Arrhenoplasma und Thelyplasma.
Die nächste Erwartung, welche eine Arbeit zu befriedigen hätte, in
deren Plan eine universelle Revision aller einschlägigen Tatsachen
gelegen wäre, würde sich auf eine neue und vollständige Darstellung
der anatomischen und physiologischen Eigenschaften der sexuellen
Typen richten. Da ich aber selbständige Untersuchungen zum Zwecke
einer Lösung dieser umfassenden Aufgabe nicht angestellt habe, und
eine Beantwortung jener Fragen für die _letzten_ Ziele dieses Buches
mir nicht notwendig erscheint, so muß ich auf dieses Unternehmen von
vornherein Verzicht leisten -- ganz abgesehen davon, ob es die Kräfte
eines einzelnen nicht bei weitem übersteigt. Eine Kompilation der
in der Literatur niedergelegten Ergebnisse wäre überflüssig, denn
eine solche ist in vorzüglicher Weise von _Havelock Ellis_ besorgt
worden. Aus den von ihm gesammelten Resultaten die sexuellen Typen
auf dem Wege wahrscheinlicher Schlußfolgerungen zu gewinnen, bliebe
hypothetisch und würde der Wissenschaft nicht eine einzige Neuarbeit
zu ersparen vermögen. Die Erörterungen dieses Kapitels sind darum
mehr formaler und allgemeiner Natur, sie gehen auf die biologischen
Prinzipien, zum Teil wollen sie auch jener notwendigen Arbeit der
Zukunft die Berücksichtigung bestimmter einzelner Punkte ans Herz legen
und so derselben förderlich zu werden versuchen. Der biologische Laie
kann diesen Abschnitt überschlagen, ohne das Verständnis der übrigen
hiedurch sehr zu beeinträchtigen.
Es wurde die Lehre von den verschiedenen Graden der Männlichkeit und
Weiblichkeit vorderhand rein anatomisch entwickelt. Die Anatomie wird
aber nicht nur nach den Formen fragen, in denen, sondern auch nach den
Orten, an denen sich Männlichkeit und Weiblichkeit ausprägt. Daß die
Sexualität nicht bloß auf die Begattungswerkzeuge und die Keimdrüsen
beschränkt ist, geht schon aus den früher als Beispielen sexueller
Unterschiedenheit erwähnten Körperteilen hervor. Aber wo ist hier die
Grenze zu ziehen, mit anderen Worten, wo steckt das Geschlecht und
wo steckt es nicht? Ist es bloß auf die »primären« und »sekundären«
Sexualcharaktere beschränkt? Oder reicht sein Umfang nicht viel weiter?
Es scheint nun eine große Anzahl in den letzten Jahrzehnten
aufgefundener Tatsachen zur Wiederaufnahme einer Lehre zu zwingen,
welche in den vierziger Jahren des XIX. Jahrhunderts aufgestellt
wurde, aber wenig Anhänger fand, da ihre Konsequenzen dem Begründer
der Theorie selbst ebenso wie ihren Bestreitern einer Reihe von
Forschungsergebnissen zu widersprechen schienen, die zwar nicht jenem,
aber diesen als unumstößlich galten. Ich meine unter dieser Anschauung,
welche, mit einer Modifikation, die Erfahrung uns gebieterisch abermals
aufnötigt, die Lehre des Kopenhagener Zoologen Joh. Japetus Sm.
_Steenstrup_, der behauptet hatte, _das Geschlecht stecke überall im
Körper_.
Ellis hat zahlreiche Untersuchungen über fast alle Gewebe des
Organismus excerpiert, die überall Unterschiede der Sexualität
nachweisen konnten. Ich will erwähnen, daß der typisch männliche und
der typisch weibliche »Teint« sehr voneinander verschieden sind; dies
berechtigt zur Annahme sexueller Differenzen in den Zellen der Cutis
und der Blutgefäße. Aber auch in der Menge des Blutfarbstoffes, in
der Zahl der roten Blutkörperchen im Kubikcentimeter der Flüssigkeit
sind solche gesichert. _Bischoff_ und _Rüdinger_ haben im Gehirne
Abweichungen der Geschlechter voneinander festgestellt, und Justus und
Alice _Gaule_ in der jüngsten Zeit solche auch in vegetativen Organen
(Leber, Lunge, Milz) aufgefunden. Tatsächlich wirkt auch _alles_ am
Weibe, wenn auch gewisse Zonen stärker und andere schwächer, »_erogen_«
auf den Mann, und ebenso _alles_ am Manne sexuell anziehend und
erregend auf das Weib.
Wir können so zu der vom formal-logischen Standpunkt hypothetischen,
aber durch die Summe der Tatsachen fast zur Gewißheit erhobenen
Anschauung fortschreiten: _jede Zelle des Organismus ist_ (wie wir
vorläufig sagen wollen) _geschlechtlich charakterisiert, oder hat
eine bestimmte sexuelle Betonung_. Unserem Prinzipe der Allgemeinheit
der sexuellen Zwischenformen gemäß werden wir gleich hinzufügen, _daß
diese sexuelle Charakteristik verschieden hohe Grade haben kann_.
