IV. Kapitel.

Homosexualität und Päderastie.

In dem besprochenen Gesetze der sexuellen Anziehung ist zugleich die

-- langgesuchte -- Theorie der konträren Sexualempfindung, d. i.

der sexuellen Hinneigung zum eigenen (nicht oder nicht nur zum

anderen) Geschlechte enthalten. Von einer Distinktion abgesehen, die

später zu treffen sein wird, läßt sich kühnlich behaupten, daß jeder

Konträrsexuelle auch anatomisch die Charaktere des anderen Geschlechtes

aufweist. Einen rein »psychosexuellen Hermaphroditismus« gibt es nicht;

Männer, die sich sexuell von Männern angezogen fühlen, sind auch ihrem

äußeren Habitus nach weibliche Männer, und ebenso zeigen jene Frauen

körperlich männliche Charaktere, die andere Frauen sinnlich begehren.

Diese Anschauung ist vom Standpunkte eines strengen Parallelismus

zwischen Physischem und Psychischem _selbstverständlich_; ihre

Durchführung fordert jedoch Beachtung der im zweiten Kapitel erwähnten

Tatsache, daß nicht alle Teile _desselben_ Organismus die gleiche

Stellung zwischen M und W einnehmen, sondern verschiedene Organe

verschieden männlich oder verschieden stark weiblich sein können. _Es

fehlt also beim sexuell Invertierten nie eine anatomische Annäherung an

das andere Geschlecht._

Schon dies würde genügen, um die Meinung derer zu widerlegen, welche

den konträren Sexualtrieb als eine Eigenschaft betrachten, die von

den betreffenden Individuen im Laufe des Lebens erworben wird und

das normale Geschlechtsgefühl überdeckt. An eine solche Erwerbung

durch äußere Anlässe im Laufe des individuellen Lebens glauben

angesehene Forscher, _Schrenck-Notzing_, _Kraepelin_, _Féré_; als

solche Anlässe betrachten sie Abstinenz vom »normalen« Verkehr und

besonders »Verführung«. Was ist es aber dann mit dem ersten Verführer?

