Aufsehen erregenden Abfahrt der sieben Söhne des Schwabenlandes um Jahr und
Tag vorgerückt. Wo mochten sie wohl stecken, die wagemutigen Landsleute? Ob
sie wirklich den Mars erreicht hatten? Möglicherweise waren sie gar nicht
nach diesem Planeten gelangt, sondern vielleicht auf einem der zahlreichen
Planetoiden abgestiegen, oder die Expedition war verunglückt und die arme
Forscherschar dann für immer verschollen im ungeheuren Weltenraume.
Letztere Ansicht wurde allgemein als die richtige angenommen und geglaubt.
Nach dem Aufstieg des Weltenseglers unterhielt man sich anfänglich in
Stuttgart noch viel und lebhaft über die Reise der Forscher, und Fragen
aller Art waren aufgeworfen worden; nach und nach aber schlief das früher
so lebhafte Interesse für die Marsexpedition ein. Neue Zeitfragen, aktuelle
Ereignisse waren aufgetaucht und verdrängten schließlich die Erinnerung an
das märchenhafte Unternehmen.
Da, plötzlich wie ein Blitzstrahl aus heiterm Himmel schlug an einem
Septembertage die Nachricht in Stuttgart ein, die Herren Professoren, die
vor bald drei Jahren vom Cannstatter Wasen aus nach dem Mars abgefahren
waren, seien auf einer Insel in der fernen Südsee niedergegangen, und zwar
mit ihrem Luftschiff, dem Weltensegler. Im ersten Augenblick wollte kein
Mensch an diese Nachricht glauben; man hielt sie für einen schlechten
Scherz. Als sie aber unter den amtlichen Mitteilungen im »Staatsanzeiger«
erschien und durch Tausende von Extrablättern sofort weiter verbreitet
wurde, da wurden schließlich auch die hartnäckigsten Zweifler von der
Wahrheit der Nachricht überzeugt.
In lakonischer Kürze lautete der telegraphische Bericht:
Matupi, 31. August, nachts.
Weltensegler vom Mars zurück, hier niedergegangen. Stiller, Piller,
Brummhuber, Hämmerle, Dubelmeier, Thudium. Befinden relativ wohl.
In der ersten großen Überraschung fiel es vielen gar nicht auf, daß in dem
Telegramm nur von sechs Teilnehmern die Rede war. Erst nach und nach wurde
des fehlenden siebenten Mitgliedes der Expedition gedacht. Die Meinung
hierüber war rasch gefaßt: Frommherz mußte während der Reise zweifellos
gestorben sein.
Mit größter Ungeduld sah die engere wie die weitere Heimat, die gesamte
Kulturwelt näheren Nachrichten entgegen. Welch interessante, spannende
Berichte standen von den schon verloren geglaubten Forschern zu erwarten!
* * * * *
Die erste Zeit nach der Abreise vom Mars verstrich den Insassen der Gondel
ganz erträglich. Nach Professor Stillers Ausspruch befand sich der
Weltensegler auf der richtigen Bahn und in der Anziehungssphäre der Erde.
Die Reise stellte an die Herren wieder die höchsten Anforderungen in Bezug
auf ihre Gesundheit, Geduld und Ausdauer. Monate waren seitdem schon
vergangen, und das Ziel, die Erde, wollte noch immer nicht auftauchen. Die
Dulder fingen an, sich mehr und mehr erschöpft zu fühlen und beneideten in
Gedanken oft den zurückgebliebenen Freund Frommherz.
Aber schließlich muß ja auch die längste, dunkelste Nacht dem hellen Tag
weichen. Es ging gegen Ende August. Über fünf Monate schon zog der
Weltensegler durch den Ätherraum. Stiller erwartete von einem Tage zum
andern den Eintritt des Luftschiffes in die Atmosphäre der Erde. Richtig!
Eine beginnende Dämmerung zeigte ihre Nähe an.
