A = (k . f(t))/(α - β) k = 0,
so wird A = 0, d. h. zwischen zwei lebenden Individuen von allzu
verschiedener Abstammung findet auch keinerlei merkliche Anziehung mehr
statt.
Da der Sodomieparagraph in den Strafgesetzbüchern nicht für nichts und
wieder nichts enthalten sein dürfte, da sexuelle Akte sogar zwischen
Mensch und Henne schon zur Beobachtung gelangt sind, sieht man, daß
k innerhalb sehr _weiter_ Grenzen größer als Null bleibt. Wir dürfen
also die beiden fraglichen Individuen nicht auf dieselbe Art, ja nicht
einmal auf die gleiche Klasse beschränken.
Daß alles Zusammentreffen männlicher und weiblicher Organismen nicht
Zufallssache ist, sondern unter der Herrschaft bestimmter Gesetze
steht, ist eine neue Anschauung, und das Befremdliche in ihr -- es
wurde vorhin daran gerührt -- zwingt zu einer Erörterung der tiefen
Frage nach der geheimnisvollen Natur dieser sexuellen Anziehung.
Bekannte Versuche von Wilhelm _Pfeffer_ haben gezeigt, daß die
Spermatozoiden verschiedener Kryptogamen nicht bloß durch die
weiblichen Archegonien in natura, sondern ebenso durch Stoffe angezogen
werden, die entweder von diesen auch unter gewöhnlichen Verhältnissen
wirklich ausgeschieden werden, oder künstlich hergestellt sind, und
oft sogar durch solche Stoffe, die mit den Samenfäden sonst nie in
Berührung zu treten Gelegenheit hätten, wenn nicht die eigentümliche
Versuchsanlage dies vermittelte, weil sie in der Natur gar nicht
vorkommen. So werden die Spermatozoiden der Farne durch die aus den
Archegonien ausgeschiedene Äpfelsäure, aber auch durch synthetisch
dargestellte Äpfelsäure, ja sogar durch Maleinsäure, die der Laubmoose
durch Rohrzucker angezogen. Das Spermatozoon, das, wir wissen nicht
wie, durch Unterschiede in der Konzentration der Lösung beeinflußt
wird, bewegt sich nach der Richtung der stärkeren Konzentration hin.
_Pfeffer_ hat diese Bewegungen _chemotaktische_ genannt und für jene
ganzen Erscheinungen wie für andere Fälle asexueller Reizbewegungen den
Begriff des _Chemotropismus_ geschaffen. Vieles spräche nun dafür, daß
die Anziehung, welche das Weibchen, beim Tiere vom Männchen durch die
Sinnesorgane aus der Ferne perzipiert, auf das Männchen ausübt (und
vice versa), als eine der chemotaktischen in gewissen Punkten analoge
zu betrachten sei.
Sehr wahrscheinlich ist ein Chemotropismus die Ursache jener
energischen und hartnäckigen Bewegung, welche die Samenfäden auch
der Säugetiere, _entgegen_ der Richtung der von innen nach außen,
vom Körper gegen den Hals der Gebärmutter zu flimmernden Wimpern der
Uterusschleimhaut, ganze Tage hindurch ohne jede äußere Unterstützung
selbständig verfolgen. Mit unglaublicher, fast rätselhafter Sicherheit
weiß allen mechanischen und sonstigen Hindernissen zum Trotz das
Spermatozoon die Eizelle aufzufinden. Am eigentümlichsten berühren
in dieser Hinsicht die ungeheuren Wanderungen so mancher Fische; die
Lachse wandern viele Monate lang, ohne Nahrung zu sich zu nehmen, aus
dem Meere gegen die Wogen des Rheins stromaufwärts, um nahe seinem
Ursprung an sicherer, nahrungsreicher Stätte zu laichen.
Anderseits sei an die hübsche Schilderung erinnert, die P. _Falkenberg_
von dem Befruchtungsvorgang bei einigen niederen Algen des
mittelländischen Meeres entwirft. Wenn wir von den Linien der Kraft
sprechen, die zwei ungleichnamige Magnetpole gegeneinander bewegt, so
haben wir es hier nicht minder mit einer solchen Naturkraft zu tun, die
mit unwiderstehlicher Gewalt das Spermatozoon gegen das Ei treibt. Der
Unterschied wird hauptsächlich darin liegen, daß die Bewegungen der
_leblosen_ Materie Verschiebungen in den Spannungszuständen _umgebender
Medien_ voraussetzen, während die Kräfte der _lebenden_ Materie in
den Organismen selbst, als wahren _Kraftzentren_, lokalisiert sind.
