I. Kapitel.

„Männer” und „Weiber”.

Mit der allgemeinsten Klassifikation der meisten Lebewesen, ihrer

Kennzeichnung schlechtweg als Männchen oder Weibchen, Mann oder

Weib, kommen wir den Tatsachen gegenüber nicht länger aus. Die

Mangelhaftigkeit dieser Begriffe wird von vielen mehr oder weniger klar

gefühlt. Hier ins Reine zu kommen, ist zunächst das Ziel dieser Arbeit.

Ich schließe mich anderen Autoren, welche in jüngster Zeit über zu

diesem Thema gehörige Erscheinungen geschrieben haben, an, wenn ich

zum Ausgangspunkt der Betrachtung die von der Entwicklungsgeschichte

(Embryologie) festgestellte Tatsache _der geschlechtlichen

Undifferenziertheit der ersten embryonalen Anlage_ des Menschen, der

Pflanzen und der Tiere wähle.

Einem menschlichen Embryo beispielsweise kann man, wenn er jünger als

fünf Wochen ist, das Geschlecht nicht ankennen, zu dem er sich später

entwickeln wird. Erst in der fünften Fötalwoche beginnen hier jene

Prozesse, welche gegen Ende des dritten Monates der Schwangerschaft

zur Entwicklung einer ursprünglich beiden Geschlechtern gemeinsamen

Genitalanlage nach einer Seite hin und weiter zur Gestaltung des

ganzen Individuums als eines sexuell _genau definierten_ führen.[3]

Die Einzelheiten dieser Vorgänge sollen hier nicht näher beschrieben

werden.

Zu jener _bisexuellen Anlage_ eines jeden, auch des höchsten

Organismus, läßt sich sehr gut das _ausnahmslose Beharren_, der Mangel

eines völligen Verschwindens der Charaktere des anderen Geschlechtes

_beim noch so eingeschlechtlich entwickelten_ pflanzlichen,

tierischen und menschlichen Individuum in Beziehung bringen. Die

geschlechtliche Differenzierung ist nämlich nie eine vollständige.

_Alle Eigentümlichkeiten des männlichen Geschlechtes sind irgendwie,

wenn auch noch so schwach entwickelt, auch beim weiblichen Geschlechte

nachzuweisen; und ebenso die Geschlechtscharaktere des Weibes auch beim

Manne sämtlich irgendwie vorhanden, wenn auch noch so zurückgeblieben

in ihrer Ausbildung._ Man sagt, sie seien »rudimentär« vorhanden.

So, um gleich den Menschen, der uns weiterhin fast ausschließlich

interessieren wird, als Beispiel anzuführen, hat auch die weiblichste

Frau einen feinen Flaum von unpigmentierten Wollhaaren, »Lanugo«

genannt, an den Stellen des männlichen Bartes, auch der männlichste

Mann in der Entwicklung stehen gebliebene Drüsenkomplexe unter einer

Brustwarze. Im einzelnen nachgegangen ist man diesen Dingen vor

allem in der Gegend der Geschlechtsorgane und ihrer Ausführwege, im

eigentlichen »Tractus urogenitalis«, und hat bei jedem Geschlechte

alle Anlagen des anderen im rudimentären Zustande in lückenlosem

Parallelismus nachweisen können.

Diese Feststellungen der Embryologen können, mit anderen

zusammengehalten, in einen systematischen Zusammenhang gebracht

werden. Bezeichnet man nach _Häckel_ die Trennung der Geschlechter

als »_Gonochorismus_«, so wird man zunächst bei verschiedenen Klassen

und Arten verschiedene _Grade_ dieses Gonochorismus zu unterscheiden

haben. Nicht nur die verschiedenen Arten der Pflanzen, sondern auch die

Tierspezies werden sich durch die _größere oder geringere Latenz_ der

Charaktere des zweiten Geschlechtes voneinander abheben. Der extremste

Fall der Geschlechtsdifferenzierung, also stärkster Gonochorismus,

liegt für dieses erweiterte Blickfeld im _Geschlechtsdimorphismus_

vor, jener Eigentümlichkeit z. B. mancher Asselarten, daß Männchen und

Weibchen innerhalb der nämlichen Spezies sich äußerlich voneinander

nicht weniger, ja oft mehr unterscheiden, als selbst Mitglieder zweier

differenter Familien und Gattungen. Bei Wirbeltieren kommt danach

nie so ausgeprägter Gonochorismus vor, als ihn z. B. Krustaceen oder

Insekten aufweisen können. Es gibt unter ihnen nirgends eine so

vollständige Scheidung von Männchen und Weibchen, wie sie im sexuellen

Dimorphismus vollzogen ist, vielmehr überall unzählige Mischformen

der Geschlechter, selbst sogenannten »abnormen Hermaphroditismus«, ja

bei den Fischen sogar Familien mit ausschließlichem Zwittertum, mit

»normalem Hermaphroditismus«.