Wie einst bei der Annäherung an den Mars alle Drangsale der Reise im
Handumdrehen aus der Erinnerung verschwanden, so war es auch diesmal wieder
der Fall. Als Herr Stiller seinen Gefährten mitteilte, daß sie soeben in
die Erdatmosphäre eingefahren und wahrscheinlich heute noch unten auf der
Erde irgendwo landen würden, falls die Freunde nicht vorzögen, mit dem
Weltensegler unmittelbar nach Deutschland zu steuern, da erhob sich heller
Jubel in der Gondel. Vergessen waren plötzlich alle Mühe und Drangsal,
alles körperliche Unbehagen.
»Wo es auch ist, nur herunter und heraus aus diesem verdammten Kasten!«
erklärte Piller. »Wahrhaftig, wir sind jetzt lange genug eingesperrt
gewesen!«
»Piller hat recht,« stimmte Thudium bei
»Keine Stunde länger als unumgänglich notwendig bleibe ich in diesem
fürchterlichen Käfig,« entschied Hämmerle, und ihm pflichteten Dubelmeier
und Brummhuber bei.
»Nun, wenn es so mit Ihnen steht, so landen wir, wo es eben möglich ist,«
antwortete in gewohnter Ruhe Stiller. »Wir müssen aber Sorge dafür tragen,
daß wir in zivilisierter Gegend absteigen und nicht aus Versehen in den
offenen Ozean geraten.«
»Das recht zu machen, ist Ihre Sache, Stiller,« entschied Piller. »Und nun,
Gefährten, nehmen wir einen Schluck des herrlichen Marsweines als Ausdruck
unserer Freude über die glücklich vollendete Reise! Dubelmeier, zu meiner
innigen Freude und aufrichtigen Genugtuung haben Sie sich auf dieser Fahrt
vom Saulus in einen Paulus verwandelt und an Stelle des Wassers den edlen
Wein gesetzt. Also trinken wir!«
Während die übrigen Herren den Pokal, eine wunderbare Marsarbeit und ein
Geschenk von Angola her, kreisen ließen, hatte Herr Stiller die Ventile des
Luftschiffs gelockert und eines der Gondelfenster geöffnet. Der
Weltensegler fiel rasch abwärts.
»Täuscht mich nicht alles, so schweben wir gerade über der australischen
Ostküste,« sprach Herr Stiller, nachdem er einen raschen Blick aus dem
Gondelfenster geworfen hatte. »Wir werden bei Brisbane in Queensland
landen.«
»Prächtig, Stiller, alter Knabe! Prosit! Da, nehmen Sie auch einen
Schluck!«
Piller wollte gerade seinem Kollegen den Pokal mit dem Weine reichen, als
plötzlich ein furchtbarer Windstoß die Gondel traf und mitsamt dem
Luftschiff in eine drehende, wirbelnde Bewegung versetzte. Der Pokal fiel
zu Boden, und die Herren selbst mußten sich an den nächsten festen
Gegenständen in der Gondel festhalten, um nicht wie Bälle herumgeschleudert
zu werden.
»Wir sind im letzten Augenblick in einen Zyklon geraten, wie sie hier herum
häufig sind,« schrie Stiller seinen erschrockenen Gefährten zu. »Nun heißt
es, allen Mut zusammennehmen. Der blinde Zufall ist jetzt unser Führer.«
In unverminderter Stärke und Heftigkeit wütete der Orkan während der
folgenden bangen Stunden. Der Wind pfiff heulend durch das offene,
zerschmetterte Fenster der Gondel und wirbelte in ihr alles herum, was
nicht befestigt war. In dem fürchterlichen Toben des Orkanes war jede
Verständigung ausgeschlossen. Die Insassen der Gondel mußten sich
schließlich der größeren Sicherheit wegen auf den Boden legen. Hilflos
trieb das Luftschiff dahin, wohin es der rasende Sturmwind trug. Es war ein
tragisches Verhängnis, das im letzten Augenblick der Reise, kurz vor der
Landung auf der Erde, die Reisenden traf. Und dabei bestand noch die große
Gefahr, daß der Weltensegler ins offene Meer treiben, und die Expedition,
die die ungeheure Reise nach und von dem Mars bisher so glücklich
überwunden hatte, zum Schlusse noch ertrinken werde.
