VI. Kapitel.

Die emanzipierten Frauen.

Im unmittelbaren Anschluß an die differentiell-psychologische

Verwertung des Prinzipes der sexuellen Zwischenformen muß zum ersten

Male auf jene Frage eingegangen werden, deren theoretischer und

praktischer Lösung dieses Buch recht eigentlich gewidmet ist, soweit

sie nicht theoretisch eine Frage der Ethnologie und Nationalökonomie,

also der Sozialwissenschaft im weitesten Sinne, praktisch eine

Frage der Rechts- und Wirtschaftsordnung, der sozialen Politik ist:

auf die _Frauenfrage_. Die Antwort, welche dieses Kapitel auf die

Frauenfrage geben soll, ist indes nicht eine, mit der für das Ganze

der Untersuchung das Problem erledigt wäre. Sie ist vielmehr bloß

eine vorläufige, da sie nicht mehr geben kann, als aus den bisherigen

Prinzipien ableitbar ist. Sie bewegt sich gänzlich in den Niederungen

der Einzelerfahrung, von der sie nicht zu allgemeinen Grundsätzen

von tieferer Bedeutung sich zu erheben trachtet; die praktischen

Anweisungen, die sie gibt, sind keine Maximen eines sittlichen

Verhaltens, das künftige Erfahrung regulieren sollte oder könnte,

sondern nur aus vergangener Erfahrung abstrahierte technische Regeln

zu einem sozialdiätetischen Gebrauche. Der Grund ist, daß hier noch

keineswegs an die Erfassung des männlichen und weiblichen Typus

geschritten wird, die Sache des zweiten Teiles verbleibt. Diese

provisorische Betrachtung soll nur diejenigen charakterologischen

_Ergebnisse des Prinzipes der Zwischenformen bringen, welche für die

Frauenfrage von Bedeutung sind_.