Nach _Falkenbergs_ Beobachtungen überwanden die Spermatozoiden
bei ihrer Bewegung nach der Eizelle hin selbst die Kraft, die sie
sonst dem einfallenden Lichte entgegengeführt hätte. Stärker als
die _$photo$taktische_ wäre also die _$chemo$taktische Wirkung,
Geschlechtstrieb genannt_.
Wenn zwei nach unseren Formeln schlecht zusammenpassende Individuen
eine Verbindung eingehen und später das wirkliche Komplement des einen
erscheint, so stellt sich die Neigung, den früheren notdürftigen Behelf
zu verlassen, auf der Stelle mit naturgesetzlicher Notwendigkeit ein.
_Der Ehebruch ist da_: als Elementarereignis, als Naturphänomen, wie
wenn FeSO_{4} mit 2 KOH zusammengebracht wird und die SO_{4}-Ionen
nun sofort die Fe-Ionen verlassen und zu den K-Ionen übergehen. Wer
moralisch billigen oder verwerfen wollte, wenn in der _Natur_ ein
Ausgleich von Potentialdifferenzen zu erfolgen droht, würde vielen eine
lächerliche Figur zu spielen scheinen.
Dies ist ja auch der Grundgedanke der _Goethe_schen
»Wahlverwandtschaften«, wie er dort als tändelndes Präludium, voll
ungeahnter Zukunftsbedeutung, im vierten Kapitel des ersten Teiles
von denen entwickelt wird, die seine tiefe schicksalsschwere Wahrheit
nachher an sich selbst erfahren sollen; und diese Darlegung ist
nicht wenig stolz darauf, die erste zu sein, welche jenen Gedanken
wieder aufnimmt. Dennoch will sie, so wenig es Goethe wollte, den
Ehebruch verteidigen, ihn vielmehr nur begreiflich machen. Es gibt
_im Menschen_ Motive, die dem Ehebruch erfolgreich entgegenwirken und
ihn verhindern können. Hierüber wird im zweiten Teile noch zu handeln
sein. Daß auch die niedere Sexualsphäre beim Menschen nicht so streng
in den Kreis der Naturgesetzlichkeit gebannt ist wie die der übrigen
Organismen, dafür ist immerhin schon dies ein Anzeichen, daß der
Mensch in _allen_ Jahreszeiten sexuell ist und bei ihm die Reste einer
besonderen Brunstzeit im Frühjahr viel schwächer sind als selbst bei
den Haustieren.
Das Gesetz der sexuellen Affinität zeigt weiter, freilich neben
radikalen Unterschieden, noch Analogien zu einem bekannten Gesetze der
theoretischen Chemie. Zu den vom »Massenwirkungsgesetz« geregelten
Vorgängen ist nämlich unsere Regel insofern analog, als z. B. eine
stärkere Säure sich vornehmlich mit der stärkeren Base ebenso verbindet
wie das männlichere mit dem weiblicheren Lebewesen. Doch besteht
hier mehr als ein Novum gegenüber dem toten Chemismus. Der lebendige
Organismus ist vor allem keine homogene und isotrope, in beliebig
viele, qualitativ gleiche Teile spaltbare Substanz: das »principium
individuationis«, die Tatsache, daß alles, was lebt, als Individuum
lebt, _ist identisch mit der Tatsache der Struktur_. Es kann also hier
nicht wie dort ein größerer Teil die eine, ein kleinerer die andere
Verbindung eingehen und ein Nebenprodukt liefern. Der Chemo_tropismus_
kann ferner auch ein _negativer_ sein. Von einer gewissen Größe der
Differenz α - β an in der Formel II erhalten wir eine negative, d. h.