Traurige, trübe Gedanken bewegten die Männer. So war eine Reihe von Stunden
vergangen. Der Tag, der so vielversprechend begonnen hatte, neigte sich
seinem Ende zu. Die Gewalt des Sturmes schien nachzulassen. Möglich auch,
daß der Weltensegler gegen die Peripherie des Wirbelsturmes hinausgetrieben
worden war, kurz, die tolle Fahrt durch die Luft verringerte sich
zusehends, und die Herren konnten endlich ihre unbequeme Lage verlassen und
Ausschau halten. Zu ihrer Freude nahmen sie wahr, daß der Ballon in eine
weite, geräumige Bucht eintrieb, deren Hintergrund ein Wald von grünen
Kokospalmen bildete, umsäumt von freundlichen, kleinen Häusern.
Rasch entschlossen öffnete Stiller die Ventile des Weltenseglers, als er
gerade über dem Palmenwalde schwebte. Einem Riesengewichte gleich fiel der
Ballon in die hohen Palmbäume, die krachend unter der merkwürdigen Last
zusammenbrachen. Weißgekleidete Männer eilten an den Ort des Niederganges
herbei. Ihnen gesellten sich die fast nackten, dunkeln Gestalten der
Eingeborenen bei, die schreiend und gestikulierend um den Platz
herumstanden, den sich der Weltensegler in ihrem Palmenwalde geschaffen
hatte.
Bald lag der übel zugerichtete Weltensegler fest verankert im Palmenwalde.
»Wo sind wir denn?« fragte Piller zum Gondelfenster heraus.
»Auf Matupi, im Südseearchipel,« lautete die Antwort.
»Wahrlich, das war noch Glück! Beinahe wären wir ertrunken; viel fehlte
nicht mehr,« meinte Dubelmeier.
»Nun, dann hätten Sie eben im Wasser, Ihrem Element, geendet,« brummte
Piller.
»Heraus, Freunde, heraus aus der Gondel und endlich hinab auf festen
Boden!« drängte Stiller.
Als die Herren ausgestiegen waren, stellte sich der Führer der Weißen als
Gouverneur der Insel vor.
»Wir sind aus Schwaben,« entgegnete Stiller lächelnd, »Professoren an der
Universität in Tübingen, und sind seinerzeit von Deutschland aus mit dem
Luftschiff aufgestiegen. Schwaben kennt man ja überall in der Welt. Sollten
Sie je einmal nach dem fernen Mars kommen, so werden Sie selbst da einen
zurückgebliebenen engeren Landsmann von uns antreffen.«
Der Gouverneur starrte etwas verwirrt den Sprecher, an, den er nicht recht
begriffen hatte.
»Sie kommen mit Ihrem Luftschiff aus Deutschland her?«
»Direkt nicht, indirekt ja, direkt vom Mars! Haben Sie niemals von der
Expedition nach dem Mars gehört? Es sind allerdings jetzt ungefähr zwei und
drei viertel Jahre her, seit wir vom Cannstatter Wasen abgereist sind.«
»Ah -- ja, jetzt erinnere ich mich, von dieser ganz ungeheuerlich
klingenden Reise einst gelesen zu haben. Und Sie wären wirklich die kühnen
Reisenden . . .?«
»Ja,« unterbrach Piller den Zweifelnden, »glauben Sie denn, daß sechs
ehrenhafte schwäbische Professoren Ihnen etwas Unwahres vordunsten wollen?