Diese sofort zu machende Annahme einer verschieden starken Ausprägung
der sexuellen Charakteristik ließe uns auch den Pseudo- und sogar
den echten Hermaphroditismus (dessen Vorkommen für viele Tiere,
wenn auch nicht mit Sicherheit für den Menschen, seit _Steenstrups_
Zeit über allen Zweifel erhoben worden ist) unserem Systeme leicht
eingliedern. _Steenstrup_ sagte: »Wenn das Geschlecht eines Tieres
wirklich seinen Sitz allein in den Geschlechtswerkzeugen hätte, so
könnte man sich noch zwei Geschlechter in einem Tiere gesammelt, zwei
solche Geschlechtswerkzeuge an die Seite voneinander gestellt denken.
Aber das Geschlecht ist nicht etwas, welches seinen Sitz in einer
gegebenen Stelle hat, oder welches sich nur durch ein angegebenes
Werkzeug äußert; es wirkt durch das ganze Wesen, und hat sich in jedem
Punkte davon entwickelt. In einem männlichen Geschöpfe ist jeder,
auch der kleinste Teil männlich, mag er dem entsprechenden Teile von
einem weiblichen Geschöpfe noch so ähnlich sein, und in diesem ist
ebenso der allerkleinste Teil nur weiblich. Eine Vereinigung von
beiden Geschlechtswerkzeugen in einem Geschöpfe würde deshalb dieses
erst zweigeschlechtlich machen, wenn die Naturen beider Geschlechter
durch den ganzen Körper herrschen und sich auf jeden einzelnen
Punkt davon geltend machen könnten -- etwas, das sich infolge des
Gegensatzes beider Geschlechter nur als eine gegenseitige Aufhebung
voneinander, als ein Verschwinden alles Geschlechtes in einem solchen
Geschöpfe äußern könnte.« Wenn jedoch, und hiezu scheinen alle
empirischen Tatsachen zu zwingen, _das Prinzip der unzähligen sexuellen
Übergangsstufen zwischen M und W auf alle Zellen des Organismus
ausgedehnt wird_, so entfällt die Schwierigkeit, an der _Steenstrup_
Anstoß nahm, und das Zwittertum ist keine Naturwidrigkeit mehr. Von der
völligen Männlichkeit an in allen Vermittlungen bis zu deren gänzlichem
Fehlen, welches mit dem Vorhandensein der absoluten Weiblichkeit
zusammenfiele, sind danach _unzählige verschiedene sexuelle
Charakteristiken_ jeder einzelnen Zelle denkbar. Ob diese Graduierung
in einer Skala von Differenzialien wirklich unter dem Bilde _zweier
realer_, jeweils in anderem Verhältnis zusammentretender Substanzen zu
denken ist, oder ein _einheitliches_ Protoplasma in unendlich vielen
Modifikationen (etwa räumlich verschiedenen Anordnungen der Atome in
großen Molekülen) anzunehmen ist, darüber tut man gut, sich jeder
Vermutung zu enthalten. Die erste Annahme wird physiologisch nicht
gut verwendbar sein -- man denke an eine männliche oder weibliche
Körperbewegung und die dann notwendige Duplizität in den bestimmenden
Verhältnissen ihrer realen, physiologisch doch immer einheitlichen
Erscheinungsform; die zweite erinnert zu sehr an wenig geglückte
Spekulationen über die Vererbung. Vielleicht sind beide gleich weit von
der Wahrheit entfernt.
Worin die Männlichkeit (Maskulität) oder Weiblichkeit (Muliebrität)
einer Zelle eigentlich bestehen mag, welche histologischen,
molekular-physikalischen oder gar chemischen Unterschiede jede Zelle
von W trennen mögen von jeder Zelle von M, darüber ist eine Aussage
auch auf dem Wege der Wahrscheinlichkeit heute empirisch nicht zu
begründen. Ohne also irgend einer späteren Untersuchung vorzugreifen
(die wohl die Unableitbarkeit des spezifisch Biologischen aus
Physik und Chemie zur Genüge eingesehen haben wird), läßt sich die
Annahme _verschieden_ starker sexueller Betonungen auch für alle
_Einzelzellen_, nicht bloß für den _ganzen_ Organismus als ihre Summe,
mit guten Gründen verteidigen. Weibliche Männer haben meist auch eine
insgesamt weiblichere Haut, die Zellen der männlichen Organe haben bei
ihnen schwächere Tendenzen zur Teilung, worauf das geringere Wachstum
makroskopischer Sexualcharaktere unbedingt zurückweist, u. s. w.