entgegengesetzt gerichtete Anziehung, das Vorzeichen hat zu wechseln:
_sexuelle Abstoßung liegt vor_. Zwar kann auch beim toten Chemismus
_dieselbe_ Reaktion mit _verschiedener Geschwindigkeit_ erfolgen. Nie
aber kann, nach den neuesten Anschauungen wenigstens, etwa durch einen
Katalysator statt des absoluten Fehlens (in unserem Falle sozusagen
des Gegenteils) einer Reaktion diese selbe Reaktion in längerer oder
kürzerer Zeit bewirkt werden; sehr wohl dagegen eine Verbindung, die
sich von einer gewissen Temperatur an bildet, bei einer höheren sich
wieder zersetzt und umgekehrt. Ist hier die _Richtung_ der Reaktion
eine Funktion der Temperatur, so dort oft eine solche der Zeit.
In der Bedeutung des Faktors t, der »Reaktionszeit«, liegt nun aber
wohl die letzte Analogie der sexuellen Anziehung zum Chemismus,
wenn man solche Vergleiche zu ziehen nicht von vornherein allzu
schroff ablehnt. Man könnte auch hier an eine Formel für die
_Reaktionsgeschwindigkeit_, die verschiedenen Grade der Schnelligkeit,
mit denen die sexuelle Reaktion zwischen zwei Individuen sich
entwickelt, denken und etwa gar A nach t zu differenzieren versuchen.
Doch soll die Eitelkeit auf das »mathematische Gepränge« (_Kant_)
niemand verleiten, an so komplizierte und schwierige Verhältnisse, an
Funktionen, deren Stetigkeit eben sehr fraglich ist, schon mit einem
Differentialquotienten heranzurücken. Was gemeint ist, leuchtet wohl
auch so ein: sinnliches Verlangen kann zwischen zwei Individuen, die
längere Zeit beisammen, besser noch: _miteinander eingesperrt_ sind,
sich auch entwickeln, wo vorher keines oder gar Abstoßung vorlag,
ähnlich einem chemischen Prozesse, der sehr viel Zeit in Anspruch
nimmt, ehe merklich wird, daß er vor sich geht. Zum Teil hierauf beruht
ja wohl auch der Trost, den man ohne Liebe Heiratenden mitzugeben
pflegt: Das stelle sich »schon später« ein; es komme »_mit der Zeit_«.
Man sieht: viel Wert ist auf die Analogie mit der Affinität im toten
Chemismus nicht zu legen. Es schien mir aber _aufklärend_, derartige
Betrachtungen anzustellen. Selbst ob die sexuelle Anziehung unter
die Tropismen zu subsumieren ist, bleibt noch unentschieden, und
keineswegs ist, auch wenn es für die _Sexualität feststände_, damit
auch schon _implicite_ etwas über die _Erotik_ ausgemacht. Das Phänomen
der Liebe bedarf noch einer anderen Behandlung, die ihm der zweite
Teil zu geben versuchen soll. Dennoch bestehen zwischen den Formen, in
denen leidenschaftlichste Anziehung selbst unter Menschen auftritt, und
jenen Chemotropismen noch unleugbare Analogien; ich verweise auf die
Schilderung des Verhältnisses zwischen Eduard und Ottilie eben in den
»Wahlverwandtschaften«.
Mit der Nennung dieses Romanes war bereits einmal ein kurzes Eingehen
auf das Problem der Ehe gegeben, und einige Nutzanwendungen, welche
aus dem Theoretischen dieses Kapitels für die Praxis folgen, sollen
ebenfalls zunächst an das Problem der Ehe geknüpft werden. Das für
die sexuelle Anziehung aufgestellte eine Gesetz, dem die anderen sehr
ähnlich gebaut zu sein scheinen, lehrt nämlich, daß, weil unzählige
sexuelle Zwischenstufen existieren, es auch immer _zwei_ Wesen geben
wird, die _am besten_ zueinander passen. _Insofern_ ist also die Ehe
gerechtfertigt und »freie Liebe«, von diesem biologischen Standpunkte
aus zu verwerfen. Freilich wird die Frage der Monogamie durch andere
Verhältnisse, z. B. durch später zu erwähnende Periodizitäten wie auch
durch die besprochene Veränderung des Geschmackes mit zunehmendem
Alter, wieder bedeutend kompliziert und die Leichtigkeit einer Lösung
vermindert.