Wie diese Anwendung ausfallen wird, liegt nach dem Bisherigen ziemlich

offen zu Tage. Sie gipfelt darin, daß _Emanzipationsbedürfnis und

Emanzipationsfähigkeit einer Frau nur in dem Anteile an M begründet

liegt, den sie hat_. Der Begriff der Emanzipation ist aber ein

_vieldeutiger_, und seine Unklarheit zu steigern lag im Interesse

aller jener mit dem Worte oft verfolgten praktischen Absichten,

die theoretische Einsichten zu vertragen nicht vermochten. Unter

der Emanzipiertheit einer Frau verstehe ich weder die Tatsache,

daß in ihrem Hause sie das Regiment führt und der Gatte keinen

Widerspruch mehr wagt, noch den Mut, ohne schützenden Begleiter zur

Nachtzeit unsichere Gegenden zu passieren; weder ein Hinwegsetzen

über konventionelle gesellschaftliche Formen, welche der Frau das

Alleinleben fast verbieten, es nicht dulden, daß sie einem Manne einen

Besuch abstatte, und die Berührung sexueller Themen durch sie selbst

oder durch andere in ihrer Gegenwart verpönen; noch schließlich die

Suche nach einem selbständigen Erwerb, sei als Mittel zu diesem nun

die Handelsschule oder das Universitätsstudium, das Konservatorium

oder die Lehrerinnenbildungsanstalt gewählt. Vielleicht gibt es noch

weitere Dinge, die samt und sonders unter dem großen Schilde der

Emanzipationsbewegung sich bergen, doch soll auf diese vorderhand

nicht eingegangen werden. Die Emanzipation, die ich im Sinne habe,

ist auch nicht der Wunsch nach der äußerlichen Gleich_stellung_

mit dem Manne, sondern _problematisch_ ist dem hier vorliegenden

Versuche, zur Klarheit in der Frauenfrage zu gelangen, der _Wille_

eines _Weibes_, dem Manne _innerlich gleich zu werden_, zu seiner

geistigen und moralischen Freiheit, zu seinen Interessen und seiner

Schaffenskraft zu gelangen. Und was nun behauptet wird, ist dies, _daß

W gar kein Bedürfnis und dementsprechend auch keine Fähigkeit zu dieser

Emanzipation hat. Alle wirklich nach Emanzipation strebenden, alle mit

einem gewissen Recht berühmten und geistig irgendwie hervorragenden

Frauen weisen stets zahlreiche männliche Züge auf, und es sind an ihnen

dem schärferen Blicke auch immer anatomisch-männliche Charaktere,

ein körperlich dem Manne angenähertes Aussehen, erkennbar._ Nur den

_vorgerückteren_ sexuellen Zwischenformen, man könnte beinahe schon

sagen jenen sexuellen Mittelstufen, die gerade noch den »Weibern«

beigezählt werden, entstammen jene Frauen der Vergangenheit wie

der Gegenwart, die von männlichen und weiblichen Vorkämpfern der

Emanzipationsbestrebungen zum Beweise für die großen Leistungen von

_Frauen_ immer mit Namen angeführt werden. Gleich die erste der

geschichtlichen Abfolge nach, gleich _Sappho_ ist _konträr_sexuell,

ja von ihr schreibt sich die Bezeichnung eines geschlechtlichen

Verhältnisses zwischen Frauen mit dem Namen der sapphischen oder

lesbischen Liebe her. Hier sehen wir, wie uns die Erörterungen des

dritten und vierten Kapitels zugute kommen für eine Entscheidung in

der Frauenfrage. Das charakterologische Material, welches uns über die

sogenannten »bedeutenden Frauen«, also über die de facto Emanzipierten,

zu Gebote steht, ist zu dürftig, seine Interpretation zu vielem

Widerspruche ausgesetzt, als daß wir uns seiner mit der Hoffnung

bedienen könnten, eine _zufriedenstellende_ Lösung zu geben. Wir

bedurften eines Prinzipes, welches die Stellung eines Menschen zwischen

M und W unzweideutig festzustellen gestattete. Ein solches Prinzip

wurde gefunden in dem Gesetze der sexuellen Anziehung zwischen Mann

und Weib. Seine Anwendung auf das Problem der Homosexualität ergab,

daß die zur Frau sexuell hingezogene Frau eben ein halber Mann ist.

Damit ist aber für den historischen Einzelnachweis der These, daß der

Grad der Emanzipiertheit einer Frau mit dem Grade ihrer Männlichkeit

identisch ist, so ziemlich alles gewonnen, dessen wir bedürfen. Denn

Sappho _leitet_ die Reihe jener Frauen, die auf der Liste weiblicher

Berühmtheiten stehen und die zugleich homo- oder mindestens bisexuell

empfanden, _nur ein_. Man hat Sappho von philologischer Seite sehr

eifrig von dem Verdachte zu reinigen gesucht, daß sie wirkliche, das

bloß Freundschaftliche übersteigende Liebesverhältnisse mit Frauen

unterhalten habe, als ob dieser Vorwurf, wenn er gerechtfertigt wäre,

eine Frau sittlich sehr stark herabwürdigen müßte. Daß dem keineswegs

so ist, daß eine unsinnliche homosexuelle Liebe gerade das Weib mehr

ehrt als das heterosexuelle Verhältnis, das wird aus dem zweiten Teile

noch klar hervorgehen. Hier genüge die Bemerkung, daß die Neigung zu

lesbischer Liebe in einer Frau eben _Ausfluß ihrer Männlichkeit, diese

aber Bedingung ihres Höherstehens ist_. _Katharina II. von Rußland_ und

die Königin _Christine von Schweden_, nach einer Angabe die hochbegabte

taubstummblinde _Laura Bridgman_, sowie sicherlich die _George Sand_

sind zum Teil bisexuell, zum Teil ausschließlich homosexuell, ebenso

wie alle Frauen und Mädchen von auch nur einigermaßen in Betracht

kommender Begabung, die ich selbst kennen zu lernen Gelegenheit hatte.