Nach dem verschiedenen Grade der makroskopischen Ausprägung der
sexuellen Charakteristik ist auch die Einteilung der Sexualcharaktere
zu treffen; ihre Anordnung fällt im großen zusammen mit der Stärke
ihrer erogenen Wirkung auf das andere Geschlecht (wenigstens im
Tierreiche). Um nicht von der allgemein angenommenen _John Hunter_schen
Nomenklatur abzuweichen und jede Verwirrung zu vermeiden, nenne
ich _primordiale Sexualcharaktere_ die männliche und die weibliche
Keimdrüse (Testis, Epididymis, Ovarium, Epoophoron); _primäre_ die
inneren Adnexe der Keimdrüsen (Samenstränge, Samenbläschen, Tuba,
Uterus, die ihrer sexuellen Charakteristik nach erfahrungsgemäß von
jener der Keimdrüsen zuweilen weit differieren) _und_ die »äußeren
Geschlechtsteile«, nach welchen allein die Geschlechtsbestimmung des
Menschen bei der Geburt vollzogen und damit in gewisser Weise über
sein Lebensschicksal (wie sich zeigen wird, nicht selten unrichtig)
entschieden wird. Alle Geschlechtscharaktere _nach_ den primären haben
das Gemeinsame, daß sie für die Zwecke der Begattung nicht unmittelbar
mehr erforderlich sind. Als _sekundäre Geschlechtscharaktere_ sind
zunächst am besten scharf zu umgrenzen diejenigen, welche erst _zur
Zeit der Geschlechtsreife_ äußerlich sichtbar auftreten und nach einer
fast zur Gewißheit erhobenen Anschauung ohne eine »innere Sekretion«
bestimmter Stoffe aus den Keimdrüsen in das Blut sich nicht entwickeln
können (Wuchs des männlichen Bartes und des weiblichen Kopfhaares,
Brüsteentwicklung, Stimmwechsel u. s. w.).
_Praktische_ Gründe mehr als theoretische empfehlen die weitere
Bezeichnung erst auf Grund von Äußerungen oder Handlungen zu
erschließender angeborener Eigenschaften, wie Muskelkraft,
Eigenwilligkeit beim Manne, als _tertiärer Sexualcharaktere_. Durch
relativ zufällige Sitte, Gewöhnung, Beschäftigung hinzugekommen sind
endlich die accessorischen oder _quartären_ Sexualcharaktere, wie
Rauchen und Trinken des Mannes, Handarbeit des Weibes; auch diese
ermangeln nicht, gelegentlich ihre erogene Wirkung auszuüben, und
schon dies deutet darauf hin, daß sie viel öfter, als man vielleicht
glaubt, auf die tertiären zurückzuführen sind und möglicherweise
bisweilen tief noch mit den primordialen zusammenhängen. Mit dieser
Klassifikation der Sexualcharaktere soll nichts für eine _wesentliche_
Reihenfolge präjudiziert und gar nichts darüber entschieden sein, ob
die geistigen Eigenschaften im Vergleiche zu den körperlichen primär
oder von ihnen bedingt und erst im Laufe einer langen Kausalkette aus
ihnen abzuleiten sind; sondern nur die Stärke der anziehenden Wirkung
auf das andere Geschlecht[5], die zeitliche Reihenfolge, in welcher sie
diesem auffallen und die Rangordnung der Sicherheit, mit der sie von
ihm erschlossen werden, dürfte hiemit für die meisten Fälle getroffen
sein.
Die »sekundären Geschlechtscharaktere« führten zur Erwähnung der
inneren Sekretion von Keimstoffen in den Kreislauf. Die Wirkungen
dieses Einflusses wie seines durch Kastration künstlich erzeugten
Mangels hat man nämlich vor allem an der Entwicklung oder dem
Ausbleiben der _sekundären_ Geschlechtscharaktere studiert. Die
»innere Sekretion« übt aber zweifellos einen Einfluß auf _alle_ Zellen
des Körpers. Dies beweisen die Veränderungen, welche zur Zeit der
Pubertät im _ganzen_ Organismus und nicht bloß an den durch sekundäre
Geschlechtscharaktere ausgezeichneten Partien erfolgen. Auch kann man
von vornherein die innere Sekretion aller Drüsen nicht gut anders
auffassen, als auf alle Gewebe _gleichmäßig_ sich erstreckend.
_Die innere Sekretion der Keimdrüsen komplettiert also erst die
Geschlechtlichkeit des Individuums._ Es ist demgemäß in jeder Zelle
eine _originäre sexuelle Charakteristik anzunehmen_, zu der jedoch
die innere Sekretion der Keimdrüsen _in einem gewissen Ausmaße als
ergänzende Komplementärbedingung hinzukommen muß, um ein bestimmt
qualifiziertes, fertiges Masculinum oder Femininum hervorzubringen_.
Die Keimdrüse ist das Organ, in welchem die sexuelle Charakteristik
des Individuums _am sichtbarsten_ hervortritt, und in dessen
morphologischen Elementareinheiten sie am leichtesten nachweisbar
ist. Ebenso muß man aber annehmen, daß die Gattungs-, Art-,
Familieneigenschaften eines Organismus in den Keimdrüsen am
vollzähligsten vertreten sind. Gleichwie anderseits _Steenstrup_ mit
Recht gelehrt hat, daß das Geschlecht überall im Körper verbreitet
und nicht bloß in spezifischen »Geschlechtsteilen« lokalisiert sei,
so haben _Naegeli_, _de Vries_, _Oscar Hertwig_ u. a. die ungemein
aufklärende Theorie entwickelt und mit wichtigen Argumenten sehr sicher
begründet, daß _jede_ Zelle eines vielzelligen Organismus Träger der
_gesamten $Art$_eigenschaften ist, und diese in den Keimzellen nur in
einer besonderen ausgezeichneten Weise zusammengefaßt erscheinen -- was
vielleicht einmal allen Forschern selbstverständlich vorkommen wird
angesichts der Tatsache, daß jedes Lebewesen durch Furchung und Teilung
aus _einer_ einzigen Zelle entsteht.
