DIE SEXUELLE MANNIGFALTIGKEIT.

Einleitung.

Alles Denken beginnt mit _Begriffen von mittlerer Allgemeinheit_

und entwickelt sich von ihnen aus nach zwei Richtungen hin: nach

Begriffen von immer höherer Allgemeinheit, welche ein immer mehr

Dingen Gemeinsames erfassen und hiedurch ein immer weiteres Gebiet

der Wirklichkeit umspannen; und nach dem Kreuzungspunkte aller

Begriffslinien hin, dem konkreten Einzelkomplex, dem Individuum,

welchem wir denkend immer nur durch unendlich viele einschränkende

Bestimmungen beizukommen vermögen, das wir definieren durch Hinzufügung

unendlich vieler spezifischer differenzierter Momente zu einem höchsten

Allgemeinbegriff »Ding« oder »etwas«. Daß es eine Tierklasse der Fische

gibt, die von den Säugetieren, den Vögeln, den Würmern unterschieden

ist, war lange bekannt, bevor man einerseits unter den Fischen selbst

wieder Knorpel- und Knochenfische schied, anderseits sie mit den Vögeln

und Säugetieren durch den Begriff des Wirbeltieres zusammenzufassen

sich veranlaßt sah, und die Würmer dem hiedurch geeinten größeren

Komplexe gegenüberstellte.

Mit dem Kampf ums Dasein der Wesen untereinander hat man diese

Selbstbehauptung des Geistes gegenüber einer durch zahllose

Ähnlichkeiten und Unterschiede verwirrenden Wirklichkeit verglichen.[1]

Wir _erwehren_ uns der Welt durch unsere Begriffe.[2] Nur langsam

bringen wir sie in deren Fassung, allmählich, wie man einen

Tobsüchtigen zuerst über den ganzen Körper fesselt, notdürftig, um ihn

wenigstens nur auf beschränkterem Orte gefährlich sein zu lassen; erst

dann, wenn wir in der Hauptsache gesichert sind, kommen die einzelnen

Gliedmaßen an die Reihe und wir ergänzen die Fesselung.

_Es gibt zwei Begriffe, sie gehören zu den ältesten der Menschheit,

mit denen diese ihr geistiges Leben seit Anbeginn zur Not gefristet

hat._ Freilich hat man oft und oft kleine Korrekturen angebracht, sie

wieder und wieder in die Reparaturwerkstätte geschickt, notdürftig

geflickt, wo die Reform an Haupt und Gliedern not tat; weggenommen

und angestückelt, Einschränkungen in besonderen Fällen gemacht und

dann wieder Erweiterungen getroffen, wie wenn jüngere Bedürfnisse

sich nur nach und nach gegen ein altes, enges Wahlgesetz durchsetzen,

indem dieses einen Riemen nach dem anderen aufschnallen muß: aber im

ganzen und großen glauben wir doch noch mit ihnen in der alten Weise

auszukommen, mit diesen Begriffen, die ich hier meine, den Begriffen

_Mann und Weib_.

Zwar sprechen wir von mageren, schmalen, flachen, muskelkräftigen,

energischen, genialen »Weibern«, von »Weibern« mit kurzem Haar

und tiefer Stimme, von bartlosen, geschwätzigen »Männern«. Wir

erkennen sogar an, daß es »unweibliche Weiber«, »Mannweiber« gibt

und »unmännliche«, »weibliche« »Männer«. Bloß auf eine Eigenschaft

achtend, nach welcher bei der Geburt die Geschlechtszugehörigkeit jedes

Menschen bestimmt wird, wagen wir es also sogar, Begriffen Bestimmungen

beizufügen, durch welche sie verneint werden. Ein solcher Zustand ist

logisch unhaltbar.

Wer hat nicht im Freundeskreis oder im Salon, in wissenschaftlicher

oder in öffentlicher Versammlung die heftigsten Diskussionen über

»Männer und Frauen«, über die »Befreiung des Weibes« angehört

und mitgemacht? Gespräche und Debatten, in denen mit trostloser

Regelmäßigkeit »die Männer« und »die Weiber« einander gegenübergestellt

wurden, als wie weiße und rote Kugeln, von denen die gleichfarbigen

keine Unterschiede mehr untereinander aufweisen! Nie wurde eine

individuelle Behandlung der Streitpunkte versucht; und da jeder

nur individuelle Erfahrungen hatte, war naturgemäß eine Einigung

ausgeschlossen, wie überall dort, wo verschiedene Dinge mit dem

gleichen Worte bezeichnet werden, Sprache und Begriffe sich

nicht decken. Sollten wirklich alle »Weiber« und alle »Männer«

streng voneinander geschieden sein und doch auf jeder Seite alle

untereinander, Weiber einerseits, Männer anderseits sich in einer Reihe

von Punkten vollständig gleichen? Wie ja bei allen Verhandlungen über

Geschlechtsunterschiede, meist natürlich unbewußt, vorausgesetzt wird.