Wurde dieser vom Gotte Hermaphroditos unterwiesen? Mir ist diese ganze

Meinung nie anders vorgekommen, als wenn jemand die »normale« sexuelle

Hinneigung des typischen Mannes zur typischen Frau als künstlich

erworben ansehen wollte, und sich zur Behauptung verstiege, diese gehe

stets auf Belehrung älterer Genossen zurück, die _zufällig_ einmal die

Annehmlichkeit des Geschlechtsverkehres entdeckt hätten. So wie der

»Normale« ganz von selbst darauf kommt, »was ein Weib ist«, so stellt

sich wohl auch beim »Konträren« die sexuelle Anziehung, welche Personen

des eigenen Geschlechtes auf ihn ausüben, im Laufe seiner individuellen

Entwicklung durch Vermittlung jener ontogenetischen Prozesse, die über

die Geburt hinaus das ganze Leben hindurch fortdauern, von selbst

ein. Natürlich wird eine _Gelegenheit_ hinzukommen müssen, welche die

Begierde nach der Ausübung homosexueller Akte hervortreten läßt, _aber

diese kann nur aktuell machen_, was in den Individuen in größerem oder

geringerem Grade bereits längst vorhanden ist und nur der Auslösung

harrt. _Daß bei sexueller Abstinenz_ (um den zweiten angeblichen Grund

konträrer Sexualempfindung nicht zu übergehen) _eben noch zu etwas

anderem gegriffen werden kann als zur Masturbation, das ist es, was

die Erwerbungstheoretiker erklären müßten_; aber daß _homosexuelle_

Akte angestrebt und ausgeführt werden, muß in der Naturanlage bereits

begründet sein. Auch die heterosexuelle Anziehung könnte man ja

»erworben« nennen, wenn man es einer ausdrücklichen Konstatierung

bedürftig fände, daß z. B. der heterosexuelle Mann irgend einmal ein

Weib oder zumindest ein weibliches Bildnis gesehen haben muß, um sich

zu verlieben. Aber wer das konträre Geschlechtsgefühl acquiriert sein

läßt, gleicht gar einem Manne, der hierauf ausschließlich reflektierte

und die ganze Anlage des Individuums, in Bezug auf die allein doch ein

bestimmter Anlaß seine bestimmte Wirkung entfalten kann, ausschaltete,

um ein an sich nebensächliches Ereignis des äußeren Lebens, eine letzte

»Komplementärbedingung« oder »Teilursache« zum alleinigen Faktor des

ganzen Resultates zu machen.

Ebensowenig als die konträre Sexualempfindung erworben ist, ebensowenig

ist sie von den Eltern oder Großeltern _ererbt_. Dies hat man wohl auch

kaum behauptet -- denn dem widerspräche alle Erfahrung auf den ersten

Blick --, sondern nur eine durchaus neuropathische Konstitution als

ihre Bedingung hinstellen wollen, eine allgemeine hereditäre Belastung,

die sich im Nachkommen eben auch durch Verkehrung der geschlechtlichen

Instinkte äußere. Man rechnete die ganze Erscheinung zum Gebiete der

Psychopathologie, betrachtete sie als ein Symptom der Degeneration,

die von ihr Betroffenen als Kranke. Obwohl diese Auffassung nun viel

weniger Anhänger zählt als noch vor etlichen Jahren, seitdem ihr

früherer Hauptvertreter _v. Krafft-Ebing_ in den späteren Auflagen

seiner »Psychopathia sexualis« sie selbst stillschweigend hat fallen

lassen, so ist doch noch immer die Bemerkung nicht unangebracht, daß

die Menschen mit sexueller Inversion in allem übrigen ganz gesund sein

können und sich, accessorische soziale Momente abgerechnet, nicht

weniger wohl fühlen wie alle anderen gesunden Menschen. Fragt man sie,

ob sie sich überhaupt wünschen, in dieser Beziehung anders zu sein, als

sie sind, so erhält man gar oft eine verneinende Antwort.

Daß man die Homosexualität gänzlich isolierte und nicht in Verbindung

mit anderen Tatsachen zu bringen suchte, ist schuld an all diesen

verfehlten Erklärungsversuchen. Wer die »sexuellen Inversionen« als

etwas Pathologisches oder als eine scheußlich-monströse geistige

Bildungsanomalie betrachtet (die letztere ist die vom Philister

sanktionierte Anschauungsweise) oder sie gar als ein angewöhntes

Laster, als das Resultat einer fluchwürdigen Verführung auffaßt, der

bedenke doch, _daß unendlich viele Übergänge führen vom männlichsten

Masculinum über den weiblichen Mann und schließlich über den

Konträrsexuellen hinweg zum Hermaphroditismus spurius und genuinus und

von da über die Tribade, weiter über die Virago hinweg zur weiblichen

Virgo. Die Konträrsexuellen_ (»beiderlei Geschlechtes«) _sind im

Sinne der hier vertretenen Anschauung als Individuen zu definieren,

bei denen der Bruch α um 0·5 herum schwankt_, also sich von α' (vgl.

