Gesetze der sexuellen Anziehung.
_Carmen_:
»L'amour est un oiseau rebelle,
Que nul ne peut apprivoiser:
Et c'est bien en vain qu'on l'appelle,
S'il lui convient de refuser.
Rien n'y fait; menace ou prière:
L'un parle, l'autre se tait;
Et c'est l'autre que je prefère;
Il n'a rien dit, mais il me plaît.
.............
L'amour est enfant de Bohême
Il n'a jamais connu de loi.«
$?$
In den alten Begriffen ausgedrückt, besteht bei sämtlichen
geschlechtlich differenzierten Lebewesen eine auf Begattung gerichtete
Anziehung zwischen Männchen und Weibchen, Mann und Weib. Da Mann und
Weib aber nur Typen sind, die in der Realität nirgends rein sich
vertreten finden, so werden wir hievon nicht mehr so sprechen können,
daß die geschlechtliche Anziehung ein Masculinum schlechtweg und ein
Femininum schlechtweg einander zu nähern suche. Über die Tatsachen der
sexuellen Wirkungen muß aber auch die hier vertretene Theorie, wenn
sie vollständig sein soll, Rechenschaft geben können, ja es muß auch
ihr Erscheinungsgebiet sich mit den neuen Mitteln besser darstellen
lassen als mit den bisherigen, wenn jene vor diesen ihren Vorzug
behaupten sollen. Wirklich hat mich die Erkenntnis, daß M und W in
allen _verschiedenen_ Verhältnissen sich auf die Lebewesen _verteilen_,
zur Entdeckung eines ungekannten, bloß von einem Philosophen einmal
geahnten _Naturgesetzes_ geführt, eines _Gesetzes der sexuellen
Anziehung_. Beobachtungen des Menschen ließen es mich gewinnen, und ich
will daher von diesem hier ausgehen.
Jeder Mensch hat, was das andere Geschlecht anlangt, einen bestimmten,
ihm eigentümlichen »Geschmack«. Wenn wir etwa die Bildnisse der
Frauen vergleichen, die irgend ein berühmter Mann der Geschichte
nachweislich geliebt hat, so finden wir fast immer, daß alle eine
beinahe durchgängige Übereinstimmung aufweisen, die äußerlich am
ehesten hervortreten wird in ihrer _Gestalt_ (im engeren Sinne des
_Wuchses_) oder in ihrem _Gesichte_, aber sich bei näherem Zusehen bis
in die kleinsten Züge -- ad unguem, bis auf die Nägel der Finger --
erstrecken wird. Ganz ebenso verhält es sich aber auch sonst. Daher die
Erscheinung, daß jedes Mädchen, von welchem eine starke Anziehung auf
den Mann ausgeht, auch sofort die Erinnerung an jene Mädchen wachruft,
die schon früher ähnlich auf ihn gewirkt haben. Jeder hat ferner
zahlreiche Bekannte, deren Geschmack, das andere Geschlecht betreffend,
ihm schon den Ausruf abgenötigt hat: »Wie einem die gefallen kann,
verstehe ich nicht!« Eine Menge Tatsachen, welche den bestimmten
besonderen Geschmack jedes Einzelwesens auch für die Tiere außer allen
Zweifel setzen, hat _Darwin_ gesammelt (in seiner »Abstammung des
Menschen«). Daß Analoga zu dieser Tatsache des bestimmten Geschmackes
aber selbst bei den Pflanzen sich deutlich ausgeprägt finden, wird bald
besprochen werden.
Die sexuelle Anziehung ist fast ausnahmslos nicht anders als bei der
Gravitation eine gegenseitige; wo diese Regel Ausnahmen zu erleiden
scheint, lassen sich beinahe immer differenziertere Momente nachweisen,
welche es zu verhindern wissen, daß dem _unmittelbaren_ Geschmacke,
der fast stets ein wechselseitiger ist, Folge gegeben werde; oder
ein Begehren erzeugen, wenn dieser unmittelbare erste Eindruck nicht
dagewesen ist.