Wie nun die genannten Forscher auf Grund vieler Phänomene, die
seitdem durch zahlreiche Erfahrungen über Regeneration aus beliebigen
Teilen und Feststellungen chemischer Differenzen in den homologen
Geweben verschiedener Spezies vermehrt worden sind, die Existenz des
_Idioplasma_ als der _Gesamtheit_ der spezifischen Arteigenschaften
auch in allen jenen Zellen eines Metazoons anzunehmen berechtigt waren,
die nicht mehr unmittelbar für die Fortpflanzung verwertet werden -- so
können und müssen auch _hier_ die Begriffe eines _Arrhenoplasma_ und
eines _Thelyplasma_ geschaffen werden, _als der zwei Modifikationen,
in denen jedes Idioplasma bei geschlechtlich differenzierten Wesen
auftreten kann_, und zwar nach den hier grundsätzlich vertretenen
Ansichten wieder nur als _Idealfälle_, als Grenzen, _zwischen_
denen die empirische Realität liegt. Es geht demnach das wirklich
existierende Protoplasma, vom idealen Arrhenoplasma sich immer mehr
entfernend, durch einen (realen oder gedachten) Indifferenzpunkt (=
Hermaphroditismus verus) in ein Protoplasma über, das bereits dem
Thelyplasma näher liegt, um sich diesem bis auf ein Differenziale
zu nähern. Dies ist aus der Summe des Vorausgeschickten nur die
konsequente Folgerung, und ich bitte die neuen Namen zu entschuldigen;
sie sind nicht dazu erfunden, um die Neuheit der Sache zu steigern.
Der Nachweis, daß _jedes_ einzelne Organ und weiter _jede einzelne
Zelle_ eine Sexualität besitzt, die auf irgend einem Punkte zwischen
Arrhenoplasma und Thelyplasma anzutreffen sein wird, daß also jeder
Elementarteil ursprünglich in bestimmter Weise und bestimmtem Ausmaß
sexuell charakterisiert ist, dieser Nachweis läßt sich auch durch
die Tatsache leicht führen, daß selbst im _gleichen_ Organismus
die verschiedenen Zellen nicht immer die gleiche und sehr oft
nicht eine gleich _starke_ sexuelle Charakteristik besitzen. Es
liegt nämlich durchaus nicht in allen Zellen eines Körpers der
gleiche Gehalt an M oder W, die gleiche Annäherung an Arrhenoplasma
oder Thelyplasma, ja es können Zellen des gleichen Körpers auf
verschiedenen Seiten des Indifferenzpunktes zwischen diesen Polen
sich befinden. Wenn wir, statt Maskulität und Muliebrität immer
auszuschreiben, verschiedene Vorzeichen für beide wählen und, noch
ohne tückische tiefere Hintergedanken, dem Männlichen ein positives,
dem Weiblichen ein negatives Vorzeichen geben, so heißt jener Satz in
anderer Ausdrucksform: in den Zellen des nämlichen Organismus kann
die Sexualität der verschiedenen Zellen nicht nur eine verschiedene
absolute Größe, sondern auch ein verschiedenes Vorzeichen haben. Es
gibt _sonst_ ziemlich wohlcharakterisierte Masculina mit nur ganz
schwachem Bart und ganz schwacher Muskulatur; oder fast typische
Feminina mit schwachen Brüsten. Und anderseits recht weibische Männer
mit starkem Bartwuchs, Weiber, die bei abnorm kurzem Haar und deutlich
sichtbarem Bartwuchs gut entwickelte Brüste und ein geräumiges Becken
aufweisen. Mir sind ferner Menschen bekannt mit weiblichem Ober-
und männlichem Unterschenkel, mit rechter weiblicher und linker
männlicher Hüfte. Überhaupt werden von der lokalen Verschiedenheit der
sexuellen Charakteristik am häufigsten die beiden, auch sonst nur im
idealen Falle symmetrischen Körperhälften rechts und links von der
Medianebene betroffen; hier findet man in dem Grade der Ausprägung der
Sexualcharaktere, z. B. des Bartwuchses, eine Unzahl von Asymmetrien.
Auf eine ungleichmäßige innere Sekretion läßt sich aber dieser Mangel
an Konformität (und eine absolute Konformität gibt es in der sexuellen
Charakteristik nie), wie schon gesagt, kaum schieben; das Blut muß
zwar nicht in gleicher Menge, aber doch in gleicher Mischung zu allen
Organen gelangen, in nichtpathologischen Fällen stets in einer den
Bedingungen der Erhaltung angemessenen Qualität und Quantität.