S. 10) nicht weit unterscheidet, die also ungefähr ebensoviel vom

Manne als vom Weibe haben, ja öfters mehr vom Weibe, obwohl sie als

Männer, und vielleicht auch mehr vom Manne, obwohl sie als Weiber

gelten. Entsprechend der nicht immer gleichmäßigen Verteilung der

sexuellen Charakteristik über den ganzen Körper ist es nämlich sicher,

daß häufig genug Individuen bloß auf Grund eines primären männlichen

Geschlechtscharakters, auch wenn der Descensus testiculorum erst später

erfolgt, oder Epi- oder Hypospadie da ist, oder später Azoospermie

sich einstellt, oder auch wenn (beim weiblichen Geschlechte) Atresia

vaginae bemerkt wird, unbedenklich in das eine Geschlecht eingereiht

werden, welches jener Charakter angibt, z. B. eine männliche Erziehung

genießen, zum Militärdienst u. s. w. herangezogen werden, _obwohl

bei ihnen α < 0·5, α' > 0·5_ ist. Das sexuelle Komplement solcher

Individuen wird demgemäß scheinbar auf der diesseitigen Hälfte

sich befinden, auf der nämlichen, auf der sie selbst sich jedoch

nur aufzuhalten _scheinen_, indes sie tatsächlich bereits auf der

jenseitigen stehen. Übrigens -- dies kommt meiner Auffassung zu

Hilfe und wird anderseits erst durch sie erklärt -- es gibt keinen

Invertierten, der _bloß_ konträrsexuell wäre. Alle sind von Anfang

an nur _bisexuell_, d. h. es ist ihnen sowohl der Geschlechtsverkehr

mit Männern als mit Frauen möglich. Es kann aber sein, daß sie

selbst später aktiv ihre einseitige Ausbildung zu einem Geschlechte

begünstigen, einen Einfluß auf sich in der Richtung der Unisexualität

nehmen, und so schließlich die Hetero- oder die Homosexualität in sich

zum Überwiegen bringen oder durch äußere Einwirkungen in einem solchen

Sinne sich beeinflussen lassen; obwohl die Bisexualität hiedurch nie

erlischt, vielmehr immer wieder ihr nur zeitweilig zurückgedrängtes

Dasein zu erkennen gibt.

Daß ein Zusammenhang der homosexuellen Erscheinungen mit der

bisexuellen Anlage jedes tierischen und pflanzlichen Embryo besteht,

hat man mehrfach, und in jüngster Zeit mit steigender Häufigkeit

eingesehen. Das Neue in _dieser_ Darstellung ist, daß für sie

die Homosexualität nicht einen Rückschlag oder eine unvollendete

Entwicklung, eine mangelhafte Differenzierung des Geschlechtes bedeutet

wie für jene Untersuchungen, daß ihr die Homosexualität überhaupt keine

Anomalie mehr ist, die nur vereinzelt dastünde und als Rest einer

früheren Undifferenziertheit in die sonst völlig vollzogene Sonderung

der Geschlechter hereinragte. _Sie reiht vielmehr die Homosexualität

als die Geschlechtlichkeit der sexuellen Mittelstufen ein in den

kontinuierlichen Zusammenhang der sexuellen Zwischenformen_, die ihr

als einzig real gelten, indes die Extreme ihr nur Idealfälle sind.

Ebenso wie nach ihr alle Wesen auch _heterosexuell_ sind, so sind ihr

darum _alle auch homosexuell_.

Daß in _jedem_ menschlichen Wesen, entsprechend dem _mehr_ oder

_minder_ rudimentär gewordenen _anderen_ Geschlecht, auch die Anlage

zur Homosexualität, wenn auch noch schwach, vorhanden ist, wird

besonders klar erwiesen durch die Tatsache, daß im Alter _vor_ der

Pubertät, wo noch eine verhältnismäßige Undifferenziertheit herrscht,

wo noch nicht die innere Sekretion der Keimdrüsen vollends über den

Grad der einseitigen sexuellen Ausprägung entschieden hat, jene

schwärmerischen »Jugendfreundschaften« die Regel sind, die nie eines

sinnlichen Charakters ganz entbehren, und zwar sowohl beim männlichen

wie beim weiblichen Geschlecht.