Auch der Sprachgebrauch redet vom »Kommen des Richtigen«, vom
»Nichtzueinanderpassen« zweier Leute. Er beweist so eine gewisse
dunkle Ahnung der _Tatsache, daß in jedem Menschen gewisse
Eigenschaften liegen, die es nicht ganz gleichgültig erscheinen lassen,
$welches$ Individuum des anderen Geschlechtes mit ihm eine sexuelle
Vereinigung einzugehen geeignet ist; daß nicht jeder »Mann« für jeden
anderen »Mann«, nicht jedes »Weib« für jedes andere »Weib«, ohne daß es
einen Unterschied macht, eintreten kann_.
Jedermann weiß ferner aus eigener Erfahrung, daß gewisse Personen des
anderen Geschlechtes auf ihn sogar eine direkt _abstoßende_ Wirkung
ausüben können, andere ihn kalt lassen, noch andere ihn reizen, bis
endlich (vielleicht nicht immer) ein Individuum erscheint, mit dem
vereinigt zu sein in dem Maße sein Verlangen wird, daß die ganze
Welt _daneben_ für ihn eventuell wertlos wird und verschwindet.
Welches Individuum ist das? Welche Eigenschaften muß es besitzen?
Hat wirklich -- und es ist so -- jeder Typus unter den Männern einen
ihm entsprechenden Typus unter den Weibern zum Korrelate, der auf
ihn sexuell wirkt, und umgekehrt, so scheint zumindest hier ein
gewisses Gesetz zu walten. Was ist das für ein Gesetz? Wie lautet
es? »Gegensätze ziehen sich an«, so hörte ich es formulieren, als
ich, bereits im Besitze der eigenen Antwort auf meine Frage, bei
verschiedenen Menschen hartnäckig auf das Aussprechen eines solchen
drang und ihrer Abstraktionskraft durch Beispiele zu Hilfe kam. Auch
dies ist in gewissem Sinne und für einen kleineren Teil der Fälle
zuzugeben. Aber es ist doch zu allgemein, zerfließt unter den Händen,
die Anschauliches erfassen wollen, und läßt keinerlei mathematische
Formulierung zu.
Diese Schrift nun vermißt sich nicht, _sämtliche_ Gesetze der sexuellen
Anziehung -- es gibt ihrer nämlich mehrere -- aufdecken zu wollen, und
erhebt somit keineswegs den Anspruch, jedem Individuum bereits sichere
Auskunft über dasjenige Individuum des anderen Geschlechtes geben zu
können, das seinem Geschmack am besten entsprechen werde, wie dies eine
vollständige Kenntnis der in Betracht kommenden Gesetze allerdings
ermöglichen würde. Nur ein einziges von diesen Gesetzen soll in diesem
Kapitel besprochen werden, da es in organischem Zusammenhange mit
den übrigen Erörterungen des Buches steht. Einer Anzahl weiterer
Gesetze bin ich auf der Spur, doch war dieses das erste, auf das ich
aufmerksam wurde, und das, was ich darüber zu sagen habe, ist relativ
am fertigsten. Die Unvollkommenheiten im Beweismaterial möge man
in Erwägung der Neuheit und Schwierigkeit der Sache mit Nachsicht
beurteilen.
Die Tatsachen, aus denen ich dieses Gesetz der sexuellen Affinität
ursprünglich gewonnen, und die große Anzahl jener, die es mir bestätigt
haben, hier anzuführen, ist jedoch glücklicherweise in gewissem
Sinne überflüssig. Ein jeder ist gebeten, es zunächst an sich selbst
zu prüfen, und dann Umschau zu halten im Kreise seiner Bekannten;
besonders empfehle ich eben jene Fälle der Erinnerung und Beachtung,
wo er ihren Geschmack nicht verstanden oder ihnen gar einmal allen
»Geschmack« abgesprochen hat, oder wo ihm dasselbe von ihrer Seite
widerfahren ist. Jenes Mindestmaß von Kenntnis der äußeren Formen des
menschlichen Körpers, welches zu dieser Kontrolle nötig ist, besitzt
jeder Mensch.