Was nun aber jene große Zahl emanzipierter Weiber betrifft, über die

keine Zeugnisse lesbischen Empfindens vorliegen, so verfügen wir

hier fast immer über andere Indizien, welche beweisen, daß es keine

willkürliche Behauptung und auch kein engherziger, für das männliche

Geschlecht eben _alles_ zu reklamieren gieriger, habsüchtiger Egoismus

ist, wenn ich von der Männlichkeit aller Frauen spreche, die man sonst

mit einigem Rechte für die höhere Befähigung des Weibes anführt. Denn

wie die bisexuellen Frauen entweder mit männlichen Weibern oder mit

weiblichen Männern in geschlechtlichem Verkehre stehen, so werden

auch die heterosexuellen Frauen ihren Gehalt an Männlichkeit noch

immer dadurch offenbaren, daß ihr sexuelles Komplement auf Seite der

Männer nie ein echter Mann sein wird. Die berühmtesten unter den

vielen »Verhältnissen« der _George Sand_ sind das mit _Musset_, dem

weibischesten Lyriker, den die Geschichte kennt, und mit _Chopin_,

den man sogar als den einzigen weiblichen Musiker bezeichnen könnte

-- so weibisch ist er.[10] _Vittoria Colonna_ ist weniger berühmt

durch ihre eigene dichterische Produktion geworden als durch die

Verehrung, die _Michel Angelo_ für sie gehegt hat, der sonst nur zu

Männern in erotischem Verhältnis gestanden ist. Die Schriftstellerin

_Daniel Stern_ war die Geliebte desselben _Franz Liszt_, dessen Leben

und Lebenswerk durchaus immer etwas Weibliches an sich hat, dessen

Freundschaft für den auch nicht vollkommen männlichen und jedenfalls

etwas päderastisch veranlagten _Wagner_ fast ebensoviel Homosexualität

in sich schloß, wie die schwärmerische Verehrung, die dem letzteren von

König _Ludwig_ II. von _Bayern_ entgegengebracht wurde. Von Mme. _de

Stael_, deren Schrift über Deutschland vielleicht als das bedeutendste

Buch von Frauenhand angesehen werden muß, ist es wahrscheinlich, daß

sie in sexuellen Beziehungen zu dem homosexuellen Hauslehrer ihrer

Kinder, zu _August Wilhelm Schlegel_, gestanden ist. _Klara Schumanns_

Gatten würde man bloß dem Gesichte nach zu gewissen Zeiten seines

Lebens eher für ein Weib halten, denn für einen Mann, und auch in

seiner Musik ist viel, wenn auch nicht immer gleich viel, Weiblichkeit.

Wo alle Angaben über die Menschen fehlen, zu welchen eine sexuelle

Beziehung bestand, oder solche Personen überhaupt nicht genannt

werden, da ist oft reichlich Ersatz in kleinen Mitteilungen, die

über das Äußere berühmter Frauen auf uns gelangt sind: sie zeigen,

wie die Männlichkeit jener Frauen auch physiognomisch in Antlitz und

Gestalt zum Ausdruck kommt und bestätigen auf diese Weise, ebenso wie

die von jenen Frauen erhaltenen Porträts, die Richtigkeit der hier

vertretenen Anschauung. Es ist die Rede von _George Eliots_ breiter,

mächtiger Stirn: »ihre Bewegungen wie ihr Mienenspiel waren scharf

und bestimmt, es fehlte ihnen aber die anmutige weibliche Weichheit«;

von dem »_scharfen_, geistvollen Gesicht _Lavinia Fontanas_, das

uns seltsam anmutet«. Die Züge der _Rachel Ruysch_ »tragen einen

Charakter von fast männlicher Bestimmtheit an sich«. Der Biograph der

originellsten Dichterin, der _Annette von Droste-Hülshoff_, berichtet

von ihrer »elfenhaft schlanken, zarten Gestalt«; und das Gesicht

dieser Künstlerin ist von einem Ausdruck strenger Männlichkeit, der

ganz entfernt an _Dantes_ Züge erinnert. Die Schriftstellerin und

Mathematikerin _Sonja Kowalewska_ hatte, ebenso wie schon Sappho, einen

abnorm geringen Haarwuchs des Kopfes, einen geringeren noch, als die

Dichterinnen und Studentinnen von heutzutage ihn gewöhnlich haben, die

sich regelmäßig, wenn die Frage nach den geistigen Leistungen des

Weibes aufgeworfen wird, zuerst auf sie berufen. Und wer im Gesichte

der hervorragendsten Malerin, der _Rosa Bonheur_, auch nur _einen_

weiblichen Zug wahrzunehmen behauptete, der wäre durch den Klang des

Namens in die Irre geführt. Sehr männlich von Ansehen ist auch die

berühmte _Helene Petrowna Blavatsky_. Von den noch lebenden produktiven

und emanzipierten Frauen habe ich mit Absicht keine erwähnt,

sondern geschwiegen, obwohl _sie_ mir, wie den Anreiz zu manchen

der ausgesprochenen Gedanken, so auch die allgemeinste Bestätigung

meiner Ansicht geliefert haben, daß das echte Weib, daß W mit der

»Emanzipation des Weibes« nichts zu schaffen hat. Die historische

Nachforschung muß dem Volksmund recht geben, der ihr Resultat

längst vorweggenommen hat: »Je länger das Haar, desto kürzer der

Verstand«. Dieses Wort trifft zu mit der im zweiten Kapitel gemachten

Einschränkung.