Wäre also nicht eine ursprüngliche, vom Anfang der embryonalen
Entwicklung an feststehende, in jeder einzelnen Zelle im allgemeinen
verschiedene sexuelle Charakteristik als die Ursache dieser Variationen
anzunehmen, so müßte ein Individuum einfach durch eine Angabe darüber,
wie gut beispielsweise seine Keimdrüsen dem Typus des Geschlechtes sich
annähern, vollauf sexuell beschrieben werden können, und die Sache läge
viel einfacher, als sie in Wirklichkeit ist. Die Sexualität ist aber
nicht in einem fiktiven Normalmaß gleichsam ausgegossen über das ganze
Individuum, so daß mit der sexuellen Bestimmung _einer_ Zelle auch alle
anderen erledigt wären. Wenn auch _weite_ Abstände in der sexuellen
Charakteristik zwischen verschiedenen Zellen oder Organen _desselben_
Lebewesens eine Seltenheit bilden werden: als den _allgemeinen_ Fall
muß man die _Spezifität_ derselben für jede einzelne Zelle ansehen;
man wird aber dabei immerhin daran festhalten können, daß sich viel
häufiger Annäherungen an eine vollkommene Einförmigkeit der sexuellen
Charakteristik (durch den ganzen Körper hindurch) finden, als ein
Auseinandertreten zu beträchtlichen graduellen Differenzen zwischen
den einzelnen Organen, geschweige denn zwischen den einzelnen Zellen
vorzukommen scheint. Das Maximum der hier möglichen Schwankungsbreite
müßte erst durch eine Untersuchung im einzelnen festgestellt werden.
Träte, wie dies die populäre, auf _Aristoteles_ zurückgehende
Ansicht und auch die Anschauung vieler Mediziner und Zoologen ist,
mit der _Kastration_ eines Tieres regelmäßig ein Umschlag nach dem
entgegengesetzten Geschlechte hin ein, wäre z. B. mit der Entmannung
eines Tieres auch schon eo ipso als Folge seine völlige Verweiblichung
gesetzt, so wäre das Bestehen eines von den Keimdrüsen unabhängigen
primordialen Sexualcharakters jeder Zelle wieder in Frage gestellt.
Aber die jüngsten experimentellen Untersuchungen von _Sellheim_
und _Foges_ haben gezeigt, daß es einen vom weiblichen durchaus
verschiedenen Typus des Kastraten gibt, daß Entmannung nicht ohne
weiters identisch ist mit Verweiblichung. Freilich wird man gut tun,
auch in dieser Richtung zu weitgehende, radikale Folgerungen zu
vermeiden, man darf keinesfalls die Möglichkeit ausschließen, daß
eine zweite, latent gebliebene Keimdrüse des anderen Geschlechtes
nach Beseitigung oder Atrophie einer ersten Keimdrüse sozusagen
die Herrschaft über einen in seiner sexuellen Charakteristik in
gewissem Maße schwankenden Organismus gewinne. Die häufigen, freilich
wohl allgemein etwas zu kühn (als durchgängige Annahme männlicher
Charaktere) interpretierten Fälle, in denen, nach der Involution der
weiblichen Geschlechtsorgane im Klimakterium, an einem weiblichen
Organismus äußere sekundäre Sexualcharaktere des Masculinums sichtbar
werden, wären das bekannteste Beispiel hiefür: der »Bart« der
menschlichen »Großmütter«, alte Ricken, die bisweilen einen kurzen
Stirnzapfen erhalten, die »Hahnenfedrigkeit« alter Hennen u. s. w.
Aber selbst ganz ohne senile Rückbildungen oder operative äußere
Eingriffe scheinen derartige Verwandlungen vorzukommen. Sichergestellt
als die _normale_ Entwicklung sind sie für einige Vertreter der
Gattungen Cymothoa, Anilocra, Nerocila aus den zur Gruppe der
Cymothoideen gehörigen, auf Fischen schmarotzenden Asseln. Diese
Tiere sind Hermaphroditen eigentümlicher Art: an ihnen sind männliche
und weibliche Keimdrüse dauernd gleichzeitig vorhanden, aber nicht
gleichzeitig funktionsfähig. Es besteht eine Art »Protandrie«: jedes
Individuum fungiert zuerst als Männchen, später als Weibchen. Zur
Zeit ihrer Funktionstüchtigkeit als Männchen besitzen sie durchwegs
männliche Begattungsorgane, die nachher abgeworfen werden, wenn die
weiblichen Ausfuhrwege und Brutlamellen sich entwickelt und geöffnet
haben. Daß es aber auch beim Menschen solche Dinge gibt, scheinen
jene äußerst merkwürdigen Fälle von »Eviratio« und »Effeminatio«
zu beweisen, von welchen die sexuelle Psychopathologie aus dem
erwachsenen Alter reifer Männer erzählt. Man wird also um so weniger
das tatsächliche Vorkommen der Verweiblichung in gänzliche Abrede
stellen dürfen, wenn für diese eine so günstige Bedingung wie die
Exstirpation der männlichen Keimdrüse geschaffen wird.[6] Daß aber
der Zusammenhang kein allgemeiner und notwendiger ist, daß Kastration
ein Individuum durchaus nicht _mit Sicherheit_ zum Angehörigen
des anderen Geschlechtes macht -- dies ist wieder ein Beweis, wie
notwendig die allgemeine Annahme ursprünglich arrhenoplasmatischer und
thelyplasmatischer Zellen für den ganzen Körper ist.