Wer freilich über jenes Alter _hinaus_ noch sehr von »Freundschaft«

mit dem eigenen Geschlecht übermäßig schwärmt, hat schon einen

starken Einschlag vom anderen in sich; eine noch weit vorgerücktere

Zwischenstufe markieren aber jene, die von Kollegialität zwischen den

»beiden Geschlechtern« begeistert sind, mit dem anderen Geschlecht,

das ja doch nur das ihrige ist, ohne über die eigenen Gefühle wachen

zu müssen, kameradschaftlich verkehren können, von ihm zu Vertrauten

gemacht werden, und ein derartiges »ideales«, »reines« Verhältnis

auch anderen aufdrängen wollen, die es weniger leicht haben, rein zu

bleiben.

Es gibt auch keine Freundschaft zwischen Männern, die ganz eines

Elementes von Sexualität entbehrte, so wenig damit das Wesen der

Freundschaft bezeichnet, so _peinlich_ sie vielmehr gerade dem Gedanken

an die Freundschaft, so _entgegensetzt_ sie der _Idee_ der Freundschaft

ist. Schon daß keine Freundschaft zwischen Männern werden kann, wenn

die äußere Erscheinung gar keine Sympathie zwischen beiden geweckt

hat, weil sie dann eben einander nie näher treten werden, ist Beweis

genug für die Richtigkeit des Gesagten. Sehr viel »Beliebtheit«,

Protektion, Nepotismus zwischen Männern geht auf solche oft unbewußt

geschlechtliche Verhältnisse zurück.

Der sexuellen Jugendfreundschaft entspricht vielleicht ein analoges

Phänomen bei älteren Männern: dann nämlich, wenn mit einer

greisenhaften Rückbildung der im Mannesalter einseitig entwickelten

Geschlechtscharaktere die latente Amphisexualität wieder zu Tage

tritt. Daß so viele Männer von 50 Jahren aufwärts wegen verübter

»Unsittlichkeitsdelikte« gerichtlich belangt werden, hat möglicherweise

dies zur Ursache.

Endlich sind homosexuelle Akte in nicht geringer Zahl auch bei Tieren

beobachtet worden. Die Fälle (nicht alle) hat aus der Literatur in

verdienstvoller Weise F. _Karsch_ zusammengestellt. Leider geben

die Beobachter kaum je etwas über die Grade der »Maskulität« und

»Muliebrität« bei diesen Tieren an. Dennoch kann kein Zweifel sein,

daß wir es hier mit einem Beweise der Gültigkeit unseres Gesetzes auch

für die _Tierwelt_ zu tun haben. Wenn man Stiere längere Zeit in einem

Raume eingesperrt hält, ohne sie zu einer Kuh zuzulassen, so kann

man mit der Zeit konträrsexuelle Akte zwischen ihnen wahrnehmen; die

einen, die weiblicheren, verfallen früher, die anderen später darauf,

manche vielleicht auch nie. (Gerade beim Rinde ist die große Zahl

sexueller Zwischenstufen bereits festgestellt.) Dies beweist, daß eben

die Anlage in ihnen vorhanden ist, sie nur vorher ihr Bedürfnis besser

befriedigen konnten. Die gefangen gehaltenen Stiere benehmen sich

eben nicht anders, als es so oft in den Gefängnissen der Menschen, in

Internaten und Konvikten, hergeht. Daß die Tiere ebenfalls nicht nur

die Onanie (die bei ihnen so wie beim Menschen vorkommt), sondern auch

die Homosexualität kennen, darin erblicke ich, nachdem es auch unter

ihnen sexuelle Zwischenformen gibt, eine der stärksten Bestätigungen

des aufgestellten Gesetzes der sexuellen Anziehung.

_Das konträre Geschlechtsgefühl wird so für diese Theorie keine

Ausnahme von dem Naturgesetze, sondern nur ein Spezialfall desselben._

Ein Individuum, das ungefähr zur Hälfte Mann, zur Hälfte Weib ist,

verlangt eben nach dem Gesetze zu seiner Ergänzung ein anderes,

das ebenfalls von beiden Geschlechtern etwa gleiche Anteile hat.