Und was die emanzipierten Frauen anlangt: _Nur der Mann in ihnen ist

es, der sich emanzipieren will._

Es hat einen tieferen Grund, als man glaubt, warum die

schriftstellernden Frauen so oft einen Männernamen annehmen: sie

fühlen sich eben beinahe als Mann, und bei Personen wie _George

Sand_ entspricht dies völlig ihrer Neigung zu männlicher Kleidung

und männlicher Beschäftigung. Das Motiv zur Wahl eines männlichen

Pseudonyms muß in dem Gefühle liegen, daß nur ein solches der eigenen

Natur korrespondiert; es kann nicht in dem Wunsche nach größerer

Beachtung und Anerkennung von Seite der Öffentlichkeit wurzeln. Denn

was Frauen produzieren, hat seit jeher, infolge der damit verbundenen

geschlechtlichen Pikanterie, mehr Aufmerksamkeit erregt als, ceteris

paribus, die Schöpfungen von Männern, und ist, wegen der von Anfang

an immer tiefer gestimmten Ansprüche, stets nachsichtiger behandelt,

wenn es gut war, stets unvergleichlich höher gepriesen worden, als was

Männer gleich Gutes geleistet hatten. So ist das besonders heutzutage,

und es gelangen noch fortwährend Frauen durch Produkte zu großem

Ansehen, von denen man kaum Notiz nehmen würde, wenn sie männlichen

Ursprunges wären. Es ist Zeit, hier zu sondern und auszuscheiden.

Man nehme nur zum Vergleiche die männlichen Schöpfungen, welche die

Literatur-, Philosophie-, Wissenschafts- und Kunstgeschichte gelten

lassen und gebrauche diese als Maßstab: und man wird die immerhin

nicht unbeträchtliche Zahl jener Frauen, die als bedeutende Geister

immer wieder angeführt werden, gleich auf den ersten Schlag kläglich

zusammenschrumpfen sehen. In der Tat gehört sehr viel Milde und Laxheit

dazu, um Frauen wie _Angelika Kauffmann_ oder _Mme. Lebrun_, _Fernan

Caballero_ oder _Hroswitha von Gandersheim_, _Mary Somerville_ oder

_George Egerton_, _Elizabeth Barrett Browning_ oder _Sophie Germain_,

_Anna Maria Schurmann_ oder _Sibylla Merian_ auch nur ein Titelchen von

_Bedeutung_ beizulegen. Ich will davon nicht reden, wie sehr auch die

früheren, als Beispiele der Viraginität genannten Frauen im einzelnen

überschätzt werden; ich will auch das Maß des Ruhmes nicht kritisieren,

den die lebenden weiblichen Künstlerinnen geerntet haben. Es genüge die

allgemeine Feststellung, daß keine einzige unter _allen_ Frauen der

Geistesgeschichte auch nur mit männlichen Genien fünften und sechsten

Ranges, wie ihn, um Beispiele anzuführen, etwa _Rückert_ unter den

Dichtern, _van Dyck_ unter den Malern, _Schleiermacher_ unter den

Philosophen einnehmen, in concreto wahrhaft verglichen werden kann.

Scheiden wir die hysterischen Visionärinnen, wie _die Sibyllen_,

die _Pythien von Delphi_, die _Bourignon_ und die _Klettenberg_,

_Jeanne de la Motte Guyon_, _Johanna Southcott_, _Beate Sturmin_,

oder die _heilige Therese_ vorderhand aus, so bleiben nun noch Fälle

wie die der _Marie Bashkirtseff_. Diese ist (soweit ich es nach der

Erinnerung an ihr Bild zu sagen vermag) allerdings von ausgesprochen

weiblichem Körperbau gewesen, bis auf die Stirn, die mir einen etwas

männlichen Eindruck gemacht hat. Aber wer in der Salle des Étrangers

im Pariser Luxembourg ihre Bilder neben denen des von ihr geliebten

_Bastien-Lepage_ hat hängen sehen, der weiß, daß sie den Stil desselben

nicht anders und nicht minder vollkommen angenommen hat als Ottilie die

Handschrift Eduards in Goethes »Wahlverwandtschaften«.