Auch ich bin zu dem Gesetze, das ich nun formulieren will, auf eben dem
Wege gelangt, auf welchen ich hier zunächst habe verweisen müssen.
Das Gesetz lautet: »_Zur sexuellen Vereinigung trachten immer ein
$ganzer$ Mann (M) und ein $ganzes$ Weib (W) zusammen zu kommen, $wenn
auch auf die zwei verschiedenen Individuen in jedem einzelnen Fall in
verschiedenem Verhältnisse verteilt.$_«
Anders ausgedrückt: Wenn m_{μ} das Männliche, w_{μ} das Weibliche
ist in irgend einem von der gewöhnlichen Auffassung einfach als
»Mann« bezeichneten Individuum μ und w_{ω} das Weibliche, m_{ω} das
Männliche dem Grade nach ausdrückt in irgend einer sonst oberflächlich
schlechtweg als »Weib« gekennzeichneten Person ω, so ist bei jeder
_vollkommenen Affinität_, d. h. im Falle der _stärksten_ sexuellen
Attraktion:
(Ia) m_{μ} + m_{ω} = C(onstans)_{1} = M = dem idealen Manne
und darum natürlich gleichzeitig auch
(Ib) w_{μ} + w_{ω} = C_{2} = W = dem idealen Weibe.
Man mißverstehe diese Formulierung nicht. Es ist _ein_ Fall, _eine
einzige_ sexuelle Relation, für die beide Formeln Geltung haben, von
denen aber die zweite aus der ersten unmittelbar folgt und nichts Neues
zu ihr hinzufügt; denn wir operieren ja unter der Voraussetzung, daß
jedes Individuum so viel Weibliches hat, als ihm Männliches gebricht.
Ist es _ganz_ männlich, so wird es ein _ganz_ weibliches Gegenglied
verlangen; ist es ganz weiblich, ein ganz männliches. Ist in ihm aber
ein bestimmter größerer Bruchteil vom Manne _und_ ein keineswegs
zu vernachlässigender anderer Bruchteil vom Weibe, so wird es zur
Ergänzung ein Individuum fordern, das seinen Bruchteil an Männlichkeit
zum Ganzen, zur Einheit komplettiert; damit wird aber _zugleich_ auch
sein weiblicher Anteil in ebensolcher Weise vervollständigt. Es habe
z. B. ein Individuum
{ ¾ M,
μ { _also_
{ ¼ W.
Dann wird sein bestes sexuelles Komplement nach diesem Gesetze jenes
Individuum ω sein, welches sexuell folgendermaßen zu definieren ist:
{ ¼ M,
ω { _also_
{ ¾ W.
Man erkennt bereits in dieser Fassung den Wert größerer Allgemeinheit
vor der gewöhnlichen Anschauung. Daß Mann und Weib, als sexuelle Typen,
einander anziehen, ist hierin eben nur als _Spezialfall_ enthalten, als
jener Fall, in welchem ein imaginäres Individuum
X { 1 . M
{ 0 . W
sein Komplement in einem ebenso imaginären
Y { 0 . M
{ 1 . W
findet.
Niemand wird zögern, die Tatsache des bestimmten sexuellen
Geschmackes zuzugeben; damit ist aber auch die Berechtigung der
Frage nach den _Gesetzen_ dieses Geschmackes anerkannt, nach dem
Funktionalzusammenhang, in welchem die sexuelle Vorliebe mit den
übrigen körperlichen und psychischen Qualitäten eines Wesens steht.