Es ist nun von vornherein anzunehmen, daß es nicht nur extreme Männchen

mit geringsten Resten der Weiblichkeit und auf der anderen Seite

extreme Weibchen mit ganz reduzierter Männlichkeit und in der Mitte

zwischen beiden gedrängt jene Zwitterformen, zwischen jenen drei

Punkten aber nur leere Strecken geben werde. Uns beschäftigt speziell

der Mensch. Doch ist fast alles, was hier über ihn zu sagen ist, mit

größeren oder geringeren Modifikationen auch auf die meisten anderen

Lebewesen mit geschlechtlicher Fortpflanzung anwendbar.

Vom Menschen aber gilt ohne jeden Zweifel folgendes:

_Es gibt_ unzählige Abstufungen _zwischen Mann und Weib_, »_sexuelle

Zwischenformen_«. _Wie die Physik von idealen Gasen spricht_, d. h.

solchen, die genau dem _Boyle-Gay-Lussac_schen Gesetze folgen

(in Wirklichkeit gehorcht ihm kein einziges), und von diesem

Gesetze ausgeht, um im konkreten Falle die Abweichungen von ihm zu

konstatieren: _so können wir einen idealen Mann M und ein ideales Weib

W, die es in der Wirklichkeit nicht gibt, aufstellen als sexuelle

Typen_. Diese Typen _können_ nicht nur, sie _müssen_ konstruiert

werden. _Nicht allein das »Objekt der Kunst«, auch das der Wissenschaft

ist der Typus, die platonische Idee._ Die wissenschaftliche Physik

erforscht das Verhalten des _vollkommen_ starren und des _vollkommen_

elastischen Körpers, wohl bewußt, daß die Wirklichkeit weder den

einen noch den anderen ihr je zur Bestätigung darbieten wird; die

empirisch gegebenen Vermittlungen zwischen beiden dienen ihr nur als

Ausgangspunkt für diese Aufsuchung der typischen Verhaltungsweisen

und werden bei der Rückkehr aus der Theorie zur Praxis als Mischfälle

behandelt und erschöpfend dargestellt. _Und ebenso gibt es nur alle

möglichen vermittelnden Stufen zwischen dem vollkommenen Manne und dem

vollkommenen Weibe_, Annäherungen an beide, die selbst nie von der

Anschauung erreicht werden.

Man achte wohl: hier ist nicht bloß von bisexueller _Anlage_ die Rede,

sondern von _dauernder_ Doppelgeschlechtlichkeit. Und auch nicht bloß

von den sexuellen _Mittel_stufen, (körperlichen oder psychischen)

Zwittern, auf die bis heute aus naheliegenden Gründen alle ähnlichen

Betrachtungen beschränkt sind. In dieser Form ist also der Gedanke

durchaus neu. Bis heute bezeichnet man als »sexuelle Zwischenstufen«

nur die sexuellen _Mittel_stufen: als ob dort, mathematisch gesprochen,

eine _Häufungsstelle_ wäre, _$mehr$ wäre als eine kleine Strecke auf

der überall $gleich$ dicht besetzten Verbindungslinie zweier Extreme_!

Also Mann und Weib sind wie zwei Substanzen, die in verschiedenem

Mischungsverhältnis, ohne daß je der Koeffizient einer Substanz Null

wird, auf die lebenden Individuen verteilt sind. _Es gibt in der

Erfahrung nicht Mann noch Weib_ könnte man sagen, _sondern nur männlich

und weiblich_. Ein Individuum A oder ein Individuum B darf man darum

nicht mehr schlechthin als »Mann« oder »Weib« bezeichnen, sondern ein

jedes ist nach den Bruchteilen zu beschreiben, die es von _beiden_ hat,

etwa:

{ α M { β W

A { α' W B { β' M

wobei stets

0 < α < 1, 0 < β < 1,

0 < α' < 1, 0 < β' < 1.

Die genaueren Belege für diese Auffassung -- einiges Allgemeinste

wurde vorbereitend in der Einleitung angedeutet -- sind zahllos. Es

sei erinnert an alle »Männer« mit weiblichem Becken und weiblichen

Brüsten, fehlendem oder spärlichem Bartwuchs, mit ausgesprochener

Taille, überlangem Kopfhaar, an alle »Weiber« mit schmalen Hüften[4]

und flachen Brüsten, mageren Nates und Femurfettpolstern, tiefer rauher

Stimme und einem Schnurrbart (zu dem die Anlage viel öfter ausgiebig

vorhanden ist, als man sie gemeiniglich bemerkt, weil er natürlich nie

belassen wird; vom Barte, der so vielen Frauen nach dem Klimakterium

wächst, ist hier nicht die Rede) etc. etc. Alle diese Dinge, _die sich

bezeichnenderweise fast immer am gleichen Menschen beisammen finden_,

sind jedem Kliniker und praktischen Anatomen aus eigener Anschauung

bekannt, nur noch nirgends zusammengefaßt.