Den langen Rest bilden jene zahlreichen Fälle, wo ein allen Mitgliedern

einer Familie eigentümliches _Talent_ zufällig in einem _weiblichen_

Mitgliede am stärksten hervortritt, ohne daß dieses im geringsten

genial zu sein braucht. Denn nur das Talent wird vererbt, nicht das

Genie. _Margaretha van Eyck_ und _Sabine von Steinbach_ geben hier

nur das Paradigma ab für eine lange Reihe jener Künstlerinnen, von

denen nach Ernst _Guhl_, einem den kunstübenden Frauen außerordentlich

gewogenen Autor, »uns ausdrücklich überliefert wird, daß sie durch

Vater, Mutter oder Bruder zur Kunst angeleitet worden sind, oder daß

sie, mit anderen Worten, den Anlaß zum Künstlerberuf in der eigenen

Familie gefunden haben. Es sind deren zweihundert bis dreihundert, und

wieviele Hunderte mögen noch außerdem durch ganz ähnliche Einflüsse zu

Künstlerinnen geworden sein, ohne daß die Geschichte deren Erwähnung

tun konnte!« Um die Bedeutung dieser Zahlenangaben zu würdigen, muß man

in Betracht ziehen, daß _Guhl_ kurz vorher »von den beiläufig tausend

Namen, die uns von weiblichen Künstlern bekannt sind«, spricht.

Hiemit sei die historische Revue über die emanzipierten Frauen

zum Abschluß gebracht. Sie hat der Behauptung, daß echtes

Emanzipationsbedürfnis und wahres Emanzipationsvermögen in der Frau

Männlichkeit voraussetzt, _recht_ gegeben. Denn die ungeheuere Überzahl

jener Frauen, die sicherlich nicht im geringsten der Kunst oder dem

Wissen _gelebt_ haben, bei denen diese Beschäftigung vielmehr an die

Stelle der üblichen »Handarbeit« tritt und in dem ungestörten Idyll

ihres Lebens nur einen _Zeitvertreib_ bedeutet -- und alle jene, denen

gedankliche wie künstlerische Tätigkeit nur eine ungeheuer angespannte

_Koketterie_ vor mehr oder weniger bestimmten Personen männlichen

Geschlechtes ist -- diese beiden großen Gruppen durfte und mußte eine

reinliche Betrachtung ausscheiden. Die übrig bleibenden erweisen sich

dem näheren Zusehen insgesamt als sexuelle Zwischenformen.

Zeigt sich aber das Bedürfnis nach Befreiung und Gleichstellung

mit dem Manne nur bei männlichen Frauen, so ist der Schluß per

inductionem _gerechtfertigt_, daß W _keinerlei Bedürfnis nach der

Emanzipation empfindet_, auch wenn einstweilen diese Folgerung, so

wie es hier ausschließlich geschehen ist, nur aus der geschichtlichen

Einzelbetrachtung und nicht aus einer Untersuchung der psychischen

Eigenschaften von W selbst abgeleitet wird.

Stellen wir uns demnach auf den hygienischen (nicht ethischen)

Standpunkt einer der natürlichen Anlage angemessensten Praxis, so

würde sich das Urteil über die »Emanzipation des Weibes« so gestalten.

Der _Unsinn_ der Emanzipationsbestrebungen liegt in der _Bewegung_,

in der _Agitation_. Durch diese vor allem verleitet, fangen, wenn

von Motiven der Eitelkeit, des Männerfanges abgesehen wird, bei der

großen imitatorischen Veranlagung der Frauen auch solche zu studieren,

zu schreiben u. s. w. an, die nie ein originäres Verlangen danach

gehabt haben; denn da es eine große Anzahl von Frauen wirklich zu

geben scheint, die aus einem gewissen inneren Bedürfnis heraus eine

Emanzipation suchen, wird von diesen auf jene das Bildungsstreben

_induziert_ und so das Frauenstudium zur _Mode_, und eine lächerliche

Agitation der Frauen unter sich läßt schließlich _alle_ an die

Echtheit dessen glauben, was der guten Hausfrau so oft nur Mittel

zu Demonstrationszwecken gegen den Mann, der Tochter so oft nur

eine ostentative Kundgebung gegen die mütterliche Gewalt ist. Das

praktische Verhalten in der ganzen Frage hätte demnach, ohne daß diese

Regel (schon ihres fließenden Charakters halber) zur Grundlage einer

Gesetzgebung gemacht werden könnte und dürfte, folgendes zu sein:

_Freien Zulaß zu allem, kein Hindernis in den Weg derjenigen, deren

wahre psychische Bedürfnisse sie, stets in Gemäßheit ihrer körperlichen

Beschaffenheit, zu männlicher Beschäftigung treiben_, für die Frauen

mit _männlichen_ Zügen. _Aber weg mit der $Partei$bildung, weg mit der

$unwahren$ Revolutionierung, weg mit der ganzen Frauen$bewegung$_, die

in so vielen widernatürliches und künstliches, im Grunde verlogenes

Streben schafft.