Das Gesetz, welches hier aufgestellt wurde, hat von vornherein nicht
das geringste _Un_wahrscheinliche an sich: es steht ihm weder in der
gewöhnlichen noch in der wissenschaftlich geeichten Erfahrung das
geringste _entgegen_. Aber es ist an und für sich auch gewiß nicht
»selbstverständlich«. Es könnte ja -- _denkbar_ wäre es, da das Gesetz
selbst bis jetzt nicht weiter ableitbar ist -- auch lauten: m_{μ} -
m{ω} = Const., d. h. die _Differenz_ im Gehalte an M eine konstante
Größe sein, nicht die Summe, also der männlichste Mann von _seinem_
Komplemente, welches dann gerade in der Mitte zwischen M und W läge,
ebensoweit entfernt stehen wie der weiblichste Mann von dem seinen,
das wir in diesem Falle in der extremen Weiblichkeit zu erblicken
hätten. _Denkbar_ wäre das, wie gesagt, doch ist es darum nicht in der
Realität verwirklicht. Folgen wir also, in der Erkenntnis, daß wir ein
empirisches Gesetz vor uns haben, dem wissenschaftlichen Gebote der
Bescheidung, so werden wir vorderhand nicht von einer »Kraft« sprechen,
welche die zwei Individuen wie zwei Hampelmännchen gegeneinander laufen
läßt, sondern in dem Gesetze nur den Ausdruck eines Verhältnisses
erblicken, das in jeder stärksten sexuellen Anziehung in ganz gleicher
Weise zu konstatieren ist; es kann nur eine »Invariante« (_Ostwald_),
eine »Multiponible« (_Avenarius_) aufzeigen, und das ist in diesem
Falle die stets gleich bleibende Summe des Männlichen wie die des
Weiblichen in den beiden einander mit größter Stärke anziehenden
Lebewesen.
Vom »ästhetischen«, vom »Schönheits«-Moment muß _hier_ ganz abgesehen
werden. Denn wie oft kommt es vor, daß der eine von einer bestimmten
Frau ganz entzückt ist, ganz außer sich über deren »außerordentliche«,
»berückende« Schönheit, und der andere »gern wissen möchte«, was an
der Betreffenden »denn nur gefunden werden könne«, da sie eben nicht
auch _sein_ sexuelles Komplement ist. Ohne hier den Standpunkt irgend
einer normativen Ästhetik einnehmen oder für einen Relativismus der
Wertungen Beispiele sammeln zu wollen, kann man es aussprechen, daß
sicherlich nicht nur vom rein ästhetischen Standpunkte _Indifferentes_,
sondern selbst _Unschönes_ vom verliebten Menschen schön gefunden wird,
wobei unter »rein-ästhetisch« nicht ein Absolut-Schönes, sondern nur
_das Schöne_, d. h. das nach Abzug aller »sexuellen Apperzeptionen«
_ästhetisch Gefallende_ verstanden werden soll.
Das Gesetz selbst habe ich in mehreren hundert Fällen (um die
niederste Zahl zu nennen) bestätigt gefunden, und alle Ausnahmen
erwiesen sich als scheinbare. Fast ein jedes Liebespaar, dem man auf
der Straße begegnet, liefert eine neue Bestätigung. Die Ausnahmen
waren insoferne lehrreich, als sie die Spur der anderen Gesetze
der Sexualität verstärkten und zu deren Erforschung aufforderten.
Übrigens habe ich auch selbst eine Anzahl von Versuchen in folgender
Weise angestellt, daß ich mit einer Kollektion von Photographien
rein-ästhetisch untadeliger Frauen, deren jede einem bestimmten Gehalte
an W entsprach, eine Enquête veranstaltete, indem ich sie einer Reihe
von Bekannten, »zur Auswahl der Schönsten«, wie ich hinterlistig sagte,
vorlegte. Die Antwort, die ich bekam, war regelmäßig dieselbe, die
ich im voraus erwartete. Von anderen, die bereits wußten, worum es
sich handelte, habe ich mich in der Weise prüfen lassen, daß sie mir
Bilder vorlegten, und ich aus diesen die für sie Schönste herausfinden
mußte. Dies ist mir immer gelungen. Anderen habe ich, ohne daß sie mir
vorher unfreiwillige Stichproben davon geliefert hatten, ihr Ideal
vom anderen Geschlechte zuweilen mit annähernder Vollständigkeit
beschreiben können, jedenfalls oft viel genauer, als sie selbst es
anzugeben vermochten; manchmal wurden sie jedoch auch auf das, was
ihnen _miß_fiel -- was die Menschen im allgemeinen viel eher kennen als
das, was ihnen gefällt -- erst aufmerksam, als ich es ihnen sagte.
