Mannes
mit der Frau beide zu entwürdigen scheint. _An und für sich besteht
aber ethisch gar keine Differenz zwischen beiden._ Trotz all dem heute
beliebten Geschwätze von dem verschiedenen Rechte für verschiedene
Persönlichkeiten gibt es nur eine, für alles, was Menschenantlitz
trägt, gleiche allgemeine Ethik, so wie es nur eine Logik und nicht
mehrere Logiken gibt. Ganz verwerflich hingegen und auch mit den
Prinzipien des Strafrechtes, das nur das Verbrechen, nicht die Sünde
ahndet, völlig _unvereinbar_ ist es, dem Homosexuellen seine Art des
Geschlechtsverkehres zu verbieten und dem Heterosexuellen die seine zu
gestatten, wenn beide mit der gleichen Vermeidung des »öffentlichen
Ärgernisses« sich abspielen. _Logisch_ wäre einzig und allein (vom
Standpunkte einer reinen Humanität und eines Strafrechtes als nicht
bloß »abschreckenden« sozialpädagogischen Zwecksystems sehe ich in
dieser Betrachtung überhaupt ab), die »Konträren« Befriedigung dort
finden zu lassen, wo sie sie suchen: untereinander.
Diese ganze Theorie scheint völlig widerspruchslos und in sich
geschlossen zu sein und eine völlig befriedigende Erklärung aller
Phänomene zu ermöglichen. Nun muß aber die Darstellung mit Tatsachen
herausrücken, die jener sicher werden entgegengehalten werden, und
auch wirklich die ganze Subsumtion dieser sexuellen »Perversion« unter
die sexuellen Zwischenformen und das Gesetz ihres Geschlechtsverkehres
umzustoßen scheinen. Es gibt nämlich wirklich und ohne allen Zweifel,
während für die invertierten Frauen die obige Darlegung vielleicht
ausreicht, Männer, die sehr wenig weiblich sind und auf die doch
Personen des eigenen Geschlechtes eine sehr starke Wirkung ausüben,
eine stärkere als auf andere Männer, die vielleicht viel weiblicher
sind als sie, eine Wirkung ferner, die auch vom männlichen Manne auf
sie ausgehen kann, eine Wirkung endlich, die oft stärker sein kann
als der Eindruck, den irgend eine Frau auf jene Männer auszuüben
imstande ist. Albert _Moll_ sagt mit Recht: »Es gibt psychosexuelle
Hermaphroditen, die sich zu beiden Geschlechtern hingezogen fühlen,
die aber bei jedem Geschlechte nur die typischen Eigenschaften dieses
Geschlechtes lieben, und anderseits gibt es psychosexuelle [?]
Hermaphroditen, die nicht beim einzelnen Geschlechte die typischen
Eigenschaften dieses Geschlechtes lieben, sondern denen diese
Eigenschaften gleichgültig, zum Teile sogar abstoßend sind.« Auf diesen
Unterschied bezieht sich nun die in der Überschrift dieses Kapitels
getroffene _Distinktion zwischen Homosexualität und Päderastie_. Die
Trennung beider läßt sich wohl begründen; als homosexuell ist derjenige
Typus von »Perversen« bezeichnet, welcher sehr thelyide Männer _und_
sehr arrhenoide Weiber bevorzugt, nach dem besprochenen Gesetze; der
_Päderast hingegen kann sehr männliche Männer, aber ebensowohl sehr
weibliche Frauen lieben_, das letztere, _$soweit$ er $nicht$ Päderast
ist. Dennoch wird die Neigung zum männlichen Geschlechte bei ihm
stärker sein und tiefer gehen als die zum weiblichen._ Die Frage nach
dem Grunde der Päderastie bildet ein Problem für sich und bleibt für
diese Untersuchung gänzlich unerledigt.