Wir sind die sieben Schwaben, die nach dem Mars fuhren. Wir waren zwei
Jahre oben und kommen nur deshalb zu sechst zurück, weil der siebente oben
geblieben ist. Verstehen Sie nun? Im übrigen heiße ich Professor Paracelsus
Piller.«
»Entschuldigen Sie,« erwiderte, der Gouverneur, »ich glaube Ihnen aufs
Wort. Ich war nur furchtbar verwirrt, und meine Gedanken jagten sich
förmlich unter dem Eindrucke des Gehörten. -- Darf ich Sie nun zu einem
Mahl und einem guten Trunk einladen?«
»Aber natürlich! Gewiß! Mit größtem Vergnügen!« erklärten die Herren, die
seit bald einem halben Jahr keine warme Suppe mehr gesehen hatten.
»Das Gehen wird uns etwas schwer. Unsere Gliedmaßen sind ziemlich steif
geworden,« erklärte Stiller dem Gouverneur, als er etwas mühsam neben ihm
dessen naher Behausung zuschritt. »Wir sind am 7. März von oben abgefahren.
Heute haben wir, irr' ich mich nicht, den 31. August. Mithin sind wir
nahezu sechs Monate in der Gondel gewesen. Eine lange, bange Zeit!«
»Wie stolz bin ich darauf, daß Sie gerade hier bei uns landen mußten!«
»Na, um ein Haar wäre unsere Expedition in letzter Stunde noch verunglückt,
und niemand hätte dann die Ergebnisse unserer Reise erfahren. Doch
einstweilen genug davon! Wir scheinen hier zur Stelle zu sein.«
»Treten Sie ein in mein Haus, das nun das Ihre ist, und lassen Sie mich der
erste sein, der Ihnen, den kühnsten Reisenden, die je gelebt, den Willkomm
auf unserer Mutter Erde bietet. Entschuldigen Sie, daß ich diese
Begrüßungsformel erst jetzt ausspreche. Allein ich war durch Ihre
überraschende Ankunft hier tatsächlich ganz verblüfft.« Der Gouverneur
schüttelte jedem der Professoren herzlich die Hand und stellte sie den
übrigen Herren vor, die voll Hochachtung auf die vom Himmel
heruntergefallenen Gäste blickten.
Die Weltensegler entledigten sich zunächst ihrer Pelzmäntel und nahmen gern
das freundliche Anerbieten an, die schwere Reisekleidung gegen leichte,
weiße Tropenanzüge zu vertauschen, die den Herren in einem Nebenzimmer
bereitgelegt wurden. Rasch war dieser Wechsel vollzogen, und bald lagen die
Herren in ihrer bequemen Tropentracht auf der luftigen Veranda in großen
Korbstühlen. Draußen strömte der Regen nieder, und sein prasselndes
Geräusch auf dem Dache erhöhte noch das Gefühl der Behaglichkeit.
Unterdessen sorgte der Gouverneur für einen stärkenden Trank. Gekühlter
Champagner wurde durch die lautlos herumhuschende schwarze Dienerschaft den
Herren kredenzt.
»Sie müssen morgen unsere Marstropfen versuchen,« sprach Piller zum
Gouverneur, als er sein Glas mit einem Zuge ausgetrunken hatte und es zum
zweiten Male füllen ließ.
»Was, Sie haben sogar Wein von oben mitgebracht?« antwortete der erstaunt.
»Und was für einen guten!« schmunzelte Piller. »Sogar mein sonst nur
wassertrinkender Kollege hier, Herr Professor Dubelmeier, ist durch diesen
Göttertropfen besiegt worden.«
»Nur durch die Gewalt der Umstände,« wehrte sich Dubelmeier.
»Streiten wir nicht darüber, Dubelmeierchen! Lassen Sie uns alle anstoßen
und rufen: Hoch Deutschland und das Schwabenland!« Die Gläser klangen
zusammen.
»Ein Hoch unsern hochverehrten Gästen!« lud der Gouverneur die Beamten von
Matupi ein. Nachdem dieser Ruf verklungen war, wurde das Essen als
angerichtet gemeldet, und die Gesellschaft begab sich in das Speisezimmer.
Mit gutem Appetit langten die Herren zu, und bald herrschte eine allgemeine
rege Unterhaltung.