Ich glaube, daß der Leser bei einiger Übung es bald zu der gleichen
Fertigkeit wird bringen können, die einige Bekannte aus einem engeren
wissenschaftlichen Freundeskreis, von den hier vertretenen Ideen
angeregt, bereits erlangt haben. Freilich wäre hiezu eine Erkenntnis
der anderen Gesetze der sexuellen Anziehung sehr erwünscht. Als Proben
auf das Verhältnis wirklicher komplementärer Ergänzung ließen sich
eine Menge spezieller Konstanten namhaft machen. Man könnte z. B. auf
den Gedanken geraten, die Summe der Haarlängen zweier Verliebter sei
immer gleich groß. Doch wird dies schon aus den im zweiten Kapitel
erörterten Gründen nicht immer zutreffen, indem nicht alle Organe eines
und desselben Wesens gleich männlich oder gleich weiblich sind. Überdem
würden solche heuristische Regeln bald sich vermehren und dann schnell
zu der Kategorie der schlechten Witze herabsinken, weshalb ich hier von
ihrer Anführung lieber absehen mag.
Ich verhehle mir nicht, daß die Art, wie dieses Gesetz hier eingeführt
wurde, etwas Dogmatisches hat, das ihm bei dem Mangel einer exakten
Begründung um so schlechter ansteht. Mir konnte aber auch hier
weniger daran liegen, mit fertigen Ergebnissen hervorzutreten, als
zur Gewinnung solcher anzuregen, nachdem die Mittel, die mir zur
genauen Überprüfung jener Sätze nach naturwissenschaftlicher Methode
zur Verfügung standen, äußerst beschränkte waren. Wenn also auch im
einzelnen vieles hypothetisch bleibt, so hoffe ich doch im folgenden
mit Hinweisen auf merkwürdige Analogien, die bisher keine Beachtung
gefunden haben, die einzelnen Balken des Gebäudes noch durcheinander
stützen zu können: einer »rückwirkenden Verfestigung« vermögen
vielleicht selbst die Prinzipien der analytischen Mechanik nicht zu
entbehren.
Eine höchst auffällige Bestätigung erfährt das aufgestellte Gesetz
zunächst durch eine Gruppe von Tatsachen aus dem Pflanzenreiche,
die man bisher in völliger Isolation betrachtet hat und denen
demgemäß der Charakter der Seltsamkeit in hohem Grade anzuhaften
schien. Wie jeder Botaniker sofort erraten haben wird, meine ich
die von _Persoon_ entdeckte, von _Darwin_ zuerst beschriebene,
von _Hildebrand_ benannte Erscheinung der _Ungleichgriffeligkeit_
oder _Heterostylie_. Sie besteht in folgendem: Viele dikotyle (und
eine einzige monokotyle) Pflanzenspezies, z. B. Primulaceen und
Geraniaceen, besonders aber viele Rubiaceen, lauter Pflanzen, auf
deren Blüte sowohl Pollen als Narbe funktionsfähig sind, aber nur
für Produkte fremder Blüten, die also in morphologischer Beziehung
androgyn, in physiologischer Hinsicht jedoch diözisch erscheinen --
diese alle haben die Eigentümlichkeit, _ihre Narben und Staubbeutel
auf verschiedenen Individuen zu verschiedener Höhe zu entwickeln_. Das
eine Exemplar bildet ausschließlich Blüten mit langem Griffel, daher
hochstehender Narbe und niedrigen Antheren (Staubbeuteln): es ist
nach meiner Auffassung das weiblichere. Das andere Exemplar hingegen
bringt nur Blüten hervor mit tiefstehender Narbe und hochstehenden
Antheren (weil langen Staubfäden): das männlichere. Neben diesen
»dimorphen« Arten gibt es aber auch »trimorphe«, wie Lythrum salicaria,
mit dreierlei Längenverhältnissen der Geschlechtsorgane: außer der
Blütenform mit langgriffeligen und der mit kurzgriffeligen findet
sich hier noch eine mit »mesostylen« Blüten, d. i. mittellangen
Griffeln. Obwohl nur dimorphe und trimorphe Heterostylie den Weg in die
Kompendien gefunden haben, ist auch damit die Mannigfaltigkeit nicht
erschöpft. _Darwin_ deutet an, daß, »wenn kleinere Verschiedenheiten
berücksichtigt werden, _fünf_ verschiedene Sitze von männlichen Organen
zu unterscheiden seien«. Es besteht also auch die hier unleugbar
vorkommende _Dis_kontinuität, die Trennung der verschiedenen Grade von
Maskulität und Muliebrität in verschiedene Stockwerke nicht _allgemein_
zu Recht, auch in diesem Falle haben wir hie und da _kontinuierlichere
sexuelle Zwischenformen_ vor uns. Anderseits ist auch dieses
diskrete Fächerwerk nicht ohne frappante Analogien im Tierreich, wo
die betreffenden Erscheinungen als ebenso vereinzelt und wunderbar
angesehen wurden, weil man sich der Heterostylie gar nicht _entsann_.