Eine zweite Folgerung ergibt sich, wenn wir uns der Heterostylie
erinnern, insbesondere der Tatsache, daß aus der »illegitimen
Befruchtung« fast lauter entwicklungsunfähige Keime hervorgehen. Dies
legt bereits den Gedanken nahe, daß auch bei den anderen Lebewesen die
stärkste und gesündeste Nachkommenschaft aus Verbindungen hervorgehen
werde, in denen wechselseitige geschlechtliche Anziehung in hohem
Ausmaße besteht. So spricht auch das Volk längst von den »Kindern
der Liebe« in ganz besonderer Weise, und glaubt, daß diese schönere,
bessere, prächtigere Menschen werden. Aus diesem Grunde wird, selbst
wer keinen speziellen Beruf zum Menschenzüchter in sich fühlt, schon
um der Hygiene willen die bloße Geldheirat, die sich von Verstandesehe
noch erheblich unterscheiden kann, mißbilligen.
Ferner dürfte auf die Tierzucht, wie ich nebenbei bemerken will,
die Beachtung der Gesetze sexueller Anziehung vielleicht einen
ziemlichen Einfluß gewinnen. Man wird zunächst den sekundären
Geschlechtscharakteren, und dem Grade ihrer Ausbildung in den beiden zu
kopulierenden Individuen mehr Aufmerksamkeit als bisher schenken. Die
künstlichen Prozeduren, die man vornimmt, um Weibchen durch männliche
Zuchttiere auch dann belegen zu lassen, wenn diese an jenen wenig
Gefallen gefunden haben, verfehlen gewiß im einzelnen ihren Zweck
keineswegs, sie sind aber im allgemeinen stets von irgend welchen üblen
Folgen begleitet; die ungeheuere Nervosität beispielsweise der durch
Unterschiebung falscher Stuten gezeugten Hengste, die man, trotz jedem
modernen jungen Mann, mit Brom und anderen Medikamenten füttern muß,
geht sicherlich in letzter Linie hierauf zurück, ähnlich wie an der
körperlichen Degeneration des modernen Judentums nicht zum wenigsten
der Umstand beteiligt sein mag, daß bei den Juden viel häufiger als
irgend sonstwo auf der Welt die Ehen der Heiratsvermittler und nicht
die Liebe zustande bringt.
_Darwin_ hat in seinen auch hierfür grundlegenden Arbeiten durch
sehr ausgedehnte Experimente und Beobachtungen festgestellt, was
seither allgemein bestätigt worden ist: daß sowohl ganz nahe
verwandte Individuen als auch anderseits solche von allzu ungleichem
Artcharakter einander sexuell weniger anziehen als gewisse »unbedeutend
verschiedene«, und daß, wenn es trotzdem dort zur Befruchtung kommt,
der Keim entweder in den Vorstadien der Entwicklung abstirbt oder ein
schwächliches, selbst meist nicht mehr reproduktionsfähiges Produkt
entsteht, wie eben auch bei den heterostylen Pflanzen »_legitime_
Befruchtung« _mehr_ und _besseren_ Samen liefert als alle anderen
Kombinationen.
_Es gedeihen also stets am besten diejenigen Keime, deren Eltern die
größte sexuelle Affinität gezeigt haben._
Aus dieser Regel, die wohl als allgemein gültig zu betrachten
ist, folgt die Richtigkeit des bereits aus dem Früheren gezogenen
Schlusses: Wenn schon geheiratet wird und Kinder gezeugt werden, dann
sollen diese wenigstens nicht aus der Überwindung einer sexuellen
Abstoßung hervorgegangen sein, die nicht ohne eine Versündigung an
der körperlichen und geistigen Konstitution des Kindes geschehen
könnte. Sicherlich bilden einen großen Teil der unfruchtbaren Ehen die
Ehen ohne Liebe. Die alte Erfahrung, nach der beiderseitige sexuelle
Erregung beim Geschlechtsakte die Aussichten der Konzeption erhöhen
soll, gehört wohl auch teilweise in diese Sphäre und wird aus der von
Anfang an größeren Intensität des Sexualtriebes zwischen zwei einander
wohl ergänzenden Individuen leichter verständlich.