Den umfassendsten Beweis für die hier verfochtene Anschauung liefert

aber die große Schwankungsbreite der Zahlen für geschlechtliche

Unterschiede, die innerhalb der einzelnen Arbeiten wie zwischen den

verschiedenen anthropologischen und anatomischen Unternehmungen zur

Messung derselben ohne Ausnahme anzutreffen ist, die Tatsache, daß die

Zahlen für das weibliche Geschlecht nie dort anfangen, wo jene für das

männliche aufhören, sondern stets in der Mitte ein Gebiet liegt, in

welchem Männer und Frauen vertreten sind. So sehr diese Unsicherheit

der Theorie von den sexuellen Zwischenstufen zugute kommt, so

aufrichtig muß man sie im Interesse wahrer Wissenschaft bedauern. Die

Anatomen und Anthropologen von Fach haben eben eine wissenschaftliche

Darstellung des sexuellen Typus noch gar nicht angestrebt, sondern

wollten immer nur allgemein in gleichem Ausmaße gültige Merkmale

haben, und hieran wurden sie durch die Überzahl der Ausnahmen immer

verhindert. So erklärt sich die Unbestimmtheit und Weite aller hieher

gehörigen Resultate der Messung.

Gar sehr hat der Zug zur Statistik, der unser industrielles Zeitalter

vor allen früheren auszeichnet, in dem es -- offenbar der schüchternen

Verwandtschaft mit der Mathematik wegen -- seine Wissenschaftlichkeit

besonders betont glaubt, auch hier den Fortschritt der Erkenntnis

gehemmt. Den _Durchschnitt_ wollte man gewinnen, nicht den _Typus_.

Man begriff gar nicht, daß es im Systeme reiner (nicht angewandter)

Wissenschaft nur auf diesen ankommt. Darum lassen denjenigen, welchem

es um die Typen zu tun ist, die bestehende Morphologie und Physiologie

mit ihren Angaben gänzlich im Stich. Es wären da alle Messungen wie

auch alle übrigen Detailforschungen erst auszuführen. Was existiert,

ist für eine Wissenschaft auch in laxerem (nicht erst in Kantischem)

Sinne völlig unverwendbar.

Alles kommt auf die Kenntnis von M und W, auf die richtige Feststellung

des idealen Mannes und des idealen Weibes an (ideal im Sinne von

typisch, ohne jede Bewertung).

Wird es gelungen sein, diese Typen zu erkennen und zu konstruieren, so

wird die Anwendung auf den einzelnen Fall, seine Darstellung durch ein

quantitatives Mischungsverhältnis, ebenso unschwer wie fruchtbar sein.

Ich resumiere den Inhalt dieses Kapitels: es gibt keine kurzweg

als ein- und bestimmt-geschlechtlich zu bezeichnenden Lebewesen.

Vielmehr zeigt die Wirklichkeit ein Schwanken zwischen zwei Punkten,

auf denen selbst kein empirisches Individuum mehr anzutreffen ist,

_zwischen_ denen _irgendwo_ jedes Individuum sich aufhält. Aufgabe

der Wissenschaft ist es, die Stellung jedes Einzelwesens zwischen

jenen zwei Bauplänen festzustellen; diesen Bauplänen ist keineswegs

eine metaphysische Existenz neben oder über der Erfahrungswelt

zuzuschreiben, sondern ihre Konstruktion ist notwendig aus dem

heuristischen Motive einer möglichst vollkommenen Abbildung der

Wirklichkeit. -- --

Die Ahnung dieser Bisexualität alles Lebenden (durch die nie ganz

vollständige sexuelle Differenzierung) ist uralt. Vielleicht ist

sie chinesischen Mythen nicht fremd gewesen; jedenfalls war sie im

Griechentum äußerst lebendig. Hiefür zeugen die Personifikation

des Hermaphroditos als einer mythischen Gestalt; die Erzählung des

Aristophanes im platonischen Gastmahl; ja noch in später Zeit galt

der gnostischen Sekte der Ophiten der Urmensch als mannweiblich,

ἀρσενόθηλυς.

Geschlecht und Charakter: Eine prinzipielle Untersuchung · 第 37 / 70 题