Bei mehreren Insektengattungen, nämlich bei Forficuliden (Ohrwürmern)
und Lamellicornien (und zwar bei Lucanus cervus, dem Hirschkäfer,
bei Dynastes hercules und Xylotrupes gideon) gibt es _einerseits_
viele Männchen, welche den sekundären Geschlechtscharakter, der sie
von den Weibchen am sichtbarsten scheidet, die Fühlhörner zu sehr
großer Länge entwickeln; die _andere_ Hauptgruppe der Männchen hat nur
relativ wenig entwickelte Hörner. _Bateson_, von dem die ausführlichere
Beschreibung dieser Verhältnisse herrührt, unterscheidet darum unter
ihnen »high males« und »low males«. Zwar sind diese beiden Typen durch
kontinuierliche Übergänge miteinander verbunden, aber die zwischen
ihnen vermittelnden Stufen sind selten, die meisten Exemplare stehen
an der einen oder der anderen Grenze. Leider ist es _Bateson_ nicht
darum zu tun gewesen, die sexuellen Beziehungen dieser beiden Gruppen
zu den Weibchen zu erforschen, da er die Fälle nur als Beispiele
diskontinuierlicher Variation anführt; und so ist nicht bekannt, ob
es zwei Gruppen auch unter den Weibchen der betreffenden Arten gibt,
die eine verschiedene sexuelle Affinität zu den verschiedenen Formen
der Männchen besitzen. Darum lassen sich auch diese Beobachtungen
nur als eine morphologische Parallele zur Heterostylie, nicht als
physiologische Instanzen für das Gesetz der sexuellen Anziehung
verwenden, _für das die Heterostylie in der Tat sich verwerten läßt_.
Denn in den heterostylen Pflanzen liegt vielleicht eine völlige
Bestätigung der Ansicht von der allgemeinen Gültigkeit jener Formel
innerhalb aller Lebewesen vor. Es ist von _Darwin_ nachgewiesen und
seither von vielen Beobachtern in gleicher Weise konstatiert worden,
daß bei den heterostylen Pflanzen Befruchtung fast nur dann Aussicht
auf guten Erfolg hat, ja oft nur in dem Falle möglich ist, wenn der
_Pollen der makrostylen Blüte_, d. i. derjenige von den niedrigeren
Antheren, auf die _mikrostyle Narbe_ eines anderen Individuums,
welches sodann lange Staubfäden hat, übertragen wird, oder der aus
hochstehenden Staubbeuteln stammende _Pollen einer mikrostylen Blüte_
auf die makrostyle Narbe einer anderen Pflanze (mit kurzen Filamenten).