Und _weg_ auch mit der abgeschmackten Phrase von der »völligen

Gleichheit«! Selbst das männlichste Femininum hat wohl kaum je mehr

als 50 Prozent an M und _diesem $Feingehalte$_ dankt sie ja doch

ihre ganze Bedeutung oder besser all das, was sie eventuell bedeuten

_könnte_. Man darf keineswegs, wie dies nicht wenige intellektuelle

Frauen zu tun scheinen, aus manchen (wie schon bemerkt, ohnedies

nicht typischen) Einzelerfahrungen über den Mann, die sie zu sammeln

Gelegenheit hatten, und aus denen ja nicht die Parität, sondern gar

die Superiorität des weiblichen Geschlechtes hervorginge; allgemeine

Folgerungen ziehen, sondern muß, wie _Darwin_ dies vorschlug, die

Spitzen hier und die Spitzen dort miteinander vergleichen. Aber

»wenn je ein Verzeichnis der bedeutendsten Männer und Frauen auf dem

Gebiete der Dichtkunst, Malerei, Bildhauerei, Musik, Geschichte,

Naturwissenschaft und Philosophie hergestellt und unter jedem

Gegenstand ein halbes Dutzend Namen verzeichnet würden, so könnten

beide Listen nicht den Vergleich miteinander bestehen«. Erwägt man

nun noch, daß die Personen auf der weiblichen Liste, genau besehen,

auch nur wieder für die _Männlichkeit des Genies_ Zeugnis ablegen

würden, so ist zu erwarten, daß die Lust der Frauenrechtlerinnen, die

Zusammenstellung eines solchen Verzeichnisses zu wagen, noch geringer

werden dürfte, als sie bisher es gewesen ist.

Der übliche Einwurf, der auch jetzt erhoben werden wird, lautet

dahin, daß die Geschichte nichts beweise, da die Bewegung erst Raum

schaffen müsse für eine ungehemmte, volle geistige Entwicklung der

Frau. Dieser Einwand verkennt, daß es emanzipierte Frauen, eine

Frauenfrage, eine Frauenbewegung zu _allen_ Zeiten gegeben hat, wenn

auch in den verschiedenen Epochen mit verschiedener Lebhaftigkeit;

er übertreibt immens die Schwierigkeiten, welche den nach geistiger

Bildung strebenden Frauen von Seite des Mannes irgendwann gemacht

wurden, und auch angeblich gerade jetzt wieder bereitet werden[11]; er

übersieht schließlich wiederum, daß auch heute nicht das wirkliche Weib

die Forderung der Emanzipation erhebt, sondern daß dies durchwegs nur

männlichere Frauen tun, die ihre eigene Natur mißdeuten und die Motive

ihres Handelns nicht einsehen, wenn sie im Namen des Weibes zu sprechen

glauben.

Wie jede andere Bewegung der Geschichte, so war auch die Frauenbewegung

überzeugt, daß sie erstmalig, neu, noch nie dagewesen war; ihre

Vorkämpferinnen lehrten, daß bislang das Weib in Finsternis

geschmachtet habe und in Fesseln gelegen sei, während es nun erst

sein natürliches Recht zu begreifen und zu beanspruchen beginne. Wie

für jede andere geschichtliche Bewegung, so hat man aber auch für die

Frauenbewegung Analogien weiter und weiter zurückverfolgen können;