Das Bestehen der originären sexuellen Charakteristik jeder Zelle
und die Ohnmacht der auf sich allein angewiesenen Keimdrüsensekrete
wird weiter erwiesen durch die gänzliche Erfolglosigkeit von
Transplantationen männlicher Keimdrüsen auf weibliche Tiere. Zur
strikten Beweiskraft dieser letzteren Versuche wäre es freilich
vonnöten, daß die exstirpierten Testikel einem möglichst nahe
verwandten weiblichen Tier, womöglich einer Schwester des kastrierten
Männchens, eingepflanzt würden: das _Idioplasma_ dürfte nicht _auch
noch_ ein zu verschiedenes sein. Es würde nämlich hier wie sonst viel
darauf ankommen, die Bedingungen des Erfolges in möglichst reiner
Isolation wirken zu lassen, um ein möglichst eindeutiges Resultat zu
erhalten. Versuche auf der _Chrobak_schen Klinik in Wien haben gezeigt,
daß zwischen zwei (wahllos ausgemusterten) weiblichen Tieren beliebig
vertauschte Ovarien in der Mehrzahl der Fälle atrophieren und nie
die Verkümmerung der sekundären Charaktere (z. B. der Milchdrüsen)
aufzuhalten vermögen: während bei Entfernung der eigenen Keimdrüse
von ihrem natürlichen Lager und ihrer Implantation an einem davon
verschiedenen Orte im _selben_ Tiere (das somit sein eigenes Gewebe
behält) im Idealfalle die _völlige_ Entwicklung der sekundären
Geschlechtscharaktere _ebenso_ möglich ist, wie wenn gar kein
Eingriff erfolgt. Das Mißlingen der Transplantation auf kastrierte
Geschlechtsgenossen ist vielleicht hauptsächlich in der mangelnden
Familienverwandtschaft begründet: das idioplasmatische Moment müßte in
erster Linie beachtet werden.
Diese Dinge erinnern sehr an die Erfahrungen bei der _Transfusion_
heterologen Blutes. Es ist eine praktische Regel der Chirurgen, daß
man verlorenes Blut (bei Gefahr schwerer Störungen) nicht nur durch
das Blut der gleichen Spezies und einer verwandten Familie, sondern
auch durch das Blut eines gleichgeschlechtlichen Wesens ersetzen
muß. Die Parallele mit den Transplantationsversuchen springt in die
Augen. Sollten aber die hier vertretenen Ansichten sich behaupten, so
werden die Chirurgen, soweit sie überhaupt transfundieren und nicht
Kochsalzinfusionen bevorzugen, vielleicht nicht bloß darauf achten
müssen, ob das Ersatzblut einem möglichst stammverwandten Tiere
entnommen ist. Es fragt sich, ob dann die Forderung zu weit ginge, daß
nur das Blut eines Wesens von möglichst gleichem Grade der Maskulität
oder Muliebrität Verwendung finden dürfte.
Wie diese Verhältnisse bei der Transfusion ein Beweis für die eigene
sexuelle Charakteristik der Blutkörperchen, so liefert, wie erwähnt,
der gänzliche Mißerfolg aller Überpflanzungen männlicher Keimdrüsen
auf Weibchen oder weiblicher Keimdrüsen auf Männchen noch einen
Beweis dafür, daß die innere Sekretion _nur auf ein ihr adäquates
Arrhenoplasma oder Thelyplasma wirksam ist_.
In Anknüpfung hieran soll schließlich noch des organotherapeutischen
Heilverfahrens mit einem Worte gedacht werden. Es ist nach dem obigen
klar, daß und warum, wenn die Transplantation möglichst geschonter
ganzer Keimdrüsen auf andersgeschlechtliche Individuen keinen Erfolg
hatte, auch ebenso z. B. die Injektion von Ovarialsubstanz in das Blut
eines Masculinums höchstens Schaden anrichten konnte. Aber anderseits
erledigen sich ebenso eine Menge von Einwürfen _gegen_ das _Prinzip_
der Organotherapie damit, daß Organpräparate von _Nicht_-Artgenossen
naturgemäß nicht immer eine volle Wirkung ausüben können. Durch die
Nichtbeachtung eines biologischen Prinzipes von solcher Wichtigkeit
wie die Idioplasmalehre haben sich die ärztlichen Vertreter der
Organotherapie vielleicht manchen Heilerfolg verscherzt.
Die Idioplasmalehre, die auch jenen Geweben und Zellen den spezifischen
Artcharakter zuschreibt, welche die reproduktive Fähigkeit verloren
haben, ist allerdings noch nicht allgemein anerkannt. Aber daß
zumindest in den Keimdrüsen die Arteigenschaften versammelt sind, wird
jedermann einsehen müssen, und damit auch zugeben, daß gerade bei
Präparaten aus den Keimdrüsen die möglichst geringe verwandtschaftliche
Entfernung erstes Postulat ist, sofern diese Methode mehr erstrebt, als
ein gutes Tonikum zu liefern. Parallelversuche zwischen Transplantation
von Keimdrüsen und Injektionen ihrer Extrakte, etwa ein Vergleich
zwischen dem Einfluß des ihm selbst oder einem nahe verwandten
Individuum entnommenen und auf einen Hahn irgendwo, z. B. in seinen
Peritonealraum transplantierten Hodens _mit_ dem Einfluß intravenöser
Injektionen von Testikularextrakt in einen anderen kastrierten Hahn,
wobei dieser Extrakt ebenfalls aus den Hoden verwandter Individuen
gewonnen sein müßte -- solche Parallelversuche wären hier vielleicht
mit Nutzen auszuführen. Sie könnten möglicherweise auch noch
lehrreiche Aufschlüsse bringen über die passendste Darstellung und
Menge der Organpräparate und der einzelnen Injektionen. Es wäre auch
_theoretisch_ eine Feststellung darüber erwünscht, ob die inneren
Keimdrüsensekrete mit Stoffen in der Zelle eine chemische Verbindung
eingehen, oder ob ihre Wirkung bloß eine katalytische, von der Menge
eigentlich doch unabhängige ist. Die letztere Annahme kann nach den
bisher vorliegenden Untersuchungen noch nicht ausgeschlossen werden.