So lang also in der einen Blüte der Griffel, d. h. so gut weiblich in
ihr das weibliche Organ entwickelt ist, so lang muß in der anderen,
von der sie mit Erfolg empfangen soll, das männliche, der Staubfaden
sein, und umso kürzer in der letzteren der Griffel, dessen Länge den
Grad der Weiblichkeit mißt. Wo dreierlei Griffellängen vorhanden sind,
da fällt die Befruchtung nach derselben erweiterten Regel am besten
aus, wenn der Pollen auf diejenige Narbe übertragen wird, die auf einer
anderen Blüte in derselben Höhe steht wie der Staubbeutel, aus welchem
der Pollen stammt. Wird dies nicht eingehalten, sondern etwa künstliche
Befruchtung mit nicht-adäquatem Pollen herbeigeführt, so entstehen,
wenn diese Prozedur überhaupt von Erfolg begleitet ist, fast immer
nur kränkliche und kümmerliche, zwerghafte und durchaus unfruchtbare
Sprößlinge, die den Hybriden aus verschiedenen Spezies äußerst ähneln.
Den Autoren, welche die Heterostylie besprochen haben, merkt man
es insgesamt an, daß sie mit der gewöhnlichen Erklärung dieses
verschiedenartigen Verhaltens bei der Befruchtung nicht zufrieden sind.
Diese besagt nämlich, daß die Insekten beim Blütenbesuch gleich hoch
gestellte Sexualorgane mit der gleichen Körperstelle berühren und so
den merkwürdigen Effekt herbeiführen. _Darwin_ gesteht jedoch selbst,
daß die Bienen alle Arten von Pollen an jeder Körperstelle mit sich
tragen; es bleibt also das _elektive_ Verfahren der weiblichen Organe
bei Bestäubung mit doppelt und dreifach verschiedenen Pollen nach wie
vor aufzuhellen. Auch scheint jene Begründung, so ansprechend und
zauberkräftig sie sich ausnimmt, doch etwas oberflächlich, wenn eben
mit ihr verständlich gemacht werden soll, warum künstlicher Bestäubung
mit inadäquatem Pollen, sogenannter »_illegitimer Befruchtung_«, so
schlechter Erfolg beschieden ist. Jene ausschließliche Berührung mit
»legitimem« Pollen müßte dann die Narben _durch Gewöhnung_ nur für den
Blütenstaub dieser einen Provenienz aufnahmsfähig haben werden lassen;
aber es konnte soeben _Darwin_ selbst als Zeuge dafür einvernommen
werden, daß diese Unberührtheit durch anderen Pollen vollkommen
illusorisch ist, indem die Insekten, welche als Ehevermittler hiebei in
Anspruch genommen werden, tatsächlich viel eher eine _unterschiedslose
Kreuzung_ begünstigen.
Es scheint also die Hypothese viel plausibler, daß der Grund dieses
eigentümlich auswählenden Verhaltens ein anderer, tieferer, in den
Blüten selbst ursprünglich gelegener ist. Es dürfte sich hier wie
beim Menschen darum handeln, daß die sexuelle Anziehung zwischen jenen
Individuen am größten ist, _deren eines ebensoviel von M besitzt wie
das andere von W_, was ja wieder nur ein anderer Ausdruck der obigen
Formel ist. Die Wahrscheinlichkeit dieser Deutung wird ungemein
erhöht dadurch, daß in der männlicheren, kurzgriffeligen Blüte die
Pollenkörner in den hier höher stehenden Staubbeuteln auch stets
größer, die Narbenpapillen kleiner sind als die homologen Teile in
der langgriffeligen weiblicheren. Man sieht hieraus, daß es sich
kaum um etwas anderes handeln kann als um verschiedene Grade der
Männlichkeit und Weiblichkeit. Und unter dieser Voraussetzung erfährt
hier das aufgestellte Gesetz der sexuellen Affinität eine glänzende
Verifikation, indem eben im Tier- und im Pflanzenreiche -- an späterem
Orte wird hierauf zurückzukommen sein -- Befruchtung _stets dort_ den
besten Erfolg aufweist, _wo die Eltern die größte sexuelle Affinität
zueinander gehabt haben_.[8]
Daß im _Tierreich_ das Gesetz in voller Geltung besteht, wird
erst bei der Besprechung des »konträren Sexualtriebes« zu großer
Wahrscheinlichkeit erhoben werden können. Einstweilen möchte ich hier
nur darauf aufmerksam machen, wie interessant Untersuchungen darüber
wären, ob nicht auch die größeren, schwerer beweglichen Eizellen die
flinkeren und schlankeren unter den Spermatozoiden stärker anziehen
als die kleineren, dotterreichen und zugleich weniger trägen Eier, und
diese nicht gerade die langsameren, voluminöseren unter den Zoospermien
an sich locken. Vielleicht ergibt sich hier wirklich, wie L. _Weill_
in einer kleinen Spekulation über die geschlechtsbestimmenden Faktoren
vermutet hat, eine Korrelation zwischen den Bewegungsgrößen oder den
kinetischen Energien der beiden Konjugationszellen. Es ist ja noch
nicht einmal festgestellt -- freilich auch sehr schwierig festzustellen
-- ob die beiden Generationszellen, nach Abzug der Reibung und
Strömung im flüssigen Medium, eine Beschleunigung gegeneinander
aufweisen oder sich mit gleichförmiger Geschwindigkeit bewegen würden.