»Wollen Sie nicht Ihre Ankunft nach Stuttgart kabeln?« fragte der
Gouverneur. »Welch ungeheure Überraschung wird diese Mitteilung in Ihrer
Heimat erregen!«
»Ja, das werden wir,« entgegnete Stiller. »Ich denke übrigens, daß wir mit
dem nächsten Schiffe von hier nach Deutschland abreisen.«
»Wir haben vierzehntägige Dampferverbindung zwischen hier und Singapore.
Dort können Sie dann sofort Anschluß nach Europa finden. Aber ich bin
glücklich darüber, daß vor einer Woche der letzte Dampfer von hier abfuhr
und Sie daher, meine verehrten Herren, noch volle sieben Tage unsere
willkommenen Gäste sein müssen,« sprach der Gouverneur lächelnd. »Sie haben
wohl Wunderbares auf Ihrer Reise und oben auf dem Mars erlebt?«
»Darüber wollen wir einige Bücher veröffentlichen, denn unsere Berichte
werden Bände füllen,« erwiderte Stiller.
»Und Sie sollen das Werk später erhalten als Zeichen unseres Dankes für
Ihre gastliche Aufnahme,« fügte Piller bei, »denn wenn wir Ihnen alles
mündlich erzählen wollten, was wir erlebt haben, so müßten wir manchen
Dampfer versäumen. Das geht aber nicht. Es drängt uns, endlich wieder
heimzukommen.«
»Das kann ich mir lebhaft vorstellen. Sie werden wohl allerlei interessante
Sachen vom Mars mitgebracht haben?«
»Gewiß! Morgen sollen Sie verschiedenes sehen, und daraus können Sie dann
leicht erkennen, auf welch hoher Stufe der Kultur die Bewohner jenes
prächtigen Planeten stehen, die das Menschentum in seinem erhabensten
Begriffe verwirklichen,« erwiderte Stiller. »Zum zweiten Male möchten wir
aber die Reise nicht mehr machen. Nicht nur ist sie voller Gefahren, sie
ist auch fürchterlich anstrengend. Es war nicht unser eigenes Verdienst,
sondern lediglich ein Spiel des Zufalles, daß wir die Reise hin und her im
Weltraum unter verhältnismäßig guten Bedingungen ausführen konnten. Und
heute morgen, als wir über Queensland schwebten und gerade im Begriffe
waren, auf Brisbane zuzusteuern, da packte uns plötzlich der Orkan und warf
uns hierher.«
»Das ist allerdings sehr zu bedauern, daß Sie zum Schluß Ihrer ungeheuren
Reise noch in den Zyklon geraten mußten. Wie ich vernahm, hat der Sturm auf
den andern Inseln des Archipels schwer gehaust. Aber ich preise ihn doch
ein wenig, diesen Wirbelwind, hat er uns doch Sie, die berühmten Söhne des
Schwabenlandes, als Gäste zugeführt.«
Nach Beendigung des Begrüßungsmahls wurden die Reisenden in den Häusern der
verschiedenen Beamten auf Matupi untergebracht, und bald lagen sie in
tiefem, traumlosem Schlafe. Noch in der gleichen Nacht ging das Telegramm
nach Stuttgart ab.
Als sich die Reisenden am andern Morgen durch ein Bad in dem klaren Wasser
der Bucht erquickt hatten, traf bereits die Antwort von Stuttgart ein:
Staatsregierung und Stadtrat hatten den ersten warmen Willkomm aus der
Heimat gesandt und zugleich um Auskunft über Herrn Frommherz gebeten, da er
nicht auf der Liste der Zurückgekehrten angeführt war. Die Antwort lautete:
»Frommherz freiwillig auf Mars zurückgeblieben. Expedition dahin geglückt.
Zwei Jahre oben gewesen. Hoffen, in etwa vier Wochen in Stuttgart
einzutreffen.
Stiller.«
Mit Staunen betrachteten der Gouverneur und die Beamten von Matupi die
geniale Einrichtung der Gondel, die ihnen von Stiller gezeigt und erklärt
wurde. Noch mehr aber staunten sie über die Kunsterzeugnisse aus Silber und
Gold und über die mannigfachen und wertvollen Geschenke der Marsiten.