nicht nur in _sozialer_ Beziehung gab es im Altertum und im Mittelalter

eine Frauenfrage, sondern auch für die _geistige_ Emanzipation

waren zu längst entschwundenen Zeiten produktive Frauen durch ihre

Leistungen selbst wie männliche und weibliche Apologeten des weiblichen

Geschlechtes durch theoretische Darlegungen tätig. So ist denn jener

Glaube ganz irrig, der dem Kampfe der Frauenrechtlerinnen so viel

Eifer und Frische verliehen hat, daß bis auf die letzten Jahre die

Frauen noch nie Gelegenheit zur ungestörten Entfaltung ihrer geistigen

Entwicklungsmöglichkeiten gehabt hätten. Jakob _Burckhardt_ erzählt

von der Renaissance: »Das Ruhmvollste, was damals von den großen

Italienerinnen gesagt wird, ist, daß sie einen männlichen Geist, ein

männliches Gemüt hätten. Man braucht nur die völlig männliche Haltung

der meisten Weiber in den Heldengedichten, zumal bei Bojardo und

Ariosto, zu beachten, um zu wissen, daß es sich hier um ein bestimmtes

Ideal handelt. Der Titel einer »Virago«, den unser Jahrhundert für ein

sehr zweideutiges Kompliment hält, war damals reiner Ruhm.« Im XVI.

Jahrhundert wurde den Frauen die Bühne freigegeben, es sah die ersten

Schauspielerinnen. »Zu jener Zeit wurde die Frau für fähig gehalten,

gleich den Männern das höchste Maß von Bildung zu erreichen.« Es

ist die Zeit, da ein Panegyrikus nach dem anderen auf das weibliche

Geschlecht erscheint, Thomas _Morus_ seine völlige Gleichstellung mit

dem männlichen verlangt, und _Agrippa von Nettesheim_ die Frauen sogar

hoch über die Männer erhebt. Und jene großen Erfolge des weiblichen

Geschlechtes wurden wieder verloren, die ganze Zeit tauchte unter

in eine Vergessenheit, aus der sie erst das XIX. Jahrhundert wieder

hervorholte.

Ist es nicht sehr auffallend, daß die Frauenemanzipationsbestrebungen

in der Weltgeschichte in konstanten Intervallen, in gewissen sich

gleich bleibenden zeitlichen Abständen aufzutreten scheinen?

Im X. Jahrhundert, im XV. und XVI. und jetzt wieder im XIX. und XX.

hat es allem Ermessen nach viel mehr emanzipierte Weiber und eine

stärkere Frauenbewegung gegeben als in den dazwischen liegenden

Zeiten. Es wäre voreilig, hierauf schon eine Hypothese zu gründen,

doch muß man immerhin die Möglichkeit ins Auge fassen, daß hier eine

gewaltige Periodizität vorliegt, vermöge deren in regelmäßigen Phasen

mehr Zwittergeburten, mehr Zwischenformen auf die Welt kommen als in

den Intervallen. Bei Tieren sind solche Perioden in verwandten Dingen

beobachtet worden.

Es wären das unserer Anschauung gemäß Zeiten von minderem

Gonochorismus; und es würde die Tatsache, daß zu gewissen Zeiten

mehr männliche Weiber geboren werden als sonst, als Pendant auf

der Gegenseite verlangen, daß in der gleichen Zeit auch mehr

weibliche Männer auf die Welt gebracht werden. Und dies sehen wir in

überraschendem Maße ebenfalls zutreffen. Der ganze »sezessionistische

Geschmack«, der den großen, schlanken Frauen mit flachen Brüsten und

schmalen Hüften den Preis der Schönheit zuerkennt, ist vielleicht

hierauf zurückzuführen. Die ungeheuere Vermehrung des Stutzertums

wie der Homosexualität in den letzten Jahren kann ihren Grund nur in

einer größeren Weiblichkeit der jetzigen Ära haben. Und nicht ohne

tiefere Ursache sucht der ästhetische wie der sexuelle Geschmack dieses

Zeitalters Anlehnung bei dem der Präraphaeliten.

Wenn es im organischen Leben solche Perioden gibt, die den

Oszillationen im Leben des einzelnen gleichen, aber sich über

mehrere Generationen hinweg erstrecken, so eröffnet uns dies eine

weitere Aussicht auf das Verständnis so mancher dunkler Punkte

auch in der menschlichen Geschichte, als es die prätentiösen

»Geschichtsauffassungen«, die sich in der jüngsten Zeit so gehäuft

haben, insbesondere die ökonomisch-materialistische Ansicht, anzubahnen

vermocht haben. Sicherlich ist von einer _biologischen_ Betrachtung

auch der menschlichen _Geschichte_ noch unendlich viel Aufschluß in

der Zukunft zu erwarten. Hier soll nur die Nutzanwendung auf den

vorliegenden Fall gesucht werden.