So viel und noch einiges mehr könnte man da fragen.
Wie schon mehrfach hervorgehoben wurde, ist das bisher besprochene
Gesetz der sexuellen Anziehung beim Menschen (und wohl auch bei den
Tieren) nicht das einzige. Wäre es das, so müßte es ganz unbegreiflich
scheinen, daß es nicht schon längst gefunden wurde. Gerade weil sehr
viele Faktoren mitspielen, weil noch eine, vielleicht beträchtliche,
Anzahl anderer Gesetze erfüllt sein muß[9], darum sind Fälle von
_unaufhaltsamer_ sexueller Anziehung so _selten_. Da die bezüglichen
Forschungen noch nicht abgeschlossen sind, will ich von jenen Gesetzen
hier nicht sprechen und bloß der Illustration halber noch auf einen
weiteren, mathematisch wohl nicht leicht faßbaren der in Betracht
kommenden Faktoren hinweisen.
Die Erscheinungen, auf die ich anspiele, sind im einzelnen ziemlich
allgemein bekannt. Ganz jung, noch nicht 20 Jahre alt, wird man meist
durch ältere Frauen (von über 35 Jahren) angezogen, während man
mit zunehmendem Alter immer jüngere liebt; ebenso ziehen aber auch
(Gegenseitigkeit!) die ganz jungen Mädchen, der »Backfisch«, ältere
Männer oft jüngeren vor, um später wieder mit ganz jungen Bürschlein
nicht selten die Ehe zu brechen. Das ganze Phänomen dürfte viel tiefer
wurzeln, als es nach der anekdotenhaften Art aussehen möchte, in der
man meist von ihm Notiz nimmt.
Trotz der notwendigen Beschränkung dieser Arbeit auf das eine Gesetz
wird es im Interesse der Korrektheit liegen, wenn nun eine bessere
mathematische Formulierung, die keine unwahre Einfachheit vortäuscht,
versucht wird. Auch ohne alle mitspielenden Faktoren und in Frage
kommenden anderen Gesetze als selbständige Größen einzuführen,
erreichen wir diese äußerliche Genauigkeit durch Hinzufügung eines
Proportionalitätsfaktors.
Die erste Formel war mir eine »ökonomische« Zusammenfassung des
_Gleichförmigen_ aller Fälle sexueller Anziehung von _idealer_ Stärke,
soweit das geschlechtliche Verhältnis durch das Gesetz überhaupt
bestimmt wird. Nun wollen wir einen Ausdruck herschreiben für die
_Stärke der sexuellen Affinität_ in jedem denkbaren Falle, einen
Ausdruck übrigens, der, seiner unbestimmten Form wegen, _zugleich die
allgemeinste Beschreibung des Verhältnisses zweier Lebewesen überhaupt,
selbst von verschiedener Art und von gleichem Geschlechte_, abgeben
könnte.