Dies ist der Grund der ja ebenfalls eine Erklärung verlangenden

Erscheinung, daß die »Konträren« fast immer nur _untereinander_ ihre

Art von Sexualität ausüben, und nur höchst selten jemand in ihren

Kreis gerät, der nicht die gleiche Form der Befriedigung sucht wie

sie -- die sexuelle Anziehung ist wechselseitig -- und _sie_ ist

der mächtige Faktor, der es bewirkt, daß die Homosexuellen einander

immer sofort erkennen. So kommt es aber auch, daß die »Normalen« im

allgemeinen von der ungeheueren Verbreitung der Homosexualität keine

Ahnung haben, und, wenn er plötzlich von einem solchen Akte hört, der

ärgste »normalgeschlechtliche« Wüstling zur Verurteilung »solcher

Ungeheuerlichkeiten« ein volles Recht zu besitzen glaubt. Ein Professor

der Psychiatrie an einer deutschen Universität hat noch im Jahre 1900

ernstlich vorgeschlagen, man möge die Homosexuellen einfach kastrieren.

Das therapeutische Verfahren, mit welchem man heute die sexuelle

Inversion zu bekämpfen sucht (wo man überhaupt einen solchen Versuch

unternimmt), ist zwar minder radikal als jener Rat, aber es offenbart

auf dem Wege der Praxis die völlige Unzulänglichkeit so mancher

theoretischer Vorstellungen über die Natur der Homosexualität.

Heute behandelt man nämlich -- wie begreiflich, geschieht dies

hauptsächlich von Seite der Erwerbungstheoretiker -- die betreffenden

Menschen hypnotisch: man sucht ihnen die Vorstellung des Weibes

und des »normalen« aktiven Koitus mit demselben auf suggestivem

Wege beizubringen und sie daran zu gewöhnen. Der Erfolg ist

eingestandenermaßen ein minimaler.