Leider fand sich das goldene Buch nicht mehr vor. Da die Gondel
abgeschlossen war, so konnte an einen Diebstahl während der Nacht um so
weniger gedacht werden, als auch die Eingeborenen für den Wert des
Gegenstandes kein Verständnis gehabt hätten. So mußte angenommen werden,
daß das Buch durch eine der Gondelklappen hinaus in den Weltenraum gefallen
sei, ein unersetzlicher Verlust, der auf das Gemüt der Professoren recht
niederdrückend wirkte. Schließlich aber siegte die Freude der Rückkehr über
alle trüben Gedanken.
Piller ließ es sich nicht nehmen, die Herren von Matupi in der Gondel mit
dem kleinen Reste von Wein zu bewirten, der noch vom Mars her vorhanden
war. Sie alle erklärten, einen so feinen und feurigen Wein noch nie zuvor
im Leben getrunken zu haben.
Die Tage auf Matupi waren dem Packen der mitgenommenen Habe und dem Bergen
der Instrumente gewidmet. Ballon und Gondel sollten später zerlegt und nach
Hause gesandt werden. Pünktlich am 7. September morgens lief der Dampfer
»Venus« in die Bucht ein und ging der Faktorei von Matupi gegenüber vor
Anker. Nach herzlichem Abschiede fuhren die Herren noch am Abend des
gleichen Tages von Matupi ab.
»Ein merkwürdiges Zusammentreffen von Namen!« sprach Stiller zu seinen
Gefährten, als sie sich an Bord des Schiffes behaglich eingerichtet hatten.
»Vom Mars kommen wir, auf der Venus fahren wir durch die blauen Wogen der
Südsee, und die »Stuttgart« erwartet uns, wie der Gouverneur sagte, in
Singapore, um uns nach Genua zu bringen.«
Eine Woche später traf der Dampfer in Singapore ein. Schon bei der Einfahrt
in den geräumigen Hafen war die »Venus« mit ihren berühmten schwäbischen
Fahrgästen der Gegenstand allseitiger Ehrung. Die zahlreichen im Hafen
liegenden Schiffe aller möglichen Nationen trugen Flaggengala, und bis auf
die malaiischen Prauws und chinesischen Dschunken herunter war alles
festlich gekleidet. Von den Festungswerken wurde Ehrensalut gefeuert, als
die »Venus« langsam ihrem Anlegeplatz zufuhr.
In feierlicher Weise wurden die kühnen Marsreisenden von den Behörden und
Konsuln Singapores begrüßt. Dann fand im festlich geschmückten Hause des
deutschen Klubs das unvermeidliche Festessen mit den üblichen Reden statt.
Die sechs Herren waren froh, als sie nach all dem Festtrubel und der
glühenden Tropenhitze Singapores glücklich auf Deck der »Stuttgart« saßen,
die nach dem Eintreffen ihrer Ehrenpassagiere sofort die Anker lichtete und
die Straße von Malakka hinaufdampfte.
»Empfinden Sie nicht auch wieder den alten, starken Widerwillen gegen diese
Art offizieller Huldigungen, die im Grunde genommen doch meist den Stempel
der Unwahrheit tragen?« fragte Piller seinen Freund Stiller.
»Es geht mir wie Ihnen,« erwiderte Stiller. »Mit der würdigen und
harmonischen Weise, mit der in Angola Feste gefeiert wurden, stehen diese
lauten Bankette, bei denen jeder sein liebes Ich möglichst vorzudrängen
sucht, in grellem Gegensatz. Im Verkehre mit den Marsiten hatten wir sofort
die Empfindung des Behagens. Hier unten erwacht sofort wieder das alte
Unbehagen in der Berührung mit der Menge. Wir fühlen eben instinktiv, daß
all die Worte lauter Anerkennung, die sündflutartig immer auf den
niederprasseln, der einen nennenswerten äußern Erfolg gehabt hat, vielfach
wenigstens gar nicht ernst gemeint sind.«
»Sie sprechen genau meine Meinung aus!« bestätigte Dubelmeier, der dem
Gespräch der beiden Gefährten aufmerksam gefolgt war. »Auch ich gestehe,
daß mir diese Festessen und Festreden schon jetzt zuwider geworden sind,
nachdem sie kaum begonnen haben.«
»Na, wir werden uns noch durch eine ganze Reihe solcher öffentlichen
Veranstaltungen durchwinden müssen, bis wir endlich ungestört in der Stille
unseres Studierzimmers arbeiten dürfen,« antwortete Piller.