Die Grenzen des Einflusses der inneren Sekretion auf die Gestaltung
des definitiven geschlechtlichen Charakters waren zu ziehen,
um die gemachte Annahme einer originären, _im allgemeinen_ für
jede Zelle graduell verschiedenen, von Anfang an bestimmten
sexuellen Charakteristik gegen Einwände zu sichern.[7] Wenn diese
Charakteristiken auch in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle für die
verschiedenen Zellen und Gewebe desselben Individuums nicht sonderlich
dem Grade nach verschieden sein dürften, so gibt es doch eklatante
Ausnahmen, die uns die Möglichkeit großer Amplituden vor Augen rücken.
Auch die einzelnen Eizellen und die einzelnen Spermatozoiden, nicht nur
verschiedener Organismen, auch in den Follikeln und in der Spermamasse
_eines_ Individuums, zur selben Zeit und mehr noch zu verschiedenen
Zeiten, werden Unterschiede in dem Grade ihrer Muliebrität und
Maskulität zeigen, z. B. die Samenfäden verschieden schlank,
verschieden schnell sein. Freilich sind wir über diese Unterschiede bis
jetzt sehr wenig unterrichtet, aber wohl nur, weil niemand bisher diese
Dinge in gleicher Absicht untersucht hat.
Doch hat man -- und dies ist eben das Interessante -- in den Hoden von
Amphibien neben den normalen Entwicklungsstufen der Spermatogenese
regelrechte und wohlentwickelte _Eier_, nicht ein einziger einmal,
sondern verschiedene Beobachter zu öfteren Malen, gefunden. Diese
Deutung der Befunde wurde zwar bestritten und von einer Seite
nur die Existenz abnorm großer Zellen in den Samenkanälchen als
feststehend zugegeben, aber der Sachverhalt wurde später unzweifelhaft
festgestellt. Allerdings sind Zwitterbildungen gerade bei den
betreffenden Amphibien ungemein häufig; dennoch ist diese eine Tatsache
genug Beweis für die Notwendigkeit, mit der Annahme annähernder
Konformität des Arrhenoplasma oder Thelyplasma in _einem_ Körper
_vorsichtig_ zu sein. Es scheint entlegen und gehört doch ganz in die
gleiche Kategorie von Übereilung, wenn ein menschliches Individuum,
bloß weil es bei der Geburt ein, wenn auch noch so kurzes, etwa gar
epi- oder hypospadisches männliches Glied zeigt, ja selbst noch bei
doppelseitigem Kryptorchismus als »Knabe« bezeichnet und ohne weiters
als solcher angesehen wird, obwohl es in den übrigen Körperpartien,
z. B. cerebral, weit näher dem Thelyplasma als dem Arrhenoplasma steht.
Man wird es da wohl noch einmal zu lernen trachten müssen, selbst
feinere Abstufungen der Geschlechtlichkeit schon bei der Geburt zu
diagnostizieren.
Als Resultat dieser längeren Induktionen und Deduktionen können wir
nun wohl die Sicherung der originären sexuellen Charakteristik, die a
priori nicht für alle Zellen auch desselben Körpers gleich oder auch
nur ungefähr gleich gesetzt werden darf, betrachten. Jede Zelle, jeder
Zellkomplex, jedes Organ hat einen bestimmten Index, der seine Stellung
zwischen Arrhenoplasma und Thelyplasma anzeigt. Im großen und ganzen
freilich wird _ein_ Index für den _ganzen_ Körper geringen Ansprüchen
an Exaktheit genügen. Wir würden indes verhängnisvolle Irrtümer im
Theoretischen, schwere Sünden im Praktischen auf uns laden, wenn wir
hier mit solcher inkorrekter Beschreibung auch im Einzelfalle ernstlich
alles getan zu haben glaubten.
_Die verschiedenen Grade der ursprünglichen sexuellen Charakteristik
zusammen mit der_ (bei den einzelnen Individuen wahrscheinlich
qualitativ und quantitativ) _variierenden inneren Sekretion $bedingen$
das Auftreten der sexuellen Zwischenformen_.
Arrhenoplasma und Thelyplasma, in ihren unzähligen Abstufungen, sind
die _mikro_skopischen Agentien, die im Vereine mit der »inneren
Sekretion« jene _makro_skopischen Differenzen schaffen, von denen das
vorige Kapitel ausschließlich handelte.