Das ist von unserem Standpunkt aus auch selbstverständlich. Der

Hypnotiseur entwirft dem zu Behandelnden das _typische_ (!!) Bild

des Weibes, das diesem seiner ganzen, angeborenen, gerade seiner

unbewußten, durch Suggestion schwer angreifbaren Natur nach ein

Greuel ist. Denn nicht W ist sein Komplement, und nicht zum ersten

besten Freimädchen, das ihm nur um Geld zu Gefallen ist, darf ihn

der Arzt schicken, um so diese Kur, welche den Abscheu vor dem

»normalen« Koitus im Behandelten im allgemeinen noch vermehrt haben

wird, angemessen zu krönen. Fragen wir unsere Formel nach dem

Komplemente des Konträrsexuellen, so erhalten wir vielmehr gerade

das allermännlichste Weib, die Lesbierin, die Tribade. _Tatsächlich

ist diese auch nahezu das einzige Weib, welches den Konträrsexuellen

anzieht, das einzige, dem er gefällt._ Wenn also eine »Therapie« der

konträren Sexualempfindung unbedingt sein muß und auf ihre Ausarbeitung

nicht verzichtet werden kann, so ergibt diese Theorie den Vorschlag,

den Konträren an die Konträre, den Homosexuellen an die Tribade zu

weisen. Der Sinn dieser Empfehlung kann aber nur der sein, _beiden_

die Befolgung der (in England, Deutschland, Österreich) noch in Kraft

stehenden Gesetze gegen homosexuelle Akte, die eine Lächerlichkeit

sind und zu deren Abschaffung diese Zeilen ebenfalls beitragen wollen,

möglichst leicht zu machen. Der zweite Teil dieser Arbeit wird es

verständlich werden lassen, _warum_ die aktive Prostituierung eines

Mannes durch einen mit ihm vollzogenen Sexualakt wie die passive

Selbsthingabe des anderen Mannes zu einem solchen so viel intensiver

als eine Schmach empfunden wird, als der sexuelle Verkehr des Mannes

mit der Frau beide zu entwürdigen scheint. _An und für sich besteht

aber ethisch gar keine Differenz zwischen beiden._ Trotz all dem heute

beliebten Geschwätze von dem verschiedenen Rechte für verschiedene

Persönlichkeiten gibt es nur eine, für alles, was Menschenantlitz

trägt, gleiche allgemeine Ethik, so wie es nur eine Logik und nicht

mehrere Logiken gibt. Ganz verwerflich hingegen und auch mit den

Prinzipien des Strafrechtes, das nur das Verbrechen, nicht die Sünde

ahndet, völlig _unvereinbar_ ist es, dem Homosexuellen seine Art des

Geschlechtsverkehres zu verbieten und dem Heterosexuellen die seine zu

gestatten, wenn beide mit der gleichen Vermeidung des »öffentlichen

Ärgernisses« sich abspielen. _Logisch_ wäre einzig und allein (vom

Standpunkte einer reinen Humanität und eines Strafrechtes als nicht

bloß »abschreckenden« sozialpädagogischen Zwecksystems sehe ich in

dieser Betrachtung überhaupt ab), die »Konträren« Befriedigung dort

finden zu lassen, wo sie sie suchen: untereinander.

Diese ganze Theorie scheint völlig widerspruchslos und in sich

geschlossen zu sein und eine völlig befriedigende Erklärung aller

Phänomene zu ermöglichen. Nun muß aber die Darstellung mit Tatsachen

herausrücken, die jener sicher werden entgegengehalten werden, und

auch wirklich die ganze Subsumtion dieser sexuellen »Perversion« unter

die sexuellen Zwischenformen und das Gesetz ihres Geschlechtsverkehres

umzustoßen scheinen. Es gibt nämlich wirklich und ohne allen Zweifel,

während für die invertierten Frauen die obige Darlegung vielleicht

ausreicht, Männer, die sehr wenig weiblich sind und auf die doch

Personen des eigenen Geschlechtes eine sehr starke Wirkung ausüben,

eine stärkere als auf andere Männer, die vielleicht viel weiblicher

sind als sie, eine Wirkung ferner, die auch vom männlichen Manne auf

sie ausgehen kann, eine Wirkung endlich, die oft stärker sein kann

als der Eindruck, den irgend eine Frau auf jene Männer auszuüben

imstande ist. Albert _Moll_ sagt mit Recht: »Es gibt psychosexuelle

Hermaphroditen, die sich zu beiden Geschlechtern hingezogen fühlen,

die aber bei jedem Geschlechte nur die typischen Eigenschaften dieses

Geschlechtes lieben, und anderseits gibt es psychosexuelle [?]

Hermaphroditen, die nicht beim einzelnen Geschlechte die typischen

Eigenschaften dieses Geschlechtes lieben, sondern denen diese

Eigenschaften gleichgültig, zum Teile sogar abstoßend sind.« Auf diesen

Unterschied bezieht sich nun die in der Überschrift dieses Kapitels

getroffene _Distinktion zwischen Homosexualität und Päderastie_. Die

Trennung beider läßt sich wohl begründen; als homosexuell ist derjenige

Typus von »Perversen« bezeichnet, welcher sehr thelyide Männer _und_

sehr arrhenoide Weiber bevorzugt, nach dem besprochenen Gesetze; der

_Päderast hingegen kann sehr männliche Männer, aber ebensowohl sehr

weibliche Frauen lieben_, das letztere, _$soweit$ er $nicht$ Päderast

ist. Dennoch wird die Neigung zum männlichen Geschlechte bei ihm

stärker sein und tiefer gehen als die zum weiblichen._ Die Frage nach

dem Grunde der Päderastie bildet ein Problem für sich und bleibt für

diese Untersuchung gänzlich unerledigt.

Geschlecht und Charakter: Eine prinzipielle Untersuchung · 第 44 / 70 题