Nirgends in der Natur ist sonst eine so klaffende Unstetigkeit; wir

finden stetige Übergänge von Metallen zu Nichtmetallen, von chemischen

Verbindungen zu Mischungen; zwischen Tieren und Pflanzen, zwischen

Phanerogamen und Kryptogamen, zwischen Säugetieren und Vögeln gibt es

Vermittlungen. Zunächst nur aus allgemeinstem praktischen Bedürfnis

nach Übersicht teilen wir ab, halten gewaltsam Grenzen fest, hören

Arien heraus aus der unendlichen Melodie alles Natürlichen. Aber

»Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage« gilt von den alten Begriffen des

Denkens wie von den ererbten Gesetzen des Verkehrs. Wir werden es nach

den angeführten Analogien auch hier von vornherein für unwahrscheinlich

halten dürfen, daß in der Natur ein _Schnitt_ geführt sei zwischen

allen Masculinis einerseits und allen Femininis anderseits, und ein

lebendes Wesen in dieser Hinsicht einfach so beschreibbar, daß es

diesseits oder jenseits einer solchen Kluft sich aufhalte. Nicht einmal

die Grammatik ist so streng.

Man hat in dem Streite um die Frauenfrage vielfach _den Anatomen_ als

Schiedsrichter angerufen, um durch ihn die kontroverse Abgrenzung

der _unabänderlichen_, weil _angebornen_, gegen die _erworbenen_

Eigenschaften der männlichen und weiblichen Sinnesart vornehmen zu

lassen. (Sonderbar genug war es, von seinen Befunden die Entscheidung

abhängig zu machen in der Frage der natürlichen Begabung von Mann und

Weib: als ob, wenn _wirklich_ alle andere Erfahrung hier keinerlei

Unterschied hätte feststellen können, zwölf Deka Hirn plus auf der

einen Seite ein solches Resultat zu widerlegen vermöchten.) Aber die

besonnenen Anatomen geben, um ausnahmslose Kriterien gefragt, in jedem

Falle, handle es sich nun um das Gehirn oder sonst um irgend ein Organ

des Körpers, zur Antwort: _durchgehende_ sexuelle Unterschiede zwischen

_allen_ Männern einerseits und _allen_ Frauen anderseits sind nicht

nachweisbar. Wohl sei auch das Handskelett der Mehrzahl der Männer ein

anderes als das der Mehrzahl der Frauen, doch sei mit Sicherheit weder

aus den skelettierten noch aus den mit Muskeln, Bändern, Sehnen, Haut,

Blut und Nerven aufbewahrten (isolierten) Bestandteilen das Geschlecht

mit Sicherheit bestimmbar. Ganz das Gleiche gelte vom Thorax, vom

Kreuzbein, vom Schädel. Und wie steht es mit dem Skeletteil, bei

dem, wenn überhaupt irgendwo, strenge geschlechtliche Unterschiede

hervortreten müßten, was ist's mit dem Becken? Das Becken ist doch der

allgemeinen Überzeugung nach im einen Fall dem Geburtsakt angepaßt, im

anderen nicht. Aber nicht einmal beim Becken ist mit Sicherheit ein

Maßstab anzulegen. Es gibt, wie jeder von der Straße her weiß -- und

die Anatomen wissen da auch nicht mehr -- genug »Weiber« mit männlichem

schmalen und genug »Männer« mit weiblichem breiten Becken. Also ist es

nichts mit den Geschlechtsunterschieden? Da wäre es ja fast geraten,

Männer und Weiber überhaupt nicht mehr zu unterscheiden?!

Wie helfen wir uns aus der Frage? Das Alte ist ungenügend, und wir

können es doch gewiß nicht entbehren. Reichen die überkommenen Begriffe

nicht aus, so werden wir sie nur aufgeben, um zu versuchen, uns neu und

besser zu orientieren.

Geschlecht und Charakter: Eine prinzipielle Untersuchung · 第 36 / 70 题