»Dem entgehen wir leider nicht. Ein Glück, daß wir auf dem Meere noch eine
Ruhepause haben, bevor der Haupttrubel in der Heimat beginnt!« entgegnete
Dubelmeier.
Aber schon in Colombo begann in vermehrter Auflage das Feiern der berühmten
Schwabensöhne, und als die »Stuttgart« in Suez eintraf, bat die ägyptische
Regierung um die Ehre ihres Besuches in Kairo. Endlich nach zweitägigen
Festlichkeiten waren die Marsfahrer wieder auf dem Schiffe, das nun seinen
Kurs direkt nach Genua nahm. Dort trafen die Reisenden Anfang Oktober ein.
Nach fast dreijähriger Abwesenheit betraten sie hier zum erstenmal wieder
den Boden Europas.
Zehntes Kapitel
In der Heimat
Die Reise der Herren durch Italien glich einem Triumphzuge. Halb betäubt
von all dem Lärm der letzten Tage langten die Professoren auf der Station
Hasenberg an, zu deren Füßen sich Schwabens Hauptstadt malerisch schön
ausbreitet. Obgleich es Herbst war, prangte hier alles im reichsten
Blumenschmuck. Vertreter des Staats, der Tübinger Universität, die Väter
der Stadt, weißgekleidete Ehrenjungfrauen, Musikkapellen und eine
tausendköpfige Menschenmenge erwarteten hier die Heimkehrenden.
Schon während der Fahrt durch Schwaben läuteten alle Glocken, nicht nur der
Stationen, die der Zug berührte, sondern auch aller Dörfer in der Nähe des
Bahnkörpers. Ein brausendes Hoch empfing den blumenbekränzten Zug, als er
am 7. Oktober mittags vier Uhr aus dem Hasenbergtunnel herausfuhr. Die
vereinigten Musikkapellen von Stuttgart spielten eine Begrüßungshymne, die
eigens für diesen Zweck von Musikdirektor Klingle komponiert worden war.
Alsdann begann unten in der Stadt das feierliche Spiel der Glocken. Es
pflanzte sich fort auf die Vorstädte und erinnerte an die Stunde jenes
Dezemberabends vor bald drei Jahren, an dem die Herren die kühne Fahrt nach
dem fernen Planeten angetreten hatten.
Die Begrüßungs- und Bewillkommungsreden verhallten im Lärm der allgemeinen
Festesfreude. Die Autoelektrikwagen wurden bestiegen. Im ersten saßen die
sechs Zurückgekehrten, Riesensträuße in den Händen. Langsam ging es durch
die sich drängende, jubelnde Menschenmenge hinab in die reichbeflaggte
Stadt. Eine kurze Rast in Marquardts Hotel wurde den so wunderbar wieder
heimgekehrten, aber sichtlich erschöpften Gelehrten gestattet, dann aber
mußten sie weitere Opfer der gesellschaftlichen Ordnung bringen.
In feierlichem Zuge, unter den betäubenden Hochrufen der in den Straßen
flutenden Menschmenge wurden die Gelehrten nach der Liederhalle geleitet.
In ihr sollte der offizielle Akt der Begrüßung vor sich gehen. Im großen
Festsaale erwartete eine auserlesene Gesellschaft aus allen Kreisen der
Hauptstadt die Professoren. Mit jubelndem Zurufe wurden diese begrüßt, als
sie in den Saal traten.