Unter Voraussetzung der Richtigkeit der bisherigen Darlegungen
ergibt sich die Notwendigkeit einer ganzen Reihe von anatomischen,
physiologischen, histologischen und histochemischen Untersuchungen
über die Unterschiede zwischen den _Typen_ M und W in Bau und
Funktion _aller_ einzelnen Organe, über die Art, wie Arrhenoplasma
und Thelyplasma sich in den verschiedenen Geweben und Organen
besonders differenzieren. Die Durchschnittskenntnisse, die wir bis
jetzt über all das haben, genügen selbst dem modernen Statistiker
kaum mehr. Wissenschaftlich ist ihr Wert ganz gering. Daß z. B.
alle Untersuchungen über sexuelle Unterschiede im Gehirn so wenig
Wertvolles zu Tage fördern konnten, dafür ist auch dies ein Grund,
daß man nicht den _typischen_ Verhältnissen nachgegangen ist, sondern
sich mit dem, was der Taufschein oder der oberflächlichste Aspekt der
Leiche über das Geschlecht sagte, zufrieden gab und so jeden Hans
und jede Grete als vollwertige Repräsentanten der Männlichkeit oder
Weiblichkeit gelten ließ. Man hätte, wenn man schon psychologischer
Daten nicht zu bedürfen glaubte, doch wenigstens, da Harmonie in der
sexuellen Charakteristik der verschiedenen Körperteile häufiger ist als
große Sprünge derselben zwischen den einzelnen Organen, sich einiger
Tatsachen bezüglich der übrigen Körperbeschaffenheit versichern sollen,
die für Männlichkeit und Weiblichkeit in Betracht kommen, wie der
Distanz der großen Trochanteren, der Spinae iliacae ant. sup. etc. etc.
Dieselbe Fehlerquelle -- das unbedenkliche Passierenlassen sexueller
Zwischenstufen als maßgebender Individuen -- ist übrigens auch bei
anderen Untersuchungen nicht verstopft worden; und diese Sorglosigkeit
kann das Gewinnen haltbarer und beweisbarer Resultate auf lange Zeit
hintanhalten. Schon wer z. B. den Ursachen des _Knabenüberschusses bei
den Geburten_ nachspekuliert, dürfte diese Verhältnisse nicht ganz
außer Acht lassen. Namentlich wird sich aber ihre Nichtberücksichtigung
an jedermann rächen, der das _Problem der geschlechtsbestimmenden
Ursachen_ lösen zu wollen sich unterfängt. Bevor er nicht jedes zur
Welt gekommene Lebewesen, das ihm zum Objekt der Untersuchung wird,
auch auf seine Stellung zwischen M und W geprüft hat, wird man seinen
Hypothesen oder gar seinen Beeinflussungsmethoden zu trauen sich hüten
dürfen. Wenn er nämlich die sexuellen Zwischenstufen einerseits bloß in
der bisherigen äußerlichen Weise unter die männlichen oder unter die
weiblichen Geburten einreiht, so wird er Fälle _für_ sich in Anspruch
nehmen, die bei tieferer Betrachtung _gegen_ ihn zeugen würden, und
andere Fälle als Gegeninstanzen betrachten, die es tatsächlich nicht
sind: ohne den idealen Mann und das ideale Weib entbehrt er eben
eines festen Maßstabes, den er an die Wirklichkeit anlegen könnte,
und tappt im ungewissen, oberflächlichen Schein. _Maupas_ z. B., dem
die experimentelle Geschlechtsbestimmung bei Hydatina senta, einem
Rädertierchen, gelungen ist, hat noch immer 3-5% an abweichenden
Resultaten erzielt. Bei niedrigerer Temperatur wurde die Geburt von
Weibchen erwartet, und doch ergab sich dieser Satz von Männchen;
entsprechend kamen bei hoher Temperatur gegen die Regel etwa ebensoviel
Weibchen heraus. Es ist anzunehmen, daß dies sexuelle Zwischenstufen
waren, sehr arrhenoide Weibchen bei hoher, sehr thelyide Männchen bei
tiefer Temperatur. Wo das Problem viel komplizierter liegt, z. B.
beim Rinde, um vom Menschen zu schweigen, wird der Prozentsatz der
übereinstimmenden Resultate kaum je so groß sein wie hier und deshalb
die richtige Deutung durch von den sexuellen Zwischenstufen herrührende
Störungen viel schwerer beeinträchtigt werden.
Wie Morphologie, Physiologie und Entwicklungsmechanik, so ist auch
eine vergleichende _Pathologie_ der sexuellen _Typen_ vorderhand ein
Desiderat. Freilich wird man hier wie dort aus der Statistik gewisse
Schlüsse ziehen dürfen. Wenn diese erweist, daß eine Krankheit beim
»weiblichen Geschlechte« sehr erheblich häufiger sich findet als beim
»männlichen«, so wird man hienach im allgemeinen die Annahme wagen
dürfen, sie sei eine dem Thelyplasma eigentümliche, »idiopathische«
Affektion. So dürfte z. B. Myxödem eine Krankheit von W sein; Hydrokele
ist naturgemäß eine Krankheit von M.
Doch können selbst die am lautesten sprechenden Zahlen der Statistik
hier so lange vor theoretischen Irrtümern nicht mit Sicherheit
bewahren, als nicht von dem Charakter irgend eines Leidens gezeigt ist,
daß es in unauflöslicher, funktioneller Beziehung an die Männlichkeit
oder an die Weiblichkeit geknüpft ist. Die _Theorie_ der betreffenden
Krankheiten wird auch darüber Rechenschaft zu geben haben, _$warum$_
sie »fast ausschließlich bei einem Geschlechte auftreten«, d. h. (in
der hier begründeten Fassung) warum sie entweder M oder W zugehören.