Wenn es richtig ist, daß zu gewissen Zeiten mehr, zu anderen weniger

hermaphroditische Menschen geboren werden, so wäre als die _Folge_

dessen vorauszusehen, daß die Frauenbewegung größtenteils _von selbst

sich wieder verlaufen_ und nach längerer Zeit erst wieder zum Vorschein

kommen würde, um wieder unter- und emporzutauchen in einem Rhythmus

ohne Ende. Es würden eben die Frauen, die sich selbst emanzipieren

_wollten_, bald in größerer, bald in weit geringerer Anzahl _geboren_

werden.

Von den ökonomischen Verhältnissen, welche auch die sehr weibliche

Frau des kinderreichen Proletariers in die Fabrik oder zur Bauarbeit

drängen können, ist hier natürlich nicht die Rede. Der Zusammenhang

der industriellen und gewerblichen Entwicklung mit der Frauenfrage ist

viel lockerer, als er, besonders von sozialdemokratischen Theoretikern,

gewöhnlich hingestellt wird, und noch viel weniger besteht ein enger

ursächlicher Konnex zwischen den Bestrebungen, die auf die geistige,

und jenen, die auf die wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit gerichtet

sind. In Frankreich z. B. ist es, obwohl es drei der hervorragendsten

Frauen hervorgebracht hat, niemals einer Frauen_bewegung_ recht

eigentlich gelungen, Wurzel zu fassen, und doch sind in keinem Lande

Europas so viele Frauen selbständig geschäftlich tätig als eben dort.

Der Kampf um das materielle Auskommen hat also mit dem Kampfe um einen

geistigen Lebensinhalt, wenn wirklich von Seite einer Gruppe von

Frauen ein solcher geführt wird, nichts zu tun und ist scharf von ihm

zu scheiden.

Die Prognose, welche dieser letzteren Bewegung, der auf dem geistigen

Gebiete, gestellt wurde, war keine erfreuliche; sie ist wohl noch

trostloser als die Aussicht, die man ihr auf den Weg mitgeben könnte,

wenn mit einigen Autoren eine _fortschreitende_ Entwicklung des

Menschengeschlechtes zu _völliger_ sexueller _Differenzierung_, also

einem ausgesprochenen Geschlechts-Dimorphismus entgegen, anzunehmen

wäre.

Die letztere Meinung scheint mir aus dem Grunde unhaltbar, weil im

Tierreich durchaus nicht eine mit der höheren systematischen Stellung

_zu_nehmende Geschlechtertrennung sich verfolgen läßt. Gewisse

Gephyreen und Rotatorien, viele Vögel, ja selbst unter den Affen noch

der Mandrill tun einen viel stärkeren Gonochorismus kund, als er beim

Menschen, vom morphologischen Standpunkte aus, sich beobachten läßt.

Während aber diese Vermutung eine Zeit voraussagt, wo wenigstens das

_Bedürfnis_ nach der Emanzipation _für immer_ erloschen sein und es nur

mehr komplette Masculina und komplette Feminina geben würde, verurteilt

die Annahme einer periodischen Wiederkehr der Frauenbewegung das

ganze Streben der Frauenrechtlerinnen in grausamster Weise zu einer

schmerzlichen Ohnmacht, es läßt ihr gesamtes Tun unter dem Aspekte

einer Danaidenarbeit erscheinen, deren Erfolge mit der fortschreitenden

Zeit wieder von selbst in das gleiche Nichts zerrinnen.

Dieses trübe Los könnte der Emanzipation der Frauen gefallen sein, wenn

diese immer weiter ihre Ziele nur im _Sozialen_, in der historischen

Zukunft der _Gattung_ suchte und ihre Feinde blind unter den Männern

und in den von Männern geschaffenen rechtlichen Institutionen wähnte.

Dann freilich müßte das Korps der Amazonen formiert werden, und es wäre

nie ein Dauerndes gewonnen, wenn jenes geraume Zeit nach seiner Bildung

immer wieder sich auflöste. Insoferne bietet die Renaissance und ihr

spurloses Verschwinden den Frauenrechtlerinnen eine Lehre. Die wahre

Befreiung des Geistes kann nicht von einem noch so großen und noch so

wilden Heere gesucht werden, um sie muß das einzelne Individuum für

sich allein kämpfen. Gegen wen? Gegen das, was im eigenen Gemüte sich

dawiderstemmt. _Der größte, der einzige Feind der Emanzipation der Frau

ist die Frau._

Dies zu beweisen, ist Aufgabe des zweiten Teiles.

Geschlecht und Charakter: Eine prinzipielle Untersuchung · 第 46 / 70 题